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Schottland – Reiselogbuch #3

22. Oktober 2018 von m&m | Keine Kommentare

5. Juli


 
Nach Uig am Geburtstag unseres Sohns. Erinnerungen an die Geburt und Gedanken an den heute 29jährigen sind mit uns.

Der Weg – Weite. Darüber Wind. Das Gras schüttelnd, den Fels schrubbend. Am Weg Findlinge, mit hellen, kreisrunden Flechten besprenkelt. Unterwegs: Eine Schotttendistel in weiß. Ein gutes Omen?

Wind und Wind und Wind. Ein Straßentag mit Hänger. Tiere sehen wir hauptsächlich als Wildunfälle der Straße. Roadkill. Ein toter Marder, Kaninchen, ein Rothirschskelett. Vor ein paar Tagen sah ich eine prächtige Möwe, als lebe sie noch, am Ortseingang von Stornoway. Auf unserem letzten Ausflug einen Igel, eine Sperberin. Ansonsten ist die Landschaft karg. Lässt dir Platz bis zum Horizont. Meist sind wir unterwegs die einzigen auf der Straße.



 
Wann sind wir endlich da? Ich glaube den Weg verloren, uns verirrt. Es geht immer nochmal um die Ecke, immer kommt noch eine weitere Biegung – und kein Schild weit und breit. War da nicht vor etlichen Kilometern eins? Richtung Camping, in eine ganz andere Richtung?? Schon recht spät jetzt. Pat, der den Hänger hat, völlig platt. Schnauft: „Ich kann nicht mehr treten.“ Aber wechseln will er nicht.

Endlich tut sich was rechterhand. Ein ellenlanger Strand, wie angekündigt. Pat zeigt dorthin: da unten muss es sein. Wir folgen mit dem Blick unsrem Straßenband, realisieren, dass es sich vom eigentlichen Ziel da unten geradeausweg bewegt, dann windend und schlängelnd wieder hin. Hrgh! Zuur–Hölle.

An der letzten Biegung zwei Rothirschkühe. Sie stehn im Eck eines umzäunten Grundstücks. Rechts von ihnen Fels, vor ihnen wir – Aug in Aug. Kurzer Blick, wenden und ab!

Der Zeltplatz wie versprochen: Direkt am Strand. Wir gehen weit nach vorne, wo es nur wenige Leute hat. Die Wildzelter. Die meisten sind näher dran am Häuschen mit den Sanitäranlagen – und dem Strom.


 
Die meisten mit Wohnmobilen. Immer wenn uns so eins auf der schmalen Ministraße überholte, fand ich sie furchtbar. Unpassend, wie sie in der Blase ihrer mitgeführten Komfortzone vorbeieilten, als sei die Zeit gleich um. Während wir uns mit letzter Kraft und Disziplin hügelan arbeiteten. Nein, kein Neid. Mochten sie ohne die Säure der Anstrengung dahinsausen. Ohne Mumm. Pah.

Und endlich da: Zeltaufbauen. Zur Ruhe kommen. Irgendwann merkt Pat: seine (beste) Outdoorflasche ist weg. Muss bei der letzten Rast mit Hängerabwechslung unbemerkt liegen geblieben sein. Die ist wohl weg, ärgert sich mein Mann. Schaunmermal. In ein paar Tagen, wenn wir weiter fahren, kommen wir ja dort wieder vorbei… Dumm. Aber den Höllenritt zurückfahren und gucken will keiner von uns.

6. Juli

Moin Uig!
Morgens feucht und trüb. Am Strand alles voller Fußspuren – Menschen, Hunde, Wasservögel. Und was für ein Strand. Flach und weit – und dazu windet er sich immer an der felsigen Küste längs. Bei Ebbe gehts kilometerweit und immer wieder um eine Klippenecke. Zum Verlaufen groß. Bis zum Meer braucht man fast zehn Minuten. Von oben schauen oft majestätisch die Hüter der Höhen, die Schafe herab.



 
An den frischen und alten Spülsäumen des Meers viele abgerissene Tangwedel. Filigrane federartige, fast weiß bis schlammbraun. Oder große Äste mit Blättern, die wie transparente Kunstlederriemen aussehen. Dazu curryfarbene mit Luftpölsterchen… Manche fühlen sich wie Papier an. Foto! Bitte zuhause Cyanos draus machen.

Pat kocht. Entspannt ihn, schmeckt mir. Jeder von uns greift nach einem Happen Zeit. Zeit fürs ankommen, sich finden, sich rauswagen, sich rausfühlen und eins werden mit dem Leben draußen.

Wind, Wind! Bisschen Sonne auch heute, die das atemberaubende Strand-Düne-Berg Panorama sehr cool ausleuchtet.

7. Juli



 
Ganz Sartre. Jeder auf sich geworfen. Jeder unter dem Blick des anderen. Ihn mal wünschend, ihn mal meidend oder drunter leidend. Die Alltagsmahre derweil an der Schädelnaht kratzen. So ringt jeder mit seinen Störsendern, diesen ungelösten, sich immer fester ziehenden Denkknoten. Die geruhsame Freundlichkeit der Inselschotten tilgt indes manches. Lindernd wie Balsam: Hi Dear. Are you okay?

Eine wachsende Population von Fischottern soll auf Lewis leben. Ich also meine Fährtenleser-Basics, das “Messbesteck”, immer griffbereit. Die Augen otterspottrig geweitet. Allerdings auch hier, im Regenland, dies Jahr alles viel zu trocken. Spurenlesen für Fortgeschrittene. Die Flussufer steinig oder durchzogen von Wurzelwerk. Ich finde nichts. Keine Fraßspur, kein Trittsiegel, keine Losung. Von der Sichtung lebendiger Exemplare ganz zu schweigen. Wollte ich ernsthaft suchen, müsste ich wohl ein, zwei Tage nichts anderes tun. Aber wir wollen ja die Insel gemeinsam erkunden …

Morgens am Strand ein Greifvogel mit Beute in den Fängen. Was genau, ist nicht auszumachen. Dass er trotzdem rüttelt?! Keine Kamera griffbereit.




 
Einkaufen. Der nächste Shop liegt oben an der Höllenritt-Straße – maximal fünf Kilometer von uns entfernt, trotzdem haben wir keinerlei Ambitionen, mit dem Rad hin zu fahren. Das Fahrradhirn streikt. Die Quälerei der Hinfahrt noch recht präsent. Aber Luftlinie und zu Fuß sieht es doch viel kürzer und einfacher aus – oder?

Tatsächlich. Lauflust pur! Wir queren die saftgrünen Schafswiesen, mit ihren omaweichen Torfpolstern und nutzen die Wege von Torfstecher und Schaf. Bei normalem Wasserstand ohne kniehohe Gummistiefel sicher kaum passierbar. Wir folgen den Tierpfaden, klettern über Weidezäune und stehen im Community Shop wie kleine Kinder. Solche Shops gibts hier überall in der Pampa der Insel Lewis. Gemeindeläden, wo man fast alles bekommt. Vom Handykabel über Hommus-Brotaufstrich bis zum Whisky. Letzteren allerdings erst ab 10 Uhr (Kinderschutz).

Da wir zwar keinen Whisky aber Wein und Cider mitnehmen wollen – und es halb zehn ist –, trinken wir noch einen Kaffee vorm Einkaufen. So der Plan. Pat wartet draußen, ich ordere Kaffee und werde zur einer Riesen-To-Go-Maschine geschickt. Ich brauche viel Assistance, bis ich gerafft habe, was bei diesem KI-Kaffee-Monster zu tun ist: Erstmal passende Münzen einwechseln. Nur 50-Pence-Stücke (und nur neue!), dann eine Sorte Kaffeeflavour aus 10 möglichen auswählen. Das entsprechende Tütchen aus der Schublade picken, in die Vorrichtung pfriemeln – Go, die erste. Für den Cappuccinogeschmack ein weiteres Tütchen aus einer anderen Schublade. Auch wieder vorsichtig in den in den Schlitz fummeln – aber nicht zu tief, sonst: „Sorry, can you please help me?“ Dann muss der Verkäufer die Sauerei wegmachen, vielleicht ist dann auch noch das Wasser alle. Dritter Versuch und PUSH! Stunden später hatten wir unsere Cappus.

In der Kaffee-Ecke ein Mini-Heimatmuseum, mit Lokalinfos, Brettspielen, Büchern. Büchern! Selten so viele Leute lesen gesehen wie hier auf der Insel. So sehen Beschäftigungen aus. Kein Internet, nix. Auch am Zeltplatz nicht. Dafür Spülplausch. Sehr sozial hier die Jungs. Beim Spülen wirste eingeladen zur Offenen Party am Reef Beach, hörst von den besten Möglichkeiten zum Kitesurfen. Oder wirst getröstet, wenn du wieder mal keine Delfine gesehen hast.

8. Juli



 
Vom Zelt aus im Blick: Unser Hausberg Suaineabhal. Riesenberg. Viele Winter und viele Sommer sah er kommen und gehn. An Schottlands Küsten hier oben im Norden gibt es aufgrund von Urgesteinsbewegungen die ältesten Oberflächensteine Europas – teils älter als die Alpen. Das Gebirge war mal höher als der Himalaya.

Suaineabhal, unser Blickberg, ein karges Adlerheim. Sich jeden Tag wie ein Chamäleon wandelnd. Manchmal ganz im Nebel. Immer dominant. Und rund wie eine liegende Brust; mit Spitzchen. Das haben alle Berge hier, obendrauf ein Steinmännchen. Wir fotografieren ihn bei jedem Licht, allen Wettern. Heute morgen im Niesel: Regenwolkenschleier bis zum Boden; das Licht grandios. Nordlicht, Meerlicht. Wir saugen es ein. Trinken und trinken. Die Farbe des Meeres: türkis.

Neue Nachbarn heute, leben sonst auf Skye. Sie stammt von dort, ein Mädchen von den Inseln. Drei, vier Jahre älter als ich. Mit Hund – Spenster. Man könnte problemlos neue Freunde finden. Hier weit draußen. In aller Ruhe. Man braucht nicht viel sagen, nicht viel tun, lernt sich trotzdem ganz gut kennen.

9.7

Gallan Head


 
Nahe bei gibt es noch einen Delfin-Aussichtspunkt, der wie viele Tier-Beobachtungspunkte an der Küste mal eine Militärbasis war. Wir fahren hin im Wind, werden dort vom Wind gezaust und fahren zurück im Wind. Die Siedlung kurz vom Aussichtspunkt, wie aus einem Film. Der Militärschrott unübersehbar präsent. Prägt eine seltsame Atmosphäre. Können Kinderspielzeug und bunte Vorhänge nicht wett machen. Sehr Nord. Sehr Pragmatisch. Wir leben hier. So what?

Der Gallan Head Aussichtspunkt selbst – gespenstisch. Alte Bauten, zusammengestürzt oder zerstört, alte Kabel, tot hoffentlich. Als wäre ein Krieg drüber gefegt. Ich denke an die Bunkerkette der Normandie. „Danger – Mines!“ stand damals am Beton. Hier steht außen an einer Mauer geschrieben: Danger! High Voltage! Drinnen eine Graffiti-Grimasse.

Der Ort voller Vogelwächter, die uns auf Schritt und Tritt begleiten. Möwen und Austernfischer schimpfen: wegwegweg! Wir kämpfen uns vor bis an die windigen Klippen. Wir finden jeder für sich einen guten Sitzplatz auf dem grau-weiß-schwarz gesprenkelten Fels. Können uns nicht satt sehen. An der Weite, am Blau des Meeres. Am Flug der Basstölpel, Tauchen der Kormorane.

10.7.


 
Ein Tag Fährtenlesen. Ich schwärme aus: Wer frisst eigentlich all die Kaninchen? Fellreste, Pfoten, Wirbelsäule, Schädel, Hüftknochen… Liegt alles bunt verstreut herum. Ich sehe einen Bau, eine Fleischverpackung tief im Eingang. Wer wohnt hier? Spuren trotz des Regens vorher leider undeutbar. Der Sand schon wieder trocken. Regenpfeifer, Bachstelzen und Steinschmätzer warnen. Manche von ihnen bewohnen offenbar auch Kaninchenbaue und behalten mich im Auge, während ich fotografiere, notiere, zeichne…

Schnuppere und aufnehme: Duft der Wiesen. Frisches, grünes Gras, Blüten. Heublumen. Kräuter mit großen weißen Dolden wachsen hier, Orchideen (geflecktes Knabenkraut), teils blasslila, teils dunkelviolett – wie hängt das mit den Böden zusammen? Wir haben hier Torf, Humus, Sand. Bis heute der Boden meist rissig-trocken.

Draußen regnets, ich wälze meinen Naturführer und bestimme die Dünenflora: Strand-Hafer, Gras-Nelke, Sumpf! Sumpf! Sumpfdotter, Schaf, Schafgarbe, Gäns – Frauenmantel, Gänseblümchen, Kna-benkraut! Pissnelke, Orchidee, und Thy-mi-an. Hi Dear, Pfennig und Labber, Labber und Pfennig. Lab-kraut, Pfennig-Gilb-Weiderich!



 
Gestern kamen wieder neue Nachbarn. Aus Glencoe diesmal – später erfahren wir, dass es Landsleute sind. Expats aus dem Ruhrpott. Sie bauen ein cooles, tipimäßiges Spitzzelt auf. Haben wir vorher noch nie gesehen (danach hatten wir nochmal dänische Nachbarn mit so einem Zelt, aber ne Nummer kleiner und von einer andren Marke). Dass es Deutsche sein müssen, dachte ich mir beim Namen des Hundes: Momo. Sie schlafen darin im Kreis an der Zeltwand entlang. In der Mitte wäre Platz für ein Feuer, aber das machen sie nicht. Der Superhund wacht draußen. Muckst sich nicht, wenn die Tiere vorbeikommen, die hier zuhause sind. Entspannteste Familie ever. Heyho Leute, wenn ihr das lest: Schön euch kennengelernt zu haben.

Ein anderer Nachbar ist kaum zu sehen. Ein Minimalist. Rennrad, Biwaksack – fertig. Nur das mit dem Essenstransport sei ein Problem. Aber Taschen wie wir – er schaut auf unsren Hänger, die Packtaschen. „Bewundernswert“, sagt er (was meint er wirklich?) „Für sowas bin ich zu faul.“ Wir finden auch ihn bewundernswert. Mit seinen eher unpraktischen Anziehsachen und dem Schlafplatz unter der Uferböschung, die ihn nachts wie ein Dach schützt.

Wir packen im Niesel. Die Familie bleibt – wir winken einander. Bereit? Wir starten zum nächsten Wellenritt an Land. Next Stop: Bosta Beach.

 
 
 

Schottland – Reiselogbuch #2

14. September 2018 von m&m | Keine Kommentare

Fáilte gu Stornoway!


 
Nicht so riesig wie die erste Fähre, aber immer noch verdammt groß – der Pott, mit dem wir Ullapool hinter uns lassen. End-lich Reise-Radler. Wir sind überreif für die Insel Lewis, die in anderthalb Stunden aus dem Dunst auftauchen wird. Vor uns drei ganze Wochen Zeit.

Für mich ist alles neu. Pat hat zumindest eine Vorstellung dessen, was uns erwartet, auch wenn sein letzter Schottlandtrip mehr als 40 Jahre zurückliegt. Ich sonne mein Gesicht und errücke mir, Zentimeter für Zentimeter nach vorne rutschend, einen guten Fotoplatz in der ersten Reihe. Hart am Wind, das Tele im Anschlag scanne ich die Wellen. Rechts und links, hoch und runter – schließlich haben mir alle versichert: Du wirst Delfine sehen.

Und ich bin nicht allein: Rund um mich lauter Erwartende, Ferngläser und Teles zielen sich in alle Richtungen. Wie kann man nur unten in den Sitzen hängen, wo das doch so spannend ist? Da? Hinten! Großes geraune um mich herum. Ja?! Nur Wellengischt. Zarte Brise, sanfte See – kein Tier. No Dolphin weit und breit. Bis kurz vor Schluss; da waren doch welche, oder? Ich erhasche die Bewegung aus dem Augenwinkel, da war was – und schon sind sie weg. Wie das Traumbild beim Aufwachen.


 
Heyho Stornoway, da sind wir. In der heimlichen Hauptstadt der Insel werden Fahrradfahrer gezählt, das Hafenleben lockt, und wir können alles einkaufen, was unser Herz begehrt – und die LKW-Fahrer auf die Fähre bringen. Ich liebe die Werbung auf den Tesco-Trucks: „Our Avocados welcome careful drivers“.

Fast jede Tour starten wir in Stornoway. Auch wenn wir – von unserem Campingplatz im drei Kilometer entfernten Laxdale gesehen – eigentlich in die andere Richtung müssten. Aber nach einem zweiten Frühstück fährt es sich einfach besser. Ich hole Cappuccinos und was zum Schnabulieren aus dem Blue Lobster Café am Hafen. Pat sichert uns einen rauchergeeigneten Sonnenplatz an den nahegelegenen Holzbänken. Urlaubsrituale at it‘s best. Ich balanciere die heißen Becher sowie ein Tütchen mit Scone, Erdbeermarmelade und Butter für Pat und ein Stück lobsterleckeren Kuchen für mich. (Jeden Tag einen anderen – Crunchy-Brownie, Bakewell mit Kirschen und Marzipan… Sylvia im Kuchenglück. Darüber werde ich noch mal extra schreiben müssen.)

Das Hafencafé gibt es jetzt genau ein Jahr, erfahre ich beim Warten. Einer der Gäste, der die Chefin offenbar gut kennt, fragt wie die Geschäfte laufen. Die rundliche Cafébesitzerin, deren mütterlicher Ausstrahlung wegen man sich ihr am liebsten in die Arme werfen möchte, strahlt ihn an – sie sei zufrieden. „Es läuft gut!“ Es sind Cafés wie ihres, das den Inseln ein modernes Flair verleihen. Vor gut 40 Jahren, als Pat zum letzten Mal hier war, gab es sowas noch nicht. Draußensitzen?!? Aber bei uns ja auch nicht. Wir kannten das damals nur aus Frankreich.



 
Jedes Mal, wenn ich im Lobster unser Frühstück hole, versuche ich, statt dem Holzlöffel einen echten zu bekommen. Aber: Draußen nur To-Go, also Wegwerfprodukte. Hin und wieder gelingt es mir doch und ich bringe ihn auch immer brav zurück. Nur einen echten Cappuccinobecher aus Keramik, den gibs nicht. Drei Wochen später – als wir am Ende unserer Reise den Kreis schließend wieder hier frühstücken – erfahre ich, warum. Anfangs habe man für draußen auch Geschirr und Besteck ausgegeben, aber es wurde kaputtgesschmissen oder geklaut. Bitter.

Bitter wie das ganze Das Outdoor-Müllproblem. Auf der Fähre, auf dem Campingplatz, in unserer mobilen Küche – also überall beim Draußenleben fällt um einiges mehr Plastikmüll an, als wir je zuhause akzeptieren würden. Trotzdem ist das zweite Frühstück im Blue Lobster ein Muss.


 
Basis und Hafenglück

Das vermeintliche Scheißkaff (Erklärung hier, in #1) ist unsere erste Basisstation. Von hier aus gehts zu unseren – von Pat schon zuhause gut geplanten – Ausflügen. Auf die Halbinsel Eye zum Tiumpan Head, nach Tolsta Beach und nach Calanish – oder in den Schlosspark unseres Base Camps. Das Augenfälligste bei unserer Ankunft: Nice day! Also nicht die ironische Version, die im Grunde nichts andere heißt als “Schon wieder Schietwetter verdammte Hacke!” Nee, richtig strahlend schöner Sommerurlaubshimmel! Tagelang… Pat ist überrascht. So warm!?! Das hätte er sich nicht träumen lassen.

Schottland schwitzt! Es ist ein Traum für uns Touristen – das ist die eine Seite. Die andere natürlich ist von Mangel geprägt: viel zu wenig Wasser. Fast trocken gefallene Flüsse, Wasserfälle, die zu Rinnsalen geschrumpft sind. Das ganze Land durstet. Später werde ich erfahren, dass dieser Sommer schon mehr Sonnenstunden hatte, als die letzten drei Jahre zusammen. Klima? Wandel!

Zum Abkühlen drehen wir eine kleine Runde durch den Park – ein Märchenpark. Urwüchsige Natur, Hobbitland, Inselwald. Keine Verbote hier, jeder darf alles. Nur Warnungen wie: Achtung schnelle Radfahrer! Und wieder das fehlende Nass. Auch River Creed, der mitten durch den Park fließt, führt zu anderen Zeiten wohl doppelt so viel Wasser. Die Felsen am Ufer rascheln mit ihrem trockenen Algenkleid.




 
Die Ufersteine sind weiß gesäumt. Die Gischtlinie als Wasser-Landgrenze. Eiweißschaum, der sich verteilt und als weiße Punkte den Fluss tüpfelt. Steinspalten und Verengungen fügen die Bläscheninseln zu Zungen und Streifen, die das wirbelnde Wasser mustern. Felskessel und -löcher schieben den Schaum zu Teppichen, lassen ihn kreisen.

Wir Wanderer im Hobbitland können die Augen kaum lösen von den Spiralen und ovularen Bewegungen, die ein Leopardenband über den Fluss ziehen. Was färbt das Wasser so rot? Eisen? Es gibt hier mehr rote Flüsse. Einer heißt sogar „Red River“, eine Whisky-Destillerie steht dort. Später an den Uig Sands werden wir ihr begegnen. Zum Meer hin wird das Wasser dunkelgrün, gescheckt von den Mini-Inseln weißer Bläschen. Mit etwas Glück kannst du dort Forellen springen sehen.




 

Der Schatz der Hebriden

Im Schlosspark zieht uns das Kulturarchiv der Hebriden an. Im Grunde ein Heimatmuseum, Eintritt kostenlos – und das bei diesem hervorragenden Konzept. So gelungen, so viel fältig angelegt wie das Besucherzentrum der Messeler Grube (und das ist richtig familienfeindlich teuer).

Am Eingang gleich mal ein bisschen Gänsehaut. Weltkrieg zum Empfang – erinnert wird mit Bild- und Texttafeln an die Geschichte eines Schiffes, das nicht in Kriegsmission unterwegs war, aber dennoch von einem deutschen U-Boot torpediert wurde. Drei Rettungsboote konnten noch abgesetzt werden, trotzdem es innerhalb von acht Minuten sank. Die Geschichte eines jeden Bootes wird detailliert beschrieben – und sogar die Geschichte des deutschen U-Boots weiter verfolgt. Das U-Boot wurde später in Bermuda angegriffen, sank und verlor jeden Mann.

Im ersten Raum dann Funde aus der Eisenzeit und älter – Schmuck, Kämme, Werkzeug. Auch Pfeilspitzen aus verschiedenen Materialien. Sofort habe ich eine Textstelle im von Robert Macfarlanes „Alte Wege“ im Sinn. Der Glückliche! Hat so ein historisches Kleinod einfach am Strand gefunden.
Geschichten und Bilder aus vergangen Zeiten, Manches liegt zwei, drei Generationen zurück – anderes könnte vorgestern gewesen sein. Die Menschen der Inseln. Hart im Nehmen. Mit ihren von Generation zu Generation weitergegebenen Erinnerungen und Erfahrungen – der größte Schatz der Inseln. Das zu vermitteln schaffen die Ausstellungsmacher grandios. Portraits stellen die Menschen in ihrer Vielfalt vor. Tonaufnahmen geben Zeugnis ihres Denkens und Lebens. Kopfhörer auf und Elizabeth oder Norman zuhören.

Ein Inselpuzzle




 
Oder der Musik. Lieder, die harte Arbeit und Lebensumstände spiegeln – aber auch die pure Freude des Daseins. Eintauchen in eine Welt, in der man sich viele Fertigkeiten aneignen muss, um zu überleben. Nicht immer jemand erreichbar, den man rufen könnte. Die wiederum, die da sind, müssen zusammenhalten – auch das eine Überlebensstrategie.

Die Community-Centers daher echte Treffpunkte. Speicherorte des lokalen Wissens, Herz der lokalen Lebensart. Mit Café, Bibliothek, Heimatmuseum und Dusche. Aber samstags und sonntags geschlossen – sie sind nicht alles. Zusammenhalt ist das Gewerk – Kirche und Familie Gerüst.

Alle Texttafeln, alle Tonaufnahmen gibt es auch auf Gälisch. Ein weicher Singsang, der dem ungeübten Ohr keinen Anhaltspunkt gibt. Ich verstehe nichts. Dazu ein Gedicht von Donald S Murray:
 
Language

Gaelic was sewn into us like grains
of oats, turnip seed, split potatoes
ploughs folded below earth each spring.

It took root among the small talk
villagers stacked at peat-banks
or found gleaming in green fields,
Or when the sharp blade of their tongues
cut through each crop of scandals
that was the season’s harvest in some homes.

Yet now croftland lies fallow.
Winds keen through rush and nettle.
Cold showers of thistledown blow

Where potatoes stalked and blossomed
and the words of English broadcast on the air
find strange, new seed-beds on our lips.

The Land

Natur und Landschaft prägen die Menschen hier – und die Menschen prägen Natur und Landschaft. Auch das steht irgendwo im Museum. In diesem Kontext steht das Bild eines Ereignisses aus dem 18. oder 19. Jahrhundert: 176 Wale strandeten damals im Hafen von Stornoway. 74 wurden abgeschlachtet – „for their meat and blubber“. Natürlich sahen die Menschen damals in erster Linie ihre Chance, einfach an Fleisch zu kommen.


 
Auch spannend die Schilderung des Lebens in einem Black House, einer Bauernkate, die früher bei Fischern und Kleinbauern üblichen war. Eine Frau wurde dafür interviewt, die noch eigene Erinnerung daran hat: „It was so cosy“ Always a fire in the middle of the house. And there were nice tables and stools – all made from wood.“ Rauchig war es wohl darin. Die Wände und der Boden seien aus Lehm gewesen und immer wieder abgewaschen worden. Wie gut, dass jemand diese Interviews geführt hat.

Der Ausgang des Museums ist hell, nicht zugepflastert mit Exponaten, man geht wie durch eine Wahrnehmungsschleuse – am Ende trifft mich diese Texttafel: I love the wind here; I just love all of it here, wind, rain and sun.

Als wir voll der Eindrücke vor unseren Fahrrädern stehen, das Schloss anschauen und dabei unsere Schlösser aufschließen spricht uns eine Frau an: Wie es uns hier gefiele, was wir denn vorhätten, wo wir noch hin wollen… Wir werden diese Fragen noch oft hören und immer, wenn wir dann antworten, glimmt Wohlwollen und Stolz in den Gesichtern der Fragenden: Ja! so schön ist es bei uns, dass die Menschen sogar aus Germany herkommen.

Aber sie mit dem knallroten Outfit und Klemmbrettern unterm Arm hat noch eine besondere Frage: Ob wir jemanden Gälisch sprechen gehört hätten bisher? Ich so: Hm, keine Ahnung, und wenn, ich hätte ja nichts verstanden. Darauf sie: Es gibt viele Deutsche, die Gälisch lernen. Wie?? Ja, an einer Uni in Bonn. Und regelmäßig kämen dann diese Studenten nach Uist um ihre neu gelernte Sprache zu erproben. Ein Projekt für die Zukunft leuchtet da auf. Das könnte mich reizen, schließlich wollen wir wiederkommen. Fast schon gebucht.



 
Moor, Strand und Steine

Tolsta Beach ist unser erster Ausflug (mit Anhänger) und unser erster Tag mit Regen. Wir fahren mit voller Regenmontur – und freuen uns, als am Strand die Wolken sich ballen und trollen. Vor uns türkisfarbenes Wasser, weißer Sand, rote Felsen. Ein Karibikstrand. Megaschön. Und fast nur für uns. Wir laufen und gucken. Wir gucken und laufen, bis wir nichts mehr aufnehmen können.

Nächstes Ziel: Tiumpan Head, die Spitze der Halbinsel Eye mit einem Leuchtturm. Auf der Zufahrt lockt ein Friedhof. Alle Toten hier haben Meerblick – oder jedenfalls ihre Grabsteine. Ich frage den Friedhofsgärtner, ob ich ihn fotografieren darf. Norman stellt sich in Pose. Klar. Er stammt vom Nordzipfel von Lewis, sagt er und erzählt mir auch gern etwas auf Gälisch.




 
Dann fragt er, ob ich vom Desaster der Inseln gehört hätte? Nein. also erzählt er mir von der Tragödie: Ein Schiff mit Soldaten – lauter mutige Männer, die den Weltkrieg überlebt hatten, darunter einige Verletzte – war auf dem Weg nach Hause. Kurz vor Erreichen des Hafens in Stornoway jedoch verlor der Kapitän die Kontrolle. Das Schiff zerschellte an den Klippen. Dabei waren sie fast zuhaus. Die See hat manchmal Erbarmen. Die Steine nie – alle Männer ertranken.

Zum Tiumpan Head zu fahren war mein Wunsch – man soll hier Delfine sehen können, und Tümmler und so. Die Klippen sind herrlich. Wir sehen Seehunde. Austernfischer, Möwen, Sturmtaucher. Delfine? Nein.

Schließlich Calanish – die Standing Stones muss man gesehen haben. Das fanden natürlich nicht nur wir. Ein schöner Ort – ich wäre gern noch herumgestreift. In der Ferne sehe ich einen Greifvogel. Ein großer. Zuhause identifiziere ich ihn: ein Steinadler – Yeah!

Die Landschaft großartig. Weite. Weite und Weite. Am liebsten würde ich ständig anhalten und schauen. Wir saugen alles auf und arbeiten uns an dem Mist ab, den wir noch mitschleppen und auszuscheiden haben. An der Schwere der letzten Jahre.




 
Atlantische Identität

Gleichzeitig müssen wir immerzu lächeln und winken, weil die Menschen, denen wir begegnen so nett sind. So aufgeschlossen, freundlich und gelassen, dass man gar nicht genug davon bekommen kann. Sie leben uns vor, was Robert Macfarlane in „Karte der Wildnis“ beschreibt: Im Laufe von zehntausend Jahren entwickelte sich entlang den Atlantikküsten eine gemeinsame kulturelle Identität, schreibt er. Seine Schlussfolgerung – das Leben am Meer prägt und beeinflusst, es bringt eine bestimmte Art des Denkens und Fühlens hervor.

Das begeistert uns hier vor Ort mindestens so sehr wie den Autor und Kulturforscher beim Schreiben. Er wünschte sich die Wiedergewinnung dieser verlorenen Wellenlängen und atlantischer Empfindungen: „Es gibt gedankliche Ereignisse, die nur an atlantischen Küsten möglich sind, wo sonderbare Winde des Geistes wehen.“
Wie beruhigend und gleichzeitig belebend diese Winde sind ist, erfahren wir tagtäglich vor Ort, in diesem angeblich so toten Kaff Stornoway. Die Winde… Davon wollen wir noch mehr spüren. Nach fünf Tagen packen wir wie geplant alles zusammen und los gehts. Next Stop: Uig Beach.


 
 
 

Schottland – Reiselogbuch #1

27. August 2018 von m&m | 2 Kommentare

Cut and go


 

Katzennetz in unseren Balkongarten gefummelt. Letzte Infos für die Katzensitterinnen. Süßes für die Postfach-Bestücker. Das noch erledigt, und das und das. Pffff. Aber gut, wir werden immerhin fast vier Wochen weg sein. Endlich starten wir. Los. Fahrn. Losfahrn.

Ich sitze ruhig da, aber in mir rüttelts und ruckelts. Die letzten Stunden, Tage, Wochen der Vorbereitung in den Knochen. Das Abgehake der Listen. Das Packen. Zwei Lenker-, neun Fahrradpacktaschen. Zelt, Isomatten, Schlafsäcke, Hänger. Klamotten, Campingküche, Fotoausrüstung, Strom, Bücher, Trackingkram, Waschkram, Klammern sogar – und, klar, Proviant für on the Road.

Check, check: die letzen Emails. Läuft alles? Wie, Bankverbindung habt ihr nicht? Was will der denn noch. Wieso hat der denn den Anhang nicht gekriegt? Zur Hö… Also gut, nochmal raus damit, gesendet von meinem Handy. Fertig. Aus. Urlaub.

Und dann – O Mann! Adrenalin schießt auf: Die Buchungsbestätigung für die Fähre – wo ist die?!? Wollt ich doch noch in die Dropbox laden. Hab ich nicht. Die Mail zu alt, komm nicht ran mit dem Handy. Ach du Kacke. War das mein Part? Wie kommen wir da im Zweifelsfall dran? Nervt mich bis kurz vorm Fährhafen Ijmuiden. Schnapp, Schnapp, Aus. Ein. Atmen. Pat hat sie gedruckt. Hat den Ausdruck dabei. PFFFF. Alles gut.

Einchecken



 

Eigentlich wollten wir noch Pommes essen im Hafen von Ijmuiden, doch auf einmal sind wir eingereiht, als hätte uns ein Magnet erfasst. Gigantisch. Eine Riesin diese Fähre. Fast 163 Meter lang, fast 30 breit. Elf Decks mit Platz für 1250 Menschen, 600 Autos. Ganz oben die Sky Bar. Himmelsraum mit Hubschrauberlandeplatz für Notfälle, aber das sehen wir erst später. Noch stehn wir an. Natürlich dürfen immer die neben uns fahren. Also, weiter Schlangestehn, Fähre gucken, Fotos machen. Wie alle andern. Und Warten. Warten. Warten. Autos, Trucks und Camper in allen Größen. Motorräder, Biker, Ordner, Einweiser, Männer und Frauen zur See.

Endlich auch wir. Drin. Hektisch greifen wir, was wir auf der Fähre brauchen, raus aus dem Auto und hoch die Treppen. Eine der 478 Kabinen auf Deck sieben ist unsere. Minischlafkiste für zwei. Ohne Meerblick, mit Etagenbett. Für das obere braucht man einen Yoga-Ausweis – ist also meins. Hi Princess. Da sind wir, endlich auf Deck! Die Sonne scheint, der Himmel ist blau, die See atmet wie ein schlafender Hund. Fühlt sich alles verdammt gut an.

Noch sind wir im Hafen: Eine Dreimastbark umspielt surreal die Hafenkräne. Wind bläht das Leinen, Sonne malt Schatten drauf. Am Ende sieht es aus, als sei die Bark per Photoshop einmontiert. Ein Werbegag. Auch gegenüber das Spiel zwischen pittoresk und grotesk. Strandbad vor Windrad. Energie für die Schornsteine von Tatta Steel. Die „Tankerkette von Antifer“ fällt mir ein (Sommer 1980 von Marguerite Duras).

Im Hafenbecken Seehunde. Wir schaukeln sanft. Jetzt legt sie ab, unsere Princess. Die autogroßen Luftkissen, Yokohama-Fender, platschen wuchtig zurück ins Wasser. Die Möwen auf Zack, stürzen sich auf alles Fressbare, das die Princess-Motoren aus sechs Metern Tiefe emporwirbeln.

An Bord



 
Auf den Outdoor-Decks gibts vier, fünf Dinge, mit denen du dich beschäftigen kannst: Meer gucken, Menschen gucken, Essen, Trinken, Reden oder Lesen. Indoors dasselbe, plus Shoppen, Geld wechseln (Deck 6) oder Spielen im Kasino und Kinogucken (Deck 8).

Außer Kino und Kasino machen wir alles. Überwiegend aber gehören wir zu denen, die sich draußen den Wind um die Ohren wehen und die Sonne auf die Nase brennen lassen. Darunter auch zwei Papas. Einer mit einer rothaarigen Teenie-Tochter, der andere mit vier (!) Mädchen (drei Schwestern, eine Freundin, schätze ich). Was auch immer passiert, der Mann bleibt tiefenentspannt. Chapeau! Er fotografiert die Damen auf Wunsch. Die jüngste, sieben oder acht, immer und sofort am Posen. Dann sind die Großen weg und sie sagt: „Papa, zeichne mich.“ Okay. Papa zückt Zeichenbuch und Bleistift und sie steht an der Reling Modell.

Steht, wartet. Versinkt in meditativer Starre. Die Mundwinkel sinken ab. Anders als beim Foto steht sie da. Plötzlich nicht mehr als Bild eines Kindes, als süße Maus. Sondern als Bild ihrer selbst. Ich sehe ein Schnutenmädchen beim Ichwerden. Ganz richtig sieht das alles aus. Still. Ganz still hält sie. Ohne Knöttern. Bis Papa fertig ist.

Nachts in der Wiege der See. Die U-20jährigen im Hochspannungsmodus. Checken rum, als würden sie gleich die letzte Chance verpassen etwas Aufregendes zu erleben. Einer schreit nachts nach seinem Kumpel. Zweimal, dreimal. Still. Frühmorgens: Anstehn im Café. Wir balancieren Milchkaffee, Croissants und Obst an Deck und frühstücken in der Sonne. Perfektes Timing – denn vor Englands Küste liegt eine Nebelbank. Wie eine Augenschleuse, ein Licht- und Wolkenbad, das uns vorbereitet auf Neues.

England, North Shields


 
An Land erstmal anhalten, sortieren, Karte gucken. Und von den Deutschen, die vor uns dasselbe tun, erlauschen, dass Stornoway ein „Scheißkaff“ sei, „verrammelt und vernagelt“. Abends würden die Bordsteine hochgeklappt. Tot und stinkelangweilig. „Nach drei Tagen sind wir geflohen“, schildert eine Frau anderen Reisenden ihren Eindruck. Pat guckt etwas entsetzt: genau da wollen wir ja hin, nach Stornoway.

Er war zuletzt vor fast 40 Jahren da. Damals war sonntags alles dicht, wegen der streng calvinistischen Grundhaltung. Daran erinnert er sich. Ansonsten aber fand er es wunderbar – deswegen sind wir ja hier.

Schottland, wie er es auf den Inseln der Äußeren Hebriden erlebte, lockt mich, seitdem wir uns kennen. Also seit 35 Jahren. Ich sah Schottland zuerst auf seinen Bildern. Schwarz und weiß. Steinkreuze, Wolken, Steine und Wiesen. Schafe und Ruinen und Meer. Markante Landschaften voller Weite und Extreme, die Pat unter der Trockenpresse in glänzende Baryt-Abzüge verwandelte. Jedes ein Unikat.

Jetzt, wo sie vor meinem inneren Auge liegen, möchte ich an der Gelatine lecken und mit den Fingerkuppen die schimmernde Schwärze fühlen. Schsch! Nur ruhig, sie liegen im Archiv ganz sicher in ihren Pappschachteln. Nur eines fehlt. Ein Mann im Mantel am Strand. Verschenkt.

Der Nächste, der fand, ich müsse un-be-dingt nach Schottland, war unser Sohn. Der war vor ein paar Jahren mit drei seiner besten Kumpels da. Immer seine Kunstfell-Ohrenklappenmütze auf dem Kopf. Wie ein durchgeknallter Freak aus einem Film. Sie sind auf Berge gekraxelt, durch Wasser gewatet. Wurden durchgeregnet, sind gewandert und Bus gefahren. Haben Äpfel und Bohnen aus der Dose und Bohnen und Äpfel gegessen… Der Junge kam zurück wie neu geboren. Entspannt wie wir ihn seit Kindertagen nicht erlebt haben.

Fáilte gu Alba*




 
Wie werden wir es finden? Erst mal müssen wir hinfinden. Einer fährt, eine navigiert. Die 500 Kilometer bis zur schottischen Westküste, wo wir die Fähre nach Lewis nehmen wollen, fahren wir in einem Rutsch.

Mittendrin würde ich am liebsten aus dem Auto springen. Das In-der-Kiste-sitzen ist mir ein Gräuel. Anhalten! Brüllt es in mir, Anhalten! Guck doch mal, Fahrer, wie schön es hier ist… Aber, es ist ja überall schön, wo sollen wir anhalten? Und, was tun, außer einem Pausenkaffee trinken? Wir merken uns einen Ort – Pitlochry – hier bleiben wir, wenn es passt, auf der Rückreise und gucken uns um.

Die Landschaft dort am Tay Forest National Park – grandios. Was ich beim Rasten und aus dem Autofenster sehe ist angenehm neu und fremd. Andere Pflanzen, andere Landschaftsformationen, und sogar andere Lebensmittel an der Tanke und im Café. Ich muss daran denken, wie ich als 13-Jährige zum ersten Mal in England war und kaum fassen konnte, dass es dort auch Milky Way gab, und Bäume, wie hier bei uns. Die erwartete, totale Fremdheit blieb aus.

Radreise ahoi


 
Nächster Halt Ullapool. Wir finden den Campingplatz, schlagen zum ersten Mal unser Zelt auf, und bekommen einen glutroten Sonnenuntergang mit springenden Fischlein zum Empfang. Das Absackerbier trinken wir in einer Café-Bar, die nur wegen der Fußball WM noch auf hat. Auf dem Schiff war die übrigens kein Thema, nirgends. Als Deutschland verlor, wurde dort ein belgisches Radrennen übertragen.

Das ist also Schottland: trocken und 32 Grad heiß. Wir haben Handschuhe mit, aber keine Sonnencreme… Die kaufe ich nach einem grandiosen Frühstück im Café „The Frigate“. Danach erstehen wir noch regionale Landkarten im Buchladen und retten uns in den Schatten eines Parks am Stadtrand und Ufer des Loch Broom. Abends kommen wir mit unseren Zelt-Nachbarn ins Gespräch. Gibts das? Sie kommen aus Offenbach. Seit sechs Jahren ziehe es sie immer wieder hierher. Backpacker. Sie planen vom Nordatlantik an die Nordsee zu laufen.

Wie feucht auch immer alles sein mag, du musst trockene Socken haben! – Diesen Rat nehme ich von der Offenbacherin mit. Schaun‘mer mal – Morgen gehts bei uns richtig los. Das Auto bekommt einen Platz für drei Wochen, und dann sind wir endlich Reiseradler: Lewis wir kommen. By bike!
 



 

* Gälisch für Willkommen in Schottland

 
 

Kehrum: Dünenauge

11. Februar 2016 von m&m | Keine Kommentare

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Salz auf meinen Augen. Wunderbar. Das Meer grau. Der Sand blau. Schwarzbunt die Menschen, Vögel, Plastikmüll. Und was los: Wow! Riesenboliden rummern übern Strand: Rettungsübung. Das sind Kerle! Mit Silberringen in den Ohren. Ein Satz Fliegende Holländer. Und alle Strandläufer zücken ihre Handys. Fotografieren und filmen sie. Uh! Der Ortsfotograf dagegen ist fort. Sein Sohn nahm das Erbe nicht. Im Laden heute Pommes, oder Klamotten. Welches Haus war das noch?

Die Dünen in Wolken. Alles taucht ab. Sand, Gras und das tote Holz. Ein Mix aus Graubraungrün. Zum Festhalten nur zerwühlte Mähnen. Uralte Strandstiere, die schlafen. Als Bollwerke gegen den Sturm und wie den Märchenträumen der Ahnen entstiegen. Die roten Highlander dagegen, die hier wirklich leben, zeigen sich nicht. Leck mich Offline.

Nachts raue Dunkelheit. Schluckt die Tagwelt weg. Tiefenschwärze rundum. Einsamkeit auch. Umhüllt alles wie magischer Zauber. Stillt. Schutz oder Schrei? Wieder Landwind. Bläst Sand all over. Ungerührt tauchen aus dem Dunkel Paare ineinander. Streifen Hunde mit blinkenden Halsbändern den Blick, knistern Kotbeutel im Wind. Plötzlich Irrlichter zwitschernd am Gischtsaum. Radler. Im Trupp, den Hauptstrandaufgang hoch und ab.

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Am Tag reicht wüstes Wehen, 100 Stundenkilometer, um sich abzuarbeiten. Zum Glück ist Urlaub, sonst ginge man nicht raus. Raus in die klumpnassen Dünen. In die kargen Berge der Niederlande, wo Waghälse im Sommer kreischend und freihändig Radfahren. Und Sand und Gras und Hasenköttel und Gras und Sand. Guckmal! Da wo eben noch das Langohr saß, rieseln kleine Klümpchen die Sandnarbe hinab. Wir stapfen durch Schneesand auf, ab, auf – und Weiher voraus. In einer Senke sammelt sich Wasser. Graublau. Geriffelt vom Wind. Die Highlander auch hier nicht zu sehn, nur ihre Tritte zur Tränke. Ihre Fladen. Als Nichttier, nicht von hier wär man verloren, gäbe es nicht die schwarz-weißen Zeichen im Sand. Sonst keine Haltepunkte. Wie in der Demenznacht. Aber die Dünung ist schön.

Da der Bussard! Und fort. Aufgenommen vom Wolkentief. Alles wird gewendet, will neu werden. Weißer Pfeil auf grauem Stein. Schwarzer Hund auf weißem Sand. Kontraste im Nebel. War es hier, wo die Blume des Feuers das trockene Land fraß? Pinien setzen auf sowas. Das Feuer sprengt ihnen die Zapfen auf und hinterlässt fruchtbare Asche. Überlebens- Verjüngungsstrategie. Aber diese Kaktuskiefern hier? Wendungen, Windewege. Die Entfremdung aussetzen. Undo. Hastu du gehört? Undo! Zurück. Sorry: Wir waren nicht lang genug weg, um Postkarten zu schreiben.

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Dreizehn Stunden, dreizehn Kilometer: Wuppertal

15. Januar 2015 von m&m | 2 Kommentare

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Hier der Link zur Galerie: Wuppertal 2014 (35 pics)

 

Nein. Nicht Hamburg, Berlin oder Prag, sondern Wuppertal. Da sitzen wir jetzt. In der Schwebebahn, weil ich mir das zum Geburtstag gewünscht hatte. Mal einfach weg sein statt Fete. Nichts müssen, nur sein. Fanden unsere Freunde gut: Super Idee – wohin geht’s denn? Wuppertal. Bitte? Was? Wupp..? Das klang fassungslos. Und das passt ja. Zu dieser Stadt, die irgendwie gar keine ist. Wuppertal hat – und das ist deutschlandweit echt besonders – kein Stadtzentrum, sondern ein Stadtzentralband. Sieht man aus dem All, wie ein Satellitenbild auf Wiki zeigt. Also, nix Kirchturm als Orientierungspunkt, nix niedliche Altstadt, Rathaus, Marktplatz oder so. Voll suburban. Gegründet und dezentral geleitet von Delegierten jener sieben Städte, die im Tal der Wupper über die Jahrhunderte aneinandergewachsen sind. Langweilig? Cool! Fand schon Kaiser Wilhelm Zwo. Mit seiner Frau Auguste Viktoria weihte er 1900 die dreizehn Kilometer Schwebebahn-Strecke ein.

Knapp tausend Jahre früher war übrigens schon Karl der Große an diesem Ort strategisch interessiert. Heißes Grenzland damals. Zwischen Franken und Sachsen. Also ließ Kalle das Wuppertal schützen und befestigen… Kann man nachlesen alles. Als deutsche Touristin darf man sowas. Und weiter herausfinden, dass Friedrich Engels, Alice Schwarzer und Else Lasker-Schüler hier geboren sind, außerdem Johannes Rau und Pina Bausch. Muss ein inspirierendes Stück Gegend sein. Auch wenn der Himmel am Tag unseres Besuchs wenig erhellend wirkt. Grau halt. Und dabei bleibts.

Egal. Hier sind wir und packen das old Girl Schwebebahn bei den Türgriffen. „Old Girl“, so stellt die Stadttouristik sie den englischen Touris vor. Auf Deutsch dagegen heißt sie „alte Dame“. Wir nudeln mit ihr unser Tagesticket ab und fotografieren wie nur je ein Trupp Japaner. Sehen am späten Morgen hinaus, am Mittag, zur Rushhour abends – und immer dazwischen auch. Hin und her. Her und hin lassen wir uns schweben. Klobig die Stützbeine. Eisernes altes Mädchen. Kriechende schwangere Schwester des Eiffelturms. Kein Wunder, dass nicht jede Stadt so ein Monstrum haben wollte.

Das Ziel ist der Weg. Natürlich. Dreizehn Kilometer lang und vier bis zwölf Meter über Straßen oder Wupper. Augen und Ohren auf. Alles andere ruht. Man nennt es Schwebe-Zen. Natürlich sind wir dabei selten allein. 85.000 Passagiere pro Tag. Ein paar habe ich belauscht. Etwa diese Neunjährigen: „Welche Station findest du am schönsten?“ Will ein Junge von seinem Freund wissen. Stimmt, da sollte ich auch drauf achten. Nach kurzem Bedenken gibt der Befragte zurück: „Die meisten.“ Und dann quasseln sie los und einer hält dem anderen Vorträge zum Thema Ästhetik. Der Fragesteller übrigens findet Ohligs Mühle am schönsten. Wegen dem vielen Glas. Daraufhin kürt der Andere die „Kluse“ als Schönste. Von immerhin 20 Stationen zur Auswahl. Glas. Das verstehe ich. Kaum Schöneres als Spiegelungen. Allerdings nur die, die Licht und Glas hervorrufen. Hinter mir zwei Frauen haben keine Augen dafür. Die eine hat üble Probleme. „Magenspiegelung“, fasst sie plötzlich zusammen. „Sollte man mal machen.“ Mit Mal fallen mir Szenen aus Wenders‘ Himmel über Berlin ein. Wo er die Leute belauscht in der Hoch-Bahn und zuhause. Als ein über den Dächern und durch die Wände schwebender Engelsregisseur. Aber nichts Erhabenes weit und breit. Nur dieser im extraschmutzigen, alltagstrüben Schwarz-weiß gehaltene Alltagsscheiß. Sogar ein Mann dabei, der sich vom Hochhaus stürzt.

Was wir sehen? Heimat. Feucht-grauen Himmel über Wuppertal. Alltagsspuren. Oder wie die Wuppertalerin Pina Bausch sagte: „Eine Alltagsstadt, keine Sonntagsstadt.“ Wir passieren ein geschreddertes Ladenhaus. Verrücktes Bild, die Steine im Schaufester. Noch immer in aufmerksamkeitsheischendem rot-gelb der Hinweis: „Angebot der Woche!“ Rau aber Billig. Herzlich auch? Weiß nur, wer hier lebt. Zumindest spendiert einer im Café, das ich zum Aufwärmen brauche, einem einheimischen old Girl Kuchen. Schon bestellt zu ihrem Kaffee, aber sie kann ihren Zehneuroschein partout nicht finden. Eben war er noch da! Verunsichert durchforstet sie zum fünften Mal ihre Manteltasche. Da war er eben noch. Ich hatte einen Schein. So blöd ist man ja nicht!? Der junge Mann am Tresen beruhigt sie: „Der Herr hat‘s ausgelegt.“ So sind sie wohl hier. Südlich vom Pott. Anders. Kein großes Aufheben. Machen. Und doch geht der Stadtteil offensichtlich den Bach runter. Billigfriseur, Billiginternet, Billigklamotten.

Wieder in der Bahn sitzen wir auf der Grenzlinie zwischen Jungs und Mädchen. Sieben, acht Jahre alt. „Ich hab keine Freundin!“ „Doch hast du!“ Die Mädchen kringeln sich, der Junge rastet gleich aus. Zwei 13jährige Mädchen reden über ihren freien Tag morgen: Ich kann gar nicht damit umgehen, dass wir morgen keine Schule haben. Ein anderes Mädchen beschwert sich über ihre Lehrerin: Warum hasst sie mich so? Während draußen die Stahlstützen vorüberfliegen. Seegrün. Wie vor 113 Jahren. Und vor 65 als Tuffi, der junge Zirkuselefant aus der Schwebebahn in die Wupper fiel. Wie?! Ja. So steht‘s auf der Homepage der Bahn. Zum Glück kam er „mit einer Schramme am Po davon“.

Das Vohwinkler Zentral-Café hat Kevin uns empfohlen. Danke. Sehr guter Tipp! Ausruhn. Orangenes Licht tanken, Leute gucken. Das Café in farbiger Hand. Und ich muss immer an dieses YT-Video denken, in dem die Rollen umgekehrt sind. Wo Farbige Weißen in die Haare grabschen, nur um mal zu fühlen, wie weich das so ist und dazu dämlich grinsen. Wo Farbige Weißen attestieren, sie sprächen ihre Muttersprache erstaunlich gut und dergleichen mehr. Wie verhalte ich mich gerade? Die Frau, die das Klo putzt wünscht mir nachdrücklich einen schönen Tag – äh, auch so! Und die Chefin guckt mich an als mache ich alles falsch. Als ich noch einen Tee haben will, bestelle ich ein Klo to Go. Endlich grinst sie.

Das vielfältige Innenleben des Cafés rettet den Nachmittag. Die Kunden: Wuppertaler. Türkische Rentner, deutsche Rentner, arabische Rentner. Deren aller Kinder mit ihren Kindern, ein Obdachloser und, ganz hinten in einer gemütlichen Ecke mit Panoramablick, ein Mädchen in rosa. Eine ausgefallene Schulstunde vielleicht. Oder sie sitzt da immer die Zeit zwischen Schule und Hort oder Schule und Mama-kommt-nach-Hause ab. Alles rosa an ihr und um sie herum. Mit ihren zum Dutt gedrehten Minizöpfchen und dem kleinen Speckbauch sieht sie wie ihre eigene Oma aus. Anders als diese aber fläzt sie frechfeist auf dem Sofa. Wie zuhause. Unverblümt. Und Handyhandy. Nur Spielen.

Auf der Straße beschwert sich eine alte Vettel. Oder ist‘s ein Mann? Voll Alki. Polizei. Kleiner Unfall enge Straße. Leerstände. Baustellen. Türkische Gemüseläden, türkische Döner. Telefonläden. Und immer wieder die grün gestrichenen Eisenfüße der Bahn. Nichts Zartes weit und breit. Nichts fein getrimmtes. Dazu Weihnachtsmarktkitsch und Gefühlsdudelmusik. Und plötzlich Verlorenheit. Wo bin ich? Die Zeit abgelaufen. Das Ziel aufgelöst im Zwischenfall. Die Menschen. Die Stunden. Das Du. Verloren?

Stopp und Fensterplatz für mich – wo doch Geburtstag ist. Und auch italienisches Gebäck. Wie viel die dolce? „Vier Öro fünfzich.“ Gekauft. „Wollen Sie aussuchen?“ Unterschiede gebe es nicht. Na dann bin ich bequem. „Ich bringe Sie Ihnen Madame.“ Schmeichler. Weiß genau was zieht. Jaha. Neben der „Madame“ natürlich das Gefühl auswählen zu dürfen. Wie sie die Mitte nährt, diese nette kleine Freiheit.

Und wieder: Fahrt ab (sehr leise übrigens). Irgendwie sieht dieses Verkehrsmittel ja schon verkehrt aus. Als habe ein Riese Spaß gehabt und die Bahn auf den Kopf gestellt. Ausgekochte Technik damals. Ursprünglich „Langener System“ genannt nach ihrem Erfinder Eugen Langen. Manche Zeitgenossen beschimpften es als Teufelswerk. Heute ist es Wahrzeichen und das Stadtmarketing punktet mit der Parole: „Wuppertal macht was anders“. Passt. Müde ist die Stadt jetzt. Vom Arbeiten. Vom Tag. Draußen vorm Fenster jetzt der schon bekannte Film und doch immer ein anderer. Mal heller mal dunkler. Allein das Schaukeln unbezahlbar. So anders fahren. Und so sanft wie auf einem Boot. Nie Angst. Nur zwei Unfälle in 113 Jahren. Wie kann nur ein Elefant da runter fallen??

Zum Träumen lädt es, das verwunschene Farbgewisch draußen vorm Fenster. Im schmalen Ufergartengrat zwischen Wupper und Arbeit stehen Tische und Bänke und Stühle zusammengestapelt. Angekettet. Ist ja kalt. Im Sommer muss das ein einziges Mittagspicknick sein. Oder Rauchertreff unterm Rauschen der Bahn. Plakate von Gestern. Balkenhohl was auch here. Monate her.

“Darf ich Sie was fragen?” An der Wendekehre spricht eine Einheimische mich an: “Fotografieren Sie als Hobby oder als Beruf?” Beides. Worauf sie mir erzählt, dass sie gerade von einem Kollegen, der so gerne fotografiert, einen Kalender mit Wuppertalfotos geschenkt bekommen habe. Ja haben heute denn alle Geburtstag? Einsteigen! Und schon beschlagen die Scheiben, weil plötzlich so viele drin sind, die zuvor durch den Regen mussten. So viele, dass wir stehen müssen. Japaner dabei, die Platz machen für eine Farbige mit Babywagen. Die lächelt zum Dank bevor sie erst den Platz nutzend den Wagen ins sichere Eck rangiert, dann aber wieder aufs Handy schaut. Nicht auf ihr Kind. Manno Mama! Das Kind unter Plastikschutz. Allein. Allein mit seiner Knisterflasche. Vielleicht aber auch geborgen?

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Abspielen der gesamten Galerie hier: Wuppertal 2014 (35 pics)