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Stoff für Fährtenleser #1: Het Prentenboek

9. September 2019 von Sylvia | Keine Kommentare

Das Jüngste im Trackerbuchregal – und gleich
auch eins meiner Meistgenutzten: Het Prentenboek. Trotz seines stolzen Gewichts von 866 Gramm (445 Seiten) durfte es sogar mit auf die Radtour Frankfurt-München. Dafür mussten dann eben zwei andere Feldführer zuhause bleiben… Das zeigt ja schon in aller Kürze, was ich von diesem Buch halte.

In jeder Hinsicht ein besonderer Band. Als er nach langem Warten (nicht einfach bei Amazon, sondern im holländischen Buchladen bestellt) endlich kam, war ich gleich gebannt. Sein großes Plus ist die Praxistiefe. Sobald ich es aufschlage, rieche ich Erde, feuchten Sand oder höre es knacken hinter mir. Krähenschreie. Bin drin – ah, draußen.

Die Autoren René Nauta und Aaldrik Pot geben profundes Trackerwissen weiter. Was nicht heißt, dass alles vorkommt, was man sich als Fährtenleserin vielleicht so wünscht, aber dann wäre – mit dem Anspruch und dem Vorgehen der beiden – das Ganze wohl sehr unhandlich. Nein, Fraßspuren oder andere Zeichen und Hinterlassenschaften sind hier nicht im Blick. Dafür aber die Fußabdrücke von Säugetieren, Vögeln, Amphibien, Reptilien, und einigen anderen Tieren um so genauer.

Sehr eindrücklich die Darstellung der Füße (jedes Tier!). Dazu Fotos von Abdrücken in Sand, Schnee, Matsche oder auf hartem Untergrund – und Zeichnungen (!) sowie Gegenüberstellungen des Bildmaterials mit den Abdrücken jener Tiere, die man draußen leicht miteinander verwechseln kann. Großartig. Darunter etwa die Fußabdrücke eines Wieselmännchens und eines Hermelinweibchens, die nahezu identisch aussehen. Beeindruckend auch das Bild von vier toten Mardern. Straßenverkehrsopfer, die wie die Orgelpfeifen aufgereiht wurden, Was sie prinzipiell verbindet und unterscheidet sieht man so auf einen Blick.

In meinem Hinterkopf höre ich die Leit-Stimmen von Axel (Trapp) und Simone (Roters) aus meiner Tracker-Ausbildung: Seid euch nicht zu sicher! Bleibt skeptisch! Bleibt offen! Setzt die Brille ab… Hugh. Hilft in jeder Lebenslage, aber beim Fährtensuchen ist es das A und O.

Offen bleiben. Jep. Offen für jede Art von Fußabdrücken, Trittsiegeln oder, niederländisch, „Prenten“. Ich mag das Buch, auch wegen der Art, wie die Autoren ihre Erfahrungen teilen und selbst Erlebtes erzählen. Geschichten sind das Salz von Traditionen – und das gilt auch fürs Tracken.

Die Autoren setzen auch scheinbar Nebensächliches so in Szene, dass ich trotz meines broken Netherlands als allererstes eine ganze Seite nur über den Abdruck einer Hundepfote lese. Hundespuren fand ich zu Anfang des Fährtenlesenlernens wenig spannend. Allerweltsspuren halt. Kennt man doch.

Ach? Ja? Als ob man etwas, nur weil es so vertraut scheint, wirklich kennt. Beschreib doch mal: Was siehst du? Wie sehen die Zehen genau aus? Alle gleich? Welche Form haben die Zehen, die Krallen, der Ballen? Kann man sehen, ob es ein rechter oder linker Fuß ist, Vorder- oder Hinterfuß? Und wenn ja, woran erkennt mans?

Das Motto des Autorenteams lautet: „Mach Draußen zu deinem Zuhause“. Oder genauer: „Maak buiten je thuis“. Und das ist der Haken, das Buch ist auf Niederländisch. Ich empfehle es trotzdem, denn allein die Bilder und Zeichnungen sind schon sehr aufschlussreich. Gut, ich kann ein klein bisschen Niederländisch. Den Rest reime ich mir zusammen oder übersetze. Wörterbücher habe ich sowohl analog wie digital (uitmuntend.de) immer zur Hand.

Nur eine Anmerkung: Mir fehlen teilweise die wissenschaftlichen, lateinischen Namen. Bei den meisten Tieren ist durch die Bilder völlig klar, welches gemeint ist, bei dem einen oder anderen Vogel ohne Bild aber, hätte ich gern die wissenschaftliche Bezeichnung, um ganz sicher sein zu können, dass wir dasselbe meinen.

Dasselbe gilt für die ebenfalls niederländischen Weylin Tracking Veldgids, spiralgebundene Feldführer für Fährtenleser, vom ebenfalls erfahrenen Tracker Jeroen Kloppenburg. Ich habe zwei von den dreien: Loopsporen (Trittsiegel und Fährten) und Uitwerpselen, (Losung und Gewölle). Alltagsfelderprobt. Allerdings scheiterte ich letzt am Bestimmen von Vogelfußabdrücken, die ich zusammen mit Trackerfreundin Simone gefunden hatte. Wir wussten nicht genau, wessen Anwesenheit wir da entdeckt hatten. Zu sehen war an diesem Tag nämlich keine Wasservogelseele. Bis zum Schluss, da winkten uns drei Kanadagänse Good bye. Aber die waren es definitiv nicht. Vielleicht ein Flussuferläufer?

Mit dem lateinischen Namen hätte ich ihn – auch offline und fern von zuhause – suchen können, den niederländischen kannte ich nicht. Sonst komme ich ja gut mit den niederländischen Büchern zurecht. Hab gelernt, dass “pink” der kleine Finger ist, “start” der Schwanz; dass Storch “Ooievaar” heißt und Kormoran “Aascholver”– aber “Flussuferläufer”? Jeroen?! Auch beim digitalen Diersporengids von Weylin fehlen mir manchmal die global verständlichen, wissenschaftlichen Bezeichnungen. Hulp!

Last but not least noch ein Wort zu den Bildern.
Schwieriges Thema, gerade bei dieser Art von Büchern, die oft eher „Beweisfotos“ haben, wie Pat sie nennt und hasst. Ich bin da nicht so streng, aber die Lust des Nutzens lebt, ganz klar, auch für mich von kluger Bildsprache und von Bildästhetik.

Jeroens Veldgids sind da super. Die Zeichnungen stark und prägnant, die Fotos ebenso. Von mir Plusplus. Plusplus auch für “Het Prentenboek”. Bilder und Texte sind nicht von hier und da, sondern aus einer Hand (manche Fotos würde ich knackiger bearbeiten, aber pfh..).

Draußen zuhause mit Hirn inside. Find ich gut.
 
René Nauta, Aaldrik Pot: Het Prentenboek
EXTRA/Kleine Uil 2019, 39 Euro

weylin veldgids: #1 loopsporen /
#2 uitwerpselen
(bald auch auf englisch)
Weylin Tracking, je 12,50 Euro

 
 
 

Buchkritik – Hiltrud Enders: Freude am Sehen

7. Februar 2019 von Sylvia | Keine Kommentare

© Hiltrud Enders


 
Sollte man das Buch lesen? Ja. Bringt es neue Erkenntnisse? Nein, aber das muss es ja auch nicht. Impulse sind immer gut – ganz gleich, ob sie aus dem Archiv eines Wissenspools stammen oder ob dieses Wissen neu und mit eigenen Erkenntnissen aufbereitet wird. Das mal ultrakurz vorweg.

„Freude am Sehen“ vermittelt altes Wissen, gepaart praxiserprobter eigener Erfahrung. Entstanden ist das Buch aus Workshops heraus, in denen Hiltrud Enders die Praxisanwendung von Miksang (tibetisch für gereinigtes Auge) vermittelt. Diese noch junge Schule kontemplativer Fotografie steht für eine Mischung aus Meditation plus Achtsamkeit plus Kamera.

Bücher über Foto-Technik oder Bildgestaltung gibt es viele. Aber nur sehr wenige über die Auseinandersetzung mit dem Medium an sich und der Haltung, der persönlichen Einstellung, die Menschen voran bringen kann beim Fotografieren. Wenige wie dieses also. Wir waren neugierig. Hier erstmml ein Dankeschön an den dpunkt.Verlag, denn der macht immer wieder solche Bücher.

Pluspunkte bekommt das neue auf jeden Fall, weil es (uns) Stoff zur Diskussion liefert. Zwei Menschen, zwei Lesarten = eine Rezension:

P: (bevor das Buch bei uns war): Ich habs mir im Internet angeguckt – die Bilder sehen ziemlich langweilig aus.
S: (nach dem Auspacken, guckt sofort rein): Da sind schöne Bilder drin! Einige gefallen mir sogar sehr gut, die minimalistische Mauer, die Hände auf der Tischdecke, auf der man Hände anschauen kann, das Katzenbild im Wasser oder das Bild von zwei Männerbeinen in einer schwarz-weiß-rot gemusterten Stoffhose, African style, vor Kacheln mit Bildchen in Delfter Blau, Netherlands style.

Ihre Art zu fotografieren spricht mich an. Alltagspoesie. Ein Titel, der eines ihrer Kapitel sehr schön trägt. Manche ihrer Bilder könnte ich gemacht haben – das Mauerbild etwa, auch einige der anderen, etwa die Zweige vor einer Mauer oder der Zaun, unterlegt von seinem eigenen Schatten, hätte ich auch gemacht, aber gelöscht. Hat nicht geklappt, sagt P in solchen Fällen trocken – und weg.

PS: Richtig langweilig aber ist, da sind wir uns einig, das Titelbild. Wir haben ein Rezensionsexemplar erhalten. Dem Titel nach hätten wir das Buch nicht gekauft.

Dabei ist doch „Frische“ der rote Faden dieses Buchs. Frisch zu schauen, ohne Filter im Kopf oder in der Bearbeitung. Ruhig werden. Still, dem Denkfluss Einhalt gebieten: Nichts wollen, nichts müssen, nur schauen – und dann Klick. Das sind wir ganz bei ihr.

S: Ich folge ihr auch bei manchen Übungen gerne. Es schadet nicht, Neues auszuprobieren um das Staunen frisch zu halten. Einige davon zielen darauf, Gewohnheiten zu erkennen – und sie sich vom Leib zu halten. Das Miksang-Grundrezept: „Tue nichts! Setze dich zehn Minuten an einen Ort deiner Wahl und tue nichts.“ Telefon aus, alle Sinne auf Empfang, „aber forsche nicht nach außen. Wiederhole diese Übung täglich.”

P: Legt den Finger auf Seite 108, wo Hiltrud Enders ihre Miksang-Lehrerin Julie DuBose zitiert: „Du kannst nicht denken und sehen gleichzeitig.“ Kann man gar nicht oft genug sagen, so richtig ist das.

© Hiltrud Enders


 
Zum Thema Meditationsübungen und Fotografie habe ich doch schon mal was gelesen? P sucht mir das Vorläuferbuch heraus: Torsten Andreas Hoffmanns „Fotografie als Meditation.“ Er meditierte auf seinem Hausberg und mit offenen Augen. Dauer: 20 Minuten. Und erst wenn der Geist ganz leer ist, solle man Fotos machen. Das Buch ist fünf Jahre alt (mittlerweile in der 2. Auflage). Es kommt mir dichter vor, ist genauso Lehrbuch, birgt ebensoviel Selbst-Erfahrenes, ist aber weniger dozierend. Ich weiß noch, dass ich damals dachte, es hätte dem Buch gutgetan, wären weniger seiner großartigen Fotos ausgewählt worden und die größer gedruckt.

Genau das ist bei Hiltrud Enders geschehen. Bei ihr wiederum würde ich manchen Text kürzen… Ich lese mich (bei beiden) immer da fest, wo ich nicht als zu Belehrende angesprochen werde, sondern als wissbegieriger Mitmensch.

Nur um das klar zustellen: Wer je meditiert oder Yoga gemacht hat, weiß, dass Meditieren (wie und wo auch immer man‘s macht) was bringt. Beste Strategie, den Kopf frei zu bekommen. Frei vom schizophrenen Dauergeplärr innen und außen. Frei vom Rauschen, das sonst immer mitläuft, auch wenn man Ruhe will.
Als Miksang-Trainerin betont Enders: Ohne den meditativen Aspekt sei Fotografie nicht kontemplativ. Auch das Manipulieren, nachträglich Bearbeiten oder Bilder in besondere Kontexte stellen, um sie aussagekräftiger zu machen – all das sei nicht Sache der kontemplativen Fotografie. Also: Nicht denken, keine Farbe verändern. Die Welt so sehen wie sie ist.

S: Keine Manipulationen? Gleichzeitig empfiehlt sie, jedes misslungene Bild genau zu analysieren – lags am Weißabgleich, an falsche Blende, Zeit oder unpassender ISO? Und sie sagt, dass jedes Bild schon vorher im Kopf entsteht. Jepp. Und dass es nicht geklappt hat, wenn man anderen oder auch sich selbst erklären muss, was es eigentlich beinhaltet.

P: Aber, die Welt sehen, wie sie ist? Wenn wir beide Fotos machen, am selben Ort von derselben Situation werden wir zwei unterschiedliche Bilder haben. Gut so. Und niemand wird an diesen Bildern ablesen können, wie die Welt wirklich ist. Oder gar die Farben. Völlig unbearbeitete Bilder? Das hat es doch auch in analogen Zeiten nie gegeben. Im Gegenteil, die waren noch viel mehr bearbeitet als heute. Und schau dir mal die Farben auf manchen ihrer Bilder an – schrecklich!
S. Du meinst sicher die pinken. Finde ich okay.

P: Sie kann nicht schreiben.
S: Es gibt einige Seiten, die ich überblättere. Seiten, wo ich als Leserin in Mithaftung genommen werde, etwa durch kollektives „wir tun dieses“ oder „uns bewegt jenes“ Mag ich in keinem Text. Genauso wenig wie durchoptimierte Train-the-Trainer-Schreibe. Da bin ich raus.
Will mich nicht vorm Lernen drücken oder gegen Übungen stänkern. Manches muss man ja einfach reinpauken. Aber am überzeugendsten und frischesten finden wir die Autorin, wo sie den Trainer-Job hinter sich lässt. Wo sie nicht doziert, oder Workshop-Folien kopiert, sondern einfach erzählt. Beispiele prägen sich einfach besser ein als Merksätze. Etwa das von der Beerdigung, wo Enders als einzige Weiße inmitten einer Trauergemeinde plötzlich nicht mehr wusste, wie man sich richtig verhält. Und so beschäftigt war mit sich selbst, dass sie darüber ihre Freundin gar nicht sah. Bis sie sich entspannte.

Achtsamkeit gilt ihr denn auch als wichtigster Augenöffner. Sie weiß, dass sie hier einen übernutzten Begriff hat, der „oft mit einer romantischen Note ausgestattet“ sei. Und betont, Achtsamkeit sei viel mehr. Es könne durchaus „radikaler machen, politischer – oder hilfsbereiter.“ Je nachdem, wer sich in welche Situation intensiv hineinlehnt.

S: Sie erwähnt, dass manche ihrer Workshop-Teilnehmenden ihr sagen, sie brauchten die Übungen nicht, weil sie schon so arbeiten. Das würde ich vielleicht auch sagen. Denn: Fotografie hat mich gerettet. Als mir alles über war. Alles schon mal gehört und gesehn. Fotografie ist für mich immer pures Sein, Fokus-Fokus-Fokus.
PS: Ich kann nur unterstreichen, was sie empfiehlt: die Kamera immer dabei zu haben. Ich die große, Pat die kleine. PS: Den Alltag einzuteilen in Zeit für Pflicht, und Zeit für Sehen sei der falsche Ansatz – hier sind wir voll bei ihr. P hat immer Zeit eingefordert. Fotografie ist seine Lebensform.

Es gibt viele Zitate im Buch, meist in großer Schrift und über eine ganze Seite gezogen. Darunter das immer wieder goldrichtige von Henry Ford – „If you always do what you you’ve always done, you always get what you always got“.

© Hiltrud Enders


 
Solche Aphorismen würzen die puren Begebenheiten, aus denen die Autorin persönliche Erkenntnisse zog, die zu ihrer fotografischen Persönlichkeitsentwicklung beigetragen haben. Und über die sie klar die Linien ihres roten Fadens spannt. Sie hat viele Ideen, wie man dorthin kommt, im richtigen Augenblick so präsent zu sein, dass es genau dann Klick macht, wenn ein gutes Bild entstehen kann.

Hier muss natürlich auch der große Henri Cartier-Bresson zu Wort kommen: „You just have to live and life will give you pictures.” P verschwindet in unserem Bücherarchiv. Und wir sind beide überrascht, wie zeitlos das ist, was HCB seinen Bildern als Vorwort mitgibt. Zwei Sätze daraus bergen alles, was man wissen muss: „Photographieren heißt den Atem anhalten, wenn sich angesichts der flüchtigen Wirklichkeit alle unsere Fähigkeiten vereinigen. Das Einfangen des Bilds in diesem Augenblick bereitet physische und geistige Freude. (Henri Cartier-Bresson, Rogner und Bernhard Verlag 1978)

Lehrsprüche dagegen, wie jene der tibetischen oder indischen Meister oder des Miksang-Begründers Michael Wood, kommen bei mir an wie abgelutschte Gummibärchen. Mag ich nicht. Zwei andere dagegen sind Superfood fürs Sinnes-Hirn: „Ich bin da, mein Herz schlägt“ – Simone de Beauvoir – und „I just want to feel as much as I can, it‘s all what soul is about“ – die unglaubliche Janis Joplin. Soo gut, dass ausgerechnet sie das Schlusswort hat. Yess! Also: frisch und frei: Lest das Buch, meditiert, diskutiert – und Klick!
 

Hiltrud Enders: Freude am Sehen –
Kontemplative Fotografie
dpunkt.verlag, Heidelberg 2018, 216 Seiten, 29,90 Euro


 
 
 

Gelesen: Restlaufzeit und Sterblich sein

14. November 2017 von Sylvia | Keine Kommentare


 
Kein Zufall, dass „Sterblichsein“ von Atul Gawande und „Restlaufzeit“ von Hajo Schumacher gerade jetzt bei mir aufeinandertreffen – beide sind ein Plädoyer für Selbstbestimmtheit und würdevolles Leben im Alter. Themen, die uns durch eigene Erfahrungen gerade sehr stark berühren.

Das Buch Sterblich sein habe ich vor zwei Jahren im Vorfeld der Buchmesse aus der Vorankündigung des Fischer-Verlags gepickt und mir als Rezensionsexemplar schicken lassen. Restlaufzeit wurde mir etwa zur selben Zeit von einer Redakteurin empfohlen. Gekauft habe ich es vor einigen Wochen. Kommt mir vor, als wäre das Jahre her. Pats Mutter lag im Sterben. Wir haben sie erst vor kurzem beerdigt.

Die zweite aus unserer nahen Verwandtschaft in diesem Jahr. Und wir begleiten eine dritte, die so schwer krank ist, dass wir im Februar glaubten, sie würde den Sommer nicht erleben. Solche Erfahrungen verändern Perspektiven und werfen Fragen auf: Wie viel muss man machen und was muss man lassen, wann loslassen? Wo sind die Grenzpunkte der pflegerischen Für- und der medizinischen Versorge? An diesen Punkten wird es ja erst anspannend und aufreibend. Wir brauchen neue Pflegekulturen in den Krankenhäusern und Heimen schreibt Gawande – und Schumacher suchte neue Kulturen für den Alltag des frühen wie späten Alterns.

Auch wir wollen mal nicht in einem der gängigen „Altenheime“ leben. Auch nicht, wenn sie „Wohnpark Fischer“, „Rhein-Neckar-Residenz“ oder „Miriam-Müller-Haus“ heißen. Alternative Modelle gibt es, aber welche passt und wann fängt man an, sich umzuschauen oder gegebenenfalls selbst was auf die Beine zu stellen?

In Restlaufzeit glaubt Hajo Schumacher: „Während die Kriegsteilnehmer mit großem Phlegma über sich ergehen ließen, was Staat und Gesellschaft und Generalität vorsahen, werden die Selbstverwirklichungsprofis ihr Restleben entschlossen in die Hand nehmen. Klar, wir gruseln uns gerne über apokalyptische Prognosen. Aber wir haben auch die Erfahrung gemacht: Anpacken hilft.“ Mit „wir“ und „Selbstverwirklichungsprofis“ sind die Babyboomer gemeint. Anfangs spricht er dezidiert die 1964er an, zu denen er selbst gehört. Schon bald werde es Fortbildungen über „‘kreatives Altern‘, ‚fröhliches Altern‘, ‚sinnhaftes Altern‘ und ‚erfolgreiches Altern‘ geben.“

Wunschdenken? Jedenfalls ist es ein sehr journalistisches Buch und mir drängt sich das Bild der Hamburger Gruner+Jahr-Blase auf. Gleichwohl sind es wichtige und richtige Punkte, die Schumacher anschneidet. Und seine ernst-witzige Checkliste fürs gute Altern von Punkt 1. bis 27. abzuarbeiten schadet sicher nicht. Darunter:
„1. Finde mehr Zeit für Freunde und teile alles mit ihnen”, „7. Definiere schonungslos deine Bedürfnisse, was einigen Mut erfordert.”, „14. Ab an die frische Luft!” und schließlich die letzte: „27. Entscheide Dich: Die Familie hüten oder dich vor der Familie hüten.”

Ein Großteil des Buchs macht die Vorstellung diverser Altersheim-Ansätze aus. Gängige Varianten dekliniert er nach dem Prinzip durch: was kostet es, wie hoch ist der Aufwand, was bringt es. Gängige Modelle sind ebenso dabei wie deutsche, polnische oder südostasiatische Alternativen. Dazu zählt dann etwa auch die minimalistische Strandhütte in Thailand oder das „betreute Trinken“ („Dienstleistungen aller Art möglich“) ebenda. Sogar eine Runde Pflegepraktikum macht der Mann. Dennoch habe ich das Buch am Ende nur quer gelesen, denn die Schreibe ist zwar spritzig, aber die Taktung für meinen Geschmack eine Spur zu hektisch.
Vielleicht auch, weil es in unserem Alltag das hypothetische „was wäre wenn“ schon gar nicht mehr gibt. Unsere beiden alte Damen waren mehr oder weniger dement und relativ luxuriös untergebracht und versorgt am Ende. Aber glücklich? An diesem Punkt hat Schumacher sicher recht: wir müssen uns das Alter so vorstellen, wie wir es gerne hätten – ein gutes „Skript“ machen, so nennt er das. Und sich frühestmöglich darauf einrichten.

Sterblich sein dagegen ist aus der Perspektive eines Arztes und Angehörigen geschrieben. Genau wie Schumacher geht er überall dort hin, wo alte Menschen leben und fragt nach. Am meisten beeindruckt hat ihn dabei eine Einrichtung, deren Leitung ein Kollege übernahm. Der fand eine lebensmüde Grundhaltung vor, die ihn so gruselte, dass er auf Abhilfe sann – und für seine coole Idee tatsächlich die amtliche Genehmigung erwarb: vier Hunde, zwei Katzen und hundert Wellensittiche zogen ein…

Deutsche Verhältnisse mögen den US-amerikanischen vom System her um Längen voraus sein – doch das vermag nicht zu beruhigen, denn die überholte Pflegekultur, die das Buch zeigt, die haben wir hier auch. Glück hat, wer ein gutes Team erwischt. Gawande fordert dazu auf, nicht nur danach zu fragen, wie wir am Ende leben, sondern vor allem, wie wir sterben wollen.

Sein zentrales Thema aber ist Kommunikation. Auf welche Art eine Ärztin, ein Pfleger oder die Angehörigen mit den Alten sprechen, kann über die Lebensqualität aller Beteiligten entscheiden. Der Autor erläutert die beiden gängigen Formen der Arzt-Patienten-Beziehung: Die “paternalistische” entspreche der Haltung „Wir sind die medizinische Autorität“ – und wenn es die Wahl zwischen einer roten und einer blauen Pille gibt sagen wir: “Nehmen sie die rote. Sie wird ihnen guttun!“ Über die blaue indes kein Wort. Die zweite Variante wird die „informierte“ genannt: Der Arzt sei in diesem Fall der Techniker, der Patient der Konsument. Er bekommt beide Pillenformen mit ihren Wirkungsweisen erklärt und wird gefragt: „Welche wollen Sie?“ Nicht wirklich besser. Zum Glück kann man alles mischen und ein partizipatives Modell daraus machen, die sogenannte „interpretative“ Variante. Ein solcher Arzt, eine solche Ärztin frage zunächst: „Was ist für Sie am wichtigsten? Was sind ihre Sorgen?“ – und erst wenn sie das wissen, erklären sie die Pillen und welche von beiden am besten hilft.

Wie Schmerzen und Leid empfunden werden und ob jemand am Ende loslassen kann, richtet sich dem Autor zufolge nach der Höhepunkt-Ende-Regel. Also der krasseste Schmerzpunkt wird erinnert und wie es am Ende war. War die Behandlung über Monate eher wenig schmerzhaft und erträglich, der Höhepunkt aber, eine Operation oder eine andere Therapie, sehr schlimm und das Ende der Behandlung ebenfalls – fühlen sich alle Beteiligten ausgezehrt. Wie Versager. Das gelte für die Alten oder Todkranken ebenso wie für deren Angehörige. “Der Tod ist normal”, erinnert der Arzt. Man müsse Sterbenden erlauben, die Rolle Sterbender an- und einnehmen zu dürfen. Das Leben ist eine Geschichte – und dabei zählt das Ganze, also auch der Schluss.

Die Thematik ist daueraktuell, die Probleme oft systemimmanent – von daher sind beide Bücher noch hilfreich und erhältlich. Mittlerweile auch als Taschenbücher. Wer nur reinschnuppern will, wird in Restlaufzeit Denkanstöße finden. Wer richtig nachdenken will oder Tipps im Umgang mit Ärzten und Angehörigen sucht, sollte Sterblich sein lesen.
 
 
 
Hajo Schumacher: Restlaufzeit
Wie ein gutes, lustiges und bezahlbares Leben im Alter gelingen kann.
Bastei Lübbe 2014,
287 Seiten, 19,99 Euro (gebunden)/10,99 Euro (Tb).
 


 
Atul Gawande: Sterblich sein
Was am Ende wirklich zählt – über Würde, Autonomie und eine angemessene medizinische Versorgung
S. Fischer Verlag 2015,
336 Seiten, 19,99 Euro (gebunden)/12 Euro (Tb).
 
 
 

Ferienlesestoff: Eddi Error von Anne Böhme

4. Juli 2017 von Sylvia | Keine Kommentare

Die erste Buchkritik war vernichtend: „Das muss alles neu geschrieben werden, man versteht ja gar nichts.“ Und ja, tatsächlich müsste das Buch komplett überarbeitet werden, richtete es sich an Kinder wie den vierjährigen Neffen der Autorin, dem daraus vorgelesen wurde.

Ja, eine Insiderinfo – und ja, ich gestehe, ich bin befangen: die Autorin ist mir nicht fremd. Habs mir trotzdem vorgenommen. Was ich bei Verrissgefahr bei Freunden wie Kunden eher umgehe. Doch, auch wenn Kritiker natürlich alles anders machen würden, und ich manchmal ganz gerne was verreiße, hier wars nicht nötig. Dazu (wieder mal) mein Lieblingszitat vom Godfather of Buchkritik Reich-Ranicki: „Liebe und Tod, alles andere ist Mumpitz!” Hier geht es eindeutig um Liebe. Zum Leben, den Kindern, der Familie – der Tod (der Robotertod) wird indes nur kurz gestreift. Geschrieben wurde der Kinderroman für ab Sechsjährige, doch auch für ab 30-Jährige ist er gerade richtig dick, kuddelmuddelig und fesselnd.

Für Leseanfänger gibt es durchaus Herausforderungen. Das Schlangenwort Aufräumroboter etwa ist zu bewältigen. Mit zunehmendem Geschichtsfaden wird das immer leichter fallen, denn es geht um eine traumhafte Sache: eine künstliche Intelligenz, die zum Familienmitglied wird. Zum Superkind sozusagen – oder viel mehr: zum Superkumpel.

Eddi Error ist genau das. Wie ein Haustier, nur dass er nicht auf den Boden pinkelt oder haart, höchstens mal Ölflecken produziert – und auch noch von den Kindern der Buchfamilie, Niels und seiner älteren Schwester Jule, lernt. Natürlich sind genau das oft die Stellen, an denen man sich auch als 30plus-Leser schlapp lacht. Etwa, wenn die Eltern einkaufen sind, und die Kinder in der Zwischenzeit die Küche aufräumen sollen. Zu dritt macht das gleich viel mehr Spaß, also wirft irgendwann Jule beschwingt einen Lappen quer durch Küche in die Spüle. Das checkt Eddi sofort als neu Gelerntes ein – und wirft ebenso schwungvoll die Teller hinterher…. Oioioi, schnell raus aus der Küche!

Klar, dass Mama dann gleich die die Nase voll hat von diesem blöden Ding: Krümel an den Füßen und auch noch Scherben auf dem Fußboden – toller Aufräumroboter, der mehr Arbeit macht als wegschafft. Als sie fertig ist mit Schimpfen sitzt Eddi am Boden, zischt – und trifft Mamas Herz. Kränken wollte sie ihn ja nun auch nicht…

Eddi ist Fiktion, aber er hat Vorbilder. In Wien wuselte vor zwei Jahre testhalber der Aufräumroboter Kenny durch einen Kindergarten. Macht Sinn. Denn: das größte Chaos herrscht im Kinderzimmer. Manchmal wächst es auch darüber hinaus, wie jedes Elternpaar auch ohne Forschung weiß.

Anne Böhme schreibt über Dinge, die Geschichten in sich haben. Sie entwirft eine Welt voller lebendig-liebenswerter Figuren – wie Araad, den Freund von Niels, die Flohmarkthändler Ilse und Otto, oder den Erfinder Lopez. Eine Welt, die aber nicht lieblich, und nicht ohne Gefahren und von Susanne Göhlich wunderbar illustriert ist. Fein für weit Unter-30-Jährige ist natürlich, dass es meist die Kinder sind, die darin die zündenden Ideen haben.

Da der Roboter auf verschlungenen Wegen in die Familie kam, ist das 192 Seiten starke Buch auch ein Krimi, weshalb die Herkunft des blechernen Kerlchens hier nicht verraten wird. Jedenfalls nicht die im Buch. Die im wirklichen Leben stammt mitten aus der wirklichen Familie der Autorin – ihr Sohn Ben hat ihn als erster gezeichnet. Die gelben Lampenantennenkugeln, seine Idee. Tatsächlich hat Eddi Error eine Weile in der Familie gelebt, bevor er dann ins Buch ging. Das weiß ich aus sicherer Quelle: von der Autorin selbst. Kurz: feiner Sommerferienlesestoff!
 
 

Anne Boehme: Eddi Error – Unser Roboter krempelt alles um.
(Illustration: Susanne Göhlich)
Thienemann−Esslinger, Stuttgart
192 S, 14,99 Euro
 
 

Rezension: Vogelfotografie, die zweite

13. November 2016 von Sylvia | Keine Kommentare

Naturfotografie ist Sport
 
Wir waren ziemlich nah dran dieses Jahr: der GDT Wettbewerb um den Preis für den Europäischen Naturfotografen ist wie jedes Jahr die Herausforderung – und der Katalog wie jedes Jahr die Sammlung atemberaubender Fotos. Leider ohne uns. Aber, wir waren immerhin nominiert – und Wettbewerbsleiter Marc Hesse hat jenen aus dieser in der Leider-im-Finale-ausgeschieden-Mail versichert, darauf könnt ihr durchaus stolz sein. Sind wir.

Und haben den Katalog geordert, wo wir neidlos Bilder bewundern wie das vom „Tanz unter den Sternen“ der Maifliege an der Donau (Imre Potyó), das von der schützenden Hand der Affenmutter auf dem Kopf ihres Babys “Schutz” (Alain Mafart Renodier) oder vom „Atemzug“ in der Polarnacht von Audun Rikardsen, dem Gesamtsieger. Auch dieses Jahr zeugt die Auswahl vom kreativen Potenzial der Tier- und Naturfotografie – und von der Offenheit der Jury. Auch politisch anklagende Bilder sind wieder darin. Eine wie ans Kreuz genagelte Rabenkrähe brennt in mir nach, zum Luftholen die Wildwechselbrücke. Und dann wieder zum Verrücktwerden ein mit der Säge abgetrenntes Nashorn, diesmal von Bence Máté festgehalten, den wir als Mitautor des Handbuchs Vogelfotografie kennen. Zu gerne würde ich dieser Jury mal angehören, um die eingehende Bildervielfalt zu sichten und darüber zu diskutieren.

Gute Drehbücher schreiben lerne man durch Lesen guter Bücher, legte Akira Kurosawa seinen Schülern nahe. Analog dazu ist für gute Fotos das Betrachten guter Fotos in Ausstellungen sicher ein Punkt, doch Foto-Bücher mit coolem Know-how sind darüber hinaus Grundnahrung für visuelle Hirne. Deshalb hier wieder ein Buch zum Thema. Diesmal: „Vogelfotografie“ von Mario Müller, das uns der mitp-Verlag nach der Rezension des Handbuchs Vogelfotografie zugeschickt hat. Schon mal kurz vorweg: es lohnt sich.

Lernen oder Nachlesen kann man bei Müller neben den Basics wie, welche ISO/Blende/Brennweite wann am besten passen, seiner Empfehlung praktischer Ausrüstungsgegenstände auch viel über das Leben und Verhalten von Vögeln – oder wie man sich ihnen nähert, ohne sie verscheuchen. Eine Grundempfehlung lautet: „Suchen Sie sich ein lohnendes Gebiet in ihrer direkten Umgebung und bearbeiten Sie es intensiv fotografisch. … Gehen Sie immer wieder zur selben Stelle oder derselben Vogelkolonie und fotografieren sie immer wieder.“ Außerdem empfiehlt er, sich langsam von den bekannten Vögeln der Umgebung zu den weniger bekannten vorzuarbeiten. Ein bodenständiges Grundrezept. Nur dass das kilo- und euroschwere 500er Objektiv, bei fast jedem abgebildeten Foto zum Einsatz kam, passt nicht zu diesen sympathisch unabgehobenen Tipps.

Ursprünglich ist Mario Müller Biologe und Ornithologe und arbeitet als Vogelschutzwart in Nordvorpommern-Rügen. Dort vermietet er auch Hütten, aus deren Tarnung heraus man großartige Fotos etwa von Adlern machen kann. Noch näher kommen sie, wenn man sie durch Futter anlockt, wie Müller zeigt. Mittlerweile ist dies ein eigenes, weitverbreitetes Business-Modell. Positiv daran sei, dass es den Vogelpopulationen zugute kommt, weil sich dadurch die Zahl der fotografierenden Störer verringert. Der GDT-Fotograf mahnt allerdings, derart entstandene Fotos ehrlicherweise als Nicht-Naturfotos zu kennzeichnen. Hüttenfotos sind nun gar nicht unser Ding, zumal es mittlerweile von Vogelfotografie-Reisen- und Hütten-Anbietern ebenso wimmelt wie von dort entstandenden „spektakulären“ Bildern.

Des Autors besonderer Trick ist es, sich seinen Motiven auf Augenhöhe zu nähern, was es nicht selten erforderlich macht, sie bäuchlings anzurobben oder sich sonstwie platt auf den Boden zu legen – mit bemerkenswerten Ergebnissen – das so entstandene Goldregenpfeifer-Foto ist superb. Da die Perspektive vom Boden aus auch zu meinen bevorzugten Blickwinkeln gehört (siehe oben – auf allen Vieren für eine Schnecke), habe ich immer ein Sitzkissen in Fahrradtasche oder Fotorucksack. Neuester Tipp aus dem Video eines Mind-Shift Fotorucksacknutzers: dafür eine Zeltunterlage zu nutzen. Geniale Idee, die kann man sich zurechtschneiden, ist leicht und nimmt zusammengerollt nicht viel Platz weg.

Einen Minuspunkt erhält bei uns die Buchgestaltung. Es sind viele sehr schöne Bilder in diesem Band, nur: Sie kommen nicht zur Geltung. Besser ein großes auf einer Seite (zum Reinknien und Aufsaugen sozusagen), als fünf kleine, um vorher-/nachher-Situationen zu verdeutlichen. Also: Weniger Bildband, als Sachbuch, aber gut geeignet für Outdoor-Fotojäger und -sammler wie uns.
 

Cover GDT Katalog 2016Katalog des GDT-Wettbewerbs:
Europäischer Naturfotograf des Jahres 2016
und Fritz Pölking Preis 2016
Tecklenborg Verlag, Steinfurt, 156 Seiten, 22 Euro.


97839584501346Mario Müller: Vogelfotografie
mitp-Verlag, Frechen, 256 Seiten, 29,99 Euro.


 
 

Rezeption: 2 x Vogelfotografie

9. August 2016 von Sylvia | Keine Kommentare

Cover Vogelfotografie
 
Sswüi Szwüi… Psst! Ein Grünfink… Wie eine Tänzerin in Zeitlupe schiebe ich mich aus dem Sichtfeld des Vogels, der auf unserem Balkon Kerne aus einer Sonnenblumen zupft. Leise, leise die Kamera holen. Und weil nix vorbereitet ist (dammich!), ebenso leise das Objektiv wechseln und noch viel leiser, das Fotoversteck in unserem Schlafzimmer beziehen. Klack-klack! Weg isser.
Ja, ja, ich weiß schon: eine Kamera sollte immer griff- (und einsatz-)bereit sein – so lautet einer der simpleren Leitsätze aus dem Handbuch der Vogelfotografie. Doch das Simple ist ja meist das Schwierigste, das wissen auch die Autoren Markus Varesvuo, Jari Peltomäki und Bence Máté. Drei echte Cracks in Sachen Vogelfotografie. Sie leben davon. Varesavuo hat sich auf Winter und Action spezialisiert, Peltomäki auf Eulen – und Máté hat das Vorbereiten von Tarnhöhlen oder -hütten zu Wasser zu Lande und in der Luft zu seiner hohen Kunst gemacht. Was alle eint sind atem-be-raubende Fotos.

Da sie in diesem Buch sowohl ihr Profi-Wissen als auch die Ergebnisse teilen, ist das „Handbuch“ aufregender Fotoband und anregendes Lehrbuch (Fotografie plus Ornithologie) in einem. Außerdem empfehlen sie besondere Orte für besondere Beobachtungsmöglichkeiten von Norwegen über Israel bis New Mexico. Doennch spielen die Autoren nicht nur die Lock-Karte besonders exotischer Tiere und Orte, sondern zeigen: Auch in einem Park in London kann man beeindruckende Fotos machen. Solche Bilder aber, auch gute, gebe es massenhaft – also müsse sich etwas einfallen lassen, wer das Besondere möchte. Zu meinen Lieblings-Beispielen gehört das Bild eines Vollmonds mit einem Zug Enten davor, die winzig wirken, wie Perlen an einer Schnur. Oder jenes, auf dem Grünfinken im Flug ein verwischtes, zartes Muster ergeben, sowie das Foto eines Fischadlers, auf dem fast nur dessen Schwanzfedern zu sehen sind und – erst auf den zweiten Blick – ein Fischkopf!

Auch das Thorshühnchen mag ich, das von rotschimmerndem Wasser gerahmt wird. Es blieb mir in Erinnerung, weil die schöne Farbe, die das Bild prägt, aus einer ziemlich unspektakulären Quelle stammt: Der Begleiter des Fotografen Markus Varesvuo hatte eine knallrote Jacke an, die sich im Wasser spiegelte…
Entscheidend sei übrigens weniger das Equipment als die Hingabe. Also die Zeit die man bereit ist aufzuwenden, inklusive dem Wissen, das man bereit ist, sich über den Ort sowie die zu beobachtenden Tiere anzueignen. Weiterer Tipp: nicht zu den Hotspots der Beobachtung gehen, denn dort treffe man meist viele Hobby-Ornithologen, die Vogelfotografen per se unterstellen, alles kaputt zu machen…

Der teils wirklich rüpelhafte Umgang mit Natur, die teils wirklich krasse Einengung der Lebensräume, die daraus resultierende Notwendigkeit von Naturschutz – alles krass wichtige Themen, die angesprochen werden, aber neu sind sie nicht. Das zeigt das alte, schwarz-weiße Pendant zum Handbuch: Mit Kajak und Kamera von Emil Sonnemann und Kurt Gentz. Mein Vater bekam es 1949 zu Weihnachten geschenkt. Nur ein Farbdruck ist drin, alle anderen Fotos sind schwarz-weiß. In Sachen Anpirschen, Naturschutz und Versteckebauen waren diese Autoren ebenso findig wie ihre modernen Kollegen. Die technischen Möglichkeiten hatten sie damals natürlich noch nicht, aber die Hingabe war dieselbe: „Stundenlang kann man an so einem Maimorgen im Grase liegen…“ oder Das Habicht-„Weibchen kümmerte sich mit rührender Zärtlichkeit um Jungen“. Leider wurden nach 25 Tagen dieser Beobachtung die Jungen vom Förster aus dem Nest geworfen und getötet, weil der um sein Geflügel bangte. Ist es zu fassen?

Als Versteck nutzten sie ein Boot und sogar einen aus Pappe gebastelten Ochsen… Dazu derselbe Tipp, den auch die Autoren des aktuellen Handbuchs parat halten: Das Versteck zu zweit aufsuchen. Wenn der zweite weggeht, wähnen sich die Vögel wieder allein, weil sie nicht mitzählen.

Diestelfink go!
 

Dsssiii, Dssiii. Pssst Ein Distelfink! Ich schlängele mich wieder durchs Sichtfeld, schlüpfe in unser Spätsommerversteck mit idealem Blick auf den Sonnenblumenkernliebhaber. Tief durchatmen, Menüknopf auf „C“ drehen (Vogeleinstellung), die von den Profis empfohlene Schnellschuss-Einstellung: Blende 5.6, 500stel Verschlusszeit sowie automatisch berechnete ISO-Zahl ist hier gespeichert. Klacklack! er spaltete ungerührt seine Kerne. Klack-klack! Hab dich!

 
 

Markus Varesvuo / Jari Peltomäki / Bence Máté:
Handbuch der Vogelfotografie
dpunkt.verlag Heidelberg, 44,90 Euro

 
 

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