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Niemals “same procedure” – Winterwechsel

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Weiß die Gischtleine, weiß der wellige Saum der Wolken. Schwarz ballen sie sich überm Nachtstrand, schwarz wie unsere Schatten. Im vollen Mondlicht, Abend um Abend laufen wir. Bis zum neuen Jahr. Schäumende See, lärmende Fahnen, quietschender Sand. Same procedure as… niemals.

Weit draußen glimmern Bohrinseln, Schiffe, Windräder… Keine Dunkelheit nirgends. Drüber die Flieger. Tun, als sei’n sie die Sterne. Blinzeln im Sturmwind, der lostobt jetzt. An den Ohren reißt, alle Nachtgänger findet und vor sich herschiebt. Und Juhuiihihi wo seid ihr Geister? Riefs im Rohbauskelett unten am Boulevard. Heulte es schaurig durch künftige Appartements. Schon da hässlich, aber jetzt erst. In Reih und Hasenstall – aber der Meerblick!

Kranfahne knattert nicht mehr. Häschen und sein Boot haben ein Make-over. Aber Wir. Sind da. Wandern mit wirbelndem Haar. Streifen ab Verlorenheit. Hüllen uns in Wind und Sand, in Wolken und Schaum. Keine Muscheln sammelnd, nur immer das pulsenden Strahlen im Blick. Sonne am Tag, Leuchtfeuer bei Nacht. Und vorm Fenster: Eisblaue Dohlenaugen. Ich warte aufs schwarze Geflatter am Backstein, aufs Schnabulieren am Spatzenfutter. Auf ihre hopsende Lebenslist.

Ja, Wegfahren. Mit der ewiggleichen Aufgabe im Gepäck: Loslassen, Einschwingen. Ganz wie Marguerite Duras: „Ich brauchte einen ganzen Tag, um ins aktuelle Geschehen einzutauchen, einen zweiten, um zu vergessen und wieder frische Luft zu atmen. Und einen dritten Tag, um auszulöschen, was geschrieben worden war, um selbst zu schreiben.“

Ans Meer! Natürlich. Zweimal, Dreimal täglich. Am ersten Tag nach links, den Wind im Rücken, den Strandmarken folgend. Am zweiten umgekehrt. Die Holzpfähle mit ihren orangenen Stirnen und weißen Zahlengesichtern. Immer da. Erzählen doch aber jedes Mal ihre Geschichten neu.

Vorletztes Jahr vom hundertausendfachen Seesterntod. Letzten Winter vom Windwolf. Der manchen Pfahl eingrub bis zum Kinn, anderen die Schienbeine rüschte mit Gischt. Kein Cappuccino mehr vorm Aufstieg in die Dünen, weil, vom Strandcafé blieb nur das Gerüst.

Sonne kommt. Aber wärmt nicht. Dennoch muss ich barfuß ins Meer. Fühlen was ich weiß. Zehensegel richten: Die Küstenlinie längs wie all unsre Ahnen. Erschauernd vor der Anmut der S-Linien, wiederholte Wiederholungen, geriffelte Riffelungen. Sandhemdchen und Muschelhelm. Für immer und immer.

Und immer auch eine Prüfung: Trennung und Schmerz. Ebbe und Blut. Bis zum Regen, der an den Scheiben knistert. Und den Lichtern auf feuchtem Asphalt. Wer seine Mitte verloren hat, kämpft um jedes sichere Bild. Das Leben am Meer bringt eine bestimmte Art des Denkens und Fühlens hervor, schreibt Macfarlane. Der Baumkletterer, der Wanderer und Wildnis-Poet.

Wandern. Warten. Warten, dass Langsamkeit einzieht, die reist ja immer der Seele hinterher. Wir treffen sie am Strand – wo sonst. Wo wir dem weißen Rauschen, dem Schaum der Tage und Nächte folgen. Der aufspritzt, sich von Hunden über den Strand hetzen lässt und ihnen schließlich an den Lefzen klebt. Als salziges Nichts.

Am Himmel leuchtende Drachensicheln. Bunt heben sie die Waghälse empor. Wellenreiter, Wolkensurfer – was für Kerle! Der Himmel ein Lichtspiel, Vorhang auf für den Blick zurück. Hey, mein Leben: Wie war ich? Ach komm, braust der Wind. Aufauf! Mit vollem Einsatz am Boulevard: Schaurig, schaurig, du Mensch.

Also weiter. Auf und voraus. Nutz deine Grenzen. Voller Liebe, linienlos, hart am Rand. Alles auslöschen, was je aufgenommen. Um wieder neu zu sehen. Sein. Lösen, Auslösen im Glitzer des Meerspiels. Alles auf Null. Faites vos jeux.


 
 
 

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