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Mitgefühl kommt von Mitgefühl
Psychologin Elisabeth Raffauf im Interview

10. Juni 2022 von Sylvia | Keine Kommentare

Elisabeth Raffauf, Psychologin, Erziehungs- und Paarberaterin

Kennengelernt haben wir sie durch eine Reportage über ihre Zusammenarbeit mit Kindern für die coole Radio-Aufklärungs-Serie „Herzfunk“. Ist fünf Jahre her – wieder haben wir uns in Köln getroffen und diesmal mit ihr darüber gesprochen, warum sie Psychologin geworden ist, wie es ist Flüchtlinge aus der Ukraine zu beherbergen, und was Kindern in dieser Gesellschaft fehlt.

meise&meise Was hat dich dazu gebracht Psychologin zu werden?

Elisabeth Raffauf Ich wollte wissen, „Wie funktioniert die Seele?“ Eigentlich wollte ich ja beruflich etwas anderes machen als meine Eltern. Beide haben im Bereich Neurologie und Psychiatrie gearbeitet. Zusätzlich hatte meine Mutter eine Ausbildung als Psychoanalytikerin, weil sie die medizinische Behandlung oft nicht ausreichend fand, etwa bei Magersüchtigen. Anderseits habe ich bei meiner Mutter immer gesehen: Ihr macht das richtig Spaß… So kam ich zur Psychologie.

m&m Hast du später Dinge übernommen, die deine Mutter gemacht hat?

ER Meine Mutter ist ein ganz anderer Typ als ich. Sie ist sehr ruhig und zurückhaltend. Über sie wurde immer gesagt, wenn alle in die Straßenbahn reinkommen, nur eine nicht, dann ist sie das. Weil sie alle vorlässt… Was ich aber auf jeden Fall übernommen habe ist Ihre Grundeinstellung zur Arbeit – und zur Erziehung. Sie hat immer gesagt: Schule ist nicht so wichtig. Wer ne fünf schreibt kriegt ein Eis und wer ne Sechs schreibt, mit dem gehe ich ins Stadtcafé Kuchen essen. Und wir reden nicht über Schule.

m&m Du hast einige Bücher geschrieben, zuletzt Erzieht uns einfach!, gibt es eine Botschaft – die du mit deinen Büchern rüberbringen möchtest?

ER Ja – es ist mir wichtig, psychologische Zusammenhänge auch für jene zu erklären, die mit Psychologie nichts zu tun haben. Zum Beispiel, wie das sich Erinnern an frühere Erlebnisse dazu führt, dass man sich besser versteht. Das ist ein tiefenpsychologischer Ansatz: Was hat mich denn geprägt? Wie bin ich denn so geworden wie ich bin und kann ich denn Verständnis mit mir haben? So kann ich letztlich verstehen, dass ich vielleicht selbst als Kind bestimmte Dinge dringend gebraucht hätte, aber nicht bekommen habe. Wenn ich das aber nicht reflektiere, versuche ich immer weiter, mir das irgendwo zu holen. Auch bei meinen Kindern oder meinem Partner – aber das ist die falsche Stelle. Und wenn man das erst mal verstanden hat, kann man schauen, wie kann ich anders damit umgehen.

m&m Warum sind Pubertät und Sexualerziehung deine Schwerpunkte?

ER In dieser Zeit ist richtig was los, das ist sicher ein Grund dafür. Ich selber hatte eine heftige Pubertät mit Drogen und Von-Zuhause-abhauen… Ich habe meine Eltern echt in Aufregung versetzt und später gedacht, hoffentlich machen meine Kinder das niemals. Ein anderer Grund ist: Jugendliche sind so unverstellt, so echt. Die reden geraderaus.

m&m Das gilt sicher auch für den Herzfunk, den machst du ja auch noch…

ER Ja. Die Kinder haben dieses Angebot nach wie vor ganz oben auf ihrer Liste. Weil sie gefragt werden, und zwar nicht nur danach, was sie wissen wollen, sondern als Expertinnen und Experten. Die Themen sind ja so alt wie die Welt, aber die Fragen sind immer auch wieder ein bisschen neu und überraschend. Etwa „Kann man im Weltall schwanger werden?“ oder „Was machen denn Jungs, wenn das Urinal zu hoch ist und man da nicht dran kommt?“

Reportage 2017 – Elisabeth bei Aufnahmen für den Herzfunk

m&m Woher nimmst du die Kraft, dich immer wieder aufs Neue auf die Probleme anderer einzulassen?

ER Ich bin neugierig. Es macht mir wirklich Spaß, Dinge zu verstehen. Selbst bei Menschen, wo man erstmal denkt: Hm. Das ist nicht so ganz meine Kragenweite… Aber, wenn du sie verstehst, kommen sie dir näher. Es gibt ein hilfreiches Konzept, die Seele zu verstehen, das tiefenpsychologische oder psychoanalytische Konzept. Damit hat man dann auch Werkzeuge und muss nicht alles so nah an sich ranlassen. Man kann Zusammenhänge erkennen und Fragen stellen, die Sinn machen. Ich bin dann keine Freundin, sondern Zuhörerin. Außerdem bin ich grundoptimistisch. Ich bin überzeugt: Menschen, die sich Unterstützung holen, und sich auf den Weg machen – die wollen etwas ändern. Das ist der beste und einzige Motor. Und man spürt, dass es bereichernd für sie ist, sich damit auseinanderzusetzen.

Aber du hast recht, das kostet Kraft. Ich begleite deshalb auch weniger Leute als die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen, die dann jeweils nach 50 Minuten einen Wechsel machen. Ich bin eine volle Stunde für meine Klienten da, danach mache ich eine Viertelstunde Pause. Die brauche ich, um umzuschalten. Mein Anspruch ist: Sie sollen jede Stunde etwas mitnehmen können. Gleichzeitig muss klar sein, das geht nur gemeinsam. Ich gebe meine volle Konzentration, aber diese Person muss auch etwas wollen.

m&m Aktuell habt ihr – du und dein Mann – eine ganz besondere Situation, ihr habt eine ukrainische Familie zu Gast – wie kam es dazu?

ER Wir wollten raus aus unserer Hilflosigkeit angesichts der schrecklichen Bilder aus dem Krieg. Dann haben wir mit unserer Tochter Jana darüber gesprochen, dass wir Flüchtlinge aufnehmen wollen. Darauf sie: „Der Luca hat längst welche.“ Luca ist unser Sohn und wir wussten das noch gar nicht. Er wohnt in einer Vierer-Jungs-WG in Berlin, dort gibt es ein kleines Gästezimmer mit Hochbett. Als sie gefragt wurden, ob sie zwei Flüchtlinge aufnehmen könnten, haben sie sofort zugesagt. Ja – und dann kamen die Flüchtlinge: Eine siebzigjährige Dame mit ihrer vierzigjährigen Tochter… Da sie diese ältere Dame schlecht die Hochbettleiter hochschicken konnten, hat unser Sohn sein Zimmer hergegeben. Während wir überlegt haben, für wie lange wollen wir das, muss man den Flüchtlingen Grenzen setzen undundund, haben die vier 25-Jährigen einfach nur gemacht. Wir hatten erst angeboten, dass die beiden Frauen zu uns kommen könnten, aber nach zehn Tagen, sind sie in eine Flüchtlingsunterkunft umgezogen, um Kontakt zu Ihresgleichen zu haben. Da wir Freunden erzählt hatten, dass wir Flüchtlinge aufnehmen würden, gab es dann plötzlich bei uns in Köln jemanden, der für seinen Arbeitskollegen und dessen Familie eine Unterkunft suchte. Diese Familie ist jetzt seit zwei Monaten bei uns.

m&m Und? Wie läuft das im Alltag?

ER Gut. Sie sind nett – das ist das A und O. Sie haben zwei Zimmer und ein Bad für sich. Küche und Wohnbereich ist für uns alle. Ist wie früher in der WG oder mit den Kindern. Die Tochter ist sieben. Ich habe sie hier in der Schule angemeldet. Anfangs hat sie geweint, weil alles fremd war und sie nur ukrainisch spricht. Aber jetzt geht sie gerne hin.

m&m Wie kommuniziert ihr?

ER Auf Englisch. Nadja ist Lehrerin, sie unterrichtet jeden Tag eine vierte Klasse – via Zoom, damit die Kinder danach weiter in die Schule gehen können. Sie sagt, ich kenne die seit vier Jahren, deshalb ist es ihr Anspruch, dass sie danach in eine weiterführende Schule gehen können.
Wir haben am Anfang gefragt, möchtet ihr, dass wir euch Fragen stellen oder lieber nicht? Sie wollten. Sie haben sogar ein großes Bedürfnis, darüber zu sprechen, wie es ihnen geht. Für ihn als Mann ist die Lage besonders schwierig. Er hat immer das Schuldgefühl, er müsste eigentlich dort sein und helfen – und gleichzeitig ist er froh, dass er hier ist. Am Anfang hat er gesagt, ich kann mich nicht konzentrieren. Er hatte Albträume, konnte nicht gut schlafen. Jetzt merken wir, dass sie neue Probleme haben, dass sie ihre Pläne immer wieder ändern und sich nicht immer einig sind. Man kann ja auch nichts planen. Sie möchte zurück, hat totales Heimweh – und er will nicht unbedingt zurück. Die beiden wissen, dass sie mit uns reden können, wenn sie es brauchen, aber wir mischen uns nicht ein. Man muss einen gewissen Abstand halten. Es ist ja nicht so, dass sie weniger Informationen hätten als wir. Eher im Gegenteil. Und sie haben oft auch andere Informationen.

m&m Toll, dass ihr sie aufgenommen habt.

ER Es hat sich so ergeben und wir haben gemerkt, das ist auch eine Art Selbstbehandlung. Denn: Wenn ich die Bilder im Fernsehen sehe, fühle mich total ohnmächtig. Und so kann ich vielleicht doch ein ganz kleines bisschen tun, und fühle mich besser so. Unsere Tochter Jana – übrigens auch Psychologin – sagt, es gibt keinen Altruismus. Und das stimmt, man macht das auch für sich selber.

m&m Hat es eure Einstellung zum Ukrainekrieg verändert?

ER Was wir mitbekommen sind persönliche Geschichten, etwa wie es der Mutter oder dem Vater in der Ukraine geht. Oder den Schülerinnen und Schülern von Nadja. Das war eine Klasse von 20 Kindern. Ein Kind ist abgemeldet worden, seit der Krieg ausgebrochen ist. Vier oder fünf sind in der Ukraine geblieben, die anderen sind über Europa verteilt. Durch Corona hatten sie das Zoomen schon geübt. Wobei man sagen muss, sie arbeitet an einer Privatschule – da haben die Eltern mehr Geld. An den staatlichen Schulen verdienen die Lehrkräfte 250-300 Euro im Monat, an der Privaten das Doppelte. Trotzdem auch er weiter im Home Office arbeitet, könnten sie sich ein Leben hier nicht leisten. In der Ukraine mietet man sich offenbar eher möblierte Wohnungen – und hier müssten sie alles anschaffen. Dann die Sprache, und Nadja sagt, „Hier müsste ich putzen gehen… Ich bin doch Lehrerin.“
Ob sich unsere Sicht verändert hat, weiß ich nicht. Was ich schwierig finde ist diese Regel, dass die Männer dortbleiben müssen. Er arbeitet im IT-Bereich und sagt dann sowas wie, Ich hab doch noch nie ein Waffe gehalten. Wie macht man das denn, ich weiß gar nicht, wie das geht. Er überlegt ganz konkret wie das wäre, wenn er zurückgeht: „Ich hab doch gar nicht solche Stiefel…“

Für mich persönlich werden die Erfahrungen mit in ein neues Projekt einfließen. Ich habe ganz viele Anfragen von tagesaktuellen Medien und Verlagen bekommen: Wie spricht man mit Kindern über Krieg? Ich hab Nadja davon erzählt – und sie hat vorgeschlagen, was hältst du davon, wenn ich meine Viertklässler frage? Dann haben wir uns Fragen überlegt, sie hat fünf Kinder ausgewählt – und die haben die Fragen beantwortet. Das war sehr ergreifend. Manche haben geweint. Aber sie sagte, das Tolle war, die haben sich total ernstgenommen und auf Augenhöhe angesprochen gefühlt. Das tat ihnen gut, denn die Kinder werden sonst nicht gefragt, wie es ihnen geht. Sie haben sehr ehrliche und konkrete Antworten gegeben. Ein echter Schatz.

m&m Stichwort Zukunft – was wäre dein Wunsch, was soll sich verändern?

ER Ich denke jeden Tag, wann hört dieser Krieg endlich auf?! Das muss endlich passieren. Ändern muss sich auch unser Lebensstil. Meine Kinder und ihre Freunde machen sich große Sorgen über das Klima. Ich wünsche mir natürlich, dass sie eine schöne Zukunft haben.
Aber ich wünsche mir auch ganz allgemein mehr Mitgefühl für Kinder. Denn, ich bin überzeugt, Mitgefühl lernt man, indem man Mitgefühl erfährt. Gerade in Notsituationen wird das oft vergessen. Dafür muss man gar nicht den Krieg heranziehen. Auch wenn Eltern sich streiten oder trennen, vergessen sie oft, wie geht es denn den Kindern damit? Oder sie denken, die Kinder haben kein Problem, weil sie kooperieren und brav sind. Dass die sich vielleicht gar nicht trauen, wütend oder motzig zu sein, wird dann gar nicht wahrgenommen. Auch deshalb müssen wir daran arbeiten, dass die Kinderrechte auch wirklich in allen Facetten umgesetzt werden. Diese ganze Diskussion, ob Kinderrechte ins Grundgesetz aufgenommen werden sollen… Warum sind sie da immer noch nicht?

Elisabeths neues Buch: Erzieht uns einfach! – Was Kinder und Jugendliche von ihren Eltern brauchen.
Patmos Verlag, Ostfdildern 2022, 192 Seiten, 19 Euro

 
 
 

Ein anderer Krieg

5. April 2022 von Pat | Keine Kommentare


 
Börneplatz, Frankfurt am Main, 05.04.2022

Jeder Stein ein Mensch, ein Schicksal

“Und wieder erscheinen die bleibenden Bilder,
gutgekleidete Menschen beim Antritt der Reise,
auf der Suche nach einem Abteil, das es nicht gibt,
nächste Station Armageddon, ein Weltteil”

(Cees Nooteboom, aus “Abschied”)
 
 

Energie

28. März 2022 von Pat | Keine Kommentare


Der schlaue Fuchs
kauft Speiseöl, Raps oder Sonnenblume – egal,
Hauptsache billig. Nur kein Diesel in den Tank.
Wobei der Automobilclub ja abrät:
Salatöl schädige den Motor.
Pah! Der Schlaufuchs
füllt seinen Wohnmobiltank und alle Kanister
voll mit Speiseöl.
Ältere Dieselmotoren sind unproblematisch,
für neuere gibt’s Umrüstsätze,
beim Finanzamt ein Formular – wo? Was?
Pah! Der schlaue Fuchs muss jetzt nur noch
schlauer sein als die anderen und
Speiseölquellen finden.
Supermärkte sind ausverkauft.
 

Seite an Seite, Blowing in the Wind, Joan Baez und Bob Dylan

Weiß wie Schnee, rot wie Blut

23. März 2022 von Sylvia | Keine Kommentare

Es reißt
Zerreißt mich
was getan werden müsste? Könnte. Muss.
Dieser San-Andreas-Graben der Gesellschaften, in den man schaut.
Er will die ganze Ukraine. Himmel und Weizen.

Aus Günther Grass’ Briefwechsel mit Kenzaburo Oe aus der FR, Mai 1995 (Stichwort 50 Jahre nach Kriegsende):
„Sobald ich von meinem Briefpapier aufblicke, sehe ich vom Fenster aus, wie der Monat Mai alle ihm möglichen Nuancen in Grün ausspielt, als wollte er mich an einen Frühling erinnern, dessen Heiterkeit keine Niederlage, keinen Befreiungsschmerz, weder Flüchtlingselend noch Trümmerberge eintrüben könnten…“

„Nur wenige Wochen lang wirkte der Durchhalteappell, dann folgte den deutschen und japanischen Kriegsverbrechen ein amerikanisches: Zwei Atombomben fielen und veränderten die Welt. Seitdem ist unser Denken und Handeln nuklear verseucht. Seitdem ist die Menschheit fähig, sich selbst zu vernichten.“

Aus Oxana Matychuks Ukraine Tagebuch aus der SZ, 23.3.22 (Stichwort Kapitulation):
“Ich würde lieber auch daran glauben wollen, dass ein Sich-Ergeben dem Grauen ein Ende setzen würde.

Dieser Krieg reicht in Wirklichkeit nicht in die 1990er-Jahre, sondern ins Jahr 1654 und noch weiter zurück. Stellen sich diejenigen, die uns gut gemeinte Ratschläge erteilen, auch ernsthaft die Frage, was ein Danach bedeuten würde? Wenn man also nicht tot ist, aber endlich aufgehört hat, Widerstand zu leisten? Und die Europäer hinter der Westgrenze der Ukraine erleichtert aufatmen? …

Leider weiß ich als Ukrainerin, die in der UdSSR geboren und sozialisiert wurde, die von der Grausamkeit des repressiven Systems nicht nur aus Büchern erfahren konnte, die sich später viel mit der Geschichte und Literaturgeschichte auseinandersetzte, dass die ganze Beschwörung des Friedens durch Verhandlungen oder “Sich-Ergeben” einen Effekt haben kann wie etwa schamanische Rituale bei der Krebsbekämpfung (letztere könnten eventuell sogar mehr bewirken). Deswegen muss ich leider in aller Kürze feststellen: Wir sind nicht bereit, uns zu ergeben.”

Ja, ich gehöre auch zu jenen, die sagen, lieber aufgeben, als noch mehr Leid. Nein ich gehöre nicht zu jenen mit Wurzeln im Geschehen.
Draußen Frühling,
Drinnen Schockwellen. Sind Dystopien in uns angelegt?
Ja. Alles, das uns flexibel macht, auf Brüche zu reagieren.
Sobald es unübersichtlich wird, suchen wir den Vorteil für
die Unserigen. So ein Leid.
Es ist hart, im Frühling zu sterben, heißt es in einem Chanson
Die Weichen. So lange schon? Unausweichlich?

 
 
 

Klimastreik

21. März 2022 von Pat | Keine Kommentare

Kraftwerk Staudinger, Groß-Auheim

 

Am 25.03.2022 ist Klimastreik. In vielen, vielen Städten Europas. Geht hin!

FridaysForFuture und “ausgestrahlt”

Weiß wie Neutralität

17. März 2022 von Sylvia | 2 Kommentare

Zeit heute

Es erfordert Mut heute, einen Text für eine Zeitung zu schreiben, der Friedensverhandlungen Waffenlieferungen vorzieht. Es wird jemand ausgebuht heute, weil er wagt, dasselbe auf einer Friedensdemonstration zu sagen. Es werden Sprüche wie dieser auf Facebook geteilt: „Pazifismus ist das Privileg der Behüteten“. Es gibt einen Ort, wo Tschaikowsky nicht mehr gespielt wird, weil er Russe war. Wollt ihr auch Dostojewski, Achmatowa und Zwetajewa verbannen? Kandinski, Rodtschenko ihre Bücher und Bilder verbrennen? Als ob. Einer der andauernden oder zurückliegenden Waffenlieferungen irgendwen, irgendwas besser gemacht hätten. Fällt euch nichts anderes ein als nach Waffen zu rufen? Habt ihr nichts anderes zu tun? So wie die Söldner, die sich jetzt heerscharenweise und freiwillig melden, sich nützlich zu machen.

Ich kriege die Bilder nicht aus dem Kopf. Die aus den Nachrichten der letzten drei Wochen: Eine Frau, an einem roten LKW. Hinter ihr kracht ein Geschoss, zitternd drückt sie sich an die Wagentür. Ein singendes Mädchen. Menschen, die auf Bretterplanken einen Fluss überqueren. Eine Frau, braungebrannt, aus dem Urlaub kommend, die zurück will nach Hause, “Meine Bienen” sagt sie und weint. Ich habe keine Tränen mehr, sagte eine 23 Jährige einem Reporter bei der Beerdigung des Bruders ihres Verlobten. Beide tot. Und darüber ein Schild “Gott und die Ukraine über alles.”

Zeit zurück

„Weiße Sonne, tiefe, tiefe Wolken,
Vorbei an Gärten, Friedhof hinter weißer Wand,
Und dann aus Stroh unter mannshohen Balken
Ein Schwarm von Vogelscheuchen auf dem Sand.

Und ich, über die Zaunspitzen gelehnt,
Seh: Wege, Bäume, Soldaten ab und an,
Und eine Alte sitzt in ihrer Tür,
Streut Salz auf schwarzes Brot und kaut und kaut daran.

Mit was brachten die grauen Katen dich in Zorn?
Mein Gott? Warum so vielen durch die Brust geschossen,
Der Zug brüllte vorbei und die Soldaten brüllten.
Der Rückzugsweg, staub- staubübergossen.

Nein, sterben! Besser nicht geboren werden
Als dieses klägliche mühselige Gebrülle
Von schwarzäugigen Schönen. – Ach sie singen
Jetzt, die Soldaten! Gott, was ist dein Wille!“

(Marina Zwetajewa, 1916)

„Mitten in der Nacht erwachen wir. Die Erde dröhnt. Schweres Feuer liegt über uns. Wir drücken uns in die Ecken. Geschosse aller Kaliber können wir unterscheiden…
Aus uns sind gefährliche Tiere geworden. Wir kämpfen nicht, wir verteidigen uns vor der Vernichtung. Wir schleudern die Granaten nicht gegen Menschen, was wissen wir im Augenblick davon, dort hetzt mit Händen und Helmen der Tod hinter uns her. wir können ihm seit drei Tagen zum ersten Mal ins Gesicht sehen. Wir können uns seit drei Tagen zum ersten Mal wehren gegen ihn, wir haben eine wahnsinnige Wut, wir liegen nicht mehr ohnmächtig wartend auf dem Schafott, wir können zerstören und töten, um uns zu retten und zu rächen. …
Käme dein Vater mit denen drüben, du würdest nicht zaudern ihm eine Granate gegen die Brust zu werfen!“

(Im Westen nichts Neues, Erich Maria Remarque, 1970)

“Die militärische Institution ist ein zyklothymes Tier, das im Frieden schläft und im Krieg erwacht. Die Konsequenzen dieser beiden Zeiten des Militärapparates sind bisher nicht genügend in Betracht gezogen, die Eigenschaften dieser “Kriegszeit” sind nicht ausreichend hervorgehoben worden; das ist einer der Gründe für die grundlegende Fehleinschätzung des militärischen Phänomens…

Für die militärisch-industriellen Mächte wird der Friedenszustand dominieren, für die militärisch-ländlichen wird es der Kriegszustand sein. Der Riss, der in der Vergangenheit während den Perioden des Friedens und des Kriegesn innerhalb ein und derselben Nation bestand, wird in Zukuft die ganze Welt zerteilen…

Aber übrigens: Wer hat eigentlich den Frieden erfunden?

(Bunkerarchäologie, Paul Virilio, 1992)

Zeit durch Zeit

„Es gibt viele Arten sich mit Konflikten zu beschäftigen. Wir können ihnen feindlich, aggressiv oder gewaltsam begegnen oder wir können einen gewaltlosen, schlichtenden, fürsprechenden Weg einschlagen. Wenn wir Konflikten feindlich, aggressiv oder gewaltsam begegnen, weiten sie sich aus und verästeln sich. Jene, die von dem gewaltvollen Konflikt betroffen sind – direkt oder auch indirekt durch Erfahrungen der zweiten und dritten Generation – neigen dazu, ebenso zu reagieren und so die Gewalt fortzusetzen, die sie erfahren haben. Wenn dem Konflikt aber mit gewaltlosen Mitteln begegnet wird, dann gibt es Hoffnung, ihn zu einem friedensstiftenden Werkzeug zu verwandeln und die beteiligten Personen in einen harmonischeren Daseinszustand zu bringen.“

(Aktivismus heißt Verbindung, Sherri Mitchell 2018)

Zeit vor

Erinnern heißt, in Beziehung gehen. Mit der eigenen Geschichte, mit der der anderen. Miteinander reden, kommunizieren, der Gewaltdynamik eine Absage erteilen. Das wäre nicht Privileg oder gar Luxus, sondern Entwicklung. Weltpersönlichkeitsentwicklung ohne Grenzen, aber mit Verbindlichkeit.

 
 
 

Kohle

16. März 2022 von Pat | Keine Kommentare

 

 

 

Kein Geld für Putins Krieg

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