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Das Buch: Vom Schlafen und Verschwinden

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Zeichen, Zettelsammlungen, ein flaches Z in der Luft – die ersten zwölf Seiten sind geheimnisvoll und verwunschen. Wie zufällig hingeworfener Sand, eine Häufung von Andeutungen und Worten, deren Inhalt man erst später richtig verstehen wird. „Alles ist voller Zeichen“ – lautet der erste Satz, es endet damit, dass alle Zeichen verschwinden. Dazwischen entfaltet und verwebt die Autorin die Geschichte zweier Frauen, Ellen und Marthe. Sie erzählt von Schlaf- und Rastlosigkeit, von Erinnern und Vergessen, und von vielfältigen Variationen, sich zu entziehen. Die Hauptprotagonistin und Icherzählerin ist Dr. Ellen Feld. Allein erziehende Mutter und Schlafforscherin. In einer einzigen, 280-seitigen, schlaflosen Nacht reflektiert diese ihr Leben. Wie sie sich in .. der Vorhölle des Todes? des Verschwindens? auf jeden Fall .. zermürbender Schlaflosigkeit wälzt – das ist der Rahmen.

Währenddessen trinkt sie ab und an Wasser, betrachtet die schlafende Tochter, spürt die Vibrationen der Hamburger Untergrundbahn, registriert das Fortschreiten der Zeit über die Stadtgeräusche sowie die Schattenlamellen der Jalousie, kommt immer wieder darauf zurück, dass sie unbedingt ihr Buch über die Schlaflosigkeit beenden muss – spinnt die Längs- und Querfäden der Handlung – und taucht ab in ihre Lebensgeschichte. Die klebrigen Fangfäden in diesem Netz kommen von der zweiten Ich-Erzählerin Marthe. Eine Rächerin im grauen Mauspelz oder Reiherkleid. Keiner scheint sie zu kennen und doch ist sie als dramatisches Mitglied eines Chors mit allen verknüpft.

Hagena schreibt mit viel Einfühlsamkeit, aber ohne Rücksicht. Die Menschen bei ihr reagieren nach eigenem Gutdünken – also inkorrekt wie im richtigen Leben, nur unverschämter, unverstellt. Und doch auch poetischer. Als Ellen zum ersten Mal schwanger wird, will der Vater, dass sie abtreibt und ist plötzlich verschwunden. Sie ist empört, es soll doch nicht sein, als sei nichts gewesen. Erst will sie sich ertränken, doch sie schwimmt zu gut – außerdem wacht ein irdisch-männlicher Schutzengel. Andreas, der auf sie wartet und doch nur einmal geküsst wird. Als sie von einem anderen Mann wieder schwanger wird, will dieser Vater das Kind, aber sie niemals mehr eine Schwangerschaft. Nie mehr in einer „Unterwasserwelt leben, aus der man jahrelang nicht wieder auftauchen kann“. Die Beziehung zerbricht. Natürlich nicht nur daran.

Viele Frauengeschichten, aber keine Frauenrührseligkeit. Es geht es um Männer und Frauen (was sonst), Liebe, verpasste Chancen, um Lust, Schmerz und Tod. Szenen schließen oft wie mit einer Klappe: „Ich kam sofort.“ oder „Komm oder komm nie mehr. Dann eben nie mehr.“ Die Erzählung wird aus diversen Strängen gedreht. Kreuzungen und Übergänge verschmelzen, sind leichtfingrig angesetzt. Zum Ausruhen sind die Besuche am Bett der demenzkranken Mutter, das Warten auf ihren Tod. Als blitzende Hingucker oder Ablenker dienen Wortspielereien sowie mythische Einsprengsel von Schwänen, Spinnen oder Reihern.

Ein durch das ganze Buch laufender Faden ist das Jetzt von Ellen. Allein, zuhaus, im Bett. Sie wartet. Erst auf den Schlaf, damit sie anderntags endlich ihr Buch über die Schlaflosigkeit beenden kann, dann auf den Morgen, um sich selbst oder vielleicht Andreas wieder zu finden. Ein weiteres, mehrfädiges Band sind ihre Rückblenden. Auf die Jugend, ihre Zeit in Irland, wo die Tochter aufwächst, und dann die Rückkehr in das Geburtsdorf.

Parallel läuft das tagebuchartige Protokoll der Chortreffen, aufgezeichnet durch Marthe. Den Chor hat Ellens Vater gegründet, um seine todkranke Frau aus dem Koma herauszusingen. Marthes Chorkladde ist purer Dramen-Subtext, sie selbst Schmerzensmutter eines verschwundenen Sohns – dem Vater von Ellens Tochter –, eine harmlos auftretende Undercover-Agentin mit rachsüchtigem Herz und zugleich die Großmutter einer anderen Chorsängerin ohne es zu wissen. Diese Anti-Protagonistin liefert wie bei einem Western den sirrenden Spannungston im Off. Sie ist – wie Tabucchi sagt – das Gewehr, das an der Wand hängt, ein Zeitzünder, man wartet immer darauf, dass sie schießt.

Ganz nebenbei lernt man im Buch zwei Lieder des Komponisten John Dowland kennen (15. Jhdt.) „Come heavy Sleep“ und „Fine Knacks for Ladies“ (Knacks = Kniffe). Außerdem Grundlegendes über Frösche, oder wie man Algenfrüchte als Hausmittel gegen Seitenstechen, Spinnweben gegen Nasenbluten oder Papiertüten gegen Hyperventilieren nutzen kann.

Schön auch die Zeitstudien der 60er, etwa wie man „Schläuche mit Tunnelzug“ benutzte, um sich darunter fürs Baden umzuziehen. Oder wie man Schichtkuchen backt. Neben anderen sind diese Szenen zum Losgackern komisch beschrieben. Auch in ihrem ersten Roman Der Geschmack von Apfelkernen hat Katharina Hagena mich mit dem Tempo und Furor solcher Alltagsskizzen vom Stuhl gekickt. Ich hab das Apfelkern-Buch schon dreimal gelesen und es hat mich jedes Mal erwischt, sobald Iris, die Hauptfigur dieser Geschichte, angetan mit dem Ballkleid ihrer Großmutter, deren Haus sie gerade geerbt hat, mit dem Fahrrad in ein Tüllnetz stürzt, einen Eimer Farbe am Lenker…

Es war für mich einer der erste Romane, in denen ich auch von Demenz las. Katharina Hagena beschreibt das Schwere und Unfassbare, das Auflösen und Verschwinden der großmütterlichen Orientierung mit leichtem Alltagston. So, wie man es als Familie eben hinnehmen und damit leben muss. Es gipfelt in diesem Fall im Endlosstricken unförmiger Gebilde, zu nichts Nutze. Die Tochter kann sich vom bedrückenden Demenzgestrick erst posthum befreien, indem sie es bei der Beerdigung aus einer Tasche auf den Sarg leert. Im neuen Reiher-Buch ist es wieder eine Großmutter, die an Demenz erkrankt und ihre Tochter Ellen, strickt am Krankenbett. „Trauersocken, Tränensäcke“ steht da und dass sie geradezu euphorisch ihren Tod erwartet. Dass solche Gefühle ausgeschrieben werden, macht sie real, bringt zum Nachdenken.

Das Marthe-Gewehr, wird übrigens zugehalten oder vielmehr ausgeschüttet. Aber wohl nur, weil die Tode von Anfang an gezählt waren. Vielleicht schützt auch ein keltisches Knoten-Tattoo? Nein, mehr verrate ich nicht. Es ist ein traumtiefes, ein klares – ein schönes Buch.

 

Katharina Hagena: Vom Schlafen und Verschwinden
283 Seiten, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012.

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