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Corona Gardens

29. März 2020 von Sylvia | Keine Kommentare


 

Fotos by Pat Meise, Time-out by Nature. Der größte Parkplatz in Town war mal Bannwald.


 

Ich bin

eine Pariser Vorstadt
eine Algenfahne
ein eingerolltes Blatt
ein blaues Tuch
ein leeres Buch
ein verbeultes Auto
ein heißer Kanaldeckel in Ploumanac’h
aber nie, nie
ein Flugzeug über dem Wald


 
 
 

So blau

24. März 2020 von Sylvia | Keine Kommentare


 
Gesperrt, ausverkauft, abgesagt. Das Beste daran: Es ist still. Flugplan aus der Zeit, als ich Kind war und das Rauschen am Himmel beruhigend. Ich erinnere es als tiefes, fast angenehmes Sommerbrummen. Zuletzt gab es dieses Gefühl, als dieser unaussprechliche Isländer Asche spuckte. Wir lagen am Flussstrand – und sahen einen surrealen Film: keine Kondensstreifen am Himmel. Auch kein minütlich nervenzerrendes Dröhnen, zu dem sich das Brummen heute ausgewachsen hat. Nicht mal Schiffe und deren Bugwellen. Ungewohnte Abwesenheit gewohnten, menschlichen Lärms.

Wie in meinem Kopf. Zwar gibt es natürlich das Nachrichtenrauschen: Infektions- und Todesraten statt Bundesligatabelle. Ausgangsbeschränkung, Grenzschließung, Besuchsverbot… Doch aus der Mitte dieses Tinnitus-Shitstorms starrt gespenstisches Nichts. Und zieht Bürgerrechte aus uns und Kraft. Ich muss trotzdem raus. Was mich sofort auf Corona-Modus dreht. Distanz halten – und wer einem auf die Pelle rückt, unerträglich finden. „Bitte halten Sie Abstand, mein Herr“, ermahnt einer der neu eingestellten Abstandshalter im Supermarkt. Danke. Das war gestern. Der erste Laden, in dem ich – ja – nach Klopapier suchte. Wir haben nämlich nicht den Keller voller Rollen. Die Versorgungslage ist super, sagt die Politik, gibt kein Logistikproblem, wird alles aufgefüllt. Nada, nix, nein. Wird nicht. Seit einer Woche versuche ich Mehl, Klopapier und Hefe zu kaufen. Jetzt hängen überall Zettel, dass an eine Person nur je ein Kilo Mehl und ein Paket Toilettenpapier abgegeben wird. Aber, aberaber… Haben die modernen Großfamilien alle ihre Angehörigen geschickt? Oder sich in ihrer Familienkutsche gleich umgezogen und sind 10mal hintereinander in den Laden spaziert? Ich war gestern bei Hit, Rewe, 2 DMs, Alnatura und Nahkauf und sah nur leere Regale dort, wo sich sonst Klopapier stapelt. OMG. Also Süßigkeiten. Und mein zweites Buch to-Go: Margaret Atwoods Gedichtband „Die Tür“.

Auch das was Neues. Buchläden mussten ja schließen. Auch unser Meichsner&Dennerlein natürlich. Sind trotzdem da. Weil Bücher existenziell sind. Und machen alles korrekt: Publikumsverkehr gibs nich. Aber man kann per Anruf oder Email bestellen, und das Gewünschte dann an der Tür abholen. Als Pat mir das erzählt, greife ich sofort zum Telefon: Einmal Margaret Atwood bitte, Tipps für die Wildnis. Beim Abholen frage ich, ob sie auch Gedichte von ihr haben? Hm. Hanns Dennerlein verschwindet im Laden. Und findet raus: Original erschien es 2007, deutsch im Berlin Verlag 2014 und 2016. Nicht da. Und nicht bestellbar, weil vergriffen. Aber vielleicht bei einem Kollegen? Er besorgt es schließlich vom Antiquariat Rüger gegenüber. Zweisprachig auch noch – so cool!

In letzter Zeit sind nur Dichterinnen unserer Lyrikbib zugewachsen. Hilde Domin war eine Entdeckung für mich. Bei einer Lesung – sie las alles zweimal. Mit diesem Osterlächeln… Auch Nora Gomringer musste ich erst live erleben, bevor sie bei uns einzog. Und zuletzt die beiden Bände „Der Koloss“ von Sylvia Plath und „Ich, selbst auch ich tanze“ von Hannah Arendt. Beide Autorinnen haben in ihrem Leben überhaupt nur einen Gedichtband veröffentlicht. Aber, was für welche… Von Sylvia Plaths Gedichten habe ich durch den Blog eines Neurologen erfahren, von Hannah Arendts durch Online-Recherche in ihrer Bibliographie.

Ich halte den zweiten Gedichtband von Margaret Atwood in der Hand. Den ersten gibt es wohl wirklich nicht mehr. Er war (wie bei Sylvia Plath) ihr erstes Buch: The Circle. Sie erhielt dafür die erste ihrer vielen Auszeichnungen. Ein Filmportrait auf Arte brachte mich letzte Woche wieder auf ihre Spur. Absolut coronafrei und deswegen so belebend. Dieses spitzbübische Lächeln. Diese innere Stärke. Diese vielschichtige Wortmacht. Mit ihrer bescheidenen Grandezza hat mich diese 80-Jährige völlig bezaubert… Geblieben sind auch die Bilder von ihr und ihrem Mann Graeme Gibson. Ein sich Kraft gebendes, starkes Paar. Ich lasse das Buch auffallen, das noch ungelesen ist:

Bear Lament – Lamento eines Bären

You once believed if you could only
crawl inside a bear, its fat and fur,
lick with its stubby tongue, take on
its ancient shape, its big paw
big paw big paw big paw
heavy footed plod that keeps
the worldwide earthwork solid, this would
save you in a crisis. Let you enter
in its cold wise ice bear secret
house, as in old stories. In a
desperate pinch.
That would share
its furry winter dreamtime, insulate
you anyway from all the sharp end lethal
shrapnel in the air, and then the other million
cuts and words and fumes
and viruses and blades. But no,
not any more. I saw a bear last year,
against the sky, a white one,

rearing up with something of its former
heft. But it was thin as ribs
and growing thinner. Sniffing the brand-new
absences of rightful food
it tasted as ripped-out barren space
erasing of meaning. So scant,

comfort there.
Oh bear, what now?
And will the ground
still hold? And how
much longer?

Oh Bär, was nun? Oh, Leute! Lest Gedichte, nicht Klopapier. Wenn ihr schon alle in den Wald geht, was zumindest Deutsche wohl seit je tun, wenn wir unsere Ruhe haben wollen. Oder wenn uns die Welt auf den Kopf fällt. Mit dem Flugplan von 1955 ist es wunderbar ruhig dort. (Immerhin ein Beitrag zum Klimaschutz). Wenn ihr wieder heimkommt, prüft die Macht der Worte. Von Politikern nie, von Philosophinnen nicht unbedingt, aber von Dichtern erwarte ich Wahrheit. Oh, rettendes Hirnfutter unterm Himmel. So blau.
 
 
 

Schöne Weihnachten

24. Dezember 2019 von Sylvia | 2 Kommentare


 
Der Morgen
so weiß.
Lass. Hilf.
Hilf den Nadeln im Hirn
singen, den Füßen malen
schwerefrei

Aus Nichts werde Licht
blitze der Wasserhimmel
Tropfen
Wirf. Wirf dich
ins Schneckenohr, lass laufen!

Los doch! Voraus!
Die Wendeln längs im Doppelbob
Schneller! Weißer! Kurbeln, bis
alle Neuronnetze fluten
Lachenden Munds.

 
 
 

Noch blühen

7. Oktober 2019 von Sylvia | Keine Kommentare


 
Revolutionen benannt nach Nelken, Rosen, Jasmin?
Weil sie in Schönheit vergehn?
Verloren werden wie Brillen auf bürgerlichem Asphalt?
Wo auch immer
Der Pfingstmund! Am Dekolleté. Die Schande?
Tess of the d’Urbervilles tötete ihren Vergewaltiger und starb daran.
Ein Blutfaden so fake wie echt. Ach, Blutzoll. Brennt noch
immer die Weichen uns literweis.



 

Ach Zukunft. Ach Frühling. Ach wie licht
sie scheint, wie hell
die Sonnenkugel und stürbe auch unsere Ahne,
bliese doch zart das Buschwindmäulchen
durch die Wimperwälder, überspränge
Blütezeiten, trauerte
im Porzelladeladen die Herbstzeitlose



 
Wo warst du? Was hast du gesehen? Ach
Stundenblume, deine Schönheit
sei vergebens
Sagen sie im Blumenbuch, und kennen nicht mal
die Goldrebe, unsere Hoffnung auf niedagewesene Wenden
am Zaun schaukelnd, immer aufs neu und sacht wie
je ein Kinderherz.


 
 
 

Einladung! Zur Lesung Scheitern & Detail

1. Oktober 2018 von Sylvia | Keine Kommentare


 
Der Schriftsteller, Weinhändler und Inhaber von maison lanz Martin Bullinger gibt einen aktuellen ‘Einblick ins Scheitern’ und ‘zerschnippelt’ die Biografien seiner Figuren … ein wenig lakonisch. Wie immer. Schnelle Schnitte, Cut-up ohne Zufall, sozusagen Vermischen von Traum, Splittern (Gedanken, Beobachtungen, Geschichten des Lebens) und konsequentem Verfolgen von aufgespürten Spuren. Ein bisschen Claude Simon, ein bisschen R. D. Brinkmann, ein bisschen … ein ins Scheitern verliebtes Stammeln.

Die Journalistin, Fotografin, Lyrikerin vom Bild-Text-Team meise&meise Sylvia Meise übersetzt Bilder aus dem Geäst des Innern … ein wenig schnippelich. Manchmal. Schnelle Schritte, Cut-up-Wirbel und Rauschen – oder anders gewagt: Double bind, Double blind –Überblendungen von hier und nirgendwo – Beobachtungen und Träumereien aus dem Raum zwischen den Menschen. Von Alltag bis Zwetajewa, ein ins Detail vernarrtes Sammeln.

Donnerstag, 4. Oktober, 20:30 Uhr
Scheitern & Detail
Lesung mit Sylvia Meise und Martin Bullinger
Milchsackfabrik/Tanzhaus West
Gutleutstraße 294
60327 Frankfurt

Anfahrt ab Hauptbahnhof Südseite:
Straßenbahn 15, Haltestelle Heilbronner Straße, ab da 10 Min. Fußweg
Bus 37, Haltestelle Johanna-Kirchner-AHZ, 1 Min. Fußweg

Feuer und Wasser, Bullinger und Meise, Saubande und Dementia:


 
 
 

Halte die Wunde offen

26. Februar 2018 von Sylvia | Keine Kommentare

Sieben Jahre. Solange liegt Hadayatullah Hübsch jetzt auf dem Südfriedhof begraben. Er starb am 4. Januar 2011. Vier Tage später, an seinem 65. Geburtstag wurde er beerdigt. Es war kalt, die Sonne schien. Krähen saßen in den Friedhofsfichten. Eine seltsame Stimmung griff nach uns; zwischen Nähe und Fremde, muslimisch-ungewohntem Ritual und linksalternativem Ernst. Die letzte Ehre erweisen. Ihn verabschieden, das wollten wir. In die Trauerhalle zu gehen wäre uns der Familie gegenüber übergriffig vorgekommen. Wir warteten draußen. Als der Sarg herausgetragen wurde, war er inmitten einer Menschentraube geborgen, verborgen.

Junge Männer standen Spalier für die Sargträger. Es wurde gefilmt (den Bestattungsfilm kann man noch immer auf Youtube sehen). Viele trugen ihn. Den Mann, der nun in einem weißen Tuch gehüllt, im schwarzen Sarg lag. Grenzgänger über seinen Tod hinaus, einte er Muslime und säkuläre Linke beim Tragen von Weidenzweigen. Für die einen: Der Imam einer muslimischen Gemeinschaft. Der Familienvater. Für die andren: Der Slammer, Raser, Rocker des Lespults.

Der Poet. Das ist der Mann auch in meiner Erinnerung. Einer, der schreiend Zuhörer packt. In schummriger Slammer Atmo oder in einem Hinterzimmer rappend: Halte-die-Wunde-offen! In schier überspringender Präsenz dem Publikum Polit-Beat ins Hirn hackend. Hausbesetzer, Bildzeitungsleser, Arbeiter. Im Schreiben und erst recht im Sprechgesang den unsichtbaren Alltag des Irrsinn hochdrehend, bis der um sich schlagend, zuckend und grölend aus seinem Mund fuhr.


Das Video wurde von Hartmuth Malorny auf yt zur Verfügung gestellt
 
Lange her. Auf dem Friedhof wurde mir ganz leis im Kopf, die Menschen senkten die Blicke, sprachen Totengebete. Gras, Schnee, Eis. Fast nur Männer waren zu sehen. Die Muslimas blieben an der Trauerhalle. Die wenigen Frauen, die mitgingen, allesamt nicht muslimisch. Man konnte uns an zwei Händen abzählen, oder reichte eine?

Ich sah Männer, die sich auf den Rücken klopften, begrüßten, gegenseitig trösteten. Männer, die sich anlächelten, miteinander sprachen. Etwas auffallend Herzliches spürte ich unter diesen Männern. Etwas, das ich von „christlichen“ Beerdigungen bis dahin nicht kannte.

Vergleiche drängten sich auf. Sogar beim Umgang mit der Erde. Natürlich werden sonst auch auch vorher die Gräber ausgehoben. Doch die Erde für Hadayatullahs Grab war direkt daneben und ganz offen aufgehäuft. Anders als sonst kam man nicht an dieser Erde vorbei. Gelb und dunkelbraun, ocker und rötlich, mit Wurzelstücken durchsetzt atmet sie uns an. War nicht schamhaft unter einem Stück Kunstrasen verborgen wie sonst. Und alle, die da waren und zum Grab kamen, trugen etwas von diesem Berg ab. So wurde der Tote nicht erst beerdigt, nachdem alle gegangen waren und beim Leichenschmaus saßen – wie beim, „christlichen“ Begräbnis –, sondern in Echtzeit. Genug Schaufeln, genug Männer, die nachdem alle Trauernden am Gab waren, den Toten mit der restlichen Erde bedeckten.

Überraschende Erkenntnis von Entfremdung. Statt Erde streue auch ich lieber Blütenblätter auf den Sarg. Was mir irgendwie als das schönere Bild erscheint. Und doch: ist es nicht ehrlicher, Erdklumpen auf den Sarg zu werfen, während ein Pfarrer rituelle Sätze murmelt. Erde zu Erde, Staub zu Staub. Oder wer immer da ist und spricht.

Solche Reden gab es bei HH nicht. Nicht jedenfalls während des öffentlichen Ablaufs der Beerdigung. Stattdessen eine wohltuende Stille. Nicht wie so oft eine Rede, die aus einer Trauergesprächsinfo geklöppelt wird. Und am Ende sich oft so falsch anfühlt. Pat und seine Schwester haben ein solches Konstrukt letztes Jahr beim Tod ihrer Mutter abgelehnt. Befreiend. „Warum soll da jemand reden, der unsere Mutter überhaupt nicht kannte?“ Hat mich in Konsequenz meine erste Beerdigungsrede schreiben und (gemeinsam mit einem unserer Neffen) vortragen lassen. Verdammt schwierig, fühlte sich aber verdammt richtig an. Hält Wunden offen, vermag aber auch, manche zu heilen.

Auf Hübschs Beerdigung wurden wir trauereingemeindet, aufgenommen mit einem aufmunternden Lächeln. Natürlich hat man uns Nichtmuslime betrachtet, genau wie wir die Muslime betrachtet haben. So fremd dieses noch nie miterlebte Ritual. Aber sie rechneten so einfühlsam mit unserer Unsicherheit, dass wir angeleitet wurden: Jetzt kommt das Totengebet, raunten sie. Und richteten uns aus. Mit Augen, Händen und Leitmenschen ordneten sie die Gebetsreihe gen Osten. Ohne andere Hilfsmittel als dem social Beat. Viele Hände, viele Körper, aber kein Aneinanderstoßen. Nur Antippen, einander Zuwenden.

Am Grab teilte uns der Ordnende in zwei Gruppen: links Familie und Glaubensverwandte. Rechts Freunde und Bekannte. Vortreten, Abschied nehmen, mit einer Schaufel Erde zur Bestattung beitragen. Die Familie zuerst. Helfer wiesen jedem einzelnen Trauernden den Weg für den Abgang. Schoben Zweige beiseite, sorgten dafür, dass niemand mengen- oder tränenblind anderer Menschen Gräber mit Füßen trat.

Ich habe keinen ungehaltenen Blick bemerkt, keine Geste der Ablehnung. Hadayatullas Islam? Es gab mal eine Kampagne von ihm, nachdem Frankfurter Haushalte mit Bibeln beschickt worden waren. Jeder, der einen wolle, könne von ihm einen Koran habe, ließ Hübsch wissen. Ich wollte und hab einen bekommen. Ich habe auch noch einen Brief von ihm. 22 Jahre her. Seine Antwort auf meine Lyrikeinreichung. Ich möge doch, wenn mein Muttersein dies erlaube, mal vorbeischauen beim Stammtisch des Verbands der Schriftsteller. Dann könnten wir uns über meine Lyrik unterhalten. Burroughs empfahl er mir, oder Jürgen Ploog, um von ihnen zu lernen. Der Erzählfluss sei gut, aber die Stringenz fehle noch. Dieser Brief wird eine Wunde offen halten: Ich freute mich, doch ich war nie dort. Dies, das. Kein Raum, keine Kraft. Vorbei.

In meiner Erinnerung sehe ich ihn an der Bushaltestelle Lokalbahnhof stehn: roter Schal, kompakte Figur, schwarze Aktentasche. Rauchte er? Unscheinbar, ein Mann unter vielen. Das Hirn hellwach. Drinnen der Beat.
 


Auf yt veröffentlicht vom Wilhelmsburger Kunstbüro
 
 
 

Bild des Monats: März 2017

2. April 2017 von Sylvia | 2 Kommentare

Essen, 11. März 2017


 

Kant auf Kante

Trotz gebrochner Beine, der Glastisch spiegelt noch immer
was heute und morgen blüht
Von gestern gleichwohl weht kühler Atem aus einer mundgeblasenen Zeit.
Auf der Fensterbank zwei modrige Kugeln
Wie sie einst glänzten, die Perlen eingeschlossner Luft,
Ein Atmen
Aus Atmen

Als könne man das Leben anhalten
Als könnten wir anders als weiter und weiter gehn
Aber hoffen, wir hoffen doch
Hoffen gesehen zu werden, eine Hand zu spüren
Als gäbe es kein Ende und doch sind die Züge, die Lebenszüge gezählt.
Am Ende befreit vom
Festhalten der Dinge, vom Verlust der Ordnung
Einatmen, ausatmen

Hervor kam das Kind, den Teddybären im Arm
die Kinderseele, offenen Munds.
Sein Lächeln, eine feste Fadenlinie der Zuversicht.
Tröstung aller pflegenden Hände
Spürfaden zu deinem Mann

Wir hielten Blumen und hielten den
Glasatem der Zeit
Deiner Zeit, der unseren sich mehr denn je entfernend
Sahen dich, auch dich in den Ahnenkronen den Weg suchen.
Mit den Erinnerungen ziehen, deine Finger zum Abschied berührend
Das Verschwinden der Welt

Auf deinem letzten Laken zarte Blüten
Draußen der Vogelzug, drin die Jahrende
Ein und aus

 
 
 

Aufstehn / Get up

23. Dezember 2016 von Sylvia | 1 Kommentar

English version below

Aufstehn

Als der Tag Tag war
und die Nacht sein Brunnen
Als die Brust Brust war
und die Zunge rosa und rau.
Als der Süden noch nicht geboren war
der große, trockene Süden
Als der Norden noch der
Spiegel der Sonne war
und ewiges Weiß
waren die Menschen noch jung
doch die Angst war schon da

Begann zu glüh‘n
erkaltete in der Schönheit
unserer Waffen
die Armbrust der Macht
blendet seither die Sonne
bricht Eos die Finger
brennt Angst zu Asche
in den Sperrfeuern der Nacht
Doch
noch immer
gilt Aufsteh‘n als Zeichen
Tag für Tag
Jetzt du!

 

– – –
 


Get up

When the day was a day
and the night its source
When the breast was a breast
and the tongue rosy and rough
When the south wasn’t born yet
the big, dry Sur
When the north still was
the mirror of the sun
and eternal white
humans were young
but angst already grew

Began to glow
and cooled down then in the beauty
of our weapons
The crossbow of power
blinding the sun ever since
breaking Eos’ fingers
burning angst to ashes
in the curtain fires of the night
But
standing up
still is a powerful sign
Day by day
And now: You!

 
 

Süßes Gift ohne Grenzen

25. September 2016 von Sylvia | Keine Kommentare

Mindy Zhang

Mindy Zhang vor einem Bild von Karin Kück

See English version below

Verbote, Schießereien, Blut… Als ich den Raum betrat war Stille und Aufmerksamkeit. Eine Frau türmte die Ungerechtigkeiten der Welt in Worten auf und riss diese Babeltürme auch wieder mit Worten in Stücke. Las ein kraftvolles Plädoyer für Freiheit und Frieden. Die stolze Exil-Chilenin und Poetin Silvia Cuevas Morales ließ das Blatt sinken – und die Zuhörer klatschten. Ich saß zwar mittendrin, doch ich war zu spät gekommen. Mein Navi hatte das Schillerhaus nicht gekannt, den Tagungsort des 1. Poesie-Festivals in Rödermark. Knapp zwei Dutzend Dichter um mich herum. Ich gehörte dazu, war aber noch nicht im Bild.

Was war das hier, ein Manifest? Ich wusste, dass eine Vorstellungsrunde vorgesehen war. Gut, ich war eine Viertelstunde zu spät, aber sie konnten doch nicht schon alle vorgestellt sein, und gemeinsam ein Papier erarbeitet haben? Der Organisator und Initiator Peter Völker rief den Nächsten nach vorne: Julio Pavaretti. Der lächelte in die Runde und begann sein Gedicht „The naked city“ zu lesen. Was für ein wunderbarer Titel. Danach Annabel Villar mit „Für sie ist es nicht der Samt“ und die Nächste – und mir dämmerte, dass auch ich irgendwann aufgerufen würde. Darauf war ich nicht gefasst, meine englischen Gedichtversionen lagen zuhause. Ich hasse Vorstellungsrunden, aber diese hier war gut. Ich wollte dabei sein, auch die Stimme erheben. Handy? Internet? Internet. Handy. Wenig Power, aber es sollte reichen. War ich froh, dass ich meine drei Stücke einige Tage zuvor auf Behance eingestellt hatte, also konnte auch ich mich vorstellen. Und die Stimme trug.

Valérie Fourges

Valérie Fourges vor einem Bild von Yochen Schwarz

Trug mich zu jedem einzelnen der Internationals. Zu Mesut Şenol, der Vereiner, der eine Literaturzeitschrift herausgibt, zu Maria Juliana Villafaňe, mit der ich am Tag zuvor schon gefrühstückt hatte, zu Françoise Roy, mit den mexikanischen Ohrringen und den kahloesken Augenbrauen, zur zarten Kanadierin Valérie Fourges mit den goldenen Schuhen – und zu Mindy, Mindy Zhang, die den schwersten Koffer hatte und sich zu jeder Lesung sorgsam stylte. Zu jeder und jedem bewahre ich ein besonderes Erlebnis, eine spezielle Geschichte. Darunter den Handkuss des olivenhäutigen Derwischs Ion Dumitru.

Poetry Festival Rödermark #3

Doch zunächst ging es ums Zuhören, ums Verständigen über und durch Poesie. Keine Textform vermag mehr Geschichten einem einziges Wort einzuprägen. Vom „süßen Gift“ hat Ilma Rakusa andernorts in diesem Jahr gesprochen.

Als Mitglied der Jury gehörte ich nicht zu den Wettbewerbern, dafür aber hatte ich jedes Gedicht auf der Zunge gehabt. Es laut gelesen und bei jedem gefragt, woher kommst du, was willst du mir geben? In Mindys Gedicht fand ich einen Begriff, der mich googeln und einen Wald in China finden ließ. Darüber hinaus fand ich Spuren von einer mythischen Schöpfungslegende, die das Gedicht nachzubeten schien. Trotzdem es mich in Bann schlug, mich von Tonalität und Rhythmus mitriss, ich war enttäuscht. Als hätte man mir nur etwas vorgemacht, als hätte die Dichterin nur eine Matrix genutzt, ihre Worte hineinzufüllen.

Dann kam Mindy auf mich zu: „Du liest mein Gedicht?“ Ja. „Du musst es so lesen: schnell und fast ohne Atem zu holen. Nur die Worte ‘Once upon a time’ – wie heißt das im Deutschen? Und Mutter oder Großmutter, sollen herausstehen…“ Sie instruierte mich, briefte mich, den ganzen Nachmittag. Und ich – lernte ihr Gedicht lesen. Lernte, dass sie über dieses Poem ihre Würde zurückholte. Sie sagte: „Ich lebe in einem rassistischen Land. Dort gehöre ich zu einer Minderheit, weil ich gelb bin. Erst seitdem ich dort lebe, ist mir bewusst, dass ich Chinesin bin.“ Gelb. Fahle Sonne. Sie, die im Land der unendlichen Trumps lebt, zeigte auf ihren Arm, der weiß aus ihrem blütenübersäten Kleid blitzte. „Dort gehöre ich zu einer wenig geachteten Minderheit, dabei stehen Millionen von Menschen hinter mir. Das chinesische Volk.“ Ich dachte, „No borders!“ die Frau deren Vorname „Ming Di“ auf deutsch „Sonne-Mond“ bedeutet, erzählte noch mehr. Und ich verstand. Ich soll davon jedoch nicht sprechen, denn: ein Gedicht, das man erklären muss, ist kein Gedicht – so wie ein gutes Bild nicht erklärt werden will.

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Unsere Stimmen. Kommunikation durch Nuancen, durch Blicke durch den Willen zu verstehen und zur Verständigung. Und durch die Anwesenheit an einem sicheren Ort. Sogar der Garten des Bürgermeisters gab sich lyrisch.

Als Überraschung für die Internationals stand anderntags das Treffen mit „ihren“ Künstlern auf dem Programm – Künstler des örtlichen Kunstvereins in Rödermark KiR und Künstler des nordhessischen Kunstvereins Meerholz hatten sich der Aufgabe gestellt, Gedichte zu illustrieren. Zu viert lasen wir die Poeme auf deutsch, sie selbst ihres in ihrer Muttersprache – und dann fielen sich die Künstler, die wochen- oder monatelang, Gedichte eingesogen hatten, um sie danach in Bilder zu fassen, und die Dichterinnnen, deren innerster Ausdruck plötzlich ein Bild aufwarf, in die Arme. Fast spürbar dieses getauschte Glück. Das Begegnen in den Parallelwelten des Rauschens und der Suche nach Wahrhaftigkeit.

Als Teil der Jury wusste ich ja, wer einen Preis bekommen würde. Und das war unsere Wahl:

Erster Preis: Maarja Kangro
Zweiter Preis: Nahid Ensafpour
Dritter Preis: Mindy Zhang

Drei Tage lang nichts als süßes Gift – am Ende vor öffentlichem Publikum im Urberacher Park bei „grenzenlos grün – Pinsel, Piano, Poesie“. Wir tranken Worte, machten uns gegenseitig zu Role Models und dann, zwischen Musik und Kunst trugen unsere Stimmen uns die Menschen zu. Wie sie still wurden, als Nahid Ensafpour sang. Ihr Liebeslied, wie sie ihren Gesang einatmeten, ihr Leuchten. Wie sie Maarja Kangro auf dem nordischen Pfad des Humors folgen, den Worten lauschten, die ihr von der estnischen Zunge purzelten. Und wie sie staunten, als Mindy Zhang die Schriftfahne mit ihren Orakelknochenzeichen-Gedichten entrollte. Ihr hättet sie hören sollen.
Alle Gedichte in dieser Anthologie:
Roland Kern, Peter Völker (Hrsg.):
Anthologie “Between our words… poetry overcomes borders”
Engelsdorfer Verlag, Leipzig, 18 Euro.
Und hier die ausgezeichenten Gedichte:

Dritter Preis: Mindy Zhang

Mein Stammbaum

Es war einmal ein Wald,
mein Stammbaum mittendrin
zehn Sonnen brannten
über den Wipfeln jede Nacht –
und Großmama konnte nicht schlafen;
jede Nacht nach zwölf

gebar sie ein Kind,
bis unser Baum keine Blätter mehr hatte,
die sie ihnen geben konnte.
Großpapa raste vor Zorn, verjagte die Sonnen,
neun auf einen Streich. Nur eine einzige
blieb am Himmel zurück, die uns
die Geschichte erzählte.
Es war einmal eine Geschichte: Jeden Abend
verbarg sich die Sonne in einen Baumstumpf,
und jeden Morgen
stieg sie heraus, meine Großmama zu sehen,

eine immerjunge Frau aus einem sagenhaften Wald.
Wie ein Berg lag sie da, voller Lebenskraft
So viele Kinder hatte sie geboren,
dass die Sonne nicht von ihr lassen,
ihre heißen Blicke nicht von ihr wenden konnte.
Großvater tobte und wollte

die letzte Sonne töten, da traf ihn der Schlag –
und er starb. Der Himmel riss auf.
Zehntausend Jahre lang
versank meine Familie in Trauer,
alle Kinder gingen unter

und wurden Wasserhyazinthen. Schließlich erhob
sich Großmama, stand auf, und wurde groß, so groß,
dass der Duft ihres Körpers
die Löcher im Himmel verschloss.

Die Flut ging zurück, es wurde friedlich,
die Sonne ging wieder auf und blickte
fünftausend Jahre lang
auf meine Großmama
mit dem fahlen Gelb ihres Auges – Tag und Nacht.

Tag und Nacht langweilte sich Großmama
und knetete Menschen aus Lehm und Split,
viele, viele Menschen,
mit der Haut der Sonne, den Augen der Nacht,
mit vollen Händen verstreute sie sie,
mehret euch Tag und Nacht,
und einer davon war mein Vater.

Ein Bastard der Tang-Zeit mit vielen Namen.
War er betrunken, sang er
von phantasierten Mädchen und Monden,
War er traurig, beklagte er Sandstürme und Staub.
Es war einmal ein Li Bai,
und wenn es keinen Mond am Himmel gab,

dachte er so lange angestrengt daran,
bis der Mond für ihn aufging.
Es war einmal ein Du Fu, der sich die Flüsse selber malte,
eenn gerade keiner da war – zuerst den Gelben Fluss,
der durch die Ebene fließt, und dann den Yangtse,
der über den Himmel strömt. In der alten Zeit

hörten alle Flüsse auf ihn, er winkte einmal,
und sie rannen nach Osten, ins chinesische Meer,
und selbst der Wind und das Schilf folgten ihm –
was ihn so langweilte, dass er nach Hause ging
und Landwirtschaft betrieb,
dass er Himmel und Erde in Rechtecke schnitt,
um Reis und Weizen anzubauen.

Eines Abends stieg meine Mutter vom Mond
und folgte den quadrierten Feldern,
ihr ganzer Körper war Jasmin, und um sie
das Licht der Weberin.
Vater wollte sie begrüßen, wusste aber nicht,
unter welchem Namen er gegenüber treten sollte.

Er zögerte, und sie stieg weiter hinab,
in ihrem weißen Kleid trug sie den Glanz
von hundert Jahren Einsamkeit.
Sie streckte die Hand aus,
berührte meinen Vater – ich habe ihn nie gesehen –
und kaum hatte sie ihn berührt, wurde er zu Stein,

wurde unsterblich. Es war einmal ein Stein,
auf dem die Menschen sich paarten,
regellos, eine Berührung genügte,
oder ein kurzer Blick: ein Blick, ein Blinzeln, eine Berührung –
schon gab es Leben, gab es Tod,
gab es Liebe, gab es Trennung
auf Leben und Tod.

Wie man eine Chrysantheme anknipst,
so hat diese Frau im Mond mich
geboren. Ich öffnete die Augen und sah,
wie sie in meinem Licht nach oben entschwebte,
zurück in ihren kalten Himmel, eine Pipa
mit gerissenen Saiten in den Armen.

Darum heiße ich Sonne-Mond: Eine Art Licht
aus zweierlei Quellen, die sich gegenseitig
blank reiben, und spielen,
die nie ihre Fehler eingestehen – niemals friedlich sind.
Ich kam in ein neues Land,

wo es Steine und Stelen und Statuen gab,
überall, und den ganzen Frühling lang roch es nach Tod.
Ich hob den Kopf und sah meine Mutter –
im April, wenn der Himmel tiefhängt,

höre ich sie atmen, höre den Klang
ihres Spiels, der auf die Berghänge fällt,
die Berghänge eines fremden Landes.
Ich schreibe Sonne, und eine Sonne
in meiner Farbe geht auf,

ich schreibe Mond, und der einsame
Mond meiner Vorfahren geht auf.
Meine Orakelknochen-Schriftzeichen,
meine Piktogramme sind Steine,
die bei Berührung zu Blüten werden –

in dieser Jahreszeit stirbt der Tod kein zweites Mal.
Alle Blüten an allen Bäumen öffnen die Augen,
sehen meine Ahnen, leben in meiner Haut.
Es war einmal meine Haut, auf der ein Schatten lag,
Es war einmal ein Schatten, ein Baum und dann
ein Licht.

Da ist immer ein Schatten,
bevor das Licht kommt.

(Übersetzung: Ruppert Mayer, Lea Schneider, Sylvia Meise)
Zweiter Preis: Nahid Ensafpour

Die Brücke

Auf der anderen Seite des Ufers
hörte ich ihren lauten Schrei
verwirrt, unwissend,
wie konnte ich ihr helfen nur,
niemand war da, der ihr beistand,
lauter und lauter wurde ihr Aufschrei,
eine stürmische Kraft überkam mich
ich wuchs und wuchs über mich hinaus
und beugte mich über den Fluss,
selbst wurde ich zur Brücke,
doch als sie mich überqueren wollte,
brach ich.

(aus “Gesang des Augenblicks”, Frankfurter Verlagsgruppe, 2016)
Erster Preis: Maarja Kangro

Der Ex

Als unter der schwarzen Hose
eine weiße behaarte Wade hervorlugt,
schau’ ich da natürlich hin.
Ich schaue auf den Bauch unter dem Sakko,
nicht unbedingt dicker geworden.
Ich schaue auf die Hände: er hat die grazilsten von
allen, die auf der Bühne sitzen.
Bloß nicht zu lang in die Augen
schauen – aber es ist schon zu spät.
Als er anfängt zu reden,
spannt sich alles in mir an,
stockt sein Satz, rücke ich mit dem Stuhl.
Wie eine Mama beim Schulfest.

Nun reicht man Weintrauben und Gebäck.
In den anderen Raum gehe ich natürlich
bloß wegen der Getränke.
Schau mal einer an. Hallo.
Ich beobachte seine Augen, seinen Hals
und die Lenden: warm, nur einen Meter entfernt.
Ich überlege, ob ehemalige
Kolonisatoren ebenso schauen.
Dieses Land gehörte einst uns.
Wie rührt man es jetzt an?
Wie kommt ihr nun zurecht –
nicht gerade großartig, oder?
Bei euch herrschen Hunger und Epidemien,
Partisanenkriege und Diktatoren,
die wir in die Schranken weisen müssen.
Wir wissen von brennenden Hütten und Autos,
von Kindern mit aufgeblähtem Hungerbauch.

Seine Zähne faulen nicht,
die Wangen welken nicht,
keine geröteten Augen.
Dem Atem nach zu urteilen
hat er nicht angefangen zu trinken.
Die Kolonisatorin forscht akribisch.
Wo sind denn nun meine Spuren,
sein Trauma, meine historische Rechtfertigung?

Wir essen Weintrauben
und trinken Cognac,
okay, dann essen wir eben Weintrauben
und trinken Cognac

(aus dem Estnischen von Cornelius Hasselblatt)

Maarja Kangro und Annelie Schnack

Maarja Kangro und Annelie Schnack

 

Sweet poison- poems without borders
Bans, gunfights, blood… When I entered the room it was filled with close attention. In solemn silence the audience was listening to a woman putting blatant injustice into words. Piling them up like towers of Babel, just to take them down with another pack of powerfull protesting terms. And when the proud Expat from Chile and poetess Silvia Cuevas Morales let down the paper the audience started clapping. Quietly I sneaked in as I was too late. My navigation couldn’t find the Schillerhaus, location of the first Poetry-Festival in Rödermark. About two dozens of poets sitting around me clapping, while I orientated myself.

What the heck was going on here? Sure, I was late, but could they already have finished the first round of introductions? Could they already have worked out a manifesto? Peter Völker, head and initiator of the festival invited the next one to the fore: Julio Pavanetti. Who smiled and began to read his poem “The naked city”. Awesome title, by the way – then Annabel Villar followed with “Fate and orange blossoms” then the next, and suddenly I got it – one of the next turns would be mine. And I wasn’t prepared. My English versions at home in a pack of paper… I really hate instruction rounds but this time I definitely longed to participate, definitely wanted to let them hear my voice. So what? Mobile? Internet? Internet. Mobile. Power was low but it should work. So lucky that I just put my three English poems online on behance. So at last I arrived just by reading.

This reading carried me to every single one of the international poetesses and poets. Carried me to Mesut Şenol, editing an international literature magazine, to Maria Juliana Villafaňe with whom I already had a wonderful breakast time the day before, to Françoise Roy with her Mexican style earrings and the kahloesque eye brows, to the gentle Canadian Valérie Fourges in her golden sandals – and not least – to Mindy, Mindy Zhang, who had the heaviest luggage und who styled herself diligently whenever she read, underlining the effect by little details. To everyone of them I preserve a special memory, a particular moment or story. Among them the hand kiss from an olive colored dervish.

But first of all we were here to listen, to meet, to communicate by and through poetry. No other text format tells more in a lesser amount of words. In another place some months ago Ilma Rakusa one of my favorite writers, was to describe the attraction of poetry. She found the term ”sweet poison”.

As part of the jury I didn’t belong to the competitors, instead of competing I tasted each poem with my tongue. Recited every one loud and asked: “Where do you come from?” “What will you tell me?” In Mindys poem I read a Chinese name, googled and found it to be a real forest. Further I found traces of a Chinese myth of creation that, as I saw it then, seemed to just beeing retold by this poem. Although I was fascinated by the tonality and rhythm, I felt cheated as if she used a matrix to fill her words in. Kind of disappointed I turned away. Nevertheless she stayed on my mind.

Then Mindy came over to me: „You will be reading my poem?” Yes. “You must read it very fast, like I do. Only the words ‘once upon a time’ – how is that in German? – and ‘mother’ or ‘grandma’ shall stand out…” She instructed and briefed me the whole afternoon. And suddenly I realized what her poem was about. I learned that she took back her dignity by this poem. She said: “I live in a racist country: I belong to a not really appreciated minority just because my yellow skin.” She pointed on her white arm, sneaking out of her flowery dress. “Before I moved to the USA I never realized being an Asian.” She sounded breathless just the way she instructed me to recite her poem. While she was talking, the words “No borders!” blinked in my head. The woman who’s name “Min di” means “Sun-Moon” told me much more things, that will not emerge in this text, because: a poem is a poem and shouldn’t be explained. As well as a real good image never should be explained either.

So we carried on, carried by our voices. Communicated by nuances of the tone, by glances and by the will of understanding one each other. Being held by the presence of a secure place. Even the garden of the mayor showed itself as a poetic impression.

The next day a surprise for the internationals was planned: a meeting with “their” artists – artists from the local art association KiR and another one from Northern Hesse Kunstverein Meerholz. Artists from these associations met the challenge to illustrate the international poems. So the artists and the poetesses and poets stood side by side. The ones who absorbed the texts for weeks or months – and the ones who found their words unexpectedly expressed in bright colors were embracing each other. Great. Touching. Encounters in the parallel universes of sincerity and joy.

I already knew who was among the award winners. Yeah, and this was our choice:
Third price: Mindy Zhang
Second price: Nahid Ensafpour
First price: Maarja Kangro

Three days long nothing but the sweet poison of words. The third day we read at the art, music and poetry festival in the park „Poetry Festival #7

 

KiR: The only Limit is the Sky

11. Oktober 2015 von Sylvia | Keine Kommentare

Unser Beitrag zur Ausstellung Gedankenwelten bei KiR (Kunst in Rödermark)
am 17. und 18. Oktober:

Tolits #1 - Freiheit

Tolits #1 – Freiheit

Limit

Rahmen,
Gedanken, Segel setzen
Strukturen
gegen den Tanker Befindlichkeit
Ruhe im Hirnspiel
Synapsenspizzen
von Lichtblitzen.

Und: Fokus. Fokus. Fokus.
nur nicht denken. Nicht.

Aber, paragleiten in die Parawelt
des DoubleSeins der Dinge
n’oublies jamais
existiert alles auch ohne dich.

Und: Leben. Leben. Leben!
In mir, Mond, weil
ich schaure, schaukle, aufschau
zu den Flirrlichtern der
Wimperbogenlampen

Drum herum Photonenschwärme
laichend, leuchtstäubend
Stratoduster!

Viel mir, gespiel mir, geh nicht –
mind the Gap
die Räume, Träume zwischen
den Menschenräumen die Zwischenmenschenräume
Freiheit 38. 38? Ja.
Frei sein
Nicht wirklich viele Menschen wollen das.

Wer gibt?
Spielräume, Kinderträume…
Worte und Bilder in uns
Strukturen, Spuren.
Lass dich leiten
Lass. Finde
die Feder. Die von den Schwingen
der Kinderbänder gestreift, getönt, geschlagen
Vogelander
Flügelum.

Im Dämmern des Lichts der Tag
Der Himmel, the only Limit
rutscht in die Nacht
die Krähe, mein Ichkind
die Krähe, sie wacht.

Tolits #2 - Spielgrund

Tolits #2 – Spielgrund