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Kassel fifteen

24. Juli 2022 von Sylvia | Keine Kommentare

Małgorzata Mirga-Tas, Poland. From the “Out of Egypt” series I–V, 2021

Documenta? Antisemitismus! Bang. Diskussionen an. Gut so. Mehr kann man als Ausstellungskuratorin wohl kaum erhoffen, als dass alle Welt sich aufregt und je nach Gusto hocheloquent oder pöbelig aufeinanderlosdrischt. Lasst ruhig raus, was da schwelt und stinkt. Bild ab. Schormann ab. Alle zufrieden? Das Bild hätte ich ja nun wirklich gern gesehen. Hinfahren oder nicht?

Hin. Irgendwas mit Kollektiv. Grupa und Indonesien – zu mehr haben mich die SZ-Artikel nicht gebracht. Brock hat kein Bild von Qualität gesehn, andere nur das Empörende, mit den nicht zitierbaren Nazi-Symbolen. Worum ging es bei dem Bild nochmal? Achja, Gewalt. Gestern reichte es schon, ein Foto des verhüllten Bilds unerklärt als „Antisemisitismus“-Illustration zu verwenden. Genauer, als Bebilderung zum Verriss der „linksradikalen“ Haltung von Eva Menasse. OMG. Wir Beschützten.

Level h
Endlich da: Kassel Hauptbahnhof. Lassen die vier Lehrerinnen („Das Schlimmste ist die Verantwortung“) und den Rest des Schulschwarms schonmal vorauslaufen. Wir wolln gleich hier am Bahnhof starten. Portemonnaie in die Hand: Viermal bitte. Die Eingangslady schüttelt erfahren den Kopf. Hier keine Tickets. Nicht nur wir fragen. Nur wir aber ziehn nicht weiter. Online kaufen geht, sagt sie. OK. Wozu ist mein Handy geladen? Hirn gewährt sogar Zugriff auf alle nötigen Passwörter. Kann documenta-Gucken jetzt bitte losgehn?

Kann. Bahnhof ist doch immer ein guter Anfang fürs Gelassenwerdenlernen. Hier noch alles wie gewohnt. Was raussuchen und reinlassen. Beispiel: „Min bala taptim” – Tatarisch für „Gebären“. Oder, wörtlich übersetzt, ein Kind finden. Wie schön! Als Sprachaddict gleich in Bann. Das Projekt ist ein Versuch, das Tatarische vorm Aussterben zu bewahren, neu zu lehren und lernen.
Dann ein Schildkrötenschädel! Aus Bronze. Reißt nur mich vom Hocker: Wie, eine knöcherne Teilung im Hirnkasten? Der Künstler hat recherchiert, steht auf dem behindertengerecht aufgehängten Zettel. Cool. Aber, was hat er denn herausgefunden? Steht da nicht. Also mitnehmen die Frage für später.

Viel Input, nicht nur an diesem Ort. Und Entspannungsinseln wie Bänke, Liegesäcke, Kissen immer nah. Die kreisrunden Teppichrollbretter leider nur fürs Auge. Pflanzenmotive, Soundtrack könnte „The Secret Life of Plants sein, Stevie. Wonder!“ Ach, losbrausen. Kreise. Kugeln, Scheiben… Leute, das ist die Zukunft. Denkt an Mycelien, an Galaxien, an optimale Ausbreitungen. Beruhigende Formen. Basidemokratische Foren, Kollektive. Rund wie diese Reppichrollies.


Britto Arts Trust, Dhaka, Bangladesh: rasad (2022)


Instituto de Artivismo Hannah Arendt, INSTAR, Kuba

Level f
Next Level Ruruhaus, Menschen im Stuhlrund. Work in Progress, Cartoons in einem Schaukasten. Schattenkinder. Angst? Suche. Identität? Gepresste Blumen. Bücher. Back in the sun. Zum Urhaus. Fridericianum. Wo, als Pat das Licht der Welt erblickte, auch documenta gefunden ward. Viermal QR-Checkin: Piep. Gehts auch heller? Wisch. Piep. Wisch. Piep. Piep. Rein ins lumbung. ins kollektive Ökosystem. Wir verstehen nichtmal Bahnhof. Die Jüngeren sind drin. Besetzen sofort aufs normalste alles, worauf man fläzen oder interagieren kann. Oder hacken staunend auf der.. Schreibmaschine. Geht die? Ich suche einen Zettel, darf man hier doch, oder? Da, ein kreisrunder Aufkleber mit miniklein gedrucktem Satz drauf. “If you read this, your child will die from cancer.” Ich dreh den Aufkleber um und schreib: no!

Zurechtsuchen. Finden. Finden! Aboriginee-Unmut. Gemalt von Richard Bell mit großer Klarheit: Give us Land, not Hand-Outs. Oder Wandbehänge, oder die Dokumentation eines Projekts: Gehandicapte Kinder und Farbe! Spritzen, Manschen und den in blaue Farbe getauchten Kopf aufs Papier drücken. Sinngabe, Fokus, Erleben. Diese nach innen gekehrten Blicke. Die Farbe, man kann sie riechen. Die entstandenen Bilder daneben im Regal: Bitte nicht berühren.
Die Kraft der Archive. Der Kollektive. Sie wissen, wie man sich ausbreitet, sie müssten nur noch mehr Mut finden. Anderer Raum. Teppiche und Kissen. Filme aus West-Syrien. Rojawa. Gesang. Eine Frau im farbenfrohen Kleid. Strahlend vor der rauen Kargheit ihrer Landschaft. Eine Pracht. Sie singt von Schönheit, vom weißen Pferd, darauf die Braut. Wir singen unsere Lieder, sagt sie dann. Wir singen, solange wir können. Wenn wir sterben, sterben unsere Lieder mit uns.

Level d
Diesen Gesang nehme ich mit. Und die blank gewetzten Messer auf Ketten. Die Schwebenden, eingehüllt in vergangene Bänder. Gewalt, die Fischen und Menschen das Maul stopft. Eine Lunge aus Erdbeeren. Gewalt, die die Welt teilt, die wir Beschützten nicht zu spüren bekommen. Aber vielleicht den bunten, den kollektiven Gegenzug: „We are the paradigm shift in art education simultaneously dismantling systemic barriers.” Muss da nochmal hin.


 
 
 

Let’s Fotoherbst again – unsere “Isle of Lewis” goes Schömberg

3. August 2019 von Sylvia | Keine Kommentare


 

Yeah! Wir sind zum vierten Mal dabei! Unsere “Isle of Lewis, Insel der Weite” wird neben 23 anderen Profi-Serien Teil des 15. Schömberger Fotoherbsts sein. Dem Wettbewerb und Festival der Reise- und Reportagefotografie im Schwarzwald. Wir freuen uns!

Wind, Wasser, Felsen… So sehen die Basics der schottischen Isle of Lewis aus – deshab sind diese Elemente auch die Basics unserer Serie über die “Insel der Weite”. Fast vier Wochen lang erkundeten wir dafür als Reiseradler die größte der schottischen Inselkette „Äußere Hebriden“. Unser Plan: Lewis umrunden und auch ein wenig von Harris, der „nur“ durch eine Mittelgebirgskette getrennten Inselschwester anschauen – und am Ende eine Reisereportage produzieren – einige davon sind online: Hier oder hier.
Wir starteten dabei mit recht unterschiedlichen Vorstellungen: Einer von uns war schon mehrmals da, zuletzt allerdings vor fast 40 Jahren – eine von uns noch nie.

Lewis hat rund 20.000 Einwohner, Tendenz sinkend, weil es kaum Arbeit gibt. Allerdings kommen viele Touristen. Menschen, die die von steinernen Zeugen menschlicher Willenskraft ebenso fasziniert sind wie von der uralten Felslandschaft. Neben vielen verlassenen Häuserruinen zeigen Baumaßnahmen, dass man versucht, darauf zu reagieren. Mitten im Nirgendwo, oberhalb des Reef Beach etwa entsteht ein Café mit grandioser Aussicht.

Vielleicht bricht wirklich eine neue Zeit an. Junge Leute, die auf der Insel bleiben, machen Cafés auf (mit Angeboten für Veganer), bieten Ferienwohnungen an, Delfin-Besichtigungstouren oder Handarbeiten aus knallbunten Tweedstoffen. Kein Wunder eigentlich, denn im Laufe von zehntausend Jahren haben die Bewohner entlang den Atlantikküsten immer sehen müssen, wie sie den Gegebenheiten eine Lebensgrundlage abringen konnten. Dabei hieß es zusammenhalten und auch Fremde willkommen heißen – denn: Wer weiß, wessen helfende Hand man würde brauchen können. „Die See ist manchmal barmherzig, die Felsen sind es nie“ – mit diesen Worten wird im Inselmuseum ein alter Seemann zitiert.

Getaktet wird das Leben auf Lewis ganz sicher von Ur-Zeit. Kanada und Schottland gehörten einst zueinander. Schottland und England dagegen trennten (Meeres-)Welten. Geblieben sind dem Lebensraum die ältesten Oberflächensteine Europas – teils älter als die Alpen – und eine alles umwallende Gelassenheit. Wir haben uns während unserer Reise der inselüblichen Nicht-Hektik gerne angepasst – und etliche Reiseziele gestrichen, um mehr Zeit fürs Sehen zu haben. Gesehen und selbst gespürt haben wir, wie Natur und Landschaft die Menschen auf den Hebrideninseln prägen – aber auch, wie Menschen wiederum Natur und Landschaft prägen. Unsere persönliche Faszination für die Basics der Insel seht ihr life in Schömberg: vom 11.10. bis 10.11.2019.
Und bis dahin schon mal hier:









 
 
 

Finis: Wiesbadener Fototage

11. September 2017 von Sylvia | Keine Kommentare



 

Abgeholt.
Und noch auf den Weg bekommen, wie gut unsere Serie „auch bei Nicht-Fotografen angekommen“ ist. Genauso sollte es ja auch sein. Alles andre ist nicht Mumpitz, schon auch schön, aber doch eher Filterblasenfreude.
Vielen Dank allen, die uns für den Publikumspreis vorgeschlagen haben. Und vielen Dank an das Wiesbadener Fototage-Team für eine Superausstellung.
Nächste Woche: Sind wir wieder auf der
Dementia Road.
 

 
 

14. Schömberger Fotoherbst – wir sind dabei

8. August 2017 von Sylvia | Keine Kommentare


 
Ob es wieder Kürtös gibt wie vor zwei Jahren? Wir werden hinfahren, sehen – und berichten. Erst mal aber freuen wir uns sehr, wieder Teil des Schömberger Fotoherbstes zu sein. Unsere Reportage „Ich war ein Flughafen“ über das Arboretum Main-Taunus wird dort neben den Arbeiten der anderen Festival-Finalisten zu sehen sein.

Unser Beitrag zeigt einen idyllischen Ort mit dramatischer Geschichte: Unter dem Decknamen Schafweide legte die deutsche Luftwaffe 1937 im Taunus einen geheimen Fliegerhorst an, den Flughafen Eschborn. 1944 bombardierte die US-Armee den Platz, und nutzte ihn nach dem Krieg selbst. Später wurde er ziviler Güter-Flugplatz für die Post und das Technische Hilfswerk – die große Wende für den Platz jedoch kam durch den Frankfurter Flughafen. Die wütenden Proteste gegen die Startbahn West am Flughafen Frankfurt führten letztlich dazu, dass er in einen der schönsten deutschen Waldparke verwandelt wurde: Als Wiedergutmachung für den Kahlschlag im Frankfurter Stadtwald entstand das Arboretum Main-Taunus. Ein berückend schönes Kleinod mit einem alten Hangar als Herz. Uns gab dieser Ort den Impuls für ein längerfristig angelegtes Reportageprojekt über Arboreten.

Als erster Teil entstand die Serie „Ich war ein Flugplatz“, denn: das Arboretum Main-Taunus zeichnet sich durch seine faszinierende Geschichte und sein besonderes Konzept aus. Arboreten sind Gehölzsammlungen, die mit Stolz viele exotische Bäume zeigen. Auch so im Taunus, allerdings wurden hier Bäume und Sträucher so zusammengepflanzt, wie sie auch in der Mongolei, in Nordamerika oder Japan als „Waldgemeinschaften“ existieren. Als Besucher tritt man quasi eine Welt-Waldreise an. Als weißer Faden dient uns die Birke, die in Nordamerika ebenso wächst wie in China oder der Mandschurei. Die gepflanzten Exemplare zeugen von der großen Sortenvielfalt. Hängebirke, Papierbirke, Moorbirke… Natürlich beherrscht sie als Pionierbaum längst auch das alte Flughafengelände. Zwar ist der Zutritt für Waldbesucher verboten – aber möglich. Denn es ist ein längst nicht mehr geheimer Treffpunkt für Jugendliche aus dem Umland. Die Spannungsgeschichte eines Waldparks, der durch die Luftfahrt geboren wurde, die Nutzungsspuren von Mensch, Tier und Zeit sichtbar zu machen ist das Ziel dieser Serie.

Wer Zeit hat: Unbedingt hinfahren! Wegen der Ausstellung natürlich, um Inspirationen und Schwarzwaldluft zu tanken – und vielleicht gibt‘s auch wieder Kürtös…

Unser Beitrag zum 14. Schömberger Fotoherbst, dem internationalen Festival für serielle Reise- und Reportagefotografie vom 6. Oktober bis 4. November 2017:
 










 
 
 

Ausstellung: Die B-Klasse im Städel

2. August 2017 von Sylvia | Keine Kommentare

Fesselnd, trotz des emotionslosen Blicks, dieses Bubikopfmädchen auf dem Plakat „Fotografien werden Bilder / Die Becher-Klasse“. Dem Titel entsprechend sind Hilla und Bernd Becher nicht im Fokus dieser Ausstellung. Die Grafik an der Foyerwand des modernen Städelzweigs ähnelt einem Stammbaum, zackig zur Matrix werdend: Die Bechers an der Spitze. Begründer einer Dynastie. Die abzweigenden Linien führen zu neun wohlgehabten SchülerInnen.

In der Ausstellung zwar kein Wasserturm nirgends, aber dennoch frühe Becher’sche Leitplanken: Papierabzüge von Industrietoren, Fachwerkhäusern, Kohlesilos. Sehr schwarzweiß, sehr analog und auch sehr klein. Die Bilder ihrer Schüler anfangs noch ebenso analog, schwarzweiß – doch der bald kommt der erste Sprung ins Farbige und der nächste ins Digitale. Der noch gar nicht so lange her ist. Damit beginnt das Spiel mit der Wahrheit, dem Verschwinden der Doku, dem Dehnen und Größer- und Nochgrößerwerden.

Viel Langweiliges dabei, unter diesen berühmten Fotografien, die „international prägend“ waren, wie Kuratorin Jana Bergmann emotionslos vermerkt. Ein Großteil wirkt enttäuschend flach. Ob klein oder groß, schwarzweiß oder bunt spiegeln die meisten – über die Vorsätzlichkeit hinaus und in einfache Bildsprache übersetzt – ein gerüttelt Maß an deutscher, buchhaltérischer Leere.


 
Fotografien werden Bilder… Barbara Klemm sagt im Video zur Ausstellung ihrer analog schwarzweißen Fotos (die den Umbau der modernen Städelabteilung reportieren): “Die Bild-Komposition ist wichtig.” Sonst sei es Doku, aber kein Bild.

Einige der B-Klasse-Fotos aber sind stark über die schiere Größe hinaus: die vier Meter “Montparnasse” etwa von Andreas Gursky. Auch sein Panorama vom Gardasee. Im Bild “Passkontrolle”. zeigt er gar Humor. Noch witziger wird es in der Kombi mit dem Bild daneben, in der Lobby eines Großkonzerns aufgenommmen, wo am Empfang genau dieselbe Sorte Kontrollettis sitzen. Herrlich. Und auch schön: Candida Höfers Diaschau „Die Türken in Deutschland“. Dabei sind eigentlich große, menschenleere Räume ihr Markenzeichen. Bibliotheken, Hörsäle, Vortragssäle. “Ich dirigiere nicht gern”, gesteht sie im Museums-Video-Porträt. Und dass sie sich wohler fühlt, wenn da nicht so viele Menschen sind. Anfangs habe auch sie “noch ohne großen Aufwand” fotografiert. “Kleinbild und ohne Stativ”, schief manchmal.

Dann kam Technik. Kamen Großbanken als Auftraggeber für große Becherschülerbilder. Die in große Foyers passten und genügend monetäre Distanz ausstrahlten. Im gemeinsamen Video zur Ausstellung erklären Volker Döhne, Candida Höfer, Thomas Ruff und Thomas Struth abwechselnd, worum es ihnen eigentlich ging: Konkurrenz zur Malerei. „Wenn das Bild größer ist, ist die Wirkung anders“, sagt Höfer … Dazu der verknitterte Ruff ganz cool: Vorher sei die Fotografie den Sammlern am Arsch vorbeigegangen, aber bei der Größe „konnten sie nicht mehr wegschauen.“ Think big. Think Geschäftsmodell.


 
Vor den Bechers habe es nicht die Präsenz dieser Fotografie im Bereich der bildenden Künste gegeben, führt Ruff weiter aus. Heute dagegen hätten wir „eine Situation, wo eigentlich alle ganz normal mit dem Medium Fotografie als künstlerisches Medium umgehen.“ Ist das so? Sicher, Fotografie ist allanwesend. Aber der bewusste Umgang mit ihr, die Lesbarkeit ihrer Inhalte, die Bildsprachkompetenz sowohl der Sender als auch der Empfänger – hat all das mithalten können? Wahrhaftigkeit. Wieder landen wir hier, wieder beim Höhlengleichnis von Ulrich Metzmacher.

Und beim nächsten Video, gedreht im Palmengarten. Wo Jörg Sasse über Schein und Sein nachdenkt. Er verwendet überwiegend Fundfotos, die er bearbeitet. Urheber: Sternwarte, Amateur (Nachlässe), oder er selbst, weil er manchmal auch “knipst“. Knipst? Einer der neun Becher-Schüler. Apropos Fotografie, Natur, Palmengarten. Dort sind gerade die atemberaubenden Bilder des GDT-Wettbewerbs um den Titel des Europäischen Naturfotografen 2015 zu sehen (aktuell wird der 2017er Wettbewerb für die erstmalige Präsentation beim Naturfotografie-Festival in Lünen vorbereitet). Sorry, aber für uns sind es diese Naturfotografen, bei denen – unter (ebenso?) großem Zeit- Fleiß- und Technikaufwand plus Know-how über Ort, Flora, Fauna, Wetter – Fotografien zu Bildern werden.
 
 

Fotofestival Wiesbaden 2017: mit unserer Serie Dementia Road

31. Mai 2017 von Sylvia | 2 Kommentare


 
Acht Bilder für acht Buchstaben: DEMENTIA – damit sind wir eine Facette von Insight, dem Grundthema der Wiesbadener Fototage 2017. Gestern abend die Email: „Wir freuen uns Ihnen mitzuteilen…“ Und wie! Wir uns freuen!

Insight – Einblick nehmen, gewähren, aufzeichnen. Das war Ziel unserer Serie Dementia Road. Einen Zustand in Bilder fassen, der uns immer wieder an den Rand von Wahrnehmungskraft und Fassung bringt, und dennoch ausgehalten werden muss. Seit einigen Jahren leidet meine Schwiegermutter unter Demenz. Sie sagt: „Es ist, als wäre da ein Schwamm vor meinem Gesicht“. Wir wohnen drei Autostunden entfernt – wenn wir zu ihr fahren, wird die A3 zur Dementia Road. Dieses Mitfühlen ist beklemmend: Wie mag es sich anfühlen, nicht mehr zu wissen, wer man ist und wo. An einem ihrer letzten Geburtstage verwandelten sich die an unserem Auto vorbeiziehenden Schemen auf mystische Weise in Repräsentanzen ihrer schwindenden Erinnerung. Der Schwamm saugt alles auf.

Die Nebelkälte draußen entsprach unserer inneren Beklemmung. Wie sie sich verzweifelt mühte, die Teile zusammenzusetzen. Je mehr, desto vergeblicher. Furchtbare Denkschleifen, in denen sie hängenbleibt. Schlimm für sie selbst, für uns und für jene, denen wir davon erzählen. Die meisten schrecken zurück. Wollen lieber nichts hören. Als sei Demenz ansteckend. Die Angst davor ist es.

Eröffnung der Fototage: 26.8. um 19 Uhr im Kunsthaus Wiesbaden
Schwalbacher Str. 53, 65183 Wiesbaden – Vernissage mit Musik von ROBERT LUCACIU bass/Composition/cello, Eintritt frei.

Diese Bilder hängen vom 26. August bis 10. September im Wiesbadener Ministerium für Wissenschaft und Kunst:

 
 

Ausstellung: War on Wall

5. August 2016 von Sylvia | Keine Kommentare

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Auszeit. Ein Tag Berlin auf dem Mauerweg, auf Locationsuche für ein Panorama. Mauer also. Beton. Eisenstangen. Sogar die Reste irritieren noch. Wir passieren einen alten Wachturm – links eine Hochzeit mit Herzchenballons und Korkenknallen, dahinter Roma auf Klappstühlen und rechts auf einer Infotafel aus Plexi alte Fotos. So hat es früher ausgesehen. Etwa 30 Jahre her. Als ich geboren wurde, ist diese Mauer hochgezogen worden, als unser Sohn geboren wurde, wurde sie durchbrochen.

Dann wieder ein Stück Beton und Berlin und plötzlich quietschbunt: die East Side Gallery. Graffiti vom Feinsten. Schönes, Psychedelisches, Abgefucktes, Poetisches – alles, was die Scene so drauf hat. Die Mauergalerie ist – Geschichte? – durch hohe Zäune geschützt. „Zerstörung“, warnen Schilder „werde verfolgt“ und bestraft. Ich fahre Mietrad, sauge Farbe, lese Kronkorken. Ein Hund pflückt ein Frisbee aus der Luft.

Es ist heiß in Berlin. Das Gras gelb und und wir folgen der Mauer und plötzlich sind wir hier: War on Wall – Kai Wiedenhöfers Syrien-Doku. Fast dran vorbeigefahren. Riesige Panorama-Fotos. Still aber berstend vor Gewalt. Kobanes Straßen in Schutt und Asche. Zerfetztes Welllblech, Trümmer, zerbombte Häuser. “So sah es auch mal in Europa aus”, erinnert der Berliner Fotograf und schreibt, dass er immer wieder nicht glauben könne, was Menschen einander antun.

Packender Einführungstext. Sein erklärtes Ziel: den Betrachtern die Menschen nahe zu bringen. Zwischen seinen Wahnsinns-Panoramen der kaputten Stadt in gedeckter Schutt-Farbe ragen deshalb überlebensgroße, und sehr farbige Porträts auf. Gehen ins Auge, unter die Haut. Das Mädchen etwa, 11 Jahre, das durch eine Fassbombe seine ganze Familie und ein Auge verlor. Kleinkinder, Teenager, junge Männern und Frauen, alte Frauen und Männer – mit furchtbaren Verletzungen, mit Arm- oder Bein-Prothesen und mit Blicken aus Metall. „Die Medien“, schreibt Kai, die Medien informierten nicht mit ihren Nachrichten, sie klärten nicht auf. Im Gegenteil: Die absurd und zugleich obszön unverständlichen und damit sterilen Zahlenblöcke seien ein Schleier, der echte Tote und echte Verletzte verbirgt. Seien letztlich das Schmiermittel für weitere Kriegshandlungen, weitere Tote und Verletzte, weiteres Leid.

Wand auf Wand: Als ich die Geigerin sehe, knickt mir alles weg. Ein kleines auf eine Hauswand gemaltes Bild, die zugehörige Wohnung weggesprengt. Nur diese Mauer steht noch. Voller Einschüsse. Doch das Mädchen im himmelblauen Kleid führt noch den Bogen. Wer hat das gemalt? Romeo, 08. Schwarzes Haar, ernstes Gesicht um sie herum wachsen Bäume in einen schwefelgelben Himmel.

Später lese ich in der Photo-News, dass der Fotograf die Ausstellung verschiedenen Institutionen und Museen angeboten hat. Keine wollte die Ausstellung. Ja, die Geschehnisse in Syrien sind schlimm. Aber… Als Ausstellung? Krieg auf der Wand? Die Time habe ein paar Porträts von Verletzten online zeigen wollen, erzählt Kai Wiedenhöfer im Interview. Wollte 500 Dollar dafür zahlen – „einfach ein Witz“.

Dann lieber hier. Und besser hätte der Ort nicht gewählt sein können. Der brutale Abriss der Stadt Kobane an der Grenzlinie zum IS direkt vor den Kränen und dem irren Wachstum Berlins. Vor dem blendenden Mercedes-Stern. Die Flaneure werden still. So viele Betrachter wie hier – vor allem so viel unterschiedliche, wie Kai Wiedenhöfer selbst betont – die ihren Schritt verlangsamen, denen er ein Peace-Korn mitgibt, hätte ihm kein Museum eingebracht. Wir folgen der Mauer. Der Geschichte. Berlin.

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War on Wall – Fotografien vom Krieg in Syrien auf der Berliner Mauer
Noch bis Ende September und frei zugänglich
Mühlenstraße, West Side Gallery
(so heißt, die der Spree zugewandte Rückseite der East Side Gallery )

Es gibt auch ein Buch vom mehr Städte umfassenden Wall on Wall-Projekt – denn Behindernde gibts überall, daher überall auch Mauern, Grenzen..
Das Buch: Confrontiers

 
 
 

The only Limit – im Buchladen

11. April 2016 von Sylvia | Keine Kommentare

The only Limit: "Spielgrund" im Buchladen
 

Eine kleine Ausstellung im Buchladen unseres Vertrauens: Meichsner&Dennerlein. Diesmal die Serie The only limit is the Sky… Wir freuen uns und empfehlen diesen Lesegrund, der beharrlich entgegen dem Buchladensterben-Trend gedeiht, aufs Wärmste.

The only Limit is the Sky: "Freiheit" im Buchladen