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Russland und die Ukraine

Am Schluss Ihres Vortrags fordert Gabriele Krone-Schmalz dazu auf, kontrovers aber respektvoll zu streiten.
In seiner Unaufgeregtheit und Argumentationskraft immer noch sehenswert für alle, die sich wünschen, dass ein sofortiger Waffenstillstand ausgehandelt wird und endlich das Sterben von täglich rund 1000 ukrainischen und russischen Menschen endet.

Respekt für die Reutlinger VHS, diesen Vortrag ermöglicht zu haben. Trotzdem sie vorher aufgefordert wurde, Krone-Schmalz wieder auszuladen, und danach von einem “Sturm medialen Interesses” überrollt wurde.

Am 14.12. spricht Gabriele Krone-Schmalz im RNZ-Forum im Heidelberger Theater mit dem Chefredakteur der Rhein-Neckar-Zeitung Klaus Welzel

Mastjahr

Überlebensfluss

Des Anglers Zelt ein Schild: Bleibt weg.
Hinterm Weg beginnts Jäger- und Wildschweinland
Wo im Frühjahr erst Wasser stand, dann Eis
Jetzt Wurzeln, Pilzduft, Erde und Bein
schieb mich durchs Laub, halte ein
ewig rauscht das Autoband
Zu Füßen starren Zähne
mich an.

Wasser ging. Ließ zurück den Ballast
Anthropozäne Mitschwemmsel
Auswurf, unrottbar
Der Fluss im Mittelbett, am Rand eine
tanzende Kugel

Schaum des Autags: Defrown!
Sieh: die Biberrutschen, angenagte Buchen,
und wie das Mastjahr nährt
Eicheln zuhauf
Sogar Pilze werfen Arme aus
tasten Licht und Laub und
träumen von Netzen
so rot.


 
 
 

KiR fifteen – Kunstwettbewerb Spuren

Na klar wollte ich da mitmachen: Das Thema des wahrscheinlich letzten Kunst-Wettbewerbs in Rödermark lautete Spuren! Dachte natürlich sofort an Tierspuren. Und Pat an ein Bild (nicht nur ein „Beweisfoto“!). So ist das Bild „Crossroad entstanden:

Sehe ich Tierspuren, geht mir das Herz auf. Jede voller Leben, auch wenn der Verursacher nicht mehr zu sehen ist. Jede eine Geschichte, die gelesen werden kann. Besonders finde ich immer, wenn sich Trittspuren von verschiedenen Tierarten kreuzen, wie auf dem eingereichten Bild. Als spüre man noch deren Präsenz, obwohl sie nicht mehr da sind. Mit ihren Fußabdrücken hinterlassen sie eine Visitenkarte, die Essenz ihres Wesens. Das wollte ich dem Spuren-Bild mitgeben. Es sollte geerdet sein im Wortsinn. Schon lange hatte ich vor, aus Erde Farbe zu machen. Seit drei Jahren sitzt in meinem Experimentier-Schrank eine Schachtel mit Erde – und wartet auf ihren Einsatz. Gesammelt an meinem Lieblingsplatz im Stadtwald. Ich wusste noch vage, dass man Kleister braucht, um Farbe aus Erde zu machen. Hatte ich damals auch schon gekauft, aber wieder vergessen. Ich durchforstete das Internet und fand als Schnelleinstieg eine einfache Methode mit Roggenmehl und Quark. Ausprobiert und auf einem Ausdruck getestet. Es rieselte ein wenig, aber prinzipiell sah das gut aus.


Die Farbe meines Lieblingsplatzes Försterwiese ist Gelbbraun. Doch das Bild hatte ich am Kinzigufer aufgenommen – die Spuren von Fuchs, Ratten und Gebirgsstelze waren im angeschwemmten Fluss-Sediment abgedruckt gewesen. Ich fuhr nochmal hin, füllte einen Beutel mit Erde – und der Zauber begann. Ich schaute mir Video-Tutorials zur Herstellung von Pigmenten an, kaufte das Buch “Werkstatt Pflanzenfarben” von Helena Arendt. Schließlich stand das Konzept: Bisschen Gelb wollte ich haben, Orange, Blau, Rot und verschiedene Brauntöne. Die Erden sammelte ich in der Umgebung, denn Tiere kommen ja durchaus rum, Flechten gibt es überall, und da Füchse wie Ratten auch Beeren fressen, kamen auch die in Betracht. Ich verwandelte unsere Küche in ein Farblabor. Rührte in  Gläsern und Töpfen, bis Lauge und Base einander anschäumten und sich in Farbwolken wandelten. Hin und wieder stank es abscheußlich – ein Abenteuer. Die magischen Flüssigkeiten filterte ich, trocknete sie, kratzte sie in Gläser und verrieb sie später mit Bindemittel zu Farbe (Jyotsna hier mein Dank!! für Inspiration und Anleitung). Mörsern. Verreiben. Staunen. Neun Farbtöne leuchteten den Weg zu „Crossroad“.

Jetzt war alles da: Das Bild – bloß nicht zu klein! Hatte Pat gesagt -, 60×90 cm groß und schwarz-weiß, gedruckt auf Büttenpapier. Die angerührten Farben, getrocknet in Muschelschalen… Los gings: Granatapfelgelb und Lehmkautorange ordneten sich wie von selbst dem Fuchstrab zu – das Luderbach-Rot den Rattenfüßen im Sprung und das Ligusterblau den zarten Zehenzeichen der Gebirgsstelze. Flechtenrosa gebührte dem Wurm, flankiert von zartgelb und blau. Nie habe ich mich länger mit Tierspuren beschäftigt. Nie waren sie mir so nah.

Dann die Ausstellung. Das Licht suboptimal für alle. Die Bilder mussten für sich selbst strahlen. Uns gleich auffallend: Karin Kücks Erinnerungen, vielschichtig, blau, rot und weiß. Christa Steinmetz‘ faszinierendes Werk über verlorene Orte, präsentiert in recycelten Teefiltern, und das Erbe des Vaters vom Sohn Thomas Ruhl vorgestellt, in dessen Leben der im Krieg traumatisierte Spuren hinterlassen hatte. Wie er dort stand und erzählte, war es ein bisschen wie fifteen in Kassel: Der Versuch, gemeinsam die Spuren der Anwesenheit in der Abwesenheit zu suchen und das Leben zu verstehen.



Ich hielt Ausschau – das Gefühl kenne ich von Schömberg, den Wiesbadener Fototagen, aber auch von der Rödermärker Kulturhalle: Wie reagieren die Leute? Was zieht sie an? Was sagen sie? Die Farben kamen kaum zur Geltung, doch wer sich mit unserer Crossroad beschäftigte, konnte alles sehen. Am Tag der Preisverleihung ging ich als Zebra – und hätte fast die Ansage verpasst, während ich mir ein Spurenbild erzählen ließ. Die Leute klatschten Beifall für den zweiten Preis, Karin Kücks Erinnerungen! Uh, schnell hin, um dann zu hören: „…meise&meise den ersten Preis für Crossroad.“ Tschacka! Danach noch der erste Preis für den Bereich Skulptur – für Christa Steinmetz‘ Verlorene Orte. Drei Frauen, drei verschiedene Weisen, Ausdruck zu finden und Dinge zu zeigen. Ich bin dankbar: Der Jury fürs genaue Hinschauen und ihren Sinn für Vielfalt. Dem KiR-Team für das Thema, das mich auf neue Wege geschickt hat, mich wieder neue Aspekte der Natur hat lernen und entdecken lassen, den zarten Farbrausch von Lehm und Liguster. Fast sechzig Bilder waren im Rennen und viele Menschen miteinander im Gespräch. Wer wollte, konnte viele Spurengeschichten entdecken. Eine Ausstellung mit Lokalkolorit, so wichtig wie ein Lokalblatt – und wie diese oft so geringgeschätzt.


 
 
 

Pause am Hub

Rot und Weiß

Wie Film. Rauschen und Schwenk und
Kipp ins Unscharfe. Cut
Regen. Nebel. Wut. Rot und weiß, weil die
weil es Gewalt gibt, nur weil man es kann und die Macht besitzt und
nur im Film, nur 700 Meilen westwärts einer wie Sam da wäre, der dem,
der es macht nur weil er es kann, und Oberwasser hat,
dem mit purer Faust ins Gesicht
weil er es kann, das zu Tode geschundene
Pferd allein in der Wüste begraben lässt, weil und
diesen knechtet ohne Gnade, stellvertretend für alle.
Alle Mensch- und Tierschinder dieser Welt.
Zur Raison.

Nicht noch einmal, Sam.
Bevor ich erneut ansehe, was es sonst nicht gibt, was ich
nicht fassen kann, Unterwasser schluckend,
gewürgt vom Schaukeln der Kette Gewalt.
Brennend aus tausend Bildern
zeitlos, heillos im Massenfuror beinharter
Schläge Opfer fallen, blutend in Wehen
der Himmel die Wolken für immer
bleiweiß und aschgrau.

Aber dann, als dränge von innen nach außen
DAS Bild.
Mehr Schwarz – für Kontur
Mehr Rot – die Pulsspur.
Die Schranke steht, die Farben matt,
schaukelnde Zweige –
Landart in einem Tropfen Wasser.
Komm, Regen. Erstick die Angst, die Feuer
Komm, Nebel. Wiegt den Blick, ihr Zweige
Sprich, Erinnerung. Denn in den Tropfen
bin ich
Liebe.

 

 

 

Kassel fifteen

Małgorzata Mirga-Tas, Poland. From the “Out of Egypt” series I–V, 2021

Documenta? Antisemitismus! Bang. Diskussionen an. Gut so. Mehr kann man als Ausstellungskuratorin wohl kaum erhoffen, als dass alle Welt sich aufregt und je nach Gusto hocheloquent oder pöbelig aufeinanderlosdrischt. Lasst ruhig raus, was da schwelt und stinkt. Bild ab. Schormann ab. Alle zufrieden? Das Bild hätte ich ja nun wirklich gern gesehen. Hinfahren oder nicht?

Hin. Irgendwas mit Kollektiv. Grupa und Indonesien – zu mehr haben mich die SZ-Artikel nicht gebracht. Brock hat kein Bild von Qualität gesehn, andere nur das Empörende, mit den nicht zitierbaren Nazi-Symbolen. Worum ging es bei dem Bild nochmal? Achja, Gewalt. Gestern reichte es schon, ein Foto des verhüllten Bilds unerklärt als „Antisemisitismus“-Illustration zu verwenden. Genauer, als Bebilderung zum Verriss der „linksradikalen“ Haltung von Eva Menasse. OMG. Wir Beschützten.

Level h
Endlich da: Kassel Hauptbahnhof. Lassen die vier Lehrerinnen („Das Schlimmste ist die Verantwortung“) und den Rest des Schulschwarms schonmal vorauslaufen. Wir wolln gleich hier am Bahnhof starten. Portemonnaie in die Hand: Viermal bitte. Die Eingangslady schüttelt erfahren den Kopf. Hier keine Tickets. Nicht nur wir fragen. Nur wir aber ziehn nicht weiter. Online kaufen geht, sagt sie. OK. Wozu ist mein Handy geladen? Hirn gewährt sogar Zugriff auf alle nötigen Passwörter. Kann documenta-Gucken jetzt bitte losgehn?

Kann. Bahnhof ist doch immer ein guter Anfang fürs Gelassenwerdenlernen. Hier noch alles wie gewohnt. Was raussuchen und reinlassen. Beispiel: „Min bala taptim” – Tatarisch für „Gebären“. Oder, wörtlich übersetzt, ein Kind finden. Wie schön! Als Sprachaddict gleich in Bann. Das Projekt ist ein Versuch, das Tatarische vorm Aussterben zu bewahren, neu zu lehren und lernen.
Dann ein Schildkrötenschädel! Aus Bronze. Reißt nur mich vom Hocker: Wie, eine knöcherne Teilung im Hirnkasten? Der Künstler hat recherchiert, steht auf dem behindertengerecht aufgehängten Zettel. Cool. Aber, was hat er denn herausgefunden? Steht da nicht. Also mitnehmen die Frage für später.

Viel Input, nicht nur an diesem Ort. Und Entspannungsinseln wie Bänke, Liegesäcke, Kissen immer nah. Die kreisrunden Teppichrollbretter leider nur fürs Auge. Pflanzenmotive, Soundtrack könnte „The Secret Life of Plants sein, Stevie. Wonder!“ Ach, losbrausen. Kreise. Kugeln, Scheiben… Leute, das ist die Zukunft. Denkt an Mycelien, an Galaxien, an optimale Ausbreitungen. Beruhigende Formen. Basidemokratische Foren, Kollektive. Rund wie diese Reppichrollies.


Britto Arts Trust, Dhaka, Bangladesh: rasad (2022)


Instituto de Artivismo Hannah Arendt, INSTAR, Kuba

Level f
Next Level Ruruhaus, Menschen im Stuhlrund. Work in Progress, Cartoons in einem Schaukasten. Schattenkinder. Angst? Suche. Identität? Gepresste Blumen. Bücher. Back in the sun. Zum Urhaus. Fridericianum. Wo, als Pat das Licht der Welt erblickte, auch documenta gefunden ward. Viermal QR-Checkin: Piep. Gehts auch heller? Wisch. Piep. Wisch. Piep. Piep. Rein ins lumbung. ins kollektive Ökosystem. Wir verstehen nichtmal Bahnhof. Die Jüngeren sind drin. Besetzen sofort aufs normalste alles, worauf man fläzen oder interagieren kann. Oder hacken staunend auf der.. Schreibmaschine. Geht die? Ich suche einen Zettel, darf man hier doch, oder? Da, ein kreisrunder Aufkleber mit miniklein gedrucktem Satz drauf. “If you read this, your child will die from cancer.” Ich dreh den Aufkleber um und schreib: no!

Zurechtsuchen. Finden. Finden! Aboriginee-Unmut. Gemalt von Richard Bell mit großer Klarheit: Give us Land, not Hand-Outs. Oder Wandbehänge, oder die Dokumentation eines Projekts: Gehandicapte Kinder und Farbe! Spritzen, Manschen und den in blaue Farbe getauchten Kopf aufs Papier drücken. Sinngabe, Fokus, Erleben. Diese nach innen gekehrten Blicke. Die Farbe, man kann sie riechen. Die entstandenen Bilder daneben im Regal: Bitte nicht berühren.
Die Kraft der Archive. Der Kollektive. Sie wissen, wie man sich ausbreitet, sie müssten nur noch mehr Mut finden. Anderer Raum. Teppiche und Kissen. Filme aus West-Syrien. Rojawa. Gesang. Eine Frau im farbenfrohen Kleid. Strahlend vor der rauen Kargheit ihrer Landschaft. Eine Pracht. Sie singt von Schönheit, vom weißen Pferd, darauf die Braut. Wir singen unsere Lieder, sagt sie dann. Wir singen, solange wir können. Wenn wir sterben, sterben unsere Lieder mit uns.

Level d
Diesen Gesang nehme ich mit. Und die blank gewetzten Messer auf Ketten. Die Schwebenden, eingehüllt in vergangene Bänder. Gewalt, die Fischen und Menschen das Maul stopft. Eine Lunge aus Erdbeeren. Gewalt, die die Welt teilt, die wir Beschützten nicht zu spüren bekommen. Aber vielleicht den bunten, den kollektiven Gegenzug: „We are the paradigm shift in art education simultaneously dismantling systemic barriers.” Muss da nochmal hin.