Alle Artikel in: Gesellschaft

Aus name zustand: 17.000 friedliche Protester!

  Feuer und Gewalt! Morgens um 7 ist die Welt schon angeraucht. Eine halbe Stunde nachdem der erste Heli übers Haus geknattert ist, laufen die ersten Meldungen über Twitter. Wie? Brennende Autos und Barrikaden? „Shit! Keine Gewalt!“ Bittet @Muschelschloß auf twitter. Ja, Scheiße. Bleibt aber Ausreißer von immerhin 1000 Hool-Köpfen, die für Randale gekommen sind. Da hat Frankfurt schon anderes erlebt, selbst wenn jetzt alle Medien schnappatmen. Und das heftigst, untermalt von den feurigsten Szenen und Fotos von den steinewerfendsten Schwarzer Block-upyern. Vom Machtdemonstrations- oder Self fulfilling Prophecy-Charakter des „Schutzkonzepts“, das unsere Stadt schon seit Montag in eine Festung verwandelt hat – nichts. Vom Ausschluss der Presse bei der Eröffnungsfeier – nichts. Nicht die Demonstranten haben die Innenstadt wegen Brandschatzens und Marodierens lahmgelegt, wie man angesichts der Berichterstattung denken könnte, sondern die großzügige Absperrung der Innenstadt durch die Polizei. Ausreißer hin oder her, der Morgen war krass. Autos haben gebrannt, es gibt diverse Scherben, Emotionen, Feindbilder aufzukehren. Und wieder zeigte sich, dass Streitkultur fehlt, dass Konflikte vor allem eins auslösen: Angst. Traditionell wurde also nach …

Mach mal müßig

  Null. Kein brauchbarer Gedanke nichts. In solchen Notfällen muss ich weg vom Bildschirm. Zum Glück habe ich einen Balkon. Wind schuckelt zartgrünes Blattgefieder, Bienen beschwirren Blüte um Blüte und Sonne blitzt Schattenmuster. Langsam rutsche ich auf Standby. Hups?! Bin sofort … will eben noch… muss gleich… Ach, was! Ich lehne mich zurück, schau ins kondensverschleierte Blau. Wolkenzug, Vogelflug… Mal eben nichts wollen, nichts müssen, nur sein. Ja. Bis das Telefon heult und ich – mit tanzenden Sonnenflecken vor Augen – hineingurre: „Nein, nein. Sie stören nicht.“ Wie bitte? Auftrag hin, guter Kunde her. Ist doch glatt gelogen, kräht im Hirnkastel mein Lazy-Ich; feixt und lässt die Worte holpern. „Ja klar. Mail Ihnen. Äh. Gleich. Ihnen was. Tschühüss.“ Und jetzt? Weiter im Text oder noch mal kurz abdöseln? Ja. Schön wär’s. Doch: Nein. Die Deadline drängt. Also zurück zum PC, wo mit einem Pling diese Email ankommt: „Schreiben Sie uns was über Müßiggang?“ Was? „Müßiggang“… Hört sich nicht gerade topaktuell an. Was heißt das denn überhaupt? „Aah! Sommerferien! Weißt du noch?“ Eine Freundin kommt allein …

Ypsilon rising: Einmal mit alles bitte!

  Was machen diese Y-Kinder bloß, wenn mal kein Strom da ist? Vor zehn Jahren noch ging es uns als Eltern wie so vielen: um alles, was uns wichtig war, wurde gerungen. Also, um computerspiel-freie Zeiten (hatten trotzdem keine Chance gegen GTA, Warcraft, Hitman), um rücksichtsvollen Umgang mit Strom, Wasser, Essen (trotzdem keine Chance gegen Dusch-Séancen oder Burger vom Meckes), und Schule. Mit der kämpfte man sowieso, ob wie oder dass sie was Ordentliches auf die Beine stellt. Vor allem die Jungs standen ja immer in der Kritik. Und haben auch für die entsprechenden Aufreger gesorgt, denn: Mann, war das cool so. Voll verkabelt, immer was am Laufen… Leistung? Bah. Was sollte das geben? Und jetzt? Baut unserer seinen Bachelor mit 1,0. Bah. Hut ab. Und drei Tage später auf dem Airport wie zuhause. Inmitten der Freundescrew den letzen Check und: ab. Abgehoben zum Praktikum in Südafrika… Nehmt das, ihr drei bis fünf Gymnasiallehrerfuzzies, gegen die ich damals bloß deswegen nicht mit Glossen geschossen hab, weil es dann echt persönlich gekommen wäre. Was treibt die …

Biofach 3.0: Unterm Pflaster liegt die Farm!

  Guerilla-farming? Der Mann auf dem Podium erklärt, wie er das meint: „Reißt die Pflastersteine raus, füllt die Lücke mit unserem Kompost, pflanzt was – und lasst euch dabei filmen! Am besten genau dann, wenn die Polizei euch verjagt.“ Video auf youtube einstellen und eine Reise nach Ägypten gewinnen, er überlegt kurz, „Ägypten… ähm, naja, vielleicht besser nach Syrien….“ Volkert Engelsmann, Chef des niederländischen Bio-Obst- und -Gemüsegroßhändlers eosta garantiert immer einen Vortrag, bei dem man gleichzeitig lachen und nachdenken muss. Diesmal spricht er für die neue Kampagne Rettet unsere Böden (Save our Soils). Denn: es ist vielleicht schwer vorstellbar, aber es gibt immer weniger Erde auf der Erde. Also, so schwarzes, fruchtbares Zeugs, Mutterboden eben, in dem Pflanzen gedeihen. Deshalb also jetzt nach save our seeds (SOS 1) save our soils – SOS 2. „Become soildiers!“ ruft er und schwenkt das lila Guerilla-Kit, die Tomatenpackung, die ein Kompostbeutelchen sowie Basilikumsamen enthält. Soll es bald in den Läden geben. Vor ihm hat der Wissenschaftler Ulrich Köpke (Uni Bonn) mal eben in 10 Minuten erklärt, wie es …

Alles muss raus: Selfies und fickbare Mütter

  Und hopp! Unruhig und temperamentvoll soll es sein, das Pferd, und als „Jahr des Pferds“ Stabilität und Bewegung bringen. Passt schon. Hab jedenfalls volldynamisch mit 1. Ausmisten, 2. Arbeiten und 3. Lernen angefangen. Also Archivdiät gemacht, alte Rechner und den (gleich am ersten Arbeitstag) durchgeknallten Router artig entsorgt. Kinderbücher und Koffer verschenkt… Weg, weg, weg. Supergefühl. Als würde man auch gleich das Hirnkastel nach haufenweise Recherche-Input für unterschiedliche Themen mit aufräumen. Selfies dazu hab ich übrigens nicht zu bieten. Vielleicht, weil ich das Kürzel für (Handy-)Selbstporträts erst seit letzter Woche kenne. Das Feuilleton der SZ informierte anlässlich des #MuseumSelfie day über einen neuen Trend. Über Leute, die vor allem deshalb ins Museum gehen, um sich dort vor Mona Lisa, Dürers Händen oder whatever selbst abbilden zu können. Die Botschaft war in eine schlicht geniale Überschrift gepackt: Ich war da. Aber dann schon in der ersten Zeile dieses Texts der erste Faux pas: „Kannst du es besser?“, fragt die Website der BBC…. beginnt der Selfie-Artikel. Ein Zitat am Anfang! No go! Ein Faux pas, der …

Von draus vom Walde…

Dezemberrauschen, zusammengeschnitten: 1.12. Geschenkt. Je voller der Geldbeutel, desto weniger müssen die Leute ausgeben. Sogar Weihnachtsbäume bekommt so ein Banker umsonst. Schon klar, weil er ein guter Kunde ist. Trotzdem. 6.12. Auf einer Strecke von etwa fünf Metern hängt fünf Mal der Aufruf (siehe Bild oben), sich zu melden, wenn man „wahrscheinlich männliche Personen im Wald oder auf dem Weg aus dem Wald raus“ „mit ausländischen Kennzeichen“ (ohne Baum dafür mit blauer Reisetasche) gesehen hätte. 8.12. Ein oder zwei Hirten unserer Waldkrippe sind umgefallen worden. Ein laminierter Zettel mahnt die Waldgänger nun, dergleichen zu unterlassen. 12.12. An der Kasse bei Obi: Ein junges Pärchen versucht einen Weihnachtsbaum günstiger zu bekommen, steht da nicht – müsste es nicht… Ein altes Pärchen beim Rausgehn: 29 Euro! Viel zu teuer für einen Baum, 19 wäre noch zu viel. Wie viele Winter, wie viele Sommer, wie viel ist er wert, so ein Baum? 21.12. Jetzt alle Topfbäume auf 50 % runtergesetzt, je Größe 3,99 oder 4,99. Kamen sicher alle aus China. 25.12. Der erste Weihnachtsbaum schon wieder draußen, unausgepackt …

Bring ma den Müll raus! Heldenmarkt in FFM

  Kronkorken, Sand, Glas… Wo jetzt, Stadtbar? Strandleben? Nein: Stand auf dem Heldenmarkt in Frankfurt. Das Zeug – Detailaufnahme – war mal Müll. Das sieht man dem Blickfänger des Stands von Beatrice Anlauff nicht mehr an. Ihr Couchtisch ist: eine große Glasscheibe auf einem mit Sand und Kronkorken gefüllten Fahrradreifen, auf einer Wäschetrommel aus einer alten Toplader-Maschine auf einer graugestrichenen Scheibe auf Rollen. Sie nennt es Verwandlungsdesign. Supergenial. Auch das Mäppchen aus einem Stück Fahrradreifen stammt aus ihrer Werkstatt. Cooles Teil – aber – Recycling? Gebrauchter Fahrradreifen sieht anders aus. Okay, okay. Erstma downcyceln, Langsam rundgucken. Wie wir’s immer machen, nämlich so wie früher Hilde Domin bei Lesungen. Sie las ihre Gedichte immer zweimal. Auf der Bühne beim ersten Rundgang ein Vegankoch, der 15 gerade zubereitete Portionen kostenlos verteilt, bei der zweiten ein Medienteam, das Zuschauer filmte. Interesse und Medieninteresse. Das Gefühl in den Gängen: retro. Die Pressemappe der Veranstalter: sechs zusammengeheftete Seiten – sieht nicht gut aus, aber es gibt ja ne Website mit allen Links. Die Stände bisschen wie Flohmarkt, Besucher und Aussteller …

Wir Schnäppchenreiter

  „Fingerdick“, will ich gerade zeigen, als mich die junge Wurstverkäuferin unterbricht: „Die ist mit Schweineleber.“ Wie? Die Kalbsleberwurst? Nein, dann lieber noch vier Scheiben Leberkäse. „Mit oder ohne Leber?“ Wie? Wo ist der Unterschied? Sie kuckt professionell freundlich, nur die Augen dimmen merklich auf „Himmel ist die blöd“. Und es kommt, was kommen muss: „Na, entweder mit oder ohne Leber drin.“ Hm. Mit sieht irgendwie leberkäsiger aus – also mit. Jetzt kommt der Chef und erklärt: „Bayerischer ist ohne, hessischer mit. Weil, in Bayern ist mit Leber verboten, in Deu, äh, Hessen nicht.“ Aha. Und dass es natürlich auch Schweineleber ist. Aua. Also doch noch Schweineleber gekauft, wo ich Schwein eigentlich gar nicht esse, der alltäglich lebendig gesottenen Schweine wegen, deren Schreie mich verfolgen. Im Monat des Pferds kriegt man nun aber auch alles beantwortet (was man sich nie gefragt hat). Wurst gibt’s bei uns eher selten, denn eine Lage Salami oder Schinken liegt wochenlang – und die letzte Scheibe landet dann eh in einem Katerbauch. Aber gestern war doch mal wieder eine Runde …

OoH: Identität-to-go

Zur Qualitätssicherung zeichnen wir vereinzelt Gespräche auf; wenn Sie damit einverstanden sind, antworten Sie bitte mit Ja. Nein. Vielen Dank. Die Wartezeit beträgt etwa 10 Minuten. Während ich meine über die letzten Wochen gesammelte To-do-Liste abarbeite, und staune, wie glatt die geschulten oder automatischen Stimmen durch meine Ohrschnecke trudeln, rieselt vor meinem inneren Auge plötzlich ein lila Weihnachtsbaum. OoH, was wollte ich sagen? Bitte halten Sie Ihre Kundennummer bereit! Entschuldigung, ich habe Sie nicht verstanden, bitte wiederholen Sie Ihr Anliegen. Rechnung. Einen Augenblick bitte… Bis letzte Woche stand er im Schaufenster – was gab es da eigentlich früher? Blumen? Ein Baum wie ein Pudel. Klappbar, aus lila Lametta und Plastik. Er hat mich… Hallo! Sie sind mit dem automatischen Anrufsystem verbunden. Wünschen Sie eine Beratung? Drücken Sie bitte die Eins, geht es um Ihre Bestellung? die Drei; für alles Andere drücken Sie bitte die Fünf – for Englisch press two. .. Vielen Dank. Bitte geben Sie nun Ihre Kunden-PIN ein. Piep, piep, piep, piep, piep. Einen Augenblick bitte… …angehalten. Ich sah genauer hin. Weiß. Fontänenartig …

Rosita tanzt den Euro

Unser neues Foto-Strick-Graffiti „Rosita“   für alle downgerateten Merkelländer frei nach der Melodie Zwei Apfelsinen im Haar (France Gall, 60er, unbedingt dazu hören!!!):             Zwei Apfelsinen im Jahr, und zum Parteitag Bananen… das ganze Volk schreit Hurra – der Kapitalismus ist da. Lalalalalalala         Im gold’nen Oktoberschein, tanzt unsre Rosita den Jaguar, zeigt muntren Hüftschwung am Main die Eurogermanen schunkeln dabei. Nanananananana, nanananananana