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Mitgefühl kommt von Mitgefühl
Psychologin Elisabeth Raffauf im Interview

10. Juni 2022 von Sylvia | Keine Kommentare

Elisabeth Raffauf, Psychologin, Erziehungs- und Paarberaterin

Kennengelernt haben wir sie durch eine Reportage über ihre Zusammenarbeit mit Kindern für die coole Radio-Aufklärungs-Serie „Herzfunk“. Ist fünf Jahre her – wieder haben wir uns in Köln getroffen und diesmal mit ihr darüber gesprochen, warum sie Psychologin geworden ist, wie es ist Flüchtlinge aus der Ukraine zu beherbergen, und was Kindern in dieser Gesellschaft fehlt.

meise&meise Was hat dich dazu gebracht Psychologin zu werden?

Elisabeth Raffauf Ich wollte wissen, „Wie funktioniert die Seele?“ Eigentlich wollte ich ja beruflich etwas anderes machen als meine Eltern. Beide haben im Bereich Neurologie und Psychiatrie gearbeitet. Zusätzlich hatte meine Mutter eine Ausbildung als Psychoanalytikerin, weil sie die medizinische Behandlung oft nicht ausreichend fand, etwa bei Magersüchtigen. Anderseits habe ich bei meiner Mutter immer gesehen: Ihr macht das richtig Spaß… So kam ich zur Psychologie.

m&m Hast du später Dinge übernommen, die deine Mutter gemacht hat?

ER Meine Mutter ist ein ganz anderer Typ als ich. Sie ist sehr ruhig und zurückhaltend. Über sie wurde immer gesagt, wenn alle in die Straßenbahn reinkommen, nur eine nicht, dann ist sie das. Weil sie alle vorlässt… Was ich aber auf jeden Fall übernommen habe ist Ihre Grundeinstellung zur Arbeit – und zur Erziehung. Sie hat immer gesagt: Schule ist nicht so wichtig. Wer ne fünf schreibt kriegt ein Eis und wer ne Sechs schreibt, mit dem gehe ich ins Stadtcafé Kuchen essen. Und wir reden nicht über Schule.

m&m Du hast einige Bücher geschrieben, zuletzt Erzieht uns einfach!, gibt es eine Botschaft – die du mit deinen Büchern rüberbringen möchtest?

ER Ja – es ist mir wichtig, psychologische Zusammenhänge auch für jene zu erklären, die mit Psychologie nichts zu tun haben. Zum Beispiel, wie das sich Erinnern an frühere Erlebnisse dazu führt, dass man sich besser versteht. Das ist ein tiefenpsychologischer Ansatz: Was hat mich denn geprägt? Wie bin ich denn so geworden wie ich bin und kann ich denn Verständnis mit mir haben? So kann ich letztlich verstehen, dass ich vielleicht selbst als Kind bestimmte Dinge dringend gebraucht hätte, aber nicht bekommen habe. Wenn ich das aber nicht reflektiere, versuche ich immer weiter, mir das irgendwo zu holen. Auch bei meinen Kindern oder meinem Partner – aber das ist die falsche Stelle. Und wenn man das erst mal verstanden hat, kann man schauen, wie kann ich anders damit umgehen.

m&m Warum sind Pubertät und Sexualerziehung deine Schwerpunkte?

ER In dieser Zeit ist richtig was los, das ist sicher ein Grund dafür. Ich selber hatte eine heftige Pubertät mit Drogen und Von-Zuhause-abhauen… Ich habe meine Eltern echt in Aufregung versetzt und später gedacht, hoffentlich machen meine Kinder das niemals. Ein anderer Grund ist: Jugendliche sind so unverstellt, so echt. Die reden geraderaus.

m&m Das gilt sicher auch für den Herzfunk, den machst du ja auch noch…

ER Ja. Die Kinder haben dieses Angebot nach wie vor ganz oben auf ihrer Liste. Weil sie gefragt werden, und zwar nicht nur danach, was sie wissen wollen, sondern als Expertinnen und Experten. Die Themen sind ja so alt wie die Welt, aber die Fragen sind immer auch wieder ein bisschen neu und überraschend. Etwa „Kann man im Weltall schwanger werden?“ oder „Was machen denn Jungs, wenn das Urinal zu hoch ist und man da nicht dran kommt?“

Reportage 2017 – Elisabeth bei Aufnahmen für den Herzfunk

m&m Woher nimmst du die Kraft, dich immer wieder aufs Neue auf die Probleme anderer einzulassen?

ER Ich bin neugierig. Es macht mir wirklich Spaß, Dinge zu verstehen. Selbst bei Menschen, wo man erstmal denkt: Hm. Das ist nicht so ganz meine Kragenweite… Aber, wenn du sie verstehst, kommen sie dir näher. Es gibt ein hilfreiches Konzept, die Seele zu verstehen, das tiefenpsychologische oder psychoanalytische Konzept. Damit hat man dann auch Werkzeuge und muss nicht alles so nah an sich ranlassen. Man kann Zusammenhänge erkennen und Fragen stellen, die Sinn machen. Ich bin dann keine Freundin, sondern Zuhörerin. Außerdem bin ich grundoptimistisch. Ich bin überzeugt: Menschen, die sich Unterstützung holen, und sich auf den Weg machen – die wollen etwas ändern. Das ist der beste und einzige Motor. Und man spürt, dass es bereichernd für sie ist, sich damit auseinanderzusetzen.

Aber du hast recht, das kostet Kraft. Ich begleite deshalb auch weniger Leute als die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen, die dann jeweils nach 50 Minuten einen Wechsel machen. Ich bin eine volle Stunde für meine Klienten da, danach mache ich eine Viertelstunde Pause. Die brauche ich, um umzuschalten. Mein Anspruch ist: Sie sollen jede Stunde etwas mitnehmen können. Gleichzeitig muss klar sein, das geht nur gemeinsam. Ich gebe meine volle Konzentration, aber diese Person muss auch etwas wollen.

m&m Aktuell habt ihr – du und dein Mann – eine ganz besondere Situation, ihr habt eine ukrainische Familie zu Gast – wie kam es dazu?

ER Wir wollten raus aus unserer Hilflosigkeit angesichts der schrecklichen Bilder aus dem Krieg. Dann haben wir mit unserer Tochter Jana darüber gesprochen, dass wir Flüchtlinge aufnehmen wollen. Darauf sie: „Der Luca hat längst welche.“ Luca ist unser Sohn und wir wussten das noch gar nicht. Er wohnt in einer Vierer-Jungs-WG in Berlin, dort gibt es ein kleines Gästezimmer mit Hochbett. Als sie gefragt wurden, ob sie zwei Flüchtlinge aufnehmen könnten, haben sie sofort zugesagt. Ja – und dann kamen die Flüchtlinge: Eine siebzigjährige Dame mit ihrer vierzigjährigen Tochter… Da sie diese ältere Dame schlecht die Hochbettleiter hochschicken konnten, hat unser Sohn sein Zimmer hergegeben. Während wir überlegt haben, für wie lange wollen wir das, muss man den Flüchtlingen Grenzen setzen undundund, haben die vier 25-Jährigen einfach nur gemacht. Wir hatten erst angeboten, dass die beiden Frauen zu uns kommen könnten, aber nach zehn Tagen, sind sie in eine Flüchtlingsunterkunft umgezogen, um Kontakt zu Ihresgleichen zu haben. Da wir Freunden erzählt hatten, dass wir Flüchtlinge aufnehmen würden, gab es dann plötzlich bei uns in Köln jemanden, der für seinen Arbeitskollegen und dessen Familie eine Unterkunft suchte. Diese Familie ist jetzt seit zwei Monaten bei uns.

m&m Und? Wie läuft das im Alltag?

ER Gut. Sie sind nett – das ist das A und O. Sie haben zwei Zimmer und ein Bad für sich. Küche und Wohnbereich ist für uns alle. Ist wie früher in der WG oder mit den Kindern. Die Tochter ist sieben. Ich habe sie hier in der Schule angemeldet. Anfangs hat sie geweint, weil alles fremd war und sie nur ukrainisch spricht. Aber jetzt geht sie gerne hin.

m&m Wie kommuniziert ihr?

ER Auf Englisch. Nadja ist Lehrerin, sie unterrichtet jeden Tag eine vierte Klasse – via Zoom, damit die Kinder danach weiter in die Schule gehen können. Sie sagt, ich kenne die seit vier Jahren, deshalb ist es ihr Anspruch, dass sie danach in eine weiterführende Schule gehen können.
Wir haben am Anfang gefragt, möchtet ihr, dass wir euch Fragen stellen oder lieber nicht? Sie wollten. Sie haben sogar ein großes Bedürfnis, darüber zu sprechen, wie es ihnen geht. Für ihn als Mann ist die Lage besonders schwierig. Er hat immer das Schuldgefühl, er müsste eigentlich dort sein und helfen – und gleichzeitig ist er froh, dass er hier ist. Am Anfang hat er gesagt, ich kann mich nicht konzentrieren. Er hatte Albträume, konnte nicht gut schlafen. Jetzt merken wir, dass sie neue Probleme haben, dass sie ihre Pläne immer wieder ändern und sich nicht immer einig sind. Man kann ja auch nichts planen. Sie möchte zurück, hat totales Heimweh – und er will nicht unbedingt zurück. Die beiden wissen, dass sie mit uns reden können, wenn sie es brauchen, aber wir mischen uns nicht ein. Man muss einen gewissen Abstand halten. Es ist ja nicht so, dass sie weniger Informationen hätten als wir. Eher im Gegenteil. Und sie haben oft auch andere Informationen.

m&m Toll, dass ihr sie aufgenommen habt.

ER Es hat sich so ergeben und wir haben gemerkt, das ist auch eine Art Selbstbehandlung. Denn: Wenn ich die Bilder im Fernsehen sehe, fühle mich total ohnmächtig. Und so kann ich vielleicht doch ein ganz kleines bisschen tun, und fühle mich besser so. Unsere Tochter Jana – übrigens auch Psychologin – sagt, es gibt keinen Altruismus. Und das stimmt, man macht das auch für sich selber.

m&m Hat es eure Einstellung zum Ukrainekrieg verändert?

ER Was wir mitbekommen sind persönliche Geschichten, etwa wie es der Mutter oder dem Vater in der Ukraine geht. Oder den Schülerinnen und Schülern von Nadja. Das war eine Klasse von 20 Kindern. Ein Kind ist abgemeldet worden, seit der Krieg ausgebrochen ist. Vier oder fünf sind in der Ukraine geblieben, die anderen sind über Europa verteilt. Durch Corona hatten sie das Zoomen schon geübt. Wobei man sagen muss, sie arbeitet an einer Privatschule – da haben die Eltern mehr Geld. An den staatlichen Schulen verdienen die Lehrkräfte 250-300 Euro im Monat, an der Privaten das Doppelte. Trotzdem auch er weiter im Home Office arbeitet, könnten sie sich ein Leben hier nicht leisten. In der Ukraine mietet man sich offenbar eher möblierte Wohnungen – und hier müssten sie alles anschaffen. Dann die Sprache, und Nadja sagt, „Hier müsste ich putzen gehen… Ich bin doch Lehrerin.“
Ob sich unsere Sicht verändert hat, weiß ich nicht. Was ich schwierig finde ist diese Regel, dass die Männer dortbleiben müssen. Er arbeitet im IT-Bereich und sagt dann sowas wie, Ich hab doch noch nie ein Waffe gehalten. Wie macht man das denn, ich weiß gar nicht, wie das geht. Er überlegt ganz konkret wie das wäre, wenn er zurückgeht: „Ich hab doch gar nicht solche Stiefel…“

Für mich persönlich werden die Erfahrungen mit in ein neues Projekt einfließen. Ich habe ganz viele Anfragen von tagesaktuellen Medien und Verlagen bekommen: Wie spricht man mit Kindern über Krieg? Ich hab Nadja davon erzählt – und sie hat vorgeschlagen, was hältst du davon, wenn ich meine Viertklässler frage? Dann haben wir uns Fragen überlegt, sie hat fünf Kinder ausgewählt – und die haben die Fragen beantwortet. Das war sehr ergreifend. Manche haben geweint. Aber sie sagte, das Tolle war, die haben sich total ernstgenommen und auf Augenhöhe angesprochen gefühlt. Das tat ihnen gut, denn die Kinder werden sonst nicht gefragt, wie es ihnen geht. Sie haben sehr ehrliche und konkrete Antworten gegeben. Ein echter Schatz.

m&m Stichwort Zukunft – was wäre dein Wunsch, was soll sich verändern?

ER Ich denke jeden Tag, wann hört dieser Krieg endlich auf?! Das muss endlich passieren. Ändern muss sich auch unser Lebensstil. Meine Kinder und ihre Freunde machen sich große Sorgen über das Klima. Ich wünsche mir natürlich, dass sie eine schöne Zukunft haben.
Aber ich wünsche mir auch ganz allgemein mehr Mitgefühl für Kinder. Denn, ich bin überzeugt, Mitgefühl lernt man, indem man Mitgefühl erfährt. Gerade in Notsituationen wird das oft vergessen. Dafür muss man gar nicht den Krieg heranziehen. Auch wenn Eltern sich streiten oder trennen, vergessen sie oft, wie geht es denn den Kindern damit? Oder sie denken, die Kinder haben kein Problem, weil sie kooperieren und brav sind. Dass die sich vielleicht gar nicht trauen, wütend oder motzig zu sein, wird dann gar nicht wahrgenommen. Auch deshalb müssen wir daran arbeiten, dass die Kinderrechte auch wirklich in allen Facetten umgesetzt werden. Diese ganze Diskussion, ob Kinderrechte ins Grundgesetz aufgenommen werden sollen… Warum sind sie da immer noch nicht?

Elisabeths neues Buch: Erzieht uns einfach! – Was Kinder und Jugendliche von ihren Eltern brauchen.
Patmos Verlag, Ostfdildern 2022, 192 Seiten, 19 Euro

 
 
 

Drei Goldpins sollt ihr sein

5. Mai 2022 von Sylvia | Keine Kommentare


Paar Tage nicht da. Briefkasten ist voll. Da – Paketzettel zwischen den Zeitungen. Von? Absendercheck und JAAA! Endlich! Endlich krieg ich mein Handy wieder. Komisches Gefühl nach vier Wochen ohne. Anfangs schrecklich, immer wollte ich mal eben was gucken, mal dies checken, mal jenes fotografieren. Mal ne Nachricht schreiben, mal… Oooommmmm. Einatmen, ausatmen – bffffff. Und die Leute so: Geben Sie mir Ihre Handynummer? oder, Hey, Ich hatte dir ne Nachricht geschickt. Und ich dann: Ja, aber ich bin nicht erreichbar bzw. Hm, kannst du mir das nochmal als Mail schreiben? Antwort: Hä?! bzw. Was?!

Alles fing mit einem Blackout an. Okay, Handy ans Kabel gehängt. Aber. Stunden später sagte es immer noch nur „Rotes Licht“. Pats Tipp: Machma Kontakte sauber. Okay. Auf das Ding, Akku raus – und einen Fussel weggepustet. Wieder zu. Rotes Licht. Hm. Was war das denn für ein Fussel? Der lag tatsächlich noch auf meinem Schreibtisch. Bisschen Metall, zeigte die Lupe, golden. Akku wieder raus und dann hörte ich das Problem trapsen: Wie viele Kontakt-Pins sind denn normal? Drei. Waren aber nur zwei da. Oh Nein! Die nächsten Tage würde ich mein Handy dringend brauchen. Also, hopp zum Handyladen (mit Schwerpunkt apple). Warten. Warten. Dann mein Problem ausgepackt und der Typ sagt: „Glaub nicht, dass man das machen kann. Ich frag mal in der Werkstatt, ob sich das überhaupt lohnt.“ Wie, „lohnt“?? Das ist ein SHIFT! Blase ich mich auf, damit er von seinem Apfelschimmel runterkommt. Die Werkstatt bestätigte. Konnte oder wollte nicht. Vorhang. Frustriert ab.

Daheim gleich ne Mail an den Herstellersupport geklappert. Man soll dazu schreiben, ob superdringlich, dringlich oder normal. Bin immer gegen Stressmachen, also „normal“. Antwort kam postwendende, Kostet 30 Euro, sobald Geld da ist gehts los. Wow! Geld überwiesen. Warten. Warten. Warten. Nach drei Wochen bin ich auf “superdringlich!” umgestiegen.

In der Zwischenzeit die Entzugserscheinungen kosten: Keine Plantnet-App, die mir Gundermann oder Taschentuchbaum bestimmen hilft. Keine Bird-App fürs Erkennen von Trauerschnäpper und Co., keine Klangattrappe für meine Specht-Kartierung, kein Signal, kein Navi, kein Wörterbuch… Ach Menno. Ach, und vor der Tür der Tracker-Ausflug, wo man sich abstimmen muss. Aber Pat: Kannst meins nehmen. Danke! Handy teilen. Au Backe. Seine Freunde haben keine Nachrichten mehr geschickt (Achtung: Sylvia liest mit). Und in Gruppen musste man immer seinen Namen drunter setzen, damit alle wussten – war es jetzt er oder ich. Zum Glück war ich schon durch mit wordle, sonst hätte ich wohl noch geheudlt.

Aber jetzt ist alles gut. Hehe. “Leute, bin wieder smart!” Hab ich meinen Schwarm informiert, und Glückwünsche bekommen: Happy-Handy-Gesang, „Eid mubarak“ sogar als Handyfasterin und Klatschehändchen. Jo, und dann das geliehene Handy aufräumen. Bilder zu mir, unbekannte Kontakte raus. Ojojoj. Dafür muss man in die Tiefen der iPhone-Logik: Warum bitte lässt sich ein Kontakt nicht einfach löschen? Im iPhone-Forum hatten andere auch das Problem. Whats-App sollte schuld sein. Nee, wars nich. Dann hab ich Siri erwischt. Die Suchsiri hat den Daumen drauf. So. Verboten und zack – alles clean. Zwar suche ich jetzt auf meinem Handy den Home- und Fingerabdruck-Button… Aber, das Fasten hat was bewirkt. Erstens kenne ich mich jetzt mit nem iPhone aus, zweitens geht Teilen sogar zuhause, und drittens geht ne Menge ohne. Etwa, nur rumsitzen und träumen. Herrlich. Aber Schluss jetzt. Muss gleich mal checken, was ich vorhin mit der Bird-App aufgenommen hab.
 

 
 
 

Warten auf das perfekte Bild
Naturfotograf Karsten Nitsch im Interview

16. April 2022 von Sylvia | 1 Kommentar

Den Fotografen, Naturführer und Blockhausexperten Karsten Nitsch (59) habe ich durch ein Trackingwochenende in der Lausitz kennengelernt.

 

Sylvia: Was machst du genau und warum?

Karsten: Mir liegt sehr viel daran, den Menschen Natur nahe zu bringen und ihnen verständlich zu machen, dass sie sich als ein Teil dieser Natur sehen müssen. Was mir besonders aufgefallen ist, dass wir uns distanziert haben. Wenn wir über Natur reden, reden wir immer über irgendetwas da draußen. Etwas anderes. Wir haben Naturschutzgebiete, und sagen, Ach schau mal da, die schöne Natur… Dabei gehören wir dazu. Auf keinen Fall sehe ich mich als jemand, der Leute bespaßen will. Das wurde mir im Lockdown besonders klar. Da hat man uns gesagt, wir können nicht arbeiten, weil das in das Ressort Tourismus fällt. Okay: Die Leute kommen von überall her – das ist natürlich Tourismus. Doch, wenn ich mit den Leuten unterwegs bin, vermittle ich ihnen Wissen – und das läuft für mich unter Umweltbildung. Für mich ist das viel wichtiger, und es macht mir auch viel mehr Freude, wenn es in diese Richtung geht.

Wenn wir etwa ein Naturschutzgebiet einrichten, tun wir das doch nicht für irgendetwas oder irgendwen, sondern für uns. Ich denke dabei auch an Diskussionen übers Klima. Da heißt es dann: Ja, das ist schon wichtig. Aber erstmal müssen wir sehen, dass wir unsere Arbeit behalten und unseren Wohlstand. Auf diese Weise Dinge werden getrennt, die nicht trennbar sind. Deshalb versuche ich, den Leuten diese Distanz zu nehmen.

SM: Und wie?

KN: Indem ich sie bei meinen Führungen auf Details und Besonderheiten aufmerksam mache. Spazierengehen tun ja die meisten gern. Aber was passiert da? Meist unterhält man sich und konzentriert sich eher auf sich selbst. Man sieht vielleicht einen Schwan oder andere auffälligen Dinge, aber schaut nie genauer hin. Die wenigsten setzen sich auf einen Platz und lassen alles auf sich einwirken. Das geht so weit, dass Leute, wie manche Birder einen Haken machen, wenn sie eine bestimmte Vogelart gesehen haben und fertig. Wie ein Sammler.

Kroa! Bestätigt der Kolkrabe über uns.

SM: Was interessiert die Leute besonders? Die Wölfe sicher.

KN: Ja, absolut. bei mindestens 70 Prozent der Buchungsanfragen ist der Wolf der Aufhänger. Wobei die Erwartung eine andre ist, als das, was man bekommen kann. Der Wolf hat was Magisches. Der hängt schon als Poster bei 15-Jährigen über dem Bett. Und er ist nicht so greifbar wie ein Marienkäfer, der am Küchenfenster sitzt. Das ist schon was ganz besonderes, und man möchte ja auch das Besondere. Aber gleich danach kommen andere, der Adler etwa. Warum ist das so? Vielleicht weil uns das auch immer so verkauft wird als etwas Besonders. Für mich gibt es andere Kriterien.

Beispiel Eisvogel: Viele kommen zu mir und sagen, ich möchte so gerne mal einen fotografieren… Und hier ist der alltäglich. Die Leute glauben gar nicht, wie viel mehr sie das selbst und auch andernorts erleben könnten, wenn sie ein paar Dinge beachten, die ich ihnen mit auf den Weg gebe. Sie schreiben mir etwa, ich hab schon so oft versucht, mich an den ranzupirschen… ist mir nie gelungen. Und genau das ist der Fehler. Bei den meisten Eisvögeln kann man sich nicht ranpirschen. Der ist sehr aufmerksam. Man muss das eher anders machen. Da sein und warten bis er kommt. Am Anfang beobachtest du ihn einfach und merkst dir, da sitzt er gern. Dann suchst du dir einen Platz, an dem du bequem sitzen kannst, wo die Entfernung passend ist und guckst, wie du dich unauffällig gestalten kannst. Wenn du seine Pfiffe hörst ‚Tiet-Tiet!‘ kommt er gleich flach übers Wasser geflogen und dann wird passieren, worauf du wartest: er wird zu seinem Lieblingsplatz kommen.

SM: Jetzt spricht der Naturfotograf – also warten?

KN: Und rücksichtsvolles Verhalten – indem du nicht laut bist, indem du dich langsam bewegst, indem du Geduld hast, genau schaust und hörst. Für mich ist das ein wichtiger Teil der Naturfotografie. Sich auch dann noch respektvoll zu verhalten, wenn ich mein Bild habe und nicht, Zack aufstehen und weggehen. Der Vogel hat aber vielleicht seinen Fisch noch nicht gefangen. Jetzt warte ich, bis er auch seinen Erfolg hat und bin rücksichtsvoll ihm gegenüber. Das ist für mich das Besondere an der Naturfotografie. Und das ist, was ich versuche den Leuten zu sagen: Es geht nicht an erster Stelle um euer Bild. Klar, das sollt ihr bekommen, aber es geht in erster Linie um die, die ihr fotografiert. Das perfekte Bild habt ihr dann – und das gelingt nicht immer – aber perfekt wäre, wenn ihr das Erlebnis habt, dass das Tier die ganze Zeit ungestört war, und euch vielleicht gar nicht bemerkt hat bis zum Ende bis es wieder weggeht. Und dann könnt ihr auch den Platz verlassen.

SM: Erzähl mal von einem solchen „perfekten“ Bild.

KN: Ich war mal in Schottland auf einer Vogelschutzinsel, wo es Moorschneehühner gab. Und ich wollte die fotografieren. Dort ist Heidelandschaft, und weil man da schlecht laufen kann, waren dort Holzbohlenwege angelegt worden. Und als wir da unterwegs waren, habe ich ein Moorschneehuhn gesehen, das sich neben einen Stein gelegt hat. Zehn oder zwanzig Meter entfernt und ich hab mit dem Teleobjektiv fotografiert. Wir standen da und es war irgendwie verrückt, dass es ich trotzdem da hingesetzt hat. Und ich hab mich gefragt, ob es vielleicht gar keine Notiz von uns nimmt. Und dann habe ich vorsichtig den Arm gehoben. Nix, keine Reaktion. Hat einfach in der Sonne gelegen. Dann hab ich überlegt, ich würd gern eine andere Aufnahme machen mit einem Weitwinkelobjektiv, dazu müsste ich aber sehr nah an dem Huhn dran sein. Mein Plan: Ich wollte versuchen, mich ihm zu nähern, es immer im Auge zu behalten und sobald ich merke, jetzt wird es ihm unheimlich, wäre Schluss für mich. Dann bin ich auf dem Bauch dahin gerobbt und bin wirklich ganz nah rangekommen, im Hintergrund das Meer und andere Inseln. Ja, dann hatte ich dieses Bild – und das Huhn war ganz entspannt Es hat mich angeschaut. Ich konnte es kaum glauben. Dann habe ich langsam die Kamera runtergenommen. Dann habe ich gedacht, perfekt ist es dann wen ich wieder neben meinem Freund stehe, der mich fotografiert hat bei meiner Aktion und das Moorschneehuhn liegt immer noch da. Und das hat funktioniert!

Stell dir vor, draußen ist schlechtes Wetter, du liegst auf der Couch, hast es richtig gemütlich – schön warm, ein Buch, ein Glas Wein –, da will man ja auch nicht, dass irgendjemand schreiend dazwischen gepoltert kommt und dir die schöne Stimmung versaut. Deshalb möchte ich, dass es für das Tier so bleibt wie es war und gehe rückwärts und ganz langsam wieder weg. Und beobachte das Tier weiter und verharre, wenn es guckt und aufmerksam wird, bis es sich wieder beruhigt hat. Wenn du das geschafft hast – das ist cool.

Man bleibt natürlich nicht immer unentdeckt. Aber, ich mag am liebsten die Tierbilder, wo das Tier dich nicht anschaut. Das kann man mal machen, aber ich denke, ganz häufig sind die Fotografen entdeckt. Viel cooler ist es, ein Bild etwa vom Wolf zu machen ohne dass er schaut, weil er dich nicht für wichtig hält oder dich nicht gesehen hat.

SM: Apropos Wolf, ich finde es ja bemerkenswert, wie ihr in der Lausitz mit dem Wolf zusammenlebt, andernorts gibt es sofort große Konflikte…

KN:Mich regt das immer auf, wenn ich über Leute lese, die sich in den Social Media aus dem Fenster hängen und anfangen über den Wolf zu diskutieren. Egal von welcher Seite. Dann denke ich immer, Die haben wahrscheinlich noch nie einen Wolf gesehen und schreiben irgendein Zeug zusammen. Manchmal habe ich da auch geantwortet und gesagt: Leute das ist nicht so. Ich hab schon Wölfe telemetriert, ich habe Schafe gehalten… Damit kann man so eine Diskussion sogar stoppen. Was wollen sie auch sagen, wenn jemand fragt, wann hast du denn deinen letzten Wolf gefangen? Oder hast du schon mal Schafe gehalten in deinem Garten und der Wolf war am Tor?

SM: Über deine Tierbegegnungen hast du ja ein Buch geschrieben – was steht in dem neuen Buch, an dem du gerade schreibst?

KN:Da geht es um Blockhütten. Um Begegnungen mit Menschen hier auf dem Platz, aber auch um die Natur. Ich habe mich ja hier mitten in die Natur gesetzt – und wage zu behaupten, ich habe hier ein Stück Wildnis geschaffen. Auch wenn die kleinen Campinghütten dort stehen. Vorher war das eine eintönige Wiese, die zweimal im Jahr gemäht wurde. Keine Sträucher, keine Hecken, keine Bäume, nix. Ich habe gepflanzt und aber auch vieles einfach die Natur machen lassen. Manche meiner Bäume fand der Biber so gut, dass er sie gefällt hat.

SM: Wie hast du reagiert?

KN: Mit Bestürzung! Ich hatte einen Freund, der hatte sein Grundstück an einem Bächlein und hat sich eine Trauerweide gepflanzt – und da immer gesessen und im Schatten der Weide die Fische beobachtet. Da habe ich gesagt, Oh, das mache ich auch! Und hab an meiner Badestelle eine Trauerweide gepflanzt – und die war schon ganz dick und eines Morgens, als ich baden gehe, hatte der Biber zu zwei Drittel meine Weide angenagt. Ich dachte: Ey, hat er sie noch alle? Und er dachte wohl: Geil, lecker Weide… Und dann fiel mir wieder ein, wie toll ich es fand, als der Biber hierher kam. Ich hab schon mitgekriegt, dass der weiter unten Bäume gefällt hat, aber doch nicht bei mir?! Damit muss man sich erstmal auseinandersetzen. Ich hab dann den Rest des Baums durch Zaun geschützt. Außerdem viele Weidenzweige gesteckt, die auch angewachsen sind, und die er immer wieder abknabbert. Das ist okay. Im Augenblick sind wir uns da ganz einig.

SM: Wie kommst du zu deinem Job Naturführer, hast du das gelernt?
Über Umwege… Ich hab ursprünglich Elektromonteur gelernt und dann aber als Waldarbeiter gearbeitet. Mit meiner Familie konnte ich für 26 Mark Monatsmiete im Forsthaus wohnen – das war super. Nach der Wende war ich arbeitslos, denn die Wälder wurden wieder privat bewirtschaftet.

— Kikeriki — ruft einer der Platzhähne dazwischen.

Danach kam eine AbM-Stelle im Umweltamt. Als ich die erste Umweltbildungsaktion gemacht habe wusste ich: Das ist es. Endlich etwas, das mich wirklich interessiert.

SM: Die Landschaft hier ist ja geschunden – ist das trotzdem ein Glücksfall für dich, für die Natur?

KN: Die ganze Natur ist ja „geschunden“ oder von Menschen verändert. Wir leben in einer Kulturlandschaft. Hier ist nichts mehr wie es mal war. Aber was heißt „geschunden“? Wenn ein Vulkan ausbricht schindet er auch die Landschaft, aber das ist ein natürlicher Prozess. Früher dachte ich, wenn wir die Kohlengrube aufmachen, vernichten wir die Landschaft und zerstören alles. Aber das sehe ich heute anders. Es ist ein großer Eingriff, aber das ist auch so, wenn wir einen Kahlschlag machen. Was wir mit dem Tagebau zerstören, ist eine Kulturlandschaft – und die besteht hier in der Gegend häufig nur aus einfachen Kiefernforsten. Wir zerstören auch Dörfer und Felder. Wir zerstören eine Kulturlandschaft und teilweise auch eine Kultur, nämlich die sorbische. Das tut mir vielleicht viel mehr weh.

Die Landschaft hat die Chance, sich zu regenerieren. Ich wünsche ich mir, dass man das Regenerieren der Natur überlassen würde. Und nicht anfängt Lieber Gott zu spielen, wie bei dem Projekt wo heute der Wolfsansitz ist. Da wurde ein Radweg angelegt, ein See und ein Hügel mit dem Aushub – schön für eine Aussichtspunkt. Und dann kam Mütterchen Matur und hat gesagt: Och… ich lasse einfach mal den Hügel in den See rutschen. Und weg war der See. Großes Entsetzen, die ganze Arbeit dahin… Aber. Ich sag mal so: Natur ist immer Dynamik, immer Veränderung. Was ist geschunden? Ich wünsche mir, dass diese Kulturlandschaft bleibt. Die macht die Lausitz aus. Diese Teiche, diese Vielseitigkeit, das ist eine Die Landschaft, die durch die slawischen Stämme während der Völkerwanderung geprägt wurde. Dörfer, Wiesen, Felder, Wasser – ich zähle auch den Tagebau dazu. Diese Vielfalt ist eine große Chance für viele Tier- und Pflanzenarten. Das soll so bleiben.

SM: Warum hast du eigentlich die Blockhütte gebaut?

KN: Ich hatte kein Land hier und hab ja Kurse für die Umweltbildung gemacht. Da war ich in den Sommermonaten immer weg. Blöd: Nie zuhause im Sommer. Dann hab ich gedacht, ich mach die Camps einfach hier. Dazu musste ich aber erstmal dem Nachbarn die Wiese abkaufen.
Der wollte eigentlich nicht… Aber ich hab nicht lockergelassen, irgendwann hatte er genug vom Mähen und mir die Wiese verkauft. Dann hab ich meine Feriencamps für Kinder direkt vor meiner Haustür angeboten und einen Bauwagen hingestellt, um immer für sie ansprechbar zu sein. Ich habe während des Camps quasi im Bauwagen gelebt. Als dann der Herbst kam, das Camp zu Ende war, hab ich es nicht mehr ausgehalten, im Haus zu schlafen. Also bin ich in den Bauwagen gezogen. Von der Mutter meiner großen Töchter lebte ich da schon getrennt. Ich hab mir ein neues Leben aufgebaut. In der Bildungsarbeit mit jungen Leuten, das hat mich beflügelt.

SM: Und die Hütte?

KN: Im Bauwagen musste ich lernen, mich aufs wesentliche zu reduzieren. Vorher hatte ich ja ein Haus mit Fernseher und trallala. Im Bauwagen hatte ich einen Laptop, ein Kofferradio, bisschen Geschirr und Bücher. Nur das Notwendigste. Cool. Dann habe ich mir Felle gekauft. Da guckst du raus, es schneit, und der Ofen bullert. Herrliches Leben. Und weißte was?! Ich konnte viel fauler sein als vorher. Und das ist wichtig. Das müssen wir nämlich auch wieder lernen. Im Bauwagen musste ich nicht viel machen, außer heizen. Ich musste nicht denken, ach die Tür müsste mal wieder gestrichen werden und dies und das… Dann habe ich das Haus meiner Tochter und ihrem Freund geschenkt.

Ja, und irgendwann war hier einer auf meinem Camp, der nahm an einem Kräuterseminar teil und fragte: Warum baust du dir eigentlich keine Blockhütte? Poah. Schöne Idee. Aber – wie geht das denn? Er meinte, er hätte in Kanada mal mitgeholfen, das sei nicht so schwer – so fing das an. Dann hab ich ein Sägewerk aus Schweden gekauft und Holz. Und Bücher über Blockhäuser – alle auf Englisch, nur ich konnte leider keins. Das Holz habe ich alles als stehende Bäume im Wald gekauft, mit dem Förster ausgesucht. Habs von der Pieke auf gebaut und das ging total langsam. Zum Glück gab es immer wieder Leute die mich weitergebracht oder mir geholfen haben. Da waren etwa die vier Zimmerleute, die ich mal bei einem Fest getroffen habe. Kost und Logis – waren nicht das Problem, aber der Alkohol. Die haben das Zeug geatmet. Ich hab gedacht, das halt ich finanziell nicht aus. Aber irgendwann war meine Hütte dann fertig. Da hab ich mich vor den Kamin gesetzt, mit ner Flasche Whiskey, und hab gefeiert.
Hier Buch Nr 1:
Karsten Nitsch: Wo die wilden Tiere wohnen
Goldmann Verlag, München

Dreitage

9. April 2022 von Sylvia | Keine Kommentare

Ein Straßenwitz – auf dass wir weiter und weiterhin hinsehen, nicht abstumpfen (uns auch nicht gewöhnen an die Bilder des Kriegs).
Schönes Beispiel für Spurenalterung auch. Vor drei Tagen wär sofort klar gewesen, was das Ding auf dem Asphalt mal war. Aber jetzt?? Nach dem ganz normalen Wahnsinnsverkehr auf einer Nebenstraße (rat run), auf der manche denken, es sei eine prima Abkürzung, sieht das, was es mal, nun recht eindimensional aus.

Kleiner Hinweis, der sich aus Untiefen meines Hirns dazu meldete:

als ein Auto blitzeschnelle
langsam um die Ecke fuhr.
Drinnen saßen stehend Leute,
schweigend ins Gepräch vertieft,
als ein totgeschossner Hase auf ner
Sandbank Schlittschuh lief.

Was isses?

Weiß wie Schnee, rot wie Blut

23. März 2022 von Sylvia | Keine Kommentare

Es reißt
Zerreißt mich
was getan werden müsste? Könnte. Muss.
Dieser San-Andreas-Graben der Gesellschaften, in den man schaut.
Er will die ganze Ukraine. Himmel und Weizen.

Aus Günther Grass’ Briefwechsel mit Kenzaburo Oe aus der FR, Mai 1995 (Stichwort 50 Jahre nach Kriegsende):
„Sobald ich von meinem Briefpapier aufblicke, sehe ich vom Fenster aus, wie der Monat Mai alle ihm möglichen Nuancen in Grün ausspielt, als wollte er mich an einen Frühling erinnern, dessen Heiterkeit keine Niederlage, keinen Befreiungsschmerz, weder Flüchtlingselend noch Trümmerberge eintrüben könnten…“

„Nur wenige Wochen lang wirkte der Durchhalteappell, dann folgte den deutschen und japanischen Kriegsverbrechen ein amerikanisches: Zwei Atombomben fielen und veränderten die Welt. Seitdem ist unser Denken und Handeln nuklear verseucht. Seitdem ist die Menschheit fähig, sich selbst zu vernichten.“

Aus Oxana Matychuks Ukraine Tagebuch aus der SZ, 23.3.22 (Stichwort Kapitulation):
“Ich würde lieber auch daran glauben wollen, dass ein Sich-Ergeben dem Grauen ein Ende setzen würde.

Dieser Krieg reicht in Wirklichkeit nicht in die 1990er-Jahre, sondern ins Jahr 1654 und noch weiter zurück. Stellen sich diejenigen, die uns gut gemeinte Ratschläge erteilen, auch ernsthaft die Frage, was ein Danach bedeuten würde? Wenn man also nicht tot ist, aber endlich aufgehört hat, Widerstand zu leisten? Und die Europäer hinter der Westgrenze der Ukraine erleichtert aufatmen? …

Leider weiß ich als Ukrainerin, die in der UdSSR geboren und sozialisiert wurde, die von der Grausamkeit des repressiven Systems nicht nur aus Büchern erfahren konnte, die sich später viel mit der Geschichte und Literaturgeschichte auseinandersetzte, dass die ganze Beschwörung des Friedens durch Verhandlungen oder “Sich-Ergeben” einen Effekt haben kann wie etwa schamanische Rituale bei der Krebsbekämpfung (letztere könnten eventuell sogar mehr bewirken). Deswegen muss ich leider in aller Kürze feststellen: Wir sind nicht bereit, uns zu ergeben.”

Ja, ich gehöre auch zu jenen, die sagen, lieber aufgeben, als noch mehr Leid. Nein ich gehöre nicht zu jenen mit Wurzeln im Geschehen.
Draußen Frühling,
Drinnen Schockwellen. Sind Dystopien in uns angelegt?
Ja. Alles, das uns flexibel macht, auf Brüche zu reagieren.
Sobald es unübersichtlich wird, suchen wir den Vorteil für
die Unserigen. So ein Leid.
Es ist hart, im Frühling zu sterben, heißt es in einem Chanson
Die Weichen. So lange schon? Unausweichlich?