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Trans-Alb hoch vier

Verdammt! Das Rad klemmt. Rein soll‘s, hängt aber fest im Spalt zwischen Zug und Bahnsteigkante. Pat ruckelt vorne, ich schiebe hinten und würde am liebsten die Taschen abreißen, die das Rad so unbeweglich machen. Außerdem steht auf einmal eine Frau drinnen an der Tür und will noch raus. Da wir im Weg sind, muss sie warten. Tut mir leid. Arrgh! Warum-geht-das nicht?! Ich schiebe mich ein Stück vor – und Wumms! Weg bin ich.

Einsfuffzich runtergestürzt, in genau den Spalt, vor dem immer gewarnt wird. Paar Filmrisssekunden später schau ich auf meine Füße. Der rechte sieht verdreht aus. Wenn der gebrochen ist, schießt es mir durch den Kopf, kannste nicht fahren. Tut aber nicht weh wie gebrochen. Oder? Ich richte mich auf. Rumms! Kopf an Bahnsteigbeton. Schaue hoch. Vier Männerarme recken sich mir entgegen und ziehen mich zurück auf den Bahnsteig. Pat ist endlich mit dem Rad drinnen, der Schaffner kommt angerannt, schluckt, läuft wieder weg für Verbandszeug. Alle schlucken und gucken komisch um mich herum. Mit dem linken Schienbein habe ich offenbar irgendein Metallteil gerammt, es blutet heftig. Was willst du jetzt machen? Werde ich gefragt. Na, in den Zug! Drinnen sind Pat und unsre Freunde das Notfallteam. Maria stillt die Blutung und verbindet die Wunde, dann hat mein Blutdruck fertig. Ich hänge auf einem Doppelsitz, Bein hoch, obendrauf hat Maria den coolsten Eispack ever platziert: ihren vakuumierten und bis vor kurzem noch gekühlten Spaghettisalat . Und – los geht’s nach Tübingen.

Zwei Stunden später sitzen wir vier Radtouris im Tübinger „Café am See“. Sonne kommt, und wir bestellen Eiswürfel, Cappuccino, Bier, Weißwurst – was man so braucht, um schockmäßig wieder runterzukommen. Was also jetzt? Notarzt? Auf Tour fahren? Notarzt?

Puhh. Alle schauen auf meinen rechten, anschwellenden Knöchel, auf die blutgetränkte Hose. Also, sag ich, wird schon gehen. Lasst uns fahren wie geplant. Dass ein verstauchter Knöchel weh tut, halte ich für normal, da muss ich wohl durch. Aber deswegen jetzt die seit Monaten geplante Tour durch die schwäbische Alb absagen, für die wir sogar im Odenwald trainiert haben?!  Soo weh tuts nicht, rede ich mir ein. Ich kann fahren, sag ich. Alle schauen betreten-skeptisch. Oh-kay-Blicke.

Okay also. Wir starten zu unserer ersten Etappe von fünfen. Tübingen-Bodelshausen. Weiter gehn wird es quer durch die schwäbische Alb auf dem Hohenzollernradweg bis zum Bodensee. Von Tübingen aus gehts romantisch am Neckar längs, dann weiter durch vielblütige Wiesen. In Rottenburg lockt Altstadtgucken und Eis holen beim Deutschen Eis-Meister. Mit Kugeln so gigantisch, dass sogar wir Frauens nur je eine essen können. Gibt da rosafarbenes vhs-Eis (vor Ort die Grundfarbe der vhs) und Antenne3-Eis (weiß mit blauen und roten Süßcreme-Spritzern)… Und unen dlich viele andre Sorten. Wer dort ist: Unbedingt probieren!

Abends dann Bodelshausen. Der Maibaum wird gerade aufgerichtet, als wir ankommen.  Fette Erster-Mai-Sause auf dem Marktplatz, direkt vorm Hotel. Mit Bürgermeisterrede, Salut des Schützenvereins und Humpta-Humpta-Blasmusik. Um meinen Fuß zu schonen, überzeugen mich meine Radtouris: „Wir gehen wir zum Türken gegenüber essen.“ Finde den eigentlich nicht einladend, ist dann aber goldrichtig. Der Chef bedient uns herzwärmend freundlich und seine Pizza ist super. Später erzählt er Pat draußen am Rauchertisch seine Geschichte des im Dorf nicht Angenommenwerdens. Hängt mir heute noch nach. In Hamburg, wo er herkommt, sei alles kein Problem gewesen, hier jedoch habe er es schwer. Trotzdem versuchen sie, sich einzubringen, sind etwa im Sportverein. Seine Frau kommt gerade vom Sport… Vorher dachte ich noch: Ach, so ein Dorf ist doch gut. Spielplatz direkt am Markt und an der Fußgängerzone – klasse. Viele Eltern da, die Kinder können spielen. Man hat Ankerpunkte, Traditionen und hält sie hoch. Doch, wie überall auf dem Land. Nicht alle sind willkommen. It ein halbe Jahr her, jetzt, bei dieser Rückschau gruselt es mich noch mehr. Die halbe deutsche Welt taucht in ungut blauem Dunst.

So viele Leute am Feiern genau unter unserem Hotelfenster – wir waren auf eine laute Nacht eingestellt. Doch Punkt Mitternacht gehen Lärm und Lichter aus. Wie? Ruhe?! Kaum zu glauben. Trotzdem muss doch Party gewesen sein – Scherben, Rasierschaum und Klopapier säumen die schwäbischen Alb-Straßen bis zum Bodensee. Andere Bundesländer, andere Sitten.

Zweiter Etappe am 1. Mai: Tag der Kurbelarbeit. Viele Höhenmeter erwarten uns. Pat hat lange dran gefeilt, es so zu legen, dass es für alle machbar ist. Meinen Spezialeinstieg in die Tour konnte er natürlich nicht voraussehen. Bisschen viel für meinen armen Fuß, überzeugt er mich morgens. Daher fahren wir beide ein Stück Bahn, während unsere Mitradler Peter und Maria ordentlich reintreten. Einmal sehen wir sie sogar vom Zug aus.

Gute Entscheidung! Herrlich mäandern wir längs der Lauchert. Ich freue mich an Biberspuren und Bachnelkenwurz und halte meinen Klumpfuß Ahh! in den eiskalten Bach. Drin wuseln reichlich Kaulquappen. Neugierig umschwänzeln sie meinen Fuß und saugen sich fest. Hehe, das kribbelt. In einer Gumpe nahebei entdecke ich sogar einen Teichmolch. Pat winkt vom Aussichtsturm. Hach. Rumsitzen und Nur-sein. Herrlich! Mit Mal ein großes Hallo – Maria und Peter erreichen den Ruheplatz. Wir sind wieder zu viert unterwegs.



Die Landschaft der schwäbischen Alb begeistert uns. Autäler – saftige Frühlingswiesen, die Berge in Alb-Terrassen vor uns liegend, dann die Kalksteinzinnen an der Lauchert. Die Ansicht erinnert mich an das Altmühltal mit den 12 Aposteln. Beeindruckende Felsenformationen, alte Grotten und Höhlen begleiten uns auf dem Hohenzollern-Radweg. An unserem zweiten Übernachtungsort Gammertingen stromern wir abends an der Lauchert entlang. Saugen den betörenden Duft der (heimischen!) Traubenkirschenblüten ein. Und werden tags drauf vom Marktaufbau überrascht. Beim Hutmann werden Maria und ich auf Suche nach Sonnenschutz fündig.

Gerade rechtzeitig behütet, denn die nächsten Tourtage haben wir Sonne und Steigungen satt. Dazu jede Menge historische Orte zum mit ihren je besonderen Geschichten. Die Burgruinen in Veringenstadt oder Bingen etwa waren Highlights. Mit kleiner Kapelle, Erlebnisrundweg, alten Bäumen in oder vor den Ruinen. Der absolute Hit aber am Schluss: Die Abfahrt zum Bodensee. Oben noch eine Kehre mit Parkplatz wie am Feldberg. Was für ein Aussichtspunkt! Für dieses See- und Alpenpanorama halten viele hier an oder überqueren im Schweinsgalopp die stark befahrene Straße. Nachdem wir uns satt gesehen haben, nehmen wir Kurs auf Ludwigshafen! Pat brettert mit 50 Sachen den Berg runter. Jesses! Der 70er Waghals voraus!!

Unten dann alles mit Bodensee-Aufschlag. Raubritter das. Dafür alles mit Alpenblick. Bisschen unwirklich. Zartblau, als wären sie nur Wolken liegen die Gipfel in der Ferne. Vor uns der See. Wir chillen auf der Seeterrasse einer Pizzeria, bis der Kellner uns reinscheucht, Gewitteralarm!! Es stürmt, alles wird durchgeschüttelt, Boote so schnell wie möglich an Land gerudert, leicht bekleidete Menschen hasten zum Unterstand. Es schüttet und stürmt, doch ein Gewitter kommt nicht.

Am fünften und letzten Radreisetag lassen wir uns für satte 10 Euro pro Nase und Rad übern Bodensee fahren. Kinderanhänger würde extra kosten, Bah. Aber gut, wir wollen Mainau sehen. Keiner von uns war je dort. Diese Bildungslücke füllen wir. Für mich sind ja Pflanzen in jeder Form eine Freude, daher genieße ich den Inselbesuch von der libanesischen Atlaszeder über den bepflanzten Blumenpfau bis zu den vielen Wolfsmilchvarianten im Staudengarten, wo die Mauereidechsen wohnen. Allein ist man da nirgends. Ist Tourismus, Baby. Wir schieben uns mit den anderen über die Insel, und Pat ist froh, als wir endlich wieder auf dem Rad sitzen. Allerdings fahren wir ab Mainau im Riesentrupp Richtung Konstanz . Alle Radfahrer haben ab Mainau scheinbar das gleiche Ziel. In Konstanz dann erstmal Capuccino. Dann noch Proviant für die Heimreise besorgen, den Regen bis zur Abfahrt dre Bahn in einer Kneipe aussitzen – und zurück gehts…

Ach, Leute, schön wars! Auch wenn sich am Ende rausstellte, dass nicht der Knöchel verstaucht, sondern das Sprunggelenk gebrochen war. Bin trotzdem froh, dass wir gefahren sind. Denn danach fiel ja sowieso erstmal alles flach. Nix Slowenien. Storno hier, Storno da. Aber jetzt! Bald geht’s wieder los, diesmal zu fünft. Hoffe, auch das zweite, Peters zwischenzeitlich geknacktes Sprunggelenk, ist dann wieder fahrbereit. Ziel? Sauerland. Dort wollen wir die Lenne erkunden. Freu mich!!

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