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Sammeln, Sehen, Komponieren
Der Architekturfotograf Swen Bernitz im Interview

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Tetraeder, Halde Beckstraße, Bottrop © Swen Bernitz

Im Rahmen des Schömberger Fotoherbsts haben wir zum ersten Mal Swen Bernitz‘ grandiose Serie Landmarken gesehen – und mit dem 51jährigen Fotografen, der in Zossen lebt, ein Interview via zoom geführt.




 

meise&meise Warum bist du Fotograf geworden – war das dein Traumberuf?

Swen Bernitz Ja, es ist mein Traumberuf, aber es ist nicht mein einziger. Ursprünglich hab ich BWL studiert, in einer Bank gearbeitet, mich danach als Unternehmensberater selbstständig gemacht. Danach kam die Fotografie dazu. Mit Mitte zwanzig hab ich angefangen, mich für Fotografie zu interessieren. Damals habe ich Fotoausstellungen besucht und auch angefangen, Fotografien zu sammeln. Erst dachte ich gar nicht daran, selbst zu fotografieren – doch irgendwann hatte ich konkrete, eigene Ideen, die ich umsetzen wollte. Das erste Projekt waren 2008 die „Fahrzeughallen“.

m&m Du hast als Erstes Fotografien gesammelt?

SB Ich sammle immer noch – und zwar Fotografien von ostdeutschen Fotografen: Sibylle Bergemann, Arno Fischer, Harald Hauswald, Ulrich Wüst…. Fotografen, die zu DDR-Zeiten schon fotografiert haben. Es gibt von ihnen auch Aktuelles, aber ich sammle hauptsächlich Arbeiten aus der DDR-Zeit. Ich bin in der DDR geboren und aufgewachsen, daher habe ich zu den Bildern oft eine sehr persönliche Verbindung. Ende der 1990er Jahre wurden die zwar auch schon in Galerien ausgestellt, aber kaum jemand hat sich dafür interessiert.

Ich habe einen Sammlerhintergrund, weil ich als Jugendlicher extrem intensiv Briefmarken gesammelt habe. Mit internationalen Ausstellungen und allem Drum und Dran. Mein Running Gag ist immer: „Meine Briefmarken waren vor mir im Westen“. Noch bevor die Mauer geöffnet wurde, waren die 1989 in Paris auf der Weltausstellung zu sehen. Während ich selbst diesen Ausstellungsort erst später in Augenschein nehmen konnte.

m&m Deine Briefmarken wurden ausgestellt?

SB Briefmarkensammler haben – früher mehr als heute – richtige Ausstellungen. Vergleichbar der Amateurfotografenszene. Zu dem Zeitpunkt war ich noch Jugendlicher und konnte an der Weltausstellung teilnehmen, weil ich bei der nationalen DDR-Ausstellung eine Goldmedaille gewonnen hatte.

m&m Wow…
Arbeitest du auch analog?

SB Nein. Das Analoge hat mich nie gereizt. Ich habe gewartet, bis es eine bezahlbare digitale Spiegelreflexkamera gab. Die Canon 10D war dann für mich der Einstieg. Die Vorzüge digitaler Technik habe ich von Anfang an geschätzt und sehe bis heute keinen Vorteil im analogen Arbeiten. Unlängst hatte ich dazu bei einer Veranstaltung eine Diskussion mit Werner Mahler. Er meinte, „richtig“ fotografieren könne man nur analog. Es sei aufwändiger, man arbeite genauer, mache weniger Bilder und die dafür bewusst. Ich kann dazu nur sagen: Ich mache meine digitalen Aufnahmen auch extrem bewusst. Dazu fotografiere ich ausschließlich mit Stativ, denn ich will das Bild
komponiert sehen; es soll perfekt ausgerichtet sein. Das ist auch aufwändig – und In der Regel mache ich nur eine sehr überschaubare Anzahl an Belichtungen.

m&m Dein Fokus liegt auf dem Prinzip Veränderung – nach welchen weiteren Kriterien suchst und wählst du deine Locations?

SB Grundsätzlich sind meine Serien fünf größeren Projektzyklen zugeordnet: Industrieller Strukturwandel, ehemalige militärische Orte, Architektur und Kunst, moderne Stadtentwicklung und dann noch die Baukultur in Ostdeutschland.

Am Anfang eines Projekts steht immer ein Impuls – manchmal lese ich etwas Interessantes oder ich sehe ein Objekt, das mich anspricht. Entweder vor Ort oder im Internet. Das schaue ich mir dann genauer an. Wenn es wirklich so interessant ist, wie ich dachte, recherchiere ich weiter und suche eventuell nach weiteren, dazu passenden Objekten. Beim Projekt Landmarken war das nicht so kompliziert. Wenn man sich mit dem Ruhrgebiet beschäftigt, stößt man fast zwangsläufig darauf, weil diese Objekte sehr markant sind. Bei einer anderen Langzeitserie dagegen fotografiere ich Relikte von Brücken. Da ist die Recherche sehr aufwändig. Klar, man findet einiges im Internet. Über Foren wie Lost Places und Spezialseiten stößt man dann schonmal auf interessante Objekte, aber da in dieser Szene keine Ortsangaben gemacht werden, ist es dann nicht so einfach, diese Objekte auch wirklich zu finden.
 

Bramme für das Ruhrgebiet, Schurenbachhalde, Essen © Swen Bernitz

Tiger & Turtle, Heinrich-Hildebrand-Höhe, Duisburg © Swen Bernitz

Obelisk, Halde Hoheward, Herten und Recklinghausen © Swen Bernitz

m&m Wie arbeitest du dann weiter?

SB Prinzipiell geht es mir immer darum, solche Objekte wirklich neu in Szene zu setzen. Beispiel Landmarken: Von Objekten wie Tiger&Turtle oder Tetraeder, gibt es ja schon hunderte, tausende oder mehr Bilder. Deswegen die Idee, sie ohne Menschen zu fotografieren, was schwierig war, weil die extrem stark besucht sind – auch nachts. Der nächste Schritt war dann, die Bilder in schwarz-weiß umzusetzen, weil das auch gut zu den Objekten passte. So entstand ein spezieller Look, der dadurch verstärkt wurde, dass die Hälfte der Objekte in der Dämmerung fotografiert sind, um die Lichtinstallationen mit auf dem Bild zu haben. Objekte ohne Lichtinstallation habe ich dann bei starkem Sonnenschein fotografiert und so entwickelt, dass mit einem Rotfilter der blaue Himmel wieder dunkel wurde. So passten sie zu den Nachtbildern.

m&m Wartest du, bis die Leute weg sind? Oder retuschierst du sie raus?

SB Grundsätzlich versuche ich ohne Retusche auszukommen. Bei dieser Serie habe ich gewartet, bis niemand mehr da war. Als ich etwa das Hallenhaus fotografierte, waren einige Leute da, es war ein schöner Tag. Ich baute meine Kamera auf, wartete, alles sah gut aus. Dann kam jemand mit dem Auto, stellt sich vor die Kamera, steigt aus und fragt: Und? Alle Bilder im Kasten? Hat dann aber ganz nett umgeparkt. Bei einer anderen Landmarke haben die Anwesenden gesehen, ich will da ein Bild machen, und sind außer Sichtweite gegangen.
Das ist nicht immer so. Manchmal gibt es auch Unverständnis. Gerade bei anderen Objekten, bei denen nicht so klar ist, worum es geht. Selbst wenn das völlig legal ist, kommen dann Leute angelaufen, was ich denn hier mache, ob ich das denn darf, ob ich eine Genehmigung hab und so weiter.
Solche Genehmigungen zu bekommen ist gar nicht so leicht. Ich habe schon x Anfragen geschickt für irgendwelche Objekte und dann kam entweder gar keine Antwort oder eine ablehnende.

m&m Wie kam es zu deinem ersten Projekt „Fahrzeughallen“?

SB Mich haben diese leerstehenden Hallen fasziniert, die das russischen Militär in Brandenburg genutzt hatte. Die Sowjetischen Streitkräfte hatten ja in der DDR und insbesondere in Brandenburg riesige Flächen als Kasernengelände. In dem Landkreis, in dem ich jetzt lebe, Teltow-Fläming, waren das 1989 circa 20 Prozent der Landesfläche. Als sie 1994 abgezogen sind, wurde ein Teil der Kasernengebäude zu Wohnzwecken umgebaut. Nutzgebäude aber, wie diese Fahrzeughallen, wo Panzer und ähnliches untergebracht waren, blieben einfach leer stehen. Niemand interessierte sich dafür. Die habe ich dann 2008/2009 fotografiert. Ich habe auch ein Fotobuch daraus im Selbstverlag gemacht, damals noch mit Hannes Wanderer, der den Verlag peperoni books und die Buchhandling 25books in Berlin hatte. Er war ein Fotobuchbesessener.

SB Auf deiner Website stehen glänzende Neubauten und verlassene oder zerfallende Ruinen einander in spannenden Kontrasten gegenüber – welche sind deine „Lieblinge“? Und warum?

SB: Grundsätzlich finde ich immer meine aktuellen oder gerade abgeschlossenen Projekte am interessantesten. Aber wenn ich aufs Gesamte schaue, gefallen mir diejenigen Bilder und Serien am besten, die Objekte mit gebrauchtem Charakter zum Inhalt haben. Das müssen nicht unbedingt verfallene Gebäude sein, das kann auch Architektur sein, die in Benutzung ist. Diese Nutzung macht sie für mich persönlich spannender als Neubauten. Denn nur sie stehen für eine Geschichte, die ein Bildband dann auch erzählen kann.
 

Hallenhaus, Halde Norddeutschland, Neukirchen-Vluyn © Swen Bernitz

Das Geleucht, Halde Rheinpreußen, Moers © Swen Bernitz

Haldenzeichen, Halde Radbod, Hamm © Swen Bernitz

m&m Deine Fotos sind Ergebnisse präziser Arbeit verbunden mit Hi-Tech – zudem ist auch der Aspekt des Bewahrens und Aufzeigens spürbar. Man könnte es auch sozialdokumentarisch nennen; wobei dieser Zweig der Fotografie, anders als Architekturfotografie, statt auf Technik mehr auf Inhalte oder Botschaften setzt. Wie siehst du selbst deine Projekte? Was leitet dich bei den Konzeptionen?

SB Meine Hauptmotivation ist, interessante Fotos zu machen. Gut, das ist von der Betrachtung her sehr unterschiedlich. Für mich hat das immer zwei Ebenen, eine visuelle und eine inhaltliche. Objekte oder Serien, wo es keine inhaltliche Komponente gibt, die einfach nur schön sind, finde ich nicht so spannend.

Auf der anderen Seite habe ich einen großen Hang zu gut gemachten Fotos. Was mich an einem Foto stört sind Sachen wie diese: die Belichtung stimmt nicht, der Ausschnitt ist unglücklich gewählt oder unpräzise – etwa, weil es am Rand ausfasert oder man nicht weiß, gehts da weiter oder nicht. Das will ich vermeiden, deshalb versuche ich genau zu arbeiten. Das geht dann vielleicht langsam, aber es geht mir eben darum, das Bild auch gut zu komponieren. Wenn das gelingt, entsteht vielleicht ein Bild, das so interessant ist, dass es auch die Zeit überdauert. Denn das ist ja unser Problem: Es gibt Unmengen von Fotos. Jeder fotografiert mit Handy oder Kleinbild. Wir haben ja keinen Mangel an Bildern.

m&m Und die grüne Serie über die Schießbahn – wie ist die entstanden?

SB Ich finde diese Serie persönlich auch superspannend, aber sie kommt weniger gut an als andere. Als ich auf die Idee kam, wurde mir klar: Wenn ich da „nur“ fotografiere – Bäume, Gebüsch, Schießbahn, ist das total unspektakulär.

Dann fiel mir dieser Look wieder ein, den ich von früher kannte, aus der militärischen Anwendung. Ich musste leider noch Grundwehrdienst machen, und dazu gehörte auch eine Richtschützenausbildung im Panzer. Als ich da nachtschießend durchs Zielfernrohr guckte, sah das genauso aus.
Mit einer normalen Kamera lässt das nicht nachahmen. Das Problem dabei: man muss eine Art Restlichtverstärkung simulieren. Das bedeutet: Auf dem Bild ist der Himmel schwarz, der Boden – wo es kein Restlicht gab – auch, und wo Bäume sind und die Schießbahn – wo also Licht reflektiert wird – ist es dann grün. Bei einem normalen Bild, selbst wenn man das digital bearbeitet, kriegt man das so nicht hin. Deswegen habe ich fotografiert, als Schnee lag. Der Boden war dann also weiß, der Himmel auch, die Objekte sind grau, braun und schwarz. Davon habe ich dann eine Negativumkehr gemacht, ein wenig getont – und dann hatte ich diesen Look.

m&m Wie lange brauchst du für so ein Projekt?

SB Bei dem Ruhrgebiet-Projekt – das ist ein größeres Konvolut von insgesamt 10 Teilserien, die Landmarken ist eine davon – ist mir zugutegekommen, dass ich lange Zeit in Düsseldorf gelebt habe. Jetzt wohne ich dauerhaft in Brandenburg, aber die letzten zwanzig Jahre habe ich teilweise auch in Düsseldorf gelebt. Von dort aus war ich bestimmt 150 Mal auf Foto-Tour im Ruhrgebiet.

Die Brückenrelikte habe ich in verschiedenen Bundesländern ausgesucht, und bin dann hingefahren. Entweder als Tagestrip oder mit Übernachtung und habe versucht, mehrere Objekte zügig hintereinanderweg zu besuchen. Das ist teilweise eine logistische Herausforderung.

m&m Ist aber bestimmt auch cool?

SB Ja. Das ist mein Lebensinhalt, würde ich sagen. Fotografie interessiert mich in allen Bereichen, aber auch das Fotografieren selbst. Und genauso die Objekte vor Ort, das ganze Umfeld und die Geschichte. Es geht mir nicht nur darum, hinzufahren und ein Foto zu machen. Ja, und dann ist das einfach Spaß und Freude – und Entspannung auch. Also ganz anders, als wohl die meisten Arbeit definieren würden.
 
 

Aktuell (ab 19.2.22) ist die Architekturfografie von Swen unter dem Titel
“Bauhaus Dessau | Fahrzeughallen Kummersdorf, Rehagen, Wünsdorf | Revier: Ruhrgebiet”
in der Neuen Galerie Zossen zu sehen.
 

Himmelstreppe, Halde Rheinelbe, Gelsenkirchen © Swen Bernitz

Wie gefallen euch die Bilder? Das Interview? Lasst uns diskutieren – wir freuen uns über Kommentare!

Aussichtskanzel, Halde Pluto-Wilhelm, Herne Wanne-Eickel © Swen Bernitz

Impuls, Halde Großes Holz, Bergkamen © Swen Bernitz

 
 
 

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