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Ein anderer Krieg

5. April 2022 von Pat | Keine Kommentare


 
Börneplatz, Frankfurt am Main, 05.04.2022

Jeder Stein ein Mensch, ein Schicksal

“Und wieder erscheinen die bleibenden Bilder,
gutgekleidete Menschen beim Antritt der Reise,
auf der Suche nach einem Abteil, das es nicht gibt,
nächste Station Armageddon, ein Weltteil”

(Cees Nooteboom, aus “Abschied”)
 
 

Im Frankfurter Osten, 1987

9. März 2022 von Pat | Keine Kommentare

Auf die Bühne kommt der erste. Er singt.
Auf die Bühne kommt der zweite und ermordet den ersten.
Er singt.
Auf die Bühne kommt der dritte und ermordet den zweiten
der den ersten ermordet. Er singt.
Auf die Bühne kommt der erste und ermordet den dritten
der den ersten ermordet der ihn selbst ermordet.
Er singt.
Auf die Bühne kommt der zweite und ermordet den ersten
der den dritten ermordet der ihn selbst ermordet
der den ersten ermordet. Er singt

Milan Napravnik

 

Demo gegen den Krieg: Sonntag, 12 Uhr, Opernplatz Frankfurt
 
 
 

Locked Down in NL

7. Februar 2022 von Sylvia | Keine Kommentare



 

Lockdown

Als spiegele sich schon
das Ende im Licht,
im Schatten. Hier. Jetzt.
Sandfarbener Sand. Wispernd,
wirbelnd im Schoß der Anemone:
Such in dir, finde Wege
in allen Dingen.
Singt er, huscht übers
bewimperte Dünenwasser, kennt sie alle:
Schattenläufer, Wegesucher, uns.
Ich treff dich am Kaninchen,
hörst du?


 
 
 

Wolkenzug und Kuckucksflug

16. März 2021 von Sylvia | Keine Kommentare


 

Parallelwelt des hellichten Tags. Flohmarktzimmer voller Kristall, Gläser, Porzellan. Mittendrin ich. Lass mich locken. Hier und da schauend. Streifziehend auf Second-Hand, so antik. Zartblinde Augenfänger. U-Booten gleich im Rang-Tangwald der Träume. Botenstoffe, verschüttete Lieben, Findelbilder. Uralter Zauber des Urspursuchens.

Nicht immer hält Augenschein: So ein schönes Intarsienkästchen! Nur: Es öffnet sich nicht. Spieluhr! Entzückend, wenn heil. Oh, da! Der Leuchter! Ach, doch nur Plastik. Aber hier! Jaaha. Schweres Stück. Schwarzwald pur: ne Kuckucksuhr! Mit lotschweren Tannenzapfen. Bleierne Zeit. Angehaltener Atem. Ruhe. Still. Über Jahrzehnte weg. Und auf jetzt: Ich. Schauend. Staunend. Schnellte der ins Holz gesperrte Kuck heraus, enterte er zackediekrach mein Sternum. Siebte schnabelkuckend Brustlicht, Rippenraum, Herz. Hackte mein Still, mein Jahreslauf. Hooh! Halt! Weg von mir. Nein. Nicht du und auch nicht all ihr andern Uhres. Haltet. Eure Zeiger im Zaum. Zeiget. Auf was ihr wollt, nicht mich.

Ab Kuckuck. Und hopp. In Rückenlage. Ruh, damit Zeit nicht bricht. Die Unruh am Marmor, schwarz mit weißen Wellen. Auf Hohenloher Kirsch. Die Restzeit hängt. Haben sie davon. Zeigen irr ins Rund. Zeitlungernd lunsen sie. Aus je älter desto dickeren Gläsern. Manche tickt noch, audiotiert das tiefe Lied des Wartens. Das können sie. Täfeln frickelnd die Täfelung um. Wohnen mit Holzgewürm, Spinnenbein und Fliegenpack. Bezeugen nicht, Zeigen. Zerfall: Hier entlang.

Und was? Könntest du noch finden unter ihren unsichtbaren Zeitzähnen? Lasst sehn. Hier: ein Kuchenteller. Präsentierstück aus Zinn mit Porzellan, weiß, blau und gelb. Bester Tage Erinnerung oder schlechtester Geschenktische? “Vielen Dank auch im Namen meiner Mutter…” Porzellanhund, der nicht bellt, aber leuchtet. In der Nacht traumsalzig, bis die Kupferfäden müde. Durchsichtiger Plastik-Pisspott. Lederbezogene Stühle, wie für Rittersleut, oder Schlossbewohner. Das eingeprägte Halali! Holzkugel, der einmal ein Schicksal, ein Leben war. Die Bettrückwand dazu. Auf dass. Und nicht zuletzt die Hohenloher Venus. Hui! Steinfaustgroß, üppig, gesichtslos gestaltet. Sapperlot. Ein Kruzifix. Daneben Saftpresse und Brotautomat. Hometrainer und Gewicht. Flinte. Mikroskop. Zirkel. Rechenschieber und Stifte. Stifte, Stifte…

Ach, Schuhe auch. Überreichlich und reichlich groß. Auch sie im Wartesaal der Träume abgelegt. Waren nie, womöglich, in Bergen, Belsen, Mauthausen. Stapeln sich aber unterm Fenster, eingebrannten Bildern gleich. Unwillkürlich dem ungläubigen Nichtbegreifenkönnen verbunden, das Gedenkstätten beherrscht. Ungetretene, fabrikneue Paare. Und andre voll Dreck, Eifer, Geschichte. Vom Gehen. In Bergwiese, Gesenge und Vierzig Gärten. So weit. Weiter.

Die Tränen getrocknet. Sag, wie alt ist diese Welt? Hier wie in anderen Kellern das überfällig Eingemachte. Die Ahnen. Staubüber in Gläsern, Briefen, Zeug. Ach ihr Dinge. Sagt euch wie uns. Sagt doch niemand, wie man sein soll. Wie man leben kann ohne und oder mit all den Atemzügen. Vor uns. Nach uns. Achtet die Zwischenräume. Die Haltestellen. Zum Glück. Für dich? Für mich? Ich hab keine Pflicht! Oder doch? Lies das Gletscherbuch, öffne Wasseradern. Geh auf geerbten Wegen. Möge Licht mit dir sein.

 
 
 

Lebenslang

14. Oktober 2020 von Sylvia | Keine Kommentare


 

Turnaround. Friss. Bleib.
Nimm: den fremden Boden,
die Unnacht.
Du lebst, was willst du
Ich seh dein Ohr zucken

Ob die Trennung schmerzt?
Alldämmend das Raunen
Deine Rückwelt ein Bild auf der Wand
Traumend pflügst du
Weite, Zickzack, Nase tief

Im Knistern roter Leiber
und geschwinder die Füße im
Schlaf als je, die Ohren auf Acht
Schleicht wer? Hund? Hyäne?
Los doch, ihr Sternfinger, lauft

Oder fliegt. Hoch und hoch
Nebenan im Türkisverließ
Die Himmel bedeckt, die Sonne ein Netz
drin das bunteste Federschwirrn
immerhin, immerher, immerhin

Zu schön, zu selten, bleibt hier
Himbeeren und Maden und Mäuse
So grob für alle Zukunft. Lebend
Als ob. Als ob wir pfeifen im Wald
Für nichts

 
 
 

Niemals “same procedure” – Winterwechsel

7. Januar 2020 von Sylvia | Keine Kommentare


 

Weiß die Gischtleine, weiß der wellige Saum der Wolken. Schwarz ballen sie sich überm Nachtstrand, schwarz wie unsere Schatten. Im vollen Mondlicht, Abend um Abend laufen wir. Bis zum neuen Jahr. Schäumende See, lärmende Fahnen, quietschender Sand. Same procedure as… niemals.

Weit draußen glimmern Bohrinseln, Schiffe, Windräder… Keine Dunkelheit nirgends. Drüber die Flieger. Tun, als sei’n sie die Sterne. Blinzeln im Sturmwind, der lostobt jetzt. An den Ohren reißt, alle Nachtgänger findet und vor sich herschiebt. Und Juhuiihihi wo seid ihr Geister? Riefs im Rohbauskelett unten am Boulevard. Heulte es schaurig durch künftige Appartements. Schon da hässlich, aber jetzt erst. In Reih und Hasenstall – aber der Meerblick!

Kranfahne knattert nicht mehr. Häschen und sein Boot haben ein Make-over. Aber Wir. Sind da. Wandern mit wirbelndem Haar. Streifen ab Verlorenheit. Hüllen uns in Wind und Sand, in Wolken und Schaum. Keine Muscheln sammelnd, nur immer das pulsenden Strahlen im Blick. Sonne am Tag, Leuchtfeuer bei Nacht. Und vorm Fenster: Eisblaue Dohlenaugen. Ich warte aufs schwarze Geflatter am Backstein, aufs Schnabulieren am Spatzenfutter. Auf ihre hopsende Lebenslist.

Ja, Wegfahren. Mit der ewiggleichen Aufgabe im Gepäck: Loslassen, Einschwingen. Ganz wie Marguerite Duras: „Ich brauchte einen ganzen Tag, um ins aktuelle Geschehen einzutauchen, einen zweiten, um zu vergessen und wieder frische Luft zu atmen. Und einen dritten Tag, um auszulöschen, was geschrieben worden war, um selbst zu schreiben.“

Ans Meer! Natürlich. Zweimal, Dreimal täglich. Am ersten Tag nach links, den Wind im Rücken, den Strandmarken folgend. Am zweiten umgekehrt. Die Holzpfähle mit ihren orangenen Stirnen und weißen Zahlengesichtern. Immer da. Erzählen doch aber jedes Mal ihre Geschichten neu.

Vorletztes Jahr vom hundertausendfachen Seesterntod. Letzten Winter vom Windwolf. Der manchen Pfahl eingrub bis zum Kinn, anderen die Schienbeine rüschte mit Gischt. Kein Cappuccino mehr vorm Aufstieg in die Dünen, weil, vom Strandcafé blieb nur das Gerüst.

Sonne kommt. Aber wärmt nicht. Dennoch muss ich barfuß ins Meer. Fühlen was ich weiß. Zehensegel richten: Die Küstenlinie längs wie all unsre Ahnen. Erschauernd vor der Anmut der S-Linien, wiederholte Wiederholungen, geriffelte Riffelungen. Sandhemdchen und Muschelhelm. Für immer und immer.

Und immer auch eine Prüfung: Trennung und Schmerz. Ebbe und Blut. Bis zum Regen, der an den Scheiben knistert. Und den Lichtern auf feuchtem Asphalt. Wer seine Mitte verloren hat, kämpft um jedes sichere Bild. Das Leben am Meer bringt eine bestimmte Art des Denkens und Fühlens hervor, schreibt Macfarlane. Der Baumkletterer, der Wanderer und Wildnis-Poet.

Wandern. Warten. Warten, dass Langsamkeit einzieht, die reist ja immer der Seele hinterher. Wir treffen sie am Strand – wo sonst. Wo wir dem weißen Rauschen, dem Schaum der Tage und Nächte folgen. Der aufspritzt, sich von Hunden über den Strand hetzen lässt und ihnen schließlich an den Lefzen klebt. Als salziges Nichts.

Am Himmel leuchtende Drachensicheln. Bunt heben sie die Waghälse empor. Wellenreiter, Wolkensurfer – was für Kerle! Der Himmel ein Lichtspiel, Vorhang auf für den Blick zurück. Hey, mein Leben: Wie war ich? Ach komm, braust der Wind. Aufauf! Mit vollem Einsatz am Boulevard: Schaurig, schaurig, du Mensch.

Also weiter. Auf und voraus. Nutz deine Grenzen. Voller Liebe, linienlos, hart am Rand. Alles auslöschen, was je aufgenommen. Um wieder neu zu sehen. Sein. Lösen, Auslösen im Glitzer des Meerspiels. Alles auf Null. Faites vos jeux.


 
 
 

Schöne Weihnachten

24. Dezember 2019 von Sylvia | 2 Kommentare


 
Der Morgen
so weiß.
Lass. Hilf.
Hilf den Nadeln im Hirn
singen, den Füßen malen
schwerefrei

Aus Nichts werde Licht
blitze der Wasserhimmel
Tropfen
Wirf. Wirf dich
ins Schneckenohr, lass laufen!

Los doch! Voraus!
Die Wendeln längs im Doppelbob
Schneller! Weißer! Kurbeln, bis
alle Neuronnetze fluten
Lachenden Munds.

 
 
 

Noch blühen

7. Oktober 2019 von Sylvia | Keine Kommentare


 
Revolutionen benannt nach Nelken, Rosen, Jasmin?
Weil sie in Schönheit vergehn?
Verloren werden wie Brillen auf bürgerlichem Asphalt?
Wo auch immer
Der Pfingstmund! Am Dekolleté. Die Schande?
Tess of the d’Urbervilles tötete ihren Vergewaltiger und starb daran.
Ein Blutfaden so fake wie echt. Ach, Blutzoll. Brennt noch
immer die Weichen uns literweis.



 

Ach Zukunft. Ach Frühling. Ach wie licht
sie scheint, wie hell
die Sonnenkugel und stürbe auch unsere Ahne,
bliese doch zart das Buschwindmäulchen
durch die Wimperwälder, überspränge
Blütezeiten, trauerte
im Porzelladeladen die Herbstzeitlose



 
Wo warst du? Was hast du gesehen? Ach
Stundenblume, deine Schönheit
sei vergebens
Sagen sie im Blumenbuch, und kennen nicht mal
die Goldrebe, unsere Hoffnung auf niedagewesene Wenden
am Zaun schaukelnd, immer aufs neu und sacht wie
je ein Kinderherz.


 
 
 

Einladung! Zur Lesung Scheitern & Detail

1. Oktober 2018 von Sylvia | Keine Kommentare


 
Der Schriftsteller, Weinhändler und Inhaber von maison lanz Martin Bullinger gibt einen aktuellen ‘Einblick ins Scheitern’ und ‘zerschnippelt’ die Biografien seiner Figuren … ein wenig lakonisch. Wie immer. Schnelle Schnitte, Cut-up ohne Zufall, sozusagen Vermischen von Traum, Splittern (Gedanken, Beobachtungen, Geschichten des Lebens) und konsequentem Verfolgen von aufgespürten Spuren. Ein bisschen Claude Simon, ein bisschen R. D. Brinkmann, ein bisschen … ein ins Scheitern verliebtes Stammeln.

Die Journalistin, Fotografin, Lyrikerin vom Bild-Text-Team meise&meise Sylvia Meise übersetzt Bilder aus dem Geäst des Innern … ein wenig schnippelich. Manchmal. Schnelle Schritte, Cut-up-Wirbel und Rauschen – oder anders gewagt: Double bind, Double blind –Überblendungen von hier und nirgendwo – Beobachtungen und Träumereien aus dem Raum zwischen den Menschen. Von Alltag bis Zwetajewa, ein ins Detail vernarrtes Sammeln.

Donnerstag, 4. Oktober, 20:30 Uhr
Scheitern & Detail
Lesung mit Sylvia Meise und Martin Bullinger
Milchsackfabrik/Tanzhaus West
Gutleutstraße 294
60327 Frankfurt

Anfahrt ab Hauptbahnhof Südseite:
Straßenbahn 15, Haltestelle Heilbronner Straße, ab da 10 Min. Fußweg
Bus 37, Haltestelle Johanna-Kirchner-AHZ, 1 Min. Fußweg

Feuer und Wasser, Bullinger und Meise, Saubande und Dementia:


 
 
 

Halte die Wunde offen

26. Februar 2018 von Sylvia | Keine Kommentare

Sieben Jahre. Solange liegt Hadayatullah Hübsch jetzt auf dem Südfriedhof begraben. Er starb am 4. Januar 2011. Vier Tage später, an seinem 65. Geburtstag wurde er beerdigt. Es war kalt, die Sonne schien. Krähen saßen in den Friedhofsfichten. Eine seltsame Stimmung griff nach uns; zwischen Nähe und Fremde, muslimisch-ungewohntem Ritual und linksalternativem Ernst. Die letzte Ehre erweisen. Ihn verabschieden, das wollten wir. In die Trauerhalle zu gehen wäre uns der Familie gegenüber übergriffig vorgekommen. Wir warteten draußen. Als der Sarg herausgetragen wurde, war er inmitten einer Menschentraube geborgen, verborgen.

Junge Männer standen Spalier für die Sargträger. Es wurde gefilmt (den Bestattungsfilm kann man noch immer auf Youtube sehen). Viele trugen ihn. Den Mann, der nun in einem weißen Tuch gehüllt, im schwarzen Sarg lag. Grenzgänger über seinen Tod hinaus, einte er Muslime und säkuläre Linke beim Tragen von Weidenzweigen. Für die einen: Der Imam einer muslimischen Gemeinschaft. Der Familienvater. Für die andren: Der Slammer, Raser, Rocker des Lespults.

Der Poet. Das ist der Mann auch in meiner Erinnerung. Einer, der schreiend Zuhörer packt. In schummriger Slammer Atmo oder in einem Hinterzimmer rappend: Halte-die-Wunde-offen! In schier überspringender Präsenz dem Publikum Polit-Beat ins Hirn hackend. Hausbesetzer, Bildzeitungsleser, Arbeiter. Im Schreiben und erst recht im Sprechgesang den unsichtbaren Alltag des Irrsinn hochdrehend, bis der um sich schlagend, zuckend und grölend aus seinem Mund fuhr.


Das Video wurde von Hartmuth Malorny auf yt zur Verfügung gestellt
 
Lange her. Auf dem Friedhof wurde mir ganz leis im Kopf, die Menschen senkten die Blicke, sprachen Totengebete. Gras, Schnee, Eis. Fast nur Männer waren zu sehen. Die Muslimas blieben an der Trauerhalle. Die wenigen Frauen, die mitgingen, allesamt nicht muslimisch. Man konnte uns an zwei Händen abzählen, oder reichte eine?

Ich sah Männer, die sich auf den Rücken klopften, begrüßten, gegenseitig trösteten. Männer, die sich anlächelten, miteinander sprachen. Etwas auffallend Herzliches spürte ich unter diesen Männern. Etwas, das ich von „christlichen“ Beerdigungen bis dahin nicht kannte.

Vergleiche drängten sich auf. Sogar beim Umgang mit der Erde. Natürlich werden sonst auch auch vorher die Gräber ausgehoben. Doch die Erde für Hadayatullahs Grab war direkt daneben und ganz offen aufgehäuft. Anders als sonst kam man nicht an dieser Erde vorbei. Gelb und dunkelbraun, ocker und rötlich, mit Wurzelstücken durchsetzt atmet sie uns an. War nicht schamhaft unter einem Stück Kunstrasen verborgen wie sonst. Und alle, die da waren und zum Grab kamen, trugen etwas von diesem Berg ab. So wurde der Tote nicht erst beerdigt, nachdem alle gegangen waren und beim Leichenschmaus saßen – wie beim, „christlichen“ Begräbnis –, sondern in Echtzeit. Genug Schaufeln, genug Männer, die nachdem alle Trauernden am Gab waren, den Toten mit der restlichen Erde bedeckten.

Überraschende Erkenntnis von Entfremdung. Statt Erde streue auch ich lieber Blütenblätter auf den Sarg. Was mir irgendwie als das schönere Bild erscheint. Und doch: ist es nicht ehrlicher, Erdklumpen auf den Sarg zu werfen, während ein Pfarrer rituelle Sätze murmelt. Erde zu Erde, Staub zu Staub. Oder wer immer da ist und spricht.

Solche Reden gab es bei HH nicht. Nicht jedenfalls während des öffentlichen Ablaufs der Beerdigung. Stattdessen eine wohltuende Stille. Nicht wie so oft eine Rede, die aus einer Trauergesprächsinfo geklöppelt wird. Und am Ende sich oft so falsch anfühlt. Pat und seine Schwester haben ein solches Konstrukt letztes Jahr beim Tod ihrer Mutter abgelehnt. Befreiend. „Warum soll da jemand reden, der unsere Mutter überhaupt nicht kannte?“ Hat mich in Konsequenz meine erste Beerdigungsrede schreiben und (gemeinsam mit einem unserer Neffen) vortragen lassen. Verdammt schwierig, fühlte sich aber verdammt richtig an. Hält Wunden offen, vermag aber auch, manche zu heilen.

Auf Hübschs Beerdigung wurden wir trauereingemeindet, aufgenommen mit einem aufmunternden Lächeln. Natürlich hat man uns Nichtmuslime betrachtet, genau wie wir die Muslime betrachtet haben. So fremd dieses noch nie miterlebte Ritual. Aber sie rechneten so einfühlsam mit unserer Unsicherheit, dass wir angeleitet wurden: Jetzt kommt das Totengebet, raunten sie. Und richteten uns aus. Mit Augen, Händen und Leitmenschen ordneten sie die Gebetsreihe gen Osten. Ohne andere Hilfsmittel als dem social Beat. Viele Hände, viele Körper, aber kein Aneinanderstoßen. Nur Antippen, einander Zuwenden.

Am Grab teilte uns der Ordnende in zwei Gruppen: links Familie und Glaubensverwandte. Rechts Freunde und Bekannte. Vortreten, Abschied nehmen, mit einer Schaufel Erde zur Bestattung beitragen. Die Familie zuerst. Helfer wiesen jedem einzelnen Trauernden den Weg für den Abgang. Schoben Zweige beiseite, sorgten dafür, dass niemand mengen- oder tränenblind anderer Menschen Gräber mit Füßen trat.

Ich habe keinen ungehaltenen Blick bemerkt, keine Geste der Ablehnung. Hadayatullas Islam? Es gab mal eine Kampagne von ihm, nachdem Frankfurter Haushalte mit Bibeln beschickt worden waren. Jeder, der einen wolle, könne von ihm einen Koran habe, ließ Hübsch wissen. Ich wollte und hab einen bekommen. Ich habe auch noch einen Brief von ihm. 22 Jahre her. Seine Antwort auf meine Lyrikeinreichung. Ich möge doch, wenn mein Muttersein dies erlaube, mal vorbeischauen beim Stammtisch des Verbands der Schriftsteller. Dann könnten wir uns über meine Lyrik unterhalten. Burroughs empfahl er mir, oder Jürgen Ploog, um von ihnen zu lernen. Der Erzählfluss sei gut, aber die Stringenz fehle noch. Dieser Brief wird eine Wunde offen halten: Ich freute mich, doch ich war nie dort. Dies, das. Kein Raum, keine Kraft. Vorbei.

In meiner Erinnerung sehe ich ihn an der Bushaltestelle Lokalbahnhof stehn: roter Schal, kompakte Figur, schwarze Aktentasche. Rauchte er? Unscheinbar, ein Mann unter vielen. Das Hirn hellwach. Drinnen der Beat.
 


Auf yt veröffentlicht vom Wilhelmsburger Kunstbüro