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Im Frankfurter Osten, 1987

9. März 2022 von Pat | Keine Kommentare

Auf die Bühne kommt der erste. Er singt.
Auf die Bühne kommt der zweite und ermordet den ersten.
Er singt.
Auf die Bühne kommt der dritte und ermordet den zweiten
der den ersten ermordet. Er singt.
Auf die Bühne kommt der erste und ermordet den dritten
der den ersten ermordet der ihn selbst ermordet.
Er singt.
Auf die Bühne kommt der zweite und ermordet den ersten
der den dritten ermordet der ihn selbst ermordet
der den ersten ermordet. Er singt

Milan Napravnik

 

Demo gegen den Krieg: Sonntag, 12 Uhr, Opernplatz Frankfurt
 
 
 

Die Brunnen der Wahrheit

24. Februar 2022 von Sylvia | Keine Kommentare

Wer hat die Brunnen der Wahrheit zugeschüttet?
– Die mit den Waffen. –

Und wenn sie alle Unbewaffneten töten?
– Danach werden sie einander töten. –

schreibt Margeret Atwood in ihrem Gedicht “Kriegsfoto 2”
und fährt fort:

Wann wird Mitgefühl herrschen?
– Wenn der tote Baum Blüten trägt.-

Wann wird der tote Baum Blüten tragen?
– Wenn du meine Hand nimmst. –

Aber: Derlei Dinge finden immer nur
in Gedichten statt.

Vom Seufzen der Leerräume

18. November 2021 von Sylvia | Keine Kommentare


 

Rumms! Aua! Halb lieg ich schon, halb stemm ich gegen – dieses Scheiß Light-Metal Kellerregal. Hab ihm nie vertraut, jetzt ists mir auf den Kopf gefallen. Die alte Schreibmaschine verpasst mir einen Hakenkuss, der Entsafter poltert ab und eine klotzschwere Kiste knapp an mir vorbei. Jesses!

Tage später. Das Schrottteil entsorgt, zwei neue Regale aufgebaut, machen wir da weiter, wo es mich umgehauen hat: Beim Ausmisten in der Staubachterbahn. Pat blättert durch alte Belege, Magazine wie Focus, Jazzthetik, Stern. Kann weg, bleibt, kann weg, kann weg, kann weg… Cool sehen sie aus, diese alten Jazzthetiks. Kein bisschen altbacken oder überholt. Kannweg, bleibt. Bleibt? Zeig mal. Aah, sieht aus wie schwarz/weiß. Ist schwarz/weiß. Das Bild auf der Doppelseite zeigt – so gut wie nichts. Überschrift: „Die Leerräume im offenen Herzen der Lieder“. Poetisch. Schön. Übernächste Seite wieder so ein minimalistischer Pat Meise: Himmel und Meer. Meer und Himmel. Ja. Leerräume. Damit hat Pats Lieblingsgrafiker Matthias Grunert ein Dreieinhalb-Seiten Interview bebildert, das Jazzthetik-Autor Michael Engelbrecht mit Komponist, Sänger und Schlagzeuger Robert Wyatt und Lyrikerin Alfreda Benge in London geführt hat. Anlass war die Neuerscheinung des Albums Dondestan (spanisch für Wo seid ihr?).

Erste Zwischenüberschrift: „Das Politische und das Seufzen des Windes (1)“.
Erste Frage: Als ich 1975 mit meiner damaligen Freundin in der Bretagne zeltete, begleitete uns RUTH IS STRANGER THAN RICHARD Tag und Nacht, an der Ausstrahlung deiner Songs hat sich für mich bis heute nichts geändert, sie besitzen eine selten gewordene, spirituelle Kraft. Seit Beginn der 80er ist eine politische Dimension dazu gekommen. Verkörpern diese zwei Welten einen Widerspruch?
Die Antwort des Musikers endet: „Ich sehe da keinen Konflikt; es ist die andere Seite des Impulses.“

Ein Musiker, der Gedichte vertont. Zwei Seiten weiter geht es um Robert Wyatts Lust am Sprachspiel, dazu sagt der Musiker: „Worte – ich sehe sie immer wie Skulpturen im Raum; ich mag es, um sie herumzuwandern, sie von oben und unten zu betrachten und genieße es, sie herumzuschubsen. Worte sind halt hoffnungslos subjektiv, spiegeln die Begrenztheit der eigenen Wahrnehmung und Kultur.“ Schon hab ich mich festgelesen. Aber Stopp, jetzt erstmal weiter Tetris im Keller. Ich schließ das Heft und schau aufs Datum: November 1991. 30 Jahre her! Scheiße, sagt Pat.

Auf meinem Schreibtisch liegt noch so ein „Bleibt“-Magazin. Allerdings kein Beleg, sondern Hirnfutter aus dem Winter 2014 – eine „Lettre“. Zufall, Verkettung? Wie auch immer, ein Artikel fängt mich ein: Überschrift „Meine Blamagen“, Georg Stefan Troller über (seine) Interviews. Glaub nicht, dass ich das schon gelesen habe. Ganz neu also für mich, dieses vergilbte und versehentlich gewässerte Altpapier. Troller schreibt in zeitlicher Reihenfolge über seine größten Flops:
„Angefangen mit dem jugendlichen Wirrkopf, der sich ahnungslos auf einen Beruf einließ, der letztlich dahin tendiert, die eigene Identität anzuzweifeln. Denn, der gute Interviewer muss sich ja dermaßen auf seinen Gesprächspartner einstellen, sich so in ihn oder sie hineinversetzen, dass er zumindest zeitweise fast selbst zum anderen wird.“

Absolut. Kann ich nur bestätigen. Identitätsverschwommenheiten. Hineinkriechen in die andere/den anderen, ihn/sie aushorchen, das Innerste nach außen holen. So ein Schreiberleben ist schon was Seltsames. Und die Jagd nach dem guten Satz, den spannenden Geschichten auch. Hab schon Leute, ohne Absicht, zum Weinen gebracht. Ach, Sie sind Journalistin, sagte mir mal jemand. Dann gehören Sie ja nirgendwo dazu.

Aber Georg Stefan Troller schreibt hier nicht nur vom Ran- oder Reinwanzen. Ein bisschen Selbstverliebtheit braucht ein Interviewer auch – und er will wohl auch etwas weitergeben:
„Also komme ich mit der unverschämten Frage (man soll im Interview unverschämte Fragen immer erst nach einigen verschämten einsetzen, aber das habe ich noch zu lernen): Meinen Sie denn, dass Ihre schlichte Darstellung eines unverdorbenen, ja hinterwäldlerischen Amerika etwas zur Zukunft Europas beitragen kann? Darauf Wilder mit anhaltend treuherziger Miene: ‘Junger Mann in meinem 60. Lebensjahr habe ich beschlossen, nur noch Dinge zu tun, die mir Freude bereiten. Und Sie bereiten mir keine Freude.’“
Ende des Gesprächs.

Werde ich mir merken. Die Antwort meine ich, bin ich doch in 60. Lebensjahr. Apropos. Was macht eigentlich dieser Engelbrecht 30 Years after? Ich flöhe das Internet und finde ihn auf manafonistas. Ein Blog „on life, music, etc beyond mainstream“. Oh Zufall, Oh Verkettung: In einem der November(!)-Beiträge schreibt er über das Album ‚“The Nearer the Fountain“ (mit einem schwarz-weißen Coverbild).

Ich mag es, wie er seine Texte beginnt. Etwa diesen: „Das nenne ich eine Überraschung, oder auch, kalt im Dunkeln erwischt mit der Gespenstermusik des Jahres.“ Wie er dann weiter beschreibt, welche Klang-Assoziationen ihm zu dieser Musik einfielen, schenkt er mir einen schönen Link für die Rückschau: „Erst, in manch verwegenem Einbruch von Saxofonen, dachte ich an Robert Wyatt… Robert Wyatt. Dondestan Hab ich mir jetzt zum ersten Mal auf Spotify angehört, und das besprochene Album von, Moment, Damon Albarn, tippe ich gerade ein…
 

 
 
 

Post aus Hohenlohe

15. November 2021 von Sylvia | 1 Kommentar

Ich miste gerade Stapel von Briefen, Postkarten, altem Zeug aus, weil wir schweren Herzens unseren “Landsitz” geräumt haben, und ich seit Tagen Tetris der Sorte “Mach einen aus zwei Haushalten” spiele. Schon mal jemand eine Studie dazu gemacht, was so’ne Ausmisterei mit der Psyche anstellt? Fühlt sich an wie Achterbahn im Staub. Bah.

Und wie ich so ächze und räume, ruft mein Handy neue Nachrichten aus. Ahh. Danke, gerne ne Pause jetzt. Was gibts? “Hohenlohe-Grüßle”, die mir Tränen in die Augen treiben. Hach, unser Rabo:


 
Danke dir Sarah!

 
 
 

Wolkenzug und Kuckucksflug

16. März 2021 von Sylvia | Keine Kommentare


 

Parallelwelt des hellichten Tags. Flohmarktzimmer voller Kristall, Gläser, Porzellan. Mittendrin ich. Lass mich locken. Hier und da schauend. Streifziehend auf Second-Hand, so antik. Zartblinde Augenfänger. U-Booten gleich im Rang-Tangwald der Träume. Botenstoffe, verschüttete Lieben, Findelbilder. Uralter Zauber des Urspursuchens.

Nicht immer hält Augenschein: So ein schönes Intarsienkästchen! Nur: Es öffnet sich nicht. Spieluhr! Entzückend, wenn heil. Oh, da! Der Leuchter! Ach, doch nur Plastik. Aber hier! Jaaha. Schweres Stück. Schwarzwald pur: ne Kuckucksuhr! Mit lotschweren Tannenzapfen. Bleierne Zeit. Angehaltener Atem. Ruhe. Still. Über Jahrzehnte weg. Und auf jetzt: Ich. Schauend. Staunend. Schnellte der ins Holz gesperrte Kuck heraus, enterte er zackediekrach mein Sternum. Siebte schnabelkuckend Brustlicht, Rippenraum, Herz. Hackte mein Still, mein Jahreslauf. Hooh! Halt! Weg von mir. Nein. Nicht du und auch nicht all ihr andern Uhres. Haltet. Eure Zeiger im Zaum. Zeiget. Auf was ihr wollt, nicht mich.

Ab Kuckuck. Und hopp. In Rückenlage. Ruh, damit Zeit nicht bricht. Die Unruh am Marmor, schwarz mit weißen Wellen. Auf Hohenloher Kirsch. Die Restzeit hängt. Haben sie davon. Zeigen irr ins Rund. Zeitlungernd lunsen sie. Aus je älter desto dickeren Gläsern. Manche tickt noch, audiotiert das tiefe Lied des Wartens. Das können sie. Täfeln frickelnd die Täfelung um. Wohnen mit Holzgewürm, Spinnenbein und Fliegenpack. Bezeugen nicht, Zeigen. Zerfall: Hier entlang.

Und was? Könntest du noch finden unter ihren unsichtbaren Zeitzähnen? Lasst sehn. Hier: ein Kuchenteller. Präsentierstück aus Zinn mit Porzellan, weiß, blau und gelb. Bester Tage Erinnerung oder schlechtester Geschenktische? “Vielen Dank auch im Namen meiner Mutter…” Porzellanhund, der nicht bellt, aber leuchtet. In der Nacht traumsalzig, bis die Kupferfäden müde. Durchsichtiger Plastik-Pisspott. Lederbezogene Stühle, wie für Rittersleut, oder Schlossbewohner. Das eingeprägte Halali! Holzkugel, der einmal ein Schicksal, ein Leben war. Die Bettrückwand dazu. Auf dass. Und nicht zuletzt die Hohenloher Venus. Hui! Steinfaustgroß, üppig, gesichtslos gestaltet. Sapperlot. Ein Kruzifix. Daneben Saftpresse und Brotautomat. Hometrainer und Gewicht. Flinte. Mikroskop. Zirkel. Rechenschieber und Stifte. Stifte, Stifte…

Ach, Schuhe auch. Überreichlich und reichlich groß. Auch sie im Wartesaal der Träume abgelegt. Waren nie, womöglich, in Bergen, Belsen, Mauthausen. Stapeln sich aber unterm Fenster, eingebrannten Bildern gleich. Unwillkürlich dem ungläubigen Nichtbegreifenkönnen verbunden, das Gedenkstätten beherrscht. Ungetretene, fabrikneue Paare. Und andre voll Dreck, Eifer, Geschichte. Vom Gehen. In Bergwiese, Gesenge und Vierzig Gärten. So weit. Weiter.

Die Tränen getrocknet. Sag, wie alt ist diese Welt? Hier wie in anderen Kellern das überfällig Eingemachte. Die Ahnen. Staubüber in Gläsern, Briefen, Zeug. Ach ihr Dinge. Sagt euch wie uns. Sagt doch niemand, wie man sein soll. Wie man leben kann ohne und oder mit all den Atemzügen. Vor uns. Nach uns. Achtet die Zwischenräume. Die Haltestellen. Zum Glück. Für dich? Für mich? Ich hab keine Pflicht! Oder doch? Lies das Gletscherbuch, öffne Wasseradern. Geh auf geerbten Wegen. Möge Licht mit dir sein.

 
 
 

Corona Gardens

29. März 2020 von Sylvia | Keine Kommentare


 

Fotos by Pat Meise, Time-out by Nature. Der größte Parkplatz in Town war mal Bannwald.


 

Ich bin

eine Pariser Vorstadt
eine Algenfahne
ein eingerolltes Blatt
ein blaues Tuch
ein leeres Buch
ein verbeultes Auto
ein heißer Kanaldeckel in Ploumanac’h
aber nie, nie
ein Flugzeug über dem Wald