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Plan C

9. Juni 2020 von Sylvia | Keine Kommentare


 
Lieber kein Treffen, sagt ein Freund ab, wegen Corona. Andere laden uns ein. Im Garten sitzen. Lachen, Trinken, in die Sterne schauen. Über Klopapier reden. 10 Euro das Paket. Einlagig wohlbemerkt. Nee, ne?! Doch! Der neu übernommene Supermarkt an der Ecke. Guter Geschäftsmann, ja? Arschloch. Den Laden werde ich nicht betreten ischwör. Und dann gibts ein Sprachstolperwitz, den, warum auch immer, nur die Frauen witzig finden. Zum Totlachen, Haha! Hach, tat dieser Abend gut.

Irgendwo nördlich, paar 100 Kilometer entfernt, vielleicht zur selben Zeit, ging einer alten Frau die Lebenskraft aus. Was mache ich hier? Mag sie gefragt haben. Warum kommt niemand? Kein Funke am Tag, keiner in der Nacht. Sie aß nichts mehr, trank nicht. Corona-Infektion hatte sie keine. Aber sie starb daran. Kollateralschaden, wird man später sagen. Und lehren, wie man sich umarmen soll: Mit Maske, ohne uns in die Augen zu schauen, und kurz. Am besten die Luft anhalten dabei. Kleine Kinder dürfen uns die Füße küssen, größere werden von hinten umarmt und, wenn‘s denn sein muss, auf den Kopf geküsst. Von oben und, selbstredend, mit Mund-Nasenschutz.


 

Kein Wunder: Der Himmel ist jetzt schon nicht mehr so tiefblau, die Autobahnen nicht mehr so leer. Hey, da war autofrei! Das schafft wohl nur Angst. So viel Stille! Bleib. Genauso. Dachte ich immer. Und trudelte doch selbst durch einen heillosen Wirbel des Abgelöst- und Unverbundenseins. Alle Bisher-Rituale geschreddert. Gemeinsam Einkaufen auf dem Markt, sowas. Auf einmal alles kaputt. Ein Marktstand ist keine Supermarktkasse. Vorher lief das bei uns so – checken, wer schon da ist und gucken, dass man danach dran kommt. Oder gerne früher, wenn der charmante Verkäufer einen partout vorziehen mag… beim Warten schonmal bisschen sondiert oder gleich zugegriffen – hier ein Bund Rote Bete, da drei Zitronen und, Aaah! Wie gut sieht das denn aus? Nehmen wir auch… Danach ganz entspannt nen Kaffee an der Ecke.

Stattdessen eine Atmosphäre wie aufm Ausländeramt. Jeder stand wilden Blickes nach seinen eigenen Abstandsprinzipen, alle subito auf 180, wenn andere, was anders sahen. Die Marktverkäufer rannten noch maskenfrei, dafür voll gehetzt um Waren und Kunden herum. Dann Auftritt einer alten, bleichen Schisserin. Die Händchen in Kondomhandschuhen fest um zwei Walkingstöcke geklammert, ruderte sie sich die Bahn frei. Ihr Blick flämmte alles rechts und links der 1,50-Linie, als ritte sie bereits der Lungenteufel. Ich beiß die Zähne zusammen vor Rundumdruck, bis mir alles schmerzt. Bin raus. Einkaufen also allein. Raus in den Wald nur in der Dämmerung. Sozialer „Kontakt“ nur im Netz. Gleichzeitig schiebe ich meinen letzten Auftrag wie einen Schild vor mir her. Guck, ich hab noch Arbeit… Ich kann grad nicht. Arghh!


 

Schließlich lässt Hessen Lockerungen zu. Was freuen wir uns, als endlich wieder die Cafés aufmachen. Cappuccino! Eiskaffee! Am Main? Ja, wär nett. Aber Platzierungsschlange und Warten? Nee. Eine Ecke weiter hats keine Schlange und Selbstbedienung… O-Kay. Ich geh gucken und seh – nur Pappbecher. Wegwerf-Kaffee? Sorry, Baby. Nicht mit mir. Dann schließlich schachmatt an einem Eiscafé, wo wir sonst gerne hingehn. Ich frage: Kann ich einen Eiskaffee im Glas bekommen? Nein. Das Cafébesitzerpaar schüttelt die Köpfe:“ Da müssten wir uns immer die Hände waschen…“ Nur To-Go-Becher. Ich gebe nach. Aber: Gut wars nicht.

Paar Tage später, neuer Versuch. Auch das Café an der Post hat wieder auf. Mit echtem Geschirr! Supper. Registrieren uns. Kennt man ja schon. Ein Gefühl wie aufm Amt oder beim Arzt… Dann kommt der Kellner, und ich will was Nettes sagen: „Schön, dass ihr wieder da seid!“. Er so: „Hmm. Danke. Aber bald ohne mich, ich hab die Kündigung bekommen.“ Nach Kurzarbeit das Aus. Also, gut war auch das nicht.

Alle hassen es über Corona zu reden, und natürlich reden alle über Corona. Die ersten Magazine haben Maskencover, Journalisten suchen besonders schöne Coronageschichten (hust). Es wird sicher Coronabücher geben – und natürlich gab es die ganze Zeit Ideen, sich dem Virus medial zu stellen. Beispiel Kinderseite der Süddeutschen. Für Homeschooling und Homeoffice geplagte Familien. Bin null die Zielgruppe, zugegeben, aber mir bescherte die Seite Sprachschmerzen: Alles auf Abstand? Wir bleiben dran. Tipps für die neuen Heimkinder. Fürs neue Drinnen und Zwischendrinnen aus der Home-Office-Redaktion. Falls man sich zurzeit nicht eh total gemüsig fühlt. Schick dein irres Monsterjagd-Foto. Schäumen. Bloß nicht den Kopf verlieren. Wer kohlert als Erster über die Ziellinie?


 

Nu is ja die Klopapiernummer tatsächlich schon Anekdote. Irgendwann hatten dann wohl doch alle genug von allem, und stürmten den Wald. Unsern Wald! Man musste Einlasskarten ziehen und dann waren alle fünf Meter Menschen, sogar Familien mit Kindern. Kindern, die sonst gar nicht raus dürfen wegen Schmutz und Dreck und all so Gefahren von Draußenleben. Manche der Kinderlosen im Wald trugen auch Masken und sprangen ins Gebüsch zur Sicherheit, wenn unmaskierte Radfahrer wie unsereins des Weges rollten.

Klein, groß, beherzt oder angstwuschig: Sie kamen und blieben. Lagen auf der Försterwiese, saßen nachts auf Bänken und Brücken, aßen Pizza, soffen Flasche leer, pissten Wald voll, machten dies und das. Müll says it all. Wald wurde öffentlicher Raum. Kinder lernten Radfahren, Seebrücke-Leute hängten Transparente auf und schufen einen Parcours mit so vielen Schritten, wie Menschen im griechischen Auffanglager feststeckten. Erinnerten, dass dort Zuhausebleiben nicht möglich ist: „You can’t stay home, when you have no home“. Das Stofftransparent hatten Baumkletterer weit oben und nachhaltig mit Schnur befestigt. Tags drauf wars weg, Parcoursschilder kaputtgeschlagen. Die Nehmt-gefälligst-euren-Müll-wieder-mit-Schilder dagegen, die aussahen, als hätten saubere Mütter sie aufgehängt, blieben unangetastet. So wie die AfD-Plakate bei Wahlen. Jeder Tag Wäldchestag. Das Damwild irritiert. Aber gut. Oder, wie Nuhr sagen würde „ist ja auch egal“.


 

Ich sag: 300 Schaden. So viel Verunsicherung statt Selbstverantwortung. So viel Erregung. Und das Level ist zwischen Lock-Down und Lockerung nicht gesunken, im Gegenteil. Man braucht nur jemanden schräg anschauen, schon geht‘s ab: WAS?? Is was? Je mehr Maske, desto weniger Hemmung. Heffheff! In der Bahn schlägt eine mit der Hand an die Wand, als sie gebeten wird, ne Maske aufzusetzen. Sie keift: „Is ja wie in der DDR hier. Ich hab in den 60ern für die Freiheit gekämpft, der Benno ist dafür gestorben – und jetzt?!“

Ob Urlaub hilft? Alle Ferienhäuser Deutschlands ausgebucht. Sogar Land auf dem Land wird gekauft. Und die Maßnahmen kommen nicht mehr so gut, auch nicht bei Nicht-Impfgegnern. Gut jetzt, ja? Zum Glück werden aber auch neue Wege gefunden und auf einmal tiefergehende Gespräche geführt, im Treppenhaus, Im Stoffgeschäft, mitten im Wald… Dabei sehe ich kein Abgrenzen, keine Angst, keinen Rassismus und keine Hilflosigkeit, die nicht vorher schon da waren. Nur sichtbarer jetzt. Bei Freund und Feind. Zeit für Ideen, Leute. Klartext, Zukunft. Let`s go.


 
 
 

Corona Gardens

29. März 2020 von Sylvia | Keine Kommentare


 

Fotos by Pat Meise, Time-out by Nature. Der größte Parkplatz in Town war mal Bannwald.


 

Ich bin

eine Pariser Vorstadt
eine Algenfahne
ein eingerolltes Blatt
ein blaues Tuch
ein leeres Buch
ein verbeultes Auto
ein heißer Kanaldeckel in Ploumanac’h
aber nie, nie
ein Flugzeug über dem Wald


 
 
 

Solidarität

24. März 2020 von Pat | Keine Kommentare


 
Komme gerade vom Markt. Beim Wurststand erzählt ein alter Mann der Verkäuferin, was im Frankfurter Stadtteil Eschersheim abgeht: Drei Jungs haben da Klopapier für 2 Euro die Rolle verkauft. Die Polizei hat sie festgenommen.
 
 
 

So blau

24. März 2020 von Sylvia | Keine Kommentare


 
Gesperrt, ausverkauft, abgesagt. Das Beste daran: Es ist still. Flugplan aus der Zeit, als ich Kind war und das Rauschen am Himmel beruhigend. Ich erinnere es als tiefes, fast angenehmes Sommerbrummen. Zuletzt gab es dieses Gefühl, als dieser unaussprechliche Isländer Asche spuckte. Wir lagen am Flussstrand – und sahen einen surrealen Film: keine Kondensstreifen am Himmel. Auch kein minütlich nervenzerrendes Dröhnen, zu dem sich das Brummen heute ausgewachsen hat. Nicht mal Schiffe und deren Bugwellen. Ungewohnte Abwesenheit gewohnten, menschlichen Lärms.

Wie in meinem Kopf. Zwar gibt es natürlich das Nachrichtenrauschen: Infektions- und Todesraten statt Bundesligatabelle. Ausgangsbeschränkung, Grenzschließung, Besuchsverbot… Doch aus der Mitte dieses Tinnitus-Shitstorms starrt gespenstisches Nichts. Und zieht Bürgerrechte aus uns und Kraft. Ich muss trotzdem raus. Was mich sofort auf Corona-Modus dreht. Distanz halten – und wer einem auf die Pelle rückt, unerträglich finden. „Bitte halten Sie Abstand, mein Herr“, ermahnt einer der neu eingestellten Abstandshalter im Supermarkt. Danke. Das war gestern. Der erste Laden, in dem ich – ja – nach Klopapier suchte. Wir haben nämlich nicht den Keller voller Rollen. Die Versorgungslage ist super, sagt die Politik, gibt kein Logistikproblem, wird alles aufgefüllt. Nada, nix, nein. Wird nicht. Seit einer Woche versuche ich Mehl, Klopapier und Hefe zu kaufen. Jetzt hängen überall Zettel, dass an eine Person nur je ein Kilo Mehl und ein Paket Toilettenpapier abgegeben wird. Aber, aberaber… Haben die modernen Großfamilien alle ihre Angehörigen geschickt? Oder sich in ihrer Familienkutsche gleich umgezogen und sind 10mal hintereinander in den Laden spaziert? Ich war gestern bei Hit, Rewe, 2 DMs, Alnatura und Nahkauf und sah nur leere Regale dort, wo sich sonst Klopapier stapelt. OMG. Also Süßigkeiten. Und mein zweites Buch to-Go: Margaret Atwoods Gedichtband „Die Tür“.

Auch das was Neues. Buchläden mussten ja schließen. Auch unser Meichsner&Dennerlein natürlich. Sind trotzdem da. Weil Bücher existenziell sind. Und machen alles korrekt: Publikumsverkehr gibs nich. Aber man kann per Anruf oder Email bestellen, und das Gewünschte dann an der Tür abholen. Als Pat mir das erzählt, greife ich sofort zum Telefon: Einmal Margaret Atwood bitte, Tipps für die Wildnis. Beim Abholen frage ich, ob sie auch Gedichte von ihr haben? Hm. Hanns Dennerlein verschwindet im Laden. Und findet raus: Original erschien es 2007, deutsch im Berlin Verlag 2014 und 2016. Nicht da. Und nicht bestellbar, weil vergriffen. Aber vielleicht bei einem Kollegen? Er besorgt es schließlich vom Antiquariat Rüger gegenüber. Zweisprachig auch noch – so cool!

In letzter Zeit sind nur Dichterinnen unserer Lyrikbib zugewachsen. Hilde Domin war eine Entdeckung für mich. Bei einer Lesung – sie las alles zweimal. Mit diesem Osterlächeln… Auch Nora Gomringer musste ich erst live erleben, bevor sie bei uns einzog. Und zuletzt die beiden Bände „Der Koloss“ von Sylvia Plath und „Ich, selbst auch ich tanze“ von Hannah Arendt. Beide Autorinnen haben in ihrem Leben überhaupt nur einen Gedichtband veröffentlicht. Aber, was für welche… Von Sylvia Plaths Gedichten habe ich durch den Blog eines Neurologen erfahren, von Hannah Arendts durch Online-Recherche in ihrer Bibliographie.

Ich halte den zweiten Gedichtband von Margaret Atwood in der Hand. Den ersten gibt es wohl wirklich nicht mehr. Er war (wie bei Sylvia Plath) ihr erstes Buch: The Circle. Sie erhielt dafür die erste ihrer vielen Auszeichnungen. Ein Filmportrait auf Arte brachte mich letzte Woche wieder auf ihre Spur. Absolut coronafrei und deswegen so belebend. Dieses spitzbübische Lächeln. Diese innere Stärke. Diese vielschichtige Wortmacht. Mit ihrer bescheidenen Grandezza hat mich diese 80-Jährige völlig bezaubert… Geblieben sind auch die Bilder von ihr und ihrem Mann Graeme Gibson. Ein sich Kraft gebendes, starkes Paar. Ich lasse das Buch auffallen, das noch ungelesen ist:

Bear Lament – Lamento eines Bären

You once believed if you could only
crawl inside a bear, its fat and fur,
lick with its stubby tongue, take on
its ancient shape, its big paw
big paw big paw big paw
heavy footed plod that keeps
the worldwide earthwork solid, this would
save you in a crisis. Let you enter
in its cold wise ice bear secret
house, as in old stories. In a
desperate pinch.
That would share
its furry winter dreamtime, insulate
you anyway from all the sharp end lethal
shrapnel in the air, and then the other million
cuts and words and fumes
and viruses and blades. But no,
not any more. I saw a bear last year,
against the sky, a white one,

rearing up with something of its former
heft. But it was thin as ribs
and growing thinner. Sniffing the brand-new
absences of rightful food
it tasted as ripped-out barren space
erasing of meaning. So scant,

comfort there.
Oh bear, what now?
And will the ground
still hold? And how
much longer?

Oh Bär, was nun? Oh, Leute! Lest Gedichte, nicht Klopapier. Wenn ihr schon alle in den Wald geht, was zumindest Deutsche wohl seit je tun, wenn wir unsere Ruhe haben wollen. Oder wenn uns die Welt auf den Kopf fällt. Mit dem Flugplan von 1955 ist es wunderbar ruhig dort. (Immerhin ein Beitrag zum Klimaschutz). Wenn ihr wieder heimkommt, prüft die Macht der Worte. Von Politikern nie, von Philosophinnen nicht unbedingt, aber von Dichtern erwarte ich Wahrheit. Oh, rettendes Hirnfutter unterm Himmel. So blau.