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Endspurt: Lebensräume – Flugrouten

9. August 2012 von Sylvia | Keine Kommentare


 

Noch einen Monat läuft unsere Ausstellung in Offenbach. Ein paar Bilder und Texte daraus haben wir schon vorgestellt unter Entrée… – hier die Fortsetzung zum Reinschnuppern:


"Es ist"

Waldsee

Nimm die Birkenroute,
lies ruhig ihre Schriftrollen,
summ das codierte Lied der zarten Betula.
Folge dem Uferweg.
Hände und Füße im Waldfell
Kopf in den Wolken.
Tag um Tag.
Mit Mal wirst du die Glasschnüre sehn
im Frühlicht des Jahrs,
drin Hunderte schwarzer Samtperlen,
unterm Bernsteinblick der Eltern eingewirkt.
Eine jede ein pulsendes Wunder.
Ein Leben.

Es ist
nicht mehr da,
das unschuldige Aufwachsen
in grünen Kinderzimmern.
Und auch die Kinder nicht.
Aber dies Sehnen,
Verlangen nach
flirrendem Blattgold,
das Ruhe ins Aug fächelt.
Dem Lichterspiel winzigster Zellen,
dem Rauschen –
Wasser und Photonenströme,
dem Gurren der Frösche tief und
nicht von dieser Welt.
Finde die Feder.



 

Stehn bleiben

Warten.
Welche Farbe hat die Zeit?

Loslassen.
Denn: „es kommt natürlich vor,
dass man wirklich sprachlos ist.“
Pina.

Sie kämpfte, dass ein Ahnen beginne
ein Tanzen im Kopf.
Half den Nadelkissen im Hirn
zu singen, den Füßen zu malen,
schwerelos.

Aus Blau werde Licht
blitze der Wasserhimmel
in Tropfen.
Wirf, wirf die Kugeln ins
Schneckenohr, lass sie kollern
durch alle Windungen rennen,
bis weißes Gleißen
die Neuronnetze flutet.
Lachenden
Munds.


ausstellung lebensräume – flugrouten: 3.6. – 8.9.12
stadtkirche offenbach, herrnstraße 44
mo – fr 12-18 uhr, sa 11-13 uhr

 

Entrée: Lebensräume – Flugrouten

5. Juli 2012 von Sylvia | 1 Kommentar


 

Noch nicht da gewesen?
Hier ein paar Bilder und Texte unserer Ausstellung:

Früh

Zum See. Frühmorgens,
wenn die Stadt noch schmale Augen hat.

Die Ufer gesäumt
von Suchenden.
Die am Wasser sitzen,
Gedanken schwimmen
lassen,
austreiben, auswuchern,
passen.

Ich wusste doch nicht,
dass Städte sich verkleiden,
sie drauf angewiesen sind,
ihre Plätze tauschen manchmal und
sich wild und heimlich ausschütten vor Lachen.
Dass es so einfach wäre,
Du zu sagen.

Doch die Schwäne.
Heben sich und
tragen mich fort.
 

Unterm Rad

Wie es formt,
das tägliche Schaffen von Zukunft!
Den Stein ein wenig
weiter schieben dürfen.
So ein Glück,
ihn herabrumpeln zu sehn.
Sich einspieln, hochziehn –
immer rasanter hinab, geschickter die Züge hinauf.
Kette und Schuss,
40 mal 45 –

zähl nach.
Die Welt ein Lachen im Kompass,
bis die Nadel springt.
In einer Sekunde nur
alles gewendet, gestoppt,
auf Null.

 

Nachtflug

Ein Leuchten
im Lidschlag
des Monds
eine Lichtspange rafft
All und Rinne des Zufall.

Ein Aufglühn:
Verheißung, Gral, Sirius’ Sehnen.
Gebannt von undeutbaren Zeichen,
gebrannt vom Atem
der Hoffnung.
 

Raus
aus dem Pulsen der Stadt,
dem Wuseln, Wispern, dem Weiterweiter –
aus.

Rein. Einhalt, Einfalt
in Helios’ Blumenspiegel
bin ich leicht.
Dicht gepackt
zwischen den Blütenschnuten
summt die Timeline:
Parallelpendel,
Bienenbilder,
Falterfliegen,
Wespenmasken.

Im Blick der Wendesonne
wachsen mir gelbe Zünglein,
sprießen mir grüne Locken heiterkühl
und silbernes Stromhaar.
Im Herzen des Sommerfelds
bin ich
ich.

wird fortgesetzt (hier: Endspurt).

ausstellung lebensräume – flugrouten: 3.6. – 8.9.12
stadtkirche offenbach, herrnstraße 44
mo – fr 12-18 uhr, sa 11-13 uhr

 

Ausstellung: Lebensräume – Flugrouten

15. Mai 2012 von Sylvia | Keine Kommentare


 

Eva strickt, läuft, redet gegen den Lärmteppich über Offenbach – und sie liebt, Zeichen zu setzen – Eva Reiß, Chefin der Evangelischen Kirche in Offenbach. Am liebsten sind ihr bekennende Zeichen mit Witz und Aussage und, ja, sie liest dieses Blog. Und weil es bei ihr gezündet hat – Ausstellungen sind Kinder von Begegnungen – zeigt sich die Offenbacher Stadtkirche in diesem Sommer mit unserem Blick auf Rhein-Main. Es ist ja hier ein bisschen wie im Ruhrpott: im Ballungsraum, denken viele, gibt’s eh keine intakte Natur, keine Ruhe mehr. Stimmt nicht. Frankfurt ist eine kleine, eine ländliche Großstadt. Eine Finanzmetropole mit feinen Kräuter- und Blumengärten zu Füßen. Und auch Offenbach, gern abgezoffte, kleine, kreative Stadtschwester, träumt sommers wie winters gern am Main. Wir haben alles! Museen, Erdbeeren, Apfelwickler, Häfen, Kulturheidelbeeren, Konzerte und Spargel, Pharmariesen, Global Youth Village, Filmfestivals und Zecken. Multikulti in jedweder Hinsicht und mit jedweder Verkehrsanbindung zu Wasser zu Lande und – in der Luft. Schwäne überfliegen Wasserstraßen, Kraniche trompeten über uns hinweg. Am lautesten, stetigsten und zahlreichsten im Luftraum aber sind First-Class-, Fracht- und Ferienflieger.

Unsere Ausstellung hat deswegen gleich zwei Fenster zur Einsicht: Eines öffnet die Flügel für Naturschönheiten des Rhein-Main-Lands, gibt Ausblicke auf regionale Lebensräume – das zweite zeigt, wie wichtig den Bewohnern das Bewahren dieser Schätze ist, so wichtig, dass sie seit Jahrzehnten für Lebensqualität und Ruhe auf die Straße gehen.

Unser Plakat: made by Kück*

Die Bilderroute in der Kirche beginnt (in schwarz-weiß, um klarer zu sehen) mit einem der ältesten Bilder aus dem heiß umkämpften Wald, der später für die Startbahn-West fiel. Der Augenblick zurück fällt auf die Hüttenkirche, die 1980 errichtet wurde und hier die Offenbacher Stadtkirche als kleine Schwester aus jüngerer Vergangenheit grüßt. Es folgen Bilder des Protests – von vor zehn Jahren, von heute -, der sich nach wie vor gegen die Rodung von Stille und Lebenskraft richtet, und gegen permanenten Ausbau von Fluglärm.

Natürlich wissen die Rhein-Mainer, welche Vorteile ihnen der Ballungsraum bringt: Arbeit, Schule, Einkauf, Freizeitgestaltung – alles im Drehkreuz von Interesse, Nachfrage, Bedarf. Alles gut erreichbar. Bebauung, Verkehr und menschengemachter Lärm gehören also dazu, sind also zu ertragen. Damit das aber gelingt, fordern Menschen aus Groß-Gerau, Eppstein, Offenbach, muss die andere Waagschale mit einer Auszeit von alledem bestückt werden, muss den Ausgleich wahren und die Grenzen stecken.

Und jetzt zum zweiten Arm, Bein oder Auge der Region: der Stille. Vielfältig auch sie. Dieser Teil der Bilderserie zeugt von der Kraft der Ruhepole mitten im Finanzsturm.  Wir wissen wo es sie gibt. Und hier ein kleiner Dank an unsere Plakatmacher *Karin und Wolfgang, die sicheren Auges mit uns die Auswahl zum Meditativen hin gesiebt haben – Ausstellungen sind Kinder von Begegnungen. So also könnte es sein: Innehalten vorm gesponnenen Wagenrad, gebannt vom Glitzern – in den Harztropfen frisch geschlagener Bäume – dem Herzschlag der Zeit folgen. Zeit, die die junge Sonnenblume braucht, Blatt für Blatt ihr Innerstes freizulegen, ihr klares Gesicht zu zeigen. Jede Pore eine Blüte, ein Samenkorn der Zukunft.

Gar nicht so selten kreuzen sich die Wege von Mensch und Tier. Ein Glück, denn der Blick eines Hirschen macht unverwundbar für einen Tag. Wer seine Sinne frisch hält, begegnet solchen Lebensträumen überall in der „Metropolregion“, die sich von Offenbach, Frankfurt, Aschaffenburg und Darmstadt um die Bergstraße nach Wiesbaden bis über den Hochtaunuskreis hoch zur Fulda zieht. Feldfurche und Hochhaus liegen oft nur Schwanenschwingenschwünge auseinander.

Weil das witzig, netzig Gedankenwendige ein Prinzip der Weiterentwicklung ist, sorgen wir vor der Ausstellungseröffnung für eine fadenziehende Aktion, setzen mit einem Strick-In ein Zeichen gegen den Fluglärm. Bestrickt wird ein symbolischer Deckel, der zumindest an diesem Tag und an der Offenbacher Stadtkirche der Zahl der Flugbewegungen eine Grenze setzt. Und weil sich in der Stadt auch oft die Wege der Menschen kreuzen, konnten wir Terry Keegan einladen, den Straßenmusiker und Conga-Trommler, der auch hier im Blog schon Bilder getaktet hat…

Angenetzt? Zeigts uns: am dritten Juni um drei.

ausstellung lebensräume – flugrouten: 3.6. – 8.9.12
vernissage: 3.6. 16 uhr 30
stadtkirche offenbach, herrnstraße 44
mo – fr 12-18 uhr, sa 11-13 uhr