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Corona Gardens

29. März 2020 von Sylvia | Keine Kommentare


 

Fotos by Pat Meise, Time out by Nature. Der größte Parkplatz in Town war mal Bannwald.


 

Ich bin

eine Pariser Vorstadt
eine Algenfahne
ein eingerolltes Blatt
ein blaues Tuch
ein leeres Buch
ein verbeultes Auto
ein heißer Kanaldeckel in Ploumanac’h
aber nie, nie
ein Flugzeug über dem Wald


 
 
 

Solidarität

24. März 2020 von Pat | Keine Kommentare


 
Komme gerade vom Markt. Beim Wurststand erzählt ein alter Mann der Verkäuferin, was im Frankfurter Stadtteil Eschersheim abgeht: Drei Jungs haben da Klopapier für 2 Euro die Rolle verkauft. Die Polizei hat sie festgenommen.
 
 
 

So blau

24. März 2020 von Sylvia | Keine Kommentare


 
Gesperrt, ausverkauft, abgesagt. Das Beste daran: Es ist still. Flugplan aus der Zeit, als ich Kind war und das Rauschen am Himmel beruhigend. Ich erinnere es als tiefes, fast angenehmes Sommerbrummen. Zuletzt gab es dieses Gefühl, als dieser unaussprechliche Isländer Asche spuckte. Wir lagen am Flussstrand – und sahen einen surrealen Film: keine Kondensstreifen am Himmel. Auch kein minütlich nervenzerrendes Dröhnen, zu dem sich das Brummen heute ausgewachsen hat. Nicht mal Schiffe und deren Bugwellen. Ungewohnte Abwesenheit gewohnten, menschlichen Lärms.

Wie in meinem Kopf. Zwar gibt es natürlich das Nachrichtenrauschen: Infektions- und Todesraten statt Bundesligatabelle. Ausgangsbeschränkung, Grenzschließung, Besuchsverbot… Doch aus der Mitte dieses Tinnitus-Shitstorms starrt gespenstisches Nichts. Und zieht Bürgerrechte aus uns und Kraft. Ich muss trotzdem raus. Was mich sofort auf Corona-Modus dreht. Distanz halten – und wer einem auf die Pelle rückt, unerträglich finden. „Bitte halten Sie Abstand, mein Herr“, ermahnt einer der neu eingestellten Abstandshalter im Supermarkt. Danke. Das war gestern. Der erste Laden, in dem ich – ja – nach Klopapier suchte. Wir haben nämlich nicht den Keller voller Rollen. Die Versorgungslage ist super, sagt die Politik, gibt kein Logistikproblem, wird alles aufgefüllt. Nada, nix, nein. Wird nicht. Seit einer Woche versuche ich Mehl, Klopapier und Hefe zu kaufen. Jetzt hängen überall Zettel, dass an eine Person nur je ein Kilo Mehl und ein Paket Toilettenpapier abgegeben wird. Aber, aberaber… Haben die modernen Großfamilien alle ihre Angehörigen geschickt? Oder sich in ihrer Familienkutsche gleich umgezogen und sind 10mal hintereinander in den Laden spaziert? Ich war gestern bei Hit, Rewe, 2 DMs, Alnatura und Nahkauf und sah nur leere Regale dort, wo sich sonst Klopapier stapelt. OMG. Also Süßigkeiten. Und mein zweites Buch to-Go: Margaret Atwoods Gedichtband „Die Tür“.

Auch das was Neues. Buchläden mussten ja schließen. Auch unser Meichsner&Dennerlein natürlich. Sind trotzdem da. Weil Bücher existenziell sind. Und machen alles korrekt: Publikumsverkehr gibs nich. Aber man kann per Anruf oder Email bestellen, und das Gewünschte dann an der Tür abholen. Als Pat mir das erzählt, greife ich sofort zum Telefon: Einmal Margaret Atwood bitte, Tipps für die Wildnis. Beim Abholen frage ich, ob sie auch Gedichte von ihr haben? Hm. Hanns Dennerlein verschwindet im Laden. Und findet raus: Original erschien es 2007, deutsch im Berlin Verlag 2014 und 2016. Nicht da. Und nicht bestellbar, weil vergriffen. Aber vielleicht bei einem Kollegen? Er besorgt es schließlich vom Antiquariat Rüger gegenüber. Zweisprachig auch noch – so cool!

In letzter Zeit sind nur Dichterinnen unserer Lyrikbib zugewachsen. Hilde Domin war eine Entdeckung für mich. Bei einer Lesung – sie las alles zweimal. Mit diesem Osterlächeln… Auch Nora Gomringer musste ich erst live erleben, bevor sie bei uns einzog. Und zuletzt die beiden Bände „Der Koloss“ von Sylvia Plath und „Ich, selbst auch ich tanze“ von Hannah Arendt. Beide Autorinnen haben in ihrem Leben überhaupt nur einen Gedichtband veröffentlicht. Aber, was für welche… Von Sylvia Plaths Gedichten habe ich durch den Blog eines Neurologen erfahren, von Hannah Arendts durch Online-Recherche in ihrer Bibliographie.

Ich halte den zweiten Gedichtband von Margaret Atwood in der Hand. Den ersten gibt es wohl wirklich nicht mehr. Er war (wie bei Sylvia Plath) ihr erstes Buch: The Circle. Sie erhielt dafür die erste ihrer vielen Auszeichnungen. Ein Filmportrait auf Arte brachte mich letzte Woche wieder auf ihre Spur. Absolut coronafrei und deswegen so belebend. Dieses spitzbübische Lächeln. Diese innere Stärke. Diese vielschichtige Wortmacht. Mit ihrer bescheidenen Grandezza hat mich diese 80-Jährige völlig bezaubert… Geblieben sind auch die Bilder von ihr und ihrem Mann Graeme Gibson. Ein sich Kraft gebendes, starkes Paar. Ich lasse das Buch auffallen, das noch ungelesen ist:

Bear Lament – Lamento eines Bären

You once believed if you could only
crawl inside a bear, its fat and fur,
lick with its stubby tongue, take on
its ancient shape, its big paw
big paw big paw big paw
heavy footed plod that keeps
the worldwide earthwork solid, this would
save you in a crisis. Let you enter
in its cold wise ice bear secret
house, as in old stories. In a
desperate
pinch. That would share
its furry winter dreamtime, insulate
you anyway from all the sharp end lethal
shrapnel in the air, and then the other million
cuts and words and fumes
and viruses and blades. But no,
not any more. I saw a bear last year,
against the sky, a white one,

rearing up with something of its former
heft. But it was thin as ribs
and growing thinner. Sniffing the brand-new
absences of rightful food
it tastes as ripped-out barren space
erasing of meaning. So scant,

comfort there.
Oh bear, what now?
And will the ground
still hold? And how
much longer?

Oh Bär, was nun? Oh, Leute! Lest Gedichte, nicht Klopapier. Wenn ihr schon alle in den Wald geht, was zumindest Deutsche wohl seit je tun, wenn wir unsere Ruhe haben wollen. Oder wenn uns die Welt auf den Kopf fällt. Mit dem Flugplan von 1955 ist es wunderbar ruhig dort. (Immerhin ein Beitrag zum Klimaschutz). Wenn ihr wieder heimkommt, prüft die Macht der Worte. Von Politikern nie, von Philosophinnen nicht unbedingt, aber von Dichtern erwarte ich Wahrheit. Oh, rettendes Hirnfutter unterm Himmel. So blau.
 
 
 

Via Regia auf dem Fahrrad – unser Ostsommer

26. Januar 2020 von Sylvia | Keine Kommentare



 
Sonne, Licht, Wärme! Hach, wie schön wär das denn!?! Vielleicht nicht grad 30, 40 Grad…. My Goodness! Was haben wir im Sommer im Thüringer Wald geschnauft und geschwitzt. Trotzdem macht jetzt die Erinnerung mein Hirn leuchten: Frankfurt-Elsterberg. Wir natürlich mit dem Rad.

Eine Abenteuerreise. Zum Geburtsort meines Vaters. Wir waren noch nie da – eine Freundin meiner Mutter lebt dort. Sie ist unser Ziel. Dafür reisen wir durch Nord-Osthessen, durchqueren Thüringen und kommen schließlich nach Greiz und Elsterberg in Sachsen. Als wir endlich bei ihr klingeln, haben wir insgesamt 530 Kilometer abgerollt und 5400 Höhenmeter bezwungen. Fazit: Abenteuerlicher als die Äußeren Hebriden in Schottland. Sehr Ost, sehr fremd, sehr erlebnisreich. Von schrecklich bis schön war alles dabei.

Stopp, Moment – bevor ich erzähle, ein Nachruf: Landkarten Schwarz hat fertig. Aus diesem Laden stammen viele unserer Karten. Ende 2019 mussten die Buchhändler schließen – und sind damit leider ein Beispiel fürs Spezialistensterben, wie es im Klimawandel ja viele Arten trifft. Sehr schade das. Die ehemaligen Geschäftsführer Peter Magin und Michael Brendel haben einen letzten Gruß online gestellt. Für jene, die den Laden zwar nicht über Wasser halten konnten, aber immer noch echte Karten und kompetente Beratung suchen: Adressen für Landkartenmaniacs – ein Onlineshop und drei Ladengeschäfte (Halle, Karlsruhe, Wiesbaden).

Einen davon, den nächsten, haben wir diese Woche getestet – und für sehr gut befunden. Buchhandlung Angermann in Hessens Landeshauptstadt. Die Wiesbadener Buchhändler haben Kinder und Küche zum Reisen gesellt – clevere Kombi. Nettes Personal. Feiner Standort. Direkt in der Stadtmitte am Markt. Möge die Kaufmacht mit ihnen sein.



 
Jetzt aber drehen wir das Rad zurück in die Zeit, als es noch Landkarten in Frankfurt gab und warm war: 24. Juni 2019 – und los! Wir rollen zum Entrée Hohe Straße. Die Eiserne Skulptur am Frankfurter Stadtrand verweist auf die Stationen der römischen Handelsstraße Via Regia, die früher den Rhein mit Schlesien verband. Heute könnte man auf diesem Weg bis nach Leipzig oder gar Moskau fahren. Allerdings muss man dafür taff sein, denn so schön klar und ausgebaut wie hier, ist die Via Regia schon sehr bald nicht mehr. Wir werden sie eine gute Woche lang nehmen, und dann bei Jena, Richtung Greiz und Zielort Elsterberg verlassen.

Wir hatten Supersommerwetter – jeden Tag 30 Grad morgens, 40 mittags, 30 abends. Sobald wir zurück waren: Bilder hochladen. Bilder löschen. Erinnern, nochmal durchleben alles. Den puren Genuss des Unterwegsseins. Das trockene Grün und Gelb und Erdfarbene. Das staubige Radwegband, teils rosenfarben und von wenig Halt bietendem Sandschotterkies. Das Bergabrollen und Hinaufschnaufen. Kapitulieren ab neun Prozent Steigung unterm Gezeter von Amseln, ungläubigem Starren von Kühen oder Pferden. Vorübereilende Szenen. Fahrmomente, getrieben von Gedanken wie, Ich fahr noch bis zu dem Baum da vorne, wenn ich es schaffe, da gibs Schatten…

Oder Rasten wie Auszeiten. Etwa auf Wildwiesen oder im Auwald. Die Wege. Die rettenden Wasser: Haune, Werra, Gera, Apfelstädt… Die Elsterauen. Die Städte und Dörfer. Und immer und überall genieße ich die Artenvielfalt, die im Osten gefühlt alles übersteigt, was wir bisher kennen. Neuntöter, Goldammer, Milan, Milan, Milan – Bussard, Amsel, Spatz und Star, Wacholderdrossel… Dann die Schmetterlinge! Kaisermantel, Schwalbenschwanz… Die Käfer, Libellen, und Raupen! Die Blüten!

Die waldigen, feldrigen und blumigen, die kargen und schroffen Landschaften. In den Ortschaften Wechselbäder aus staubigen Ruinen – oder geputztem Fachwerk. Zerfall und Erhalt einander abgewandt. Rücken an Rücken. Brummelig-abweisend der eine, fröhlich-lustig der andere – und man weiß nie: Wer hat welches Gesicht…



 
Wie für alle unsere Touren hat Pat die Strecke vorher inhaliert. Ist wochenlang abgetaucht ins Netz der On- und Offlinekarten, hat Höhenprofile eingesogen und Campingplatznadeln im Via-Regia-Heuhaufen gefunden – und nicht zuletzt überprüft, ob es diese Plätze tatsächlich noch gibt. Und zwar für uns Zelter, nicht nur als Parkplatz mit Stromanschluss für Wohnmobilisten. So sieht nämlich mittlerweile ein „Camping“-Platz oft aus. Immer wieder musste er deshalb neue Wege abseits der regulären Via Regia-Strecke suchen.

Ist ein gängiges Missverständnis, dass Zelten die einfachste Reise-Variante ist. Nein. Ist es nie. Trotzdem zelten wir gerne. Weil man dann noch dichter dran ist am Draußensein. Einfach wunderbar. Nun ja, jedenfalls, wenn man allein ist – oder die Mitzelter nicht Extremschnarcher sind oder gerade einen Rappel haben.
Für die ersten Tage fand Pat auf unserer Strecke jedenfalls keinen Zeltplatz. Also vor Ort in Gelnhausen und Neuhof Zimmer gebucht. Gelnhausen – Schelm von Bergen – direkt am Markt war okay: Ohne Aufzug, mit Frühstück – Personal sehr nett. Die Räder rockten übernacht in der Cocktailbar ab, wo dann auch Frühstück serviert wurde. Eigentlich hatte der Gasthof ja dicht, aber man war flexibel – Danke!

Danach der Schützenhof in Neuhof. Nnnnie wieder. Neu ja. Frisch renoviert die Zimmer, aber das Haus noch nicht ganz fertig. 80 Euro für heißes Schlafzimmer mit integriertem Klo. Kein Frühstück, kein Abendessen weil die Gaststätte noch umgebaut wird, kein Like. Die Chefin empfiehlt den Döner an der Straßenkreuzung gegenüber – „Kann man gut essen!“ Und als ich versuche zu handeln und einwerfe, dass wir in Gelnhausen für 60 Euro mit Frühstück waren, hat der Chef das unschlagbare Argument, „Na, das liegt ja viel südlicher.“ Aber auch viel schöner, Mann. Der Grieche, den wir beim Reinfahren gesehen hatten, versöhnte uns. Ein wenig.


 
 
Also los ohne Frühstück. Es folgte ein typischer Anfangstag: Ausmeckern, Runterfahren. Einstimmen. Aufeinander und auch auf den speziellen Charakter dieser Tour. Was sehen wir, welche Fotos, welche Dinge oder Viertel… Was wollen wir, willst du, will ich machen? Der rote Faden dieser Tour ist: schöne Landschaft, mit EU-Zuschuss geputzte Bauwerke, pralle Häuschen versus graue und einstürzende Altbauten. Die Strecke selbst durchwachsen. Morgens fast immer wunderbar, die Wiesen über und über mit Tauperlen bestickt. Immer etwas zu sehen, das neu für uns ist. Mittags High Noon – die Sonne wirkt plötzlich feindselig und grillt uns. Flucht zu einer schönen Stelle (= schattig und ab vom Schuss): Klamotten runter und Plumps. Trinken, Trocknen. Uff. Nachmittags irgendwo ankommen, Zelt aufbauen und abkühlen. Meist sind wir danach Essen gegangen. Die Zeltküche blieb oft wegen Überhitzung geschlossen.

An diesem Nachmittag rettete uns die Haune vorm Hitzschlag. Nordosthessisches, wildromantisches Flüsschen, dass hier mit halber Kraft rauscht – wie in den letzten Sommern wohl alle Gewässer Europas. Auf der anderen Uferseite siehts nach feinem Rastplatz aus. Eine Furt! Mit letzter Kraft die Räder in den Schatten geschubst; zusammengepackt, was jeder so in seiner Pause braucht – dann nix wie rüber. Da bleiben wir die nächsten 3 Stunden. Hau mich in die Haune – Ahhbküühlungngng…

Später erreichen wir den Campingplatz Hünfeld-Praforst. Gepflegte Wiese, freie Platzwahl. Supper. Wir bauen unser Zelt im Schatten des Waldes auf. Danach zupfe ich Pat mindestens 20 Zecken von der Pelle. Viel packen wir nicht aus, denn anders als bei unseren letzten Reisen geht es gleich am nächsten Tag weiter. Trotzdem sind wir glücklich: Endlich wieder Zeltluft. Nettes Platzteam, irre Nachbarn (im obszön gigantischen Wohnmobil) – und spezielles Essen. So muss Reisen sein… Campingplätze sind unvergleichliche Parallelwelten. Jeder ein eigener Planet, von unglaublich cool bis unfassbar krass.



 
Der nächste, am Rand von Heringen gehört zur Kategorie cool. Absackerbierchen, Trockenraum und Strom mit freiem Zugang, Frühstücksbank… Alles, was unser Zelterherz erfreut. Geführt von einem gemütlichen Niederländer und seiner Frau. Ankommen tun wir wieder durchgeglüht und plumpsmüde – und bekommen von ihm den Tipp für besten Italiener in Town. Alora: Pizza. Mit Ausblick auf die Kalibergbau-Abraumhalde Monte Kali. Abgefahrener Sonnenuntergang vorm Schaufelbagger. Sehr schick.

Kategorie krass folgt auf dem Fuß: Campingplatz Eisenach. Zugewiesener Platz nahe der Rezeption, unweit des Kiosks, aber auch direkt an der Hauptstraße des Areals. Und da es hier Menschen gibt, die zum Brötchenholen mit dem Wohnmobil fahren, war das tatsächlich eine Hochbetriebsstraße. Trotzdem blieben wir zwei statt eine Nacht. Fühlte mich innerlich gehetzt, wünschte mir Zeit zum Ankommen.

Um diesen Tag gut zu nutzen, planten wir am nächsten Tag eine Tour zum nächsten Ort. Erkundung der Gegend, Einkaufen, Kaffeetrinken sowas. Klappte leider nicht. Es war zu steil. Geschafft hätten wirs schon, aber wahrscheinlich nicht schnell genug für unsere Essensversorgung. Essenziell – oder? Aber das scheint sich im Fremdenverkehrsbüro Thüringen noch nicht rumgesprochen zu haben. Unser größtes Problem, und das aller Radler und Zelter auf diesem ausgewiesenen Radfernwanderweg, heißt Grundversorgung. Brot, Wasser, gerne noch was mehr – gab es auf dem Weg so gut wir nirgends zu kaufen. Wir mit unseren fünf Trinkflaschen, die morgens auf dem Campingplatz mit Leitungswasser befüllt wurden, waren meist gut versorgt. Ein Pärchen, dem wir in Jena begegneten, und das auf Lebensmittelläden unterwegs gesetzt hatte, erzählte von Durst und Wassernotstand.

An der Route Via Regio gibt es nämlich weder Läden, noch Cafés oder Gaststätten. Und wenn doch – sorry, aber es war wirklich so aufm Land – dann hatten sie geschlossen, die Kaffeemaschine war noch nicht an bzw. kaputt. Vielleicht machten sie auch auf, aber erst in zwei Stunden oder hatten einfach mal Ruhetag. Beispiel Kaffeehaus, frisch renoviert (mit EU-Zuschüssen, wie ich unterstelle). Hatte ich mich auf eine Pause in diesem schönen Garten gefreut. Und musste soo dringend. Das Klo war modern, stylish und sauber. Der Waschtisch schwarzer Marmor… Wow. Weltoffen stand „Women“ draußen an der Tür. Auf dem Weg zurück, sah ich auf den Tischen im Haus Karten mit dem Kaffee- und Kuchenangebot. Ich nahm eine Karte und wollte in den Garten, als die Weltoffenheit endet. Die Chefin schnauzt: „Ich bring ihnen das schon. Wir haben hier Zeit.“ Als sie dann endlich Zeit für uns hat, legt sie die Karten auf den Tisch und sagt, „Cappuccino gibts nicht. Filterkaffee ist auch gut.“ Wir waren bedient und verschwendeten keine Zeit mehr, weiterzufahren.



 
Wenn man online recherchiert, ists in Thüringen einfach nur schön. Ich glaub, es gibt über die letzten Winkel Schottlands mehr (ehrliche) Erlebnisberichte als über diesen Teil Deutschlands; wo meine Großmutter aufgewachsen ist – und mein Vater Kind war. Vielleicht, weil alle mur im Wohnmobilen sitzen und Fernseh gucken?

Einen Blogbeitrag von einer Frau hatte ich vorher gesehen. Sie schreibt, dass sie sonst eher Bahn als Fahrrad fährt, und wie sie sich entscheidet, Urlaub im heimatlichen Bundesland zu verbringen. Mietet sich flugs ein himmelblaues Fahrrad und radelt genau da herum, wo wir auch waren: Rennsteig bei Ruhla. Keine Silbe, nichts, aber auch gar nichts über die Steigungen, die den Rennsteig (auch als Skipiste) so legendär machen. Hä? Himmelblauer Bullshit.

Touristen-Belämmer-Quark. Okay, ihr habt die Mundharmonika erfunden in Thuringia, aber das erlaubt euch nicht, Steigungen kleinzuflöten. Und, schon klar, Rennsteig, DER Rennsteig, ist legendär. Auf 50 Kilometer überwindet man etwa von Wilhelmsthal nach Ruhla – und um Ruhla herum 400 bis 650 Höhenmeter. Das heißt Treten, Treten, Treten. Oder Schieben, was nicht minder anstrengend. Denn die Wege sind durch die vorhergehenden Gewitterstürme wie offene Wunden des Waldes. Quer drüber nicht selten Baumstämme, die der Wind umwarf. Macht alles Muckis, wirkt jedoch mitunter negativ auf die Moral.

Die Thüringer werben mit schöner Landschaft im Allgemeinen, dem Rennsteig im Besonderen – und ja, auch mit dem Fernradweg R 3. Aber: Bitte! Werben allein reicht nicht – und den Radweg einfach neben der Bundstraße mitlaufen zu lassen ist mehr als herzlos. Allein der Anblick der brülleheißen, verbrennungsmotorgetriebenen Blechkisten führte bei mir zu permanenter Zellkernschmelze.

Die Landschaft allerdings ist wirklich der Hit. Teilweise romantisch sanft, dann wieder geprägt von verblüffenden Kontrasten. Verrottende Ruinen und traumhafte Berge oder die Abraumhalde Monte Kali als Hintergrundbild. Deren Anblick begleitet uns tagelang. Wie das die Landschaft prägt. Und es gibt nicht nur diesen einen Kaliberg.


 
Auch sehr prägend – die drei Hubbel mit Burgen drauf, die „Drei Gleichen“. Der Legende nach soll vor knapp 800 Jahren ein Kugelblitz umhergesaust sein und alle drei – Potzblitz! – getroffen haben. Was mir auffällt beim Durchstreifen der Umgebung – ehemaliges Torfstichgelände, Alabastergrube, Wiesen, Felder, Wälder: Hier muss es Beutegreifer geben, die Schafe mögen. Und Bauern, die vorsorgen, statt heulen: E-Zaun, Ziegen und Schafe gemischt, teils sogar auch Kühe drin – und: Herdenschutzhunde. Und freundliche Thüringer, die uns zum Bratwurst-Essen einluden. Aber wir waren ja unterwegs und proviantversorgt. Sehr nett, danke nein.

Das wäre vielleicht die Gelegenheit gewesen… Armer Pat, am Ende hat er keine einzige echte Thüringer Bratwurst gegessen. Entweder es gab keine oder er hatte Lust auf was anderes. An diesem Abend draußen vor der Rathausschenke von Mühlberg wollte er. Röstbratl stand auf der Karte und klang verlockend nach Bratwurst, war dann aber irgendwas mit Schweinebraten.

Aber es gibt ja nicht nur den Thüringer Wald und das Burgenland. Sehr gut gefallen haben uns Erfurt, Weimar und Jena. In Weimar war eigentlich mal Kultur vorgesehen, die Ausstellung der Bauhausfrauen wollten wir sehen. Aber in Weimar angekommen mussten wir erstens feststellen, dass vor allen Ausstellungshäusern lange Schlangen standen, und zweitens, dass diese Ausstellung gerade in Erfurt war. Da kamen wir doch grad her…



 
Also Buchenwald-Gedenkstätte. Der Weimarer Campingplatz liegt eh auf dem Weg dorthin. Auch das ein ganz besonderer Ort – die Geschichte, die dazu gehört, erzähle ich ein andermal. Buchenwald war wie alle KZ-Gedenkstätten bedrückend. Die Ausstellung selbst ist sehr gut konzipiert. Viele Menschen waren da. Vor allem Jugendliche, die ganz offensichtlich mit Aufgaben im Gepäck kamen, die nur lösbar waren, wenn man sich intensiv auf die Ausstellung einließ. Der nächste Ort machte uns gruseln. Buchenwald ist dort heute nur die Bezeichnung für den Wald nebenan. Halali, wir gehen jagen im Buchenwald.

Gegruselt hats mich auch in Gotha. Vielleicht war mir auch einfach zu heiß. Aber mit dem Radwander-Pärchen, das wir in Jena getroffen haben, waren wir gleich einig, die Thüringentour fühlte sich nicht an, als seien wir in Deutschland unterwegs. So unvertraut und fremd.

Und, ja, wir hatten auch Vorurteile. Manchmal wurden sie übertroffen von dem, was kam. Etwa als ein (laut Plakat in seinem Fenster ausgewiesener) AfD-Fan auf mich zustiefelte und mich beinahe gebissen hätte. Ich konnte ihn zum Glück mit den Worten „Wie schön!“ entwaffnen. Tatsächlich habe ich ein Bild von seinem Schuppen mit Deutschlandfahne gemacht – glaub nicht, dass er und ich mit „schön“ dasselbe meinen.

Der Gerechtigkeit halber: natürlich gibts auch total nette Thüringer (siehe oben unter Drei Gleichen). Ebenfalls in Mühlberg ist ein Familie zuhause mit Hirsch auf dem Vordach. Auf meine Frage, „Darf ich den fotografieren?“ Sagten die nur: Ja klar. Woanders schreien Menschen uns an: „Was machen Sie da??“ Oder: „Ich hol die Polizei!“ (bspw. in Hessen, NRW, Bayern). Auch Sabrina war ne Nette, die Campingplatzwartin vom Platz „Drei Gleichen“ mit ihren witzigen, getrockneten Demobrötchen zum Auswählen unter drei Sorten. Mein Fazit: wenn man die Thüringer nett anspricht und freundlich kuckt – werden die meisten ganz hilfsbereit. Na, wie bei uns, würd ich sagen. Nur diese in Abweisung gekleidete Vorsicht, die kennen wir sonst eher nur von Nordosthessen (was ja zu Südwestthüringen kaum einen Unterschied macht).



 
Sogar eine Rezeptidee haben wir mit gebracht – aus Ruhla. Allerdings nicht von einem Thüringer Koch, sondern von einem Holländer. Die sind wohl überall!?! Dieser hier und seine Frau haben in Ruhla eine Gaststätte übernommen. Auf der Speisekarte wenig Thüringer Gerichte, weil, „Das haben sie hier ja eh alle“, meint die Chefin. Dafür unter anderem Schnitzel mit Cornflakes-Panade. Die selbstgemachten Burger mussten sie wieder aus dem Programm nehmen, zu exotisch, wollte keiner. Dafür gabs bei uns zu Weihnachten cornflakes-panierte und frittierte Schnitzel. Vom Sellerie für die einen, vom Kalb für die anderen… Großartig.

Schließlich Zielankunft in Elsterberg. Mit Häuschen und Kirchen, die genauso aussehen wie die in dem Baukasten, mit dem ich als Kind bei meiner Oma spielte. Plötzlich war mir alles sehr nah und vertraut. Die Locals führten uns dann mit Stolz noch ein bisschen ihr Thüringen vor – die Göltzschtalbrücke etwa. Wow! – Das Land – die Weite… Wir werden wiederkommen, ganz bestimmt – allein um im Herbst die Starenwolke zu sehen.


 
 
 

Niemals “same procedure” – Winterwechsel

7. Januar 2020 von Sylvia | Keine Kommentare


 

Weiß die Gischtleine, weiß der wellige Saum der Wolken. Schwarz ballen sie sich überm Nachtstrand, schwarz wie unsere Schatten. Im vollen Mondlicht, Abend um Abend laufen wir. Bis zum neuen Jahr. Schäumende See, lärmende Fahnen, quietschender Sand. Same procedure as… niemals.

Weit draußen glimmern Bohrinseln, Schiffe, Windräder… Keine Dunkelheit nirgends. Drüber die Flieger. Tun, als sei’n sie die Sterne. Blinzeln im Sturmwind, der lostobt jetzt. An den Ohren reißt, alle Nachtgänger findet und vor sich herschiebt. Und Juhuiihihi wo seid ihr Geister? Riefs im Rohbauskelett unten am Boulevard. Heulte es schaurig durch künftige Appartements. Schon da hässlich, aber jetzt erst. In Reih und Hasenstall – aber der Meerblick!

Kranfahne knattert nicht mehr. Häschen und sein Boot haben ein Make-over. Aber Wir. Sind da. Wandern mit wirbelndem Haar. Streifen ab Verlorenheit. Hüllen uns in Wind und Sand, in Wolken und Schaum. Keine Muscheln sammelnd, nur immer das pulsenden Strahlen im Blick. Sonne am Tag, Leuchtfeuer bei Nacht. Und vorm Fenster: Eisblaue Dohlenaugen. Ich warte aufs schwarze Geflatter am Backstein, aufs Schnabulieren am Spatzenfutter. Auf ihre hopsende Lebenslist.

Ja, Wegfahren. Mit der ewiggleichen Aufgabe im Gepäck: Loslassen, Einschwingen. Ganz wie Marguerite Duras: „Ich brauchte einen ganzen Tag, um ins aktuelle Geschehen einzutauchen, einen zweiten, um zu vergessen und wieder frische Luft zu atmen. Und einen dritten Tag, um auszulöschen, was geschrieben worden war, um selbst zu schreiben.“

Ans Meer! Natürlich. Zweimal, Dreimal täglich. Am ersten Tag nach links, den Wind im Rücken, den Strandmarken folgend. Am zweiten umgekehrt. Die Holzpfähle mit ihren orangenen Stirnen und weißen Zahlengesichtern. Immer da. Erzählen doch aber jedes Mal ihre Geschichten neu.

Vorletztes Jahr vom hundertausendfachen Seesterntod. Letzten Winter vom Windwolf. Der manchen Pfahl eingrub bis zum Kinn, anderen die Schienbeine rüschte mit Gischt. Kein Cappuccino mehr vorm Aufstieg in die Dünen, weil, vom Strandcafé blieb nur das Gerüst.

Sonne kommt. Aber wärmt nicht. Dennoch muss ich barfuß ins Meer. Fühlen was ich weiß. Zehensegel richten: Die Küstenlinie längs wie all unsre Ahnen. Erschauernd vor der Anmut der S-Linien, wiederholte Wiederholungen, geriffelte Riffelungen. Sandhemdchen und Muschelhelm. Für immer und immer.

Und immer auch eine Prüfung: Trennung und Schmerz. Ebbe und Blut. Bis zum Regen, der an den Scheiben knistert. Und den Lichtern auf feuchtem Asphalt. Wer seine Mitte verloren hat, kämpft um jedes sichere Bild. Das Leben am Meer bringt eine bestimmte Art des Denkens und Fühlens hervor, schreibt Macfarlane. Der Baumkletterer, der Wanderer und Wildnis-Poet.

Wandern. Warten. Warten, dass Langsamkeit einzieht, die reist ja immer der Seele hinterher. Wir treffen sie am Strand – wo sonst. Wo wir dem weißen Rauschen, dem Schaum der Tage und Nächte folgen. Der aufspritzt, sich von Hunden über den Strand hetzen lässt und ihnen schließlich an den Lefzen klebt. Als salziges Nichts.

Am Himmel leuchtende Drachensicheln. Bunt heben sie die Waghälse empor. Wellenreiter, Wolkensurfer – was für Kerle! Der Himmel ein Lichtspiel, Vorhang auf für den Blick zurück. Hey, mein Leben: Wie war ich? Ach komm, braust der Wind. Aufauf! Mit vollem Einsatz am Boulevard: Schaurig, schaurig, du Mensch.

Also weiter. Auf und voraus. Nutz deine Grenzen. Voller Liebe, linienlos, hart am Rand. Alles auslöschen, was je aufgenommen. Um wieder neu zu sehen. Sein. Lösen, Auslösen im Glitzer des Meerspiels. Alles auf Null. Faites vos jeux.


 
 
 

Friday Night (der 13.)

13. Dezember 2016 von Sylvia | Keine Kommentare

 

Städte eroberte ich am liebsten barfuß
es gab noch Regenwald damals
ich trug Kamelhaar und Baum-ab-nein-Danke Buttons, rasend
vor Eifersucht auf die kleine Schwarze in deiner Hand

Das Leben außer sich schien leicht, Transzendenz
kein Ding
Sie leuchtete allabendlich nach
den sinologischen Etüden vor dem
Daunenschein eines gigantischen Federbetts
Im Rahmen nichtender Blicke aus dem
Philosophicum

Komm, hieß es damals, Komm, gurgle mit Wasser dir,
betrachte meine Vorlieben als deine
verwischtes Mantelrückendu
Nicht vor dir nicht nach dir

Brücken nahm ich nur halb, starrte in den Wassermund
aufs rituelle Messer ein einziger Schnitt
wie der Schächter durchtrennt
Speiseröhre, Luftkanal, Aderschlag.

Jetzt! Muss ich gedacht haben, Jetzt!
Kenn sie nicht mehr, jene, die sprang
Was hatte ich mir vorgestellt?
Rasend die Angst, als öffneten sich die Adern
von selbst
Als sänke ich ins viel und nichts.

Gehäutet zurück. In Myrrheschwaden gehüllt
Oh Paris!
Und Afrikas Trommler auf dem Markt von Colobane.
Erzähl, Geist der weißen Ziege, tröste die Männer mit
trocknem Schlag, die Frauen mit
Liedern wie Samenkapseln
rot und braun

Ich kaufte Glasperlen
Duftete nach Trance auf dem Vogelmarkt
und kehrte zurück zu dir, den himbeerroten
Lichtern deiner Stadt, zum Asphalt
deiner Bilder,
barfuß.
 

 
 
 

Hard Rain: Dylan und Druff

11. Dezember 2016 von Sylvia | Keine Kommentare

Weiß wirklich nicht, weshalb sich alle so über den Nobelpreis für Dylan und Dylan als Nobelpreisträger aufregen. Finde, er hat einen hervorragenden Kompromiss geschlossen und sogar ohne ein Wort deutlich gemacht, dass es auch nobeleske Frauen gibt. Sich zu verweigern ohne sich komplett abzuwenden, Diskussionen anzustoßen ohne das Wort zu führen, poetisch konsequent bis ins Mark zu reagieren – Hey, was wäre literarischer?

Und was zeitangemessener? Denn zeitgemäß ist die ganze Nummer ja Brechtseidank nicht. Eher Hard-Rain-Stuff. Zeitgemäß ist, seinem Partner eine Rastaus-Zeit zu schenken, ein Hotelzimmer zu mieten, indem er/sie alles kurz und klein schlagen kann. Die Superidee stammt, woher wohl, aus USA. Genauer aus Texas, wo in Anger-Rooms seit etwa acht Jahren Sperrmüll mit Lust zu Kleinholz pulverisiert wird – seit kurzem kann man sich auch dabei filmen lassen. Interessantes Material, nehme ich an. Wäre sicher gut für eine Runde Selbsterkenntnis. Aber darum geht‘s nun eher nicht. Das Rumms und Poff soll entlastend und stressmindernd wirken. Nach der Wahl von Trump sollen die Buchungen in den USA in die Höhe geschnellt sein, schreibt Claire Martin in ihrem Artikel zum Thema für die New York Times Wochenendbeilage.


 
Aber es gibt das ja auch hier in Deutschland. Aus verlässlicher Familienquelle habe ich auf mein „Warum macht man das denn?“ die unbekümmerte Antwort erhalten – das sei in und mache einfach Spaß. Die Times Journalistin hat einen Psychologen gefragt, nach dessen Äußerungen die Ausrastzeit eher kontraproduktiv ist. Für Stressabbau empfiehlt er daher Verhaltensschulungen, die auf Achtsamkeit basieren, oder Meditationen. O-kay, aber wie langweilig hört sich das denn an?

Der Hinweis auf diese, sicher den Geisteszustand besser fördernden, Übungen wird ebenso wenig nutzen, wie Kindern aus Gesundheitsgründen Äpfel statt Schokolade zu empfehlen. Interessant ist aber vielleicht doch der Hinweis, dass die Substanzen, die bei den Kleinholzwütereien das Hirn fluten, eher schaden. Ja, schaden.


 
Also nix Wellness am Ende, sondern ein Flimmern in der Herzgegend, das zu Arztweißwas führen kann. Also Obacht! Denn das ist ja für die Anger-Room Zielgruppe, insbesondre die Zwanzig- und Dreißplusjährigen schon wichtig: Die eigene Befindlichkeit, der eigene Auftritt auf der sozialen Bühne und die eigene Reputation rundum. Das Eigentum. Die Angst. Der Kurzschluss. Schließen sogar Kinderwägen im Dachgeschosstreppenhaus an, wo nie jemand hinkommt außer Putzenden. Ach, und dem mal entkommen, einen Overall anziehen, der einen rausnimmt aus der Welt, der einen vermummt und schützt, ein Eskapismus-Kostüm par excellence. Das einen nochdazu die böse, unberechenbare Seite ausleben lässt. Böse Mädchen kommen schließlich überall hin — nicht wahr.

Kann ich alles nachvollziehen. Doch mit dem Overallausziehen und dem Fürdenausbruchbezahlthaben ist ja nix weg. Das Gefühl bleibt. Wird gespeichert womöglich als eins, das voll kickt. Möchte nicht neben dem bodygebuildeten Typ stehn, aus dem es dann bei genügend hohem Stresslevel live herausbricht. Aber auch bei einer schwächeren Ausgabe wissen die derart geschulten Hände dann schon, was man effektvoll und wie zum Kaputt- oder Tothauen schwingt.

Dann lieber Dylan, der das Unberechenbare kultiviert. Der besingt, was Menschsein jenseits friedlicher Meditation war. Sein kann. Ist. Wie Patti Smith by the way. Danke Bob, da mir deren Songs näher und vertrauter sind. Noble. Ohne Weihnachtsschmus auch im harten Regen. Einfach Experi-enced.
 
 
 

Absurde Bindung

12. Mai 2016 von Sylvia | Keine Kommentare

Luminale, Frankfurt Airport
 
Weg damit? Ich halte inne, stoppe den fast schon automatisierten Entrümplungsablauf – Tasche-aufhalten-Papier-reinstopfen – und halte eine Seite aus der “Zeit” in der Hand. Ich beginne zu lesen. Mitten in meinem Recherche- und Medienmüll lese ich vom Traum des Kenzaburo Oe. Mit seinen Büchern bin ich nie warm geworden, aber dieser Einblick in die Beziehung zu seinem behinderten Sohn Hikari geht mir unter die Haut. Wie auch das Bild, das Mathias Bothor dazu gelungen ist. Ich entfalte das Zeit-Blatt, schaue aufs Datum und stutze: mein Archivfund ist genau zehn Jahre alt! 11. Mai 2006. Das Aufmacherzitat hatte mich angezogen: „Ich lernte mit dem Schweigen meines Sohnes zu leben. Jetzt sendet er mit seiner Musik Botschaften an seinen Vater und die Welt. Ein Glück, von dem ich nie gewagt hätte zu träumen.“ Ich lese mich fest. Der Sohn wurde als Baby operiert, die Diagnose der Ärzte: wegen fehlender Verbindungen zwischen den Gehirnhälftener werde der Junge nie Worte in Zusammenhang bringen können. Oe ist heute 81, sein Sohn 52 – wie es den beiden heute geht? Kann man wohl in Oes jüngstem Buch lesen (Licht scheint auf mein Dach, Fischer, 2014). Der Sohn komponiert und spricht mittlerweile… erfahre ich aus einem NZZ Artikel. Ich möchte dieses Buch lesen. Platz für Bücher haben wir ja jetzt wieder – nachdem wir zwei Drittel unseres Archivs in die Tonne gestopft und zig Bücher im öffentlichen Bücherschrank freigesetzt haben.

Das absurdeste Zeug hockte in allen Ecken und grinste matt unterm Staub. Unverschämt viel Energie war nötig, den Kram zu sichten und rauszuschaffen. Musste wohl sein, denn wer ordentlich Ballast mitführt, bei dem hat die eigentliche Fracht zu wenig Gewicht. Als gute Buchbinderenkelin hab ich‘s nicht mit dem Wegwerfen von Papier. Doch es galt: Augen auf und durch. Die gesamte Medienpädagogik ist jetzt weg. Und nach Tod und Teufel landeten die Archivmappen Wirtschaft und Zukunft am Ende unbesehen in der Tonne. Uff. Staub abschütteln, aufatmen und leere Hüllen sortieren. Gutes Gefühl das. Raum für Neues Licht… Das Camus-Zitat aus dem (geliehenen) Distelfink von Donna Tartt hüpft dazu in meinem Hirn: „Das Absurde befreit nicht, es bindet“.