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Tracking-Literatur #2: Tierspuren Europas

22. Oktober 2021 von Sylvia | Keine Kommentare

 

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Tschacka! Jetzt gilts, dachte ich im Mai, als Joscha Grolms mir die Bestätigungsmail schickte; „Der Platz geht an Dich!“ Juppie! Gleichzeitig dachte ich aber auch: Oioi, hoffentlich übernimmste dich nicht. Meine erste Fährtenleser-Evaluation, hiermit gebucht. Bisschen Training würde nicht schaden – und das neue Buch auch nicht, aber wann kommts denn endlich?! Vorbestellt seit Februar. Erst dachte ich ja, 70 Euro… Puh. Brauch ich das? Dann versicherte mir eine Freundin, die Fotos beigesteuert, das Buch gegengelesen und somit ordentlich Einblick hatte: „Du wirst es lieben“. Bestellt. Und im Juli endlich hatte ich es dann in der Hand. Oder besser in zwei Händen, über zwei Kilo. Ein Klotz von über 800 Seiten. Kann man da noch von Handbuch reden? Doch. Ja. Und was für eins. Den Verlag hat es wohl verblüfft wie viele Tracker-Nerds es gibt – 600 Vorbestellungen warteten auf Auslieferung. Drei Monate später ist die erste Auflage von 4000 Exemplaren verkauft. Die nächste gedruckt.

Und ich bin in der Lausitz. Der erste Evaluierungstag ist zu Ende. Elf Prüflinge, Evaluierer Joscha sowie Ulrike und Golo, die die Klemmbretter halten, und Antworten entgegennehmen sitzen am Tisch der Pension Zum Hammer. Wie er sich jetzt fühlt? Nach dem Buch? „Befreit“, antwortet der Master-Fährtenleser. Kein Wunder nach acht Jahren Arbeit. Zwei Winter, schreibt er, habe er nur damit verbracht, die Unterschiede zwischen den verschiedenen Mause-Arten zu untersuchen. 200 Tage allein mit Zeichnen. Dazu sind er und seine Lebenspartnerin Laura Gärtner an verschiedene Orten Europas gereist, um auch Informationen über Tiere wie Wisent, Moschusochse, Ginsterkatze oder Stachelschwein aus erster Hand weitergeben zu können.

Bis Juli waren diese meine Favoriten unter den Fährtenleser-Büchern: Het Prentenboek (René Nauta und Aaldrik Poth) mit alles, vom Säugetier bis zum Tausendfüßler, und ergänzend „The Art of Tracking Animals“ (Wlodomierz Jedrzejeski und Vadim Sorovich) nur über Säugetiere. Niederländisch das erste, englisch das zweite. Auf Deutsch gehört für mich „der Grimmberger“ dazu, „Die Säugetiere Mitteleuropas“. Mit seinen Säugetierportraits, einigen Fußspuren, Maßen von Füßen und Abbildungen von Schädeln war das schon ganz gut, aber nicht vergleichbar mit Het Prentenboek. Der Ulmer Verlag hat das erkannt, und bei Joscha angefragt. So wünscht man sich das als Autor. Ihn im Feld zu erleben – jemanden, der die unscheinbarsten Spuren auftreibt wie die einer jungen Schlingnatter unter einer Brücke – beeindruckend. Dazu die Geschichten, die er erzählt – und von denen ich gern mehr im Buch hätte, aber wie viele Seiten hätten es dann müssen sein?

Den ganzen Tag draußen, und dazu hochkonzentriert – wir elf Prüflinge sind platt. Nach 30 Stationen mit Fragen wie, Was ist das? (Antwort z.B. “Kolkrabenschiss”), Welche Gangart? (“Schrägtrab”), Wer?… Fragt sich die eine, Warum um Himmelswillen, sie nicht Möwe geschrieben, obwohl sie’s gesehen hat. Der andere, Warum zur Hölle er das Hermelin nicht erkannte. Und – Oioioi, was würde morgen alles drankommen? Vogelfußabdrücke? Mausefüße? Noch schnell was nachgucken?!


 

Ich nehme den Wälzer. Im Gegensatz zu meiner Ausgabe öffnet sich das Buch geschmeidig, meine wurde ja auch noch nicht so oft benutzt. Xmal meinte Joscha bei relativ einfachen Aufgaben, „So viel Zeit haben wir jetzt nicht: Könnt ihr nachgucken, steht alles im Buch.“ So macht mans zum Nachschlagewerk. Es sind aber auch unglaublich viele Details zu sehen und nachzulesen. Zurück zur Arbeit: Wie war das mit den Mäusen? Auf die hatte ich mich als allererstes gestürzt, als das Buch kam. Wollte bei meinen Spurenfunden Wühl- und Waldmaus unterscheiden, aber wie? Fußabdrücke, kleiner als mein kleiner Fingernagel. Schwierig genug, ihre Abdrücke zu finden, und dann (für eine Spurendokumentation) genau zu erkennen und zu messen. Klein. Sehr klein. Aber auseinanderhalten? Andere Fährtenleserbücher zeigen oft Abdrücke, die mit Füßen toter Tiere gemacht wurden, Joscha nutzt wie sein Vorbild Mark Elbroch, Fährtenleser-Crack aus den USA, Tusche-Punkt-Zeichnungen und die entweder lebensgroß oder 50 % verkleinert. Dazu Fotos von Füßen (beim Schalenwild leider ohne Afterklauen, warum denn das?), Trittspuren auf unterschiedlichen Böden und Tintenabdrücke. Ich begann nach diesen Vorlagen die Mauseabdrücke selbst zu zeichnen, um mich einzufühlen. Und bestimmte daraufhin zwei Mausefährten aus meinem Archiv. Ha: Eine Wald- und eine Rötelmaus. Aber wie war das noch? Würde ich das morgen noch wissen? Auf keinen Fall jetzt noch vertiefen. Ich bin weit weg von aufnahmefähig. Mein Schlafsack wartet, und noch weiß ich nicht, dass ich bei Minus vier Grad im Naturcamp keine kuschelige Nacht verbringen werde.

Neuer Tag, neues Trackingglück. Traumhaftes Herbstlicht und alle sind aus dem Häuschen: Seeadler voraus! Dann die ersten Stationen – so werden die nummerierten Stellen mit Tierspuren genannt, die es für uns Prüflinge zu identifizieren gilt. Am Ende werden es 60 Fragen gewesen sein, von leicht über mittel bis schwer. Die erste gleich versemmelt: Ein Rothirsch, Mensch! Kein Wildschwein ist am Rand des Ufers durch die Matsche galoppiert. Hätte ich erkennen können. Müssen. Sicher ne Level-I-Frage. Mist. Je leichter die Frage, desto größer der Punktabzug. Auch, wenn das nicht der Hauptgrund war, ohne Zertifikat wollte ich nun auch nicht nach Hause – und es gab schließlich wirklich schwere Fragen. Sachen die ich im Leben noch nicht gesehen hatte. Den Fußabdruck eines Kiebitzes etwa, der einzige Regenpfeifer mit Hallux, wie wir bei der Auflösung erfahren.

Und schon die nächste Frage-Runde am Seeufer gegenüber. Klemmbretthalter Golo erklärt, worum es geht und wünscht „Viel Spaß!“ Na, endlich was Einfaches. Diese Fährte im Schlamm war leicht: Ein Waschbar. Gangart? Schritt, extrem übereilt – Check. Auch die nächste Frage flutscht: Welcher Fuß? Waschbär, hinten rechts. Check. Und dann ne Minifährte: Wer wars? Klein, sehr klein. Maus. Wie war das noch? Hätte ich das mal auswendig gelernt. Mir fiel ein, dass im Buch stand, dass für eine Art Maus typisch ist, dass sie nicht springt, sondern meist Schritt läuft so wie die hier. Aber welche? Ich sah die Zehen ein V bilden – V for Vole. Gut: Wühlmaus. Aber welche? Puh. Ich tippte auf Rötelmaus. Tscha. Knapp daneben ist auch vorbei.

Dann die Auflösung, das Salz der Evaluation, und Joscha hält uns einen kleinen Vortrag über die Evolution der Mäuse. „Ik ben om“, würde der Holländer sagen, Haut mich um. Mit Hilfe von laminierten Zeichnungen, die auch im Buch als Gegenüberstellung zu finden sind, erläutert Joscha, wie sich die Feldmäuse und ihre Füße vom Leben in Erdgängen zum Waldmaus-Leben als Springer und Kletterer über der Erde entwickelt haben. Sozusagen vom Tunnel ins Licht. Und natürlich sind diejenigen, die heute noch in Erdtunnelgängen rumlaufen auch die, die nicht springen. Dazu Joscha, „da stößt man sich ja sonst dauernd den Kopf.“ Evolutionäres Zwischenglied zwischen beiden sei die Rötelmaus, die zwar auch Schritt läuft, aber eben auch springt. Sie wars also nicht, sondern schlanke Feldmausfüße. Lection possible.

 

Solche Gegenüberstellungen sind ein sehr gelungener Teil des Buchs. Verglichen werden leicht verwechselbare Spuren wie eben die der Mäuse oder von Rothirsch und Wildschwein (ja, ja). Superpraxisnah daran, wie die besonderen Kennzeichen herausgearbeitet werden, an denen man die Unterschiede erkennen kann. Kleiner Kritikpunkt: Der Hinweiskasten auf diese Gegenüberstellungen wäre vorne beim Index besser zu finden und aufgehoben, als so versteckt hinten bei den Stichwörtern.

Wann oder warum auch immer ich das Buch aufschlage, bleibe ich hängen. Als Fährtenleserin interessiert mich ja jedes Zeichen, ob von Seeadler, Hermelin oder Regenwurm. Super ist, dass man für alle Säugetiere die Schrittlängen findet, sowie die Gangarten, in denen sie oder Vögel sich am liebsten fortbewegen. Gab es vorher so nicht. Mein persönlicher Kritikpunkt gilt der Bildsprache. Die über 1000 Farbfotos geben sehr viel an Info und Vorstellungsmöglichkeiten, sind aber anders als bei René Nauta nicht aus einem Guss und oftmals viel zu flau abgedruckt. Hier wäre eine durchgängige Bearbeitung wünschenswert, denn ein Buch lebt nicht zuletzt von der Wertigkeit des Visuellen. Das Titelbild soll sicher verkaufsfördernd sein und verkauft sich hoffentlich gut. Doch für mich entspricht es nicht Joschas Spirit oder dem des Buchs. Ansichtssache. Diskussionen um das beste Titelbild gibts immer. Inhaltlich habe ich keine Kritik, sondern bin dankbar für all das geteilte Wissen, das wiederum von so vielen anderen mit Joscha geteilt wurde. Eine Kulturspur mitten durch die Menschheitsgeschichte. Sie zu nutzen öffnet Blickwinkel, ermöglicht Einsichten. Bin gespannt auf Joschas nächstes Projekt. Wenn Bücher wie Babys kommen und gehen. Kanns acht Jahre dauern. Achso, Zertifikat? Jep: Level II. War nicht das letzte Mal dabei. Wir sehn uns, Leute. Wir sehn uns, Joscha. Ho.

 


Joscha Grolms: Tierspuren Europas
Spuren und Zeichen bestimmen und interpretieren.
 

Mit Spuren und Zeichen von Säugetieren, Vögeln, Reptilien, Amphibien und Wirbellosen.
815 Seiten, 69,95 Euro

 

Eugen Ulmer Verlag, Stuttgart
 

PS Keine Werbung, alles selber bezahlt.

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Liebe und Tod…

7. August 2020 von Sylvia | Keine Kommentare


 
.. alles andere ist Mumpitz. Jedenfalls bei Literatur, sagte jedenfalls MRR, Marcel Reich-Ranicki. Der Mann fällt mir immer ein, wenn ich rezensiere. Und Herrndorfer. Der fand Rezensionen hirnlos, die das besprochene Buch zusammenfassen. Oder unerträglich – den Original-Wortlaut weiß ich nicht mehr. Genauso wenig, wie ich noch weiß, was normal ist im C-Jahr. C wie Corona. Ich hab ein K-Jahr draus gemacht. K wie Krimi. Mir schon ewig nicht mehr so viele Ks reingezogen. Ermächtigungsstrategie?

Für diesmal hatte ich jedenfalls die Skandianavier schnell durch. Und zwar per Film. Zu Beginn des Coronawirbels landete ich beim Zappen durch die Faktennews auf irgendeinem Kanal bei Stieg Larssons Verblendung. Erleichtert blieb ich. Genau die richtige Unterhaltungs-Dosis für diesen Abend. Nur – dass es die entkernte, amerikanische Variante war. Frustrierend. Bah! Da half nur: Sofort die echte bestellen. Nein, gleich alle drei. Und warten. Klopapier und Masken hatten ja Vorrang. Und überhaupt bestellten ja plötzlich alle alles im Internet.
Irgendwann kamen die Scheiben. Die echten, mit der echten Noomi Rapace-Lisbeth. Diese Frau bedient ja nun wirklich allen Ermächtigungsbedarf, den unsereine so haben kann. Sonst noch? Einen Packen Wallander. War dann aber langweilig, weil nicht wirklich die gute Fassung.

Eingeschränkter Ausgang, Abstand, C-Koller… Eigentlich war ich ja hauptschlich im Wald. Kaum zuhause aber lechzte mein Hirn nach passenden Rausreißern, Peinlösern, Stresspuffern – her damit zur Hölle! Tschja, und warum Geld ausgeben, und C-Lieferzeiten in Kauf nehmen, wo das Gute längst im Regal steht: „Kaltes Feuer“ etwa von Dana Stabenow. Der erste aus ihrer Kate-Shugak-Reihe. So gut. Mal für eine nen taz-Artikel über Ermächtigung durch weibliche Krimi-Heldinnen angeschafft. Kennt kaum jemand, also: Darf ich vorstellen? Kate Shugak. Geborene Aleutin – so heißen die Ureinwohner einer gleichnamigen alaskanischen Inselkette -, einsfünfundsechzig, drahtig, goldhäutig, schwarzhaarig. Lebt im Nationalpark mit ihrer Husky-Wolf-Mischlingshündin. Und, mit 12 Kugeln im Rücken geht die noch lange nicht nach Hause. Ruht nicht, bis sie die Wahrheit ans Licht gezerrt hat. Wie unangenehm das auch für alle Beteiligten, inklusive ihr selbst, sein mag. Kate ist Ermächtigung pur. 20 Jahre besitze ich diesen Band (plus zwei weitere) schon, hab alle schon mindestes 147 Mal gelesen und freue mich immer noch über alle skurrilen Szenen, die die die Autorin so wortgewandt einstreut.

Gerne geklaut aus den Lokalnachrichten. Etwa das hier: Verpeiltes Touri-Pärchen stellt fest, dass es im Sommer in Alaska weder Schnee noch Hundeschlittenrennen gibt. Die frustriert-quengelige Ehefrau, die immer ihren Pudel bei sich trägt, entdeckt immerhin gegenüber vom Parkplatz eine Elchkuh mit ihren Kälbern. Entzückt eilt sie hin, um Kuh oder Kälbchen zu herzen. Fassungslos bewahrt Kate sie im letzten Moment vor einer garantiert unkuscheligen Begegnung, als ein Adler herniederstößt – und sich des Pudels bemächtigt. Zucker, Dana, love it!

Die anderen natürlich auch gleich nochma gelesen. Und nu? Hat Dana vielleicht doch noch weiter geschrieben? Ich hatte ja immer mal geguckt, aber nie mehr was gesehn. Tags drauf zur Wendeltreppe, best Krimibuchladen in Town, und die Chefin gefragt. Die meinte wie ich, es gäbe nichts Neues von ihr, aber ein paar Fortsetzungen kannte sie doch. Ich solle mal das Internet melken. Und wie ich so melke, traue ich meinen Augen nicht: Nummer 22. Kommt. Demnächst. Raus.

Boah. Einundzwanzig gibs?! Minus drei, die ich schon habe, macht das a-c-h-t-z-e-h-n, acht-zehn mir unbekannte Shugaks?! Hoohoo!! Woohoo! Bin jetzt Dauerkundin bei den amazon-Alternativen Booklooker und Abe Books. Die übersetzten hab ich mittlerweile alle. Jetzt les ich nur noch der Reihe nach – und aus Irland, oder England trudeln mehr oder weniger gebrauchte Exemplare bei uns ein. Als Nebeneffekt poliert die erzcoole Kate mein Englisch auf. Noch vor mir: das Buch, in dem Jack, ihr Freund und Lover stirbt. Verdammt, Dana, musste das sein?

Mittlerweile fühlt sich das wahre Leben immer fiktionaler an. Hamsterrad oder Alltagsgerüst muss jeder und jede selbst basteln, während Masken für audiovisuelle Unschärfe und Diffusität sorgen. Unter normalen Bedingungen wären wir zum Aufladen, Durcharbeiten und Krafttanken nach Schottland aufgebrochen. Geplant war die Fortsetzung unserer Äußere-Hebriden-Tour: South Uist mit dem Fahrrad. Diesmal sogar ohne Auto. Nur Fahrrad und Bahn. Tschja. Normal is nich. Aufs Rad sind wir trotzdem. Anderswohin halt. Ins Hohenlohische. Wunderschön da – nur leider mit kaum Unterkünften unterwegs. Wild campen? Ja, wenn man in Schottland wär… Ist ne Supertour geworden, auch wenn‘s uns echt das Campen verleidet hat. Aber das ist nun doch ne andre Geschichte.

Begleitet haben uns bei alldem zwei —? Genau, zwei Krimis. Reiselektüre, wie wir das früher mit Kind immer hatten. Jeder ein neues Buch im Gepäck. Ich mochte, wie die oft per Zufall ausgewählten Lektüre unsere Sommer grundierte. Krimis waren das bei unseren ersten Radreisen nicht. Diesmal schon: Frankfurt Krimis von Sonja Rudorf, einer Frankfurter Autorin, in Frankfurt bei unserem Lieblingsweinladen gekauft.

Wer kriegt den ersten Band? Pat ist schneller. Aber, die Reihenfolge soll nicht so wichtig sein, versichert Sonja. Ich guck mir ja immer die erste Seite an, bevor ich ein Buch kaufe – als ich nach einer halben Stunde wieder aufsehe, ist das Licht körnig geworden. Die Tote heißt Vesna, wie mein altes Fahrrad. Serbische Prinzessin… Sagt eine Mutter abfällig über sie. Mütter. Was sind das für Wesen? Mädchenmütter dazu. Werden hier ein bisschen ausgelotet. Als Jungsmutter hat man da so seine Erfahrungen, aber die und ich kommen ja nicht vor. Dafür Casting Shows. Hoffen. Sich Preisgeben, Auftreten, Abgang und dann womöglich der Absturz. Wie schnell wirkt alles daneben. Wie peinlich, wenn man unsicher ist. Und jung. Der Welt etwas mitgeben, das ist Schreiben. Die Hauptakteurin sympathisch. Powerfrau. Alleinlebende vespafahrende Psychotherapeutin – groß und gerne bunt gekleidet -, die es liebt, Regeln zu übertreten. Tante eines der Mädchen, um die es im Buch geht. Der Tod ist gleich von Anfang an da, Liebe kommt…

Bei mir legt sich Shugak drüber. Was oder wer ist Wahrheit? Hat sie Unpässlichkeiten? Echt? Hier gehts jedenfalls um Werte wie in einem alten Western: Solidarität und Verrat, wie schnell bricht Vertrauen, wen treffen Urteile, Vorurteile… Zwischendrin denk ich: Ogott! Was’n Zickenkrieg! Was‘n Chaos. Alles wird ständig neu gemischt, verworfen, mitgerissen. Und die Gedichte der 14-Jährigen! Ich sag nur: Schmonzig. Aber… genauso ist sie ja, die Pubie-Zeit. Lieber tot als 13. Und doch. Letztlich sind sie ja brettehrlich, diese Jugendlichen. Auch hier im Frankfurtkrimi.

Den Vorläufer-Band, in dem die Psychotherapeutin Jona Hagen zur Private Eye wird, auf Umwegen ihr Ermittlerinnen-ich entdeckt, lese ich direkt nach unserer Reise. In dieser schönen, kleinen Zwischenzeit, in der man noch nicht ganz ankommen möchte, aber auch nicht mehr unterwegs ist… Genau richtig das. Herrlich, ganze Abende mit Lesen verbringen – und dabei völlig abtauchen.

Tauchen. Mit lauter schräger Figuren. Worum es geht? Die Basics: Tod und Liebe, Lüge und Verrat. Wem kann man trauen? Hagens Mitarbeiter wird niedergeschlagen, ringt mit dem Leben. Und sie? Findet lauter belastendes Material – und lässt es verschwinden. Ihr Job steht auf dem Spiel. Reitet sich gerade deswegen immer weiter rein, und versucht doch gleichzeitig eine Schneise durch das Dickicht von Lüge und Maskerade und zu reißen. Die Erzählfäden werden immer mehr verzwirbelt und verdichtet, die Spannung erhöht, bis Motiv und zuschlagender Mensch herausblitzen und endlich auch, was passiert ist.

Für beide Bücher gilt: Aufatmen gibs am Main, am Fluss, der ihnen gerne und stoisch das alles durchströmende Band gibt. Drive – Jep. Spannung – Jep. Die erste Seite und die letzten Kapitel kann man gar nicht so schnell lesen, wie‘s abgeht. Zwischendrin geht sicher noch was. Mehr verrate ich nicht.

Mehr? Noch ist ja alles offen. Jona Hagen ist sympathisch, aber ich lerne sie erst kennen. Anders als nach acht Shugak-Krimis weiß ich von der Protagonistin wenig, nicht mal so ganz genau, wie sie aussieht. Bitte gerne nachlegen, ja?! Bei mir hat der Plot natürlich Heimvorteil: Die Protagonisten bewegen sich nicht durch Lissabon, Duisburg oder Ystad, sondern, Ha! Durch Frankfurt! Sind da unterwegs, wo es uns vertraut ist. In „unseren“ Gärten, Brücken, Cafés. Der Main und die Frankfurter. Sogar unsere Straße, der Gebäudekomplex, in dem wir wohnen, kommen vor. Beschrieben übrigens als „Spießerhochburg“. Na, danke. Darüber müssen wir reden Sonja, am besten bei einem Espresso. Schwarz. Süß. Gerne mit Grappa. Sonja?! Der nächste bitte.
 

Dana Stabenows Kate Shugak-Reihe: Kaltes Feuer, Wenn das Eis bricht (Piper, nur noch antiquarisch). Less than a Treason (Gere Donovan Press, 2017)

Sonja Rudorf: Alleingang (2016), Stromaufwärts (2019), Societätsverlag Frankfurt/Main
 

 
 
 

Stoff für Fährtenleser #1: Het Prentenboek

9. September 2019 von Sylvia | 1 Kommentar

Das Jüngste im Trackerbuchregal – und gleich
auch eins meiner Meistgenutzten: Het Prentenboek. Trotz seines stolzen Gewichts von 866 Gramm (445 Seiten) durfte es sogar mit auf die Radtour Frankfurt-München. Dafür mussten dann eben zwei andere Feldführer zuhause bleiben… Das zeigt ja schon in aller Kürze, was ich von diesem Buch halte.

In jeder Hinsicht ein besonderer Band. Als er nach langem Warten (nicht einfach bei Amazon, sondern im holländischen Buchladen bestellt) endlich kam, war ich gleich gebannt. Sein großes Plus ist die Praxistiefe. Sobald ich es aufschlage, rieche ich Erde, feuchten Sand oder höre es knacken hinter mir. Krähenschreie. Bin drin – ah, draußen.

Die Autoren René Nauta und Aaldrik Pot geben profundes Trackerwissen weiter. Was nicht heißt, dass alles vorkommt, was man sich als Fährtenleserin vielleicht so wünscht, aber dann wäre – mit dem Anspruch und dem Vorgehen der beiden – das Ganze wohl sehr unhandlich. Nein, Fraßspuren oder andere Zeichen und Hinterlassenschaften sind hier nicht im Blick. Dafür aber die Fußabdrücke von Säugetieren, Vögeln, Amphibien, Reptilien, und einigen anderen Tieren um so genauer.

Sehr eindrücklich die Darstellung der Füße (jedes Tier!). Dazu Fotos von Abdrücken in Sand, Schnee, Matsche oder auf hartem Untergrund – und Zeichnungen (!) sowie Gegenüberstellungen des Bildmaterials mit den Abdrücken jener Tiere, die man draußen leicht miteinander verwechseln kann. Großartig. Darunter etwa die Fußabdrücke eines Wieselmännchens und eines Hermelinweibchens, die nahezu identisch aussehen. Beeindruckend auch das Bild von vier toten Mardern. Straßenverkehrsopfer, die wie die Orgelpfeifen aufgereiht wurden, Was sie prinzipiell verbindet und unterscheidet sieht man so auf einen Blick.

In meinem Hinterkopf höre ich die Leit-Stimmen von Axel (Trapp) und Simone (Roters) aus meiner Tracker-Ausbildung: Seid euch nicht zu sicher! Bleibt skeptisch! Bleibt offen! Setzt die Brille ab… Hugh. Hilft in jeder Lebenslage, aber beim Fährtensuchen ist es das A und O.

Offen bleiben. Jep. Offen für jede Art von Fußabdrücken, Trittsiegeln oder, niederländisch, „Prenten“. Ich mag das Buch, auch wegen der Art, wie die Autoren ihre Erfahrungen teilen und selbst Erlebtes erzählen. Geschichten sind das Salz von Traditionen – und das gilt auch fürs Tracken.

Die Autoren setzen auch scheinbar Nebensächliches so in Szene, dass ich trotz meines broken Netherlands als allererstes eine ganze Seite nur über den Abdruck einer Hundepfote lese. Hundespuren fand ich zu Anfang des Fährtenlesenlernens wenig spannend. Allerweltsspuren halt. Kennt man doch.

Ach? Ja? Als ob man etwas, nur weil es so vertraut scheint, wirklich kennt. Beschreib doch mal: Was siehst du? Wie sehen die Zehen genau aus? Alle gleich? Welche Form haben die Zehen, die Krallen, der Ballen? Kann man sehen, ob es ein rechter oder linker Fuß ist, Vorder- oder Hinterfuß? Und wenn ja, woran erkennt mans?

Das Motto des Autorenteams lautet: „Mach Draußen zu deinem Zuhause“. Oder genauer: „Maak buiten je thuis“. Und das ist der Haken, das Buch ist auf Niederländisch. Ich empfehle es trotzdem, denn allein die Bilder und Zeichnungen sind schon sehr aufschlussreich. Gut, ich kann ein klein bisschen Niederländisch. Den Rest reime ich mir zusammen oder übersetze. Wörterbücher habe ich sowohl analog wie digital (uitmuntend.de) immer zur Hand.

Nur eine Anmerkung: Mir fehlen teilweise die wissenschaftlichen, lateinischen Namen. Bei den meisten Tieren ist durch die Bilder völlig klar, welches gemeint ist, bei dem einen oder anderen Vogel ohne Bild aber, hätte ich gern die wissenschaftliche Bezeichnung, um ganz sicher sein zu können, dass wir dasselbe meinen.

Dasselbe gilt für die ebenfalls niederländischen Weylin Tracking Veldgids, spiralgebundene Feldführer für Fährtenleser, vom ebenfalls erfahrenen Tracker Jeroen Kloppenburg. Ich habe zwei von den dreien: Loopsporen (Trittsiegel und Fährten) und Uitwerpselen, (Losung und Gewölle). Alltagsfelderprobt. Allerdings scheiterte ich letzt am Bestimmen von Vogelfußabdrücken, die ich zusammen mit Trackerfreundin Simone gefunden hatte. Wir wussten nicht genau, wessen Anwesenheit wir da entdeckt hatten. Zu sehen war an diesem Tag nämlich keine Wasservogelseele. Bis zum Schluss, da winkten uns drei Kanadagänse Good bye. Aber die waren es definitiv nicht. Vielleicht ein Flussuferläufer?

Mit dem lateinischen Namen hätte ich ihn – auch offline und fern von zuhause – suchen können, den niederländischen kannte ich nicht. Sonst komme ich ja gut mit den niederländischen Büchern zurecht. Hab gelernt, dass “pink” der kleine Finger ist, “start” der Schwanz; dass Storch “Ooievaar” heißt und Kormoran “Aascholver”– aber “Flussuferläufer”? Jeroen?! Auch beim digitalen Diersporengids von Weylin fehlen mir manchmal die global verständlichen, wissenschaftlichen Bezeichnungen. Hulp!

Last but not least noch ein Wort zu den Bildern.
Schwieriges Thema, gerade bei dieser Art von Büchern, die oft eher „Beweisfotos“ haben, wie Pat sie nennt und hasst. Ich bin da nicht so streng, aber die Lust des Nutzens lebt, ganz klar, auch für mich von kluger Bildsprache und von Bildästhetik.

Jeroens Veldgids sind da super. Die Zeichnungen stark und prägnant, die Fotos ebenso. Von mir Plusplus. Plusplus auch für “Het Prentenboek”. Bilder und Texte sind nicht von hier und da, sondern aus einer Hand (manche Fotos würde ich knackiger bearbeiten, aber pfh..).

Draußen zuhause mit Hirn inside. Find ich gut.
 
René Nauta, Aaldrik Pot: Het Prentenboek
EXTRA/Kleine Uil 2019, 39 Euro

weylin veldgids: #1 loopsporen /
#2 uitwerpselen
(bald auch auf englisch)
Weylin Tracking, je 12,50 Euro

 
 
 

Buchkritik – Hiltrud Enders: Freude am Sehen

7. Februar 2019 von Sylvia | Keine Kommentare

© Hiltrud Enders


 
Sollte man das Buch lesen? Ja. Bringt es neue Erkenntnisse? Nein, aber das muss es ja auch nicht. Impulse sind immer gut – ganz gleich, ob sie aus dem Archiv eines Wissenspools stammen oder ob dieses Wissen neu und mit eigenen Erkenntnissen aufbereitet wird. Das mal ultrakurz vorweg.

„Freude am Sehen“ vermittelt altes Wissen, gepaart praxiserprobter eigener Erfahrung. Entstanden ist das Buch aus Workshops heraus, in denen Hiltrud Enders die Praxisanwendung von Miksang (tibetisch für gereinigtes Auge) vermittelt. Diese noch junge Schule kontemplativer Fotografie steht für eine Mischung aus Meditation plus Achtsamkeit plus Kamera.

Bücher über Foto-Technik oder Bildgestaltung gibt es viele. Aber nur sehr wenige über die Auseinandersetzung mit dem Medium an sich und der Haltung, der persönlichen Einstellung, die Menschen voran bringen kann beim Fotografieren. Wenige wie dieses also. Wir waren neugierig. Hier erstmml ein Dankeschön an den dpunkt.Verlag, denn der macht immer wieder solche Bücher.

Pluspunkte bekommt das neue auf jeden Fall, weil es (uns) Stoff zur Diskussion liefert. Zwei Menschen, zwei Lesarten = eine Rezension:

P: (bevor das Buch bei uns war): Ich habs mir im Internet angeguckt – die Bilder sehen ziemlich langweilig aus.
S: (nach dem Auspacken, guckt sofort rein): Da sind schöne Bilder drin! Einige gefallen mir sogar sehr gut, die minimalistische Mauer, die Hände auf der Tischdecke, auf der man Hände anschauen kann, das Katzenbild im Wasser oder das Bild von zwei Männerbeinen in einer schwarz-weiß-rot gemusterten Stoffhose, African style, vor Kacheln mit Bildchen in Delfter Blau, Netherlands style.

Ihre Art zu fotografieren spricht mich an. Alltagspoesie. Ein Titel, der eines ihrer Kapitel sehr schön trägt. Manche ihrer Bilder könnte ich gemacht haben – das Mauerbild etwa, auch einige der anderen, etwa die Zweige vor einer Mauer oder der Zaun, unterlegt von seinem eigenen Schatten, hätte ich auch gemacht, aber gelöscht. Hat nicht geklappt, sagt P in solchen Fällen trocken – und weg.

PS: Richtig langweilig aber ist, da sind wir uns einig, das Titelbild. Wir haben ein Rezensionsexemplar erhalten. Dem Titel nach hätten wir das Buch nicht gekauft.

Dabei ist doch „Frische“ der rote Faden dieses Buchs. Frisch zu schauen, ohne Filter im Kopf oder in der Bearbeitung. Ruhig werden. Still, dem Denkfluss Einhalt gebieten: Nichts wollen, nichts müssen, nur schauen – und dann Klick. Das sind wir ganz bei ihr.

S: Ich folge ihr auch bei manchen Übungen gerne. Es schadet nicht, Neues auszuprobieren um das Staunen frisch zu halten. Einige davon zielen darauf, Gewohnheiten zu erkennen – und sie sich vom Leib zu halten. Das Miksang-Grundrezept: „Tue nichts! Setze dich zehn Minuten an einen Ort deiner Wahl und tue nichts.“ Telefon aus, alle Sinne auf Empfang, „aber forsche nicht nach außen. Wiederhole diese Übung täglich.”

P: Legt den Finger auf Seite 108, wo Hiltrud Enders ihre Miksang-Lehrerin Julie DuBose zitiert: „Du kannst nicht denken und sehen gleichzeitig.“ Kann man gar nicht oft genug sagen, so richtig ist das.

© Hiltrud Enders


 
Zum Thema Meditationsübungen und Fotografie habe ich doch schon mal was gelesen? P sucht mir das Vorläuferbuch heraus: Torsten Andreas Hoffmanns „Fotografie als Meditation.“ Er meditierte auf seinem Hausberg und mit offenen Augen. Dauer: 20 Minuten. Und erst wenn der Geist ganz leer ist, solle man Fotos machen. Das Buch ist fünf Jahre alt (mittlerweile in der 2. Auflage). Es kommt mir dichter vor, ist genauso Lehrbuch, birgt ebensoviel Selbst-Erfahrenes, ist aber weniger dozierend. Ich weiß noch, dass ich damals dachte, es hätte dem Buch gutgetan, wären weniger seiner großartigen Fotos ausgewählt worden und die größer gedruckt.

Genau das ist bei Hiltrud Enders geschehen. Bei ihr wiederum würde ich manchen Text kürzen… Ich lese mich (bei beiden) immer da fest, wo ich nicht als zu Belehrende angesprochen werde, sondern als wissbegieriger Mitmensch.

Nur um das klar zustellen: Wer je meditiert oder Yoga gemacht hat, weiß, dass Meditieren (wie und wo auch immer man‘s macht) was bringt. Beste Strategie, den Kopf frei zu bekommen. Frei vom schizophrenen Dauergeplärr innen und außen. Frei vom Rauschen, das sonst immer mitläuft, auch wenn man Ruhe will.
Als Miksang-Trainerin betont Enders: Ohne den meditativen Aspekt sei Fotografie nicht kontemplativ. Auch das Manipulieren, nachträglich Bearbeiten oder Bilder in besondere Kontexte stellen, um sie aussagekräftiger zu machen – all das sei nicht Sache der kontemplativen Fotografie. Also: Nicht denken, keine Farbe verändern. Die Welt so sehen wie sie ist.

S: Keine Manipulationen? Gleichzeitig empfiehlt sie, jedes misslungene Bild genau zu analysieren – lags am Weißabgleich, an falsche Blende, Zeit oder unpassender ISO? Und sie sagt, dass jedes Bild schon vorher im Kopf entsteht. Jepp. Und dass es nicht geklappt hat, wenn man anderen oder auch sich selbst erklären muss, was es eigentlich beinhaltet.

P: Aber, die Welt sehen, wie sie ist? Wenn wir beide Fotos machen, am selben Ort von derselben Situation werden wir zwei unterschiedliche Bilder haben. Gut so. Und niemand wird an diesen Bildern ablesen können, wie die Welt wirklich ist. Oder gar die Farben. Völlig unbearbeitete Bilder? Das hat es doch auch in analogen Zeiten nie gegeben. Im Gegenteil, die waren noch viel mehr bearbeitet als heute. Und schau dir mal die Farben auf manchen ihrer Bilder an – schrecklich!
S. Du meinst sicher die pinken. Finde ich okay.

P: Sie kann nicht schreiben.
S: Es gibt einige Seiten, die ich überblättere. Seiten, wo ich als Leserin in Mithaftung genommen werde, etwa durch kollektives „wir tun dieses“ oder „uns bewegt jenes“ Mag ich in keinem Text. Genauso wenig wie durchoptimierte Train-the-Trainer-Schreibe. Da bin ich raus.
Will mich nicht vorm Lernen drücken oder gegen Übungen stänkern. Manches muss man ja einfach reinpauken. Aber am überzeugendsten und frischesten finden wir die Autorin, wo sie den Trainer-Job hinter sich lässt. Wo sie nicht doziert, oder Workshop-Folien kopiert, sondern einfach erzählt. Beispiele prägen sich einfach besser ein als Merksätze. Etwa das von der Beerdigung, wo Enders als einzige Weiße inmitten einer Trauergemeinde plötzlich nicht mehr wusste, wie man sich richtig verhält. Und so beschäftigt war mit sich selbst, dass sie darüber ihre Freundin gar nicht sah. Bis sie sich entspannte.

Achtsamkeit gilt ihr denn auch als wichtigster Augenöffner. Sie weiß, dass sie hier einen übernutzten Begriff hat, der „oft mit einer romantischen Note ausgestattet“ sei. Und betont, Achtsamkeit sei viel mehr. Es könne durchaus „radikaler machen, politischer – oder hilfsbereiter.“ Je nachdem, wer sich in welche Situation intensiv hineinlehnt.

S: Sie erwähnt, dass manche ihrer Workshop-Teilnehmenden ihr sagen, sie brauchten die Übungen nicht, weil sie schon so arbeiten. Das würde ich vielleicht auch sagen. Denn: Fotografie hat mich gerettet. Als mir alles über war. Alles schon mal gehört und gesehn. Fotografie ist für mich immer pures Sein, Fokus-Fokus-Fokus.
PS: Ich kann nur unterstreichen, was sie empfiehlt: die Kamera immer dabei zu haben. Ich die große, Pat die kleine. PS: Den Alltag einzuteilen in Zeit für Pflicht, und Zeit für Sehen sei der falsche Ansatz – hier sind wir voll bei ihr. P hat immer Zeit eingefordert. Fotografie ist seine Lebensform.

Es gibt viele Zitate im Buch, meist in großer Schrift und über eine ganze Seite gezogen. Darunter das immer wieder goldrichtige von Henry Ford – „If you always do what you you’ve always done, you always get what you always got“.

© Hiltrud Enders


 
Solche Aphorismen würzen die puren Begebenheiten, aus denen die Autorin persönliche Erkenntnisse zog, die zu ihrer fotografischen Persönlichkeitsentwicklung beigetragen haben. Und über die sie klar die Linien ihres roten Fadens spannt. Sie hat viele Ideen, wie man dorthin kommt, im richtigen Augenblick so präsent zu sein, dass es genau dann Klick macht, wenn ein gutes Bild entstehen kann.

Hier muss natürlich auch der große Henri Cartier-Bresson zu Wort kommen: „You just have to live and life will give you pictures.” P verschwindet in unserem Bücherarchiv. Und wir sind beide überrascht, wie zeitlos das ist, was HCB seinen Bildern als Vorwort mitgibt. Zwei Sätze daraus bergen alles, was man wissen muss: „Photographieren heißt den Atem anhalten, wenn sich angesichts der flüchtigen Wirklichkeit alle unsere Fähigkeiten vereinigen. Das Einfangen des Bilds in diesem Augenblick bereitet physische und geistige Freude. (Henri Cartier-Bresson, Rogner und Bernhard Verlag 1978)

Lehrsprüche dagegen, wie jene der tibetischen oder indischen Meister oder des Miksang-Begründers Michael Wood, kommen bei mir an wie abgelutschte Gummibärchen. Mag ich nicht. Zwei andere dagegen sind Superfood fürs Sinnes-Hirn: „Ich bin da, mein Herz schlägt“ – Simone de Beauvoir – und „I just want to feel as much as I can, it‘s all what soul is about“ – die unglaubliche Janis Joplin. Soo gut, dass ausgerechnet sie das Schlusswort hat. Yess! Also: frisch und frei: Lest das Buch, meditiert, diskutiert – und Klick!
 

Hiltrud Enders: Freude am Sehen –
Kontemplative Fotografie
dpunkt.verlag, Heidelberg 2018, 216 Seiten, 29,90 Euro


 
 
 

Gelesen: Restlaufzeit und Sterblich sein

14. November 2017 von Sylvia | Keine Kommentare

Kein Zufall, dass „Sterblichsein“ von Atul Gawande und „Restlaufzeit“ von Hajo Schumacher gerade jetzt bei mir aufeinandertreffen – beide sind ein Plädoyer für Selbstbestimmtheit und würdevolles Leben im Alter. Themen, die uns durch eigene Erfahrungen gerade sehr stark berühren.

Das Buch Sterblich sein habe ich vor zwei Jahren im Vorfeld der Buchmesse aus der Vorankündigung des Fischer-Verlags gepickt und mir als Rezensionsexemplar schicken lassen. Restlaufzeit wurde mir etwa zur selben Zeit von einer Redakteurin empfohlen. Gekauft habe ich es vor einigen Wochen. Kommt mir vor, als wäre das Jahre her. Pats Mutter lag im Sterben. Wir haben sie erst vor kurzem beerdigt.

Die zweite aus unserer nahen Verwandtschaft in diesem Jahr. Und wir begleiten eine dritte, die so schwer krank ist, dass wir im Februar glaubten, sie würde den Sommer nicht erleben. Solche Erfahrungen verändern Perspektiven und werfen Fragen auf: Wie viel muss man machen und was muss man lassen, wann loslassen? Wo sind die Grenzpunkte der pflegerischen Für- und der medizinischen Versorge? An diesen Punkten wird es ja erst anspannend und aufreibend. Wir brauchen neue Pflegekulturen in den Krankenhäusern und Heimen schreibt Gawande – und Schumacher suchte neue Kulturen für den Alltag des frühen wie späten Alterns.

Auch wir wollen mal nicht in einem der gängigen „Altenheime“ leben. Auch nicht, wenn sie „Wohnpark Fischer“, „Rhein-Neckar-Residenz“ oder „Miriam-Müller-Haus“ heißen. Alternative Modelle gibt es, aber welche passt und wann fängt man an, sich umzuschauen oder gegebenenfalls selbst was auf die Beine zu stellen?

In Restlaufzeit glaubt Hajo Schumacher: „Während die Kriegsteilnehmer mit großem Phlegma über sich ergehen ließen, was Staat und Gesellschaft und Generalität vorsahen, werden die Selbstverwirklichungsprofis ihr Restleben entschlossen in die Hand nehmen. Klar, wir gruseln uns gerne über apokalyptische Prognosen. Aber wir haben auch die Erfahrung gemacht: Anpacken hilft.“ Mit „wir“ und „Selbstverwirklichungsprofis“ sind die Babyboomer gemeint. Anfangs spricht er dezidiert die 1964er an, zu denen er selbst gehört. Schon bald werde es Fortbildungen über „‘kreatives Altern‘, ‚fröhliches Altern‘, ‚sinnhaftes Altern‘ und ‚erfolgreiches Altern‘ geben.“

Mehr? Klick!

 

Ferienlesestoff: Eddi Error von Anne Böhme

4. Juli 2017 von Sylvia | Keine Kommentare

Die erste Buchkritik war vernichtend: „Das muss alles neu geschrieben werden, man versteht ja gar nichts.“ Und ja, tatsächlich müsste das Buch komplett überarbeitet werden, richtete es sich an Kinder wie den vierjährigen Neffen der Autorin, dem daraus vorgelesen wurde.

Ja, eine Insiderinfo – und ja, ich gestehe, ich bin befangen: die Autorin ist mir nicht fremd. Habs mir trotzdem vorgenommen. Was ich bei Verrissgefahr bei Freunden wie Kunden eher umgehe. Doch, auch wenn Kritiker natürlich alles anders machen würden, und ich manchmal ganz gerne was verreiße, hier wars nicht nötig. Dazu (wieder mal) mein Lieblingszitat vom Godfather of Buchkritik Reich-Ranicki: „Liebe und Tod, alles andere ist Mumpitz!” Hier geht es eindeutig um Liebe. Zum Leben, den Kindern, der Familie – der Tod (der Robotertod) wird indes nur kurz gestreift. Geschrieben wurde der Kinderroman für ab Sechsjährige, doch auch für ab 30-Jährige ist er gerade richtig dick, kuddelmuddelig und fesselnd.

Für Leseanfänger gibt es durchaus Herausforderungen. Das Schlangenwort Aufräumroboter etwa ist zu bewältigen. Mit zunehmendem Geschichtsfaden wird das immer leichter fallen, denn es geht um eine traumhafte Sache: eine künstliche Intelligenz, die zum Familienmitglied wird. Zum Superkind sozusagen – oder viel mehr: zum Superkumpel.

Eddi Error ist genau das. Wie ein Haustier, nur dass er nicht auf den Boden pinkelt oder haart, höchstens mal Ölflecken produziert – und auch noch von den Kindern der Buchfamilie, Niels und seiner älteren Schwester Jule, lernt. Natürlich sind genau das oft die Stellen, an denen man sich auch als 30plus-Leser schlapp lacht. Etwa, wenn die Eltern einkaufen sind, und die Kinder in der Zwischenzeit die Küche aufräumen sollen. Zu dritt macht das gleich viel mehr Spaß, also wirft irgendwann Jule beschwingt einen Lappen quer durch Küche in die Spüle. Das checkt Eddi sofort als neu Gelerntes ein – und wirft ebenso schwungvoll die Teller hinterher…. Oioioi, schnell raus aus der Küche!

Klar, dass Mama dann gleich die die Nase voll hat von diesem blöden Ding: Krümel an den Füßen und auch noch Scherben auf dem Fußboden – toller Aufräumroboter, der mehr Arbeit macht als wegschafft. Als sie fertig ist mit Schimpfen sitzt Eddi am Boden, zischt – und trifft Mamas Herz. Kränken wollte sie ihn ja nun auch nicht…

Eddi ist Fiktion, aber er hat Vorbilder. In Wien wuselte vor zwei Jahre testhalber der Aufräumroboter Kenny durch einen Kindergarten. Macht Sinn. Denn: das größte Chaos herrscht im Kinderzimmer. Manchmal wächst es auch darüber hinaus, wie jedes Elternpaar auch ohne Forschung weiß.

Anne Böhme schreibt über Dinge, die Geschichten in sich haben. Sie entwirft eine Welt voller lebendig-liebenswerter Figuren – wie Araad, den Freund von Niels, die Flohmarkthändler Ilse und Otto, oder den Erfinder Lopez. Eine Welt, die aber nicht lieblich, und nicht ohne Gefahren und von Susanne Göhlich wunderbar illustriert ist. Fein für weit Unter-30-Jährige ist natürlich, dass es meist die Kinder sind, die darin die zündenden Ideen haben.

Da der Roboter auf verschlungenen Wegen in die Familie kam, ist das 192 Seiten starke Buch auch ein Krimi, weshalb die Herkunft des blechernen Kerlchens hier nicht verraten wird. Jedenfalls nicht die im Buch. Die im wirklichen Leben stammt mitten aus der wirklichen Familie der Autorin – ihr Sohn Ben hat ihn als erster gezeichnet. Die gelben Lampenantennenkugeln, seine Idee. Tatsächlich hat Eddi Error eine Weile in der Familie gelebt, bevor er dann ins Buch ging. Das weiß ich aus sicherer Quelle: von der Autorin. Kurz: feiner Sommerferienlesestoff!

 
 

Anne Boehme: Eddi Error – Unser Roboter krempelt alles um.
(Illustration: Susanne Göhlich)
Thienemann−Esslinger, Stuttgart
192 S, 14,99 Euro
 
 

Rezension: Vogelfotografie, die zweite

13. November 2016 von Sylvia | Keine Kommentare

Naturfotografie ist Sport
 
Wir waren ziemlich nah dran dieses Jahr: der GDT Wettbewerb um den Preis für den Europäischen Naturfotografen ist wie jedes Jahr die Herausforderung – und der Katalog wie jedes Jahr die Sammlung atemberaubender Fotos. Leider ohne uns. Aber, wir waren immerhin nominiert – und Wettbewerbsleiter Marc Hesse hat jenen aus dieser in der Leider-im-Finale-ausgeschieden-Mail versichert, darauf könnt ihr durchaus stolz sein. Sind wir.

Und haben den Katalog geordert, wo wir neidlos Bilder bewundern wie das vom „Tanz unter den Sternen“ der Maifliege an der Donau (Imre Potyó), das von der schützenden Hand der Affenmutter auf dem Kopf ihres Babys “Schutz” (Alain Mafart Renodier) oder vom „Atemzug“ in der Polarnacht von Audun Rikardsen, dem Gesamtsieger. Auch dieses Jahr zeugt die Auswahl vom kreativen Potenzial der Tier- und Naturfotografie – und von der Offenheit der Jury. Auch politisch anklagende Bilder sind wieder darin. Eine wie ans Kreuz genagelte Rabenkrähe brennt in mir nach, zum Luftholen die Wildwechselbrücke. Und dann wieder zum Verrücktwerden ein mit der Säge abgetrenntes Nashorn, diesmal von Bence Máté festgehalten, den wir als Mitautor des Handbuchs Vogelfotografie kennen. Zu gerne würde ich dieser Jury mal angehören, um die eingehende Bildervielfalt zu sichten und darüber zu diskutieren.

Gute Drehbücher schreiben lerne man durch Lesen guter Bücher, legte Akira Kurosawa seinen Schülern nahe. Analog dazu ist für gute Fotos das Betrachten guter Fotos in Ausstellungen sicher ein Punkt, doch Foto-Bücher mit coolem Know-how sind darüber hinaus Grundnahrung für visuelle Hirne. Deshalb hier wieder ein Buch zum Thema. Diesmal: „Vogelfotografie“ von Mario Müller, das uns der mitp-Verlag nach der Rezension des Handbuchs Vogelfotografie zugeschickt hat. Schon mal kurz vorweg: es lohnt sich.

Lernen oder Nachlesen kann man bei Müller neben den Basics wie, welche ISO/Blende/Brennweite wann am besten passen, seiner Empfehlung praktischer Ausrüstungsgegenstände auch viel über das Leben und Verhalten von Vögeln – oder wie man sich ihnen nähert, ohne sie verscheuchen. Eine Grundempfehlung lautet: „Suchen Sie sich ein lohnendes Gebiet in ihrer direkten Umgebung und bearbeiten Sie es intensiv fotografisch. … Gehen Sie immer wieder zur selben Stelle oder derselben Vogelkolonie und fotografieren sie immer wieder.“ Außerdem empfiehlt er, sich langsam von den bekannten Vögeln der Umgebung zu den weniger bekannten vorzuarbeiten. Ein bodenständiges Grundrezept. Nur dass das kilo- und euroschwere 500er Objektiv, bei fast jedem abgebildeten Foto zum Einsatz kam, passt nicht zu diesen sympathisch unabgehobenen Tipps.

Ursprünglich ist Mario Müller Biologe und Ornithologe und arbeitet als Vogelschutzwart in Nordvorpommern-Rügen. Dort vermietet er auch Hütten, aus deren Tarnung heraus man großartige Fotos etwa von Adlern machen kann. Noch näher kommen sie, wenn man sie durch Futter anlockt, wie Müller zeigt. Mittlerweile ist dies ein eigenes, weitverbreitetes Business-Modell. Positiv daran sei, dass es den Vogelpopulationen zugute kommt, weil sich dadurch die Zahl der fotografierenden Störer verringert. Der GDT-Fotograf mahnt allerdings, derart entstandene Fotos ehrlicherweise als Nicht-Naturfotos zu kennzeichnen. Hüttenfotos sind nun gar nicht unser Ding, zumal es mittlerweile von Vogelfotografie-Reisen- und Hütten-Anbietern ebenso wimmelt wie von dort entstandenden „spektakulären“ Bildern.

Des Autors besonderer Trick ist es, sich seinen Motiven auf Augenhöhe zu nähern, was es nicht selten erforderlich macht, sie bäuchlings anzurobben oder sich sonstwie platt auf den Boden zu legen – mit bemerkenswerten Ergebnissen – das so entstandene Goldregenpfeifer-Foto ist superb. Da die Perspektive vom Boden aus auch zu meinen bevorzugten Blickwinkeln gehört (siehe oben – auf allen Vieren für eine Schnecke), habe ich immer ein Sitzkissen in Fahrradtasche oder Fotorucksack. Neuester Tipp aus dem Video eines Mind-Shift Fotorucksacknutzers: dafür eine Zeltunterlage zu nutzen. Geniale Idee, die kann man sich zurechtschneiden, ist leicht und nimmt zusammengerollt nicht viel Platz weg.

Einen Minuspunkt erhält bei uns die Buchgestaltung. Es sind viele sehr schöne Bilder in diesem Band, nur: Sie kommen nicht zur Geltung. Besser ein großes auf einer Seite (zum Reinknien und Aufsaugen sozusagen), als fünf kleine, um vorher-/nachher-Situationen zu verdeutlichen. Also: Weniger Bildband, als Sachbuch, aber gut geeignet für Outdoor-Fotojäger und -sammler wie uns.
 

Cover GDT Katalog 2016Katalog des GDT-Wettbewerbs:
Europäischer Naturfotograf des Jahres 2016
und Fritz Pölking Preis 2016
Tecklenborg Verlag, Steinfurt, 156 Seiten, 22 Euro.


97839584501346Mario Müller: Vogelfotografie
mitp-Verlag, Frechen, 256 Seiten, 29,99 Euro.


 
 

Rezeption: 2 x Vogelfotografie

9. August 2016 von Sylvia | Keine Kommentare

Cover Vogelfotografie
 
Sswüi Szwüi… Psst! Ein Grünfink… Wie eine Tänzerin in Zeitlupe schiebe ich mich aus dem Sichtfeld des Vogels, der auf unserem Balkon Kerne aus einer Sonnenblumen zupft. Leise, leise die Kamera holen. Und weil nix vorbereitet ist (dammich!), ebenso leise das Objektiv wechseln und noch viel leiser, das Fotoversteck in unserem Schlafzimmer beziehen. Klack-klack! Weg isser.
Ja, ja, ich weiß schon: eine Kamera sollte immer griff- (und einsatz-)bereit sein – so lautet einer der simpleren Leitsätze aus dem Handbuch der Vogelfotografie. Doch das Simple ist ja meist das Schwierigste, das wissen auch die Autoren Markus Varesvuo, Jari Peltomäki und Bence Máté. Drei echte Cracks in Sachen Vogelfotografie. Sie leben davon. Varesavuo hat sich auf Winter und Action spezialisiert, Peltomäki auf Eulen – und Máté hat das Vorbereiten von Tarnhöhlen oder -hütten zu Wasser zu Lande und in der Luft zu seiner hohen Kunst gemacht. Was alle eint sind atem-be-raubende Fotos.

Da sie in diesem Buch sowohl ihr Profi-Wissen als auch die Ergebnisse teilen, ist das „Handbuch“ aufregender Fotoband und anregendes Lehrbuch (Fotografie plus Ornithologie) in einem. Außerdem empfehlen sie besondere Orte für besondere Beobachtungsmöglichkeiten von Norwegen über Israel bis New Mexico. Doennch spielen die Autoren nicht nur die Lock-Karte besonders exotischer Tiere und Orte, sondern zeigen: Auch in einem Park in London kann man beeindruckende Fotos machen. Solche Bilder aber, auch gute, gebe es massenhaft – also müsse sich etwas einfallen lassen, wer das Besondere möchte. Zu meinen Lieblings-Beispielen gehört das Bild eines Vollmonds mit einem Zug Enten davor, die winzig wirken, wie Perlen an einer Schnur. Oder jenes, auf dem Grünfinken im Flug ein verwischtes, zartes Muster ergeben, sowie das Foto eines Fischadlers, auf dem fast nur dessen Schwanzfedern zu sehen sind und – erst auf den zweiten Blick – ein Fischkopf!

Auch das Thorshühnchen mag ich, das von rotschimmerndem Wasser gerahmt wird. Es blieb mir in Erinnerung, weil die schöne Farbe, die das Bild prägt, aus einer ziemlich unspektakulären Quelle stammt: Der Begleiter des Fotografen Markus Varesvuo hatte eine knallrote Jacke an, die sich im Wasser spiegelte…
Entscheidend sei übrigens weniger das Equipment als die Hingabe. Also die Zeit die man bereit ist aufzuwenden, inklusive dem Wissen, das man bereit ist, sich über den Ort sowie die zu beobachtenden Tiere anzueignen. Weiterer Tipp: nicht zu den Hotspots der Beobachtung gehen, denn dort treffe man meist viele Hobby-Ornithologen, die Vogelfotografen per se unterstellen, alles kaputt zu machen…

Der teils wirklich rüpelhafte Umgang mit Natur, die teils wirklich krasse Einengung der Lebensräume, die daraus resultierende Notwendigkeit von Naturschutz – alles krass wichtige Themen, die angesprochen werden, aber neu sind sie nicht. Das zeigt das alte, schwarz-weiße Pendant zum Handbuch: Mit Kajak und Kamera von Emil Sonnemann und Kurt Gentz. Mein Vater bekam es 1949 zu Weihnachten geschenkt. Nur ein Farbdruck ist drin, alle anderen Fotos sind schwarz-weiß. In Sachen Anpirschen, Naturschutz und Versteckebauen waren diese Autoren ebenso findig wie ihre modernen Kollegen. Die technischen Möglichkeiten hatten sie damals natürlich noch nicht, aber die Hingabe war dieselbe: „Stundenlang kann man an so einem Maimorgen im Grase liegen…“ oder Das Habicht-„Weibchen kümmerte sich mit rührender Zärtlichkeit um Jungen“. Leider wurden nach 25 Tagen dieser Beobachtung die Jungen vom Förster aus dem Nest geworfen und getötet, weil der um sein Geflügel bangte. Ist es zu fassen?

Als Versteck nutzten sie ein Boot und sogar einen aus Pappe gebastelten Ochsen… Dazu derselbe Tipp, den auch die Autoren des aktuellen Handbuchs parat halten: Das Versteck zu zweit aufsuchen. Wenn der zweite weggeht, wähnen sich die Vögel wieder allein, weil sie nicht mitzählen.

Diestelfink go!
 

Dsssiii, Dssiii. Pssst Ein Distelfink! Ich schlängele mich wieder durchs Sichtfeld, schlüpfe in unser Spätsommerversteck mit idealem Blick auf den Sonnenblumenkernliebhaber. Tief durchatmen, Menüknopf auf „C“ drehen (Vogeleinstellung), die von den Profis empfohlene Schnellschuss-Einstellung: Blende 5.6, 500stel Verschlusszeit sowie automatisch berechnete ISO-Zahl ist hier gespeichert. Klacklack! er spaltete ungerührt seine Kerne. Klack-klack! Hab dich!

 
 

Markus Varesvuo / Jari Peltomäki / Bence Máté:
Handbuch der Vogelfotografie
dpunkt.verlag Heidelberg, 44,90 Euro

 
 

30. März 2016
von Sylvia
Keine Kommentare

Gelesen: Dschihad – made in Europe

Was treibt eine ganze Generation junger Menschen, die in westeuropäischen Ländern aufgewachsen sind, in die Fänge radikal-islamischer Scharlatane? Warum werden vermeintlich sanfte Jungs zu Selbstmordattentätern? Weshalb greifen Mädchen, die eben noch im Tattoo-Studio waren, zum Ganzkörperschleier? Zwei aktuelle Veröffentlichungen widmen … Weiterlesen