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Schottland – Reiselogbuch #3

22. Oktober 2018 von m&m | Keine Kommentare

5. Juli


 
Nach Uig am Geburtstag unseres Sohns. Erinnerungen an die Geburt und Gedanken an den heute 29jährigen sind mit uns.

Der Weg – Weite. Darüber Wind. Das Gras schüttelnd, den Fels schrubbend. Am Weg Findlinge, mit hellen, kreisrunden Flechten besprenkelt. Unterwegs: Eine Schotttendistel in weiß. Ein gutes Omen?

Wind und Wind und Wind. Ein Straßentag mit Hänger. Tiere sehen wir hauptsächlich als Wildunfälle der Straße. Roadkill. Ein toter Marder, Kaninchen, ein Rothirschskelett. Vor ein paar Tagen sah ich eine prächtige Möwe, als lebe sie noch, am Ortseingang von Stornoway. Auf unserem letzten Ausflug einen Igel, eine Sperberin. Ansonsten ist die Landschaft karg. Lässt dir Platz bis zum Horizont. Meist sind wir unterwegs die einzigen auf der Straße.



 
Wann sind wir endlich da? Ich glaube den Weg verloren, uns verirrt. Es geht immer nochmal um die Ecke, immer kommt noch eine weitere Biegung – und kein Schild weit und breit. War da nicht vor etlichen Kilometern eins? Richtung Camping, in eine ganz andere Richtung?? Schon recht spät jetzt. Pat, der den Hänger hat, völlig platt. Schnauft: „Ich kann nicht mehr treten.“ Aber wechseln will er nicht.

Endlich tut sich was rechterhand. Ein ellenlanger Strand, wie angekündigt. Pat zeigt dorthin: da unten muss es sein. Wir folgen mit dem Blick unsrem Straßenband, realisieren, dass es sich vom eigentlichen Ziel da unten geradeausweg bewegt, dann windend und schlängelnd wieder hin. Hrgh! Zuur–Hölle.

An der letzten Biegung zwei Rothirschkühe. Sie stehn im Eck eines umzäunten Grundstücks. Rechts von ihnen Fels, vor ihnen wir – Aug in Aug. Kurzer Blick, wenden und ab!

Der Zeltplatz wie versprochen: Direkt am Strand. Wir gehen weit nach vorne, wo es nur wenige Leute hat. Die Wildzelter. Die meisten sind näher dran am Häuschen mit den Sanitäranlagen – und dem Strom.


 
Die meisten mit Wohnmobilen. Immer wenn uns so eins auf der schmalen Ministraße überholte, fand ich sie furchtbar. Unpassend, wie sie in der Blase ihrer mitgeführten Komfortzone vorbeieilten, als sei die Zeit gleich um. Während wir uns mit letzter Kraft und Disziplin hügelan arbeiteten. Nein, kein Neid. Mochten sie ohne die Säure der Anstrengung dahinsausen. Ohne Mumm. Pah.

Und endlich da: Zeltaufbauen. Zur Ruhe kommen. Irgendwann merkt Pat: seine (beste) Outdoorflasche ist weg. Muss bei der letzten Rast mit Hängerabwechslung unbemerkt liegen geblieben sein. Die ist wohl weg, ärgert sich mein Mann. Schaunmermal. In ein paar Tagen, wenn wir weiter fahren, kommen wir ja dort wieder vorbei… Dumm. Aber den Höllenritt zurückfahren und gucken will keiner von uns.

6. Juli

Moin Uig!
Morgens feucht und trüb. Am Strand alles voller Fußspuren – Menschen, Hunde, Wasservögel. Und was für ein Strand. Flach und weit – und dazu windet er sich immer an der felsigen Küste längs. Bei Ebbe gehts kilometerweit und immer wieder um eine Klippenecke. Zum Verlaufen groß. Bis zum Meer braucht man fast zehn Minuten. Von oben schauen oft majestätisch die Hüter der Höhen, die Schafe herab.



 
An den frischen und alten Spülsäumen des Meers viele abgerissene Tangwedel. Filigrane federartige, fast weiß bis schlammbraun. Oder große Äste mit Blättern, die wie transparente Kunstlederriemen aussehen. Dazu curryfarbene mit Luftpölsterchen… Manche fühlen sich wie Papier an. Foto! Bitte zuhause Cyanos draus machen.

Pat kocht. Entspannt ihn, schmeckt mir. Jeder von uns greift nach einem Happen Zeit. Zeit fürs ankommen, sich finden, sich rauswagen, sich rausfühlen und eins werden mit dem Leben draußen.

Wind, Wind! Bisschen Sonne auch heute, die das atemberaubende Strand-Düne-Berg Panorama sehr cool ausleuchtet.

7. Juli



 
Ganz Sartre. Jeder auf sich geworfen. Jeder unter dem Blick des anderen. Ihn mal wünschend, ihn mal meidend oder drunter leidend. Die Alltagsmahre derweil an der Schädelnaht kratzen. So ringt jeder mit seinen Störsendern, diesen ungelösten, sich immer fester ziehenden Denkknoten. Die geruhsame Freundlichkeit der Inselschotten tilgt indes manches. Lindernd wie Balsam: Hi Dear. Are you okay?

Eine wachsende Population von Fischottern soll auf Lewis leben. Ich also meine Fährtenleser-Basics, das “Messbesteck”, immer griffbereit. Die Augen otterspottrig geweitet. Allerdings auch hier, im Regenland, dies Jahr alles viel zu trocken. Spurenlesen für Fortgeschrittene. Die Flussufer steinig oder durchzogen von Wurzelwerk. Ich finde nichts. Keine Fraßspur, kein Trittsiegel, keine Losung. Von der Sichtung lebendiger Exemplare ganz zu schweigen. Wollte ich ernsthaft suchen, müsste ich wohl ein, zwei Tage nichts anderes tun. Aber wir wollen ja die Insel gemeinsam erkunden …

Morgens am Strand ein Greifvogel mit Beute in den Fängen. Was genau, ist nicht auszumachen. Dass er trotzdem rüttelt?! Keine Kamera griffbereit.




 
Einkaufen. Der nächste Shop liegt oben an der Höllenritt-Straße – maximal fünf Kilometer von uns entfernt, trotzdem haben wir keinerlei Ambitionen, mit dem Rad hin zu fahren. Das Fahrradhirn streikt. Die Quälerei der Hinfahrt noch recht präsent. Aber Luftlinie und zu Fuß sieht es doch viel kürzer und einfacher aus – oder?

Tatsächlich. Lauflust pur! Wir queren die saftgrünen Schafswiesen, mit ihren omaweichen Torfpolstern und nutzen die Wege von Torfstecher und Schaf. Bei normalem Wasserstand ohne kniehohe Gummistiefel sicher kaum passierbar. Wir folgen den Tierpfaden, klettern über Weidezäune und stehen im Community Shop wie kleine Kinder. Solche Shops gibts hier überall in der Pampa der Insel Lewis. Gemeindeläden, wo man fast alles bekommt. Vom Handykabel über Hommus-Brotaufstrich bis zum Whisky. Letzteren allerdings erst ab 10 Uhr (Kinderschutz).

Da wir zwar keinen Whisky aber Wein und Cider mitnehmen wollen – und es halb zehn ist –, trinken wir noch einen Kaffee vorm Einkaufen. So der Plan. Pat wartet draußen, ich ordere Kaffee und werde zur einer Riesen-To-Go-Maschine geschickt. Ich brauche viel Assistance, bis ich gerafft habe, was bei diesem KI-Kaffee-Monster zu tun ist: Erstmal passende Münzen einwechseln. Nur 50-Pence-Stücke (und nur neue!), dann eine Sorte Kaffeeflavour aus 10 möglichen auswählen. Das entsprechende Tütchen aus der Schublade picken, in die Vorrichtung pfriemeln – Go, die erste. Für den Cappuccinogeschmack ein weiteres Tütchen aus einer anderen Schublade. Auch wieder vorsichtig in den in den Schlitz fummeln – aber nicht zu tief, sonst: „Sorry, can you please help me?“ Dann muss der Verkäufer die Sauerei wegmachen, vielleicht ist dann auch noch das Wasser alle. Dritter Versuch und PUSH! Stunden später hatten wir unsere Cappus.

In der Kaffee-Ecke ein Mini-Heimatmuseum, mit Lokalinfos, Brettspielen, Büchern. Büchern! Selten so viele Leute lesen gesehen wie hier auf der Insel. So sehen Beschäftigungen aus. Kein Internet, nix. Auch am Zeltplatz nicht. Dafür Spülplausch. Sehr sozial hier die Jungs. Beim Spülen wirste eingeladen zur Offenen Party am Reef Beach, hörst von den besten Möglichkeiten zum Kitesurfen. Oder wirst getröstet, wenn du wieder mal keine Delfine gesehen hast.

8. Juli



 
Vom Zelt aus im Blick: Unser Hausberg Suaineabhal. Riesenberg. Viele Winter und viele Sommer sah er kommen und gehn. An Schottlands Küsten hier oben im Norden gibt es aufgrund von Urgesteinsbewegungen die ältesten Oberflächensteine Europas – teils älter als die Alpen. Das Gebirge war mal höher als der Himalaya.

Suaineabhal, unser Blickberg, ein karges Adlerheim. Sich jeden Tag wie ein Chamäleon wandelnd. Manchmal ganz im Nebel. Immer dominant. Und rund wie eine liegende Brust; mit Spitzchen. Das haben alle Berge hier, obendrauf ein Steinmännchen. Wir fotografieren ihn bei jedem Licht, allen Wettern. Heute morgen im Niesel: Regenwolkenschleier bis zum Boden; das Licht grandios. Nordlicht, Meerlicht. Wir saugen es ein. Trinken und trinken. Die Farbe des Meeres: türkis.

Neue Nachbarn heute, leben sonst auf Skye. Sie stammt von dort, ein Mädchen von den Inseln. Drei, vier Jahre älter als ich. Mit Hund – Spenster. Man könnte problemlos neue Freunde finden. Hier weit draußen. In aller Ruhe. Man braucht nicht viel sagen, nicht viel tun, lernt sich trotzdem ganz gut kennen.

9.7

Gallan Head


 
Nahe bei gibt es noch einen Delfin-Aussichtspunkt, der wie viele Tier-Beobachtungspunkte an der Küste mal eine Militärbasis war. Wir fahren hin im Wind, werden dort vom Wind gezaust und fahren zurück im Wind. Die Siedlung kurz vom Aussichtspunkt, wie aus einem Film. Der Militärschrott unübersehbar präsent. Prägt eine seltsame Atmosphäre. Können Kinderspielzeug und bunte Vorhänge nicht wett machen. Sehr Nord. Sehr Pragmatisch. Wir leben hier. So what?

Der Gallan Head Aussichtspunkt selbst – gespenstisch. Alte Bauten, zusammengestürzt oder zerstört, alte Kabel, tot hoffentlich. Als wäre ein Krieg drüber gefegt. Ich denke an die Bunkerkette der Normandie. „Danger – Mines!“ stand damals am Beton. Hier steht außen an einer Mauer geschrieben: Danger! High Voltage! Drinnen eine Graffiti-Grimasse.

Der Ort voller Vogelwächter, die uns auf Schritt und Tritt begleiten. Möwen und Austernfischer schimpfen: wegwegweg! Wir kämpfen uns vor bis an die windigen Klippen. Wir finden jeder für sich einen guten Sitzplatz auf dem grau-weiß-schwarz gesprenkelten Fels. Können uns nicht satt sehen. An der Weite, am Blau des Meeres. Am Flug der Basstölpel, Tauchen der Kormorane.

10.7.


 
Ein Tag Fährtenlesen. Ich schwärme aus: Wer frisst eigentlich all die Kaninchen? Fellreste, Pfoten, Wirbelsäule, Schädel, Hüftknochen… Liegt alles bunt verstreut herum. Ich sehe einen Bau, eine Fleischverpackung tief im Eingang. Wer wohnt hier? Spuren trotz des Regens vorher leider undeutbar. Der Sand schon wieder trocken. Regenpfeifer, Bachstelzen und Steinschmätzer warnen. Manche von ihnen bewohnen offenbar auch Kaninchenbaue und behalten mich im Auge, während ich fotografiere, notiere, zeichne…

Schnuppere und aufnehme: Duft der Wiesen. Frisches, grünes Gras, Blüten. Heublumen. Kräuter mit großen weißen Dolden wachsen hier, Orchideen (geflecktes Knabenkraut), teils blasslila, teils dunkelviolett – wie hängt das mit den Böden zusammen? Wir haben hier Torf, Humus, Sand. Bis heute der Boden meist rissig-trocken.

Draußen regnets, ich wälze meinen Naturführer und bestimme die Dünenflora: Strand-Hafer, Gras-Nelke, Sumpf! Sumpf! Sumpfdotter, Schaf, Schafgarbe, Gäns – Frauenmantel, Gänseblümchen, Kna-benkraut! Pissnelke, Orchidee, und Thy-mi-an. Hi Dear, Pfennig und Labber, Labber und Pfennig. Lab-kraut, Pfennig-Gilb-Weiderich!



 
Gestern kamen wieder neue Nachbarn. Aus Glencoe diesmal – später erfahren wir, dass es Landsleute sind. Expats aus dem Ruhrpott. Sie bauen ein cooles, tipimäßiges Spitzzelt auf. Haben wir vorher noch nie gesehen (danach hatten wir nochmal dänische Nachbarn mit so einem Zelt, aber ne Nummer kleiner und von einer andren Marke). Dass es Deutsche sein müssen, dachte ich mir beim Namen des Hundes: Momo. Sie schlafen darin im Kreis an der Zeltwand entlang. In der Mitte wäre Platz für ein Feuer, aber das machen sie nicht. Der Superhund wacht draußen. Muckst sich nicht, wenn die Tiere vorbeikommen, die hier zuhause sind. Entspannteste Familie ever. Heyho Leute, wenn ihr das lest: Schön euch kennengelernt zu haben.

Ein anderer Nachbar ist kaum zu sehen. Ein Minimalist. Rennrad, Biwaksack – fertig. Nur das mit dem Essenstransport sei ein Problem. Aber Taschen wie wir – er schaut auf unsren Hänger, die Packtaschen. „Bewundernswert“, sagt er (was meint er wirklich?) „Für sowas bin ich zu faul.“ Wir finden auch ihn bewundernswert. Mit seinen eher unpraktischen Anziehsachen und dem Schlafplatz unter der Uferböschung, die ihn nachts wie ein Dach schützt.

Wir packen im Niesel. Die Familie bleibt – wir winken einander. Bereit? Wir starten zum nächsten Wellenritt an Land. Next Stop: Bosta Beach.

 
 
 

Schottland – Reiselogbuch #2

14. September 2018 von m&m | Keine Kommentare

Fáilte gu Stornoway!


 
Nicht so riesig wie die erste Fähre, aber immer noch verdammt groß – der Pott, mit dem wir Ullapool hinter uns lassen. End-lich Reise-Radler. Wir sind überreif für die Insel Lewis, die in anderthalb Stunden aus dem Dunst auftauchen wird. Vor uns drei ganze Wochen Zeit.

Für mich ist alles neu. Pat hat zumindest eine Vorstellung dessen, was uns erwartet, auch wenn sein letzter Schottlandtrip mehr als 40 Jahre zurückliegt. Ich sonne mein Gesicht und errücke mir, Zentimeter für Zentimeter nach vorne rutschend, einen guten Fotoplatz in der ersten Reihe. Hart am Wind, das Tele im Anschlag scanne ich die Wellen. Rechts und links, hoch und runter – schließlich haben mir alle versichert: Du wirst Delfine sehen.

Und ich bin nicht allein: Rund um mich lauter Erwartende, Ferngläser und Teles zielen sich in alle Richtungen. Wie kann man nur unten in den Sitzen hängen, wo das doch so spannend ist? Da? Hinten! Großes geraune um mich herum. Ja?! Nur Wellengischt. Zarte Brise, sanfte See – kein Tier. No Dolphin weit und breit. Bis kurz vor Schluss; da waren doch welche, oder? Ich erhasche die Bewegung aus dem Augenwinkel, da war was – und schon sind sie weg. Wie das Traumbild beim Aufwachen.


 
Heyho Stornoway, da sind wir. In der heimlichen Hauptstadt der Insel werden Fahrradfahrer gezählt, das Hafenleben lockt, und wir können alles einkaufen, was unser Herz begehrt – und die LKW-Fahrer auf die Fähre bringen. Ich liebe die Werbung auf den Tesco-Trucks: „Our Avocados welcome careful drivers“.

Fast jede Tour starten wir in Stornoway. Auch wenn wir – von unserem Campingplatz im drei Kilometer entfernten Laxdale gesehen – eigentlich in die andere Richtung müssten. Aber nach einem zweiten Frühstück fährt es sich einfach besser. Ich hole Cappuccinos und was zum Schnabulieren aus dem Blue Lobster Café am Hafen. Pat sichert uns einen rauchergeeigneten Sonnenplatz an den nahegelegenen Holzbänken. Urlaubsrituale at it‘s best. Ich balanciere die heißen Becher sowie ein Tütchen mit Scone, Erdbeermarmelade und Butter für Pat und ein Stück lobsterleckeren Kuchen für mich. (Jeden Tag einen anderen – Crunchy-Brownie, Bakewell mit Kirschen und Marzipan… Sylvia im Kuchenglück. Darüber werde ich noch mal extra schreiben müssen.)

Das Hafencafé gibt es jetzt genau ein Jahr, erfahre ich beim Warten. Einer der Gäste, der die Chefin offenbar gut kennt, fragt wie die Geschäfte laufen. Die rundliche Cafébesitzerin, deren mütterlicher Ausstrahlung wegen man sich ihr am liebsten in die Arme werfen möchte, strahlt ihn an – sie sei zufrieden. „Es läuft gut!“ Es sind Cafés wie ihres, das den Inseln ein modernes Flair verleihen. Vor gut 40 Jahren, als Pat zum letzten Mal hier war, gab es sowas noch nicht. Draußensitzen?!? Aber bei uns ja auch nicht. Wir kannten das damals nur aus Frankreich.



 
Jedes Mal, wenn ich im Lobster unser Frühstück hole, versuche ich, statt dem Holzlöffel einen echten zu bekommen. Aber: Draußen nur To-Go, also Wegwerfprodukte. Hin und wieder gelingt es mir doch und ich bringe ihn auch immer brav zurück. Nur einen echten Cappuccinobecher aus Keramik, den gibs nicht. Drei Wochen später – als wir am Ende unserer Reise den Kreis schließend wieder hier frühstücken – erfahre ich, warum. Anfangs habe man für draußen auch Geschirr und Besteck ausgegeben, aber es wurde kaputtgesschmissen oder geklaut. Bitter.

Bitter wie das ganze Das Outdoor-Müllproblem. Auf der Fähre, auf dem Campingplatz, in unserer mobilen Küche – also überall beim Draußenleben fällt um einiges mehr Plastikmüll an, als wir je zuhause akzeptieren würden. Trotzdem ist das zweite Frühstück im Blue Lobster ein Muss.


 
Basis und Hafenglück

Das vermeintliche Scheißkaff (Erklärung hier, in #1) ist unsere erste Basisstation. Von hier aus gehts zu unseren – von Pat schon zuhause gut geplanten – Ausflügen. Auf die Halbinsel Eye zum Tiumpan Head, nach Tolsta Beach und nach Calanish – oder in den Schlosspark unseres Base Camps. Das Augenfälligste bei unserer Ankunft: Nice day! Also nicht die ironische Version, die im Grunde nichts andere heißt als “Schon wieder Schietwetter verdammte Hacke!” Nee, richtig strahlend schöner Sommerurlaubshimmel! Tagelang… Pat ist überrascht. So warm!?! Das hätte er sich nicht träumen lassen.

Schottland schwitzt! Es ist ein Traum für uns Touristen – das ist die eine Seite. Die andere natürlich ist von Mangel geprägt: viel zu wenig Wasser. Fast trocken gefallene Flüsse, Wasserfälle, die zu Rinnsalen geschrumpft sind. Das ganze Land durstet. Später werde ich erfahren, dass dieser Sommer schon mehr Sonnenstunden hatte, als die letzten drei Jahre zusammen. Klima? Wandel!

Zum Abkühlen drehen wir eine kleine Runde durch den Park – ein Märchenpark. Urwüchsige Natur, Hobbitland, Inselwald. Keine Verbote hier, jeder darf alles. Nur Warnungen wie: Achtung schnelle Radfahrer! Und wieder das fehlende Nass. Auch River Creed, der mitten durch den Park fließt, führt zu anderen Zeiten wohl doppelt so viel Wasser. Die Felsen am Ufer rascheln mit ihrem trockenen Algenkleid.




 
Die Ufersteine sind weiß gesäumt. Die Gischtlinie als Wasser-Landgrenze. Eiweißschaum, der sich verteilt und als weiße Punkte den Fluss tüpfelt. Steinspalten und Verengungen fügen die Bläscheninseln zu Zungen und Streifen, die das wirbelnde Wasser mustern. Felskessel und -löcher schieben den Schaum zu Teppichen, lassen ihn kreisen.

Wir Wanderer im Hobbitland können die Augen kaum lösen von den Spiralen und ovularen Bewegungen, die ein Leopardenband über den Fluss ziehen. Was färbt das Wasser so rot? Eisen? Es gibt hier mehr rote Flüsse. Einer heißt sogar „Red River“, eine Whisky-Destillerie steht dort. Später an den Uig Sands werden wir ihr begegnen. Zum Meer hin wird das Wasser dunkelgrün, gescheckt von den Mini-Inseln weißer Bläschen. Mit etwas Glück kannst du dort Forellen springen sehen.




 

Der Schatz der Hebriden

Im Schlosspark zieht uns das Kulturarchiv der Hebriden an. Im Grunde ein Heimatmuseum, Eintritt kostenlos – und das bei diesem hervorragenden Konzept. So gelungen, so viel fältig angelegt wie das Besucherzentrum der Messeler Grube (und das ist richtig familienfeindlich teuer).

Am Eingang gleich mal ein bisschen Gänsehaut. Weltkrieg zum Empfang – erinnert wird mit Bild- und Texttafeln an die Geschichte eines Schiffes, das nicht in Kriegsmission unterwegs war, aber dennoch von einem deutschen U-Boot torpediert wurde. Drei Rettungsboote konnten noch abgesetzt werden, trotzdem es innerhalb von acht Minuten sank. Die Geschichte eines jeden Bootes wird detailliert beschrieben – und sogar die Geschichte des deutschen U-Boots weiter verfolgt. Das U-Boot wurde später in Bermuda angegriffen, sank und verlor jeden Mann.

Im ersten Raum dann Funde aus der Eisenzeit und älter – Schmuck, Kämme, Werkzeug. Auch Pfeilspitzen aus verschiedenen Materialien. Sofort habe ich eine Textstelle im von Robert Macfarlanes „Alte Wege“ im Sinn. Der Glückliche! Hat so ein historisches Kleinod einfach am Strand gefunden.
Geschichten und Bilder aus vergangen Zeiten, Manches liegt zwei, drei Generationen zurück – anderes könnte vorgestern gewesen sein. Die Menschen der Inseln. Hart im Nehmen. Mit ihren von Generation zu Generation weitergegebenen Erinnerungen und Erfahrungen – der größte Schatz der Inseln. Das zu vermitteln schaffen die Ausstellungsmacher grandios. Portraits stellen die Menschen in ihrer Vielfalt vor. Tonaufnahmen geben Zeugnis ihres Denkens und Lebens. Kopfhörer auf und Elizabeth oder Norman zuhören.

Ein Inselpuzzle




 
Oder der Musik. Lieder, die harte Arbeit und Lebensumstände spiegeln – aber auch die pure Freude des Daseins. Eintauchen in eine Welt, in der man sich viele Fertigkeiten aneignen muss, um zu überleben. Nicht immer jemand erreichbar, den man rufen könnte. Die wiederum, die da sind, müssen zusammenhalten – auch das eine Überlebensstrategie.

Die Community-Centers daher echte Treffpunkte. Speicherorte des lokalen Wissens, Herz der lokalen Lebensart. Mit Café, Bibliothek, Heimatmuseum und Dusche. Aber samstags und sonntags geschlossen – sie sind nicht alles. Zusammenhalt ist das Gewerk – Kirche und Familie Gerüst.

Alle Texttafeln, alle Tonaufnahmen gibt es auch auf Gälisch. Ein weicher Singsang, der dem ungeübten Ohr keinen Anhaltspunkt gibt. Ich verstehe nichts. Dazu ein Gedicht von Donald S Murray:
 
Language

Gaelic was sewn into us like grains
of oats, turnip seed, split potatoes
ploughs folded below earth each spring.

It took root among the small talk
villagers stacked at peat-banks
or found gleaming in green fields,
Or when the sharp blade of their tongues
cut through each crop of scandals
that was the season’s harvest in some homes.

Yet now croftland lies fallow.
Winds keen through rush and nettle.
Cold showers of thistledown blow

Where potatoes stalked and blossomed
and the words of English broadcast on the air
find strange, new seed-beds on our lips.

The Land

Natur und Landschaft prägen die Menschen hier – und die Menschen prägen Natur und Landschaft. Auch das steht irgendwo im Museum. In diesem Kontext steht das Bild eines Ereignisses aus dem 18. oder 19. Jahrhundert: 176 Wale strandeten damals im Hafen von Stornoway. 74 wurden abgeschlachtet – „for their meat and blubber“. Natürlich sahen die Menschen damals in erster Linie ihre Chance, einfach an Fleisch zu kommen.


 
Auch spannend die Schilderung des Lebens in einem Black House, einer Bauernkate, die früher bei Fischern und Kleinbauern üblichen war. Eine Frau wurde dafür interviewt, die noch eigene Erinnerung daran hat: „It was so cosy“ Always a fire in the middle of the house. And there were nice tables and stools – all made from wood.“ Rauchig war es wohl darin. Die Wände und der Boden seien aus Lehm gewesen und immer wieder abgewaschen worden. Wie gut, dass jemand diese Interviews geführt hat.

Der Ausgang des Museums ist hell, nicht zugepflastert mit Exponaten, man geht wie durch eine Wahrnehmungsschleuse – am Ende trifft mich diese Texttafel: I love the wind here; I just love all of it here, wind, rain and sun.

Als wir voll der Eindrücke vor unseren Fahrrädern stehen, das Schloss anschauen und dabei unsere Schlösser aufschließen spricht uns eine Frau an: Wie es uns hier gefiele, was wir denn vorhätten, wo wir noch hin wollen… Wir werden diese Fragen noch oft hören und immer, wenn wir dann antworten, glimmt Wohlwollen und Stolz in den Gesichtern der Fragenden: Ja! so schön ist es bei uns, dass die Menschen sogar aus Germany herkommen.

Aber sie mit dem knallroten Outfit und Klemmbrettern unterm Arm hat noch eine besondere Frage: Ob wir jemanden Gälisch sprechen gehört hätten bisher? Ich so: Hm, keine Ahnung, und wenn, ich hätte ja nichts verstanden. Darauf sie: Es gibt viele Deutsche, die Gälisch lernen. Wie?? Ja, an einer Uni in Bonn. Und regelmäßig kämen dann diese Studenten nach Uist um ihre neu gelernte Sprache zu erproben. Ein Projekt für die Zukunft leuchtet da auf. Das könnte mich reizen, schließlich wollen wir wiederkommen. Fast schon gebucht.



 
Moor, Strand und Steine

Tolsta Beach ist unser erster Ausflug (mit Anhänger) und unser erster Tag mit Regen. Wir fahren mit voller Regenmontur – und freuen uns, als am Strand die Wolken sich ballen und trollen. Vor uns türkisfarbenes Wasser, weißer Sand, rote Felsen. Ein Karibikstrand. Megaschön. Und fast nur für uns. Wir laufen und gucken. Wir gucken und laufen, bis wir nichts mehr aufnehmen können.

Nächstes Ziel: Tiumpan Head, die Spitze der Halbinsel Eye mit einem Leuchtturm. Auf der Zufahrt lockt ein Friedhof. Alle Toten hier haben Meerblick – oder jedenfalls ihre Grabsteine. Ich frage den Friedhofsgärtner, ob ich ihn fotografieren darf. Norman stellt sich in Pose. Klar. Er stammt vom Nordzipfel von Lewis, sagt er und erzählt mir auch gern etwas auf Gälisch.




 
Dann fragt er, ob ich vom Desaster der Inseln gehört hätte? Nein. also erzählt er mir von der Tragödie: Ein Schiff mit Soldaten – lauter mutige Männer, die den Weltkrieg überlebt hatten, darunter einige Verletzte – war auf dem Weg nach Hause. Kurz vor Erreichen des Hafens in Stornoway jedoch verlor der Kapitän die Kontrolle. Das Schiff zerschellte an den Klippen. Dabei waren sie fast zuhaus. Die See hat manchmal Erbarmen. Die Steine nie – alle Männer ertranken.

Zum Tiumpan Head zu fahren war mein Wunsch – man soll hier Delfine sehen können, und Tümmler und so. Die Klippen sind herrlich. Wir sehen Seehunde. Austernfischer, Möwen, Sturmtaucher. Delfine? Nein.

Schließlich Calanish – die Standing Stones muss man gesehen haben. Das fanden natürlich nicht nur wir. Ein schöner Ort – ich wäre gern noch herumgestreift. In der Ferne sehe ich einen Greifvogel. Ein großer. Zuhause identifiziere ich ihn: ein Steinadler – Yeah!

Die Landschaft großartig. Weite. Weite und Weite. Am liebsten würde ich ständig anhalten und schauen. Wir saugen alles auf und arbeiten uns an dem Mist ab, den wir noch mitschleppen und auszuscheiden haben. An der Schwere der letzten Jahre.




 
Atlantische Identität

Gleichzeitig müssen wir immerzu lächeln und winken, weil die Menschen, denen wir begegnen so nett sind. So aufgeschlossen, freundlich und gelassen, dass man gar nicht genug davon bekommen kann. Sie leben uns vor, was Robert Macfarlane in „Karte der Wildnis“ beschreibt: Im Laufe von zehntausend Jahren entwickelte sich entlang den Atlantikküsten eine gemeinsame kulturelle Identität, schreibt er. Seine Schlussfolgerung – das Leben am Meer prägt und beeinflusst, es bringt eine bestimmte Art des Denkens und Fühlens hervor.

Das begeistert uns hier vor Ort mindestens so sehr wie den Autor und Kulturforscher beim Schreiben. Er wünschte sich die Wiedergewinnung dieser verlorenen Wellenlängen und atlantischer Empfindungen: „Es gibt gedankliche Ereignisse, die nur an atlantischen Küsten möglich sind, wo sonderbare Winde des Geistes wehen.“
Wie beruhigend und gleichzeitig belebend diese Winde sind ist, erfahren wir tagtäglich vor Ort, in diesem angeblich so toten Kaff Stornoway. Die Winde… Davon wollen wir noch mehr spüren. Nach fünf Tagen packen wir wie geplant alles zusammen und los gehts. Next Stop: Uig Beach.


 
 
 

E1R1 Profi Photo Award – wir sind auf der Shortlist

11. August 2018 von m&m | Keine Kommentare

Die Schönheit Europas – in Frankfurt? Na klar! Der E1R1 Photo Award will den Europa-Fernwanderweg E1/R1 bekannt machen und seine Vielfalt zeigen. Da E1R1 direktemang durch unseren Stadtwald führt, haben wir die dort entstandene Serie “Himmel und Erde” eingereicht. Und jetzt freuen wir uns sehr unter den 28 nominierten Serien zu sein! Hier gehts zur Shortlist: Klick.

Entschieden wird nächste Woche.
Wege, Europa – Hach! Drückt mal ganz fest die Daumen, ja?!

Für Himmel und Erde im Stadtwald




 

 
 
 

Im Familientakt – Tante Maria

17. Mai 2018 von m&m | Keine Kommentare


 

Familienchronik, die Zweite. Nachdem wir unser Familienprojekt im Frühjahr 2004 mit dem Ältesten aus Sylvias engerer Familie, ihrem Opa, begonnen hatten, setzten wir es im darauffolgenden Herbst mit der Ältesten aus Pats Familie fort: Tante Maria.

Als wir die damals 97-Jährige besuchten, lebte sie noch in ihrer eigenen Wohnung in Essen. Wir haben sie wie schon Sylvias Opa nach Kindheitserlebnissen und besonderen Erinnerungen gefragt. Zum Glück gibt es Fotoalben! Die lagen als Gedächtnisstütze auf dem Wohnzimmertisch. Außerdem war Pats Mutter dabei, die auch noch die eine oder andere Erinnerung beisteuerte.

Als wir Kinder waren

Kaffee war fertig – und alle sehr gespannt. Also die Einstiegsfrage: Wie war für dich das Leben als Kind? Sie antwortete mit blitzenden Augen: „Unser Spielplatz war das Treppenhaus. Das Haus war dreistöckig – in der untersten Etage lag die Werkstatt meines Vaters. Die Mitte unseres Hauses, das Treppenhaus war der Treffpunkt von uns Kindern. Zwar gab es keine Fenster aber oben war Glas darüber, so dass es doch schön hell war. Die Großen haben die Kleinen im Wäschekorb die Treppen runtergerumpelt und wir alle sind das Geländer runtergerutscht: Und wie!“ Sie freut sich jetzt noch darüber und spürt das Rumpeln im Körper.

Als sie Kind war, habe es keine mechanischen Spielzeuge gegeben wie heute. Auch keine Puppenwagen und Puppen, keine Brettspiele wie Mensch-ärgere-dich-nicht. Gab es alles nicht. Draußen wurde Ball und „Pitschendopp“ (Kreisel) gespielt. Sogar Rollschuhe hatten die Kinder. Aber nicht „diese vielen Spiele wie heute.“

Sie erinnert sich an ein schönes Sonntagsritual, das wohl ihrer Mutter etwas Ruhe verschaffen sollte: „Sonntagmorgens hat mein Vater uns geweckt und dann sind wir mit dem Fahrrad zehn Kilometer zur Heimlichen Liebe – ein Essener Lokal im Grünen – rausgefahren und haben uns den Sonnenaufgang angeguckt. Wenn wir wiederkamen, hatte meine Mutter dann schon Kaffee gekocht und Frühstück gemacht.”

Maria Höfer wuchs mit sieben Geschwistern auf. Darunter Gertrud – Pats Großmutter väterlicherseits. Zum Thema Familienalltag merkt sie an: “Es ging anders zu bei uns als in den Familien heute. Da wurde nicht gemault – das gab es früher nicht. Was der Vater anordnete, haben wir gemacht. Haushalt war viel Arbeit damals und die Mädchen wuchsen da mit rein. Von klein auf haben wir bei der Mutter mitgeholfen. Wenn man selber Kinder bekam, wusste man Bescheid. Nicht wie heute, wo man da ins kalte Wasser geworfen wird, und sehen muss, wie man zurechtkommt.”

Josef und Maria

„Auch die Berufsbildung für uns Frauen setzte ganz früh ein. Nach der Schulzeit musste ich ein Jahr die Haushaltungsschule machen und dann noch ein Jahr auf eine Handarbeitsschule, damit wir das ja gut konnten. Anschließend bin ich noch für ein Jahr zur Handelsschule gegangen. Als im Hansahaus, einer Kunsthandlung, jemand gesucht wurde, der mit im Geschäft bedienen konnte, und aber auch Büroverstand hatte, hab ich mich beworben. Diese Stelle habe ich bekommen und war dort, bis die Kunsthandlung 1931 aufgelöst wurde, weil das Geschäft nicht mehr lief.“

Die gesamte Belegschaft wurde arbeitslos. Zusammen mit einem Kollegen machte sie sich selbstständig – auch wieder mit Bilderrahmen und Kunst und sogar im selben Haus, aber im Souterrain, denn: „Wir konnten ja keine große Fläche übernehmen.“ Zu den früheren, nun arbeitslosen Kollegen gehörte auch ihr späterer Ehemann Josef Weber. Er hatte die „Reklameabteilung“ geleitet und machte sich nun mit einer kleinen Werbefirma selbstständig. Ihre Vornamen kannten sie zunächst nicht: „Früher ging das nicht so schnell, da war man lange per Sie. Und als uns klar wurde, er heißt Josef und ich heiße Maria, ja da waren wir schon erstaunt.“

Sie heirateten 1934 – gleichzeitig stieg sie aus der Kunsthandlung aus. Das sei aber für ihren Kollegen nachvollziehbar gewesen: „Schließlich musste doch Josef auch Hilfe für die schriftlichen Arbeiten haben. Da gab es viel zu tun. Als unsere Kinder da waren, habe ich dann eine Hilfe im Haushalt gehabt und weiter bei Josef mitgearbeitet.“ So hat sie zweimal ein Geschäft mit aufgebaut, erst die Kunst- und Bilderrahmen-Handlung, dann zusammen mit ihrem Mann das Werbebüro.

Die Rahmenbedingungen schildert sie so: „Wer damals in seinem Beruf bleiben wollte und die Ansichten der Nationalsozialisten teilte, trat in deren Partei ein. Diejenigen, die es beruflich nicht mussten und anderer Ansicht waren, sind nicht eingetreten.“ So wie Josef, der als selbstständiger Werbegrafiker in einer damals noch ganz jungen Branche arbeitete. Allerdings waren seine Kunden überwiegend jüdische Geschäftsleute – und das war verboten. Deshalb war Josef schon bald wieder arbeitslos.

 

Einmal kam der Blockwart, erzählt sie. Er fragte: „Frau Weber, was ist eigentlich mit Ihrem Mann?“ Sie antwortete nur „Nichts, was soll mit ihm sein?“ Sie gab sich so ruhig wie möglich, erinnert sie sich. Tatsächlich aber hatte sie große Angst: „Man rechnete mit dem Schlimmsten, wenn man so etwas gefragt wurde.“ Später hat der Blockwart dem Paar noch viele weitere Fragen gestellt. Aber eigentlich waren mit ihm befreundet und Maria ist sicher, dass er damals den Fragebogen so positiv wie möglich ausgefüllt hat. Jedenfalls wurde Josef danach für die Anfertigung von Statistiken und ähnlichem von den Nazis angefordert. „Die brauchten Leute, die so was konnten. Deswegen wurde er nicht an die Front eingezogen.“

Als der Krieg begann, versuchte mein Bruder, mich und die Kinder bei Bauern in der Umgebung unterzukriegen. Die wollten erst nicht, also haben wir erst mal drei Wochen Urlaub vereinbart. Nach diesen drei Wochen war das Eis gebrochen. Die Kinder durften bleiben.“ Maria selbst kehrte nach Essen zurück. Sie zeigt uns Fotos von damals. Idyllisch. Auf diesen Bildern gibt es keinen Krieg. Sie versucht es verständlich zu machen: „Der war ja auch nicht überall.“

Frühjahr 1943 erlebte Essen den ersten Großangriff der Allierten im “Battle of the Ruhr”. Maria erinnert sich an eine schlimme Nacht: „Wir wohnten im Stadtwald und hinter dem Haus war eine Mine runtergekommen, wir hatten keine Scheiben mehr, aber sonst war alles noch da, das Haus stand noch und es war auch alles drin. Wir waren im Keller unten. Am nächsten Morgen habe ich meine Kinder zu den Nachbarn gebracht und bin losgegangen – um nachzusehen ob meine Eltern noch leben. Gott sei Dank waren sie gesund und es war auch nur ein leichter Schaden am Haus. So wie ich waren alle Menschen in der Stadt unterwegs und suchten ihre Verwandten auf.

Im März 1945 dann der letzte Großangriff: „Der war so schlimm, dass wir die Staubwolken sogar noch auf dem Bauernhof sehen konnten. Und der lag hinter Bielefeld, also etwa 200 Kilometer von Essen entfernt. Wir haben auf der Straße gestanden und haben uns gefragt: Wo mag das sein? Du hörtest den Krach und sahst nur eine Dreck- oder Staubwolke. Damals ist dann auch Vater-Mutters-Haus ganz mit draufgegangen. Gut, dass sie bei uns in der Wohnung waren.“

Im Jahr darauf war die Kommunionfeier von Marias Tochter Lieselotte: „Da sind Freunde und mein Bruder Hans aus Detmold mit einem Auto voller Lebensmittel unter ganz großem Herzklopfen nach Essen gekommen und haben für die Feier gesorgt. Damals durfte ja niemand fahren, aber Hans hatte eine Genehmigung. Er hat dann die Erlaubnisnummer oben aufs Dach gemalt, das musste man, damit das vom Flugzeug aus gesehen werden konnte. Hätte man sie mit den Lebensmitteln erwischt, hätte man ihnen gleich alles abgenommen. Es gab ja nichts damals.“ Sie blättert weiter im Fotoalbum und stockt: „Guck mal hier… Das ist für mich schrecklich!“ Sie zeigt ein Gruppenfoto, auf dem ihr Vater, etliche ihrer Geschwister und deren Kinder zu sehen sind – „Bis auf diese vier sind alle tot. Ja, wer wird so alt wie ich?“

Bilder, sprecht…

Nach dem Krieg fuhr die Familie irgendwann in die Ferien nach Lembeck. Tante Maria kommentiert trocken: „Da war zwar nichts los, aber wir waren ja froh, dass wir überhaupt wegfahren konnten. Nach dem Krieg, da war man eigentlich ständig zufrieden.“ Arbeit allerdings habe es für Josef nicht gegeben: „Das war die Zeit, wo wir gehungert haben. Da brauchte man keine Reklame. Wir hatten Karten für Kleidung, Lebensmittel, Bettwäsche. In Josefs Beruf war also nichts zu machen. Doch dann ergab sich etwas ihn: Er war während des Krieges bei der Feuerwehr gelandet. Die Leitungsleute der Feuerwehr waren alle in der Partei gewesen. Die wurden entnazifiziert, wie man so schön sagte. Da Josef nicht durch die Partei vorbelastet war, haben sie ihn dann an die Spitze gesetzt. Das war für uns ein Glück.“

Ein paar Schlucke Kaffee – und die beiden alten Damen tauchen in die Bilder und ihre je eigenen Erinnerungen an frühere Zeiten ein. Marias Sohn Herbert und Pats Vater Rudi hätten sich gut verstanden, fällt ihr plötzlich ein. Und Pats Mutter Hildegard meint dazu, dass ihr Mann „immerlos Unsinn im Kopf“ hatte. Sie glaubt, weil ihm der Vater gefehlt hat, da war keine strenge Hand. „Ooch“, Tante Maria winkt ab, aber Hildegard bleibt dabei und erzählt, dass die beiden Jungs mit dem Luftgewehr die Kellerfenster kaputt geschossen hätten. „Und auf mich – ich lag doch da immer und hab mich gesonnt – haben sie von oben Wasser gegossen“ Wir lachen und Tante Maria rundet die Geschichte ab: „Da hast du aber Glück gehabt, dass sie nicht auch auf dich geschossen haben!“

Gibt es nicht auch ein Bild, wo du sie mit dem Teppichklopfer verfolgst wegen so was? „Ich mit dem Teppichklopfer? Nein“, das kann sie sich nicht vorstellen. Pat sagt, das habe sein Vater aber immer erzählt und Hildegard hält das auch nicht für abwegig, so ein Bild aber, da sind sie sich einig, gebe es nicht. Da habe ich mir wohl selbst eins gemacht, weil es mir so oft erzählt wurde. „Ja, das gibt es“, sagt Maria, „dass man sich selber solche Bilder macht.“

Aber es sind ja genug echte Bilder da. Auf einem sieht man das Paar Josef und Maria nach dem Krieg. Sie ganz schick mit Hütchen und Kostüm. Ihr Blick verweilt: „Das war schön –es ging zu schnell vorbei.“ Josef war herzkrank und starb 1971. Nach dem Tod ihres Mannes blieb sie allein. Sie war aber immer unter Menschen, engagierte sich in ihrer Kirchengemeinde.

Sie klappt das Fotoalbum zu, schaut nach innen und kommt wieder zu uns mit dem Satz: „Ich bin ein Familienmensch. Meine Enkelin Claudia sagt immer, ich sei harmoniebedürftig.“ Bis ins hohe Alter hat sie Kinder und Kindeskinder bekocht. Ich erinnere mich an köstlichen Kirschkuchen aus einer selbst getöpferten Kuchenform. Ich habe noch ein Plätzchenrezept von ihr, von Hand aufgeschrieben. „Lasst es euch gut schmecken“, steht drunter. Tante Maria wurde hundert Jahre alt.