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Plan C

9. Juni 2020 von Sylvia | Keine Kommentare


 
Lieber kein Treffen, sagt ein Freund ab, wegen Corona. Andere laden uns ein. Im Garten sitzen. Lachen, Trinken, in die Sterne schauen. Über Klopapier reden. 10 Euro das Paket. Einlagig wohlbemerkt. Nee, ne?! Doch! Der neu übernommene Supermarkt an der Ecke. Guter Geschäftsmann, ja? Arschloch. Den Laden werde ich nicht betreten ischwör. Und dann gibts ein Sprachstolperwitz, den, warum auch immer, nur die Frauen witzig finden. Zum Totlachen, Haha! Hach, tat dieser Abend gut.

Irgendwo nördlich, paar 100 Kilometer entfernt, vielleicht zur selben Zeit, ging einer alten Frau die Lebenskraft aus. Was mache ich hier? Mag sie gefragt haben. Warum kommt niemand? Kein Funke am Tag, keiner in der Nacht. Sie aß nichts mehr, trank nicht. Corona-Infektion hatte sie keine. Aber sie starb daran. Kollateralschaden, wird man später sagen. Und lehren, wie man sich umarmen soll: Mit Maske, ohne uns in die Augen zu schauen, und kurz. Am besten die Luft anhalten dabei. Kleine Kinder dürfen uns die Füße küssen, größere werden von hinten umarmt und, wenn‘s denn sein muss, auf den Kopf geküsst. Von oben und, selbstredend, mit Mund-Nasenschutz.


 

Kein Wunder: Der Himmel ist jetzt schon nicht mehr so tiefblau, die Autobahnen nicht mehr so leer. Hey, da war autofrei! Das schafft wohl nur Angst. So viel Stille! Bleib. Genauso. Dachte ich immer. Und trudelte doch selbst durch einen heillosen Wirbel des Abgelöst- und Unverbundenseins. Alle Bisher-Rituale geschreddert. Gemeinsam Einkaufen auf dem Markt, sowas. Auf einmal alles kaputt. Ein Marktstand ist keine Supermarktkasse. Vorher lief das bei uns so – checken, wer schon da ist und gucken, dass man danach dran kommt. Oder gerne früher, wenn der charmante Verkäufer einen partout vorziehen mag… beim Warten schonmal bisschen sondiert oder gleich zugegriffen – hier ein Bund Rote Bete, da drei Zitronen und, Aaah! Wie gut sieht das denn aus? Nehmen wir auch… Danach ganz entspannt nen Kaffee an der Ecke.

Stattdessen eine Atmosphäre wie aufm Ausländeramt. Jeder stand wilden Blickes nach seinen eigenen Abstandsprinzipen, alle subito auf 180, wenn andere, was anders sahen. Die Marktverkäufer rannten noch maskenfrei, dafür voll gehetzt um Waren und Kunden herum. Dann Auftritt einer alten, bleichen Schisserin. Die Händchen in Kondomhandschuhen fest um zwei Walkingstöcke geklammert, ruderte sie sich die Bahn frei. Ihr Blick flämmte alles rechts und links der 1,50-Linie, als ritte sie bereits der Lungenteufel. Ich beiß die Zähne zusammen vor Rundumdruck, bis mir alles schmerzt. Bin raus. Einkaufen also allein. Raus in den Wald nur in der Dämmerung. Sozialer „Kontakt“ nur im Netz. Gleichzeitig schiebe ich meinen letzten Auftrag wie einen Schild vor mir her. Guck, ich hab noch Arbeit… Ich kann grad nicht. Arghh!


 

Schließlich lässt Hessen Lockerungen zu. Was freuen wir uns, als endlich wieder die Cafés aufmachen. Cappuccino! Eiskaffee! Am Main? Ja, wär nett. Aber Platzierungsschlange und Warten? Nee. Eine Ecke weiter hats keine Schlange und Selbstbedienung… O-Kay. Ich geh gucken und seh – nur Pappbecher. Wegwerf-Kaffee? Sorry, Baby. Nicht mit mir. Dann schließlich schachmatt an einem Eiscafé, wo wir sonst gerne hingehn. Ich frage: Kann ich einen Eiskaffee im Glas bekommen? Nein. Das Cafébesitzerpaar schüttelt die Köpfe:“ Da müssten wir uns immer die Hände waschen…“ Nur To-Go-Becher. Ich gebe nach. Aber: Gut wars nicht.

Paar Tage später, neuer Versuch. Auch das Café an der Post hat wieder auf. Mit echtem Geschirr! Supper. Registrieren uns. Kennt man ja schon. Ein Gefühl wie aufm Amt oder beim Arzt… Dann kommt der Kellner, und ich will was Nettes sagen: „Schön, dass ihr wieder da seid!“. Er so: „Hmm. Danke. Aber bald ohne mich, ich hab die Kündigung bekommen.“ Nach Kurzarbeit das Aus. Also, gut war auch das nicht.

Alle hassen es über Corona zu reden, und natürlich reden alle über Corona. Die ersten Magazine haben Maskencover, Journalisten suchen besonders schöne Coronageschichten (hust). Es wird sicher Coronabücher geben – und natürlich gab es die ganze Zeit Ideen, sich dem Virus medial zu stellen. Beispiel Kinderseite der Süddeutschen. Für Homeschooling und Homeoffice geplagte Familien. Bin null die Zielgruppe, zugegeben, aber mir bescherte die Seite Sprachschmerzen: Alles auf Abstand? Wir bleiben dran. Tipps für die neuen Heimkinder. Fürs neue Drinnen und Zwischendrinnen aus der Home-Office-Redaktion. Falls man sich zurzeit nicht eh total gemüsig fühlt. Schick dein irres Monsterjagd-Foto. Schäumen. Bloß nicht den Kopf verlieren. Wer kohlert als Erster über die Ziellinie?


 

Nu is ja die Klopapiernummer tatsächlich schon Anekdote. Irgendwann hatten dann wohl doch alle genug von allem, und stürmten den Wald. Unsern Wald! Man musste Einlasskarten ziehen und dann waren alle fünf Meter Menschen, sogar Familien mit Kindern. Kindern, die sonst gar nicht raus dürfen wegen Schmutz und Dreck und all so Gefahren von Draußenleben. Manche der Kinderlosen im Wald trugen auch Masken und sprangen ins Gebüsch zur Sicherheit, wenn unmaskierte Radfahrer wie unsereins des Weges rollten.

Klein, groß, beherzt oder angstwuschig: Sie kamen und blieben. Lagen auf der Försterwiese, saßen nachts auf Bänken und Brücken, aßen Pizza, soffen Flasche leer, pissten Wald voll, machten dies und das. Müll says it all. Wald wurde öffentlicher Raum. Kinder lernten Radfahren, Seebrücke-Leute hängten Transparente auf und schufen einen Parcours mit so vielen Schritten, wie Menschen im griechischen Auffanglager feststeckten. Erinnerten, dass dort Zuhausebleiben nicht möglich ist: „You can’t stay home, when you have no home“. Das Stofftransparent hatten Baumkletterer weit oben und nachhaltig mit Schnur befestigt. Tags drauf wars weg, Parcoursschilder kaputtgeschlagen. Die Nehmt-gefälligst-euren-Müll-wieder-mit-Schilder dagegen, die aussahen, als hätten saubere Mütter sie aufgehängt, blieben unangetastet. So wie die AfD-Plakate bei Wahlen. Jeder Tag Wäldchestag. Das Damwild irritiert. Aber gut. Oder, wie Nuhr sagen würde „ist ja auch egal“.


 

Ich sag: 300 Schaden. So viel Verunsicherung statt Selbstverantwortung. So viel Erregung. Und das Level ist zwischen Lock-Down und Lockerung nicht gesunken, im Gegenteil. Man braucht nur jemanden schräg anschauen, schon geht‘s ab: WAS?? Is was? Je mehr Maske, desto weniger Hemmung. Heffheff! In der Bahn schlägt eine mit der Hand an die Wand, als sie gebeten wird, ne Maske aufzusetzen. Sie keift: „Is ja wie in der DDR hier. Ich hab in den 60ern für die Freiheit gekämpft, der Benno ist dafür gestorben – und jetzt?!“

Ob Urlaub hilft? Alle Ferienhäuser Deutschlands ausgebucht. Sogar Land auf dem Land wird gekauft. Und die Maßnahmen kommen nicht mehr so gut, auch nicht bei Nicht-Impfgegnern. Gut jetzt, ja? Zum Glück werden aber auch neue Wege gefunden und auf einmal tiefergehende Gespräche geführt, im Treppenhaus, Im Stoffgeschäft, mitten im Wald… Dabei sehe ich kein Abgrenzen, keine Angst, keinen Rassismus und keine Hilflosigkeit, die nicht vorher schon da waren. Nur sichtbarer jetzt. Bei Freund und Feind. Zeit für Ideen, Leute. Klartext, Zukunft. Let`s go.


 
 
 

So blau

24. März 2020 von Sylvia | Keine Kommentare


 
Gesperrt, ausverkauft, abgesagt. Das Beste daran: Es ist still. Flugplan aus der Zeit, als ich Kind war und das Rauschen am Himmel beruhigend. Ich erinnere es als tiefes, fast angenehmes Sommerbrummen. Zuletzt gab es dieses Gefühl, als dieser unaussprechliche Isländer Asche spuckte. Wir lagen am Flussstrand – und sahen einen surrealen Film: keine Kondensstreifen am Himmel. Auch kein minütlich nervenzerrendes Dröhnen, zu dem sich das Brummen heute ausgewachsen hat. Nicht mal Schiffe und deren Bugwellen. Ungewohnte Abwesenheit gewohnten, menschlichen Lärms.

Wie in meinem Kopf. Zwar gibt es natürlich das Nachrichtenrauschen: Infektions- und Todesraten statt Bundesligatabelle. Ausgangsbeschränkung, Grenzschließung, Besuchsverbot… Doch aus der Mitte dieses Tinnitus-Shitstorms starrt gespenstisches Nichts. Und zieht Bürgerrechte aus uns und Kraft. Ich muss trotzdem raus. Was mich sofort auf Corona-Modus dreht. Distanz halten – und wer einem auf die Pelle rückt, unerträglich finden. „Bitte halten Sie Abstand, mein Herr“, ermahnt einer der neu eingestellten Abstandshalter im Supermarkt. Danke. Das war gestern. Der erste Laden, in dem ich – ja – nach Klopapier suchte. Wir haben nämlich nicht den Keller voller Rollen. Die Versorgungslage ist super, sagt die Politik, gibt kein Logistikproblem, wird alles aufgefüllt. Nada, nix, nein. Wird nicht. Seit einer Woche versuche ich Mehl, Klopapier und Hefe zu kaufen. Jetzt hängen überall Zettel, dass an eine Person nur je ein Kilo Mehl und ein Paket Toilettenpapier abgegeben wird. Aber, aberaber… Haben die modernen Großfamilien alle ihre Angehörigen geschickt? Oder sich in ihrer Familienkutsche gleich umgezogen und sind 10mal hintereinander in den Laden spaziert? Ich war gestern bei Hit, Rewe, 2 DMs, Alnatura und Nahkauf und sah nur leere Regale dort, wo sich sonst Klopapier stapelt. OMG. Also Süßigkeiten. Und mein zweites Buch to-Go: Margaret Atwoods Gedichtband „Die Tür“.

Auch das was Neues. Buchläden mussten ja schließen. Auch unser Meichsner&Dennerlein natürlich. Sind trotzdem da. Weil Bücher existenziell sind. Und machen alles korrekt: Publikumsverkehr gibs nich. Aber man kann per Anruf oder Email bestellen, und das Gewünschte dann an der Tür abholen. Als Pat mir das erzählt, greife ich sofort zum Telefon: Einmal Margaret Atwood bitte, Tipps für die Wildnis. Beim Abholen frage ich, ob sie auch Gedichte von ihr haben? Hm. Hanns Dennerlein verschwindet im Laden. Und findet raus: Original erschien es 2007, deutsch im Berlin Verlag 2014 und 2016. Nicht da. Und nicht bestellbar, weil vergriffen. Aber vielleicht bei einem Kollegen? Er besorgt es schließlich vom Antiquariat Rüger gegenüber. Zweisprachig auch noch – so cool!

In letzter Zeit sind nur Dichterinnen unserer Lyrikbib zugewachsen. Hilde Domin war eine Entdeckung für mich. Bei einer Lesung – sie las alles zweimal. Mit diesem Osterlächeln… Auch Nora Gomringer musste ich erst live erleben, bevor sie bei uns einzog. Und zuletzt die beiden Bände „Der Koloss“ von Sylvia Plath und „Ich, selbst auch ich tanze“ von Hannah Arendt. Beide Autorinnen haben in ihrem Leben überhaupt nur einen Gedichtband veröffentlicht. Aber, was für welche… Von Sylvia Plaths Gedichten habe ich durch den Blog eines Neurologen erfahren, von Hannah Arendts durch Online-Recherche in ihrer Bibliographie.

Ich halte den zweiten Gedichtband von Margaret Atwood in der Hand. Den ersten gibt es wohl wirklich nicht mehr. Er war (wie bei Sylvia Plath) ihr erstes Buch: The Circle. Sie erhielt dafür die erste ihrer vielen Auszeichnungen. Ein Filmportrait auf Arte brachte mich letzte Woche wieder auf ihre Spur. Absolut coronafrei und deswegen so belebend. Dieses spitzbübische Lächeln. Diese innere Stärke. Diese vielschichtige Wortmacht. Mit ihrer bescheidenen Grandezza hat mich diese 80-Jährige völlig bezaubert… Geblieben sind auch die Bilder von ihr und ihrem Mann Graeme Gibson. Ein sich Kraft gebendes, starkes Paar. Ich lasse das Buch auffallen, das noch ungelesen ist:

Bear Lament – Lamento eines Bären

You once believed if you could only
crawl inside a bear, its fat and fur,
lick with its stubby tongue, take on
its ancient shape, its big paw
big paw big paw big paw
heavy footed plod that keeps
the worldwide earthwork solid, this would
save you in a crisis. Let you enter
in its cold wise ice bear secret
house, as in old stories. In a
desperate pinch.
That would share
its furry winter dreamtime, insulate
you anyway from all the sharp end lethal
shrapnel in the air, and then the other million
cuts and words and fumes
and viruses and blades. But no,
not any more. I saw a bear last year,
against the sky, a white one,

rearing up with something of its former
heft. But it was thin as ribs
and growing thinner. Sniffing the brand-new
absences of rightful food
it tasted as ripped-out barren space
erasing of meaning. So scant,

comfort there.
Oh bear, what now?
And will the ground
still hold? And how
much longer?

Oh Bär, was nun? Oh, Leute! Lest Gedichte, nicht Klopapier. Wenn ihr schon alle in den Wald geht, was zumindest Deutsche wohl seit je tun, wenn wir unsere Ruhe haben wollen. Oder wenn uns die Welt auf den Kopf fällt. Mit dem Flugplan von 1955 ist es wunderbar ruhig dort. (Immerhin ein Beitrag zum Klimaschutz). Wenn ihr wieder heimkommt, prüft die Macht der Worte. Von Politikern nie, von Philosophinnen nicht unbedingt, aber von Dichtern erwarte ich Wahrheit. Oh, rettendes Hirnfutter unterm Himmel. So blau.
 
 
 

FFF—Futurize it!

22. September 2019 von Sylvia | Keine Kommentare



 
Ich will ficken,
aber nicht die Umwelt
Könnte, hätte, wollte… Quit!
Quit playing
Städte! Entsiegelt! Euch!
Klima schützen, Kohle stoppen
Nacht-flug-verbot!



 
Like the ocean we rise
quit playing games
Wake up
Unterm Plastik
liegt der Strand
Könnte, hätte, wollte? Machen!
Make Love, not CO2



 
Ask me, I’m a Scientist
Lost in the Anthropocene
Save
The critical
Sound of Science
Our house is on fire
Fahr Rad for Future
Verkehrswende jetzt!



 
Frankfurt Sightseeing
Du auch?
Last Minute zusammen:
Zahnarzt,
Scientists,
Oldies
for Future! Future! Future!


 
Und zwei Tage später fliegen 2 Passagierflugzeuge leer von Bonn nach Berlin, um dort zwei deutsche CDU-Politikerinnen mit Entourage abzuholen, die nach der Verabschiedung des Klimapakets fast gleichzeitig Termine an der US-Ostküste wahrnehmen wollen, aber keine gemeinsame Reise gebacken kriegen. Wo bleibt der Shit-Storm? Mögen sie die von Quaschning (ask a scientist) geschätzen Kosten der verursachten Klimaschäden bitte aus eigener Tasche an die Fridays spenden.
 
 
 

Sternfahrt zur IAA-Demo 2019

15. September 2019 von Sylvia | Keine Kommentare



 
Hibbel, hibbelig, hibbeliger – wir sind ne gute Stunde früher am Sammelpunkt für Neu-Isenburg – und nicht die einzigen, die schon warten. Noch nen Kaffee? Jep.
Aber jetzt. Den Raben in meinem #Popupforest – unserem Beitrag zur Demo – nochmal umgesetzt und festgezurrt, dann auf zum Treffpunkt, und zusammen mit rund 60 Leuten auf den Zug aus Darmstadt warten.

Polizeimotorräder kündigen sie an. Plötzlich brummt, leuchtet und flackert die Welt – sie kommen! Woohoo! Und wir steigen ein. So ist also Radeln im Pulk. Wie Tour de France für Anfänger. Sehr sehr cool – hatte ich mir schwieriger vorgestellt, doch alle halten immer irgendwie genug Abstand und auch wenn es mal eng wird ist doch immer noch Platz. Nur zwei Umfälle gesehn. Und zwar während wir standen. Uups? alles gut




 
Sternfahren. Flow! Und Stop and Go. Wir sind viele, also stehen wir auch im Stau – in Offenbach, vor der Autobahnauffahrt, aber nicht auf der Autobahn. Fahrradfarn auf der Autobahn (Yeah, Yeah, Yeah)! Ja, Fahrrad-Farn – der macht den ersten Fahrradausflug seines Lebens – zusammen mit Apfelminze, Fingerhut, Buntnessel und Millionbells. Unser #Popupforest-Hingucker kommt gut, der Rabe passt auf – auch der war noch nie mit dem Rad unterwegs….

Die Idee zum Popup-Forest stammt aus New York: Eine Kampagne zur Wildflower Week 2018, bei der Fahrradfahrer, so wie ich heute, mit etwas Grünzeug dabei darauf hinweisen, wie wichtig es ist, unsere Natur, unsere Biodiversität zu schützen. Ab 2020 soll die Idee global umgesetzt werden – Frankfurt hat schon mal angefangen!




 
Und stehn und warten, bis die irgendwo vorne eine Straße freigegeben wird. “IAA 2019: Mit erhöhtem Verkehrsaufkommen ist zu rechnen” informiert die Stadt Frankfurt. Eine genervte Mittfünfziger-Viernheimerin knöttert neben mir auf dem Alleenring: „Wie weit isses denn noch? Ich will zur Demo.“ Wie? Wir sind die Demo! Rund um sie herum relaxte Eltern mit Kindern in Anhängern oder Lastenrädern. Nicht zu vergessen der superrelaxte Hund, der seine Leute aus Mannheim begleitet: heißt Mavie, die Süße.

Und fahrn – und rocken zur coolen Mucke, die vom schwarzen Fahrradtypen vor uns kommt – oder vom Wagen der BUND-Jugend, die mit ihrem Mehrmensch-Velo uns alle mit Musik und coolen Sprüchen bei Laune halten. Boom, Boom, Boom.




 
Radeln als Statement. Wir werden um die Tausend geworden sein bis Frankfurt – wo sich dann alle Züge vereinigen – zu 18.000?! Schätzt das Demobüro. Manche Autofahrer winken uns zu, andere rasten schier aus. Fluchen und Brüllen, völlig gaga oder lassen den Motor extra laut aufheulen. Wer es nicht gewusst hat – sorry for that. Auch manchen Radfahrer tats in der Demomenge gruseln. Die Masse hat ja in jedem Zusammenhang so ihre Pros und Cons.

Aber Zeichen setzen: Hugh. So wichtig. Okay, jedes Fußballspiel bringt mehr Menschen auf die Beine, aber so eine Sternfahrt hat Hessen noch nicht gesehn. Sauber geplant Werner! Sauber gelaufen, Leute. Sternenmäßig gerockt. So viele unterschiedliche Menschen, die zeigen: Mobilität und Lebensstil können, müssen, sollen sich ändern: jetzt!


 
 
 

Disco, Disco Partizani!

2. September 2018 von Sylvia | Keine Kommentare


 
Gestern vor der alten Oper: Frankfurter gegen Rechts und für Musik.
Gerockt, zum Toben gebracht und laut gemacht von DJ Shantel und seinem Bucovina Club Orkestar: Disco, Disco Partizani!
“Bella Ciao” wurde auch angespielt, mitgesummt – und Shantel (aus Sachsenhausen!) hat gleich erkannt: “Leude, so machen wir keine Revolution.” Recht hat er… Also, tobt, rockt, steht auf, haltet zusammen – und tanzt!


 
 
 

Bin denken

6. Februar 2017 von Sylvia | 2 Kommentare

Kleiner Denker
 
Die Zeit, ein Gefängnis? Nabokov schrieb: „Anfangs merkte ich nicht, dass die Zeit, die anfangs so grenzenlos scheint, ein Gefängnis ist.“ Steht in der Einleitung seines Buchs Erinnerung sprich. Als Kind sei die Zeit ihm noch wie eine Ewigkeit vorgekommen. Und schon hab ich mich festgelesen. Dabei wollte ich nur noch mal eben reinschauen, bevor ich das Buch, das vor mehr als zwanzig Jahren leihweise bei mir gelandet ist, wieder zurückgebe.

Damals erschien auch mir die Zeit noch wie ein Meer, in das man sich stürzen kann. Wir hatten Langeweile damals, drei Wochen Ferien am Stück. Wir bastelten Dinge aus Strandgut ohne Workshops zu besuchen. Selbst wenn es diese schon gegeben hätte, wären wir niemals auf die Idee gekommen, unsere oder die Kreativität unseres Kindes anleiten zu lassen. Ein Artikel dauerte mindestens zwei, besser vier Wochen – und ebenso lange brauchte ich, mich davon zu erholen. Ich konnte ihn dann fast auswendig.

So viel Zeit ist schon lange nicht mehr für einen Text. Kollegen würden mich unprofessionell schimpfen, so lange wie das bei mir immer dauert und wie viel ich recherchiere, auch wenn ich nur ein Xtel davon brauche. Muss sich ja rechnen alles. Am Ende des Tages also Kassensturz oder in Schönheit untergehen. Ich halte es mit Woolf. Wie vertraut war mir diese Szene aus dem Film „The Hours“ (Von Ewigkeit zu Ewigkeit), als Virginia die Treppe herunterkommend zu ihrem Mann sagt: „Liebling, kann sein, dass ich jetzt den ersten Satz habe.“

Aber zurück zur diesem rotbraunen Buch mit dem intellektuell schwarzen Rand oben und der silbernen Schrift: Erinnerung sprich. Doch, ich gebe Bücher zurück, und es dauert sonst nie so lange. Echt. Bei Nabokov lags am Scheitern einer Ehe und dem darauffolgenden Verschwinden der Besitzerin aus meinem Lebensfeld. Und dann Jahre später, war ausgerechnet facebook der virtuelle Ort, an dem die Besitzerin und ich uns wiederbegegneten. Und auch noch ausgerechnet bei einer Diskussion auf der Timeline ihres Ex.

Die Timeline, ein Gefängnis? Nabokov war 67, als er das Buch geschrieben hatte. Noch elf Jahre von seinem Tod entfernt. Was mag er später über diesen Satz gedacht haben? Was denkt man, wenn der Tod in die Ritzen des Hirns kriecht? Wenn der so nahe rückt, dass man weiß: man ist die Nächste. Nur wann weiß man nicht, jedenfalls nicht, wenn man dem Tod die Zeit überlässt. Geht Denken dann noch? Wenn ja, wie?

Denken, braucht Zeit und den Dialog mit sich selbst, Hannah Arendt hat das gesagt. Von Trotta zeigt in ihrem Spielfilm über diese Denkerin so wunderbar, wie das aussehen kann: Allein. Im Zwiegespräch mit sich selbst, rauchend auf dem Sofa. Augen geschlossen oder in die Ferne blickend. Auf einen Ort, der sowohl innen als auch außen sein könnte. Und es ist still um sie. Kein Radio, kein Fernseher. Klar, ein Film das, und aus einer Zeit ohne Dauerberieselung aus Medien- und Sozialkanälen. Aber es sieht richtig aus.

Denken heute? Seh schon die Titelzeile Denken 4.0. Wie als ob. Wir eingestöpselt wären und die Denkspiralen interaktiv glühten. Einsam sein. Gilt heute als Manko. Da hat jemand gelost, ist so komisch, ein Freak oder kann nicht sozial. Dabei braucht doch auch der moderne Mensch den Fokus um Denken zu können. Muss Fragen stellen, verdammt gute, ordentlich durchdachte Fragen. Davon werden die Antworten abhängen. Vom Fokus.

Vom Festhalten. Auch am Respekt. Obama drehte auf, übertönte bei einer Wahlveranstaltung seine Anhänger: Hey, hey, hey! Hold up! Focus! Focus!, als sie einen Trump-Fan bepöbelten, statt nachzudenken. Vielleicht das Beste, das Trump anstößt. Dass die Leute wieder wild herumdenken. Schade, dass es nicht vorher schon losging, aber vielleicht ist auch das ein Effekt der Moderne. Dieser Überdruss. Dieses Ferngesteuertsein.

Was will der moderne Zeitgenosse denn noch selber tun? Hemden Bügeln? Nö. Pfandflaschen zurück? Putzen? Auto waschen? Rausgehen? Kochen? Alles Nö. Dienstleister oder Roboter ahoi. Biste nicht mehr weißt, wie‘s geht. Wo war noch mal der Knopf für den Nebelscheinwerfer? Wie kriegt man nochmal raus, ob was wahr oder falsch ist? Ah – die Lügenpresse! Und jetzt so viel Protest. Wahrscheinlich derer, die sowieso den Mund aufmachen. Die anderen schweigen und finden: Der Trump hat recht. Weil sowieso alle Politiker link sind. Lügenpolitik!

Oder um nochmal Arendt zitieren – und zwar das aus einem wunderbaren Essay von Kai Strittmacher, in dem er über die aktuelle Gedankenfreiheit in China und den USA nachdenkt: „Wenn dich jeder immerzu anlügt, ist die Folge nicht, dass du die Lügen glaubst, sondern vielmehr, dass keiner mehr irgendwas glaubt.“ (“Hirsch und Pferd” SZ vom 2.2.17) Verblödung ist das Ergebnis. Ferngesteuerte Verblödete, die sich in totalitären Regimen bestens linken lassen. Dann aber, dann ist Zeit wirklich ein Gefängnis.

 
 
 

Hard Rain: Dylan und Druff

11. Dezember 2016 von Sylvia | Keine Kommentare

Weiß wirklich nicht, weshalb sich alle so über den Nobelpreis für Dylan und Dylan als Nobelpreisträger aufregen. Finde, er hat einen hervorragenden Kompromiss geschlossen und sogar ohne ein Wort deutlich gemacht, dass es auch nobeleske Frauen gibt. Sich zu verweigern ohne sich komplett abzuwenden, Diskussionen anzustoßen ohne das Wort zu führen, poetisch konsequent bis ins Mark zu reagieren – Hey, was wäre literarischer?

Und was zeitangemessener? Denn zeitgemäß ist die ganze Nummer ja Brechtseidank nicht. Eher Hard-Rain-Stuff. Zeitgemäß ist, seinem Partner eine Rastaus-Zeit zu schenken, ein Hotelzimmer zu mieten, indem er/sie alles kurz und klein schlagen kann. Die Superidee stammt, woher wohl, aus USA. Genauer aus Texas, wo in Anger-Rooms seit etwa acht Jahren Sperrmüll mit Lust zu Kleinholz pulverisiert wird – seit kurzem kann man sich auch dabei filmen lassen. Interessantes Material, nehme ich an. Wäre sicher gut für eine Runde Selbsterkenntnis. Aber darum geht‘s nun eher nicht. Das Rumms und Poff soll entlastend und stressmindernd wirken. Nach der Wahl von Trump sollen die Buchungen in den USA in die Höhe geschnellt sein, schreibt Claire Martin in ihrem Artikel zum Thema für die New York Times Wochenendbeilage.


 
Aber es gibt das ja auch hier in Deutschland. Aus verlässlicher Familienquelle habe ich auf mein „Warum macht man das denn?“ die unbekümmerte Antwort erhalten – das sei in und mache einfach Spaß. Die Times Journalistin hat einen Psychologen gefragt, nach dessen Äußerungen die Ausrastzeit eher kontraproduktiv ist. Für Stressabbau empfiehlt er daher Verhaltensschulungen, die auf Achtsamkeit basieren, oder Meditationen. O-kay, aber wie langweilig hört sich das denn an?

Der Hinweis auf diese, sicher den Geisteszustand besser fördernden, Übungen wird ebenso wenig nutzen, wie Kindern aus Gesundheitsgründen Äpfel statt Schokolade zu empfehlen. Interessant ist aber vielleicht doch der Hinweis, dass die Substanzen, die bei den Kleinholzwütereien das Hirn fluten, eher schaden. Ja, schaden.


 
Also nix Wellness am Ende, sondern ein Flimmern in der Herzgegend, das zu Arztweißwas führen kann. Also Obacht! Denn das ist ja für die Anger-Room Zielgruppe, insbesondre die Zwanzig- und Dreißplusjährigen schon wichtig: Die eigene Befindlichkeit, der eigene Auftritt auf der sozialen Bühne und die eigene Reputation rundum. Das Eigentum. Die Angst. Der Kurzschluss. Schließen sogar Kinderwägen im Dachgeschosstreppenhaus an, wo nie jemand hinkommt außer Putzenden. Ach, und dem mal entkommen, einen Overall anziehen, der einen rausnimmt aus der Welt, der einen vermummt und schützt, ein Eskapismus-Kostüm par excellence. Das einen nochdazu die böse, unberechenbare Seite ausleben lässt. Böse Mädchen kommen schließlich überall hin — nicht wahr.

Kann ich alles nachvollziehen. Doch mit dem Overallausziehen und dem Fürdenausbruchbezahlthaben ist ja nix weg. Das Gefühl bleibt. Wird gespeichert womöglich als eins, das voll kickt. Möchte nicht neben dem bodygebuildeten Typ stehn, aus dem es dann bei genügend hohem Stresslevel live herausbricht. Aber auch bei einer schwächeren Ausgabe wissen die derart geschulten Hände dann schon, was man effektvoll und wie zum Kaputt- oder Tothauen schwingt.

Dann lieber Dylan, der das Unberechenbare kultiviert. Der besingt, was Menschsein jenseits friedlicher Meditation war. Sein kann. Ist. Wie Patti Smith by the way. Danke Bob, da mir deren Songs näher und vertrauter sind. Noble. Ohne Weihnachtsschmus auch im harten Regen. Einfach Experi-enced.
 
 
 

Ausstellung: War on Wall

5. August 2016 von Sylvia | Keine Kommentare

Wow_03
 
Auszeit. Ein Tag Berlin auf dem Mauerweg, auf Locationsuche für ein Panorama. Mauer also. Beton. Eisenstangen. Sogar die Reste irritieren noch. Wir passieren einen alten Wachturm – links eine Hochzeit mit Herzchenballons und Korkenknallen, dahinter Roma auf Klappstühlen und rechts auf einer Infotafel aus Plexi alte Fotos. So hat es früher ausgesehen. Etwa 30 Jahre her. Als ich geboren wurde, ist diese Mauer hochgezogen worden, als unser Sohn geboren wurde, wurde sie durchbrochen.

Dann wieder ein Stück Beton und Berlin und plötzlich quietschbunt: die East Side Gallery. Graffiti vom Feinsten. Schönes, Psychedelisches, Abgefucktes, Poetisches – alles, was die Scene so drauf hat. Die Mauergalerie ist – Geschichte? – durch hohe Zäune geschützt. „Zerstörung“, warnen Schilder „werde verfolgt“ und bestraft. Ich fahre Mietrad, sauge Farbe, lese Kronkorken. Ein Hund pflückt ein Frisbee aus der Luft.

Es ist heiß in Berlin. Das Gras gelb und und wir folgen der Mauer und plötzlich sind wir hier: War on Wall – Kai Wiedenhöfers Syrien-Doku. Fast dran vorbeigefahren. Riesige Panorama-Fotos. Still aber berstend vor Gewalt. Kobanes Straßen in Schutt und Asche. Zerfetztes Welllblech, Trümmer, zerbombte Häuser. “So sah es auch mal in Europa aus”, erinnert der Berliner Fotograf und schreibt, dass er immer wieder nicht glauben könne, was Menschen einander antun.

Packender Einführungstext. Sein erklärtes Ziel: den Betrachtern die Menschen nahe zu bringen. Zwischen seinen Wahnsinns-Panoramen der kaputten Stadt in gedeckter Schutt-Farbe ragen deshalb überlebensgroße, und sehr farbige Porträts auf. Gehen ins Auge, unter die Haut. Das Mädchen etwa, 11 Jahre, das durch eine Fassbombe seine ganze Familie und ein Auge verlor. Kleinkinder, Teenager, junge Männern und Frauen, alte Frauen und Männer – mit furchtbaren Verletzungen, mit Arm- oder Bein-Prothesen und mit Blicken aus Metall. „Die Medien“, schreibt Kai, die Medien informierten nicht mit ihren Nachrichten, sie klärten nicht auf. Im Gegenteil: Die absurd und zugleich obszön unverständlichen und damit sterilen Zahlenblöcke seien ein Schleier, der echte Tote und echte Verletzte verbirgt. Seien letztlich das Schmiermittel für weitere Kriegshandlungen, weitere Tote und Verletzte, weiteres Leid.

Wand auf Wand: Als ich die Geigerin sehe, knickt mir alles weg. Ein kleines auf eine Hauswand gemaltes Bild, die zugehörige Wohnung weggesprengt. Nur diese Mauer steht noch. Voller Einschüsse. Doch das Mädchen im himmelblauen Kleid führt noch den Bogen. Wer hat das gemalt? Romeo, 08. Schwarzes Haar, ernstes Gesicht um sie herum wachsen Bäume in einen schwefelgelben Himmel.

Später lese ich in der Photo-News, dass der Fotograf die Ausstellung verschiedenen Institutionen und Museen angeboten hat. Keine wollte die Ausstellung. Ja, die Geschehnisse in Syrien sind schlimm. Aber… Als Ausstellung? Krieg auf der Wand? Die Time habe ein paar Porträts von Verletzten online zeigen wollen, erzählt Kai Wiedenhöfer im Interview. Wollte 500 Dollar dafür zahlen – „einfach ein Witz“.

Dann lieber hier. Und besser hätte der Ort nicht gewählt sein können. Der brutale Abriss der Stadt Kobane an der Grenzlinie zum IS direkt vor den Kränen und dem irren Wachstum Berlins. Vor dem blendenden Mercedes-Stern. Die Flaneure werden still. So viele Betrachter wie hier – vor allem so viel unterschiedliche, wie Kai Wiedenhöfer selbst betont – die ihren Schritt verlangsamen, denen er ein Peace-Korn mitgibt, hätte ihm kein Museum eingebracht. Wir folgen der Mauer. Der Geschichte. Berlin.

WoW_02
 

War on Wall – Fotografien vom Krieg in Syrien auf der Berliner Mauer
Noch bis Ende September und frei zugänglich
Mühlenstraße, West Side Gallery
(so heißt, die der Spree zugewandte Rückseite der East Side Gallery )

Es gibt auch ein Buch vom mehr Städte umfassenden Wall on Wall-Projekt – denn Behindernde gibts überall, daher überall auch Mauern, Grenzen..
Das Buch: Confrontiers