Autor: Sylvia

Heute: World Poetry Day!

Ruhende Schnee modelliert Grabgärten, Licht spielt die Zapfeneisorgel und nur ein „Bitte nicht betreten!“ markiert das Feld der Ungenannten im Weiß. Wer jetzt Spuren tritt, hat Tränen im Bauch, Wut, Liebe, Trauer. Hält verfrorene Tulpen, klamme Narzissen und das fingergezeichnete Herz unterm Stein. Was dann kommt? Nur wenige Schritte weiter es dauert ein Krähenschweigen, und du siehst den Engel mit gebrochener Nase. Gestreift von vielen Wintern, vielen Sommern, steckt nun zu seinen Füßen ein „Patenschaft gesucht“. Denn: das Recht auf Ruhe, die Zeit, sie ist um.     PS: Zum World Poetry Day, von dem ich erst letztes Jahr im Oktober erfahren habe, hätte ich gern für jeden von uns ein Gedicht zitiert – je eines von John Berger und Cees Nooteboom, literarische Lebensbegleiter beide.. Vielleicht später, wenn geklärt ist, was das Nutzungsrecht erlaubt.

Tauwetter? Bärlauch-Risotto!

  Wir brauchen: Bärlauch, Risottoreis und Weißwein. Mindestens. Bärlauch gehört zu den ersten und zartesten Wildkräutern, die sich im Frühling aus dem Waldboden wagen. Findet man mittlerweile fast überall in Bachtälern und Feuchtgebieten. Als in diesen Breiten noch Bären gab, sollen die ganz scharf auf das Zeug gewesen sein – um ihr Gedärm nach dem Winterschlaf wieder in Gang zu bringen. Da mag was dran sein, denn der wilde Verwandte vom Knoblauch schmeckt weniger intensiv, enthält aber auch ätherisches Öl mit verschiedenen Schwefelverbindungen. Was bakterientödlich wirkt und insgesamt weniger Knoblauchgeruch als reinigende Wirkung entfaltet. Für unser Rezept also ein bis zwei Hand voll. Die Blätter über dem Boden abschneiden. Die Wurzelzwiebeln bitte in der Erde – und die professionelle Ernte den Gärtnern lassen! Gemeine Bärlauchwilderer dagegen sind Leute, die ihre SUVs oben an der Straße parken, um dann tütenweise alles, was grün ist, einzusacken (und für 1,50 bis 2 Euro das Bund verkaufen). Danach ist die Bärlauchlichtung kahl rasiert. (Da das zwar Berserker, aber keine Bären sind, werden sie leider weder sofort erschossen noch verjagt.) …

Wir Schnäppchenreiter

  „Fingerdick“, will ich gerade zeigen, als mich die junge Wurstverkäuferin unterbricht: „Die ist mit Schweineleber.“ Wie? Die Kalbsleberwurst? Nein, dann lieber noch vier Scheiben Leberkäse. „Mit oder ohne Leber?“ Wie? Wo ist der Unterschied? Sie kuckt professionell freundlich, nur die Augen dimmen merklich auf „Himmel ist die blöd“. Und es kommt, was kommen muss: „Na, entweder mit oder ohne Leber drin.“ Hm. Mit sieht irgendwie leberkäsiger aus – also mit. Jetzt kommt der Chef und erklärt: „Bayerischer ist ohne, hessischer mit. Weil, in Bayern ist mit Leber verboten, in Deu, äh, Hessen nicht.“ Aha. Und dass es natürlich auch Schweineleber ist. Aua. Also doch noch Schweineleber gekauft, wo ich Schwein eigentlich gar nicht esse, der alltäglich lebendig gesottenen Schweine wegen, deren Schreie mich verfolgen. Im Monat des Pferds kriegt man nun aber auch alles beantwortet (was man sich nie gefragt hat). Wurst gibt’s bei uns eher selten, denn eine Lage Salami oder Schinken liegt wochenlang – und die letzte Scheibe landet dann eh in einem Katerbauch. Aber gestern war doch mal wieder eine Runde …

Porträt: Die Theologin-Clownin

  Darf ich mal? Ich nehme eine von den Clownsnasen aus Gisela Matthiaes Requisitenkiste – und habe gleich das erste Aha-Erlebnis: so viele unterschiedliche Nasen?! Lang gezogene, kurze, runde, weniger runde… Dann die zweite verblüffende Erkenntnis, alle haben vorne unten zwei kleine Löcher. „Na klar!“, die schlanke Frau im Ringelpulli lacht, „sonst kriegt man ja keine Luft“. Ja, aber drittens stinkt diese Berufsuniform gehörig nach Gummi. Bah! Sie zuckt nur kurz mit den Augenbrauen. Clowninnenalltag, soll das wohl heißen.. Als wir sie für ein Porträt in Gelnhausen besuchen, ist das unsere erste Begegnung mit einer echten Clownin. Einer nachdenklichen dazu, die gerade noch die Erkenntnisse des letzten Wochenendes verarbeitet. Was sie so umgehauen hat? Sie atmet sich größer, schlüpft unmerklich in ihr Alter-Ego und legt los: „Oh! You look too intelectual! Could you please be a bit more of an idiot?“ Mit blitzenden Augen imitiert Gisela Matthiae den 70-jährigen Meisterclown Philippe Gaulier, an einem seiner Workshops hatte sie in Berlin teilgenommen. „Ich bin aber eine Intellektuelle!“ hätte sie am liebsten zurückgegeben. Doch schließlich war sie …

Legende: Bild 01/13

Elegant, die Zwillingsgigantin. Inbild von Aufbruch und Wachstum. Die Flanken stabilisiert von filigranen Kränen. Die wiederum recken ihre Konjunkturfühler, ihre Haussefinger immer heiter zum V-double. Bürgermeister müssen verliebt in solche Kräne sein. Vielleicht ragen die deshalb in rot und gelb zum Stadthimmel, stecken im Herzen der der City, wie das knöcherne Zauberkreuz im Herzen eines Rehs. Fast hat der jüngste Himmelbau seine Endgröße erreicht. Ein doppelter Monolith, noch im Verpuppungsstadium. Die beiden Fühler aufmerksam gereckt, sichernd das äußerste, das Ostende der Stadt. „Achtung an alle Welten“ funkt HAL. Von den Anrainern nicht unbedingt erwünscht, heftig angefeindet gar von Bank-Occupisten. Und von Schrebern, denn die wurden ihrer Gartenfrische beraubt für den EZB-eigenen Brückenschuss. Schon wird diskutiert, ob nicht auch der Hafen – einen Katzensprung weiter – ob dem nicht auch ein Hauch Luxus gut anstünde? Appartements für Börsenkenner, so was. Die Eurozone Ost wird sicher noch weiter aufgemotzt. Der Straßenzug, an der das summende Bankhaus gerade andockt, ist längst beim Upsizing. Überragend eben, die neuen Twins. Fast ein wenig Furcht einflößend hier, wo sie nicht wie …

OoH: Identität-to-go

Zur Qualitätssicherung zeichnen wir vereinzelt Gespräche auf; wenn Sie damit einverstanden sind, antworten Sie bitte mit Ja. Nein. Vielen Dank. Die Wartezeit beträgt etwa 10 Minuten. Während ich meine über die letzten Wochen gesammelte To-do-Liste abarbeite, und staune, wie glatt die geschulten oder automatischen Stimmen durch meine Ohrschnecke trudeln, rieselt vor meinem inneren Auge plötzlich ein lila Weihnachtsbaum. OoH, was wollte ich sagen? Bitte halten Sie Ihre Kundennummer bereit! Entschuldigung, ich habe Sie nicht verstanden, bitte wiederholen Sie Ihr Anliegen. Rechnung. Einen Augenblick bitte… Bis letzte Woche stand er im Schaufenster – was gab es da eigentlich früher? Blumen? Ein Baum wie ein Pudel. Klappbar, aus lila Lametta und Plastik. Er hat mich… Hallo! Sie sind mit dem automatischen Anrufsystem verbunden. Wünschen Sie eine Beratung? Drücken Sie bitte die Eins, geht es um Ihre Bestellung? die Drei; für alles Andere drücken Sie bitte die Fünf – for Englisch press two. .. Vielen Dank. Bitte geben Sie nun Ihre Kunden-PIN ein. Piep, piep, piep, piep, piep. Einen Augenblick bitte… …angehalten. Ich sah genauer hin. Weiß. Fontänenartig …