Alle Artikel mit dem Schlagwort: Lyrik

Schlüssel zum Meer

Erster Tag: Bitte nicht einsteigen. Dafür To-Go-Scham im Capuccino Aber ich hatte Erdungsbesteck. Und Worte. Sichtlinks auf Wänden und Leibern: Wir schämen uns für alle, die gegen uns… Eat. Drink. Game. Repeat. Austernfischer, Austernfischer, Schaf! klappklappklapp Schaf – Stelze, Bach – Stelze. Hüpf! Stelze, fang! Staks und Kieks, durchs Gras und hoch und weg Im Weidenvorhang hängen sie Hups und flitz und hastunichtgesehn, die Schwätzer, die Gutelaunequatscher, Mückenfänger, Grasmücken mit Käppchen und klappklappklapp Auftritt Amselmann. Ahhh, Flügel durchs Ameisenbad, uns im Bernsteinblick. War spät gestern: Zeltnachbarn B Sie mit Innensicht die die Bäume umtorkelnd. Er mit beiden Rädern zum Zelt. Langer Tag gestern? Frag ich morgens an der Spüle. Sie zum ersten Mal anredend. Oh ja. Beim Deichhochlaufen gestürzt und ein Veilchen eingefangen. Sie grinst halbseitig Nimmt die Sonnenbrille ab. Wow! Nicht nur ein Veilchen, ein echter Shiner, wie die Kanadier sagen. Könnte man sogar vom Mond aus sehen… Drauf haben sie das ein oder andere Duvel getrunken. Sie grinst. Dann packt, Sie fahren nach Haus. Übrig Nachbarpaar A. Was machen die nur den ganzen …

Im Frankfurter Osten, 1987

Auf die Bühne kommt der erste. Er singt. Auf die Bühne kommt der zweite und ermordet den ersten. Er singt. Auf die Bühne kommt der dritte und ermordet den zweiten der den ersten ermordet. Er singt. Auf die Bühne kommt der erste und ermordet den dritten der den ersten ermordet der ihn selbst ermordet. Er singt. Auf die Bühne kommt der zweite und ermordet den ersten der den dritten ermordet der ihn selbst ermordet der den ersten ermordet. Er singt Milan Napravnik   Demo gegen den Krieg: Sonntag, 12 Uhr, Opernplatz Frankfurt      

Lebenslang

  Turnaround. Friss. Bleib. Nimm: den fremden Boden, die Unnacht. Du lebst, was willst du Ich seh dein Ohr zucken Ob die Trennung schmerzt? Alldämmend das Raunen Deine Rückwelt ein Bild auf der Wand Traumend pflügst du Weite, Zickzack, Nase tief Im Knistern roter Leiber und geschwinder die Füße im Schlaf als je, die Ohren auf Acht Schleicht wer? Hund? Hyäne? Los doch, ihr Sternfinger, lauft Oder fliegt. Hoch und hoch Nebenan im Türkisverließ Die Himmel bedeckt, die Sonne ein Netz drin das bunteste Federschwirrn immerhin, immerher, immerhin Zu schön, zu selten, bleibt hier Himbeeren und Maden und Mäuse So grob für alle Zukunft. Lebend Als ob. Als ob wir pfeifen im Wald Für nichts      

Corona Gardens

  Fotos by Pat Meise, Time-out by Nature. Der größte Parkplatz in Town war mal Bannwald.   Ich bin eine Pariser Vorstadt eine Algenfahne ein eingerolltes Blatt ein blaues Tuch ein leeres Buch ein verbeultes Auto ein heißer Kanaldeckel in Ploumanac’h aber nie, nie ein Flugzeug über dem Wald      

So blau

  Gesperrt, ausverkauft, abgesagt. Das Beste daran: Es ist still. Flugplan aus der Zeit, als ich Kind war und das Rauschen am Himmel beruhigend. Ich erinnere es als tiefes, fast angenehmes Sommerbrummen. Zuletzt gab es dieses Gefühl, als dieser unaussprechliche Isländer Asche spuckte. Wir lagen am Flussstrand – und sahen einen surrealen Film: keine Kondensstreifen am Himmel. Auch kein minütlich nervenzerrendes Dröhnen, zu dem sich das Brummen heute ausgewachsen hat. Nicht mal Schiffe und deren Bugwellen. Ungewohnte Abwesenheit gewohnten, menschlichen Lärms. Wie in meinem Kopf. Zwar gibt es natürlich das Nachrichtenrauschen: Infektions- und Todesraten statt Bundesligatabelle. Ausgangsbeschränkung, Grenzschließung, Besuchsverbot… Doch aus der Mitte dieses Tinnitus-Shitstorms starrt gespenstisches Nichts. Und zieht Bürgerrechte aus uns und Kraft. Ich muss trotzdem raus. Was mich sofort auf Corona-Modus dreht. Distanz halten – und wer einem auf die Pelle rückt, unerträglich finden. „Bitte halten Sie Abstand, mein Herr“, ermahnt einer der neu eingestellten Abstandshalter im Supermarkt. Danke. Das war gestern. Der erste Laden, in dem ich – ja – nach Klopapier suchte. Wir haben nämlich nicht den Keller voller Rollen. …

Schöne Weihnachten

  Der Morgen so weiß. Lass. Hilf. Hilf den Nadeln im Hirn singen, den Füßen malen schwerefrei Aus Nichts werde Licht blitze der Wasserhimmel Tropfen Wirf. Wirf dich ins Schneckenohr, lass laufen! Los doch! Voraus! Die Wendeln längs im Doppelbob Schneller! Weißer! Kurbeln, bis alle Neuronnetze fluten Lachenden Munds.      

Noch blühen

  Revolutionen benannt nach Nelken, Rosen, Jasmin? Weil sie in Schönheit vergehn? Verloren werden wie Brillen auf bürgerlichem Asphalt? Wo auch immer Der Pfingstmund! Am Dekolleté. Die Schande? Tess of the d’Urbervilles tötete ihren Vergewaltiger und starb daran. Ein Blutfaden so fake wie echt. Ach, Blutzoll. Brennt noch immer die Weichen uns literweis.   Ach Zukunft. Ach Frühling. Ach wie licht sie scheint, wie hell die Sonnenkugel und stürbe auch unsere Ahne, bliese doch zart das Buschwindmäulchen durch die Wimperwälder, überspränge Blütezeiten, trauerte im Porzelladeladen die Herbstzeitlose   Wo warst du? Was hast du gesehen? Ach Stundenblume, deine Schönheit sei vergebens Sagen sie im Blumenbuch, und kennen nicht mal die Goldrebe, unsere Hoffnung auf niedagewesene Wenden am Zaun schaukelnd, immer aufs neu und sacht wie je ein Kinderherz.      

Einladung! Zur Lesung Scheitern & Detail

  Der Schriftsteller, Weinhändler und Inhaber von maison lanz Martin Bullinger gibt einen aktuellen ‘Einblick ins Scheitern’ und ‘zerschnippelt’ die Biografien seiner Figuren … ein wenig lakonisch. Wie immer. Schnelle Schnitte, Cut-up ohne Zufall, sozusagen Vermischen von Traum, Splittern (Gedanken, Beobachtungen, Geschichten des Lebens) und konsequentem Verfolgen von aufgespürten Spuren. Ein bisschen Claude Simon, ein bisschen R. D. Brinkmann, ein bisschen … ein ins Scheitern verliebtes Stammeln. Die Journalistin, Fotografin, Lyrikerin vom Bild-Text-Team meise&meise Sylvia Meise übersetzt Bilder aus dem Geäst des Innern … ein wenig schnippelich. Manchmal. Schnelle Schritte, Cut-up-Wirbel und Rauschen – oder anders gewagt: Double bind, Double blind –Überblendungen von hier und nirgendwo – Beobachtungen und Träumereien aus dem Raum zwischen den Menschen. Von Alltag bis Zwetajewa, ein ins Detail vernarrtes Sammeln. Donnerstag, 4. Oktober, 20:30 Uhr Scheitern & Detail Lesung mit Sylvia Meise und Martin Bullinger Milchsackfabrik/Tanzhaus West Gutleutstraße 294 60327 Frankfurt Anfahrt ab Hauptbahnhof Südseite: Straßenbahn 15, Haltestelle Heilbronner Straße, ab da 10 Min. Fußweg Bus 37, Haltestelle Johanna-Kirchner-AHZ, 1 Min. Fußweg Feuer und Wasser, Bullinger und Meise, Saubande und …

Halte die Wunde offen

Sieben Jahre. Solange liegt Hadayatullah Hübsch jetzt auf dem Südfriedhof begraben. Er starb am 4. Januar 2011. Vier Tage später, an seinem 65. Geburtstag wurde er beerdigt. Es war kalt, die Sonne schien. Krähen saßen in den Friedhofsfichten. Eine seltsame Stimmung griff nach uns; zwischen Nähe und Fremde, muslimisch-ungewohntem Ritual und linksalternativem Ernst. Die letzte Ehre erweisen. Ihn verabschieden, das wollten wir. In die Trauerhalle zu gehen wäre uns der Familie gegenüber übergriffig vorgekommen. Wir warteten draußen. Als der Sarg herausgetragen wurde, war er inmitten einer Menschentraube geborgen, verborgen. Junge Männer standen Spalier für die Sargträger. Es wurde gefilmt (den Bestattungsfilm kann man noch immer auf Youtube sehen). Viele trugen ihn. Den Mann, der nun in einem weißen Tuch gehüllt, im schwarzen Sarg lag. Grenzgänger über seinen Tod hinaus, einte er Muslime und säkuläre Linke beim Tragen von Weidenzweigen. Für die einen: Der Imam einer muslimischen Gemeinschaft. Der Familienvater. Für die andren: Der Slammer, Raser, Rocker des Lespults. Der Poet. Das ist der Mann auch in meiner Erinnerung. Einer, der schreiend Zuhörer packt. In schummriger …

Bild des Monats: März 2017

  Kant auf Kante Trotz gebrochner Beine, der Glastisch spiegelt noch immer was heute und morgen blüht Von gestern gleichwohl weht kühler Atem aus einer mundgeblasenen Zeit. Auf der Fensterbank zwei modrige Kugeln Wie sie einst glänzten, die Perlen eingeschlossner Luft, Ein Atmen Aus Atmen Als könne man das Leben anhalten Als könnten wir anders als weiter und weiter gehn Aber hoffen, wir hoffen doch Hoffen gesehen zu werden, eine Hand zu spüren Als gäbe es kein Ende und doch sind die Züge, die Lebenszüge gezählt. Am Ende befreit vom Festhalten der Dinge, vom Verlust der Ordnung Einatmen, ausatmen Hervor kam das Kind, den Teddybären im Arm die Kinderseele, offenen Munds. Sein Lächeln, eine feste Fadenlinie der Zuversicht. Tröstung aller pflegenden Hände Spürfaden zu deinem Mann Wir hielten Blumen und hielten den Glasatem der Zeit Deiner Zeit, der unseren sich mehr denn je entfernend Sahen dich, auch dich in den Ahnenkronen den Weg suchen. Mit den Erinnerungen ziehen, deine Finger zum Abschied berührend Das Verschwinden der Welt Auf deinem letzten Laken zarte Blüten Draußen der …