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Brotbox To-Ride in Thüringen

1. August 2019 von Sylvia | Keine Kommentare


 
Unsere Outdoorküche ist bunt, überraschend – und immer Herausforderung: Welche Zutaten geben die Geschäfte am Routenrand her? Wie sind die Bedingungen am Camping-Platz? Wann kommen wir an – und in welchem Zustand? Zentrale Frage bei unserer letzten Reise durch Thüringen, auch was die Zutaten betrifft, denn wir waren Ende Juni, Anfang Juli in der ersten großen Hitzewelle bei 37 bis 40 Grad unterwegs. Die schattenfreien Asphaltbänder, die Teil der Fernradwege waren, schafften sogar noch mehr.

Die ersten Tage sind wir mangels Campingplätzen an der Route Essen gegangen. Ist zwar auch nett, aber Vegetarisch bestellen je weiter man aufs Land kommt… Naja. Oft hat man sogar Auswahl – zwischen Käsespätzle und Salat. Mit etwas Glück sind die Käsespätzle (Bitte ohne Schinken!) dann auch wirklich nur mit ganz wenig Schinken. Also, Pat, übernimmst du bitte?

Ein, zwei Stunden Runterkühlen im Schatten, dann schnippelte mein Mann das Gemüse. Kocher an und was Feines gebrutschelt. Aus den Resten, die eigentlich immer anfallen, mischte ich wiederum morgens mit Kräutern vom Wegesrand lecker Salat für unterwegs.
Bei der Hitze sind wir so früh wie möglich los, zum Glück boten die meisten Campingplätze morgens die Lieferung frischer Brötchen an. Da darf man nicht wählerisch sein: weiß, mit oder ohne „Krümel“.


 
Gut, dass wir erfahrene Outdoor-Selbstversorger sind – denn anders als letztes Jahr auf den abgelegenen Dörfern der schottischen Hebriden, wo immer irgendwo einen Gemeindeladen erreichbar war, gab es in Thüringens Dörfern nichts. Auf dem empfehlenswerten Slow-Camping in Jena trafen wir Reiseradlerkollegen aus dem Rhein-Main-Gebiet, die hatten darauf gesetzt, überall Wasser kaufen zu können – nichts da.

Entlang der ausgewiesenen Fernwanderwege R3, Rennsteig, Via Regia kann es einem passieren, dass man trockenläuft und kilometerlang nichts findet. Kein Bäcker, Metzger, Irgendwasladen. Null. Kaffee trinken gehn vormittags um zehn oder elf? Kannste mal versuchen. Entweder man ist gerade da, wenn der Betrieb Ruhetag hat, gerne Montag, Dienstag, Mittwoch. Oder: „Geöffnet ab 14 Uhr“, geschlossen, stillgelegt, die Kaffeemaschine muss noch gereinigt werden… Fein, wenn es dann Gemeinde-Kirschbäume gibt – und man jemanden hat, der einen hochschiebt (wenn die Oberarme zu schwach sind).




 
Einmal musste ich dringend pinkeln, die öffentliche Toilette hatte Ruhetag, als plötzlich ein Café auftauchte. Netter Garten, Tische draußen… Rettung. Nix wie rein und Wow! Hinter dem Schild „Women“, der frisch sanierte Toilettenbereich. Schwarzer Marmor, Duftstäbchen, Seife…

Erfrischt kehre ich zurück und lechze nach dem Kuchen, der verlockend auf gebaut ist… Da draußen die Karte fehlt, nehme ich mir drinnen eine und will gerade reinschauen, da brennt sich mir der tadelnde Blick der Besitzerin in die Seite. Sie (!) würde uns die Karte schon bringen: „Hier nehmen wir uns Zeit“. Die nimmt sie sich dann auch gründlich. Außer uns noch zwei, bereits bediente Leute da. Endlich ist Zeit fürs Bedienen. Pat bestellt Cappuccino, darauf sie in bärbeißigem Ton: die Cappuccino-Maschine ist kaputt. Filterkaffee is auch gut. Klappe und Wiedersehn. Wir Wessis haben das Weite gesucht.

Um der Gerechtigkeit willen: Wir waren auch in netten Cafés, in Erfurt, in Jena oder in Weimar. Auch freundliche Gaststättenbedienungen gabs, in Mühlberg etwa oder in Ruhla. In Ruhla wollten wir ja eigentich ins Eiscafé. Hatte leider „heute geschlossen“. Aber da drüben? Geht da was? Rustikaler, liebevoll dekorierter Biergarten. Ein Mann legt gerade die Sitzpolster auf. “Na klar”, kriegen wir was. Gibts auch Eiskaffee? “Eigentlich nicht, oder, Chefin?”



 
Die kommt raus: „Ich hab ne Eiskaffeemischung…“. Ich überlege, bestelle dann aber lieber Cappuccino und ein Eis – „Auch gut“, sie lacht und setzt sich später zu uns. Aus dem Rheinland stammt sie und führt seit fünf Monaten zusammen mit ihrem niederländischen Mann das Lokal. Und? „Schwierig“, antwortet sie, „die Leute sagen immer, ‚Der Mario hat aber anders gekocht.‘“ Mario, Der frühere Besitzer hatte die Gaststätte 18 Jahre lang. Klar, dass sich die Leute dran gewöhnt hatten.
Aber die beiden Neuen trauen sich auch was: selbstgemachte Burger und neben den thüringischen Spezialitäten, die hier jeder hat – “deswegen wollte ich was anderes anbieten“ – jede Menge Unthüringisches auf der Karte. Pat merkt sich gleich mal das mit Cornflakes panierte Schnitzel. wir wünschen den Thüringern in Ruhla feine Gaumen-Überraschungen und den beiden viele Durchreisenden mit viel Hunger.

Als die Reise um war, hatte Pat noch immer keine Thüringer gegessen. Einmal fast. Da er keine Bratwurst mit Klößen und Rotkohl wollte – wohl ein Klassiker hierzulande – bestellte er Röstbratel. Keine Ahnung, was er sich drunter vorstellte. Kleine Würstchen vielleicht? Jedenfalls guckte er sehr überrascht, als der Teller kam: Schweinenacken in Scheiben.

Wer also im Sommer eine Radreise durch Thüringen plant, wir empfehlen: Tütensuppen, Nussmischung, Äpfel und Müsliriegel satt einpacken. Dazu lieber mehr Flaschen zum Befüllen als zu wenig. Einfach alles irgendwo reinstopfen, wird bestimmt gebraucht. Und immer freundlich bleiben und fragen, dann tauen sie irgendwann auf, diese oder jene Thüringer.


 
 
 

Hirn statt Kohle – Friday for Future

5. Juni 2019 von Sylvia | 2 Kommentare

 
“Power to the People” der Spruch hat nichts verloren an Strahlkraft.Fühlte sich nach Jugend an, nach früher und heute zugleich. Gut.

Interessant, wie alle Berichterstattung – ungeachtet der Bilder, die eine andere Wirklichkeit zeigten, eine Jugenddemo inszenierte. Was ich sah, ging querbeet durch alle Altersgruppen. Was ich sah waren handbemalte Pappen (Yeah!). Babymamas, Pubipapas, Rentnerinnen, Schulkinder, Hunde, Fahrräder, Rucksäcke, Transparente und „Ordner*in“nen. Da wusste ich: Das hat eine Frau organisiert. 4500 Leute ohne Müllhinterlassenschaften. Power to Micaela!




 
Noch? Am besten wars für mich, auf heißen Asphalt liegend, direkt vor den Toren der EZB. Mitten auf der Straße. Die-in. Fast 4500 Als-ob-Tote, als Symbol für den Klima-Raubbau an der Welt – und den Lateralschäden, die daraus resultieren. Die Hitze im Rücken hat mein Trackerherz auch um die Tiere geheult. Paradoxerweise sehr entspannend. Demo-Yoga. First World halt. Und doch wurde der Menschen (und Tiere) gedacht, jenen die fern sind und für unseren „nachhaltigen“ Lebensstil“ krepieren.
Dann auf einmal ein Radler, straight und mit Helm und ruft: “Ihr seid alle faule Säcke!” Kam aus der EZB vermutlich. Hörte sich irgendwie an wie… früher.

Ist schon paar Tage her jetzt, der vorletzte Friday for future am 24. Mai – deshalb kann ich jetzt auf die jüngste Doku zum Thema Mobilität verlinken: Klixtuhier (ARD-Doku “Kann das Elektro-Auto die Umwelt retten?”) – auch weil das das Thema des nächsten Großdemoprojekt hier in FFM sein wird: #Aussteigen (gemanaged von derselben taffen Orgafrau). Wir werden da sein.

 
 
 

Buchkritik – Hiltrud Enders: Freude am Sehen

7. Februar 2019 von Sylvia | Keine Kommentare

© Hiltrud Enders


 
Sollte man das Buch lesen? Ja. Bringt es neue Erkenntnisse? Nein, aber das muss es ja auch nicht. Impulse sind immer gut – ganz gleich, ob sie aus dem Archiv eines Wissenspools stammen oder ob dieses Wissen neu und mit eigenen Erkenntnissen aufbereitet wird. Das mal ultrakurz vorweg.

„Freude am Sehen“ vermittelt altes Wissen, gepaart praxiserprobter eigener Erfahrung. Entstanden ist das Buch aus Workshops heraus, in denen Hiltrud Enders die Praxisanwendung von Miksang (tibetisch für gereinigtes Auge) vermittelt. Diese noch junge Schule kontemplativer Fotografie steht für eine Mischung aus Meditation plus Achtsamkeit plus Kamera.

Bücher über Foto-Technik oder Bildgestaltung gibt es viele. Aber nur sehr wenige über die Auseinandersetzung mit dem Medium an sich und der Haltung, der persönlichen Einstellung, die Menschen voran bringen kann beim Fotografieren. Wenige wie dieses also. Wir waren neugierig. Hier erstmml ein Dankeschön an den dpunkt.Verlag, denn der macht immer wieder solche Bücher.

Pluspunkte bekommt das neue auf jeden Fall, weil es (uns) Stoff zur Diskussion liefert. Zwei Menschen, zwei Lesarten = eine Rezension:

P: (bevor das Buch bei uns war): Ich habs mir im Internet angeguckt – die Bilder sehen ziemlich langweilig aus.
S: (nach dem Auspacken, guckt sofort rein): Da sind schöne Bilder drin! Einige gefallen mir sogar sehr gut, die minimalistische Mauer, die Hände auf der Tischdecke, auf der man Hände anschauen kann, das Katzenbild im Wasser oder das Bild von zwei Männerbeinen in einer schwarz-weiß-rot gemusterten Stoffhose, African style, vor Kacheln mit Bildchen in Delfter Blau, Netherlands style.

Ihre Art zu fotografieren spricht mich an. Alltagspoesie. Ein Titel, der eines ihrer Kapitel sehr schön trägt. Manche ihrer Bilder könnte ich gemacht haben – das Mauerbild etwa, auch einige der anderen, etwa die Zweige vor einer Mauer oder der Zaun, unterlegt von seinem eigenen Schatten, hätte ich auch gemacht, aber gelöscht. Hat nicht geklappt, sagt P in solchen Fällen trocken – und weg.

PS: Richtig langweilig aber ist, da sind wir uns einig, das Titelbild. Wir haben ein Rezensionsexemplar erhalten. Dem Titel nach hätten wir das Buch nicht gekauft.

Dabei ist doch „Frische“ der rote Faden dieses Buchs. Frisch zu schauen, ohne Filter im Kopf oder in der Bearbeitung. Ruhig werden. Still, dem Denkfluss Einhalt gebieten: Nichts wollen, nichts müssen, nur schauen – und dann Klick. Das sind wir ganz bei ihr.

S: Ich folge ihr auch bei manchen Übungen gerne. Es schadet nicht, Neues auszuprobieren um das Staunen frisch zu halten. Einige davon zielen darauf, Gewohnheiten zu erkennen – und sie sich vom Leib zu halten. Das Miksang-Grundrezept: „Tue nichts! Setze dich zehn Minuten an einen Ort deiner Wahl und tue nichts.“ Telefon aus, alle Sinne auf Empfang, „aber forsche nicht nach außen. Wiederhole diese Übung täglich.”

P: Legt den Finger auf Seite 108, wo Hiltrud Enders ihre Miksang-Lehrerin Julie DuBose zitiert: „Du kannst nicht denken und sehen gleichzeitig.“ Kann man gar nicht oft genug sagen, so richtig ist das.

© Hiltrud Enders


 
Zum Thema Meditationsübungen und Fotografie habe ich doch schon mal was gelesen? P sucht mir das Vorläuferbuch heraus: Torsten Andreas Hoffmanns „Fotografie als Meditation.“ Er meditierte auf seinem Hausberg und mit offenen Augen. Dauer: 20 Minuten. Und erst wenn der Geist ganz leer ist, solle man Fotos machen. Das Buch ist fünf Jahre alt (mittlerweile in der 2. Auflage). Es kommt mir dichter vor, ist genauso Lehrbuch, birgt ebensoviel Selbst-Erfahrenes, ist aber weniger dozierend. Ich weiß noch, dass ich damals dachte, es hätte dem Buch gutgetan, wären weniger seiner großartigen Fotos ausgewählt worden und die größer gedruckt.

Genau das ist bei Hiltrud Enders geschehen. Bei ihr wiederum würde ich manchen Text kürzen… Ich lese mich (bei beiden) immer da fest, wo ich nicht als zu Belehrende angesprochen werde, sondern als wissbegieriger Mitmensch.

Nur um das klar zustellen: Wer je meditiert oder Yoga gemacht hat, weiß, dass Meditieren (wie und wo auch immer man‘s macht) was bringt. Beste Strategie, den Kopf frei zu bekommen. Frei vom schizophrenen Dauergeplärr innen und außen. Frei vom Rauschen, das sonst immer mitläuft, auch wenn man Ruhe will.
Als Miksang-Trainerin betont Enders: Ohne den meditativen Aspekt sei Fotografie nicht kontemplativ. Auch das Manipulieren, nachträglich Bearbeiten oder Bilder in besondere Kontexte stellen, um sie aussagekräftiger zu machen – all das sei nicht Sache der kontemplativen Fotografie. Also: Nicht denken, keine Farbe verändern. Die Welt so sehen wie sie ist.

S: Keine Manipulationen? Gleichzeitig empfiehlt sie, jedes misslungene Bild genau zu analysieren – lags am Weißabgleich, an falsche Blende, Zeit oder unpassender ISO? Und sie sagt, dass jedes Bild schon vorher im Kopf entsteht. Jepp. Und dass es nicht geklappt hat, wenn man anderen oder auch sich selbst erklären muss, was es eigentlich beinhaltet.

P: Aber, die Welt sehen, wie sie ist? Wenn wir beide Fotos machen, am selben Ort von derselben Situation werden wir zwei unterschiedliche Bilder haben. Gut so. Und niemand wird an diesen Bildern ablesen können, wie die Welt wirklich ist. Oder gar die Farben. Völlig unbearbeitete Bilder? Das hat es doch auch in analogen Zeiten nie gegeben. Im Gegenteil, die waren noch viel mehr bearbeitet als heute. Und schau dir mal die Farben auf manchen ihrer Bilder an – schrecklich!
S. Du meinst sicher die pinken. Finde ich okay.

P: Sie kann nicht schreiben.
S: Es gibt einige Seiten, die ich überblättere. Seiten, wo ich als Leserin in Mithaftung genommen werde, etwa durch kollektives „wir tun dieses“ oder „uns bewegt jenes“ Mag ich in keinem Text. Genauso wenig wie durchoptimierte Train-the-Trainer-Schreibe. Da bin ich raus.
Will mich nicht vorm Lernen drücken oder gegen Übungen stänkern. Manches muss man ja einfach reinpauken. Aber am überzeugendsten und frischesten finden wir die Autorin, wo sie den Trainer-Job hinter sich lässt. Wo sie nicht doziert, oder Workshop-Folien kopiert, sondern einfach erzählt. Beispiele prägen sich einfach besser ein als Merksätze. Etwa das von der Beerdigung, wo Enders als einzige Weiße inmitten einer Trauergemeinde plötzlich nicht mehr wusste, wie man sich richtig verhält. Und so beschäftigt war mit sich selbst, dass sie darüber ihre Freundin gar nicht sah. Bis sie sich entspannte.

Achtsamkeit gilt ihr denn auch als wichtigster Augenöffner. Sie weiß, dass sie hier einen übernutzten Begriff hat, der „oft mit einer romantischen Note ausgestattet“ sei. Und betont, Achtsamkeit sei viel mehr. Es könne durchaus „radikaler machen, politischer – oder hilfsbereiter.“ Je nachdem, wer sich in welche Situation intensiv hineinlehnt.

S: Sie erwähnt, dass manche ihrer Workshop-Teilnehmenden ihr sagen, sie brauchten die Übungen nicht, weil sie schon so arbeiten. Das würde ich vielleicht auch sagen. Denn: Fotografie hat mich gerettet. Als mir alles über war. Alles schon mal gehört und gesehn. Fotografie ist für mich immer pures Sein, Fokus-Fokus-Fokus.
PS: Ich kann nur unterstreichen, was sie empfiehlt: die Kamera immer dabei zu haben. Ich die große, Pat die kleine. PS: Den Alltag einzuteilen in Zeit für Pflicht, und Zeit für Sehen sei der falsche Ansatz – hier sind wir voll bei ihr. P hat immer Zeit eingefordert. Fotografie ist seine Lebensform.

Es gibt viele Zitate im Buch, meist in großer Schrift und über eine ganze Seite gezogen. Darunter das immer wieder goldrichtige von Henry Ford – „If you always do what you you’ve always done, you always get what you always got“.

© Hiltrud Enders


 
Solche Aphorismen würzen die puren Begebenheiten, aus denen die Autorin persönliche Erkenntnisse zog, die zu ihrer fotografischen Persönlichkeitsentwicklung beigetragen haben. Und über die sie klar die Linien ihres roten Fadens spannt. Sie hat viele Ideen, wie man dorthin kommt, im richtigen Augenblick so präsent zu sein, dass es genau dann Klick macht, wenn ein gutes Bild entstehen kann.

Hier muss natürlich auch der große Henri Cartier-Bresson zu Wort kommen: „You just have to live and life will give you pictures.” P verschwindet in unserem Bücherarchiv. Und wir sind beide überrascht, wie zeitlos das ist, was HCB seinen Bildern als Vorwort mitgibt. Zwei Sätze daraus bergen alles, was man wissen muss: „Photographieren heißt den Atem anhalten, wenn sich angesichts der flüchtigen Wirklichkeit alle unsere Fähigkeiten vereinigen. Das Einfangen des Bilds in diesem Augenblick bereitet physische und geistige Freude. (Henri Cartier-Bresson, Rogner und Bernhard Verlag 1978)

Lehrsprüche dagegen, wie jene der tibetischen oder indischen Meister oder des Miksang-Begründers Michael Wood, kommen bei mir an wie abgelutschte Gummibärchen. Mag ich nicht. Zwei andere dagegen sind Superfood fürs Sinnes-Hirn: „Ich bin da, mein Herz schlägt“ – Simone de Beauvoir – und „I just want to feel as much as I can, it‘s all what soul is about“ – die unglaubliche Janis Joplin. Soo gut, dass ausgerechnet sie das Schlusswort hat. Yess! Also: frisch und frei: Lest das Buch, meditiert, diskutiert – und Klick!
 

Hiltrud Enders: Freude am Sehen –
Kontemplative Fotografie
dpunkt.verlag, Heidelberg 2018, 216 Seiten, 29,90 Euro


 
 
 

Bosta Love

28. Januar 2019 von Sylvia | Keine Kommentare

Schottland – Reiselogbuch #4


 
Endlich! Zeit für die Fortsetzung unseres Reiselogbuchs. Gerade erst wieder eine Email vom schottischen Tourismusbüro bekommen: Visit Scotland! Jetzt buchen! Nichts lieber als das. Sobald unsere familiäre Daueraufgabe das zulässt, werden wir uns auf den Weg machen. Die Erinnerung zieht jedenfalls gewaltig – vor allem die von unserer 4. Station, auf der Halbinsel Bernera.
Auf Great Bernera, um genau zu sein. Da solls Fischotter geben habe ich via Internet recherchiert. Eine „wachsende Population“ gar, da will ich hin. Und hoffe darauf bis zum Schluss, auch wenn alle Befragten sagen, dass ich allerhöchstens den Hauch einer Chance habe.

Aber erstmal müssen wir hinkommen. Bosta Beach ist unser Ziel und es ist schon eine Herausforderung für Non-E-Biker wie uns, 50 plus, plus Hänger. PFFFF. Als wir ankommen ist die Luft raus. Muskel- und Hirn-Akkus leer. Aber, Zeltaufbauen – muss ja. Pat checkt den Boden, dann machen wir erstmal Pause am Ort unserer Wahl.

Schön eben, Sanitärhäuschen in der Nähe und Parkplatz im Blick. Super. Bis ein Hundemenschenauto dem nächsten folgt. Hier schlaf ich nicht, mache ich meinem Scout klar. Weiter oben gabs auch ein feines Plätzchen. Da will ich hin. Mein Scout ist null amüsiert. Gehts noch? Gepäck und Hänger 20 Meter den Berg hoch? Ich fühle mich wie Kinski, der ein Schiff übern Berg ziehen lässt…. Scheidung liegt in der Luft.



 
Am Ende thronen wir oben – kaputter als je, aber mit dem panoramageilsten Zeltblick ever: Felsen, die einen kleinen Friedhof einfassen und dahinter das Meer. Wir zelten zwar wild über dem Friedhof und seinem Klohäuschen, aber mitten auf der Fläche eines alten Steinhauses. Die Grundmauern sind um uns. Eine längst vergessene Familie muss den Ausblick ebenso grandios, den Platz so beruhigend gefunden haben wie wir.

Dann kommt Bewegung ins Bild. Vier beeindruckend große Highland-Kühe mit ihren pubertären Jungs. Im Rindsgalopp rumpeln sie genau dorthin, wo nach Plan A jetzt unser Zelt stünde. Die Rinderbande galoppiert über den Parkplatz, nimmt die kleine Anhöhe über der Toilette mit Schwung. Und stoppt an der Zisterne (mit Regenwasser und hochgepumptem Bachwasser – für die Klo-Spülung). Als der Durst gestillt ist, sie sehen sie zufrieden aus. Legen sie sich nieder – und bleiben über Nacht.

 
Der nächste Tag ist sonnensatt. Das Wasser ist atemberaubend türkis. Karibik ahoi! Allein, die Wassertemperatur passt nicht. Weshalb es hier auch keine Hotelburgen gibt. Zart läutet die Gezeitenglocke. Eine von einem Dutzend aus Marcus Vergettes Time and Tide Bell Project.

Jede seiner Tide-Bells hat eine eigene, von der Anliegergemeinde entworfene, Inschrift auf Gälisch und Englisch. Die Bosta Glocke trägt diese hier:

Gun mhuthadh gun truas
A’ sluaisreadh gainneim h na tràgh’d
An àtaireachd bhuan
Cluinn fuaim na h-àtairreachd àrd.
Mo leabaidh dean suas
Ri fuaim na h-àtaireachd àrd.

Without change, without pity
Breaking on the sand of the beach
The ceaseless surge
Listen to the high surge of the sea
Make my resting place be
By the sound of the surge of the sea

Während wir die Glocke anschauen, zeigen sich kurz ein paar Seehunde. Sie jagen im kleinen Tangwäldchen der Bucht. Wir dagegen haben keine Eile, kein Ziel. Ruhe umfängt uns.


 
Ein friedlicher, glücklicher Ort. Attraktiv wohl schon vor Jahrhunderten. Unten noch vor dem Friedhof ist das grasbewachsene Dach des historischen Eisenzeithauses zu sehen. Vorgestern wuselte dort ein schwarzgekleideter Mensch herum. Heute weiß ich, dass es Elizabeth Macleod war, die Hüterin des Iron Age-Houses. Beim ersten Schnupperblick in dieses Mini-Heimatmuseum am Strand hält sie gerade ihren Vortrag vor einigen Besuchern. Ich verstehe wenig. Will aber mehr wissen. Als Pat die Klippen umrundet bleibe ich hier, passe einen günstigen Moment ab – und habe schließlich Guide Elizabeth für mich allein.

Für mich macht sie extra langsam und erzählt: Nach der Sturmflut von 1993 sah einer der Einheimischen die Grundrisse dieses Hauses – und meldete den Archäologen der Uni Edinburgh seinen Fund. Die kamen, waren begeistert und legten in 26 Wochen insgesamt 5 Eisenzeithäuser frei. Eines rekonstruierten sie – die anderen wurden komplett wieder eingegraben um sie auf diese Weise gut zu konservieren.


 
Aufgrund der Funde rekonstruierten sie, wie möglicherweise das Haus aussah und genutzt wurde. Von außen ähnelt es einem der für Schottland früher typischen Black Houses. Das Baumaterial ist gleich. Was halt vor Ort vorhanden war. Der Grundriss der Black Houses jedoch ist oval – der vom Iron Age House dagegen ähnelt einer liegenden Acht.

„In der Mitte brannte ein Torffeuer“, führt Elizabeth aus und erläutert, die Besonderheit: Holzfeuer beiße in den Augen, Torffeuer nicht. Außerdem eigne sich Torffeuer zum Trocknen oder Räuchern von Lebensmitteln. Elizabeth leuchtet den hinteren Raum aus: den Kopf der Acht. Die Wissenschaftler gingen davon aus, es sei der Arbeitsraum der Frauen gewesen, sagt mein Guide und schüttelt den Kopf: „Warum sollten die Frauen zum Arbeiten den kältesten und dunkelsten Raum genutzt haben?“

Sie zeigt auf die regalartigen Fächer in den Steinen und offenbart ihre These: „Ich glaube das war die Vorratskammer.“ Hier gelagerte Lebensmittel waren am kühlsten Platz des Hauses. Macht Sinn. Feiner Vortrag extra für mich, Elizabeth. Danke!

Täglich mehrmals stapfen wir durchs Gras zu unsrem Zeltolymp. Auf den Trampelpfaden der Schafe und am Schild vorbei, das mahnt, jedem Tier, ob groß oder klein, den Vortritt zu lassen. Es weder zu stören noch zu ärgern – und sich mit den Rindern vorzusehen, sie seien prinzipiell friedlich, aber auch prinzipiell unberechenbar. Auch ohne dieses Schild hätten wir Respekt gehabt. Zum Glück waren wir ja auf Abstand gegangen.

Dachten wir. Bis sie gucken kamen, wer sich da auf ihrem Lieblingsausguck breit macht. Pat, allein zuhaus, saß über den Karten, dachte dies und das, und hatte plötzlich formatfüllend die Hörner von Mamakuh Nummer eins im Blick. Den Kopf vorsichtig abwendend sah er dann dem halbstarken Kuhsohn in die Augen.


 
Der Überlebensinstinkt ließ ihn so unhektisch wie möglich die Kamera packen und sich rückwärts, langsam und stetig entfernen. Mama eins und zwei lutschten daraufhin das Zelt ab, während die halbstarken Hornträger auf unserer Decke herum herumtrampelten und das Zelt von innen beguckten… Seitdem ist Pat völlig ausgebufft und abgetafft. Keine Angst mehr, vor nichts und niemand.

Darauf dann erstmal einen Wein zur Beruhigung. Den hatte ich statt Otterspuren von meinem Solo-Spurensucher-Ausflug mitgebracht. Danach verzieht Pat sich in unsere Küche. Wo er uns jeden Tag, ob Sonne, Wind oder Regen ein schottisch-marokkanisch-deutschen Eintopf brutschelt. Köstlich.


 
Führung gefällig? Hinter der Küche links, vor den Kaninchenlatrinen ist unser Schnell-Pissoir. Seitlich, hinter einem Mauerrest parkt der Hänger. Und ganz vorn, Blick aufs Meer, filtern wir das Wasser, Dropje voor dropje…

Der nächste Ausflug dann ist eine Wandertour. Nochmal ein Stück langsamer also. Die Landschaft ist Zen pur. Rau und, karg reinigt sie unsere Sinneskanäle. Der Wanderweg führt zum Weiler Tobson. Gleich zu Anfang passieren wir eine der schottland-typischen, dicken Steinmauern. Wir sehen in der Ferne viele weitere Mauerschlangen, die sich über Felsen und durch robusten Heidebewuchs winden.

Die „Dry Walls“ genannten, niedrigen Mauern sind faszinierend. Sie werden „ganz einfach“ ohne Mörtel gebaut. Eine alte Kunst (noch so ein Projekt für später – ein Waller-Workshop :). Die „Waller“ klopfen die Steine passgerecht und setzen sie so klug, dass sie sich gegenseitig Halt geben. Gut 200 Jahrhunderte stehen manche dieser Dry Walls schon.



 
Knotige Landadern das. Allerdings von Zerfall durch Verwitterung bedroht. Für ihren Erhalt sammeln engagierte Menschen Spenden, auch im Community Café von Bosta kann man spenden. Noch prägen diese Mauern die Landschaft, ebenso wie die Schafe, die darin eingepfercht sind, die mit Moos und Flechten bewachsenen Steine – oder die der nackte Fels, von Gletschern und Zeit rund und flach geschliffen.

Weich sehen die Steine aus, wie Polster fast – tatsächlich aber sind sie granithart, mit messerscharfen und spitzen Quarzitanteilen. Hin und wieder liegt ein Felsbrocken herum, wie ein Riesenkiesel, der einem Gletscher beim Weiterziehen aus der Hand fiel. schleifen die Denkwirbel. Weiten Horizont und Geist. Leiten Energie ins Hirn. Nur durch ihr Da-sein.


 
In Tobson rasten wir, durch freundliches Zunicken ermuntert, am Bootshaus einer Familie. Auf dem Rückweg ein Kaninchen, das panisch vor mir flüchtet – wie schön, denke ich, du bist wohl gesund. Hier auf der Insel grassiert die Kaninchenpest und es ist gruselig die todgeweihten Tiere zu sehen. Auf den ersten Blick wirken sie zutraulich, tatsächlich sind sie blind und todkrank.
Der Pfad ist wie eine Viehtrift. Die mit Torf und Gras bedeckten Felsen ringsherum sind mit netzartigen Mustern überzogen. Trampelpfade der Schafe.

Die Weite ist überwältigend. Ausblicke aufs Meer. Landzungen, Lochs und Ponds. Auf dem Rückweg beglückt mich die erste fleischfressende Moorpflanze, die ich mit eigenen Augen sehe: ein Sonnentau. Danach fahren wir Kaffee trinken und Kuchen schmausen bei Helen im Community Café.



 
Am nächsten Tag liegt Jagd-Aufregung in der Luft. Mit großem Tumult werden die Schafe zusammengetrieben. Überall Schreien und Rufen. Männer, die wie vorzeitliche Hirten an ihren Stöcken erkennbar sind treiben die Schafe zusammen. Ihre Hunde stürmen felsauf felsab, die Schafe on the run. Am Wegrand überall Pferche, wo sie zusammengetrieben werden, zum Scheren oder Verkauf.

Bildersatt kehren wir auch vom letzten Ausflug zurück. Womit wir nicht gerechnet hatten: Richtig dunkel wird es hier gar nicht. Aber nicht deswegen bleibe ich schlaflos auf unserem Olymp. Wind umböt uns, rüttelt das Zelt, lässt den Stoff flappen und flattern. Klar, der Preis der schönen Aussichtshöhe und des feinen Blicks: Wie schon am Uig Beach stehen wir voll im Wetter.
Anders als die Eisenzeit-Häuser, die sich in die Bucht schmiegen und sogar durch einen geschickt gewundenen Treppeneingang den Wind draußen hielten, kriegen wir hier oben alles ab.


 
Regen und Wind, Wind und Regen. Wir bleiben im Zelt. Unser Haus. Sobald die Beine einschlafen wechseln wir zwischen Schlaf- und Wohnraum, Lesezimmer, Küche, Ankleide, Vorratskammer – nur Klo und Bad erfordern komplizierte Anziehmanöver, dafür muss man übern Hof…

Seltsam diese Drinnenzeit draußen. Einfach nichts. Nichts tun. Wir beobachten die Wellen und Täler die der Wind über den Stoff treibt. Die Tropfennasen, die das grüne, mit feinen Karos durchzogene und zum Glück superwasserfeste Hightec-Gewebe entlang schliddern. Wir harren aus. Kriechen immer abwechselnd in unserem gelben Schlafzelt-Kokon. Draußen alles still bis auf den Wind. Der dafür tost und bollert. Striegelt alles durch, schmirgelt jeden Stein mit seiner Sandzunge und legt nicht nur Grashalme flach.

Das Zelt hüpft, und schlägt mit den Flügeln, als wolle es abheben. Wir Glücklichen in unserer gelben Höhle. Kuschelig und körperwarm. Das Positive am Sturm – die ganzen Plagegeister, die komplette schottische Midges-Mückenschaft: fortgeblasen. Und auch wenn der Wind unser Zelt fast wegpustet und wir auch nach einem Tag Wartezeit kein besseres Wetter bekommen, also bei Regen packen müssen: Bosta Love – bester Platz!