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Buchkritik: Wild, wertvoll – Wald

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© Markus Mauthe

Wie fängt und lenkt man das Interesse auf den Wald? Wie bringt man Menschen von Vorstellungen ab wie, „Wächst der nicht von selbst?“ oder „Ach, der ist doch eh kaputt.“ Wie bringt man sie stattdessen dahin, zu sagen „Wald muss sein“? Das Buch „Europas wilde Wälder“, im Auftrag von Greenpeace entstanden, ist ein Waldliebhaber-Augenfängerbuch. Ein Bildplädoyer pro Wald. Vor 30 Jahren setzten Umweltschützer auf Mahnung. Brachten Schilderungen und Fotos möglicher, möglichst schlimmer Konsequenzen, um Leute aufzurütteln. Waldromantik ist etwas genauso Urdeutsches wie Waldsterben – ein manisch-depressiver Umgang mit diesem Lebensraum. Vielleicht setzen deswegen neue Bücher wie das von Mauthe und Hennigsen oder Filme wie Deep Blue, die sich für die Natur einsetzen, auf das Antippen der Sinne. Nicht auf Botschaften oder Belehrung, sondern auf schöne Bilder.

Zweieinhalb Jahre lang bereiste Fotograf Markus Mauthe, mit dem beneidenswerten Auftrag von Greenpeace in der Tasche, fünfzehn europäische Länder. Von den nördlichen LÄndern wie Schweden, und Norwegen üb die östlichen wie Polen und russland durch mitteleuropäische Waldgebiete in Belgien, Deutschland oder der Schweiz rüber in östliche Forste von Rumänien oder Slowenien und runter in den Süden nach Italien und Spanien, wo es tatsächlich noch urige Inselbergwälder gibt. Saß, hockte, lag und lauerte überall dort, wo Wisente durch den Schnee liefen, Laub rieselte und Pilze wachsen. Durch dieses Buch erfährt man von vielen besonderen europäischen Schönheiten. Etwa vom „blauen Wald“ in Belgien – in jedem Frühjahr bedecken dort den Waldboden Tausende von blaublühenden Hasenglöckchen –, oder dass im Schwarzwald alljährlich Millionen von Bergfinken Station machen – und einen Heidenlärm veranstalten. Der Leser erfährt auch ein wenig über die Mühen der Natur- und Tierfotografie, etwa wie sich Markus Mauthe im polnisch-weißrussischen Nationalpark den seltenen Wisenten mit einem Tarnzelt vorsichtig und möglichst bewegungslos näherte, um sie auf ein Foto bannen zu können.

Es sind fast zu viele Bilder und das Grün hätte der Layoutverantwortliche gern etwas weniger greenpeace-quietschgrün gestalten können – aber das ist Geschmackssache: es ist ein schönes Buch. Wer es fast durchgeblättert hat, findet am Ende noch ein paar Fakten. Zahlen und Informationen. Dazu, dass Waldzerstörung mit der Beförderung von Klimazerstörung einhergeht, dass Greenpeace wichtige Aktionen zum Schutz des Waldes macht, dass es „unbelehrbare Regierungen“, wie die hessische gibt, die sich jahrzehntelang gegen den ausdrücklichen Schutz des Kellerwaldes zur Wehr gesetzt hat, der jetzt endlich zum Naturpark erklärt wurde. Es ist im übrigen auch die Regierung – das steht nicht im Buch – die wegen des Flughafenausbauprojekts kurzerhand den an sich allerhöchsten Schutz eines Waldes, das Label Bannwald zu Gunsten des Flughafens kassierte und einen Wald roden ließ, der zusätzlichen Europäischen Schutz als Flora- und Faunahabitat genoss.

Interessant ist schließlich und ganz nebenbei der Seitenblick auf ein Buch, das vor 30 Jahren mit demselben Anspruch und Hintergrund bei Kindler erschienen ist: „Rettet den Wald“, herausgegeben von Horst Stern, der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald und dem BUND. „Ein Lese- und Lehrbuch“ gegen das Waldsterben. Mit einer Vielzahl von Grafiken, Zeichnungen, Zahlen. Auch wenn die Statistiken veraltet sind: Man kann aus diesem Buch noch heute viel über romantisch-falsche Vorstellungen vom Wald, über seine tatsächlichen Funktionen sowie seine ökologische und ökonomische Geschichte lernen. Aber: wer würde das heute lesen wollen, wer würde es kaufen? Europas Wilde Wälder ist die moderne Ausgabe.

Markus Mauthe (Fotografien), Thomas Hennigsen (Text): Europas wilde Wälder.
Knesebeck Verlag, München 2011. 192 S., 220 farbige Abbildungen, 39,95 Euro.

Markus Mauthe (Fotografien), Thomas Hennigsen (Text): Europas wilde Wälder.
Knesebeck Verlag, München 2011. 192 S., 220 farbige Abbildungen, 39,95 Euro.

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