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Buchkritik: Die Wildnis in uns

Erzählen kann er! Kaum eingeführt ins Buch, schauderts mich. Ich lese, dass er seit Stunden in die falsche Richtung läuft, statt zur angesteuerten Hütte. Dass er mitten in Nieselregen, Schnee und Eis steckt, ohne Wegmarke. Ein Krimi. Wie er die aufblockenden Gedanken beschreibt, das einblitzende Erkennen des Irrgehens – und die Angst. Hätte er die nicht überwunden, gäbe es das Buch nicht, schon klar, dennoch packt sein Bericht, als wär man dabei: Schafft ers? Er muss, sonst erfriert er und keiner kriegts mit.… Und dann im Laufschritt zurück – auf den rettenden Weg.

Mitten im weißen Nichts Menschlein sein – und Überlebender werden. Ein Erlebnis, an dem Torsten Schäfer klar macht: Wildnis ist keine Tourismus-Kulisse oder Outdoor-Kick. Wildnis, kann so tödlich sein wie unendlich wunderbar. Zu all den Facetten dazwischen kann er Erlebnise erzählen, selbst erlebte sowie gesammelte. Doch sie sind nur ein Aspekt von „Die Wildnis in uns“. Geschrieben wurde das Buch aus der Überzeugung heraus, „dass wir indigen Menschen neu zuhören müssen, die seit Jahrtausenden viel näher an der Natur leben und sich an ihre Veränderungen weltweit anpassen angesichts der lebensbedrohlichen Klimanot.“ Und so nimmt er die Leserschaft mit auf Lappland-Studienreisen – zu Samis, die er nach ihren Ankerpunkten fragt – und nach ihrem Verständnis von Natur und Wildnis. Wieso „Wildnis“? Fragen sie zurück. „Wir arbeiten hier!“ Wildnis ist Alltag für sie. Die Lebensform mit Rentieren ist manchem vielleicht noch bekannt, doch manche Samis leben auch vom Fischfang. Bis er nicht mehr kam, vom Lachs. Ob Rentierhaltung oder Fischfang – das ergibt unterschiedliche Lebenskulturen, erläutert Torsten Schäfer und spannt den Kulturbogen der Lachsartigen auf. Führt zu fließenden und stehenden Wassern und darüber hinaus. Berichtet, was der Lachs sucht und braucht, und wie es Menschen, Tiere und Land verändert, wenn er nicht mehr kommt.

Ich hätte es bei dem eher wenig ködernden Cover nicht vermutet, doch nach dem zweiten Absatz war ich gewonnen und schließlich hat Torsten Schäfer mich dreifach angesprochen: Als Wildnispädagoge, der indigenes Kulturgut vermittelt, mit dem Teilen seiner sehr persönlichen Lern- und Erlebnismarken, und nicht zuletzt der beharrlichen, teils poetischen Arbeit mit Worten. So konnte ich auch das teils akribische Faktenaufzählen annehmen, das mir in anderen journalistischen Texten oft die Leselust raubt. Als Lektorin hätte ich das eine oder andere wohl gestrichen. Apropos Lektorat – @oekom: Gab es überhaupt eins? Ich denke eher, Madame KI war am Werk. Ich hätte gern gegengelesen und den einen und anderen Rechtschreib-Fehler getilgt. Vor allem aber dafür gesorgt, dass der Name der großartigen und oft zitierten Robin Wall Kimmerer durchgängig richtig geschrieben wird.

Also, nichts gegen Zitate und Fakten. Vor allem, wenn sie neugierig machen. So höre ich jetzt Musik der Sami Marie Boine, hab den (Sami-)Film „Der Fluss darf nicht sterben“ gesehen, und lese (Ami) Gary Snyders „Practice of the Wild“. Entdeckungen! War mir alles noch nicht untergekommen. Von Snyder stammt der schöne Hinweis, dass jeder Mensch am vertrautesten mit der Landschaft ist, in der er als Kind aufgewachsen ist. Ähnliches fand ich schonmal vor Jahren beim Schweizer Psychologen Allan Guggenbühl. Der schrieb, wie einem die Kindheitslandschaft das Denken und Fühlen prägt. Es macht halt einen Unterschied, ob man in einem Tal aufwächst, das von zackigen Berggipfeln umstanden ist, sanfte Odenwaldhügel und einen kleinen Fluss im Blick hat, oder Großstadtgeblinker.

Naturschreiber wie Torsten Schäfer rühren wirklich die wilde Seite, Saite, Seele an. Da Worte, die das vermitteln uns teils verloren gegangen, hat Robert MacFarlane sie illustriert aufgeschrieben. Auch Torsten Schäfer arbeiten am Renaturalisieren der Sprache. Als Prof an der Dieburger Journalisten-Hochschule geht er raus mit seinen Studs. Lässt sie Buchen, Eichen, Erlen werden und deren Geschichten erzählen. Aufdass ihre Reportagen lebendiger werden. Wilder auch und mitreißender. Wie Flüsse halt. Immer wieder führt der Autor ans Wasser. Von der ersten Seite an. Wirft die Angel aus, erzählt aus seiner Kindheit an der Modau und im Wald. Von der Mühe einen Fluss zu entmüllen und sauber zu halten. Von der Sehnsucht nach Fischreichtum und wie dann tatsächlich vom Rhein kommend Bachforellen seinen kleinen Heimatfluss zurückeroberten. Unbeleckte werden lernen, dass die schöne Forelle zu den Lachsartigen zählt, dass der größte Lachsartige in der Donau sich tummelt – und wie es sich so lebt als Forelle.

Dass ausgerechnet die Modau sein Kindheitshabitat ist, hat mich persönlich berührt, denn an der Modau habe ich auch mal gewohnt. Aber nie so genau wahrgenommen. Wird nachgeholt. Im Juli bei einer Radtour folgen wir ihr zum Rhein. Gerade hat sie eine Giftwelle hinter sich, die einige Fische getötet hat. Ohne Torsten Schäfer auf Instagram wüsste ich es nicht. Stichwort Umweltschmerz. Wohin damit? Auch dieser Aspekt, der einen manchmal lähmt, und mit dem Naturverbundene oft kämpfen, bekommt Raum in „Die Wildnis in uns“. Die schönste Geschichte darin gehört der Bachforelle – und kommt als perfekter Bogen zum Schluss. Ein bereicherndes Buch, mit vielfältigen Anregungen zum Nachdenken, Weiterlesen und aktiv werden.

Torsten Schäfer: Die Wildnis in uns. Von ungezähmter Natur und inneren Landschaften
oekom 2026, 176 S., 19 Euro.

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