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Lost in Hohenlohe

12. Juni 2021 von Sylvia | Keine Kommentare


 

Der Corona-Zufallsgenerator hat uns im letzten Jahr auf die Hohenloher Hochebene geweht. Aufs Land, far from Sachsenhausen. Wo von morgens bis abends, im Sommer auch des nachts, Bauern oder ihre Billiglöhner mit Traktoren rackern. Wo seit Jahrhunderten Landwege gegangen werden. Manche unverändert, dem Absterben nah. Manche in der jüngsten Generation, lebendig wie je. Wir als Reingeschmeckte verstehen dieses gut, anderes gar nicht. Sehen dieses idyllisch, jenes schaudernd.





 

Um das nicht „nur“ abzubilden, sondern dem körnig-erdig Gefühlten Ausdruck zu verleihen, haben wir das Kallitypie-Verfahren gewählt. Diese Fototechnik stammt ursprünglich aus den 1850er Jahren. Wir wenden sie hier in moderner Mischform an: digital und analog. Genau damit spiegelt sie das Grundthema „Industrialisierte Landwirtschaft“ und lässt durch die Verfremdung umso genauer hinsehen.

Sie offenbart dieses rurale Industriegebiet auf eigene Weise. Ohne den eingeborenen Weichzeichner. Die verweilenden Städteraugen sehen das Verfallsdatum, die Überfälligkeit von Strukturen und (Land-)Wirtschaftssystemen, sind dabei Fremde all over – und bekommen doch mit dem Trecker die Eier geliefert.

Was kann, was muss verändert werden, ohne Funktionierendes, ohne soziale Netze zu zerstören? Was ist ohnehin nur Fake? Was wird mit dem/der letzten Alten aussterben? Wo ist das gut so, wo ists schade drum? Was muss verändert werden, um das Gleichgewicht zurückzuerlangen, das sich beim Augenzukneifen so schön erahnen lässt. Geht das? So viele Fragen, die unbeantwortet bleiben.

Die Weite hier ist wunderbar, sagen Bussard und Krähe in der Luft. Rangeln um Revier, um Nahrung für sich und ihre Nachkommen, um ihre Zukunft. Wie wir.






 
 
 

Wolkenzug und Kuckucksflug

16. März 2021 von Sylvia | Keine Kommentare


 

Parallelwelt des hellichten Tags. Flohmarktzimmer voller Kristall, Gläser, Porzellan. Mittendrin ich. Lass mich locken. Hier und da schauend. Streifziehend auf Second-Hand, so antik. Zartblinde Augenfänger. U-Booten gleich im Rang-Tangwald der Träume. Botenstoffe, verschüttete Lieben, Findelbilder. Uralter Zauber des Urspursuchens.

Nicht immer hält Augenschein: So ein schönes Intarsienkästchen! Nur: Es öffnet sich nicht. Spieluhr! Entzückend, wenn heil. Oh, da! Der Leuchter! Ach, doch nur Plastik. Aber hier! Jaaha. Schweres Stück. Schwarzwald pur: ne Kuckucksuhr! Mit lotschweren Tannenzapfen. Bleierne Zeit. Angehaltener Atem. Ruhe. Still. Über Jahrzehnte weg. Und auf jetzt: Ich. Schauend. Staunend. Schnellte der ins Holz gesperrte Kuck heraus, enterte er zackediekrach mein Sternum. Siebte schnabelkuckend Brustlicht, Rippenraum, Herz. Hackte mein Still, mein Jahreslauf. Hooh! Halt! Weg von mir. Nein. Nicht du und auch nicht all ihr andern Uhres. Haltet. Eure Zeiger im Zaum. Zeiget. Auf was ihr wollt, nicht mich.

Ab Kuckuck. Und hopp. In Rückenlage. Ruh, damit Zeit nicht bricht. Die Unruh am Marmor, schwarz mit weißen Wellen. Auf Hohenloher Kirsch. Die Restzeit hängt. Haben sie davon. Zeigen irr ins Rund. Zeitlungernd lunsen sie. Aus je älter desto dickeren Gläsern. Manche tickt noch, audiotiert das tiefe Lied des Wartens. Das können sie. Täfeln frickelnd die Täfelung um. Wohnen mit Holzgewürm, Spinnenbein und Fliegenpack. Bezeugen nicht, Zeigen. Zerfall: Hier entlang.

Und was? Könntest du noch finden unter ihren unsichtbaren Zeitzähnen? Lasst sehn. Hier: ein Kuchenteller. Präsentierstück aus Zinn mit Porzellan, weiß, blau und gelb. Bester Tage Erinnerung oder schlechtester Geschenktische? “Vielen Dank auch im Namen meiner Mutter…” Porzellanhund, der nicht bellt, aber leuchtet. In der Nacht traumsalzig, bis die Kupferfäden müde. Durchsichtiger Plastik-Pisspott. Lederbezogene Stühle, wie für Rittersleut, oder Schlossbewohner. Das eingeprägte Halali! Holzkugel, der einmal ein Schicksal, ein Leben war. Die Bettrückwand dazu. Auf dass. Und nicht zuletzt die Hohenloher Venus. Hui! Steinfaustgroß, üppig, gesichtslos gestaltet. Sapperlot. Ein Kruzifix. Daneben Saftpresse und Brotautomat. Hometrainer und Gewicht. Flinte. Mikroskop. Zirkel. Rechenschieber und Stifte. Stifte, Stifte…

Ach, Schuhe auch. Überreichlich und reichlich groß. Auch sie im Wartesaal der Träume abgelegt. Waren nie, womöglich, in Bergen, Belsen, Mauthausen. Stapeln sich aber unterm Fenster, eingebrannten Bildern gleich. Unwillkürlich dem ungläubigen Nichtbegreifenkönnen verbunden, das Gedenkstätten beherrscht. Ungetretene, fabrikneue Paare. Und andre voll Dreck, Eifer, Geschichte. Vom Gehen. In Bergwiese, Gesenge und Vierzig Gärten. So weit. Weiter.

Die Tränen getrocknet. Sag, wie alt ist diese Welt? Hier wie in anderen Kellern das überfällig Eingemachte. Die Ahnen. Staubüber in Gläsern, Briefen, Zeug. Ach ihr Dinge. Sagt euch wie uns. Sagt doch niemand, wie man sein soll. Wie man leben kann ohne und oder mit all den Atemzügen. Vor uns. Nach uns. Achtet die Zwischenräume. Die Haltestellen. Zum Glück. Für dich? Für mich? Ich hab keine Pflicht! Oder doch? Lies das Gletscherbuch, öffne Wasseradern. Geh auf geerbten Wegen. Möge Licht mit dir sein.