Autor: Sylvia

Double Vision – wollene Mathematik

Meine Double-Vision-Decke! Endlich. Fertig! Vor zwei Jahren dachte ich noch: Das wird nix mehr, ich schmeiß den ganzen Klumpatsch weg. Aber… Es steckte so viel drin. Zeit, Geld, Lebensgeschichte. Zwei Frauen haben dran gestrickt, von denen eine nicht mehr lebt – meine Mutter. Mit ihr war ich in einem Darmstädter Vorort im hundert Jahre bestehenden Woll-Laden Bachmann, und ließ mich dort von der fast ebenso alten Besitzerin beraten. Gefühlte Stunden verbrachte ich dort mit der Auswahl der Farben (wie geduldig sie dort waren – und wie sich das gelohnt hat!). Die Idee dazu stammt von der Strickplattform ravelry. Fotos der bereits von anderen kühnen Nadelschwingerinnen fertig gestellten, Strickstück gewordenen Matheaufgabe waren faszinierend und verheißungsvoll. Matheaufgabe? Ja, denn: Trotzdem es zehn verschiedene Farben sind, die ich nach meiner Vorstellung zusammengestellt habe, wirkt das Ganze harmonisch. Das liegt daran, dass jede der Farben mit jeder kombiniert wird. Oder wie die Designer Pat Ashforth und Steve Plummer es formulieren: „The systematic arrangement of colors means that any combination will look good, in any order, because it will always …

Meichser&Dennerlein – das letzte Konzert

Unser Buchladen ist in Rente. Jedenfalls die beiden Buchhändler, die uns so viele Welten bestellt und empfohlen, so viel Lesestoff zum Träumen, Finden und Verlieren vergeben haben. Die beiden waren 40 Jahre ein Team. Super gemacht! Immer die Ruhe selbst. Erst auf der einen Straßenseite, dann auf der andern. Der alte Laden im Altbau – das war der Klassiker. Wie aus einem Film. Man ging rein und war weg. Die Welt, sie blieb draußen. Dunkel wars da, dunkles Holz, hohe Regale. Damals war’n wir noch jung. 30 Jahre her. Als ich dort zum ersten Mal kaufte hatte der zweite Buchhändler im Bunde gerade Auszeit. Ich verbrachte Stunden dort, guckte hier, las dort zwei Seiten an, bekam was empfohlen, was mir nicht gefiel oder sehr. Und ging womöglich ohne. OMG, diese Kundin?! Was er sich wohl gedacht hat, der Herr Meichsner? Nie hat er groß was rausgelassen, immer nur leise gelächelt. Ich kam auf jeden Fall wieder. Und alle Bücher die es zu Geburtstagen, Weihnachten und Urlauben gab: Nix Amazon. Haben wir da geholt. Das haben …

Gegen die Entzauberung

Weihnachten. Weihnachten begann bei uns immer mit der Krippe im Wald. Jedes Jahr schon die Vorfreude, wenn in der Nähe der Hütte am Kesselbruchweiher die Baumstämme sich zu bewegen schienen. Wenn Zunderschwämme, Farne und Hölzer zusammenrückten. Dann: Zum Ersten Advent, spätestens Nikolaus, wandelten sich die ersten Stämme in Ochs und Esel, mit Futterkrippe davor. Mit jedem weiteren Adventssonntag kam etwas hinzu: Engel, Maria und Josef, der Heiligen-Zunderschwamm fürs Kind ins Stroh. Ein Ritual: Wir drehten unsere Weihnachtsrunde. Zu Fuß mit meiner Mutter, wir mit dem Fahrrad. Hängten wie andere Wald- und Krippenbesucher Dankeskärtchen auf. Die Krippe wurde umgeworfen, das Jesuskind geraubt, doch der italienische Krippenbauer Gaetano hat immer wieder losgelegt. Viele, viele, viele Jahre. Bis letzes Jahr er als Krippenbauer in Rente ging. Sich verabschiedete. Aber dann: Eine Familie übernahm – wie schön! – und baute eine Waldkrippe. Aber dieses Jahr nichts. Kein Zusammenrücken, keine Vorfreude, kein Weihnachtskrippenwunder. Vorbei. Die Zeit, sie ist entzaubert. Ist sie? Fragt unser Sohn, Muss nicht jeder selbst seinen Zauber einbringen? Ich schau neu auf die Feuerstelle. Eine Einladung. Zum …

Russland und die Ukraine

Am Schluss Ihres Vortrags fordert Gabriele Krone-Schmalz dazu auf, kontrovers aber respektvoll zu streiten. In seiner Unaufgeregtheit und Argumentationskraft immer noch sehenswert für alle, die sich wünschen, dass ein sofortiger Waffenstillstand ausgehandelt wird und endlich das Sterben von täglich rund 1000 ukrainischen und russischen Menschen endet. Respekt für die Reutlinger VHS, diesen Vortrag ermöglicht zu haben. Trotzdem sie vorher aufgefordert wurde, Krone-Schmalz wieder auszuladen, und danach von einem „Sturm medialen Interesses“ überrollt wurde. Am 14.12. spricht Gabriele Krone-Schmalz im RNZ-Forum im Heidelberger Theater mit dem Chefredakteur der Rhein-Neckar-Zeitung Klaus Welzel

Mastjahr

Überlebensfluss Des Anglers Zelt ein Schild: Bleibt weg. Hinterm Weg beginnts Jäger- und Wildschweinland Wo im Frühjahr erst Wasser stand, dann Eis Jetzt Wurzeln, Pilzduft, Erde und Bein schieb mich durchs Laub, halte ein ewig rauscht das Autoband Zu Füßen starren Zähne mich an. Wasser ging. Ließ zurück den Ballast Anthropozäne Mitschwemmsel Auswurf, unrottbar Der Fluss im Mittelbett, am Rand eine tanzende Kugel Schaum des Autags: Defrown! Sieh: die Biberrutschen, angenagte Buchen, und wie das Mastjahr nährt Eicheln zuhauf Sogar Pilze werfen Arme aus tasten Licht und Laub und träumen von Netzen so rot.