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Mastjahr

Überlebensfluss

Des Anglers Zelt ein Schild: Bleibt weg.
Hinterm Weg beginnts Jäger- und Wildschweinland
Wo im Frühjahr erst Wasser stand, dann Eis
Jetzt Wurzeln, Pilzduft, Erde und Bein
schieb mich durchs Laub, halte ein
ewig rauscht das Autoband
Zu Füßen starren Zähne
mich an.

Wasser ging. Ließ zurück den Ballast
Anthropozäne Mitschwemmsel
Auswurf, unrottbar
Der Fluss im Mittelbett, am Rand eine
tanzende Kugel

Schaum des Autags: Defrown!
Sieh: die Biberrutschen, angenagte Buchen,
und wie das Mastjahr nährt
Eicheln zuhauf
Sogar Pilze werfen Arme aus
tasten Licht und Laub und
träumen von Netzen
so rot.


 
 
 

KiR fifteen – Kunstwettbewerb Spuren


Na klar wollte ich da mitmachen: Das Thema des wahrscheinlich letzten Kunst-Wettbewerbs in Rödermark lautete Spuren! Dachte natürlich sofort an Tierspuren. Und Pat an ein Bild (nicht nur ein „Beweisfoto“!). So ist das Bild „Crossroad entstanden:

Sehe ich Tierspuren, geht mir das Herz auf. Jede voller Leben, auch wenn der Verursacher nicht mehr zu sehen ist. Jede eine Geschichte, die gelesen werden kann. Besonders finde ich immer, wenn sich Trittspuren von verschiedenen Tierarten kreuzen, wie auf dem eingereichten Bild. Als spüre man noch deren Präsenz, obwohl sie nicht mehr da sind. Mit ihren Fußabdrücken hinterlassen sie eine Visitenkarte, die Essenz ihres Wesens. Das wollte ich dem Spuren-Bild mitgeben. Es sollte geerdet sein im Wortsinn. Schon lange hatte ich vor, aus Erde Farbe zu machen. Seit drei Jahren sitzt in meinem Experimentier-Schrank eine Schachtel mit Erde – und wartet auf ihren Einsatz. Gesammelt an meinem Lieblingsplatz im Stadtwald. Ich wusste noch vage, dass man Kleister braucht, um Farbe aus Erde zu machen. Hatte ich damals auch schon gekauft, aber wieder vergessen. Ich durchforstete das Internet und fand als Schnelleinstieg eine einfache Methode mit Roggenmehl und Quark. Ausprobiert und auf einem Ausdruck getestet. Es rieselte ein wenig, aber prinzipiell sah das gut aus.


Die Farbe meines Lieblingsplatzes Försterwiese ist Gelbbraun. Doch das Bild hatte ich am Kinzigufer aufgenommen – die Spuren von Fuchs, Ratten und Gebirgsstelze waren im angeschwemmten Fluss-Sediment abgedruckt gewesen. Ich fuhr nochmal hin, füllte einen Beutel mit Erde – und der Zauber begann. Ich schaute mir Video-Tutorials zur Herstellung von Pigmenten an, kaufte das Buch “Werkstatt Pflanzenfarben” von Helena Arendt. Schließlich stand das Konzept: Bisschen Gelb wollte ich haben, Orange, Blau, Rot und verschiedene Brauntöne. Die Erden sammelte ich in der Umgebung, denn Tiere kommen ja durchaus rum, Flechten gibt es überall, und da Füchse wie Ratten auch Beeren fressen, kamen auch die in Betracht. Ich verwandelte unsere Küche in ein Farblabor. Rührte in  Gläsern und Töpfen, bis Lauge und Base einander anschäumten und sich in Farbwolken wandelten. Hin und wieder stank es abscheußlich – ein Abenteuer. Die magischen Flüssigkeiten filterte ich, trocknete sie, kratzte sie in Gläser und verrieb sie später mit Bindemittel zu Farbe (Jyotsna hier mein Dank!! für Inspiration und Anleitung). Mörsern. Verreiben. Staunen. Neun Farbtöne leuchteten den Weg zu „Crossroad“.

Jetzt war alles da: Das Bild – bloß nicht zu klein! Hatte Pat gesagt -, 60×90 cm groß und schwarz-weiß, gedruckt auf Büttenpapier. Die angerührten Farben, getrocknet in Muschelschalen… Los gings: Granatapfelgelb und Lehmkautorange ordneten sich wie von selbst dem Fuchstrab zu – das Luderbach-Rot den Rattenfüßen im Sprung und das Ligusterblau den zarten Zehenzeichen der Gebirgsstelze. Flechtenrosa gebührte dem Wurm, flankiert von zartgelb und blau. Nie habe ich mich länger mit Tierspuren beschäftigt. Nie waren sie mir so nah.

Dann die Ausstellung. Das Licht suboptimal für alle. Die Bilder mussten für sich selbst strahlen. Uns gleich auffallend: Karin Kücks Erinnerungen, vielschichtig, blau, rot und weiß. Christa Steinmetz‘ faszinierendes Werk über verlorene Orte, präsentiert in recycelten Teefiltern, und das Erbe des Vaters vom Sohn Thomas Ruhl vorgestellt, in dessen Leben der im Krieg traumatisierte Spuren hinterlassen hatte. Wie er dort stand und erzählte, war es ein bisschen wie fifteen in Kassel: Der Versuch, gemeinsam die Spuren der Anwesenheit in der Abwesenheit zu suchen und das Leben zu verstehen.



Ich hielt Ausschau – das Gefühl kenne ich von Schömberg, den Wiesbadener Fototagen, aber auch von der Rödermärker Kulturhalle: Wie reagieren die Leute? Was zieht sie an? Was sagen sie? Die Farben kamen kaum zur Geltung, doch wer sich mit unserer Crossroad beschäftigte, konnte alles sehen. Am Tag der Preisverleihung ging ich als Zebra – und hätte fast die Ansage verpasst, während ich mir ein Spurenbild erzählen ließ. Die Leute klatschten Beifall für den zweiten Preis, Karin Kücks Erinnerungen! Uh, schnell hin, um dann zu hören: „…meise&meise den ersten Preis für Crossroad.“ Tschacka! Danach noch der erste Preis für den Bereich Skulptur – für Christa Steinmetz‘ Verlorene Orte. Drei Frauen, drei verschiedene Weisen, Ausdruck zu finden und Dinge zu zeigen. Ich bin dankbar: Der Jury fürs genaue Hinschauen und ihren Sinn für Vielfalt. Dem KiR-Team für das Thema, das mich auf neue Wege geschickt hat, mich wieder neue Aspekte der Natur hat lernen und entdecken lassen, den zarten Farbrausch von Lehm und Liguster. Fast sechzig Bilder waren im Rennen und viele Menschen miteinander im Gespräch. Wer wollte, konnte viele Spurengeschichten entdecken. Eine Ausstellung mit Lokalkolorit, so wichtig wie ein Lokalblatt – und wie diese oft so geringgeschätzt.


 
 
 

Pause am Hub

Rot und Weiß

Wie Film. Rauschen und Schwenk und
Kipp ins Unscharfe. Cut
Regen. Nebel. Wut. Rot und weiß, weil die
weil es Gewalt gibt, nur weil man es kann und die Macht besitzt und
nur im Film, nur 700 Meilen westwärts einer wie Sam da wäre, der dem,
der es macht nur weil er es kann, und Oberwasser hat,
dem mit purer Faust ins Gesicht
weil er es kann, das zu Tode geschundene
Pferd allein in der Wüste begraben lässt, weil und
diesen knechtet ohne Gnade, stellvertretend für alle.
Alle Mensch- und Tierschinder dieser Welt.
Zur Raison.

Nicht noch einmal, Sam.
Bevor ich erneut ansehe, was es sonst nicht gibt, was ich
nicht fassen kann, Unterwasser schluckend,
gewürgt vom Schaukeln der Kette Gewalt.
Brennend aus tausend Bildern
zeitlos, heillos im Massenfuror beinharter
Schläge Opfer fallen, blutend in Wehen
der Himmel die Wolken für immer
bleiweiß und aschgrau.

Aber dann, als dränge von innen nach außen
DAS Bild.
Mehr Schwarz – für Kontur
Mehr Rot – die Pulsspur.
Die Schranke steht, die Farben matt,
schaukelnde Zweige –
Landart in einem Tropfen Wasser.
Komm, Regen. Erstick die Angst, die Feuer
Komm, Nebel. Wiegt den Blick, ihr Zweige
Sprich, Erinnerung. Denn in den Tropfen
bin ich
Liebe.

 

 

 

Kassel fifteen

Małgorzata Mirga-Tas, Poland. From the “Out of Egypt” series I–V, 2021

Documenta? Antisemitismus! Bang. Diskussionen an. Gut so. Mehr kann man als Ausstellungskuratorin wohl kaum erhoffen, als dass alle Welt sich aufregt und je nach Gusto hocheloquent oder pöbelig aufeinanderlosdrischt. Lasst ruhig raus, was da schwelt und stinkt. Bild ab. Schormann ab. Alle zufrieden? Das Bild hätte ich ja nun wirklich gern gesehen. Hinfahren oder nicht?

Hin. Irgendwas mit Kollektiv. Grupa und Indonesien – zu mehr haben mich die SZ-Artikel nicht gebracht. Brock hat kein Bild von Qualität gesehn, andere nur das Empörende, mit den nicht zitierbaren Nazi-Symbolen. Worum ging es bei dem Bild nochmal? Achja, Gewalt. Gestern reichte es schon, ein Foto des verhüllten Bilds unerklärt als „Antisemisitismus“-Illustration zu verwenden. Genauer, als Bebilderung zum Verriss der „linksradikalen“ Haltung von Eva Menasse. OMG. Wir Beschützten.

Level h
Endlich da: Kassel Hauptbahnhof. Lassen die vier Lehrerinnen („Das Schlimmste ist die Verantwortung“) und den Rest des Schulschwarms schonmal vorauslaufen. Wir wolln gleich hier am Bahnhof starten. Portemonnaie in die Hand: Viermal bitte. Die Eingangslady schüttelt erfahren den Kopf. Hier keine Tickets. Nicht nur wir fragen. Nur wir aber ziehn nicht weiter. Online kaufen geht, sagt sie. OK. Wozu ist mein Handy geladen? Hirn gewährt sogar Zugriff auf alle nötigen Passwörter. Kann documenta-Gucken jetzt bitte losgehn?

Kann. Bahnhof ist doch immer ein guter Anfang fürs Gelassenwerdenlernen. Hier noch alles wie gewohnt. Was raussuchen und reinlassen. Beispiel: „Min bala taptim” – Tatarisch für „Gebären“. Oder, wörtlich übersetzt, ein Kind finden. Wie schön! Als Sprachaddict gleich in Bann. Das Projekt ist ein Versuch, das Tatarische vorm Aussterben zu bewahren, neu zu lehren und lernen.
Dann ein Schildkrötenschädel! Aus Bronze. Reißt nur mich vom Hocker: Wie, eine knöcherne Teilung im Hirnkasten? Der Künstler hat recherchiert, steht auf dem behindertengerecht aufgehängten Zettel. Cool. Aber, was hat er denn herausgefunden? Steht da nicht. Also mitnehmen die Frage für später.

Viel Input, nicht nur an diesem Ort. Und Entspannungsinseln wie Bänke, Liegesäcke, Kissen immer nah. Die kreisrunden Teppichrollbretter leider nur fürs Auge. Pflanzenmotive, Soundtrack könnte „The Secret Life of Plants sein, Stevie. Wonder!“ Ach, losbrausen. Kreise. Kugeln, Scheiben… Leute, das ist die Zukunft. Denkt an Mycelien, an Galaxien, an optimale Ausbreitungen. Beruhigende Formen. Basidemokratische Foren, Kollektive. Rund wie diese Reppichrollies.


Britto Arts Trust, Dhaka, Bangladesh: rasad (2022)


Instituto de Artivismo Hannah Arendt, INSTAR, Kuba

Level f
Next Level Ruruhaus, Menschen im Stuhlrund. Work in Progress, Cartoons in einem Schaukasten. Schattenkinder. Angst? Suche. Identität? Gepresste Blumen. Bücher. Back in the sun. Zum Urhaus. Fridericianum. Wo, als Pat das Licht der Welt erblickte, auch documenta gefunden ward. Viermal QR-Checkin: Piep. Gehts auch heller? Wisch. Piep. Wisch. Piep. Piep. Rein ins lumbung. ins kollektive Ökosystem. Wir verstehen nichtmal Bahnhof. Die Jüngeren sind drin. Besetzen sofort aufs normalste alles, worauf man fläzen oder interagieren kann. Oder hacken staunend auf der.. Schreibmaschine. Geht die? Ich suche einen Zettel, darf man hier doch, oder? Da, ein kreisrunder Aufkleber mit miniklein gedrucktem Satz drauf. “If you read this, your child will die from cancer.” Ich dreh den Aufkleber um und schreib: no!

Zurechtsuchen. Finden. Finden! Aboriginee-Unmut. Gemalt von Richard Bell mit großer Klarheit: Give us Land, not Hand-Outs. Oder Wandbehänge, oder die Dokumentation eines Projekts: Gehandicapte Kinder und Farbe! Spritzen, Manschen und den in blaue Farbe getauchten Kopf aufs Papier drücken. Sinngabe, Fokus, Erleben. Diese nach innen gekehrten Blicke. Die Farbe, man kann sie riechen. Die entstandenen Bilder daneben im Regal: Bitte nicht berühren.
Die Kraft der Archive. Der Kollektive. Sie wissen, wie man sich ausbreitet, sie müssten nur noch mehr Mut finden. Anderer Raum. Teppiche und Kissen. Filme aus West-Syrien. Rojawa. Gesang. Eine Frau im farbenfrohen Kleid. Strahlend vor der rauen Kargheit ihrer Landschaft. Eine Pracht. Sie singt von Schönheit, vom weißen Pferd, darauf die Braut. Wir singen unsere Lieder, sagt sie dann. Wir singen, solange wir können. Wenn wir sterben, sterben unsere Lieder mit uns.

Level d
Diesen Gesang nehme ich mit. Und die blank gewetzten Messer auf Ketten. Die Schwebenden, eingehüllt in vergangene Bänder. Gewalt, die Fischen und Menschen das Maul stopft. Eine Lunge aus Erdbeeren. Gewalt, die die Welt teilt, die wir Beschützten nicht zu spüren bekommen. Aber vielleicht den bunten, den kollektiven Gegenzug: „We are the paradigm shift in art education simultaneously dismantling systemic barriers.” Muss da nochmal hin.


 
 
 

Schlüssel zum Meer

Erster Tag: Bitte nicht einsteigen.
Dafür To-Go-Scham im Capuccino
Aber ich hatte Erdungsbesteck.
Und Worte. Sichtlinks auf Wänden und Leibern:
Wir schämen uns für alle, die gegen uns…
Eat. Drink. Game. Repeat.

Austernfischer, Austernfischer, Schaf!
klappklappklapp
Schaf – Stelze, Bach – Stelze. Hüpf! Stelze, fang!
Staks und Kieks, durchs Gras und hoch und weg
Im Weidenvorhang hängen sie
Hups und flitz und hastunichtgesehn, die
Schwätzer, die Gutelaunequatscher, Mückenfänger,
Grasmücken mit Käppchen und
klappklappklapp
Auftritt Amselmann. Ahhh,
Flügel durchs Ameisenbad, uns im Bernsteinblick.

War spät gestern: Zeltnachbarn B
Sie mit Innensicht die die Bäume umtorkelnd. Er mit beiden Rädern zum Zelt.
Langer Tag gestern? Frag ich morgens an der Spüle. Sie zum ersten Mal anredend.
Oh ja. Beim Deichhochlaufen gestürzt und ein Veilchen eingefangen. Sie grinst halbseitig
Nimmt die Sonnenbrille ab. Wow! Nicht nur ein Veilchen, ein echter Shiner, wie die Kanadier sagen.
Könnte man sogar vom Mond aus sehen…
Drauf haben sie das ein oder andere Duvel getrunken.
Sie grinst. Dann packt, Sie fahren nach Haus.

Übrig Nachbarpaar A.
Was machen die nur den ganzen Tag? Lesen.
Stühle von vor dem Zelt ins Zelt und wieder vors Zelt räumend.
Wir gehen, sie winkt fröhlich: “Fahrraten Sie den ganzen Tag?” Er schaut weg.
Stühle, Essen, Wein und Buch. Gute Nacht.
Aber Morgens! Morgens ist er aktiv. Jeden Morgen erst sie dann er zum Klo.
Danach verlässt er das Camp und kehrt erst Stunden später zurück.
Worauf sie seine Schuhe inspizierend schimpft, wie schmutzig er geworden sei.
Er wechselt die Schuhe. Stühle räumen, Wasser kochen. Frühstück. Lesen und s.o.
What’s he doing there? Befriedigt seine Bedürfnisse? Wie und wo?
Genug Zeit, jeden Morgen eine andere Frau statt seiner zu ermorden.
Glück für sie. Winke ihr, als wir zum Ausflug aufbrechen.
Der Frau des Mörders.

Am fünften Morgen weckt Kuckuck mich.
Hell und gepunktet rufend und unaufhörlich. So viele Jahre Leben?

Am sechsten stimmt alles nicht. Schnecken in den Erdbeeren. Wind im Hals und
Wegzeichen in echt nicht mehr dieselben wie auf der Karte. Wie hat der Mörder das gemacht?
Wir prügeln uns. Die Karte zerfetzt am Boden. Zack. Alles Kack.
Sonst wie vor.
Am Weg ein Hühner-KZ. Viele. Immer zu viele. Zu zu, als dass hier
gewollt ein Einzelleben befürsorgt würde.

Zurück. Spulen ohne Zeitkapsel. In zwölf Stunden
ohne Reiseplan. Zug entfällt.
Mit dabei der Toilettenwart No Water.
Nur damit Sie‘s wissen. Das Wasser funktioniert nicht. Nur noch für kleine Jungs.
The water is not working. Irre Zukunft scheint auf.
Wasser plus Arbeit durch Mensch. Gestört. Verbraucht.
Zur Beruhigung: Schlagen sie sich selbst. Ins Gesicht
Gehen durch sich hindurch.

Bitte beachten Sie, dass durch die Bahnsteighöhe der Abstand zwischen
Trittstufen und Bahnsteig größer ist als gewöhnlich.
Ach! Wie berührend das Gewöhnlich
mich wiegt.

Mitgefühl kommt von Mitgefühl
Psychologin Elisabeth Raffauf im Interview

Elisabeth Raffauf, Psychologin, Erziehungs- und Paarberaterin

Kennengelernt haben wir sie durch eine Reportage über ihre Zusammenarbeit mit Kindern für die coole Radio-Aufklärungs-Serie „Herzfunk“. Ist fünf Jahre her – wieder haben wir uns in Köln getroffen und diesmal mit ihr darüber gesprochen, warum sie Psychologin geworden ist, wie es ist Flüchtlinge aus der Ukraine zu beherbergen, und was Kindern in dieser Gesellschaft fehlt.

meise&meise Was hat dich dazu gebracht Psychologin zu werden?

Elisabeth Raffauf Ich wollte wissen, „Wie funktioniert die Seele?“ Eigentlich wollte ich ja beruflich etwas anderes machen als meine Eltern. Beide haben im Bereich Neurologie und Psychiatrie gearbeitet. Zusätzlich hatte meine Mutter eine Ausbildung als Psychoanalytikerin, weil sie die medizinische Behandlung oft nicht ausreichend fand, etwa bei Magersüchtigen. Anderseits habe ich bei meiner Mutter immer gesehen: Ihr macht das richtig Spaß… So kam ich zur Psychologie.

m&m Hast du später Dinge übernommen, die deine Mutter gemacht hat?

ER Meine Mutter ist ein ganz anderer Typ als ich. Sie ist sehr ruhig und zurückhaltend. Über sie wurde immer gesagt, wenn alle in die Straßenbahn reinkommen, nur eine nicht, dann ist sie das. Weil sie alle vorlässt… Was ich aber auf jeden Fall übernommen habe ist Ihre Grundeinstellung zur Arbeit – und zur Erziehung. Sie hat immer gesagt: Schule ist nicht so wichtig. Wer ne fünf schreibt kriegt ein Eis und wer ne Sechs schreibt, mit dem gehe ich ins Stadtcafé Kuchen essen. Und wir reden nicht über Schule.

m&m Du hast einige Bücher geschrieben, zuletzt Erzieht uns einfach!, gibt es eine Botschaft – die du mit deinen Büchern rüberbringen möchtest?

ER Ja – es ist mir wichtig, psychologische Zusammenhänge auch für jene zu erklären, die mit Psychologie nichts zu tun haben. Zum Beispiel, wie das sich Erinnern an frühere Erlebnisse dazu führt, dass man sich besser versteht. Das ist ein tiefenpsychologischer Ansatz: Was hat mich denn geprägt? Wie bin ich denn so geworden wie ich bin und kann ich denn Verständnis mit mir haben? So kann ich letztlich verstehen, dass ich vielleicht selbst als Kind bestimmte Dinge dringend gebraucht hätte, aber nicht bekommen habe. Wenn ich das aber nicht reflektiere, versuche ich immer weiter, mir das irgendwo zu holen. Auch bei meinen Kindern oder meinem Partner – aber das ist die falsche Stelle. Und wenn man das erst mal verstanden hat, kann man schauen, wie kann ich anders damit umgehen.

m&m Warum sind Pubertät und Sexualerziehung deine Schwerpunkte?

ER In dieser Zeit ist richtig was los, das ist sicher ein Grund dafür. Ich selber hatte eine heftige Pubertät mit Drogen und Von-Zuhause-abhauen… Ich habe meine Eltern echt in Aufregung versetzt und später gedacht, hoffentlich machen meine Kinder das niemals. Ein anderer Grund ist: Jugendliche sind so unverstellt, so echt. Die reden geraderaus.

m&m Das gilt sicher auch für den Herzfunk, den machst du ja auch noch…

ER Ja. Die Kinder haben dieses Angebot nach wie vor ganz oben auf ihrer Liste. Weil sie gefragt werden, und zwar nicht nur danach, was sie wissen wollen, sondern als Expertinnen und Experten. Die Themen sind ja so alt wie die Welt, aber die Fragen sind immer auch wieder ein bisschen neu und überraschend. Etwa „Kann man im Weltall schwanger werden?“ oder „Was machen denn Jungs, wenn das Urinal zu hoch ist und man da nicht dran kommt?“

Reportage 2017 – Elisabeth bei Aufnahmen für den Herzfunk

m&m Woher nimmst du die Kraft, dich immer wieder aufs Neue auf die Probleme anderer einzulassen?

ER Ich bin neugierig. Es macht mir wirklich Spaß, Dinge zu verstehen. Selbst bei Menschen, wo man erstmal denkt: Hm. Das ist nicht so ganz meine Kragenweite… Aber, wenn du sie verstehst, kommen sie dir näher. Es gibt ein hilfreiches Konzept, die Seele zu verstehen, das tiefenpsychologische oder psychoanalytische Konzept. Damit hat man dann auch Werkzeuge und muss nicht alles so nah an sich ranlassen. Man kann Zusammenhänge erkennen und Fragen stellen, die Sinn machen. Ich bin dann keine Freundin, sondern Zuhörerin. Außerdem bin ich grundoptimistisch. Ich bin überzeugt: Menschen, die sich Unterstützung holen, und sich auf den Weg machen – die wollen etwas ändern. Das ist der beste und einzige Motor. Und man spürt, dass es bereichernd für sie ist, sich damit auseinanderzusetzen.

Aber du hast recht, das kostet Kraft. Ich begleite deshalb auch weniger Leute als die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen, die dann jeweils nach 50 Minuten einen Wechsel machen. Ich bin eine volle Stunde für meine Klienten da, danach mache ich eine Viertelstunde Pause. Die brauche ich, um umzuschalten. Mein Anspruch ist: Sie sollen jede Stunde etwas mitnehmen können. Gleichzeitig muss klar sein, das geht nur gemeinsam. Ich gebe meine volle Konzentration, aber diese Person muss auch etwas wollen.

m&m Aktuell habt ihr – du und dein Mann – eine ganz besondere Situation, ihr habt eine ukrainische Familie zu Gast – wie kam es dazu?

ER Wir wollten raus aus unserer Hilflosigkeit angesichts der schrecklichen Bilder aus dem Krieg. Dann haben wir mit unserer Tochter Jana darüber gesprochen, dass wir Flüchtlinge aufnehmen wollen. Darauf sie: „Der Luca hat längst welche.“ Luca ist unser Sohn und wir wussten das noch gar nicht. Er wohnt in einer Vierer-Jungs-WG in Berlin, dort gibt es ein kleines Gästezimmer mit Hochbett. Als sie gefragt wurden, ob sie zwei Flüchtlinge aufnehmen könnten, haben sie sofort zugesagt. Ja – und dann kamen die Flüchtlinge: Eine siebzigjährige Dame mit ihrer vierzigjährigen Tochter… Da sie diese ältere Dame schlecht die Hochbettleiter hochschicken konnten, hat unser Sohn sein Zimmer hergegeben. Während wir überlegt haben, für wie lange wollen wir das, muss man den Flüchtlingen Grenzen setzen undundund, haben die vier 25-Jährigen einfach nur gemacht. Wir hatten erst angeboten, dass die beiden Frauen zu uns kommen könnten, aber nach zehn Tagen, sind sie in eine Flüchtlingsunterkunft umgezogen, um Kontakt zu Ihresgleichen zu haben. Da wir Freunden erzählt hatten, dass wir Flüchtlinge aufnehmen würden, gab es dann plötzlich bei uns in Köln jemanden, der für seinen Arbeitskollegen und dessen Familie eine Unterkunft suchte. Diese Familie ist jetzt seit zwei Monaten bei uns.

m&m Und? Wie läuft das im Alltag?

ER Gut. Sie sind nett – das ist das A und O. Sie haben zwei Zimmer und ein Bad für sich. Küche und Wohnbereich ist für uns alle. Ist wie früher in der WG oder mit den Kindern. Die Tochter ist sieben. Ich habe sie hier in der Schule angemeldet. Anfangs hat sie geweint, weil alles fremd war und sie nur ukrainisch spricht. Aber jetzt geht sie gerne hin.

m&m Wie kommuniziert ihr?

ER Auf Englisch. Nadja ist Lehrerin, sie unterrichtet jeden Tag eine vierte Klasse – via Zoom, damit die Kinder danach weiter in die Schule gehen können. Sie sagt, ich kenne die seit vier Jahren, deshalb ist es ihr Anspruch, dass sie danach in eine weiterführende Schule gehen können.
Wir haben am Anfang gefragt, möchtet ihr, dass wir euch Fragen stellen oder lieber nicht? Sie wollten. Sie haben sogar ein großes Bedürfnis, darüber zu sprechen, wie es ihnen geht. Für ihn als Mann ist die Lage besonders schwierig. Er hat immer das Schuldgefühl, er müsste eigentlich dort sein und helfen – und gleichzeitig ist er froh, dass er hier ist. Am Anfang hat er gesagt, ich kann mich nicht konzentrieren. Er hatte Albträume, konnte nicht gut schlafen. Jetzt merken wir, dass sie neue Probleme haben, dass sie ihre Pläne immer wieder ändern und sich nicht immer einig sind. Man kann ja auch nichts planen. Sie möchte zurück, hat totales Heimweh – und er will nicht unbedingt zurück. Die beiden wissen, dass sie mit uns reden können, wenn sie es brauchen, aber wir mischen uns nicht ein. Man muss einen gewissen Abstand halten. Es ist ja nicht so, dass sie weniger Informationen hätten als wir. Eher im Gegenteil. Und sie haben oft auch andere Informationen.

m&m Toll, dass ihr sie aufgenommen habt.

ER Es hat sich so ergeben und wir haben gemerkt, das ist auch eine Art Selbstbehandlung. Denn: Wenn ich die Bilder im Fernsehen sehe, fühle mich total ohnmächtig. Und so kann ich vielleicht doch ein ganz kleines bisschen tun, und fühle mich besser so. Unsere Tochter Jana – übrigens auch Psychologin – sagt, es gibt keinen Altruismus. Und das stimmt, man macht das auch für sich selber.

m&m Hat es eure Einstellung zum Ukrainekrieg verändert?

ER Was wir mitbekommen sind persönliche Geschichten, etwa wie es der Mutter oder dem Vater in der Ukraine geht. Oder den Schülerinnen und Schülern von Nadja. Das war eine Klasse von 20 Kindern. Ein Kind ist abgemeldet worden, seit der Krieg ausgebrochen ist. Vier oder fünf sind in der Ukraine geblieben, die anderen sind über Europa verteilt. Durch Corona hatten sie das Zoomen schon geübt. Wobei man sagen muss, sie arbeitet an einer Privatschule – da haben die Eltern mehr Geld. An den staatlichen Schulen verdienen die Lehrkräfte 250-300 Euro im Monat, an der Privaten das Doppelte. Trotzdem auch er weiter im Home Office arbeitet, könnten sie sich ein Leben hier nicht leisten. In der Ukraine mietet man sich offenbar eher möblierte Wohnungen – und hier müssten sie alles anschaffen. Dann die Sprache, und Nadja sagt, „Hier müsste ich putzen gehen… Ich bin doch Lehrerin.“
Ob sich unsere Sicht verändert hat, weiß ich nicht. Was ich schwierig finde ist diese Regel, dass die Männer dortbleiben müssen. Er arbeitet im IT-Bereich und sagt dann sowas wie, Ich hab doch noch nie ein Waffe gehalten. Wie macht man das denn, ich weiß gar nicht, wie das geht. Er überlegt ganz konkret wie das wäre, wenn er zurückgeht: „Ich hab doch gar nicht solche Stiefel…“

Für mich persönlich werden die Erfahrungen mit in ein neues Projekt einfließen. Ich habe ganz viele Anfragen von tagesaktuellen Medien und Verlagen bekommen: Wie spricht man mit Kindern über Krieg? Ich hab Nadja davon erzählt – und sie hat vorgeschlagen, was hältst du davon, wenn ich meine Viertklässler frage? Dann haben wir uns Fragen überlegt, sie hat fünf Kinder ausgewählt – und die haben die Fragen beantwortet. Das war sehr ergreifend. Manche haben geweint. Aber sie sagte, das Tolle war, die haben sich total ernstgenommen und auf Augenhöhe angesprochen gefühlt. Das tat ihnen gut, denn die Kinder werden sonst nicht gefragt, wie es ihnen geht. Sie haben sehr ehrliche und konkrete Antworten gegeben. Ein echter Schatz.

m&m Stichwort Zukunft – was wäre dein Wunsch, was soll sich verändern?

ER Ich denke jeden Tag, wann hört dieser Krieg endlich auf?! Das muss endlich passieren. Ändern muss sich auch unser Lebensstil. Meine Kinder und ihre Freunde machen sich große Sorgen über das Klima. Ich wünsche mir natürlich, dass sie eine schöne Zukunft haben.
Aber ich wünsche mir auch ganz allgemein mehr Mitgefühl für Kinder. Denn, ich bin überzeugt, Mitgefühl lernt man, indem man Mitgefühl erfährt. Gerade in Notsituationen wird das oft vergessen. Dafür muss man gar nicht den Krieg heranziehen. Auch wenn Eltern sich streiten oder trennen, vergessen sie oft, wie geht es denn den Kindern damit? Oder sie denken, die Kinder haben kein Problem, weil sie kooperieren und brav sind. Dass die sich vielleicht gar nicht trauen, wütend oder motzig zu sein, wird dann gar nicht wahrgenommen. Auch deshalb müssen wir daran arbeiten, dass die Kinderrechte auch wirklich in allen Facetten umgesetzt werden. Diese ganze Diskussion, ob Kinderrechte ins Grundgesetz aufgenommen werden sollen… Warum sind sie da immer noch nicht?

Elisabeths neues Buch: Erzieht uns einfach! – Was Kinder und Jugendliche von ihren Eltern brauchen.
Patmos Verlag, Ostfdildern 2022, 192 Seiten, 19 Euro