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Gelesen: Ein Krähenbuch

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Mangel an Spiritualität? Protestantische Verbissenheit? Dass Westler Krähen böse und unausstehlich finden, könnte an deren unentspannter, ewig nach Schuldigen suchender Geisteshaltung liegen, vermutet Cord Riechelmann in seinem neuen Buch Krähen – ein Portrait. Nur bei uns Europäern und unseren Nachfahren in den USA nämlich sind Krähen und Raben (der Autor erklärt, dass es da keinen Unterschied gibt) als Unglücksbringer oder „Raubzeug“ verschrien – und werden dafür bis auf den Tod verfolgt. Vielleicht ist es auch die Farbe schwarz, das seltsame Hüpfen oder ihre unkontrollierbare und unglaubliche Gewitztheit… Ein geradezu ehrfürchtiges Verhältnis zu Krähen oder Raben haben dagegen asiatisch-indigene Völker. Das Buch öffnet ein märchenhaftes Fenster zu fremden unbekannten Krähenmythen. So glauben etwa die Inuit, dass Raben das Licht erschaffen haben, indem sie Silberstückchen an den Himmel warfen. Klar, wer derart wichtig für das Leben ist, den verfolgt und tötet man nicht. Ein Sündenbock dagegen, der Pest und Tod übers Land bringt, hat rund um die Uhr zu büßen. Man kann dieses mit zahlreichen Anekdoten und Fakten sowie weiter führenden Lesehinweisen gewürzte Vogelportrait wohl als Akt der Wiedergutmachung auffassen. Denn Riechelmann singt wirklich das Hohelied dieser mysteriösen Vögel, zu denen neben Krähen, Dohlen und Kolkraben auch Häher und Elstern zählen. Der Text ist eine Liebeserklärung, kongenial begleitet durch die Zeichnungen, die die Gestalter ausgewählt haben, und die die Zeit aufzuheben scheinen.

Der Biologe und Journalist Cord Riechelmann nimmt die Leser mit auf eine Reise quer durch Kulturgeschichten und Zeitläufte. Zwar stammt die Urkrähe aus dem tropischen Regenwald, doch heute gibt es sie überall. Am besten gehe es ihr in den Städten, weil der Mensch sie dort nicht erschießen darf. Mit Ausnahmen, wie wir wissen, allerdings betrifft das eher den Stadtrand. In der Innenstadt Frankfurts sind sie weiterhin zahlreich und sehr gut zu beobachten – es sei denn, man packt die Kamera aus. Da werden die schlauen Kerls sehr misstrauisch und sind im Nu verschwunden.

Krähen ist eines der ersten drei Bändchen aus der neuen Reihe Naturkunden bei Matthes&Seitz. Unerwartet kleines Format, matt Anthrazit mit eingeprägtem Krähenbild – aber sehr fein, so einladend, dass ich erst mal warten musste mit Lesen, bis Krähen- und Stadtnaturfan Pat fertig war. Riechelmann ist ein guter Wissenschaftsschreiber und teilt (nicht nur) Vogelbeobachtungen. Er schreibt über Begegnungen, die in Berlin ebenso spannend ausfallen wie in Phnom Pen. Hin und wieder merkt man ihm den Ex-Fazler an, etwa wenn er ganz nebenbei durchblicken lässt, dass er als Biologe nicht nur seinen Nabokov kennt, sondern sogar die Krähen, die in der Straße leben, wo Nabokovs Geburtshaus steht.

Hirnfutter at ist best, wie bei Oliver Sacks, als er über Chemie schrieb – mit persönlicher Verbundenheit, authentisch, sprachgewandt ohne aber herumzudrechseln oder permanent zu verkünden, wie viel Spaß Naturwissenschaft doch macht…

Aufgewachsen ist Cord Riechelmann er in den 70ern auf dem Land – also genau da, wo es für Rabenvögel am gefährlichsten war und ist. Bis heute erzählen sich Bauern und Jäger die dollsten Geschichten, was Krähen und Elstern und Häher alles Böses machen. Sie vergriffen sich an ihrer Saat, den Kaninchen und Lämmern, jammern sie – hab es gerade erst gehört. Frauen wie mich versucht man mit Schauermärchen von der Notwendigkeit des Abschusses zu überzeugen: Die Bösen nämlich hacken neu geborenen Lämmchen die Augen aus und töten sie. Wer Riechelmann gelesen hat, weiß, dass sie – wenn hungrig – keine andere Chance haben, an Nahrung zu kommen. Denn Fell zerreißen können sie mit ihren Schnäbeln nicht. Anstatt einfach den Kompost am Feldrand gut zu bestücken, damit ursprüngliche Bewohner wie Igel, Schnecken, Insekten oder Krähen ein gutes Buffet haben, werden Felder und Gärten todsicher und trostlos ordentlich aufgeräumt – und leider oft der Jäger gerufen.

Viele Bauern und Jäger sehen wohl bis heute in den unangepassten Krächzern eine Art Teufelskreatur oder Unkraut der Lüfte. Ihnen während der Aufzucht der Jungen von unten in die Nester zu ballern, war in denn 70ern scheinbar eine normale Übung. Trotzdem – deswegen? – Riechelmann hat ein Herz für Krähen: „Mir selbst haben diese Jahre vor allem eine Entscheidung erleichtert: Wenn ich zwischen Krähen und Jägerinteressen wählen muss, weiß ich auf welcher Seite der Verstand zu suchen ist.“ Und hält eine Archivperle bereit: Eine verblüffende, politische Wegmarke der jüngeren Krähengeschichte gab es nämlich 1979. Damals hat die Jägerlobby wohl einen einmaligen Coup des Europäischen Parlaments verschlafen, damals wurden alle Singvögel unter Schutz gestellt. Und dazu zählen auch Rabenvögel. Wenngleich man es Häher, Elster oder Krähe nicht anhört, sie gehören zur biologischen Ordnung der Sperlingsvögel, sind also verwandt mit Finken oder Grasmücken. Perfekt unterm Radar gesegelt, Leute!

Zwar hat auch mich der sorgsam inszenierte Gruseleffekt von „Die Vögel“ schauern gemacht, aber weder wir noch unser Sohn sind mit Krähenverteufelung aufgewachsen. Im Gegenteil, drei der schönsten Kinderbücher, die ich kenne sind wunderbare Raben/Krähen-Geschichten: Der Rabe Alfons von Erwin Moser, (hat Beltz schönerweise gerade wieder neu aufgelegt), Der Rabe, der anders war ein zauberhaftes Bilderbuch übers Anderssein von Edith Schreiber-Wicke und Carola Holland – und als jüngstes Mit Kindern Gefühle entdecken von Gerhard Friedrich, der die anrührende Geschichte vom Waisen-Krähenkind Rabine in der eigenen Familie erlebt hat. Auch ein Kinderfilm fällt mir noch dazu ein: Als Dolly Parton meine Mutter war von Regisseurin Tara Johns (2011) – Elsterfans sollten sich diesen Film un-be-dingt ansehen.

Seitdem ich den mit der Tochter von Freunden gesehen habe, weiß ich, dass der Eichelhäher mein Totemtier ist. Und seitdem ich das Krähenbuch gelesen habe, weiß ich, wie man auf die Idee kommen kann, sich eine Elster auf den Oberarm tätowieren zu lassen. Die Elster nämlich ist bei Japanern der Vogel, der Liebende zueinander bringt. Bei uns dagegen haben sie einen schlechten Ruf. Wenn man nicht gerade in Elsterberg lebt, sondern in … sagen wir … Frankfurt. Und einen Garten oder Balkon besitzt. Denn: ja, Elstern fressen Amselküken oder Amseleier. Wer so was mal beobachtet hat… Uhch. Harte Nummer das. Unter wagemutigen Attacken und lautem Alarmgeschrei der Amseleltern schlägt die Elster ungerührt zu. Grausam.

Ach was. Riechelmann relativiert: „Über Elstern wird wahrscheinlich noch mehr Unfug geredet als über Drogen unter Drogenabhängigen oder über die Wirtschaft in der Krise unter Journalisten.“ Der Kinderraub sei halb so schlimm. Amseln nämlich seien auf den Verlust der ersten Brut schon eingestellt – und brüten einfach noch zweimal. Statistiken zeigten, dass da wo es viele Elstern gibt, auch viele Amseln, Meisen, Grünfinken, Zaunkönige und dergleichen gibt. Auch das kann ich als eifrige Balkon-Birdwatcherin bestätigen. Allerdings habe ich nach dem Amseldrama Elstern nicht gehasst wie wie manch andere Hofgucker.

Ziemlich mutig, eine derart ambitionierte und liebevoll gestaltete Reihe wie die „Naturkunden“ ausgerechnet mit einem Vogel zu beginnen, den viele gar nicht leiden können. Andererseits sind Krähen auch Vögel, über die man sich viele Geschichte erzählt, vielleicht zieht ja das, denn Menschen lieben doch Geschichten. Möge die Krähenmacht mit diesem Bändchen sein.

Ein kleines Reisesehnsuchtskorn hat der Autor jedenfalls in mir versenkt: 20 Rabenvögel, die er selbst schon gesehen hat, stellt er vor. Der Blauhäher ist einer davon. Wow. Blau-weiß-schwarze Schönheit, wohnhaft in den USA. See you, Blue Jay. For sure, wir seh’n uns!

Cord Riechelmann: Krähen – ein Portrait
Matthes&Seitz, Berlin 2013

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