meiseundmeise-blog

Lebenslang

14. Oktober 2020 von Sylvia | Keine Kommentare


 

Turnaround. Friss. Bleib.
Nimm: den fremden Boden,
die Unnacht.
Du lebst, was willst du
Ich seh dein Ohr zucken

Ob die Trennung schmerzt?
Alldämmend das Raunen
Deine Rückwelt ein Bild auf der Wand
Traumend pflügst du
Weite, Zickzack, Nase tief

Im Knistern roter Leiber
und geschwinder die Füße im
Schlaf als je, die Ohren auf Acht
Schleicht wer? Hund? Hyäne?
Los doch, ihr Sternfinger, lauft

Oder fliegt. Hoch und hoch
Nebenan im Türkisverließ
Die Himmel bedeckt, die Sonne ein Netz
drin das bunteste Federschwirrn
immerhin, immerher, immerhin

Zu schön, zu selten, bleibt hier
Himbeeren und Maden und Mäuse
So grob für alle Zukunft. Lebend
Als ob. Als ob wir pfeifen im Wald
Für nichts

 
 
 

Zelten für Bikepacker

11. Oktober 2020 von Sylvia | Keine Kommentare


 

Zelten ist best. Eigentlich. Aber früher war da mehr Glanz. Seit die guten Plätze für Vintage-Zelter wie uns wegschmelzen wie arktisches Packeis, seit immer mehr Wohnmobile unterwegs sind, macht es immer weniger Spaß. Jaha, schon klar, nur immer schön ist Zelten nun auch nicht. Nass werden ist doof, Straßenlärm auch. Zecken oder Windstärke 8 müssen nicht sein… Aber, im Grunde alles erträglich und gehört dazu. Eins aber, und dieser Punkt wird immer krasser, verleidet uns das Zelten: Menschen mit Klatsche und Reisemobil. Aber, der Reihe nach.

Für die schönsten Plätze muss man sich schönst ins Zeug legen. Die liegen nunmal ab vom Schuss, ist ja grad der Reiz. Beispiel Uig oder Bosta Beach auf der schottischen Insel Lewis: Bergauf-bergab-bergauf. Da ist es! Nein, noch ne Schleife und noch ne Kehre und – weiter treten, treten, treten. In vorüberziehenden Wohnmobilen konnten wir nichts als Weicheier in Dosen erkennen. Ja, sorry. Wenn man platt ist, mault man gern bisschen ab. Zum Glück sind die Camper-Spezies meist fein voneinander getrennt. Wohnmobile näher an den Sanitäranlagen und Radler- und Fußgänger-Zelte da, wo man mit einem Auto wirklich nicht mehr fahren kann.
In Schottland hatte die Wohnmobilfraktion neben den unvermeidlichen Klappleitern, -stühlen, -tischen und -Lampen meist ihre Hunde, Kajaks oder Surfbretter dabei. Mancher schläft halt nicht gern im Zelt. Könnt ja wilde Tiere geben draußen. Geht klar, Leute, da komm ich mit. Wer freut sich schon außer uns über Igel oder Jungfrösche im Vorzelt. Bei Zecken und Mücken oder gar Kühen hörts bei uns ja auch auf. Wo andere ein Netz um die Familie oder den ganzen Wohnwagen wrappen, zücken wir Antibrumm, Pinzette, Zeckenkarte und wrappen wir uns in Gleichmut.

Ging lang gut, aber jetzt ist wohl Ende der Zeltstange. Irgendwas ist gekippt, wie in einem gestressten Biotop, und zwar quer durch Deutschland. Auf den Plätzen, wo wir letztes und dieses Jahr übernachtet haben – von Frankfurt aus nach Gotha, Tauberbischofsheim oder München – gab es den klaren Trend zur Übergröße. Ein Reisebus ist nix gegen so ein Megareiseding. Ob in Hünfeld oder Jena – allein das Einparken erfordert Stunden. Kaum steht das Teil, wird ausgepackt und der Vorplatz hergerichtet: Sitzgruppe, Geschirr, Tischwäsche, Fußmassage, Lampiongirlande, Hunde, Spiele, Grill. Noch was zuhause geblieben? Hier noch ne Klappe öffnen, da was betätigen. Der Camperchef lässt die Kabelmuskeln spielen, badet sein Ego im Staunen der Umwelt, sein Bier im Eis! Alle alles gesehn? Dann abhängen vorm Bus.




 

Dieses Jahr hat Corona noch mal einen draufgesetzt. Hat die Leute völlig kirre gemacht – oder waren sie‘s vorher schon, nur woanders im Urlaub? Wer weiß. Die Platzbetreiber dürften jedenfalls zufrieden sein. Ordentlich Stellplatzbelegungen, die mehr Geld bringen, als so poplige Zelte. Duschen und kacken tun sie in ihrem Bus. Die Chemietoilette hat Rollen, so kann der Camper seine Scheiße bequem zur Entsorgung fahren. Da heißt es Augen zu und schnell vorbeizischen, wenn er‘s auskippt.

Ist der Bus nicht ganz so groß, haben manche sogar Fahrräder dabei. Gerne die E-Variante. Der echte deutsche Camper aber haut den Lukas, und fährt in seiner Freizeit Scooter, Roller, Smart oder Quad. My Mobile‘s my Castle. Letztes Jahr boomte das schon, dieses Jahr haben die Reisekisten noch mal zugelegt. Die Sache läuft so prima, dass es einen Hersteller gar an die Börse treibt. Vielerorts sparte man dann Personal und Platz und lockte Camper mit suppergünstigen Preisen auf Parkplätze mit Stromanschluss. Immer öfter musste Pat unsere Tourenplanung neu aufsetzen, um Plätze zu finden, wo auch wir übernachten konnten.

Die in ihren Kisten wissen wahrscheinlich gar nicht, was sie verpassen. Einfach alles eigentlich. Den Glanz, das Salz des Campens: Zelt auf und Nase im Himmel, Abendessen bei Sonnenuntergang… Ach – Draußensein! Das gibs noch auf Plätzen wie „Drei Gleichen“ in Thüringen. Jena und Hünfeld waren auch nicht schlecht. Traumhaft war Donauwörth: Wasserrauschen, Froschgequarre, Zippen von Reißverschlüssen und leises Schnarcheln des Zeltnachbarn waren das Lauteste dort. Unterm Zelt und den Barfüßen ein vorbildlich gepflegtes Grasbett. Nächtigen darf hier übrigens nur, wer zu Fuß-, mit dem Boot oder Rad kommt. Spätabends lockt der Bierautomat, frühmorgens der Nebelblick auf die Donau. Sowas findet Pat im Internethaufen durch nächtelange Recherche. Auch den ersten Platz für dieses Jahr hat er so gefunden. Eigentlich war er skeptisch: keine Website, keine Infos… Aber: alles gut. Zum Glück hatte sich der Chef vom nächsten Platz in Schusterwörth nicht gemeldet. Rammelvoll wars da, als wir vorbeifuhren, und drumherum die reinste Müllhalde.

Vorletztes Jahr haben wir getestet, ob wir noch zeltkompatibel sind, unser letzter Zelturlaub lag da schon ein paar Jahre zurück. Der erste sowieso: Sommerferien ‘99 mit Kind an der Ostsee. Glücksburg war unsere erste Etappe. Ich erinnere das Getrippel kleiner Vögelfüße auf unserem Zeltdach und höre noch ihr Geflatter. Damals lernten wir Camperland kennen mit all seinen Sitten und Gebräuchen. Da staunte ich noch über faltbare Spülschüsseln, Solarduschen sowas. Sowohl Pat als auch ich hatten zwar vorher schon gezeltet, aber … anders. Ich mit Freundin ohne Zelt in Frankreich – Pat als Einmannzelter in Schottland…




 

Mit Kind unter Leuten – war jedenfalls unschlagbar. Immer andere Kinder da, mit denen sich was losmachen lässt. Schön auch das Bikergarn, das man gemeinsam spann. Leute, die von ihren Reisen, etwa durch Tschechien erzählten und wie es war als der Schaltzug riss, kein Ersatz dabei und weit und breit nichts und niemand… Heute können wir selber die dollsten Sachen erzählen. Über die Pubies, die von Sylt nichts anderes sahen als die Nacht. Die uns gackernd ünd über Zeltleinen stolpernd den Schlaf raubten. Wie wir in Schwedeneck an der Ostsee zwei kaputte Schläuche auf einmal hatten, beim neuesten Rad – und weit und breit kein Fahrradladen. Vom Absaufen des Zelts auf dem Donauradweg in Melk, ich sehe noch die Tasche mit Pats belichteten Filmen (!) die vor unserem Schlafzelt vorbeitrieb… Weiter gehts Jahre später. 2018 ohne Kind, dafür mit Trailer, in Schottland: Möwe klaut Hühnereier vom Zeltnachbarn… Abgefahren coole Nummer! Das war in Laxdale auf Lewis, einer der schottischen Äußeren Hebriden-Inseln. Nette Leute an der Rezeption, Aufladen von Handy- und Kamera-Akkus umsonst, gepflegte Zeltwiese, Kochhäuschen, Sanitär – bester Platz!

Dieses Jahr wollten wir eigentlich die andere Seite der Insel erkunden. Mindestens aber bis South Uist kommen. Doch Corona hat Großbritannien im Sommer zur No-Come-/No-Go-Area gemacht. Sehr schade. Okay, haben wir uns gedacht, dann eben Raboldshausen. Rabowas? Rabowo? Kennt ihr nicht? Joa, ist ja auch klein das Kaff. Auf ner 1:50.000er Karte muss man‘s gar nicht erst suchen. Liegt in der Nähe von Schwäbisch Hall, Bad Mergentheim oder Crailsheim. Farout also, im Hohenlohischen. Warum dahin? Haben dort einen Landsitz jetzt. Können da arbeiten, Ruhe haben, Spatzen und Stieglitze gucken. Nachdenken. Damit da wirklich was rumkommt, brauchen wir dafür etwas Anlauf. Nach unserer Erfahrung denkt es sich besser, wenn auch die Seele ihren Weg in Ruhe finden und erkunden kann. Und wie ginge das besser, als mit dem Rad?!

Mit diesem Plan haben wir uns dann trotz aller Aversion gegen den massenhaften Ferien-Run der Deutschen auf Deutschland aufgemacht. Für zehn Tage, dem maximalen Zeitraum, den wir unserem alten Kater und den Katzensittern zumuten konnten. Und da ist es passiert: Sie haben uns das Zelten verleidet. Nette Bulli-Lover und Wohnwagenzieher mal eben weggucken: Zur Hölle mit allen Wohnmobildeppen!

Der Auftakt und erste Platz „NaturFreunde Bootshaus am Altrhein“ war noch erste Sahne. Die Freude des örtlichen Fußballfanclubs, sich erstmalig nach dem Corona-Shutdown wiederzusehen, verhinderte zwar die Nachtruhe. Aber, Leute, geschenkt. Dafür gabs Mauereidechsen zum Gucken, ein Morgenbad im und das Frühstück direkt am Rhein. Das ist Zelten. Glückstrahlend gings weiter. Wegwarte himmelte die Seitenstreifen, Störche segelten über uns. Federn säumten meinen Weg. Ein Federtagebuch harrt noch der Umsetzung. Abends aber die krasse Ernüchterung: „Camping Weißensee“. Ein Geizplatz. Zum Abgewöhnen. Jeder Millimeter vermietet, nicht mal eine Bank oder freier Platz, wo man frühstücken könnte. Der See ab 19 abends bis acht Uhr morgens verrammelt – und ein Mannemer Nachbar mit Verbaldurchfall. Gott, was haben wir und unsere niederländischen Nachbarradler ihn gehasst.

Danach versöhnte uns Heidelberg-Schlierbach wieder ein wenig. Wohnmobile abgepuffert von richtigen Zeltern und Radlern um uns herum. Immer nett, wenn es was zu gucken gibt. Was haben, machen die anderen so? Kann man sich was abgucken? Vom wettergegerbten Alt-68iger vor uns, blieb mir die Hängematte hängen. Auch ein Niederländer. Die schreckt ja nichts und niemand. Packte als erstes seine ultraleichte Matte aus, posierte davor und ließ Landsleute ein Handyfoto machen. Am abgefahrensten aber der Däne zur Rechten mit seiner Reisegitarre. Pat steht noch heute der Mund offen, er durfte sie ausprobieren.




 

An Pats Geburtstag dann erreichten wir „Waldcamping Bienau“. Schön gelegen zwischen Waldrand und Fluss. Sicherheitshalber hatte ich vorgebucht. Im Internet lockte: Mit Imbiss. Als wir abends durchgeschwitzt und hungrig ankamen, zeigte sich der Imbiss wegen Corona geschlossen. Der Platz runtergekommen. Die Sanitäranlagen never ever renoviert. Und die Zelter in zweiter Reihe ohne Neckarblick. Bei der verpeilten Platzchefin gabs nicht mal Einkaufsmöglichkeiten an der Rezeption. „Ooch“, meinte sie: „Bis zum nächsten Ort mit Pizzeria und allem sinds doch nur drei Kilometer.“ Es waren sechs und alles hatte geschlossen. Irgendwie haben wir – kurz vorm Verhungern – im übernächsten Ort doch noch was gefunden. Am nächsten Morgen um Acht waren wir back on the road.

Nach Plan lag vor uns die vorletzte und mit 80 km längste Etappe unserer Tour. ich wagte an diesem Tag nicht wie sonst dauernd anzuhalten, um nach Fuchsschiss, Käferlein oder Vogelflug zu gucken. Bloß nicht schlapp machen, dachte ich immer. Bloß nicht. Bei einer Eiskaffeepause meinte Pat: „Wir liegen so gut in der Zeit – wir könnten theoretisch durchfahren.“ Hm. Dann müssten wir nicht wieder nur für eine Nacht das Zelt auf und wieder abbauen und noch einen Campingplatz ertragen. Du wirst am Straßenrand liegen und heulen, dich selber verfluchen… War mir klar, und doch klang es verlockend. Ich sehnte mich danach, zu bleiben und Ruhe zu haben. Also: Ja. Wir fuhren durch.

Der erste gemeine Berg zog sich endlos. Eine ungeschriebenen Regel bei uns lautet: „Jeder fährt sein Tempo und wer vorne ist wartet dann irgendwo“. Diesmal war ich vorne. Und wartete. Wartete, wartete. Kein Pat. Als er dann kam, sah er nicht sehr frisch aus. Vielleicht weil er wusste, das Schlimmste kommt noch: Ein als Fernradweg ausgewiesener Steilhang. 44 %. Er war schon oben, als ich dachte, ich pack das nicht. Frische? Urgh! Wie wir die letzten 20 der 114 Kilometer ausgehalten haben – keine Ahnung. Gegen halb elf waren wir in Rabo.

Ein Bett! Bleiben! Im Garten sitzen. Ahh, tat das gut. Die geplante dreitätige Zelt-Rückreise? Gestrichen. Sind erstmal durch mit Zelten. Obwohl… Wir hoffen auf das Abebben von Corona. Und auf Schweden by bike und im Zelt. Vielleicht. Ist nächstes Jahr Zelten dort wieder best?!

 
 
 

Liebe und Tod…

7. August 2020 von Sylvia | Keine Kommentare


 
.. alles andere ist Mumpitz. Jedenfalls bei Literatur, sagte jedenfalls MRR, Marcel Reich-Ranicki. Der Mann fällt mir immer ein, wenn ich rezensiere. Und Herrndorfer. Der fand Rezensionen hirnlos, die das besprochene Buch zusammenfassen. Oder unerträglich – den Original-Wortlaut weiß ich nicht mehr. Genauso wenig, wie ich noch weiß, was normal ist im C-Jahr. C wie Corona. Ich hab ein K-Jahr draus gemacht. K wie Krimi. Mir schon ewig nicht mehr so viele Ks reingezogen. Ermächtigungsstrategie?

Für diesmal hatte ich jedenfalls die Skandianavier schnell durch. Und zwar per Film. Zu Beginn des Coronawirbels landete ich beim Zappen durch die Faktennews auf irgendeinem Kanal bei Stieg Larssons Verblendung. Erleichtert blieb ich. Genau die richtige Unterhaltungs-Dosis für diesen Abend. Nur – dass es die entkernte, amerikanische Variante war. Frustrierend. Bah! Da half nur: Sofort die echte bestellen. Nein, gleich alle drei. Und warten. Klopapier und Masken hatten ja Vorrang. Und überhaupt bestellten ja plötzlich alle alles im Internet.
Irgendwann kamen die Scheiben. Die echten, mit der echten Noomi Rapace-Lisbeth. Diese Frau bedient ja nun wirklich allen Ermächtigungsbedarf, den unsereine so haben kann. Sonst noch? Einen Packen Wallander. War dann aber langweilig, weil nicht wirklich die gute Fassung.

Eingeschränkter Ausgang, Abstand, C-Koller… Eigentlich war ich ja hauptschlich im Wald. Kaum zuhause aber lechzte mein Hirn nach passenden Rausreißern, Peinlösern, Stresspuffern – her damit zur Hölle! Tschja, und warum Geld ausgeben, und C-Lieferzeiten in Kauf nehmen, wo das Gute längst im Regal steht: „Kaltes Feuer“ etwa von Dana Stabenow. Der erste aus ihrer Kate-Shugak-Reihe. So gut. Mal für eine nen taz-Artikel über Ermächtigung durch weibliche Krimi-Heldinnen angeschafft. Kennt kaum jemand, also: Darf ich vorstellen? Kate Shugak. Geborene Aleutin – so heißen die Ureinwohner einer gleichnamigen alaskanischen Inselkette -, einsfünfundsechzig, drahtig, goldhäutig, schwarzhaarig. Lebt im Nationalpark mit ihrer Husky-Wolf-Mischlingshündin. Und, mit 12 Kugeln im Rücken geht die noch lange nicht nach Hause. Ruht nicht, bis sie die Wahrheit ans Licht gezerrt hat. Wie unangenehm das auch für alle Beteiligten, inklusive ihr selbst, sein mag. Kate ist Ermächtigung pur. 20 Jahre besitze ich diesen Band (plus zwei weitere) schon, hab alle schon mindestes 147 Mal gelesen und freue mich immer noch über alle skurrilen Szenen, die die die Autorin so wortgewandt einstreut.

Gerne geklaut aus den Lokalnachrichten. Etwa das hier: Verpeiltes Touri-Pärchen stellt fest, dass es im Sommer in Alaska weder Schnee noch Hundeschlittenrennen gibt. Die frustriert-quengelige Ehefrau, die immer ihren Pudel bei sich trägt, entdeckt immerhin gegenüber vom Parkplatz eine Elchkuh mit ihren Kälbern. Entzückt eilt sie hin, um Kuh oder Kälbchen zu herzen. Fassungslos bewahrt Kate sie im letzten Moment vor einer garantiert unkuscheligen Begegnung, als ein Adler herniederstößt – und sich des Pudels bemächtigt. Zucker, Dana, love it!

Die anderen natürlich auch gleich nochma gelesen. Und nu? Hat Dana vielleicht doch noch weiter geschrieben? Ich hatte ja immer mal geguckt, aber nie mehr was gesehn. Tags drauf zur Wendeltreppe, best Krimibuchladen in Town, und die Chefin gefragt. Die meinte wie ich, es gäbe nichts Neues von ihr, aber ein paar Fortsetzungen kannte sie doch. Ich solle mal das Internet melken. Und wie ich so melke, traue ich meinen Augen nicht: Nummer 22. Kommt. Demnächst. Raus.

Boah. Einundzwanzig gibs?! Minus drei, die ich schon habe, macht das a-c-h-t-z-e-h-n, acht-zehn mir unbekannte Shugaks?! Hoohoo!! Woohoo! Bin jetzt Dauerkundin bei den amazon-Alternativen Booklooker und Abe Books. Die übersetzten hab ich mittlerweile alle. Jetzt les ich nur noch der Reihe nach – und aus Irland, oder England trudeln mehr oder weniger gebrauchte Exemplare bei uns ein. Als Nebeneffekt poliert die erzcoole Kate mein Englisch auf. Noch vor mir: das Buch, in dem Jack, ihr Freund und Lover stirbt. Verdammt, Dana, musste das sein?

Mittlerweile fühlt sich das wahre Leben immer fiktionaler an. Hamsterrad oder Alltagsgerüst muss jeder und jede selbst basteln, während Masken für audiovisuelle Unschärfe und Diffusität sorgen. Unter normalen Bedingungen wären wir zum Aufladen, Durcharbeiten und Krafttanken nach Schottland aufgebrochen. Geplant war die Fortsetzung unserer Äußere-Hebriden-Tour: South Uist mit dem Fahrrad. Diesmal sogar ohne Auto. Nur Fahrrad und Bahn. Tschja. Normal is nich. Aufs Rad sind wir trotzdem. Anderswohin halt. Ins Hohenlohische. Wunderschön da – nur leider mit kaum Unterkünften unterwegs. Wild campen? Ja, wenn man in Schottland wär… Ist ne Supertour geworden, auch wenn‘s uns echt das Campen verleidet hat. Aber das ist nun doch ne andre Geschichte.

Begleitet haben uns bei alldem zwei —? Genau, zwei Krimis. Reiselektüre, wie wir das früher mit Kind immer hatten. Jeder ein neues Buch im Gepäck. Ich mochte, wie die oft per Zufall ausgewählten Lektüre unsere Sommer grundierte. Krimis waren das bei unseren ersten Radreisen nicht. Diesmal schon: Frankfurt Krimis von Sonja Rudorf, einer Frankfurter Autorin, in Frankfurt bei unserem Lieblingsweinladen gekauft.

Wer kriegt den ersten Band? Pat ist schneller. Aber, die Reihenfolge soll nicht so wichtig sein, versichert Sonja. Ich guck mir ja immer die erste Seite an, bevor ich ein Buch kaufe – als ich nach einer halben Stunde wieder aufsehe, ist das Licht körnig geworden. Die Tote heißt Vesna, wie mein altes Fahrrad. Serbische Prinzessin… Sagt eine Mutter abfällig über sie. Mütter. Was sind das für Wesen? Mädchenmütter dazu. Werden hier ein bisschen ausgelotet. Als Jungsmutter hat man da so seine Erfahrungen, aber die und ich kommen ja nicht vor. Dafür Casting Shows. Hoffen. Sich Preisgeben, Auftreten, Abgang und dann womöglich der Absturz. Wie schnell wirkt alles daneben. Wie peinlich, wenn man unsicher ist. Und jung. Der Welt etwas mitgeben, das ist Schreiben. Die Hauptakteurin sympathisch. Powerfrau. Alleinlebende vespafahrende Psychotherapeutin – groß und gerne bunt gekleidet -, die es liebt, Regeln zu übertreten. Tante eines der Mädchen, um die es im Buch geht. Der Tod ist gleich von Anfang an da, Liebe kommt…

Bei mir legt sich Shugak drüber. Was oder wer ist Wahrheit? Hat sie Unpässlichkeiten? Echt? Hier gehts jedenfalls um Werte wie in einem alten Western: Solidarität und Verrat, wie schnell bricht Vertrauen, wen treffen Urteile, Vorurteile… Zwischendrin denk ich: Ogott! Was’n Zickenkrieg! Was‘n Chaos. Alles wird ständig neu gemischt, verworfen, mitgerissen. Und die Gedichte der 14-Jährigen! Ich sag nur: Schmonzig. Aber… genauso ist sie ja, die Pubie-Zeit. Lieber tot als 13. Und doch. Letztlich sind sie ja brettehrlich, diese Jugendlichen. Auch hier im Frankfurtkrimi.

Den Vorläufer-Band, in dem die Psychotherapeutin Jona Hagen zur Private Eye wird, auf Umwegen ihr Ermittlerinnen-ich entdeckt, lese ich direkt nach unserer Reise. In dieser schönen, kleinen Zwischenzeit, in der man noch nicht ganz ankommen möchte, aber auch nicht mehr unterwegs ist… Genau richtig das. Herrlich, ganze Abende mit Lesen verbringen – und dabei völlig abtauchen.

Tauchen. Mit lauter schräger Figuren. Worum es geht? Die Basics: Tod und Liebe, Lüge und Verrat. Wem kann man trauen? Hagens Mitarbeiter wird niedergeschlagen, ringt mit dem Leben. Und sie? Findet lauter belastendes Material – und lässt es verschwinden. Ihr Job steht auf dem Spiel. Reitet sich gerade deswegen immer weiter rein, und versucht doch gleichzeitig eine Schneise durch das Dickicht von Lüge und Maskerade und zu reißen. Die Erzählfäden werden immer mehr verzwirbelt und verdichtet, die Spannung erhöht, bis Motiv und zuschlagender Mensch herausblitzen und endlich auch, was passiert ist.

Für beide Bücher gilt: Aufatmen gibs am Main, am Fluss, der ihnen gerne und stoisch das alles durchströmende Band gibt. Drive – Jep. Spannung – Jep. Die erste Seite und die letzten Kapitel kann man gar nicht so schnell lesen, wie‘s abgeht. Zwischendrin geht sicher noch was. Mehr verrate ich nicht.

Mehr? Noch ist ja alles offen. Jona Hagen ist sympathisch, aber ich lerne sie erst kennen. Anders als nach acht Shugak-Krimis weiß ich von der Protagonistin wenig, nicht mal so ganz genau, wie sie aussieht. Bitte gerne nachlegen, ja?! Bei mir hat der Plot natürlich Heimvorteil: Die Protagonisten bewegen sich nicht durch Lissabon, Duisburg oder Ystad, sondern, Ha! Durch Frankfurt! Sind da unterwegs, wo es uns vertraut ist. In „unseren“ Gärten, Brücken, Cafés. Der Main und die Frankfurter. Sogar unsere Straße, der Gebäudekomplex, in dem wir wohnen, kommen vor. Beschrieben übrigens als „Spießerhochburg“. Na, danke. Darüber müssen wir reden Sonja, am besten bei einem Espresso. Schwarz. Süß. Gerne mit Grappa. Sonja?! Der nächste bitte.
 

Dana Stabenows Kate Shugak-Reihe: Kaltes Feuer, Wenn das Eis bricht (Piper, nur noch antiquarisch). Less than a Treason (Gere Donovan Press, 2017)

Sonja Rudorf: Alleingang (2016), Stromaufwärts (2019), Societätsverlag Frankfurt/Main
 

 
 
 

Plan C

9. Juni 2020 von Sylvia | Keine Kommentare


 
Lieber kein Treffen, sagt ein Freund ab, wegen Corona. Andere laden uns ein. Im Garten sitzen. Lachen, Trinken, in die Sterne schauen. Über Klopapier reden. 10 Euro das Paket. Einlagig wohlbemerkt. Nee, ne?! Doch! Der neu übernommene Supermarkt an der Ecke. Guter Geschäftsmann, ja? Arschloch. Den Laden werde ich nicht betreten ischwör. Und dann gibts ein Sprachstolperwitz, den, warum auch immer, nur die Frauen witzig finden. Zum Totlachen, Haha! Hach, tat dieser Abend gut.

Irgendwo nördlich, paar 100 Kilometer entfernt, vielleicht zur selben Zeit, ging einer alten Frau die Lebenskraft aus. Was mache ich hier? Mag sie gefragt haben. Warum kommt niemand? Kein Funke am Tag, keiner in der Nacht. Sie aß nichts mehr, trank nicht. Corona-Infektion hatte sie keine. Aber sie starb daran. Kollateralschaden, wird man später sagen. Und lehren, wie man sich umarmen soll: Mit Maske, ohne uns in die Augen zu schauen, und kurz. Am besten die Luft anhalten dabei. Kleine Kinder dürfen uns die Füße küssen, größere werden von hinten umarmt und, wenn‘s denn sein muss, auf den Kopf geküsst. Von oben und, selbstredend, mit Mund-Nasenschutz.


 

Kein Wunder: Der Himmel ist jetzt schon nicht mehr so tiefblau, die Autobahnen nicht mehr so leer. Hey, da war autofrei! Das schafft wohl nur Angst. So viel Stille! Bleib. Genauso. Dachte ich immer. Und trudelte doch selbst durch einen heillosen Wirbel des Abgelöst- und Unverbundenseins. Alle Bisher-Rituale geschreddert. Gemeinsam Einkaufen auf dem Markt, sowas. Auf einmal alles kaputt. Ein Marktstand ist keine Supermarktkasse. Vorher lief das bei uns so – checken, wer schon da ist und gucken, dass man danach dran kommt. Oder gerne früher, wenn der charmante Verkäufer einen partout vorziehen mag… beim Warten schonmal bisschen sondiert oder gleich zugegriffen – hier ein Bund Rote Bete, da drei Zitronen und, Aaah! Wie gut sieht das denn aus? Nehmen wir auch… Danach ganz entspannt nen Kaffee an der Ecke.

Stattdessen eine Atmosphäre wie aufm Ausländeramt. Jeder stand wilden Blickes nach seinen eigenen Abstandsprinzipen, alle subito auf 180, wenn andere, was anders sahen. Die Marktverkäufer rannten noch maskenfrei, dafür voll gehetzt um Waren und Kunden herum. Dann Auftritt einer alten, bleichen Schisserin. Die Händchen in Kondomhandschuhen fest um zwei Walkingstöcke geklammert, ruderte sie sich die Bahn frei. Ihr Blick flämmte alles rechts und links der 1,50-Linie, als ritte sie bereits der Lungenteufel. Ich beiß die Zähne zusammen vor Rundumdruck, bis mir alles schmerzt. Bin raus. Einkaufen also allein. Raus in den Wald nur in der Dämmerung. Sozialer „Kontakt“ nur im Netz. Gleichzeitig schiebe ich meinen letzten Auftrag wie einen Schild vor mir her. Guck, ich hab noch Arbeit… Ich kann grad nicht. Arghh!


 

Schließlich lässt Hessen Lockerungen zu. Was freuen wir uns, als endlich wieder die Cafés aufmachen. Cappuccino! Eiskaffee! Am Main? Ja, wär nett. Aber Platzierungsschlange und Warten? Nee. Eine Ecke weiter hats keine Schlange und Selbstbedienung… O-Kay. Ich geh gucken und seh – nur Pappbecher. Wegwerf-Kaffee? Sorry, Baby. Nicht mit mir. Dann schließlich schachmatt an einem Eiscafé, wo wir sonst gerne hingehn. Ich frage: Kann ich einen Eiskaffee im Glas bekommen? Nein. Das Cafébesitzerpaar schüttelt die Köpfe:“ Da müssten wir uns immer die Hände waschen…“ Nur To-Go-Becher. Ich gebe nach. Aber: Gut wars nicht.

Paar Tage später, neuer Versuch. Auch das Café an der Post hat wieder auf. Mit echtem Geschirr! Supper. Registrieren uns. Kennt man ja schon. Ein Gefühl wie aufm Amt oder beim Arzt… Dann kommt der Kellner, und ich will was Nettes sagen: „Schön, dass ihr wieder da seid!“. Er so: „Hmm. Danke. Aber bald ohne mich, ich hab die Kündigung bekommen.“ Nach Kurzarbeit das Aus. Also, gut war auch das nicht.

Alle hassen es über Corona zu reden, und natürlich reden alle über Corona. Die ersten Magazine haben Maskencover, Journalisten suchen besonders schöne Coronageschichten (hust). Es wird sicher Coronabücher geben – und natürlich gab es die ganze Zeit Ideen, sich dem Virus medial zu stellen. Beispiel Kinderseite der Süddeutschen. Für Homeschooling und Homeoffice geplagte Familien. Bin null die Zielgruppe, zugegeben, aber mir bescherte die Seite Sprachschmerzen: Alles auf Abstand? Wir bleiben dran. Tipps für die neuen Heimkinder. Fürs neue Drinnen und Zwischendrinnen aus der Home-Office-Redaktion. Falls man sich zurzeit nicht eh total gemüsig fühlt. Schick dein irres Monsterjagd-Foto. Schäumen. Bloß nicht den Kopf verlieren. Wer kohlert als Erster über die Ziellinie?


 

Nu is ja die Klopapiernummer tatsächlich schon Anekdote. Irgendwann hatten dann wohl doch alle genug von allem, und stürmten den Wald. Unsern Wald! Man musste Einlasskarten ziehen und dann waren alle fünf Meter Menschen, sogar Familien mit Kindern. Kindern, die sonst gar nicht raus dürfen wegen Schmutz und Dreck und all so Gefahren von Draußenleben. Manche der Kinderlosen im Wald trugen auch Masken und sprangen ins Gebüsch zur Sicherheit, wenn unmaskierte Radfahrer wie unsereins des Weges rollten.

Klein, groß, beherzt oder angstwuschig: Sie kamen und blieben. Lagen auf der Försterwiese, saßen nachts auf Bänken und Brücken, aßen Pizza, soffen Flasche leer, pissten Wald voll, machten dies und das. Müll says it all. Wald wurde öffentlicher Raum. Kinder lernten Radfahren, Seebrücke-Leute hängten Transparente auf und schufen einen Parcours mit so vielen Schritten, wie Menschen im griechischen Auffanglager feststeckten. Erinnerten, dass dort Zuhausebleiben nicht möglich ist: „You can’t stay home, when you have no home“. Das Stofftransparent hatten Baumkletterer weit oben und nachhaltig mit Schnur befestigt. Tags drauf wars weg, Parcoursschilder kaputtgeschlagen. Die Nehmt-gefälligst-euren-Müll-wieder-mit-Schilder dagegen, die aussahen, als hätten saubere Mütter sie aufgehängt, blieben unangetastet. So wie die AfD-Plakate bei Wahlen. Jeder Tag Wäldchestag. Das Damwild irritiert. Aber gut. Oder, wie Nuhr sagen würde „ist ja auch egal“.


 

Ich sag: 300 Schaden. So viel Verunsicherung statt Selbstverantwortung. So viel Erregung. Und das Level ist zwischen Lock-Down und Lockerung nicht gesunken, im Gegenteil. Man braucht nur jemanden schräg anschauen, schon geht‘s ab: WAS?? Is was? Je mehr Maske, desto weniger Hemmung. Heffheff! In der Bahn schlägt eine mit der Hand an die Wand, als sie gebeten wird, ne Maske aufzusetzen. Sie keift: „Is ja wie in der DDR hier. Ich hab in den 60ern für die Freiheit gekämpft, der Benno ist dafür gestorben – und jetzt?!“

Ob Urlaub hilft? Alle Ferienhäuser Deutschlands ausgebucht. Sogar Land auf dem Land wird gekauft. Und die Maßnahmen kommen nicht mehr so gut, auch nicht bei Nicht-Impfgegnern. Gut jetzt, ja? Zum Glück werden aber auch neue Wege gefunden und auf einmal tiefergehende Gespräche geführt, im Treppenhaus, Im Stoffgeschäft, mitten im Wald… Dabei sehe ich kein Abgrenzen, keine Angst, keinen Rassismus und keine Hilflosigkeit, die nicht vorher schon da waren. Nur sichtbarer jetzt. Bei Freund und Feind. Zeit für Ideen, Leute. Klartext, Zukunft. Let`s go.


 
 
 

Corona Gardens

29. März 2020 von Sylvia | Keine Kommentare


 

Fotos by Pat Meise, Time-out by Nature. Der größte Parkplatz in Town war mal Bannwald.


 

Ich bin

eine Pariser Vorstadt
eine Algenfahne
ein eingerolltes Blatt
ein blaues Tuch
ein leeres Buch
ein verbeultes Auto
ein heißer Kanaldeckel in Ploumanac’h
aber nie, nie
ein Flugzeug über dem Wald


 
 
 

Solidarität

24. März 2020 von Pat | Keine Kommentare


 
Komme gerade vom Markt. Beim Wurststand erzählt ein alter Mann der Verkäuferin, was im Frankfurter Stadtteil Eschersheim abgeht: Drei Jungs haben da Klopapier für 2 Euro die Rolle verkauft. Die Polizei hat sie festgenommen.
 
 
 

So blau

24. März 2020 von Sylvia | Keine Kommentare


 
Gesperrt, ausverkauft, abgesagt. Das Beste daran: Es ist still. Flugplan aus der Zeit, als ich Kind war und das Rauschen am Himmel beruhigend. Ich erinnere es als tiefes, fast angenehmes Sommerbrummen. Zuletzt gab es dieses Gefühl, als dieser unaussprechliche Isländer Asche spuckte. Wir lagen am Flussstrand – und sahen einen surrealen Film: keine Kondensstreifen am Himmel. Auch kein minütlich nervenzerrendes Dröhnen, zu dem sich das Brummen heute ausgewachsen hat. Nicht mal Schiffe und deren Bugwellen. Ungewohnte Abwesenheit gewohnten, menschlichen Lärms.

Wie in meinem Kopf. Zwar gibt es natürlich das Nachrichtenrauschen: Infektions- und Todesraten statt Bundesligatabelle. Ausgangsbeschränkung, Grenzschließung, Besuchsverbot… Doch aus der Mitte dieses Tinnitus-Shitstorms starrt gespenstisches Nichts. Und zieht Bürgerrechte aus uns und Kraft. Ich muss trotzdem raus. Was mich sofort auf Corona-Modus dreht. Distanz halten – und wer einem auf die Pelle rückt, unerträglich finden. „Bitte halten Sie Abstand, mein Herr“, ermahnt einer der neu eingestellten Abstandshalter im Supermarkt. Danke. Das war gestern. Der erste Laden, in dem ich – ja – nach Klopapier suchte. Wir haben nämlich nicht den Keller voller Rollen. Die Versorgungslage ist super, sagt die Politik, gibt kein Logistikproblem, wird alles aufgefüllt. Nada, nix, nein. Wird nicht. Seit einer Woche versuche ich Mehl, Klopapier und Hefe zu kaufen. Jetzt hängen überall Zettel, dass an eine Person nur je ein Kilo Mehl und ein Paket Toilettenpapier abgegeben wird. Aber, aberaber… Haben die modernen Großfamilien alle ihre Angehörigen geschickt? Oder sich in ihrer Familienkutsche gleich umgezogen und sind 10mal hintereinander in den Laden spaziert? Ich war gestern bei Hit, Rewe, 2 DMs, Alnatura und Nahkauf und sah nur leere Regale dort, wo sich sonst Klopapier stapelt. OMG. Also Süßigkeiten. Und mein zweites Buch to-Go: Margaret Atwoods Gedichtband „Die Tür“.

Auch das was Neues. Buchläden mussten ja schließen. Auch unser Meichsner&Dennerlein natürlich. Sind trotzdem da. Weil Bücher existenziell sind. Und machen alles korrekt: Publikumsverkehr gibs nich. Aber man kann per Anruf oder Email bestellen, und das Gewünschte dann an der Tür abholen. Als Pat mir das erzählt, greife ich sofort zum Telefon: Einmal Margaret Atwood bitte, Tipps für die Wildnis. Beim Abholen frage ich, ob sie auch Gedichte von ihr haben? Hm. Hanns Dennerlein verschwindet im Laden. Und findet raus: Original erschien es 2007, deutsch im Berlin Verlag 2014 und 2016. Nicht da. Und nicht bestellbar, weil vergriffen. Aber vielleicht bei einem Kollegen? Er besorgt es schließlich vom Antiquariat Rüger gegenüber. Zweisprachig auch noch – so cool!

In letzter Zeit sind nur Dichterinnen unserer Lyrikbib zugewachsen. Hilde Domin war eine Entdeckung für mich. Bei einer Lesung – sie las alles zweimal. Mit diesem Osterlächeln… Auch Nora Gomringer musste ich erst live erleben, bevor sie bei uns einzog. Und zuletzt die beiden Bände „Der Koloss“ von Sylvia Plath und „Ich, selbst auch ich tanze“ von Hannah Arendt. Beide Autorinnen haben in ihrem Leben überhaupt nur einen Gedichtband veröffentlicht. Aber, was für welche… Von Sylvia Plaths Gedichten habe ich durch den Blog eines Neurologen erfahren, von Hannah Arendts durch Online-Recherche in ihrer Bibliographie.

Ich halte den zweiten Gedichtband von Margaret Atwood in der Hand. Den ersten gibt es wohl wirklich nicht mehr. Er war (wie bei Sylvia Plath) ihr erstes Buch: The Circle. Sie erhielt dafür die erste ihrer vielen Auszeichnungen. Ein Filmportrait auf Arte brachte mich letzte Woche wieder auf ihre Spur. Absolut coronafrei und deswegen so belebend. Dieses spitzbübische Lächeln. Diese innere Stärke. Diese vielschichtige Wortmacht. Mit ihrer bescheidenen Grandezza hat mich diese 80-Jährige völlig bezaubert… Geblieben sind auch die Bilder von ihr und ihrem Mann Graeme Gibson. Ein sich Kraft gebendes, starkes Paar. Ich lasse das Buch auffallen, das noch ungelesen ist:

Bear Lament – Lamento eines Bären

You once believed if you could only
crawl inside a bear, its fat and fur,
lick with its stubby tongue, take on
its ancient shape, its big paw
big paw big paw big paw
heavy footed plod that keeps
the worldwide earthwork solid, this would
save you in a crisis. Let you enter
in its cold wise ice bear secret
house, as in old stories. In a
desperate pinch.
That would share
its furry winter dreamtime, insulate
you anyway from all the sharp end lethal
shrapnel in the air, and then the other million
cuts and words and fumes
and viruses and blades. But no,
not any more. I saw a bear last year,
against the sky, a white one,

rearing up with something of its former
heft. But it was thin as ribs
and growing thinner. Sniffing the brand-new
absences of rightful food
it tasted as ripped-out barren space
erasing of meaning. So scant,

comfort there.
Oh bear, what now?
And will the ground
still hold? And how
much longer?

Oh Bär, was nun? Oh, Leute! Lest Gedichte, nicht Klopapier. Wenn ihr schon alle in den Wald geht, was zumindest Deutsche wohl seit je tun, wenn wir unsere Ruhe haben wollen. Oder wenn uns die Welt auf den Kopf fällt. Mit dem Flugplan von 1955 ist es wunderbar ruhig dort. (Immerhin ein Beitrag zum Klimaschutz). Wenn ihr wieder heimkommt, prüft die Macht der Worte. Von Politikern nie, von Philosophinnen nicht unbedingt, aber von Dichtern erwarte ich Wahrheit. Oh, rettendes Hirnfutter unterm Himmel. So blau.