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Stoff für Fährtenleser #1: Het Prentenboek

9. September 2019 von Sylvia | Keine Kommentare

Das Jüngste im Trackerbuchregal – und gleich
auch eins meiner Meistgenutzten: Het Prentenboek. Trotz seines stolzen Gewichts von 866 Gramm (445 Seiten) durfte es sogar mit auf die Radtour Frankfurt-München. Dafür mussten dann eben zwei andere Feldführer zuhause bleiben… Das zeigt ja schon in aller Kürze, was ich von diesem Buch halte.

In jeder Hinsicht ein besonderer Band. Als er nach langem Warten (nicht einfach bei Amazon, sondern im holländischen Buchladen bestellt) endlich kam, war ich gleich gebannt. Sein großes Plus ist die Praxistiefe. Sobald ich es aufschlage, rieche ich Erde, feuchten Sand oder höre es knacken hinter mir. Krähenschreie. Bin drin – ah, draußen.

Die Autoren René Nauta und Aaldrik Pot geben profundes Trackerwissen weiter. Was nicht heißt, dass alles vorkommt, was man sich als Fährtenleserin vielleicht so wünscht, aber dann wäre – mit dem Anspruch und dem Vorgehen der beiden – das Ganze wohl sehr unhandlich. Nein, Fraßspuren oder andere Zeichen und Hinterlassenschaften sind hier nicht im Blick. Dafür aber die Fußabdrücke von Säugetieren, Vögeln, Amphibien, Reptilien, und einigen anderen Tieren um so genauer.

Sehr eindrücklich die Darstellung der Füße (jedes Tier!). Dazu Fotos von Abdrücken in Sand, Schnee, Matsche oder auf hartem Untergrund – und Zeichnungen (!) sowie Gegenüberstellungen des Bildmaterials mit den Abdrücken jener Tiere, die man draußen leicht miteinander verwechseln kann. Großartig. Darunter etwa die Fußabdrücke eines Wieselmännchens und eines Hermelinweibchens, die nahezu identisch aussehen. Beeindruckend auch das Bild von vier toten Mardern. Straßenverkehrsopfer, die wie die Orgelpfeifen aufgereiht wurden, Was sie prinzipiell verbindet und unterscheidet sieht man so auf einen Blick.

In meinem Hinterkopf höre ich die Leit-Stimmen von Axel (Trapp) und Simone (Roters) aus meiner Tracker-Ausbildung: Seid euch nicht zu sicher! Bleibt skeptisch! Bleibt offen! Setzt die Brille ab… Hugh. Hilft in jeder Lebenslage, aber beim Fährtensuchen ist es das A und O.

Offen bleiben. Jep. Offen für jede Art von Fußabdrücken, Trittsiegeln oder, niederländisch, „Prenten“. Ich mag das Buch, auch wegen der Art, wie die Autoren ihre Erfahrungen teilen und selbst Erlebtes erzählen. Geschichten sind das Salz von Traditionen – und das gilt auch fürs Tracken.

Die Autoren setzen auch scheinbar Nebensächliches so in Szene, dass ich trotz meines broken Netherlands als allererstes eine ganze Seite nur über den Abdruck einer Hundepfote lese. Hundespuren fand ich zu Anfang des Fährtenlesenlernens wenig spannend. Allerweltsspuren halt. Kennt man doch.

Ach? Ja? Als ob man etwas, nur weil es so vertraut scheint, wirklich kennt. Beschreib doch mal: Was siehst du? Wie sehen die Zehen genau aus? Alle gleich? Welche Form haben die Zehen, die Krallen, der Ballen? Kann man sehen, ob es ein rechter oder linker Fuß ist, Vorder- oder Hinterfuß? Und wenn ja, woran erkennt mans?

Das Motto des Autorenteams lautet: „Mach Draußen zu deinem Zuhause“. Oder genauer: „Maak buiten je thuis“. Und das ist der Haken, das Buch ist auf Niederländisch. Ich empfehle es trotzdem, denn allein die Bilder und Zeichnungen sind schon sehr aufschlussreich. Gut, ich kann ein klein bisschen Niederländisch. Den Rest reime ich mir zusammen oder übersetze. Wörterbücher habe ich sowohl analog wie digital (uitmuntend.de) immer zur Hand.

Nur eine Anmerkung: Mir fehlen teilweise die wissenschaftlichen, lateinischen Namen. Bei den meisten Tieren ist durch die Bilder völlig klar, welches gemeint ist, bei dem einen oder anderen Vogel ohne Bild aber, hätte ich gern die wissenschaftliche Bezeichnung, um ganz sicher sein zu können, dass wir dasselbe meinen.

Dasselbe gilt für die ebenfalls niederländischen Weylin Tracking Veldgids, spiralgebundene Feldführer für Fährtenleser, vom ebenfalls erfahrenen Tracker Jeroen Kloppenburg. Ich habe zwei von den dreien: Loopsporen (Trittsiegel und Fährten) und Uitwerpselen, (Losung und Gewölle). Alltagsfelderprobt. Allerdings scheiterte ich letzt am Bestimmen von Vogelfußabdrücken, die ich zusammen mit Trackerfreundin Simone gefunden hatte. Wir wussten nicht genau, wessen Anwesenheit wir da entdeckt hatten. Zu sehen war an diesem Tag nämlich keine Wasservogelseele. Bis zum Schluss, da winkten uns drei Kanadagänse Good bye. Aber die waren es definitiv nicht. Vielleicht ein Flussuferläufer?

Mit dem lateinischen Namen hätte ich ihn – auch offline und fern von zuhause – suchen können, den niederländischen kannte ich nicht. Sonst komme ich ja gut mit den niederländischen Büchern zurecht. Hab gelernt, dass “pink” der kleine Finger ist, “start” der Schwanz; dass Storch “Ooievaar” heißt und Kormoran “Aascholver”– aber “Flussuferläufer”? Jeroen?! Auch beim digitalen Diersporengids von Weylin fehlen mir manchmal die global verständlichen, wissenschaftlichen Bezeichnungen. Hulp!

Last but not least noch ein Wort zu den Bildern.
Schwieriges Thema, gerade bei dieser Art von Büchern, die oft eher „Beweisfotos“ haben, wie Pat sie nennt und hasst. Ich bin da nicht so streng, aber die Lust des Nutzens lebt, ganz klar, auch für mich von kluger Bildsprache und von Bildästhetik.

Jeroens Veldgids sind da super. Die Zeichnungen stark und prägnant, die Fotos ebenso. Von mir Plusplus. Plusplus auch für “Het Prentenboek”. Bilder und Texte sind nicht von hier und da, sondern aus einer Hand (manche Fotos würde ich knackiger bearbeiten, aber pfh..).

Draußen zuhause mit Hirn inside. Find ich gut.
 
René Nauta, Aaldrik Pot: Het Prentenboek
EXTRA/Kleine Uil 2019, 39 Euro

weylin veldgids: #1 loopsporen /
#2 uitwerpselen
(bald auch auf englisch)
Weylin Tracking, je 12,50 Euro

 
 
 

Buchkritik – Hiltrud Enders: Freude am Sehen

7. Februar 2019 von Sylvia | Keine Kommentare

© Hiltrud Enders


 
Sollte man das Buch lesen? Ja. Bringt es neue Erkenntnisse? Nein, aber das muss es ja auch nicht. Impulse sind immer gut – ganz gleich, ob sie aus dem Archiv eines Wissenspools stammen oder ob dieses Wissen neu und mit eigenen Erkenntnissen aufbereitet wird. Das mal ultrakurz vorweg.

„Freude am Sehen“ vermittelt altes Wissen, gepaart praxiserprobter eigener Erfahrung. Entstanden ist das Buch aus Workshops heraus, in denen Hiltrud Enders die Praxisanwendung von Miksang (tibetisch für gereinigtes Auge) vermittelt. Diese noch junge Schule kontemplativer Fotografie steht für eine Mischung aus Meditation plus Achtsamkeit plus Kamera.

Bücher über Foto-Technik oder Bildgestaltung gibt es viele. Aber nur sehr wenige über die Auseinandersetzung mit dem Medium an sich und der Haltung, der persönlichen Einstellung, die Menschen voran bringen kann beim Fotografieren. Wenige wie dieses also. Wir waren neugierig. Hier erstmml ein Dankeschön an den dpunkt.Verlag, denn der macht immer wieder solche Bücher.

Pluspunkte bekommt das neue auf jeden Fall, weil es (uns) Stoff zur Diskussion liefert. Zwei Menschen, zwei Lesarten = eine Rezension:

P: (bevor das Buch bei uns war): Ich habs mir im Internet angeguckt – die Bilder sehen ziemlich langweilig aus.
S: (nach dem Auspacken, guckt sofort rein): Da sind schöne Bilder drin! Einige gefallen mir sogar sehr gut, die minimalistische Mauer, die Hände auf der Tischdecke, auf der man Hände anschauen kann, das Katzenbild im Wasser oder das Bild von zwei Männerbeinen in einer schwarz-weiß-rot gemusterten Stoffhose, African style, vor Kacheln mit Bildchen in Delfter Blau, Netherlands style.

Ihre Art zu fotografieren spricht mich an. Alltagspoesie. Ein Titel, der eines ihrer Kapitel sehr schön trägt. Manche ihrer Bilder könnte ich gemacht haben – das Mauerbild etwa, auch einige der anderen, etwa die Zweige vor einer Mauer oder der Zaun, unterlegt von seinem eigenen Schatten, hätte ich auch gemacht, aber gelöscht. Hat nicht geklappt, sagt P in solchen Fällen trocken – und weg.

PS: Richtig langweilig aber ist, da sind wir uns einig, das Titelbild. Wir haben ein Rezensionsexemplar erhalten. Dem Titel nach hätten wir das Buch nicht gekauft.

Dabei ist doch „Frische“ der rote Faden dieses Buchs. Frisch zu schauen, ohne Filter im Kopf oder in der Bearbeitung. Ruhig werden. Still, dem Denkfluss Einhalt gebieten: Nichts wollen, nichts müssen, nur schauen – und dann Klick. Das sind wir ganz bei ihr.

S: Ich folge ihr auch bei manchen Übungen gerne. Es schadet nicht, Neues auszuprobieren um das Staunen frisch zu halten. Einige davon zielen darauf, Gewohnheiten zu erkennen – und sie sich vom Leib zu halten. Das Miksang-Grundrezept: „Tue nichts! Setze dich zehn Minuten an einen Ort deiner Wahl und tue nichts.“ Telefon aus, alle Sinne auf Empfang, „aber forsche nicht nach außen. Wiederhole diese Übung täglich.”

P: Legt den Finger auf Seite 108, wo Hiltrud Enders ihre Miksang-Lehrerin Julie DuBose zitiert: „Du kannst nicht denken und sehen gleichzeitig.“ Kann man gar nicht oft genug sagen, so richtig ist das.

© Hiltrud Enders


 
Zum Thema Meditationsübungen und Fotografie habe ich doch schon mal was gelesen? P sucht mir das Vorläuferbuch heraus: Torsten Andreas Hoffmanns „Fotografie als Meditation.“ Er meditierte auf seinem Hausberg und mit offenen Augen. Dauer: 20 Minuten. Und erst wenn der Geist ganz leer ist, solle man Fotos machen. Das Buch ist fünf Jahre alt (mittlerweile in der 2. Auflage). Es kommt mir dichter vor, ist genauso Lehrbuch, birgt ebensoviel Selbst-Erfahrenes, ist aber weniger dozierend. Ich weiß noch, dass ich damals dachte, es hätte dem Buch gutgetan, wären weniger seiner großartigen Fotos ausgewählt worden und die größer gedruckt.

Genau das ist bei Hiltrud Enders geschehen. Bei ihr wiederum würde ich manchen Text kürzen… Ich lese mich (bei beiden) immer da fest, wo ich nicht als zu Belehrende angesprochen werde, sondern als wissbegieriger Mitmensch.

Nur um das klar zustellen: Wer je meditiert oder Yoga gemacht hat, weiß, dass Meditieren (wie und wo auch immer man‘s macht) was bringt. Beste Strategie, den Kopf frei zu bekommen. Frei vom schizophrenen Dauergeplärr innen und außen. Frei vom Rauschen, das sonst immer mitläuft, auch wenn man Ruhe will.
Als Miksang-Trainerin betont Enders: Ohne den meditativen Aspekt sei Fotografie nicht kontemplativ. Auch das Manipulieren, nachträglich Bearbeiten oder Bilder in besondere Kontexte stellen, um sie aussagekräftiger zu machen – all das sei nicht Sache der kontemplativen Fotografie. Also: Nicht denken, keine Farbe verändern. Die Welt so sehen wie sie ist.

S: Keine Manipulationen? Gleichzeitig empfiehlt sie, jedes misslungene Bild genau zu analysieren – lags am Weißabgleich, an falsche Blende, Zeit oder unpassender ISO? Und sie sagt, dass jedes Bild schon vorher im Kopf entsteht. Jepp. Und dass es nicht geklappt hat, wenn man anderen oder auch sich selbst erklären muss, was es eigentlich beinhaltet.

P: Aber, die Welt sehen, wie sie ist? Wenn wir beide Fotos machen, am selben Ort von derselben Situation werden wir zwei unterschiedliche Bilder haben. Gut so. Und niemand wird an diesen Bildern ablesen können, wie die Welt wirklich ist. Oder gar die Farben. Völlig unbearbeitete Bilder? Das hat es doch auch in analogen Zeiten nie gegeben. Im Gegenteil, die waren noch viel mehr bearbeitet als heute. Und schau dir mal die Farben auf manchen ihrer Bilder an – schrecklich!
S. Du meinst sicher die pinken. Finde ich okay.

P: Sie kann nicht schreiben.
S: Es gibt einige Seiten, die ich überblättere. Seiten, wo ich als Leserin in Mithaftung genommen werde, etwa durch kollektives „wir tun dieses“ oder „uns bewegt jenes“ Mag ich in keinem Text. Genauso wenig wie durchoptimierte Train-the-Trainer-Schreibe. Da bin ich raus.
Will mich nicht vorm Lernen drücken oder gegen Übungen stänkern. Manches muss man ja einfach reinpauken. Aber am überzeugendsten und frischesten finden wir die Autorin, wo sie den Trainer-Job hinter sich lässt. Wo sie nicht doziert, oder Workshop-Folien kopiert, sondern einfach erzählt. Beispiele prägen sich einfach besser ein als Merksätze. Etwa das von der Beerdigung, wo Enders als einzige Weiße inmitten einer Trauergemeinde plötzlich nicht mehr wusste, wie man sich richtig verhält. Und so beschäftigt war mit sich selbst, dass sie darüber ihre Freundin gar nicht sah. Bis sie sich entspannte.

Achtsamkeit gilt ihr denn auch als wichtigster Augenöffner. Sie weiß, dass sie hier einen übernutzten Begriff hat, der „oft mit einer romantischen Note ausgestattet“ sei. Und betont, Achtsamkeit sei viel mehr. Es könne durchaus „radikaler machen, politischer – oder hilfsbereiter.“ Je nachdem, wer sich in welche Situation intensiv hineinlehnt.

S: Sie erwähnt, dass manche ihrer Workshop-Teilnehmenden ihr sagen, sie brauchten die Übungen nicht, weil sie schon so arbeiten. Das würde ich vielleicht auch sagen. Denn: Fotografie hat mich gerettet. Als mir alles über war. Alles schon mal gehört und gesehn. Fotografie ist für mich immer pures Sein, Fokus-Fokus-Fokus.
PS: Ich kann nur unterstreichen, was sie empfiehlt: die Kamera immer dabei zu haben. Ich die große, Pat die kleine. PS: Den Alltag einzuteilen in Zeit für Pflicht, und Zeit für Sehen sei der falsche Ansatz – hier sind wir voll bei ihr. P hat immer Zeit eingefordert. Fotografie ist seine Lebensform.

Es gibt viele Zitate im Buch, meist in großer Schrift und über eine ganze Seite gezogen. Darunter das immer wieder goldrichtige von Henry Ford – „If you always do what you you’ve always done, you always get what you always got“.

© Hiltrud Enders


 
Solche Aphorismen würzen die puren Begebenheiten, aus denen die Autorin persönliche Erkenntnisse zog, die zu ihrer fotografischen Persönlichkeitsentwicklung beigetragen haben. Und über die sie klar die Linien ihres roten Fadens spannt. Sie hat viele Ideen, wie man dorthin kommt, im richtigen Augenblick so präsent zu sein, dass es genau dann Klick macht, wenn ein gutes Bild entstehen kann.

Hier muss natürlich auch der große Henri Cartier-Bresson zu Wort kommen: „You just have to live and life will give you pictures.” P verschwindet in unserem Bücherarchiv. Und wir sind beide überrascht, wie zeitlos das ist, was HCB seinen Bildern als Vorwort mitgibt. Zwei Sätze daraus bergen alles, was man wissen muss: „Photographieren heißt den Atem anhalten, wenn sich angesichts der flüchtigen Wirklichkeit alle unsere Fähigkeiten vereinigen. Das Einfangen des Bilds in diesem Augenblick bereitet physische und geistige Freude. (Henri Cartier-Bresson, Rogner und Bernhard Verlag 1978)

Lehrsprüche dagegen, wie jene der tibetischen oder indischen Meister oder des Miksang-Begründers Michael Wood, kommen bei mir an wie abgelutschte Gummibärchen. Mag ich nicht. Zwei andere dagegen sind Superfood fürs Sinnes-Hirn: „Ich bin da, mein Herz schlägt“ – Simone de Beauvoir – und „I just want to feel as much as I can, it‘s all what soul is about“ – die unglaubliche Janis Joplin. Soo gut, dass ausgerechnet sie das Schlusswort hat. Yess! Also: frisch und frei: Lest das Buch, meditiert, diskutiert – und Klick!
 

Hiltrud Enders: Freude am Sehen –
Kontemplative Fotografie
dpunkt.verlag, Heidelberg 2018, 216 Seiten, 29,90 Euro


 
 
 

Rezension: Vogelfotografie, die zweite

13. November 2016 von Sylvia | Keine Kommentare

Naturfotografie ist Sport
 
Wir waren ziemlich nah dran dieses Jahr: der GDT Wettbewerb um den Preis für den Europäischen Naturfotografen ist wie jedes Jahr die Herausforderung – und der Katalog wie jedes Jahr die Sammlung atemberaubender Fotos. Leider ohne uns. Aber, wir waren immerhin nominiert – und Wettbewerbsleiter Marc Hesse hat jenen aus dieser in der Leider-im-Finale-ausgeschieden-Mail versichert, darauf könnt ihr durchaus stolz sein. Sind wir.

Und haben den Katalog geordert, wo wir neidlos Bilder bewundern wie das vom „Tanz unter den Sternen“ der Maifliege an der Donau (Imre Potyó), das von der schützenden Hand der Affenmutter auf dem Kopf ihres Babys “Schutz” (Alain Mafart Renodier) oder vom „Atemzug“ in der Polarnacht von Audun Rikardsen, dem Gesamtsieger. Auch dieses Jahr zeugt die Auswahl vom kreativen Potenzial der Tier- und Naturfotografie – und von der Offenheit der Jury. Auch politisch anklagende Bilder sind wieder darin. Eine wie ans Kreuz genagelte Rabenkrähe brennt in mir nach, zum Luftholen die Wildwechselbrücke. Und dann wieder zum Verrücktwerden ein mit der Säge abgetrenntes Nashorn, diesmal von Bence Máté festgehalten, den wir als Mitautor des Handbuchs Vogelfotografie kennen. Zu gerne würde ich dieser Jury mal angehören, um die eingehende Bildervielfalt zu sichten und darüber zu diskutieren.

Gute Drehbücher schreiben lerne man durch Lesen guter Bücher, legte Akira Kurosawa seinen Schülern nahe. Analog dazu ist für gute Fotos das Betrachten guter Fotos in Ausstellungen sicher ein Punkt, doch Foto-Bücher mit coolem Know-how sind darüber hinaus Grundnahrung für visuelle Hirne. Deshalb hier wieder ein Buch zum Thema. Diesmal: „Vogelfotografie“ von Mario Müller, das uns der mitp-Verlag nach der Rezension des Handbuchs Vogelfotografie zugeschickt hat. Schon mal kurz vorweg: es lohnt sich.

Lernen oder Nachlesen kann man bei Müller neben den Basics wie, welche ISO/Blende/Brennweite wann am besten passen, seiner Empfehlung praktischer Ausrüstungsgegenstände auch viel über das Leben und Verhalten von Vögeln – oder wie man sich ihnen nähert, ohne sie verscheuchen. Eine Grundempfehlung lautet: „Suchen Sie sich ein lohnendes Gebiet in ihrer direkten Umgebung und bearbeiten Sie es intensiv fotografisch. … Gehen Sie immer wieder zur selben Stelle oder derselben Vogelkolonie und fotografieren sie immer wieder.“ Außerdem empfiehlt er, sich langsam von den bekannten Vögeln der Umgebung zu den weniger bekannten vorzuarbeiten. Ein bodenständiges Grundrezept. Nur dass das kilo- und euroschwere 500er Objektiv, bei fast jedem abgebildeten Foto zum Einsatz kam, passt nicht zu diesen sympathisch unabgehobenen Tipps.

Ursprünglich ist Mario Müller Biologe und Ornithologe und arbeitet als Vogelschutzwart in Nordvorpommern-Rügen. Dort vermietet er auch Hütten, aus deren Tarnung heraus man großartige Fotos etwa von Adlern machen kann. Noch näher kommen sie, wenn man sie durch Futter anlockt, wie Müller zeigt. Mittlerweile ist dies ein eigenes, weitverbreitetes Business-Modell. Positiv daran sei, dass es den Vogelpopulationen zugute kommt, weil sich dadurch die Zahl der fotografierenden Störer verringert. Der GDT-Fotograf mahnt allerdings, derart entstandene Fotos ehrlicherweise als Nicht-Naturfotos zu kennzeichnen. Hüttenfotos sind nun gar nicht unser Ding, zumal es mittlerweile von Vogelfotografie-Reisen- und Hütten-Anbietern ebenso wimmelt wie von dort entstandenden „spektakulären“ Bildern.

Des Autors besonderer Trick ist es, sich seinen Motiven auf Augenhöhe zu nähern, was es nicht selten erforderlich macht, sie bäuchlings anzurobben oder sich sonstwie platt auf den Boden zu legen – mit bemerkenswerten Ergebnissen – das so entstandene Goldregenpfeifer-Foto ist superb. Da die Perspektive vom Boden aus auch zu meinen bevorzugten Blickwinkeln gehört (siehe oben – auf allen Vieren für eine Schnecke), habe ich immer ein Sitzkissen in Fahrradtasche oder Fotorucksack. Neuester Tipp aus dem Video eines Mind-Shift Fotorucksacknutzers: dafür eine Zeltunterlage zu nutzen. Geniale Idee, die kann man sich zurechtschneiden, ist leicht und nimmt zusammengerollt nicht viel Platz weg.

Einen Minuspunkt erhält bei uns die Buchgestaltung. Es sind viele sehr schöne Bilder in diesem Band, nur: Sie kommen nicht zur Geltung. Besser ein großes auf einer Seite (zum Reinknien und Aufsaugen sozusagen), als fünf kleine, um vorher-/nachher-Situationen zu verdeutlichen. Also: Weniger Bildband, als Sachbuch, aber gut geeignet für Outdoor-Fotojäger und -sammler wie uns.
 

Cover GDT Katalog 2016Katalog des GDT-Wettbewerbs:
Europäischer Naturfotograf des Jahres 2016
und Fritz Pölking Preis 2016
Tecklenborg Verlag, Steinfurt, 156 Seiten, 22 Euro.


97839584501346Mario Müller: Vogelfotografie
mitp-Verlag, Frechen, 256 Seiten, 29,99 Euro.


 
 

6. Februar 2016
von Sylvia
1 Kommentar

Gelesen: Scham (ein unterschätztes Gefühl)

Beschämt sie und rettet die Welt! Jennifer Jacquet erforscht, was Kooperation braucht und Scham kann – und hat sieben Tipps für wirklich wirksame Kampagnen Eine Vorliebe für Tunfischsandwiches führte Jennifer Jacquet zu dem ungewöhnlichen Mix ihrer Forschungsfelder: Fischerei, Kooperation und … Weiterlesen

20. Februar 2015
von Sylvia
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Buchkritik: Kinder machen von Andreas Bernard

Schwanger werden durch Fremdsamen – ist das Ehebruch? Das war die erste Frage, die die Gründern der weltweit ersten Samenbank 1936 in den USA zu klären hatten. Heute reißt die Injektion einer Samenzelle niemanden mehr vom Hocker, denn unter allen … Weiterlesen

10. November 2011
von Sylvia
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Buchkritik: Gefühle machen Geschichte

Wie kollektiver Hass wächst Mit Gefühlen den Nationalsozialismus oder den Israel-Palästina-Konflikt erklären? Der Ansatz von Luc Ciompi und Elke Endert, geschichtliche Ereignisse mit kollektiven Stimmungen zu verknüpfen ist ungewöhnlich und der im Titel angekündigte Brückenschlag „von Hitler bis Obama“ mutet … Weiterlesen