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Niemals “same procedure” – Winterwechsel

7. Januar 2020 von Sylvia | Keine Kommentare


 

Weiß die Gischtleine, weiß der wellige Saum der Wolken. Schwarz ballen sie sich überm Nachtstrand, schwarz wie unsere Schatten. Im vollen Mondlicht, Abend um Abend laufen wir. Bis zum neuen Jahr. Schäumende See, lärmende Fahnen, quietschender Sand. Same procedure as… niemals.

Weit draußen glimmern Bohrinseln, Schiffe, Windräder… Keine Dunkelheit nirgends. Drüber die Flieger. Tun, als sei’n sie die Sterne. Blinzeln im Sturmwind, der lostobt jetzt. An den Ohren reißt, alle Nachtgänger findet und vor sich herschiebt. Und Juhuiihihi wo seid ihr Geister? Riefs im Rohbauskelett unten am Boulevard. Heulte es schaurig durch künftige Appartements. Schon da hässlich, aber jetzt erst. In Reih und Hasenstall – aber der Meerblick!

Kranfahne knattert nicht mehr. Häschen und sein Boot haben ein Make-over. Aber Wir. Sind da. Wandern mit wirbelndem Haar. Streifen ab Verlorenheit. Hüllen uns in Wind und Sand, in Wolken und Schaum. Keine Muscheln sammelnd, nur immer das pulsenden Strahlen im Blick. Sonne am Tag, Leuchtfeuer bei Nacht. Und vorm Fenster: Eisblaue Dohlenaugen. Ich warte aufs schwarze Geflatter am Backstein, aufs Schnabulieren am Spatzenfutter. Auf ihre hopsende Lebenslist.

Ja, Wegfahren. Mit der ewiggleichen Aufgabe im Gepäck: Loslassen, Einschwingen. Ganz wie Marguerite Duras: „Ich brauchte einen ganzen Tag, um ins aktuelle Geschehen einzutauchen, einen zweiten, um zu vergessen und wieder frische Luft zu atmen. Und einen dritten Tag, um auszulöschen, was geschrieben worden war, um selbst zu schreiben.“

Ans Meer! Natürlich. Zweimal, Dreimal täglich. Am ersten Tag nach links, den Wind im Rücken, den Strandmarken folgend. Am zweiten umgekehrt. Die Holzpfähle mit ihren orangenen Stirnen und weißen Zahlengesichtern. Immer da. Erzählen doch aber jedes Mal ihre Geschichten neu.

Vorletztes Jahr vom hundertausendfachen Seesterntod. Letzten Winter vom Windwolf. Der manchen Pfahl eingrub bis zum Kinn, anderen die Schienbeine rüschte mit Gischt. Kein Cappuccino mehr vorm Aufstieg in die Dünen, weil, vom Strandcafé blieb nur das Gerüst.

Sonne kommt. Aber wärmt nicht. Dennoch muss ich barfuß ins Meer. Fühlen was ich weiß. Zehensegel richten: Die Küstenlinie längs wie all unsre Ahnen. Erschauernd vor der Anmut der S-Linien, wiederholte Wiederholungen, geriffelte Riffelungen. Sandhemdchen und Muschelhelm. Für immer und immer.

Und immer auch eine Prüfung: Trennung und Schmerz. Ebbe und Blut. Bis zum Regen, der an den Scheiben knistert. Und den Lichtern auf feuchtem Asphalt. Wer seine Mitte verloren hat, kämpft um jedes sichere Bild. Das Leben am Meer bringt eine bestimmte Art des Denkens und Fühlens hervor, schreibt Macfarlane. Der Baumkletterer, der Wanderer und Wildnis-Poet.

Wandern. Warten. Warten, dass Langsamkeit einzieht, die reist ja immer der Seele hinterher. Wir treffen sie am Strand – wo sonst. Wo wir dem weißen Rauschen, dem Schaum der Tage und Nächte folgen. Der aufspritzt, sich von Hunden über den Strand hetzen lässt und ihnen schließlich an den Lefzen klebt. Als salziges Nichts.

Am Himmel leuchtende Drachensicheln. Bunt heben sie die Waghälse empor. Wellenreiter, Wolkensurfer – was für Kerle! Der Himmel ein Lichtspiel, Vorhang auf für den Blick zurück. Hey, mein Leben: Wie war ich? Ach komm, braust der Wind. Aufauf! Mit vollem Einsatz am Boulevard: Schaurig, schaurig, du Mensch.

Also weiter. Auf und voraus. Nutz deine Grenzen. Voller Liebe, linienlos, hart am Rand. Alles auslöschen, was je aufgenommen. Um wieder neu zu sehen. Sein. Lösen, Auslösen im Glitzer des Meerspiels. Alles auf Null. Faites vos jeux.


 
 
 

Fotolyrics: Galaxity

3. August 2014 von Sylvia | Keine Kommentare

#01_Niederlande02
#10_Niederlande02
#05_Niederlande02
p9-2905
#08_Niederlande02
 

Galaxity

Endlich! Meine Silbermöwen
Niederhimmel voraus,
truppweis, augüber
immer hoch
über der struppigen Mähne segelnd

Hier! Landpferds, Sandpferds Grenzband
borderline
Abseits home
mit neuen Silberschuh‘n, am Abgrund
einer rechts, einer links,
einer gefallen

Ach! Zwei gerettet
im Zelthaus
und da: leben!
Im Schaukasten
Wie sich‘s gehört

#03 Niederlande02
 
Vorn das Meer und 30
drinnen Setzfach
chillen
Eier legen, weiß und türkis
draußen Spatzen
befreien das rosa Geranium von Läusen
dazwischen die Alben der Vormieter

Sag! was du willst
ich sammle Leuchttürme
Bild um Bild
in Tüten
lausch auf Knien
paarweis,
vielleicht sogar verliebt
im Wispern der Schmetterlinge.
 
#04_Niederlande02
#02_Niederlande02
#06_Niederlande02
#07_Niederlande02
#11_Niederlande02
 
 

Ocean City – lyrics

12. August 2011 von Sylvia | Keine Kommentare

OC_#1 Ocean City
OC_#2 Ocean City
OC_#3 Ocean CityAls erstes zum Strand und Mittags wieder
und jeden drauffolgenden Morgen.
Immer. Bis endlich die Landkruste brennt, reißt und abplatzt: Frei!

Weite, Wind, Möwenschrei. Immer. Als ich Kind war,
allein, zu zweit und als das Kind Kind war –
seit fünfunddreißig Jahrn und, mit Wenders Handke,
so ist es heute noch:

Feuchtes Morgensalz verschleiert die Strandcaféscheiben,
später gibt’s Appelgeback met Slagroom, Mittags Sand, abends wirft
der Himmel sein rotes Feueraug ins Meer oder
ins Wolkengeball.

OC_#7 Ocean City
OC_#5 Ocean City
Und Laufen.
Laufen am Strand. Endlos
Füße, Finger durch Sand und Wasser ziehn,
bis unter der Gischt die Haut dampft
den Brand, den Widerpart spürn ohne Druck.
Seele durchspüln, Hirn durchsieben, Herz durchpumpen

Durchs Feuer springen, von Dünung zu Dünung
gegen den Landwind,
der ungerührt Kinderbälle ins Meer bläst,
zu schnell für Mama und Papa
so stark, dass Falter todblind aufs Wasser taumeln.

OC_#6 Ocean City
OC_#8 Ocean City
OC_#9 Ocean City
Welle um Welle verläufts Landgeheck.
Doch, wenn die See das Elementgesicht hisst,
brüllend sandauf rast,
hockt Angst.
Schon ziehn Rettungsbrigadeure die Tore auf.
SOS! Sie schäumen hinaus. Der Leuchtturm pulst Licht.

Tausend Tode stirbts Landherz
bis kühl der Morgen aus der Düne kriecht
Ebbe spuckt tote Vögel und Müll und Mollusken.

Und doch ist die Wasserlinie Leben,
ist Reisen und Schweigen, Nur-sein.
Jedes Mal
neu.
Ocean City #10

Ocean City

6. August 2011 von Sylvia | Keine Kommentare

Hier der PreviewLink zu unserem ersten Lyrikvideo:


 

Mit den Bildern aus diesem Video sind wir vertreten beim 11. Internationalen Festival für Reise- und Reportagefotografie, dem Schömberger Fotoherbst 2011.
Ausstellung vom 7. bis 23. Oktober 2011.