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Wolkenzug und Kuckucksflug

16. März 2021 von Sylvia | Keine Kommentare


 

Parallelwelt des hellichten Tags. Flohmarktzimmer voller Kristall, Gläser, Porzellan. Mittendrin ich. Lass mich locken. Hier und da schauend. Streifziehend auf Second-Hand, so antik. Zartblinde Augenfänger. U-Booten gleich im Rang-Tangwald der Träume. Botenstoffe, verschüttete Lieben, Findelbilder. Uralter Zauber des Urspursuchens.

Nicht immer hält Augenschein: So ein schönes Intarsienkästchen! Nur: Es öffnet sich nicht. Spieluhr! Entzückend, wenn heil. Oh, da! Der Leuchter! Ach, doch nur Plastik. Aber hier! Jaaha. Schweres Stück. Schwarzwald pur: ne Kuckucksuhr! Mit lotschweren Tannenzapfen. Bleierne Zeit. Angehaltener Atem. Ruhe. Still. Über Jahrzehnte weg. Und auf jetzt: Ich. Schauend. Staunend. Schnellte der ins Holz gesperrte Kuck heraus, enterte er zackediekrach mein Sternum. Siebte schnabelkuckend Brustlicht, Rippenraum, Herz. Hackte mein Still, mein Jahreslauf. Hooh! Halt! Weg von mir. Nein. Nicht du und auch nicht all ihr andern Uhres. Haltet. Eure Zeiger im Zaum. Zeiget. Auf was ihr wollt, nicht mich.

Ab Kuckuck. Und hopp. In Rückenlage. Ruh, damit Zeit nicht bricht. Die Unruh am Marmor, schwarz mit weißen Wellen. Auf Hohenloher Kirsch. Die Restzeit hängt. Haben sie davon. Zeigen irr ins Rund. Zeitlungernd lunsen sie. Aus je älter desto dickeren Gläsern. Manche tickt noch, audiotiert das tiefe Lied des Wartens. Das können sie. Täfeln frickelnd die Täfelung um. Wohnen mit Holzgewürm, Spinnenbein und Fliegenpack. Bezeugen nicht, Zeigen. Zerfall: Hier entlang.

Und was? Könntest du noch finden unter ihren unsichtbaren Zeitzähnen? Lasst sehn. Hier: ein Kuchenteller. Präsentierstück aus Zinn mit Porzellan, weiß, blau und gelb. Bester Tage Erinnerung oder schlechtester Geschenktische? “Vielen Dank auch im Namen meiner Mutter…” Porzellanhund, der nicht bellt, aber leuchtet. In der Nacht traumsalzig, bis die Kupferfäden müde. Durchsichtiger Plastik-Pisspott. Lederbezogene Stühle, wie für Rittersleut, oder Schlossbewohner. Das eingeprägte Halali! Holzkugel, der einmal ein Schicksal, ein Leben war. Die Bettrückwand dazu. Auf dass. Und nicht zuletzt die Hohenloher Venus. Hui! Steinfaustgroß, üppig, gesichtslos gestaltet. Sapperlot. Ein Kruzifix. Daneben Saftpresse und Brotautomat. Hometrainer und Gewicht. Flinte. Mikroskop. Zirkel. Rechenschieber und Stifte. Stifte, Stifte…

Ach, Schuhe auch. Überreichlich und reichlich groß. Auch sie im Wartesaal der Träume abgelegt. Waren nie, womöglich, in Bergen, Belsen, Mauthausen. Stapeln sich aber unterm Fenster, eingebrannten Bildern gleich. Unwillkürlich dem ungläubigen Nichtbegreifenkönnen verbunden, das Gedenkstätten beherrscht. Ungetretene, fabrikneue Paare. Und andre voll Dreck, Eifer, Geschichte. Vom Gehen. In Bergwiese, Gesenge und Vierzig Gärten. So weit. Weiter.

Die Tränen getrocknet. Sag, wie alt ist diese Welt? Hier wie in anderen Kellern das überfällig Eingemachte. Die Ahnen. Staubüber in Gläsern, Briefen, Zeug. Ach ihr Dinge. Sagt euch wie uns. Sagt doch niemand, wie man sein soll. Wie man leben kann ohne und oder mit all den Atemzügen. Vor uns. Nach uns. Achtet die Zwischenräume. Die Haltestellen. Zum Glück. Für dich? Für mich? Ich hab keine Pflicht! Oder doch? Lies das Gletscherbuch, öffne Wasseradern. Geh auf geerbten Wegen. Möge Licht mit dir sein.

 
 
 

Hey Insta, Offboooom!

10. März 2021 von Sylvia | Keine Kommentare

 

Sieben Jahre her, mein erstes Bild auf Insta: Schneckenbaby auf Finger. Mein Finger. Ohne Hash ohne Tag. Wusste ich noch nix von. Auch nicht, dass, wie oder warum man Follower sammelt.

Irgendwann kapierte ich und klinkte mich ein: #25bluehours #streetphotography #ifyouleave #myfeatureshoot #rebelsnature #saveourplanet #takemagazine #lucecurated #makeseemag #minimal #streethoney #thisaintartschool #mindtheminimal #kinfolk #paperjournal #onbooooooom #visualsgang….

Alles, damit Bilder gesehen werden. Bewundert, geteilt, gefeatured und gelikt. Und so ne Taschengalerie hat schon Charme. Verführerischer Zeitvertreib das. Und so wird ein Geschäft draus. Nicht meins. Bin eher für l’art pur l’art. Echt cool aber, und das hat mich lange gehalten, war dieses Weltgefühl. Kommentare und Austausch mit Menschen aus Venezuela oder Kalifornien, Schottland, den Niederlanden – oder … Stadtallendorf. Brüder und Schwester-Ansichten einer visuellen Welt, ach wie schön (wär das). Letztlich gehört man ja nirgends dazu, es sei denn man kommuniziert vor allem mit der eigenen Peergroup. Also alles wie immer als Journalistin.

Aber nochmal zurückgespult. Da war vor allem Neugier: Wie ticken die anderen? Was sehen sie, was heben sie heraus? Impliziert ja auch Nachdenken. Was will ich? Ihnen zeigen? Was will ich sehen? Denn: Insta kann auch Newskanal. Bei Weltereignissen sah man sofort, wie in anderen Teilen der Welt darauf reagiert wurde. Trumpismus, I can’t breathe… Hat mich sehr berührt, wenn da jemand plötzlich einen ellenlangen Post zu einem Bild ablieferte, voller echter Gedanken und Gefühle.

Ich folgte Stephen Shore oder Martin Parr ebenso wie Freunden und Fährtenlesern oder Margret Atwood. Wie Trampen war das. Man teilte ein Stück des Wegs und schaute einander über die Schulter. Bildverliebt habe ich mich da manchmal, etwa in die Blauwelt von @pamhubbard, die Roadmovieblicke von @theotherhelenkim oder Fährtenleserfunde von @trackerowl. Britischen Humor gabs immer frisch bei @themanwhostaresatbadgers. Bester Name ever. Das Allerbeste aber waren seine abgefahrenen Texte. Der hier zum Beispiel:

On dealing with the hullabaloo flu.
Whether standing in a queue
Or visiting the capital of a country like Peru.

What did you do?
I hope no clandestine rendezvous.
Just added some fatty tissue.
Or maybe a paddle in your canoe.
Achieved an ambition and learned to play the kazoo
Or rid your shower of all the mildew.

Made clear to all your point of view.
Any who’d listen got a talking to.
After you became a self styled health guru.

Don’t worry we’re told, they’ll be a breakthrough.
With luck before we start sniffing glue.
The truth being told, no one knows what to do
About this hullabaloo flu.

Should’ve kept the lid on Pandora’s box
And gone to meet a little Fox.

Weiß nicht mehr genau, aber irgendeinen „So-cool-man“-Spruch habe ich sicher dagelassen. Hat er mich doch wunderbarst aus der Corona-Vereisung gestarrt. Danke! Danke und Daumen hoch. Hatte übrigens nie nachgeschaut, was Mister Badger sonst so macht. So groß ist die Insta-Aufmerksamkeitsspanne ja nicht. Aber jetzt, wo Zeit ist, und Schreibfokus… Also, im profanen Leben betreibt er eine Online-Plattform, über die jedermensch seine eigenen oder anderer Leute Bilder auf irgendeinen Gegenstand – Handyhülle, Lampe sowas – drucken lassen kann, und so ein unikates Lifestyle-Produkt erhält. Zeitgemäß. Geschäftsidee. Womöglich einbringlicher als eine Fotoagentur?

Irgendwo gabs ne Statistik, die irgendwann sagte, ich würde mich täglich 15 Minuten mit Insta beschäftigen. Olala. Aber, klar – Nachgucken, wer was gepostet hat. Ob jemand einen Kommentar ab- oder Herzchen dagelassen hat. Öhm. It’s only .. Life, you spend, singt Patty Smith.

Am meisten Zeit haben mich Auswahl, Bearbeitung und Umwandlung meiner eigenen Bilder gekostet. Und nochmal soviel, um gute Bildüberschriften zu finden. Etwa sowas: „Plastic free surface“. Meine beste, für den Försterwiesenweiher, in dem sich der Himmel spiegelte. Und dann mussten noch passenden Hashtags dazu…

Ist gut jetzt. Alles auf Null. Aber verrückt: Erst lassen sie einen nicht raus, dann nicht wieder rein. Im Profil gibt es keine Möglichkeit, den Account zu löschen. Geht nur um drei Ecken. Ich nutzte den Link einer IT-Site. Und wurde gewarnt: Vier Wochen hast du Bedenkzeit, danach wird alles un-wider-ruf-lich gelöscht. Alla gut. Warten wir’s ab, dachte ich. Als ich aber vor Ablauf der Frist noch mal gucken wollte, ob ich’s rückgängig mache, war der Account schon nicht mehr aufrufbar. Okeh. Aber, he: Reduzieren ist immer gut. Zumal Insta sein Lametta längst verloren hat und nun Facebook gehört. Weswegen man als Social-Media-Addict fast alles doppelt sieht. Wisch und ade. Deckel auf die Box. Sing das Hullabaloo, Schneckenbaby: Die Insta-Zeit, sie ist um.
 

 
 
 

Hey JOBO, mach mal Sonne!

5. Februar 2021 von Sylvia | Keine Kommentare


 

Praxisbericht zum Artisan Platinum Printer von JOBO (Keine Werbung, das Gerät haben wir selbst bezahlt).

Ein halbes Jahr überlegen wir hin und her: lohnt sich die Anschaffung – ja? -nein? Pat tendiert zu ja, sofern wir weiter Bilder mit analogen Techniken erstellen wollen. Ich zu nein. Wozu brauch ich so ein Teil für nicht gerade kleines Geld, wenn ich wunderbar mit der kostenlosen Sonne arbeiten kann? Brennt sie im Sommer doch mehr als man vertragen kann. So what?!

So. What: Ich änderte meine Meinung, denn bei unserer Cyanotypie-Serie Save our Souls war Pat derjenige, der für die Ausgangsnegative und Abschluss-Scans sorgte, ich hingegen bepinselte die Papiere mit Emulsion und flitzte mit Handy und Pats Konfirmations-Stoppuhr zwischen Belichtungsbank und Entwicklerschalen hin und her. Jedenfalls, bis kurz vor Abschluss der Serie die Wolken kamen.
Prinzipiell ist das Cyanotypie-Verfahren ja simpel – Papier mit Emulsion lichtempfindlich machen, der Sonne aussetzen, und erst in einem Säure-, dann einem Wasserstoffperoxidbad entwickeln. Birgt jedoch reichlich Arbeit und ebenso reichlichen Zeitaufwand. Unter anderem, weil man bei unterschiedlicher Sonnenintensität je nach Uhr- und Jahreszeit oder unterschiedlich dichten Negativen die optimale Belichtungs- und Entwicklungszeit erfühlen muss. Die ersten Cyanos für Save our Soals entstanden auf dem Balkon und im Badezimmer. Was die eine zwar recht hektisch, aber dem Verfahren als am angemessensten empfand, war dem anderen zu unberechenbar.

Ohne Deadline kann man sich die besten Bedingungen aussuchen: Im Hochsommer bei ungetrübtem Sonnenschein, vorzugsweise auf dem Land, und so viel Zeit mit einer Serie verbringen wie man Lust hat. Doch mit Deadline oder Zeitbeschränkung aus anderen Gründen ist schnell Schluss mit sonnenlustig. In diesem Fall sah das so aus: Ich war ich fast fertig, als die Sonne wegblieb – und ich zudem merkte, dass ich ganze Sets neu erstellen musste, damit am Ende alle Bilder die gleiche Qualität hatten.


 

Kurz: Wir kauften den UV-Belichter, und es hat sich gelohnt. Geniales Teil: Schublade auf, Kontaktkopierer rein – Schublade zu, LED-Sonne an – fertig. Gut, ein wenig Gefrickel mit den Zeiten gab es auch noch: sieben, fünf oder doch nur drei Minuten? Das aber ist ja mit der Sonne genauso. Hat man die Zeit einmal raus, ist das Arbeiten ein einziger Flow. Während man im Tageslauf immer mitberechnen muss, dass die Kelvinzahl des Lichts sich verändert, kann man in der recht einfach wirkenden Metallkiste ein Bild nach dem anderen belichten. Immer dasselbe Licht, immer dieselbe Zeit = Reproduzierbares Ergebnis. Daraus ergibt sich das zweite fette Plus. Denn: so wirkt eine Serie wie aus einem Guss. Naturwissenschaftlerin und Cyano-Pionierin Anna Atkins wäre begeistert gewesen. So wie wir.

Was da eigentlich entstanden ist? Unser Projekt: Blue Note / „Save our Souls“ superkurz erklärt: Hinschauen, statt deprimiert wegdrücken, was die Ergebnisse der Artenmonitorings wieder und wieder belegen: den millionenfachen Tod von Einzeltieren, das Aussterben ganzer Arten – und letztlich die Bedrohung des menschlichen Überlebens. Mit neun Tableaus á je 12 Bildern von Vögeln, Insekten, Säugetieren, Amphibien, Reptilien, Schnecken, Bäumen und Urpflanzen in verschiedenen Lebensphasen wollen wir auf den immensen Verlust des Planeten durch das Artensterben aufmerksam machen. (Mehr zur Serie sowie die Bilder selbst in der Februar-Ausgabe des Naturfoto-Magazins.)