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Mitgefühl kommt von Mitgefühl
Psychologin Elisabeth Raffauf im Interview

10. Juni 2022 von Sylvia | Keine Kommentare

Elisabeth Raffauf, Psychologin, Erziehungs- und Paarberaterin

Kennengelernt haben wir sie durch eine Reportage über ihre Zusammenarbeit mit Kindern für die coole Radio-Aufklärungs-Serie „Herzfunk“. Ist fünf Jahre her – wieder haben wir uns in Köln getroffen und diesmal mit ihr darüber gesprochen, warum sie Psychologin geworden ist, wie es ist Flüchtlinge aus der Ukraine zu beherbergen, und was Kindern in dieser Gesellschaft fehlt.

meise&meise Was hat dich dazu gebracht Psychologin zu werden?

Elisabeth Raffauf Ich wollte wissen, „Wie funktioniert die Seele?“ Eigentlich wollte ich ja beruflich etwas anderes machen als meine Eltern. Beide haben im Bereich Neurologie und Psychiatrie gearbeitet. Zusätzlich hatte meine Mutter eine Ausbildung als Psychoanalytikerin, weil sie die medizinische Behandlung oft nicht ausreichend fand, etwa bei Magersüchtigen. Anderseits habe ich bei meiner Mutter immer gesehen: Ihr macht das richtig Spaß… So kam ich zur Psychologie.

m&m Hast du später Dinge übernommen, die deine Mutter gemacht hat?

ER Meine Mutter ist ein ganz anderer Typ als ich. Sie ist sehr ruhig und zurückhaltend. Über sie wurde immer gesagt, wenn alle in die Straßenbahn reinkommen, nur eine nicht, dann ist sie das. Weil sie alle vorlässt… Was ich aber auf jeden Fall übernommen habe ist Ihre Grundeinstellung zur Arbeit – und zur Erziehung. Sie hat immer gesagt: Schule ist nicht so wichtig. Wer ne fünf schreibt kriegt ein Eis und wer ne Sechs schreibt, mit dem gehe ich ins Stadtcafé Kuchen essen. Und wir reden nicht über Schule.

m&m Du hast einige Bücher geschrieben, zuletzt Erzieht uns einfach!, gibt es eine Botschaft – die du mit deinen Büchern rüberbringen möchtest?

ER Ja – es ist mir wichtig, psychologische Zusammenhänge auch für jene zu erklären, die mit Psychologie nichts zu tun haben. Zum Beispiel, wie das sich Erinnern an frühere Erlebnisse dazu führt, dass man sich besser versteht. Das ist ein tiefenpsychologischer Ansatz: Was hat mich denn geprägt? Wie bin ich denn so geworden wie ich bin und kann ich denn Verständnis mit mir haben? So kann ich letztlich verstehen, dass ich vielleicht selbst als Kind bestimmte Dinge dringend gebraucht hätte, aber nicht bekommen habe. Wenn ich das aber nicht reflektiere, versuche ich immer weiter, mir das irgendwo zu holen. Auch bei meinen Kindern oder meinem Partner – aber das ist die falsche Stelle. Und wenn man das erst mal verstanden hat, kann man schauen, wie kann ich anders damit umgehen.

m&m Warum sind Pubertät und Sexualerziehung deine Schwerpunkte?

ER In dieser Zeit ist richtig was los, das ist sicher ein Grund dafür. Ich selber hatte eine heftige Pubertät mit Drogen und Von-Zuhause-abhauen… Ich habe meine Eltern echt in Aufregung versetzt und später gedacht, hoffentlich machen meine Kinder das niemals. Ein anderer Grund ist: Jugendliche sind so unverstellt, so echt. Die reden geraderaus.

m&m Das gilt sicher auch für den Herzfunk, den machst du ja auch noch…

ER Ja. Die Kinder haben dieses Angebot nach wie vor ganz oben auf ihrer Liste. Weil sie gefragt werden, und zwar nicht nur danach, was sie wissen wollen, sondern als Expertinnen und Experten. Die Themen sind ja so alt wie die Welt, aber die Fragen sind immer auch wieder ein bisschen neu und überraschend. Etwa „Kann man im Weltall schwanger werden?“ oder „Was machen denn Jungs, wenn das Urinal zu hoch ist und man da nicht dran kommt?“

Reportage 2017 – Elisabeth bei Aufnahmen für den Herzfunk

m&m Woher nimmst du die Kraft, dich immer wieder aufs Neue auf die Probleme anderer einzulassen?

ER Ich bin neugierig. Es macht mir wirklich Spaß, Dinge zu verstehen. Selbst bei Menschen, wo man erstmal denkt: Hm. Das ist nicht so ganz meine Kragenweite… Aber, wenn du sie verstehst, kommen sie dir näher. Es gibt ein hilfreiches Konzept, die Seele zu verstehen, das tiefenpsychologische oder psychoanalytische Konzept. Damit hat man dann auch Werkzeuge und muss nicht alles so nah an sich ranlassen. Man kann Zusammenhänge erkennen und Fragen stellen, die Sinn machen. Ich bin dann keine Freundin, sondern Zuhörerin. Außerdem bin ich grundoptimistisch. Ich bin überzeugt: Menschen, die sich Unterstützung holen, und sich auf den Weg machen – die wollen etwas ändern. Das ist der beste und einzige Motor. Und man spürt, dass es bereichernd für sie ist, sich damit auseinanderzusetzen.

Aber du hast recht, das kostet Kraft. Ich begleite deshalb auch weniger Leute als die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen, die dann jeweils nach 50 Minuten einen Wechsel machen. Ich bin eine volle Stunde für meine Klienten da, danach mache ich eine Viertelstunde Pause. Die brauche ich, um umzuschalten. Mein Anspruch ist: Sie sollen jede Stunde etwas mitnehmen können. Gleichzeitig muss klar sein, das geht nur gemeinsam. Ich gebe meine volle Konzentration, aber diese Person muss auch etwas wollen.

m&m Aktuell habt ihr – du und dein Mann – eine ganz besondere Situation, ihr habt eine ukrainische Familie zu Gast – wie kam es dazu?

ER Wir wollten raus aus unserer Hilflosigkeit angesichts der schrecklichen Bilder aus dem Krieg. Dann haben wir mit unserer Tochter Jana darüber gesprochen, dass wir Flüchtlinge aufnehmen wollen. Darauf sie: „Der Luca hat längst welche.“ Luca ist unser Sohn und wir wussten das noch gar nicht. Er wohnt in einer Vierer-Jungs-WG in Berlin, dort gibt es ein kleines Gästezimmer mit Hochbett. Als sie gefragt wurden, ob sie zwei Flüchtlinge aufnehmen könnten, haben sie sofort zugesagt. Ja – und dann kamen die Flüchtlinge: Eine siebzigjährige Dame mit ihrer vierzigjährigen Tochter… Da sie diese ältere Dame schlecht die Hochbettleiter hochschicken konnten, hat unser Sohn sein Zimmer hergegeben. Während wir überlegt haben, für wie lange wollen wir das, muss man den Flüchtlingen Grenzen setzen undundund, haben die vier 25-Jährigen einfach nur gemacht. Wir hatten erst angeboten, dass die beiden Frauen zu uns kommen könnten, aber nach zehn Tagen, sind sie in eine Flüchtlingsunterkunft umgezogen, um Kontakt zu Ihresgleichen zu haben. Da wir Freunden erzählt hatten, dass wir Flüchtlinge aufnehmen würden, gab es dann plötzlich bei uns in Köln jemanden, der für seinen Arbeitskollegen und dessen Familie eine Unterkunft suchte. Diese Familie ist jetzt seit zwei Monaten bei uns.

m&m Und? Wie läuft das im Alltag?

ER Gut. Sie sind nett – das ist das A und O. Sie haben zwei Zimmer und ein Bad für sich. Küche und Wohnbereich ist für uns alle. Ist wie früher in der WG oder mit den Kindern. Die Tochter ist sieben. Ich habe sie hier in der Schule angemeldet. Anfangs hat sie geweint, weil alles fremd war und sie nur ukrainisch spricht. Aber jetzt geht sie gerne hin.

m&m Wie kommuniziert ihr?

ER Auf Englisch. Nadja ist Lehrerin, sie unterrichtet jeden Tag eine vierte Klasse – via Zoom, damit die Kinder danach weiter in die Schule gehen können. Sie sagt, ich kenne die seit vier Jahren, deshalb ist es ihr Anspruch, dass sie danach in eine weiterführende Schule gehen können.
Wir haben am Anfang gefragt, möchtet ihr, dass wir euch Fragen stellen oder lieber nicht? Sie wollten. Sie haben sogar ein großes Bedürfnis, darüber zu sprechen, wie es ihnen geht. Für ihn als Mann ist die Lage besonders schwierig. Er hat immer das Schuldgefühl, er müsste eigentlich dort sein und helfen – und gleichzeitig ist er froh, dass er hier ist. Am Anfang hat er gesagt, ich kann mich nicht konzentrieren. Er hatte Albträume, konnte nicht gut schlafen. Jetzt merken wir, dass sie neue Probleme haben, dass sie ihre Pläne immer wieder ändern und sich nicht immer einig sind. Man kann ja auch nichts planen. Sie möchte zurück, hat totales Heimweh – und er will nicht unbedingt zurück. Die beiden wissen, dass sie mit uns reden können, wenn sie es brauchen, aber wir mischen uns nicht ein. Man muss einen gewissen Abstand halten. Es ist ja nicht so, dass sie weniger Informationen hätten als wir. Eher im Gegenteil. Und sie haben oft auch andere Informationen.

m&m Toll, dass ihr sie aufgenommen habt.

ER Es hat sich so ergeben und wir haben gemerkt, das ist auch eine Art Selbstbehandlung. Denn: Wenn ich die Bilder im Fernsehen sehe, fühle mich total ohnmächtig. Und so kann ich vielleicht doch ein ganz kleines bisschen tun, und fühle mich besser so. Unsere Tochter Jana – übrigens auch Psychologin – sagt, es gibt keinen Altruismus. Und das stimmt, man macht das auch für sich selber.

m&m Hat es eure Einstellung zum Ukrainekrieg verändert?

ER Was wir mitbekommen sind persönliche Geschichten, etwa wie es der Mutter oder dem Vater in der Ukraine geht. Oder den Schülerinnen und Schülern von Nadja. Das war eine Klasse von 20 Kindern. Ein Kind ist abgemeldet worden, seit der Krieg ausgebrochen ist. Vier oder fünf sind in der Ukraine geblieben, die anderen sind über Europa verteilt. Durch Corona hatten sie das Zoomen schon geübt. Wobei man sagen muss, sie arbeitet an einer Privatschule – da haben die Eltern mehr Geld. An den staatlichen Schulen verdienen die Lehrkräfte 250-300 Euro im Monat, an der Privaten das Doppelte. Trotzdem auch er weiter im Home Office arbeitet, könnten sie sich ein Leben hier nicht leisten. In der Ukraine mietet man sich offenbar eher möblierte Wohnungen – und hier müssten sie alles anschaffen. Dann die Sprache, und Nadja sagt, „Hier müsste ich putzen gehen… Ich bin doch Lehrerin.“
Ob sich unsere Sicht verändert hat, weiß ich nicht. Was ich schwierig finde ist diese Regel, dass die Männer dortbleiben müssen. Er arbeitet im IT-Bereich und sagt dann sowas wie, Ich hab doch noch nie ein Waffe gehalten. Wie macht man das denn, ich weiß gar nicht, wie das geht. Er überlegt ganz konkret wie das wäre, wenn er zurückgeht: „Ich hab doch gar nicht solche Stiefel…“

Für mich persönlich werden die Erfahrungen mit in ein neues Projekt einfließen. Ich habe ganz viele Anfragen von tagesaktuellen Medien und Verlagen bekommen: Wie spricht man mit Kindern über Krieg? Ich hab Nadja davon erzählt – und sie hat vorgeschlagen, was hältst du davon, wenn ich meine Viertklässler frage? Dann haben wir uns Fragen überlegt, sie hat fünf Kinder ausgewählt – und die haben die Fragen beantwortet. Das war sehr ergreifend. Manche haben geweint. Aber sie sagte, das Tolle war, die haben sich total ernstgenommen und auf Augenhöhe angesprochen gefühlt. Das tat ihnen gut, denn die Kinder werden sonst nicht gefragt, wie es ihnen geht. Sie haben sehr ehrliche und konkrete Antworten gegeben. Ein echter Schatz.

m&m Stichwort Zukunft – was wäre dein Wunsch, was soll sich verändern?

ER Ich denke jeden Tag, wann hört dieser Krieg endlich auf?! Das muss endlich passieren. Ändern muss sich auch unser Lebensstil. Meine Kinder und ihre Freunde machen sich große Sorgen über das Klima. Ich wünsche mir natürlich, dass sie eine schöne Zukunft haben.
Aber ich wünsche mir auch ganz allgemein mehr Mitgefühl für Kinder. Denn, ich bin überzeugt, Mitgefühl lernt man, indem man Mitgefühl erfährt. Gerade in Notsituationen wird das oft vergessen. Dafür muss man gar nicht den Krieg heranziehen. Auch wenn Eltern sich streiten oder trennen, vergessen sie oft, wie geht es denn den Kindern damit? Oder sie denken, die Kinder haben kein Problem, weil sie kooperieren und brav sind. Dass die sich vielleicht gar nicht trauen, wütend oder motzig zu sein, wird dann gar nicht wahrgenommen. Auch deshalb müssen wir daran arbeiten, dass die Kinderrechte auch wirklich in allen Facetten umgesetzt werden. Diese ganze Diskussion, ob Kinderrechte ins Grundgesetz aufgenommen werden sollen… Warum sind sie da immer noch nicht?

Elisabeths neues Buch: Erzieht uns einfach! – Was Kinder und Jugendliche von ihren Eltern brauchen.
Patmos Verlag, Ostfdildern 2022, 192 Seiten, 19 Euro

 
 
 

Sammeln, Sehen, Komponieren
Der Architekturfotograf Swen Bernitz im Interview

7. Februar 2022 von Sylvia | Keine Kommentare

Tetraeder, Halde Beckstraße, Bottrop © Swen Bernitz

Im Rahmen des Schömberger Fotoherbsts haben wir zum ersten Mal Swen Bernitz‘ grandiose Serie Landmarken gesehen – und mit dem 51jährigen Fotografen, der in Zossen lebt, ein Interview via zoom geführt.




 

meise&meise Warum bist du Fotograf geworden – war das dein Traumberuf?

Swen Bernitz Ja, es ist mein Traumberuf, aber es ist nicht mein einziger. Ursprünglich hab ich BWL studiert, in einer Bank gearbeitet, mich danach als Unternehmensberater selbstständig gemacht. Danach kam die Fotografie dazu. Mit Mitte zwanzig hab ich angefangen, mich für Fotografie zu interessieren. Damals habe ich Fotoausstellungen besucht und auch angefangen, Fotografien zu sammeln. Erst dachte ich gar nicht daran, selbst zu fotografieren – doch irgendwann hatte ich konkrete, eigene Ideen, die ich umsetzen wollte. Das erste Projekt waren 2008 die „Fahrzeughallen“.

m&m Du hast als Erstes Fotografien gesammelt?

SB Ich sammle immer noch – und zwar Fotografien von ostdeutschen Fotografen: Sibylle Bergemann, Arno Fischer, Harald Hauswald, Ulrich Wüst…. Fotografen, die zu DDR-Zeiten schon fotografiert haben. Es gibt von ihnen auch Aktuelles, aber ich sammle hauptsächlich Arbeiten aus der DDR-Zeit. Ich bin in der DDR geboren und aufgewachsen, daher habe ich zu den Bildern oft eine sehr persönliche Verbindung. Ende der 1990er Jahre wurden die zwar auch schon in Galerien ausgestellt, aber kaum jemand hat sich dafür interessiert.

Ich habe einen Sammlerhintergrund, weil ich als Jugendlicher extrem intensiv Briefmarken gesammelt habe. Mit internationalen Ausstellungen und allem Drum und Dran. Mein Running Gag ist immer: „Meine Briefmarken waren vor mir im Westen“. Noch bevor die Mauer geöffnet wurde, waren die 1989 in Paris auf der Weltausstellung zu sehen. Während ich selbst diesen Ausstellungsort erst später in Augenschein nehmen konnte.

m&m Deine Briefmarken wurden ausgestellt?

SB Briefmarkensammler haben – früher mehr als heute – richtige Ausstellungen. Vergleichbar der Amateurfotografenszene. Zu dem Zeitpunkt war ich noch Jugendlicher und konnte an der Weltausstellung teilnehmen, weil ich bei der nationalen DDR-Ausstellung eine Goldmedaille gewonnen hatte.

m&m Wow…
Arbeitest du auch analog?

SB Nein. Das Analoge hat mich nie gereizt. Ich habe gewartet, bis es eine bezahlbare digitale Spiegelreflexkamera gab. Die Canon 10D war dann für mich der Einstieg. Die Vorzüge digitaler Technik habe ich von Anfang an geschätzt und sehe bis heute keinen Vorteil im analogen Arbeiten. Unlängst hatte ich dazu bei einer Veranstaltung eine Diskussion mit Werner Mahler. Er meinte, „richtig“ fotografieren könne man nur analog. Es sei aufwändiger, man arbeite genauer, mache weniger Bilder und die dafür bewusst. Ich kann dazu nur sagen: Ich mache meine digitalen Aufnahmen auch extrem bewusst. Dazu fotografiere ich ausschließlich mit Stativ, denn ich will das Bild
komponiert sehen; es soll perfekt ausgerichtet sein. Das ist auch aufwändig – und In der Regel mache ich nur eine sehr überschaubare Anzahl an Belichtungen.

m&m Dein Fokus liegt auf dem Prinzip Veränderung – nach welchen weiteren Kriterien suchst und wählst du deine Locations?

SB Grundsätzlich sind meine Serien fünf größeren Projektzyklen zugeordnet: Industrieller Strukturwandel, ehemalige militärische Orte, Architektur und Kunst, moderne Stadtentwicklung und dann noch die Baukultur in Ostdeutschland.

Am Anfang eines Projekts steht immer ein Impuls – manchmal lese ich etwas Interessantes oder ich sehe ein Objekt, das mich anspricht. Entweder vor Ort oder im Internet. Das schaue ich mir dann genauer an. Wenn es wirklich so interessant ist, wie ich dachte, recherchiere ich weiter und suche eventuell nach weiteren, dazu passenden Objekten. Beim Projekt Landmarken war das nicht so kompliziert. Wenn man sich mit dem Ruhrgebiet beschäftigt, stößt man fast zwangsläufig darauf, weil diese Objekte sehr markant sind. Bei einer anderen Langzeitserie dagegen fotografiere ich Relikte von Brücken. Da ist die Recherche sehr aufwändig. Klar, man findet einiges im Internet. Über Foren wie Lost Places und Spezialseiten stößt man dann schonmal auf interessante Objekte, aber da in dieser Szene keine Ortsangaben gemacht werden, ist es dann nicht so einfach, diese Objekte auch wirklich zu finden.
 

Bramme für das Ruhrgebiet, Schurenbachhalde, Essen © Swen Bernitz

Tiger & Turtle, Heinrich-Hildebrand-Höhe, Duisburg © Swen Bernitz

Obelisk, Halde Hoheward, Herten und Recklinghausen © Swen Bernitz

m&m Wie arbeitest du dann weiter?

SB Prinzipiell geht es mir immer darum, solche Objekte wirklich neu in Szene zu setzen. Beispiel Landmarken: Von Objekten wie Tiger&Turtle oder Tetraeder, gibt es ja schon hunderte, tausende oder mehr Bilder. Deswegen die Idee, sie ohne Menschen zu fotografieren, was schwierig war, weil die extrem stark besucht sind – auch nachts. Der nächste Schritt war dann, die Bilder in schwarz-weiß umzusetzen, weil das auch gut zu den Objekten passte. So entstand ein spezieller Look, der dadurch verstärkt wurde, dass die Hälfte der Objekte in der Dämmerung fotografiert sind, um die Lichtinstallationen mit auf dem Bild zu haben. Objekte ohne Lichtinstallation habe ich dann bei starkem Sonnenschein fotografiert und so entwickelt, dass mit einem Rotfilter der blaue Himmel wieder dunkel wurde. So passten sie zu den Nachtbildern.

m&m Wartest du, bis die Leute weg sind? Oder retuschierst du sie raus?

SB Grundsätzlich versuche ich ohne Retusche auszukommen. Bei dieser Serie habe ich gewartet, bis niemand mehr da war. Als ich etwa das Hallenhaus fotografierte, waren einige Leute da, es war ein schöner Tag. Ich baute meine Kamera auf, wartete, alles sah gut aus. Dann kam jemand mit dem Auto, stellt sich vor die Kamera, steigt aus und fragt: Und? Alle Bilder im Kasten? Hat dann aber ganz nett umgeparkt. Bei einer anderen Landmarke haben die Anwesenden gesehen, ich will da ein Bild machen, und sind außer Sichtweite gegangen.
Das ist nicht immer so. Manchmal gibt es auch Unverständnis. Gerade bei anderen Objekten, bei denen nicht so klar ist, worum es geht. Selbst wenn das völlig legal ist, kommen dann Leute angelaufen, was ich denn hier mache, ob ich das denn darf, ob ich eine Genehmigung hab und so weiter.
Solche Genehmigungen zu bekommen ist gar nicht so leicht. Ich habe schon x Anfragen geschickt für irgendwelche Objekte und dann kam entweder gar keine Antwort oder eine ablehnende.

m&m Wie kam es zu deinem ersten Projekt „Fahrzeughallen“?

SB Mich haben diese leerstehenden Hallen fasziniert, die das russischen Militär in Brandenburg genutzt hatte. Die Sowjetischen Streitkräfte hatten ja in der DDR und insbesondere in Brandenburg riesige Flächen als Kasernengelände. In dem Landkreis, in dem ich jetzt lebe, Teltow-Fläming, waren das 1989 circa 20 Prozent der Landesfläche. Als sie 1994 abgezogen sind, wurde ein Teil der Kasernengebäude zu Wohnzwecken umgebaut. Nutzgebäude aber, wie diese Fahrzeughallen, wo Panzer und ähnliches untergebracht waren, blieben einfach leer stehen. Niemand interessierte sich dafür. Die habe ich dann 2008/2009 fotografiert. Ich habe auch ein Fotobuch daraus im Selbstverlag gemacht, damals noch mit Hannes Wanderer, der den Verlag peperoni books und die Buchhandling 25books in Berlin hatte. Er war ein Fotobuchbesessener.

SB Auf deiner Website stehen glänzende Neubauten und verlassene oder zerfallende Ruinen einander in spannenden Kontrasten gegenüber – welche sind deine „Lieblinge“? Und warum?

SB: Grundsätzlich finde ich immer meine aktuellen oder gerade abgeschlossenen Projekte am interessantesten. Aber wenn ich aufs Gesamte schaue, gefallen mir diejenigen Bilder und Serien am besten, die Objekte mit gebrauchtem Charakter zum Inhalt haben. Das müssen nicht unbedingt verfallene Gebäude sein, das kann auch Architektur sein, die in Benutzung ist. Diese Nutzung macht sie für mich persönlich spannender als Neubauten. Denn nur sie stehen für eine Geschichte, die ein Bildband dann auch erzählen kann.
 

Hallenhaus, Halde Norddeutschland, Neukirchen-Vluyn © Swen Bernitz

Das Geleucht, Halde Rheinpreußen, Moers © Swen Bernitz

Haldenzeichen, Halde Radbod, Hamm © Swen Bernitz

m&m Deine Fotos sind Ergebnisse präziser Arbeit verbunden mit Hi-Tech – zudem ist auch der Aspekt des Bewahrens und Aufzeigens spürbar. Man könnte es auch sozialdokumentarisch nennen; wobei dieser Zweig der Fotografie, anders als Architekturfotografie, statt auf Technik mehr auf Inhalte oder Botschaften setzt. Wie siehst du selbst deine Projekte? Was leitet dich bei den Konzeptionen?

SB Meine Hauptmotivation ist, interessante Fotos zu machen. Gut, das ist von der Betrachtung her sehr unterschiedlich. Für mich hat das immer zwei Ebenen, eine visuelle und eine inhaltliche. Objekte oder Serien, wo es keine inhaltliche Komponente gibt, die einfach nur schön sind, finde ich nicht so spannend.

Auf der anderen Seite habe ich einen großen Hang zu gut gemachten Fotos. Was mich an einem Foto stört sind Sachen wie diese: die Belichtung stimmt nicht, der Ausschnitt ist unglücklich gewählt oder unpräzise – etwa, weil es am Rand ausfasert oder man nicht weiß, gehts da weiter oder nicht. Das will ich vermeiden, deshalb versuche ich genau zu arbeiten. Das geht dann vielleicht langsam, aber es geht mir eben darum, das Bild auch gut zu komponieren. Wenn das gelingt, entsteht vielleicht ein Bild, das so interessant ist, dass es auch die Zeit überdauert. Denn das ist ja unser Problem: Es gibt Unmengen von Fotos. Jeder fotografiert mit Handy oder Kleinbild. Wir haben ja keinen Mangel an Bildern.

m&m Und die grüne Serie über die Schießbahn – wie ist die entstanden?

SB Ich finde diese Serie persönlich auch superspannend, aber sie kommt weniger gut an als andere. Als ich auf die Idee kam, wurde mir klar: Wenn ich da „nur“ fotografiere – Bäume, Gebüsch, Schießbahn, ist das total unspektakulär.

Dann fiel mir dieser Look wieder ein, den ich von früher kannte, aus der militärischen Anwendung. Ich musste leider noch Grundwehrdienst machen, und dazu gehörte auch eine Richtschützenausbildung im Panzer. Als ich da nachtschießend durchs Zielfernrohr guckte, sah das genauso aus.
Mit einer normalen Kamera lässt das nicht nachahmen. Das Problem dabei: man muss eine Art Restlichtverstärkung simulieren. Das bedeutet: Auf dem Bild ist der Himmel schwarz, der Boden – wo es kein Restlicht gab – auch, und wo Bäume sind und die Schießbahn – wo also Licht reflektiert wird – ist es dann grün. Bei einem normalen Bild, selbst wenn man das digital bearbeitet, kriegt man das so nicht hin. Deswegen habe ich fotografiert, als Schnee lag. Der Boden war dann also weiß, der Himmel auch, die Objekte sind grau, braun und schwarz. Davon habe ich dann eine Negativumkehr gemacht, ein wenig getont – und dann hatte ich diesen Look.

m&m Wie lange brauchst du für so ein Projekt?

SB Bei dem Ruhrgebiet-Projekt – das ist ein größeres Konvolut von insgesamt 10 Teilserien, die Landmarken ist eine davon – ist mir zugutegekommen, dass ich lange Zeit in Düsseldorf gelebt habe. Jetzt wohne ich dauerhaft in Brandenburg, aber die letzten zwanzig Jahre habe ich teilweise auch in Düsseldorf gelebt. Von dort aus war ich bestimmt 150 Mal auf Foto-Tour im Ruhrgebiet.

Die Brückenrelikte habe ich in verschiedenen Bundesländern ausgesucht, und bin dann hingefahren. Entweder als Tagestrip oder mit Übernachtung und habe versucht, mehrere Objekte zügig hintereinanderweg zu besuchen. Das ist teilweise eine logistische Herausforderung.

m&m Ist aber bestimmt auch cool?

SB Ja. Das ist mein Lebensinhalt, würde ich sagen. Fotografie interessiert mich in allen Bereichen, aber auch das Fotografieren selbst. Und genauso die Objekte vor Ort, das ganze Umfeld und die Geschichte. Es geht mir nicht nur darum, hinzufahren und ein Foto zu machen. Ja, und dann ist das einfach Spaß und Freude – und Entspannung auch. Also ganz anders, als wohl die meisten Arbeit definieren würden.
 
 

Aktuell (ab 19.2.22) ist die Architekturfografie von Swen unter dem Titel
“Bauhaus Dessau | Fahrzeughallen Kummersdorf, Rehagen, Wünsdorf | Revier: Ruhrgebiet”
in der Neuen Galerie Zossen zu sehen.
 

Himmelstreppe, Halde Rheinelbe, Gelsenkirchen © Swen Bernitz

Wie gefallen euch die Bilder? Das Interview? Lasst uns diskutieren – wir freuen uns über Kommentare!

Aussichtskanzel, Halde Pluto-Wilhelm, Herne Wanne-Eickel © Swen Bernitz

Impuls, Halde Großes Holz, Bergkamen © Swen Bernitz