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Via Regia auf dem Fahrrad – unser Ostsommer

26. Januar 2020 von Sylvia | Keine Kommentare



 
Sonne, Licht, Wärme! Hach, wie schön wär das denn!?! Vielleicht nicht grad 30, 40 Grad…. My Goodness! Was haben wir im Sommer im Thüringer Wald geschnauft und geschwitzt. Trotzdem macht jetzt die Erinnerung mein Hirn leuchten: Frankfurt-Elsterberg. Wir natürlich mit dem Rad.

Eine Abenteuerreise. Zum Geburtsort meines Vaters. Wir waren noch nie da – eine Freundin meiner Mutter lebt dort. Sie ist unser Ziel. Dafür reisen wir durch Nord-Osthessen, durchqueren Thüringen und kommen schließlich nach Greiz und Elsterberg in Sachsen. Als wir endlich bei ihr klingeln, haben wir insgesamt 530 Kilometer abgerollt und 5400 Höhenmeter bezwungen. Fazit: Abenteuerlicher als die Äußeren Hebriden in Schottland. Sehr Ost, sehr fremd, sehr erlebnisreich. Von schrecklich bis schön war alles dabei.

Stopp, Moment – bevor ich erzähle, ein Nachruf: Landkarten Schwarz hat fertig. Aus diesem Laden stammen viele unserer Karten. Ende 2019 mussten die Buchhändler schließen – und sind damit leider ein Beispiel fürs Spezialistensterben, wie es im Klimawandel ja viele Arten trifft. Sehr schade das. Die ehemaligen Geschäftsführer Peter Magin und Michael Brendel haben einen letzten Gruß online gestellt. Für jene, die den Laden zwar nicht über Wasser halten konnten, aber immer noch echte Karten und kompetente Beratung suchen: Adressen für Landkartenmaniacs – ein Onlineshop und drei Ladengeschäfte (Halle, Karlsruhe, Wiesbaden).

Einen davon, den nächsten, haben wir diese Woche getestet – und für sehr gut befunden. Buchhandlung Angermann in Hessens Landeshauptstadt. Die Wiesbadener Buchhändler haben Kinder und Küche zum Reisen gesellt – clevere Kombi. Nettes Personal. Feiner Standort. Direkt in der Stadtmitte am Markt. Möge die Kaufmacht mit ihnen sein.



 
Jetzt aber drehen wir das Rad zurück in die Zeit, als es noch Landkarten in Frankfurt gab und warm war: 24. Juni 2019 – und los! Wir rollen zum Entrée Hohe Straße. Die Eiserne Skulptur am Frankfurter Stadtrand verweist auf die Stationen der römischen Handelsstraße Via Regia, die früher den Rhein mit Schlesien verband. Heute könnte man auf diesem Weg bis nach Leipzig oder gar Moskau fahren. Allerdings muss man dafür taff sein, denn so schön klar und ausgebaut wie hier, ist die Via Regia schon sehr bald nicht mehr. Wir werden sie eine gute Woche lang nehmen, und dann bei Jena, Richtung Greiz und Zielort Elsterberg verlassen.

Wir hatten Supersommerwetter – jeden Tag 30 Grad morgens, 40 mittags, 30 abends. Sobald wir zurück waren: Bilder hochladen. Bilder löschen. Erinnern, nochmal durchleben alles. Den puren Genuss des Unterwegsseins. Das trockene Grün und Gelb und Erdfarbene. Das staubige Radwegband, teils rosenfarben und von wenig Halt bietendem Sandschotterkies. Das Bergabrollen und Hinaufschnaufen. Kapitulieren ab neun Prozent Steigung unterm Gezeter von Amseln, ungläubigem Starren von Kühen oder Pferden. Vorübereilende Szenen. Fahrmomente, getrieben von Gedanken wie, Ich fahr noch bis zu dem Baum da vorne, wenn ich es schaffe, da gibs Schatten…

Oder Rasten wie Auszeiten. Etwa auf Wildwiesen oder im Auwald. Die Wege. Die rettenden Wasser: Haune, Werra, Gera, Apfelstädt… Die Elsterauen. Die Städte und Dörfer. Und immer und überall genieße ich die Artenvielfalt, die im Osten gefühlt alles übersteigt, was wir bisher kennen. Neuntöter, Goldammer, Milan, Milan, Milan – Bussard, Amsel, Spatz und Star, Wacholderdrossel… Dann die Schmetterlinge! Kaisermantel, Schwalbenschwanz… Die Käfer, Libellen, und Raupen! Die Blüten!

Die waldigen, feldrigen und blumigen, die kargen und schroffen Landschaften. In den Ortschaften Wechselbäder aus staubigen Ruinen – oder geputztem Fachwerk. Zerfall und Erhalt einander abgewandt. Rücken an Rücken. Brummelig-abweisend der eine, fröhlich-lustig der andere – und man weiß nie: Wer hat welches Gesicht…



 
Wie für alle unsere Touren hat Pat die Strecke vorher inhaliert. Ist wochenlang abgetaucht ins Netz der On- und Offlinekarten, hat Höhenprofile eingesogen und Campingplatznadeln im Via-Regia-Heuhaufen gefunden – und nicht zuletzt überprüft, ob es diese Plätze tatsächlich noch gibt. Und zwar für uns Zelter, nicht nur als Parkplatz mit Stromanschluss für Wohnmobilisten. So sieht nämlich mittlerweile ein „Camping“-Platz oft aus. Immer wieder musste er deshalb neue Wege abseits der regulären Via Regia-Strecke suchen.

Ist ein gängiges Missverständnis, dass Zelten die einfachste Reise-Variante ist. Nein. Ist es nie. Trotzdem zelten wir gerne. Weil man dann noch dichter dran ist am Draußensein. Einfach wunderbar. Nun ja, jedenfalls, wenn man allein ist – oder die Mitzelter nicht Extremschnarcher sind oder gerade einen Rappel haben.
Für die ersten Tage fand Pat auf unserer Strecke jedenfalls keinen Zeltplatz. Also vor Ort in Gelnhausen und Neuhof Zimmer gebucht. Gelnhausen – Schelm von Bergen – direkt am Markt war okay: Ohne Aufzug, mit Frühstück – Personal sehr nett. Die Räder rockten übernacht in der Cocktailbar ab, wo dann auch Frühstück serviert wurde. Eigentlich hatte der Gasthof ja dicht, aber man war flexibel – Danke!

Danach der Schützenhof in Neuhof. Nnnnie wieder. Neu ja. Frisch renoviert die Zimmer, aber das Haus noch nicht ganz fertig. 80 Euro für heißes Schlafzimmer mit integriertem Klo. Kein Frühstück, kein Abendessen weil die Gaststätte noch umgebaut wird, kein Like. Die Chefin empfiehlt den Döner an der Straßenkreuzung gegenüber – „Kann man gut essen!“ Und als ich versuche zu handeln und einwerfe, dass wir in Gelnhausen für 60 Euro mit Frühstück waren, hat der Chef das unschlagbare Argument, „Na, das liegt ja viel südlicher.“ Aber auch viel schöner, Mann. Der Grieche, den wir beim Reinfahren gesehen hatten, versöhnte uns. Ein wenig.


 
 
Also los ohne Frühstück. Es folgte ein typischer Anfangstag: Ausmeckern, Runterfahren. Einstimmen. Aufeinander und auch auf den speziellen Charakter dieser Tour. Was sehen wir, welche Fotos, welche Dinge oder Viertel… Was wollen wir, willst du, will ich machen? Der rote Faden dieser Tour ist: schöne Landschaft, mit EU-Zuschuss geputzte Bauwerke, pralle Häuschen versus graue und einstürzende Altbauten. Die Strecke selbst durchwachsen. Morgens fast immer wunderbar, die Wiesen über und über mit Tauperlen bestickt. Immer etwas zu sehen, das neu für uns ist. Mittags High Noon – die Sonne wirkt plötzlich feindselig und grillt uns. Flucht zu einer schönen Stelle (= schattig und ab vom Schuss): Klamotten runter und Plumps. Trinken, Trocknen. Uff. Nachmittags irgendwo ankommen, Zelt aufbauen und abkühlen. Meist sind wir danach Essen gegangen. Die Zeltküche blieb oft wegen Überhitzung geschlossen.

An diesem Nachmittag rettete uns die Haune vorm Hitzschlag. Nordosthessisches, wildromantisches Flüsschen, dass hier mit halber Kraft rauscht – wie in den letzten Sommern wohl alle Gewässer Europas. Auf der anderen Uferseite siehts nach feinem Rastplatz aus. Eine Furt! Mit letzter Kraft die Räder in den Schatten geschubst; zusammengepackt, was jeder so in seiner Pause braucht – dann nix wie rüber. Da bleiben wir die nächsten 3 Stunden. Hau mich in die Haune – Ahhbküühlungngng…

Später erreichen wir den Campingplatz Hünfeld-Praforst. Gepflegte Wiese, freie Platzwahl. Supper. Wir bauen unser Zelt im Schatten des Waldes auf. Danach zupfe ich Pat mindestens 20 Zecken von der Pelle. Viel packen wir nicht aus, denn anders als bei unseren letzten Reisen geht es gleich am nächsten Tag weiter. Trotzdem sind wir glücklich: Endlich wieder Zeltluft. Nettes Platzteam, irre Nachbarn (im obszön gigantischen Wohnmobil) – und spezielles Essen. So muss Reisen sein… Campingplätze sind unvergleichliche Parallelwelten. Jeder ein eigener Planet, von unglaublich cool bis unfassbar krass.



 
Der nächste, am Rand von Heringen gehört zur Kategorie cool. Absackerbierchen, Trockenraum und Strom mit freiem Zugang, Frühstücksbank… Alles, was unser Zelterherz erfreut. Geführt von einem gemütlichen Niederländer und seiner Frau. Ankommen tun wir wieder durchgeglüht und plumpsmüde – und bekommen von ihm den Tipp für besten Italiener in Town. Alora: Pizza. Mit Ausblick auf die Kalibergbau-Abraumhalde Monte Kali. Abgefahrener Sonnenuntergang vorm Schaufelbagger. Sehr schick.

Kategorie krass folgt auf dem Fuß: Campingplatz Eisenach. Zugewiesener Platz nahe der Rezeption, unweit des Kiosks, aber auch direkt an der Hauptstraße des Areals. Und da es hier Menschen gibt, die zum Brötchenholen mit dem Wohnmobil fahren, war das tatsächlich eine Hochbetriebsstraße. Trotzdem blieben wir zwei statt eine Nacht. Fühlte mich innerlich gehetzt, wünschte mir Zeit zum Ankommen.

Um diesen Tag gut zu nutzen, planten wir am nächsten Tag eine Tour zum nächsten Ort. Erkundung der Gegend, Einkaufen, Kaffeetrinken sowas. Klappte leider nicht. Es war zu steil. Geschafft hätten wirs schon, aber wahrscheinlich nicht schnell genug für unsere Essensversorgung. Essenziell – oder? Aber das scheint sich im Fremdenverkehrsbüro Thüringen noch nicht rumgesprochen zu haben. Unser größtes Problem, und das aller Radler und Zelter auf diesem ausgewiesenen Radfernwanderweg, heißt Grundversorgung. Brot, Wasser, gerne noch was mehr – gab es auf dem Weg so gut wir nirgends zu kaufen. Wir mit unseren fünf Trinkflaschen, die morgens auf dem Campingplatz mit Leitungswasser befüllt wurden, waren meist gut versorgt. Ein Pärchen, dem wir in Jena begegneten, und das auf Lebensmittelläden unterwegs gesetzt hatte, erzählte von Durst und Wassernotstand.

An der Route Via Regio gibt es nämlich weder Läden, noch Cafés oder Gaststätten. Und wenn doch – sorry, aber es war wirklich so aufm Land – dann hatten sie geschlossen, die Kaffeemaschine war noch nicht an bzw. kaputt. Vielleicht machten sie auch auf, aber erst in zwei Stunden oder hatten einfach mal Ruhetag. Beispiel Kaffeehaus, frisch renoviert (mit EU-Zuschüssen, wie ich unterstelle). Hatte ich mich auf eine Pause in diesem schönen Garten gefreut. Und musste soo dringend. Das Klo war modern, stylish und sauber. Der Waschtisch schwarzer Marmor… Wow. Weltoffen stand „Women“ draußen an der Tür. Auf dem Weg zurück, sah ich auf den Tischen im Haus Karten mit dem Kaffee- und Kuchenangebot. Ich nahm eine Karte und wollte in den Garten, als die Weltoffenheit endet. Die Chefin schnauzt: „Ich bring ihnen das schon. Wir haben hier Zeit.“ Als sie dann endlich Zeit für uns hat, legt sie die Karten auf den Tisch und sagt, „Cappuccino gibts nicht. Filterkaffee ist auch gut.“ Wir waren bedient und verschwendeten keine Zeit mehr, weiterzufahren.



 
Wenn man online recherchiert, ists in Thüringen einfach nur schön. Ich glaub, es gibt über die letzten Winkel Schottlands mehr (ehrliche) Erlebnisberichte als über diesen Teil Deutschlands; wo meine Großmutter aufgewachsen ist – und mein Vater Kind war. Vielleicht, weil alle mur im Wohnmobilen sitzen und Fernseh gucken?

Einen Blogbeitrag von einer Frau hatte ich vorher gesehen. Sie schreibt, dass sie sonst eher Bahn als Fahrrad fährt, und wie sie sich entscheidet, Urlaub im heimatlichen Bundesland zu verbringen. Mietet sich flugs ein himmelblaues Fahrrad und radelt genau da herum, wo wir auch waren: Rennsteig bei Ruhla. Keine Silbe, nichts, aber auch gar nichts über die Steigungen, die den Rennsteig (auch als Skipiste) so legendär machen. Hä? Himmelblauer Bullshit.

Touristen-Belämmer-Quark. Okay, ihr habt die Mundharmonika erfunden in Thuringia, aber das erlaubt euch nicht, Steigungen kleinzuflöten. Und, schon klar, Rennsteig, DER Rennsteig, ist legendär. Auf 50 Kilometer überwindet man etwa von Wilhelmsthal nach Ruhla – und um Ruhla herum 400 bis 650 Höhenmeter. Das heißt Treten, Treten, Treten. Oder Schieben, was nicht minder anstrengend. Denn die Wege sind durch die vorhergehenden Gewitterstürme wie offene Wunden des Waldes. Quer drüber nicht selten Baumstämme, die der Wind umwarf. Macht alles Muckis, wirkt jedoch mitunter negativ auf die Moral.

Die Thüringer werben mit schöner Landschaft im Allgemeinen, dem Rennsteig im Besonderen – und ja, auch mit dem Fernradweg R 3. Aber: Bitte! Werben allein reicht nicht – und den Radweg einfach neben der Bundstraße mitlaufen zu lassen ist mehr als herzlos. Allein der Anblick der brülleheißen, verbrennungsmotorgetriebenen Blechkisten führte bei mir zu permanenter Zellkernschmelze.

Die Landschaft allerdings ist wirklich der Hit. Teilweise romantisch sanft, dann wieder geprägt von verblüffenden Kontrasten. Verrottende Ruinen und traumhafte Berge oder die Abraumhalde Monte Kali als Hintergrundbild. Deren Anblick begleitet uns tagelang. Wie das die Landschaft prägt. Und es gibt nicht nur diesen einen Kaliberg.


 
Auch sehr prägend – die drei Hubbel mit Burgen drauf, die „Drei Gleichen“. Der Legende nach soll vor knapp 800 Jahren ein Kugelblitz umhergesaust sein und alle drei – Potzblitz! – getroffen haben. Was mir auffällt beim Durchstreifen der Umgebung – ehemaliges Torfstichgelände, Alabastergrube, Wiesen, Felder, Wälder: Hier muss es Beutegreifer geben, die Schafe mögen. Und Bauern, die vorsorgen, statt heulen: E-Zaun, Ziegen und Schafe gemischt, teils sogar auch Kühe drin – und: Herdenschutzhunde. Und freundliche Thüringer, die uns zum Bratwurst-Essen einluden. Aber wir waren ja unterwegs und proviantversorgt. Sehr nett, danke nein.

Das wäre vielleicht die Gelegenheit gewesen… Armer Pat, am Ende hat er keine einzige echte Thüringer Bratwurst gegessen. Entweder es gab keine oder er hatte Lust auf was anderes. An diesem Abend draußen vor der Rathausschenke von Mühlberg wollte er. Röstbratl stand auf der Karte und klang verlockend nach Bratwurst, war dann aber irgendwas mit Schweinebraten.

Aber es gibt ja nicht nur den Thüringer Wald und das Burgenland. Sehr gut gefallen haben uns Erfurt, Weimar und Jena. In Weimar war eigentlich mal Kultur vorgesehen, die Ausstellung der Bauhausfrauen wollten wir sehen. Aber in Weimar angekommen mussten wir erstens feststellen, dass vor allen Ausstellungshäusern lange Schlangen standen, und zweitens, dass diese Ausstellung gerade in Erfurt war. Da kamen wir doch grad her…



 
Also Buchenwald-Gedenkstätte. Der Weimarer Campingplatz liegt eh auf dem Weg dorthin. Auch das ein ganz besonderer Ort – die Geschichte, die dazu gehört, erzähle ich ein andermal. Buchenwald war wie alle KZ-Gedenkstätten bedrückend. Die Ausstellung selbst ist sehr gut konzipiert. Viele Menschen waren da. Vor allem Jugendliche, die ganz offensichtlich mit Aufgaben im Gepäck kamen, die nur lösbar waren, wenn man sich intensiv auf die Ausstellung einließ. Der nächste Ort machte uns gruseln. Buchenwald ist dort heute nur die Bezeichnung für den Wald nebenan. Halali, wir gehen jagen im Buchenwald.

Gegruselt hats mich auch in Gotha. Vielleicht war mir auch einfach zu heiß. Aber mit dem Radwander-Pärchen, das wir in Jena getroffen haben, waren wir gleich einig, die Thüringentour fühlte sich nicht an, als seien wir in Deutschland unterwegs. So unvertraut und fremd.

Und, ja, wir hatten auch Vorurteile. Manchmal wurden sie übertroffen von dem, was kam. Etwa als ein (laut Plakat in seinem Fenster ausgewiesener) AfD-Fan auf mich zustiefelte und mich beinahe gebissen hätte. Ich konnte ihn zum Glück mit den Worten „Wie schön!“ entwaffnen. Tatsächlich habe ich ein Bild von seinem Schuppen mit Deutschlandfahne gemacht – glaub nicht, dass er und ich mit „schön“ dasselbe meinen.

Der Gerechtigkeit halber: natürlich gibts auch total nette Thüringer (siehe oben unter Drei Gleichen). Ebenfalls in Mühlberg ist ein Familie zuhause mit Hirsch auf dem Vordach. Auf meine Frage, „Darf ich den fotografieren?“ Sagten die nur: Ja klar. Woanders schreien Menschen uns an: „Was machen Sie da??“ Oder: „Ich hol die Polizei!“ (bspw. in Hessen, NRW, Bayern). Auch Sabrina war ne Nette, die Campingplatzwartin vom Platz „Drei Gleichen“ mit ihren witzigen, getrockneten Demobrötchen zum Auswählen unter drei Sorten. Mein Fazit: wenn man die Thüringer nett anspricht und freundlich kuckt – werden die meisten ganz hilfsbereit. Na, wie bei uns, würd ich sagen. Nur diese in Abweisung gekleidete Vorsicht, die kennen wir sonst eher nur von Nordosthessen (was ja zu Südwestthüringen kaum einen Unterschied macht).



 
Sogar eine Rezeptidee haben wir mit gebracht – aus Ruhla. Allerdings nicht von einem Thüringer Koch, sondern von einem Holländer. Die sind wohl überall!?! Dieser hier und seine Frau haben in Ruhla eine Gaststätte übernommen. Auf der Speisekarte wenig Thüringer Gerichte, weil, „Das haben sie hier ja eh alle“, meint die Chefin. Dafür unter anderem Schnitzel mit Cornflakes-Panade. Die selbstgemachten Burger mussten sie wieder aus dem Programm nehmen, zu exotisch, wollte keiner. Dafür gabs bei uns zu Weihnachten cornflakes-panierte und frittierte Schnitzel. Vom Sellerie für die einen, vom Kalb für die anderen… Großartig.

Schließlich Zielankunft in Elsterberg. Mit Häuschen und Kirchen, die genauso aussehen wie die in dem Baukasten, mit dem ich als Kind bei meiner Oma spielte. Plötzlich war mir alles sehr nah und vertraut. Die Locals führten uns dann mit Stolz noch ein bisschen ihr Thüringen vor – die Göltzschtalbrücke etwa. Wow! – Das Land – die Weite… Wir werden wiederkommen, ganz bestimmt – allein um im Herbst die Starenwolke zu sehen.


 
 
 

Niemals “same procedure” – Winterwechsel

7. Januar 2020 von Sylvia | Keine Kommentare


 

Weiß die Gischtleine, weiß der wellige Saum der Wolken. Schwarz ballen sie sich überm Nachtstrand, schwarz wie unsere Schatten. Im vollen Mondlicht, Abend um Abend laufen wir. Bis zum neuen Jahr. Schäumende See, lärmende Fahnen, quietschender Sand. Same procedure as… niemals.

Weit draußen glimmern Bohrinseln, Schiffe, Windräder… Keine Dunkelheit nirgends. Drüber die Flieger. Tun, als sei’n sie die Sterne. Blinzeln im Sturmwind, der lostobt jetzt. An den Ohren reißt, alle Nachtgänger findet und vor sich herschiebt. Und Juhuiihihi wo seid ihr Geister? Riefs im Rohbauskelett unten am Boulevard. Heulte es schaurig durch künftige Appartements. Schon da hässlich, aber jetzt erst. In Reih und Hasenstall – aber der Meerblick!

Kranfahne knattert nicht mehr. Häschen und sein Boot haben ein Make-over. Aber Wir. Sind da. Wandern mit wirbelndem Haar. Streifen ab Verlorenheit. Hüllen uns in Wind und Sand, in Wolken und Schaum. Keine Muscheln sammelnd, nur immer das pulsenden Strahlen im Blick. Sonne am Tag, Leuchtfeuer bei Nacht. Und vorm Fenster: Eisblaue Dohlenaugen. Ich warte aufs schwarze Geflatter am Backstein, aufs Schnabulieren am Spatzenfutter. Auf ihre hopsende Lebenslist.

Ja, Wegfahren. Mit der ewiggleichen Aufgabe im Gepäck: Loslassen, Einschwingen. Ganz wie Marguerite Duras: „Ich brauchte einen ganzen Tag, um ins aktuelle Geschehen einzutauchen, einen zweiten, um zu vergessen und wieder frische Luft zu atmen. Und einen dritten Tag, um auszulöschen, was geschrieben worden war, um selbst zu schreiben.“

Ans Meer! Natürlich. Zweimal, Dreimal täglich. Am ersten Tag nach links, den Wind im Rücken, den Strandmarken folgend. Am zweiten umgekehrt. Die Holzpfähle mit ihren orangenen Stirnen und weißen Zahlengesichtern. Immer da. Erzählen doch aber jedes Mal ihre Geschichten neu.

Vorletztes Jahr vom hundertausendfachen Seesterntod. Letzten Winter vom Windwolf. Der manchen Pfahl eingrub bis zum Kinn, anderen die Schienbeine rüschte mit Gischt. Kein Cappuccino mehr vorm Aufstieg in die Dünen, weil, vom Strandcafé blieb nur das Gerüst.

Sonne kommt. Aber wärmt nicht. Dennoch muss ich barfuß ins Meer. Fühlen was ich weiß. Zehensegel richten: Die Küstenlinie längs wie all unsre Ahnen. Erschauernd vor der Anmut der S-Linien, wiederholte Wiederholungen, geriffelte Riffelungen. Sandhemdchen und Muschelhelm. Für immer und immer.

Und immer auch eine Prüfung: Trennung und Schmerz. Ebbe und Blut. Bis zum Regen, der an den Scheiben knistert. Und den Lichtern auf feuchtem Asphalt. Wer seine Mitte verloren hat, kämpft um jedes sichere Bild. Das Leben am Meer bringt eine bestimmte Art des Denkens und Fühlens hervor, schreibt Macfarlane. Der Baumkletterer, der Wanderer und Wildnis-Poet.

Wandern. Warten. Warten, dass Langsamkeit einzieht, die reist ja immer der Seele hinterher. Wir treffen sie am Strand – wo sonst. Wo wir dem weißen Rauschen, dem Schaum der Tage und Nächte folgen. Der aufspritzt, sich von Hunden über den Strand hetzen lässt und ihnen schließlich an den Lefzen klebt. Als salziges Nichts.

Am Himmel leuchtende Drachensicheln. Bunt heben sie die Waghälse empor. Wellenreiter, Wolkensurfer – was für Kerle! Der Himmel ein Lichtspiel, Vorhang auf für den Blick zurück. Hey, mein Leben: Wie war ich? Ach komm, braust der Wind. Aufauf! Mit vollem Einsatz am Boulevard: Schaurig, schaurig, du Mensch.

Also weiter. Auf und voraus. Nutz deine Grenzen. Voller Liebe, linienlos, hart am Rand. Alles auslöschen, was je aufgenommen. Um wieder neu zu sehen. Sein. Lösen, Auslösen im Glitzer des Meerspiels. Alles auf Null. Faites vos jeux.


 
 
 

Schöne Weihnachten

24. Dezember 2019 von Sylvia | 2 Kommentare


 
Der Morgen
so weiß.
Lass. Hilf.
Hilf den Nadeln im Hirn
singen, den Füßen malen
schwerefrei

Aus Nichts werde Licht
blitze der Wasserhimmel
Tropfen
Wirf. Wirf dich
ins Schneckenohr, lass laufen!

Los doch! Voraus!
Die Wendeln längs im Doppelbob
Schneller! Weißer! Kurbeln, bis
alle Neuronnetze fluten
Lachenden Munds.

 
 
 

Hands on Gips

26. November 2019 von Sylvia | Keine Kommentare



Unversichert und unbeschuht – nur Fell, Horn, Lederhaut, Krallen… Tierfußabdrücke gehen mir ans Herz. Wenn der Boden schön lehmig ist – und ich mein Pfund Gips dabei habe – nehm ich mir was zum immer wieder Anfassen und Anschauen mit.
Hier neun Beispiele aus meiner Sammlung – ihr könnt gerne mal raten, welcher Abdruck ist von wem…
 

 





 
 
 

Blue Note: Save our Soals

8. November 2019 von Sylvia | Keine Kommentare

Aviarium *


 

Still

Das Schwingen der Räume
hält den Planeten
so blau

Verschwände das Rauschen
der Vielfalt, zerfiele,
weh uns,
der Glanz des Himmels

blieben leere Nester
bliebe der Tod.

Nach einer Erdenweile
ohne uns
der Planet drehte fort

Insectarium *


 
* Links zu den Galerien mit je 12 Cyanotypien
 
 

Keep it wild! Fährtenleser sehen mehr

6. November 2019 von Sylvia | Keine Kommentare


 

Schonmal ein Eulengewölle auseinandergepult? „Uuh! Wie eklig“, sagen die einen – „Boah! Was war drin?“, die andern… Ich gehör zu den anderen. Seit einem Jahr bringen Tierspuren in jeder Form – vom zierlichsten Krallenabdruck bis zum unförmigsten Speiballen – meine Augen zum Leuchten und mein Hirn zum Schnurren: Was ist das? Von wem stammt es und warum ist es hier?

Globetrotter ist an allem schuld, das will ich mal festhalten. Schuld, dass ich jetzt am Lineal hänge (immer dabei, um gefundene Fußspuren ausmessen zu können), dass Pat an irgendwelchen Matschlöchern auf mich warten muss (wo man solche Spuren findet) – und dass wir neue Regalmeter für Trackingbücher brauchen (in denen ich alles nachschauen kann). Und natürlich, dass ich Bücher gekauft habe wie „Spurenführer“, „Tracks & Signs“ oder Het Prentenboek.

Wenn ich also freudestrahlend gräuliche Klumpen von Brücken klaube, oder unter Burgmauern finde, verdanke ich das einem Paar neuer Gummistiefel… Irgendwer an der Kasse hat wohl ein Heftchen mit Veranstaltungshinweisen dazu gepackt. Beim Durchblättern Zuhause – machen wir sonst nie –, bleiben wir beide bei einem speziellen Outdoorangebot hängen – Fährtenleserausbildung der Wildnisschule Wurzeltrapp: „Wir werden dich in die Geheimnisse der Fährtenkunde und Vogelsprache einweihen.“ Pure Magie…Stalking Wolf…alle Kurse draußen… Die Vögel sagen, ob ein Fuchs kommt und wo er läuft? Boah. Willichwissen… Wochenendkurs für uns beide? “Nee, mach du mal … und nimm den längeren”, sagt Pat. Gebucht.

Ein Jahr später bewege ich mich in einem anderen Wahrnehmungsmodus als früher. Guckhörriechen sowas. Jedes der sechs Wochenend-Seminare war wie ein neues Brillenglas für mehr Tiefenschärfe. In den Wochen dazwischen hatte man als Tracker-Azubine ordentlich zu schuften. Lange her, dass ich Hausaufgaben machen musste und dazu so viel lernen.


 

Unsere Ausbilder Axel und Simone warnten gleichwohl schon in den ersten Stunden: Einmal Tracker immer Tracker. Und Jep. So isses. Früher hab ich regelmäßig mit dem Rad meine Runde durch den Wald gedreht – und war nach 30, 40 Minuten zurück. Heute brauche ich für dieselbe Strecke locker das Vierfache. Mindestens. Weil, Gewölle meinen Weg kreuzen, Reste gefressener Tiere, Kackhaufen allen Alters, und aller Sorten – und natürlich lebendige Tiere zu Wasser, an Land und in der Luft… 1000erlei Anlässe zum träckisch Gucken. Also, Augen auf beim Einkauf! Er könnte dein Leben und das deiner Mitmenschen verändern.

Input, die Erste

Los gings im Spessart mit sechzehn Menschen aus unterschiedlichen Berufen, die eins einte: Die Lust am Draußensein. Außerdem der Wunsch zu verstehen, und mehr, noch mehr über Zusammenhänge wissen zu wollen. Die Beschnupperrunde ganz anders, als ich es sonst kenne und hasse. Jeder erzählte von sich, was er oder sie sagen mochte. Zuvor Danksagung (an alle, die das Wochenende möglich gemacht haben) und Reinigung der Sinne durch Räuchern.

Dieses Innehalten, Dank ausdrücken und Geschichtenerzählen gefiel mir gut, das Räucher-Ritual dagegen erwischte mich kalt:  Eine Muschelschale mit drin glimmenden Kräutern (Beifuß, Salbei und mehr) ging reihum – und dazu eine Bussardfeder, um Stress und böse Gedanken weg und den Rauch um sich zu streichen. Bin ich Indianerin? Mein Bauchkopf sagte „Luft!“ – und schnell weitergeben den Räucherkram. Irgendwann später wird mir ein Trackerfreund sagen, dass Naturvölker sich beräuchern, um für Tiernasen nicht so nach Mensch zu riechen. Okay. Dann her mit Rauchpfännchen und Federwisch.

Endlich gings los. Erstmal die Basics, klar: Trittsiegel – einzelne Trittspur. Fährte – eine Reihe solcher Siegel. Im Zickzack oder in Gruppen. Ein schöner Merksatz lautet: Natur ist Chaos. Das sei die Grundlinie oder Baseline – und wir Tracker suchten nach Störungen. Nach einer bestimmten Form von Ordnung also. Ich höre noch immer Axels Stimme: Muster, Trends, Tendenzen. Darum gehts. Der Refrain des Jahres ist gefunden: Muster, Trends, Tendenzen. Hugh.

So unterschiedliche Typen, und doch habe nicht nur ich das wärmende Gefühl, unter überwiegend Gleichgesinnten zu sein. Eine Spur?! Und Zack: Alle voll auf Fokus. Dennoch. Sechzehn Menschen auf einem Haufen sind anstrengend. Und manche anstrengender als andere. Bei jedem Modul-Wochenende brauche ich Zeit für mich. Alleinsein. Um in der Spur zu bleiben, nicht kaputtzugehen. Mich zu emanzipieren von der Gruppe und ihren Strömungen, ihren Forderungen, ihrem Druck auch manchmal. Also, früh raus und schon mal eine Runde laufen.


 

Die Voraussetzungen dafür könnten nicht besser sein. Unser Ausbilderduo hat quer durch die Republik wunderbare Ecken ausgesucht: Lüneburger Heide, Nürnberger Land, Ostsee, Fichtelgebirge… Natürlich nicht (nur) der schönen Landschaft wegen. Es ging vielmehr um die Vielfalt von Lebensräumen und – damit zusammenhängend – der jeweils vorkommenden Tierarten.

Die Trackerkolleginnen Beate und Maria nehmen wie ich diese Früh-Auszeit. Oft treffen wir uns beim Losgehen, nicken einander zu, gehen jede ihren Weg und genießen das morgendliche Krafttanken. Beim ersten Treffen in frischer Schneelandschaft. Weiß und weiß und was? Ein … Wildschwein? Oh, wow! Wildschwein. Ich folge den Spuren, mach Fotos und auf einmal ein Zaun und Ende. Hm. So hoch können Wildschweine wohl nicht springen, oder?  Ich suche nach weiteren Spuren – und muss zurück.

Dieses Tier ist mein erster Lehrer. Mit Simones Stimme fordert es: Stell dir gute Fragen. Bleib kritisch. Schau genau hin. Irgendwann später kam es mir – Warum bin ich nicht um die Ecke gelaufen, und hab hintern Zaun geschaut? Warum habe ich nicht andre Ideen durchgespielt? Wer könnte denn auch hier gewesen und gesprungen sein?

Waldwiese my Love

Zurück zuhause mit Aufgaben wie Steckbriefe von Huftieren schreiben und zeichnen, Sitzplatz finden, Karte des Platzes zeichnen, Bodenbeschaffenheiten recherchieren…


 

Sitzplatz. Mag sich unspektakulär anhören, ist aber eine Institution, ein echter Bringer. Eigentlich lag es nahe, wo meiner sein würde: Auf der Waldwiese in unmittelbarer Nähe zu zwei Seen, wo wir immer Damwild sehen – und unseren Kater Max begraben haben. Trotzdem habe ich erstmal das Stadtwaldrevier drumherum durchkämmt, mich dabei verlaufen und prächtige Stellen gefunden.

Darunter eine Lichtung, an der ein Bach längs fließt. Als ich hinkam lag dort ein Damhirsch-Schädel mit Geweih, zwei weitere ohne, also Damwild-Ladys, – und noch zwei Geweihschaufeln. Poah – ein Jahrhundertfund. So was hatte ich mir immer gewünscht. Alles sehr cool, aber, es war nicht „mein“ Platz. Denn: diese Tiere hatten hier ja nicht einfach so das Zeitliche gesegnet. Der Jäger hatte seine große Trophäe – in Sichtweite des Hochsitzes – der Natur zum Reinigen und Bleichen überlassen.

Also zurück auf los. Auf unsere Waldwiese. Die hab ich dann erstmal vom Müll befreit. Weinflaschen, Plastikbeutel, Chipstüten sowas. Bah. Zwei Trinkgläser fand ich an eine Baumwurzel gelehnt. Hier haben zwei gelegen und es sich schön gemacht… In einem der Gläser fand ich ein winzigkleines Vogel-Skelett. Wahrscheinlich war das Kerlchen des süßen Tropfenrests wegen hineingeschlüpft und kam dann nicht mehr raus. Das jedenfalls ist der traurige Film in meinem Kopf. An mir, was Gutes draufzusetzen.


 

Ich kenne die Wiese gut. Aber dort eine Stunde lang nur sitzen – das war neu. Meditation pur. Während meines Trackerjahrs war ich fast jede Woche da. Hab also rund 50 Stunden zu allen Tag- und Nachtzeiten da gesessen. Bei Regen, Nebel, zartem Frühlingslicht, brülleheißer Sonne, goldener Herbststimmung und minus zwei Grad Frost. Ich war keinen Tag krank.

„Sitzplatz“, das bedeutet auch: Vor Ort Notizen machen und zuhause Protokoll schreiben. Etwa so:

21. Juni, 4 Uhr 20.
Drei Damhirsche. Später noch eine Hirschkuh.
Vogelansitz: Harmonie. Singen. Leiser, kurzer Bodenalarm, links von mir näherkommend, dann Stille. Stille.
Ich schau nach oben – nichts, keine Vogelwächter in den Baumwipfeln. Was ist los? Auf einmal nehme ich genau vor mir einen Fuchs wahr, der die Wiese quert – und in exakt die Richtung verschwindet, wo ich zuvor die Fuchs-Losung (Kackwurst) gefunden hatte. Die Vögel hatten ihn tatsächlich angekündigt.

Der Beginn des wärmeren Wetters zeigte sich auch durch Haarbüschel vom Damwild. Sie rupften es maulweis aus. Ein schönes Büschel wie zum Tausch dort, wo ich zuvor einen Apfel hingelegt hatte. Federleicht und warm. Als spürte ich die Essenz und Lebendigkeit des Tiers in meiner Handhöhle.

Irgendwann stolpert man als Fährtenleserin natürlich auch über weniger hübsche Fraßspuren und tote Tiere. Spannend. Ich, die ich früher umkippte, wenn Blut floss, beuge mich jetzt über tote Tiere. Schau genau hin bei jedem Roadkill, um alle Einzelheiten aufzunehmen.


 

So habe ich meine erste und bisher einzige Sperberin gesehn. Oder nahe meinem Sitzplatz den Rest eines Krötendinners.

Bussard oder ein Marder? Ich weiß es nicht, jedenfalls war das Tier sauber gehäutet. Beinmuskeln und Bauch. Blau, weiß und rot. Ein Weibchen? Das Glibberpaket in unmittelbarer Nähe war wohl unbefruchteter Laich. Hab ich das Mahl unterbrochen? Paar Tage später kam die Reinigungsmannschaft: Rothalsige Silphen, schicke Aaskäfer, deren hubbelige, schwarze Panzer der eingetrockneten Krötenhaut zum Verwechseln ähnlich sehen. Fressen, Paaren, Eier legen – bei Silphens geht das alles ratzfatz.

Input, die Zweite

Das zweite und dritte Treffen verbrachten wir unter Brücken und auf dem Acker. Die ersten Fußspuren, Yay! Dachs im Trab, Fuchs, Hund, Reh, Fischotter und Marder… Wer? Welcher Fuß, welche Gangart? So lauten die immer wieder kehrenden Fragen. Und unsere Aufgabe war immer: Zeichnen, was wir sehen. Auf meinen ersten Zeichnungen sieht man – so gut wie nichts. Ausdruck des inneren Knotens. Ich sah entweder erst gar nichts – Fuchs? Wo!?! Oder vermochte es nicht zuzuordnen. Erst mit der Zeit wurden die Konturen scharf, die Umrisse klar – sah man, um welchen Fußabdruck es sich handeln könnte.

Schon die pure Unterscheidung von Hund, Fuchs, Katze oder Marder sind anfangs (und auch später noch) Herausforderung genug, aber dann auch noch zu erkennen, ob das Tier gelaufen, getrabt, gesprungen oder galoppiert ist…

Mein erstes Trackingrätselerlebnis hatte ich um die Ecke an einem Bach. Ich seh sie schon von weitem: Herrliche Trittsiegel, paarweis auf der anderen Uferseite. Marder vielleicht? Hin und messen, genau hinschauen, Abstände zwischen den Tritten messen. Zur Hölle! Wer, bitte, war das? Tier, Pfote – soweit klar. Aber ich kapier nicht, wie dieses Tier gelaufen ist. Nicht, was es da gemacht hat – und hab wirklich keinen blassen Schimmer, welches es gewesen sein könnte.


 

Die Zeichnungen und das Blättern in der frisch angeschafften Trackerliteratur, bringen mich nicht weiter. Solche Abdrücke hats da nicht. Geholfen hat – Instagram. Da nämlich postet eine Mittrackerin genau so eine Spur, Unter den Hashtags finde ich die Lösung: #raccoon. Raccoon? Waschbär! Hatte mir nicht vorher eine Katzensitterin erzählt, ihre Katze sei von einem Waschbär gebissen worden? Bei uns? Quatsch! Hatte ich gedacht. Hier gibts doch keine Waschbären. Tscha. Von wegen. Da war der Beweis.

Wer in der Lage ist, solche Beweise sauber zu sammeln, kann Tiere lokalisieren, die andere nie zu Gesicht bekommen – und damit durchaus auch mal Forschung oder Wildtier-Monitoring behilflich sein. Auch deswegen lernen wir das. Aufgabe bis zum Abschluss: Fährten von 14 verschiedenen Säugetieren sauber zu dokumentieren. Dafür galt es, die bekannte Umgebung zu scannen oder auch zu verlassen, um Tiere und ihre Spuren ausfindig zu machen, die es hier nicht gab. Wildschwein zum Beispiel. Gibts bei uns in direkter Nähe nicht.

Deswegen stand ich irgendwann auf einem Acker, wo ich Wildschweine vermutete. Spuren gabs en masse, aber nicht von Wildschweinen, sondern von Rehen. Leider von zu vielen. Einzelne Fährten waren nicht auszumachen – aber eine Hundespur. So gings mir oft – gestartet für Nutria, zurückgekommen mit Wildschwein. „Don’t try so hard“, ermunterte Axel mich einmal, dreimal…

Gut, dann eben Hund, dachte ich, und packte mein Tracker-Besteck aus. Zollstock und Lineal, Bleistift und Block sowie gefärbte Holzspieße, um die einzelnen Tritte zu markieren – und auch auf Fotos dokumentieren zu können, wie das Tier gelaufen ist. Ja, und wie denn? Ich brütete ewig darüber, versuchte mir vorzustellen, wie der Hund seine Füße gesetzt hat, machte Verrenkungen und scherte mich nicht darum, was die Spaziergänger wohl dachten.

Die meisten Zuschauer reagieren ja mit einer Art von Ehrfurcht und lächeln still – oder fragen direkt, was man da treibt. Sieht schon sehr wissenschaftlich aus, wenn man mit Messinstrumenten und Block und voll konzentriert in der Matsche hantiert. Erst einer hat mich bisher gefragt, ob ich „Fährten bestimme?“


 

Am schnellsten war ich mit meiner Spurenaufnahme wohl an einem Wintermorgen: Es schneite, und vor mir flitzte ein Eichhörnchen über die Straße. Auf genauso so eine Chance hatte ich gehofft. Also hopp: Mit zittrigen Händen alles ausgepackt. Fotos gemacht, gemessen, schnell, schnell, bevor der Schnee alles zudeckt: Schrittlängen, Spurgruppenlängen, Zwischengruppenlängen, Spurbreiten. Und die Längen und Breiten der einzelnen Tritte natürlich. Die ersten Autos kamen – ich stellte mich breitbeinig vor meine Spur, sie kurvten um mich herum. Die Schneekehrmaschine! Schwitzen im Schneetreiben. Aber ich schaffte es. Uff – und ab nach Hause.

Im Fichtelgebirge dann ein großes Highlight für mich: Bei meiner Auszeit-Morgenrunde finde ich eine Biberspur. Trotzdem die anderen, auch die Ausbilder, sagen: “Glaub ich nicht.” Ich müsse mich geirrt haben, viel zu klein die Füße, und überhaupt. Ich bleib dabei. Bauch und Kopf sagen: Biber, Biber, Biber. Zu siebt sind wir am nächsten Morgen los, um eine Spurdoku zu machen, wenns stimmt. Stimmte. Gemacht. Und typische Fraßspuren dieses Jungbibers fanden wir auch.

Mein Trackerjahr war voll Neuem. Voller Geschichten, Spuren, Radtouren, Reisen, Trauer und Selbstvergewisserung. Ein Lesejahr auch. „Der Heimatinstinkt“ von Bernd Heinrich etwa oder Robert Macfarlanes „Alte Wege“ und „Die Karte der Wildnis“. Bei all dem gings immer ums Draußensein, um das Prinzip „Natur ist Chaos“ – und „Spuren sind Ordnung“. Um das Selbsterleben von Extremen. Von Begegnungen mit besonderen Menschen und besonderen Tieren, vom Wachsen und Weitergeben, dem Umarmen des inneren Tigers. Oder auch grundsätzlich vom mineralischen Skelett der Erde und dem Überleben als Tier und als Mensch.

All das weckte das Mädchen in mir, das im Wald auf Bäume kletterte und mit Hähern sprach – oder eher kreischte.

Das in alle Ritzen schauen, das Warten und Beobachten musste ich nicht neu lernen. Neu Lernen musste ich, nicht zu stark zu wollen. Ruhe zu bewahren und die Essenz des Aufgenommenen wirken zu lassen. Und wenn‘s klappt: Freuen. Übers Wiedererkennen von Waschbärspuren, Grünspechtgelächter oder Fuchskacke.

Einige Monate nach der knallharten Abschlussprüfung mache ich einen lang gehegten Plan wahr: Ich übernachte zum Dank für all die Erkenntnisse bei Vollmond an meinem Sitzplatz im Wald. Ich sehe Fledermäuse, wie Pat zuhause. Später höre ich Damhirschinnen rufen (so neu, dass ich’s später rausfinden muss) – und eine Waldkäuzin schreien. Das pure Glück.