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La Guerre

15. März 2022 von Pat | 1 Kommentar

“Der Anblick, den Europa heute bietet, ist sehr traurig, aber auch sehr lehrreich. Auf einer Seite ein Kommen und Gehen von Diplomaten und Höflingen, welches jedesmal, daß die Luft anfängt, nach Pulver zu riechen, augenfällig zunimmt. Man knüpft und löst Bündnisse; man schachert und verkauft das menschliche Vieh, um sich Verbündete zu sichern. „Soviel Millionen Köpfe, welche unser Herrscherhaus dem eurigen überläßt; soviel Hektar Land, um sie darauf zu weiden, diese Häfen, um ihre Wolle zu exportieren!“ Und es handelt sich darum, wer in diesem Geschäft den anderen besser betrügen kann. Das nennt man in der Sprache der Politik: ‘Diplomatie’.

Andernteils Kriegsrüstungen ohne Ende. Jeder Tag bringt uns neue Erfindungen, um unsere Nächsten besser ausrotten zu können, neue Ausgaben, neue Anleihen, neue Steuern. Patriotismus zu schreien, in Chauvinismus zu machen, den Hass zwischen den Völkern anfachen, wird in der Politik und im Journalismus zum einträglichsten Geschäft. Sogar die Kindheit wird nicht verschont; man reiht die kleinen Buben in Bataillone ein, man erzieht sie im Hass gegen den Fremden, man dressiert sie zum blinden Gehorsam jenen gegenüber, die gerade die Regierung in Händen haben – einerlei, welcher Partei dieselben angehören. Und wenn diese Kinder aufwachsen und einundzwanzig Jahre erreicht haben, wird man sie wie Maultiere mit Patronen, Proviant und Werkzeugen beladen, man wird ihnen ein Gewehr in die Hand geben, und man wird sie lehren, nach dem Klang der Trompete zu marschieren und – wenn es ihnen von vorgesetzten Militärpersonen befohlen wird – sich gegenseitig wie wilde Tiere umzubringen, ohne sich je zu fragen: Warum? Zu welchem Zweck? Ob sie den Armeen einer fremden Nation gegenüberstehen, oder gar ihren eigenen Brüdern, die durch das Elend zur Empörung getrieben werden – einerlei, die Trompete ruft, sie müssen gehorchen!

Dies ist es, worauf all die Weisheit unserer Regierenden und Erzieher hinausläuft! Dies ist das einzige Ideal, das sie uns geben konnten, und dies in einer Zeit, wo die Ausgebeuteten aller Länder es immer mehr als höchste Lebenspflicht erkennen, daß sie sich über die Grenzen hinweg die Hände reichen sollten!

„Ah! Ihr habt den Sozialismus nicht gewollt? Also gut, ihr werdet den Krieg haben – den dreißigjährigen, den fünfzigjährigen Krieg!“ sagte Alexander Herzen nach 1848. Und wir haben ihn; wenn der Kanonendonner für einen Augenblick aufhört, so ist es nur, um Atem zu holen, und anderswo mit neuer Kraft wieder anzufangen, während der europäische Krieg – das allgemeine Handgemenge der Völker – seit Jahrzehnten droht, ohne daß man weiß, wofür man kämpfen wird, mit wem, gegen wen, im Namen von was für Prinzipien, in wessen Interesse?

In früheren Zeiten, wenn es einen Krieg gab, wusste man wenigstens, wofür man sich hinschlachten ließ. – ‘Dieser König hat unseren König beleidigt – also bringen wir seine Untertanen um!’ ‘Dieser Herrscher will dem unseren seine Provinzen wegnehmen? – Sterben wir also, um seiner Allerchristlichen Majestät dieselbe zu erhalten!’ Man schlug sich wegen der Rivalität der Herrscher. Das war dumm, und die Könige konnten deshalb für einen solchen Zweck nur ein paar tausend Menschen anwerben. Aber was zum Teufel ist die Ursache, dass heute ganze Völker bereit sind, sich aufeinander zu stürzen?

Die Könige haben in den Fragen des Krieges nichts mehr zu sagen. Sie werden alle Impertinenzen und Beleidigungen der Nachbarherrscher und -völker ruhig einstecken, solange die Bankiers und Fabrikanten ihrer Länder – diese nennt man heute ‚Patrioten‘ – ihnen nicht den Befehl geben, ihre Armeen in Bewegung zu setzen. In Russland wie in England, in Deutschland wie in Frankreich schlägt man sich nicht mehr für die Launen der Herrscher; man schlägt sich für die Erhaltung der Einkommen und der Vergrößerung des Reichtums der allermächtigsten Herrschaften.” …

 

Dies ist ein Aussschnitt aus „Der Krieg“, der Text wurde von der Anarchistischen Bibliothek archiviert. Er wurde entnommen aus Peter Kropotkin – Worte eines Rebellen (rowohlt 1972. S.52-57). Der Text erschien unter dem französischen Titel „La Guerre“ in der Originalausgabe Kropotkin, Petr A.: Paroles d’un révolté bereits 1885. Die Übersetzung aus dem Französischen stammt von Pierre Ramus (Rudolf Großmann), einem österreichischen Aktivisten und Theoretiker des Anarchismus und Pazifismus. Neue Debatte hat den Beitrag unbearbeitet übernommen, um durch den Blick auf die Vergangenheit eine umfassende und kritische Diskussion über die Ereignisse der Gegenwart zu ermöglichen.

Dank an Harry für den Text.

Es ist an der Zeit – Hannes Wader & Konstantin Wecker & Reinhard Mey – Live 2014

Im Frankfurter Osten, 1987

9. März 2022 von Pat | Keine Kommentare

Auf die Bühne kommt der erste. Er singt.
Auf die Bühne kommt der zweite und ermordet den ersten.
Er singt.
Auf die Bühne kommt der dritte und ermordet den zweiten
der den ersten ermordet. Er singt.
Auf die Bühne kommt der erste und ermordet den dritten
der den ersten ermordet der ihn selbst ermordet.
Er singt.
Auf die Bühne kommt der zweite und ermordet den ersten
der den dritten ermordet der ihn selbst ermordet
der den ersten ermordet. Er singt

Milan Napravnik

 

Demo gegen den Krieg: Sonntag, 12 Uhr, Opernplatz Frankfurt
 
 
 

Vom Seufzen der Leerräume

18. November 2021 von Sylvia | Keine Kommentare


 

Rumms! Aua! Halb lieg ich schon, halb stemm ich gegen – dieses Scheiß Light-Metal Kellerregal. Hab ihm nie vertraut, jetzt ists mir auf den Kopf gefallen. Die alte Schreibmaschine verpasst mir einen Hakenkuss, der Entsafter poltert ab und eine klotzschwere Kiste knapp an mir vorbei. Jesses!

Tage später. Das Schrottteil entsorgt, zwei neue Regale aufgebaut, machen wir da weiter, wo es mich umgehauen hat: Beim Ausmisten in der Staubachterbahn. Pat blättert durch alte Belege, Magazine wie Focus, Jazzthetik, Stern. Kann weg, bleibt, kann weg, kann weg, kann weg… Cool sehen sie aus, diese alten Jazzthetiks. Kein bisschen altbacken oder überholt. Kannweg, bleibt. Bleibt? Zeig mal. Aah, sieht aus wie schwarz/weiß. Ist schwarz/weiß. Das Bild auf der Doppelseite zeigt – so gut wie nichts. Überschrift: „Die Leerräume im offenen Herzen der Lieder“. Poetisch. Schön. Übernächste Seite wieder so ein minimalistischer Pat Meise: Himmel und Meer. Meer und Himmel. Ja. Leerräume. Damit hat Pats Lieblingsgrafiker Matthias Grunert ein Dreieinhalb-Seiten Interview bebildert, das Jazzthetik-Autor Michael Engelbrecht mit Komponist, Sänger und Schlagzeuger Robert Wyatt und Lyrikerin Alfreda Benge in London geführt hat. Anlass war die Neuerscheinung des Albums Dondestan (spanisch für Wo seid ihr?).

Erste Zwischenüberschrift: „Das Politische und das Seufzen des Windes (1)“.
Erste Frage: Als ich 1975 mit meiner damaligen Freundin in der Bretagne zeltete, begleitete uns RUTH IS STRANGER THAN RICHARD Tag und Nacht, an der Ausstrahlung deiner Songs hat sich für mich bis heute nichts geändert, sie besitzen eine selten gewordene, spirituelle Kraft. Seit Beginn der 80er ist eine politische Dimension dazu gekommen. Verkörpern diese zwei Welten einen Widerspruch?
Die Antwort des Musikers endet: „Ich sehe da keinen Konflikt; es ist die andere Seite des Impulses.“

Ein Musiker, der Gedichte vertont. Zwei Seiten weiter geht es um Robert Wyatts Lust am Sprachspiel, dazu sagt der Musiker: „Worte – ich sehe sie immer wie Skulpturen im Raum; ich mag es, um sie herumzuwandern, sie von oben und unten zu betrachten und genieße es, sie herumzuschubsen. Worte sind halt hoffnungslos subjektiv, spiegeln die Begrenztheit der eigenen Wahrnehmung und Kultur.“ Schon hab ich mich festgelesen. Aber Stopp, jetzt erstmal weiter Tetris im Keller. Ich schließ das Heft und schau aufs Datum: November 1991. 30 Jahre her! Scheiße, sagt Pat.

Auf meinem Schreibtisch liegt noch so ein „Bleibt“-Magazin. Allerdings kein Beleg, sondern Hirnfutter aus dem Winter 2014 – eine „Lettre“. Zufall, Verkettung? Wie auch immer, ein Artikel fängt mich ein: Überschrift „Meine Blamagen“, Georg Stefan Troller über (seine) Interviews. Glaub nicht, dass ich das schon gelesen habe. Ganz neu also für mich, dieses vergilbte und versehentlich gewässerte Altpapier. Troller schreibt in zeitlicher Reihenfolge über seine größten Flops:
„Angefangen mit dem jugendlichen Wirrkopf, der sich ahnungslos auf einen Beruf einließ, der letztlich dahin tendiert, die eigene Identität anzuzweifeln. Denn, der gute Interviewer muss sich ja dermaßen auf seinen Gesprächspartner einstellen, sich so in ihn oder sie hineinversetzen, dass er zumindest zeitweise fast selbst zum anderen wird.“

Absolut. Kann ich nur bestätigen. Identitätsverschwommenheiten. Hineinkriechen in die andere/den anderen, ihn/sie aushorchen, das Innerste nach außen holen. So ein Schreiberleben ist schon was Seltsames. Und die Jagd nach dem guten Satz, den spannenden Geschichten auch. Hab schon Leute, ohne Absicht, zum Weinen gebracht. Ach, Sie sind Journalistin, sagte mir mal jemand. Dann gehören Sie ja nirgendwo dazu.

Aber Georg Stefan Troller schreibt hier nicht nur vom Ran- oder Reinwanzen. Ein bisschen Selbstverliebtheit braucht ein Interviewer auch – und er will wohl auch etwas weitergeben:
„Also komme ich mit der unverschämten Frage (man soll im Interview unverschämte Fragen immer erst nach einigen verschämten einsetzen, aber das habe ich noch zu lernen): Meinen Sie denn, dass Ihre schlichte Darstellung eines unverdorbenen, ja hinterwäldlerischen Amerika etwas zur Zukunft Europas beitragen kann? Darauf Wilder mit anhaltend treuherziger Miene: ‘Junger Mann in meinem 60. Lebensjahr habe ich beschlossen, nur noch Dinge zu tun, die mir Freude bereiten. Und Sie bereiten mir keine Freude.’“
Ende des Gesprächs.

Werde ich mir merken. Die Antwort meine ich, bin ich doch in 60. Lebensjahr. Apropos. Was macht eigentlich dieser Engelbrecht 30 Years after? Ich flöhe das Internet und finde ihn auf manafonistas. Ein Blog „on life, music, etc beyond mainstream“. Oh Zufall, Oh Verkettung: In einem der November(!)-Beiträge schreibt er über das Album ‚“The Nearer the Fountain“ (mit einem schwarz-weißen Coverbild).

Ich mag es, wie er seine Texte beginnt. Etwa diesen: „Das nenne ich eine Überraschung, oder auch, kalt im Dunkeln erwischt mit der Gespenstermusik des Jahres.“ Wie er dann weiter beschreibt, welche Klang-Assoziationen ihm zu dieser Musik einfielen, schenkt er mir einen schönen Link für die Rückschau: „Erst, in manch verwegenem Einbruch von Saxofonen, dachte ich an Robert Wyatt… Robert Wyatt. Dondestan Hab ich mir jetzt zum ersten Mal auf Spotify angehört, und das besprochene Album von, Moment, Damon Albarn, tippe ich gerade ein…