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Im Frankfurter Osten, 1987

Auf die Bühne kommt der erste. Er singt. Auf die Bühne kommt der zweite und ermordet den ersten. Er singt. Auf die Bühne kommt der dritte und ermordet den zweiten der den ersten ermordet. Er singt. Auf die Bühne kommt der erste und ermordet den dritten der den ersten ermordet der ihn selbst ermordet. Er singt. Auf die Bühne kommt der zweite und ermordet den ersten der den dritten ermordet der ihn selbst ermordet der den ersten ermordet. Er singt Milan Napravnik   Demo gegen den Krieg: Sonntag, 12 Uhr, Opernplatz Frankfurt      

Locked Down in NL

  Lockdown Als spiegele sich schon das Ende im Licht, im Schatten. Hier. Jetzt. Sandfarbener Sand. Wispernd, wirbelnd im Schoß der Anemone: Such in dir, finde Wege in allen Dingen. Singt er, huscht übers bewimperte Dünenwasser, kennt sie alle: Schattenläufer, Wegesucher, uns. Ich treff dich am Kaninchen, hörst du?      

Wolkenzug und Kuckucksflug

  Parallelwelt des hellichten Tags. Flohmarktzimmer voller Kristall, Gläser, Porzellan. Mittendrin ich. Lass mich locken. Hier und da schauend. Streifziehend auf Second-Hand, so antik. Zartblinde Augenfänger. U-Booten gleich im Rang-Tangwald der Träume. Botenstoffe, verschüttete Lieben, Findelbilder. Uralter Zauber des Urspursuchens. Nicht immer hält Augenschein: So ein schönes Intarsienkästchen! Nur: Es öffnet sich nicht. Spieluhr! Entzückend, wenn heil. Oh, da! Der Leuchter! Ach, doch nur Plastik. Aber hier! Jaaha. Schweres Stück. Schwarzwald pur: ne Kuckucksuhr! Mit lotschweren Tannenzapfen. Bleierne Zeit. Angehaltener Atem. Ruhe. Still. Über Jahrzehnte weg. Und auf jetzt: Ich. Schauend. Staunend. Schnellte der ins Holz gesperrte Kuck heraus, enterte er zackediekrach mein Sternum. Siebte schnabelkuckend Brustlicht, Rippenraum, Herz. Hackte mein Still, mein Jahreslauf. Hooh! Halt! Weg von mir. Nein. Nicht du und auch nicht all ihr andern Uhres. Haltet. Eure Zeiger im Zaum. Zeiget. Auf was ihr wollt, nicht mich. Ab Kuckuck. Und hopp. In Rückenlage. Ruh, damit Zeit nicht bricht. Die Unruh am Marmor, schwarz mit weißen Wellen. Auf Hohenloher Kirsch. Die Restzeit hängt. Haben sie davon. Zeigen irr ins Rund. Zeitlungernd lunsen …

Lebenslang

  Turnaround. Friss. Bleib. Nimm: den fremden Boden, die Unnacht. Du lebst, was willst du Ich seh dein Ohr zucken Ob die Trennung schmerzt? Alldämmend das Raunen Deine Rückwelt ein Bild auf der Wand Traumend pflügst du Weite, Zickzack, Nase tief Im Knistern roter Leiber und geschwinder die Füße im Schlaf als je, die Ohren auf Acht Schleicht wer? Hund? Hyäne? Los doch, ihr Sternfinger, lauft Oder fliegt. Hoch und hoch Nebenan im Türkisverließ Die Himmel bedeckt, die Sonne ein Netz drin das bunteste Federschwirrn immerhin, immerher, immerhin Zu schön, zu selten, bleibt hier Himbeeren und Maden und Mäuse So grob für alle Zukunft. Lebend Als ob. Als ob wir pfeifen im Wald Für nichts      

Niemals “same procedure” – Winterwechsel

  Weiß die Gischtleine, weiß der wellige Saum der Wolken. Schwarz ballen sie sich überm Nachtstrand, schwarz wie unsere Schatten. Im vollen Mondlicht, Abend um Abend laufen wir. Bis zum neuen Jahr. Schäumende See, lärmende Fahnen, quietschender Sand. Same procedure as… niemals. Weit draußen glimmern Bohrinseln, Schiffe, Windräder… Keine Dunkelheit nirgends. Drüber die Flieger. Tun, als sei’n sie die Sterne. Blinzeln im Sturmwind, der lostobt jetzt. An den Ohren reißt, alle Nachtgänger findet und vor sich herschiebt. Und Juhuiihihi wo seid ihr Geister? Riefs im Rohbauskelett unten am Boulevard. Heulte es schaurig durch künftige Appartements. Schon da hässlich, aber jetzt erst. In Reih und Hasenstall – aber der Meerblick! Kranfahne knattert nicht mehr. Häschen und sein Boot haben ein Make-over. Aber Wir. Sind da. Wandern mit wirbelndem Haar. Streifen ab Verlorenheit. Hüllen uns in Wind und Sand, in Wolken und Schaum. Keine Muscheln sammelnd, nur immer das pulsenden Strahlen im Blick. Sonne am Tag, Leuchtfeuer bei Nacht. Und vorm Fenster: Eisblaue Dohlenaugen. Ich warte aufs schwarze Geflatter am Backstein, aufs Schnabulieren am Spatzenfutter. Auf ihre …

Schöne Weihnachten

  Der Morgen so weiß. Lass. Hilf. Hilf den Nadeln im Hirn singen, den Füßen malen schwerefrei Aus Nichts werde Licht blitze der Wasserhimmel Tropfen Wirf. Wirf dich ins Schneckenohr, lass laufen! Los doch! Voraus! Die Wendeln längs im Doppelbob Schneller! Weißer! Kurbeln, bis alle Neuronnetze fluten Lachenden Munds.      

Noch blühen

  Revolutionen benannt nach Nelken, Rosen, Jasmin? Weil sie in Schönheit vergehn? Verloren werden wie Brillen auf bürgerlichem Asphalt? Wo auch immer Der Pfingstmund! Am Dekolleté. Die Schande? Tess of the d’Urbervilles tötete ihren Vergewaltiger und starb daran. Ein Blutfaden so fake wie echt. Ach, Blutzoll. Brennt noch immer die Weichen uns literweis.   Ach Zukunft. Ach Frühling. Ach wie licht sie scheint, wie hell die Sonnenkugel und stürbe auch unsere Ahne, bliese doch zart das Buschwindmäulchen durch die Wimperwälder, überspränge Blütezeiten, trauerte im Porzelladeladen die Herbstzeitlose   Wo warst du? Was hast du gesehen? Ach Stundenblume, deine Schönheit sei vergebens Sagen sie im Blumenbuch, und kennen nicht mal die Goldrebe, unsere Hoffnung auf niedagewesene Wenden am Zaun schaukelnd, immer aufs neu und sacht wie je ein Kinderherz.      

Einladung! Zur Lesung Scheitern & Detail

  Der Schriftsteller, Weinhändler und Inhaber von maison lanz Martin Bullinger gibt einen aktuellen ‘Einblick ins Scheitern’ und ‘zerschnippelt’ die Biografien seiner Figuren … ein wenig lakonisch. Wie immer. Schnelle Schnitte, Cut-up ohne Zufall, sozusagen Vermischen von Traum, Splittern (Gedanken, Beobachtungen, Geschichten des Lebens) und konsequentem Verfolgen von aufgespürten Spuren. Ein bisschen Claude Simon, ein bisschen R. D. Brinkmann, ein bisschen … ein ins Scheitern verliebtes Stammeln. Die Journalistin, Fotografin, Lyrikerin vom Bild-Text-Team meise&meise Sylvia Meise übersetzt Bilder aus dem Geäst des Innern … ein wenig schnippelich. Manchmal. Schnelle Schritte, Cut-up-Wirbel und Rauschen – oder anders gewagt: Double bind, Double blind –Überblendungen von hier und nirgendwo – Beobachtungen und Träumereien aus dem Raum zwischen den Menschen. Von Alltag bis Zwetajewa, ein ins Detail vernarrtes Sammeln. Donnerstag, 4. Oktober, 20:30 Uhr Scheitern & Detail Lesung mit Sylvia Meise und Martin Bullinger Milchsackfabrik/Tanzhaus West Gutleutstraße 294 60327 Frankfurt Anfahrt ab Hauptbahnhof Südseite: Straßenbahn 15, Haltestelle Heilbronner Straße, ab da 10 Min. Fußweg Bus 37, Haltestelle Johanna-Kirchner-AHZ, 1 Min. Fußweg Feuer und Wasser, Bullinger und Meise, Saubande und …

Halte die Wunde offen

Sieben Jahre. Solange liegt Hadayatullah Hübsch jetzt auf dem Südfriedhof begraben. Er starb am 4. Januar 2011. Vier Tage später, an seinem 65. Geburtstag wurde er beerdigt. Es war kalt, die Sonne schien. Krähen saßen in den Friedhofsfichten. Eine seltsame Stimmung griff nach uns; zwischen Nähe und Fremde, muslimisch-ungewohntem Ritual und linksalternativem Ernst. Die letzte Ehre erweisen. Ihn verabschieden, das wollten wir. In die Trauerhalle zu gehen wäre uns der Familie gegenüber übergriffig vorgekommen. Wir warteten draußen. Als der Sarg herausgetragen wurde, war er inmitten einer Menschentraube geborgen, verborgen. Junge Männer standen Spalier für die Sargträger. Es wurde gefilmt (den Bestattungsfilm kann man noch immer auf Youtube sehen). Viele trugen ihn. Den Mann, der nun in einem weißen Tuch gehüllt, im schwarzen Sarg lag. Grenzgänger über seinen Tod hinaus, einte er Muslime und säkuläre Linke beim Tragen von Weidenzweigen. Für die einen: Der Imam einer muslimischen Gemeinschaft. Der Familienvater. Für die andren: Der Slammer, Raser, Rocker des Lespults. Der Poet. Das ist der Mann auch in meiner Erinnerung. Einer, der schreiend Zuhörer packt. In schummriger …