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Stoff für Fährtenleser #1: Het Prentenboek

9. September 2019 von Sylvia | Keine Kommentare

Das Jüngste im Trackerbuchregal – und gleich
auch eins meiner Meistgenutzten: Het Prentenboek. Trotz seines stolzen Gewichts von 866 Gramm (445 Seiten) durfte es sogar mit auf die Radtour Frankfurt-München. Dafür mussten dann eben zwei andere Feldführer zuhause bleiben… Das zeigt ja schon in aller Kürze, was ich von diesem Buch halte.

In jeder Hinsicht ein besonderer Band. Als er nach langem Warten (nicht einfach bei Amazon, sondern im holländischen Buchladen bestellt) endlich kam, war ich gleich gebannt. Sein großes Plus ist die Praxistiefe. Sobald ich es aufschlage, rieche ich Erde, feuchten Sand oder höre es knacken hinter mir. Krähenschreie. Bin drin – ah, draußen.

Die Autoren René Nauta und Aaldrik Pot geben profundes Trackerwissen weiter. Was nicht heißt, dass alles vorkommt, was man sich als Fährtenleserin vielleicht so wünscht, aber dann wäre – mit dem Anspruch und dem Vorgehen der beiden – das Ganze wohl sehr unhandlich. Nein, Fraßspuren oder andere Zeichen und Hinterlassenschaften sind hier nicht im Blick. Dafür aber die Fußabdrücke von Säugetieren, Vögeln, Amphibien, Reptilien, und einigen anderen Tieren um so genauer.

Sehr eindrücklich die Darstellung der Füße (jedes Tier!). Dazu Fotos von Abdrücken in Sand, Schnee, Matsche oder auf hartem Untergrund – und Zeichnungen (!) sowie Gegenüberstellungen des Bildmaterials mit den Abdrücken jener Tiere, die man draußen leicht miteinander verwechseln kann. Großartig. Darunter etwa die Fußabdrücke eines Wieselmännchens und eines Hermelinweibchens, die nahezu identisch aussehen. Beeindruckend auch das Bild von vier toten Mardern. Straßenverkehrsopfer, die wie die Orgelpfeifen aufgereiht wurden, Was sie prinzipiell verbindet und unterscheidet sieht man so auf einen Blick.

In meinem Hinterkopf höre ich die Leit-Stimmen von Axel (Trapp) und Simone (Roters) aus meiner Tracker-Ausbildung: Seid euch nicht zu sicher! Bleibt skeptisch! Bleibt offen! Setzt die Brille ab… Hugh. Hilft in jeder Lebenslage, aber beim Fährtensuchen ist es das A und O.

Offen bleiben. Jep. Offen für jede Art von Fußabdrücken, Trittsiegeln oder, niederländisch, „Prenten“. Ich mag das Buch, auch wegen der Art, wie die Autoren ihre Erfahrungen teilen und selbst Erlebtes erzählen. Geschichten sind das Salz von Traditionen – und das gilt auch fürs Tracken.

Die Autoren setzen auch scheinbar Nebensächliches so in Szene, dass ich trotz meines broken Netherlands als allererstes eine ganze Seite nur über den Abdruck einer Hundepfote lese. Hundespuren fand ich zu Anfang des Fährtenlesenlernens wenig spannend. Allerweltsspuren halt. Kennt man doch.

Ach? Ja? Als ob man etwas, nur weil es so vertraut scheint, wirklich kennt. Beschreib doch mal: Was siehst du? Wie sehen die Zehen genau aus? Alle gleich? Welche Form haben die Zehen, die Krallen, der Ballen? Kann man sehen, ob es ein rechter oder linker Fuß ist, Vorder- oder Hinterfuß? Und wenn ja, woran erkennt mans?

Das Motto des Autorenteams lautet: „Mach Draußen zu deinem Zuhause“. Oder genauer: „Maak buiten je thuis“. Und das ist der Haken, das Buch ist auf Niederländisch. Ich empfehle es trotzdem, denn allein die Bilder und Zeichnungen sind schon sehr aufschlussreich. Gut, ich kann ein klein bisschen Niederländisch. Den Rest reime ich mir zusammen oder übersetze. Wörterbücher habe ich sowohl analog wie digital (uitmuntend.de) immer zur Hand.

Nur eine Anmerkung: Mir fehlen teilweise die wissenschaftlichen, lateinischen Namen. Bei den meisten Tieren ist durch die Bilder völlig klar, welches gemeint ist, bei dem einen oder anderen Vogel ohne Bild aber, hätte ich gern die wissenschaftliche Bezeichnung, um ganz sicher sein zu können, dass wir dasselbe meinen.

Dasselbe gilt für die ebenfalls niederländischen Weylin Tracking Veldgids, spiralgebundene Feldführer für Fährtenleser, vom ebenfalls erfahrenen Tracker Jeroen Kloppenburg. Ich habe zwei von den dreien: Loopsporen (Trittsiegel und Fährten) und Uitwerpselen, (Losung und Gewölle). Alltagsfelderprobt. Allerdings scheiterte ich letzt am Bestimmen von Vogelfußabdrücken, die ich zusammen mit Trackerfreundin Simone gefunden hatte. Wir wussten nicht genau, wessen Anwesenheit wir da entdeckt hatten. Zu sehen war an diesem Tag nämlich keine Wasservogelseele. Bis zum Schluss, da winkten uns drei Kanadagänse Good bye. Aber die waren es definitiv nicht. Vielleicht ein Flussuferläufer?

Mit dem lateinischen Namen hätte ich ihn – auch offline und fern von zuhause – suchen können, den niederländischen kannte ich nicht. Sonst komme ich ja gut mit den niederländischen Büchern zurecht. Hab gelernt, dass “pink” der kleine Finger ist, “start” der Schwanz; dass Storch “Ooievaar” heißt und Kormoran “Aascholver”– aber “Flussuferläufer”? Jeroen?! Auch beim digitalen Diersporengids von Weylin fehlen mir manchmal die global verständlichen, wissenschaftlichen Bezeichnungen. Hulp!

Last but not least noch ein Wort zu den Bildern.
Schwieriges Thema, gerade bei dieser Art von Büchern, die oft eher „Beweisfotos“ haben, wie Pat sie nennt und hasst. Ich bin da nicht so streng, aber die Lust des Nutzens lebt, ganz klar, auch für mich von kluger Bildsprache und von Bildästhetik.

Jeroens Veldgids sind da super. Die Zeichnungen stark und prägnant, die Fotos ebenso. Von mir Plusplus. Plusplus auch für “Het Prentenboek”. Bilder und Texte sind nicht von hier und da, sondern aus einer Hand (manche Fotos würde ich knackiger bearbeiten, aber pfh..).

Draußen zuhause mit Hirn inside. Find ich gut.
 
René Nauta, Aaldrik Pot: Het Prentenboek
EXTRA/Kleine Uil 2019, 39 Euro

weylin veldgids: #1 loopsporen /
#2 uitwerpselen
(bald auch auf englisch)
Weylin Tracking, je 12,50 Euro