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Weiß wie Neutralität

17. März 2022 von Sylvia | 2 Kommentare

Zeit heute

Es erfordert Mut heute, einen Text für eine Zeitung zu schreiben, der Friedensverhandlungen Waffenlieferungen vorzieht. Es wird jemand ausgebuht heute, weil er wagt, dasselbe auf einer Friedensdemonstration zu sagen. Es werden Sprüche wie dieser auf Facebook geteilt: „Pazifismus ist das Privileg der Behüteten“. Es gibt einen Ort, wo Tschaikowsky nicht mehr gespielt wird, weil er Russe war. Wollt ihr auch Dostojewski, Achmatowa und Zwetajewa verbannen? Kandinski, Rodtschenko ihre Bücher und Bilder verbrennen? Als ob. Einer der andauernden oder zurückliegenden Waffenlieferungen irgendwen, irgendwas besser gemacht hätten. Fällt euch nichts anderes ein als nach Waffen zu rufen? Habt ihr nichts anderes zu tun? So wie die Söldner, die sich jetzt heerscharenweise und freiwillig melden, sich nützlich zu machen.

Ich kriege die Bilder nicht aus dem Kopf. Die aus den Nachrichten der letzten drei Wochen: Eine Frau, an einem roten LKW. Hinter ihr kracht ein Geschoss, zitternd drückt sie sich an die Wagentür. Ein singendes Mädchen. Menschen, die auf Bretterplanken einen Fluss überqueren. Eine Frau, braungebrannt, aus dem Urlaub kommend, die zurück will nach Hause, “Meine Bienen” sagt sie und weint. Ich habe keine Tränen mehr, sagte eine 23 Jährige einem Reporter bei der Beerdigung des Bruders ihres Verlobten. Beide tot. Und darüber ein Schild “Gott und die Ukraine über alles.”

Zeit zurück

„Weiße Sonne, tiefe, tiefe Wolken,
Vorbei an Gärten, Friedhof hinter weißer Wand,
Und dann aus Stroh unter mannshohen Balken
Ein Schwarm von Vogelscheuchen auf dem Sand.

Und ich, über die Zaunspitzen gelehnt,
Seh: Wege, Bäume, Soldaten ab und an,
Und eine Alte sitzt in ihrer Tür,
Streut Salz auf schwarzes Brot und kaut und kaut daran.

Mit was brachten die grauen Katen dich in Zorn?
Mein Gott? Warum so vielen durch die Brust geschossen,
Der Zug brüllte vorbei und die Soldaten brüllten.
Der Rückzugsweg, staub- staubübergossen.

Nein, sterben! Besser nicht geboren werden
Als dieses klägliche mühselige Gebrülle
Von schwarzäugigen Schönen. – Ach sie singen
Jetzt, die Soldaten! Gott, was ist dein Wille!“

(Marina Zwetajewa, 1916)

„Mitten in der Nacht erwachen wir. Die Erde dröhnt. Schweres Feuer liegt über uns. Wir drücken uns in die Ecken. Geschosse aller Kaliber können wir unterscheiden…
Aus uns sind gefährliche Tiere geworden. Wir kämpfen nicht, wir verteidigen uns vor der Vernichtung. Wir schleudern die Granaten nicht gegen Menschen, was wissen wir im Augenblick davon, dort hetzt mit Händen und Helmen der Tod hinter uns her. wir können ihm seit drei Tagen zum ersten Mal ins Gesicht sehen. Wir können uns seit drei Tagen zum ersten Mal wehren gegen ihn, wir haben eine wahnsinnige Wut, wir liegen nicht mehr ohnmächtig wartend auf dem Schafott, wir können zerstören und töten, um uns zu retten und zu rächen. …
Käme dein Vater mit denen drüben, du würdest nicht zaudern ihm eine Granate gegen die Brust zu werfen!“

(Im Westen nichts Neues, Erich Maria Remarque, 1970)

“Die militärische Institution ist ein zyklothymes Tier, das im Frieden schläft und im Krieg erwacht. Die Konsequenzen dieser beiden Zeiten des Militärapparates sind bisher nicht genügend in Betracht gezogen, die Eigenschaften dieser “Kriegszeit” sind nicht ausreichend hervorgehoben worden; das ist einer der Gründe für die grundlegende Fehleinschätzung des militärischen Phänomens…

Für die militärisch-industriellen Mächte wird der Friedenszustand dominieren, für die militärisch-ländlichen wird es der Kriegszustand sein. Der Riss, der in der Vergangenheit während den Perioden des Friedens und des Kriegesn innerhalb ein und derselben Nation bestand, wird in Zukuft die ganze Welt zerteilen…

Aber übrigens: Wer hat eigentlich den Frieden erfunden?

(Bunkerarchäologie, Paul Virilio, 1992)

Zeit durch Zeit

„Es gibt viele Arten sich mit Konflikten zu beschäftigen. Wir können ihnen feindlich, aggressiv oder gewaltsam begegnen oder wir können einen gewaltlosen, schlichtenden, fürsprechenden Weg einschlagen. Wenn wir Konflikten feindlich, aggressiv oder gewaltsam begegnen, weiten sie sich aus und verästeln sich. Jene, die von dem gewaltvollen Konflikt betroffen sind – direkt oder auch indirekt durch Erfahrungen der zweiten und dritten Generation – neigen dazu, ebenso zu reagieren und so die Gewalt fortzusetzen, die sie erfahren haben. Wenn dem Konflikt aber mit gewaltlosen Mitteln begegnet wird, dann gibt es Hoffnung, ihn zu einem friedensstiftenden Werkzeug zu verwandeln und die beteiligten Personen in einen harmonischeren Daseinszustand zu bringen.“

(Aktivismus heißt Verbindung, Sherri Mitchell 2018)

Zeit vor

Erinnern heißt, in Beziehung gehen. Mit der eigenen Geschichte, mit der der anderen. Miteinander reden, kommunizieren, der Gewaltdynamik eine Absage erteilen. Das wäre nicht Privileg oder gar Luxus, sondern Entwicklung. Weltpersönlichkeitsentwicklung ohne Grenzen, aber mit Verbindlichkeit.

 
 
 

Kohle

16. März 2022 von Pat | Keine Kommentare

 

 

 

Kein Geld für Putins Krieg

Aufruf von Greenpeacehttps://act.greenpeace.de/kein-geld-fuer-putins-krieg?utm_campaign=climate-emergency&utm_source=newsletter&utm_medium=email&utm_content=button&utm_term=20220315-energiewende-stoppt-putin

La Guerre

15. März 2022 von Pat | 1 Kommentar

“Der Anblick, den Europa heute bietet, ist sehr traurig, aber auch sehr lehrreich. Auf einer Seite ein Kommen und Gehen von Diplomaten und Höflingen, welches jedesmal, daß die Luft anfängt, nach Pulver zu riechen, augenfällig zunimmt. Man knüpft und löst Bündnisse; man schachert und verkauft das menschliche Vieh, um sich Verbündete zu sichern. „Soviel Millionen Köpfe, welche unser Herrscherhaus dem eurigen überläßt; soviel Hektar Land, um sie darauf zu weiden, diese Häfen, um ihre Wolle zu exportieren!“ Und es handelt sich darum, wer in diesem Geschäft den anderen besser betrügen kann. Das nennt man in der Sprache der Politik: ‘Diplomatie’.

Andernteils Kriegsrüstungen ohne Ende. Jeder Tag bringt uns neue Erfindungen, um unsere Nächsten besser ausrotten zu können, neue Ausgaben, neue Anleihen, neue Steuern. Patriotismus zu schreien, in Chauvinismus zu machen, den Hass zwischen den Völkern anfachen, wird in der Politik und im Journalismus zum einträglichsten Geschäft. Sogar die Kindheit wird nicht verschont; man reiht die kleinen Buben in Bataillone ein, man erzieht sie im Hass gegen den Fremden, man dressiert sie zum blinden Gehorsam jenen gegenüber, die gerade die Regierung in Händen haben – einerlei, welcher Partei dieselben angehören. Und wenn diese Kinder aufwachsen und einundzwanzig Jahre erreicht haben, wird man sie wie Maultiere mit Patronen, Proviant und Werkzeugen beladen, man wird ihnen ein Gewehr in die Hand geben, und man wird sie lehren, nach dem Klang der Trompete zu marschieren und – wenn es ihnen von vorgesetzten Militärpersonen befohlen wird – sich gegenseitig wie wilde Tiere umzubringen, ohne sich je zu fragen: Warum? Zu welchem Zweck? Ob sie den Armeen einer fremden Nation gegenüberstehen, oder gar ihren eigenen Brüdern, die durch das Elend zur Empörung getrieben werden – einerlei, die Trompete ruft, sie müssen gehorchen!

Dies ist es, worauf all die Weisheit unserer Regierenden und Erzieher hinausläuft! Dies ist das einzige Ideal, das sie uns geben konnten, und dies in einer Zeit, wo die Ausgebeuteten aller Länder es immer mehr als höchste Lebenspflicht erkennen, daß sie sich über die Grenzen hinweg die Hände reichen sollten!

„Ah! Ihr habt den Sozialismus nicht gewollt? Also gut, ihr werdet den Krieg haben – den dreißigjährigen, den fünfzigjährigen Krieg!“ sagte Alexander Herzen nach 1848. Und wir haben ihn; wenn der Kanonendonner für einen Augenblick aufhört, so ist es nur, um Atem zu holen, und anderswo mit neuer Kraft wieder anzufangen, während der europäische Krieg – das allgemeine Handgemenge der Völker – seit Jahrzehnten droht, ohne daß man weiß, wofür man kämpfen wird, mit wem, gegen wen, im Namen von was für Prinzipien, in wessen Interesse?

In früheren Zeiten, wenn es einen Krieg gab, wusste man wenigstens, wofür man sich hinschlachten ließ. – ‘Dieser König hat unseren König beleidigt – also bringen wir seine Untertanen um!’ ‘Dieser Herrscher will dem unseren seine Provinzen wegnehmen? – Sterben wir also, um seiner Allerchristlichen Majestät dieselbe zu erhalten!’ Man schlug sich wegen der Rivalität der Herrscher. Das war dumm, und die Könige konnten deshalb für einen solchen Zweck nur ein paar tausend Menschen anwerben. Aber was zum Teufel ist die Ursache, dass heute ganze Völker bereit sind, sich aufeinander zu stürzen?

Die Könige haben in den Fragen des Krieges nichts mehr zu sagen. Sie werden alle Impertinenzen und Beleidigungen der Nachbarherrscher und -völker ruhig einstecken, solange die Bankiers und Fabrikanten ihrer Länder – diese nennt man heute ‚Patrioten‘ – ihnen nicht den Befehl geben, ihre Armeen in Bewegung zu setzen. In Russland wie in England, in Deutschland wie in Frankreich schlägt man sich nicht mehr für die Launen der Herrscher; man schlägt sich für die Erhaltung der Einkommen und der Vergrößerung des Reichtums der allermächtigsten Herrschaften.” …

 

Dies ist ein Aussschnitt aus „Der Krieg“, der Text wurde von der Anarchistischen Bibliothek archiviert. Er wurde entnommen aus Peter Kropotkin – Worte eines Rebellen (rowohlt 1972. S.52-57). Der Text erschien unter dem französischen Titel „La Guerre“ in der Originalausgabe Kropotkin, Petr A.: Paroles d’un révolté bereits 1885. Die Übersetzung aus dem Französischen stammt von Pierre Ramus (Rudolf Großmann), einem österreichischen Aktivisten und Theoretiker des Anarchismus und Pazifismus. Neue Debatte hat den Beitrag unbearbeitet übernommen, um durch den Blick auf die Vergangenheit eine umfassende und kritische Diskussion über die Ereignisse der Gegenwart zu ermöglichen.

Dank an Harry für den Text.

Es ist an der Zeit – Hannes Wader & Konstantin Wecker & Reinhard Mey – Live 2014

Im Frankfurter Osten, 1987

9. März 2022 von Pat | Keine Kommentare

Auf die Bühne kommt der erste. Er singt.
Auf die Bühne kommt der zweite und ermordet den ersten.
Er singt.
Auf die Bühne kommt der dritte und ermordet den zweiten
der den ersten ermordet. Er singt.
Auf die Bühne kommt der erste und ermordet den dritten
der den ersten ermordet der ihn selbst ermordet.
Er singt.
Auf die Bühne kommt der zweite und ermordet den ersten
der den dritten ermordet der ihn selbst ermordet
der den ersten ermordet. Er singt

Milan Napravnik

 

Demo gegen den Krieg: Sonntag, 12 Uhr, Opernplatz Frankfurt