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Bosta Love

28. Januar 2019 von m&m | Keine Kommentare

Schottland – Reiselogbuch #4


 
Endlich! Zeit für die Fortsetzung unseres Reiselogbuchs. Gerade erst wieder eine Email vom schottischen Tourismusbüro bekommen: Visit Scotland! Jetzt buchen! Nichts lieber als das. Sobald unsere familiäre Daueraufgabe das zulässt, werden wir uns auf den Weg machen. Die Erinnerung zieht jedenfalls gewaltig – vor allem die von unserer 4. Station, auf der Halbinsel Bernera.
Auf Great Bernera, um genau zu sein. Da solls Fischotter geben habe ich via Internet recherchiert. Eine „wachsende Population“ gar, da will ich hin. Und hoffe darauf bis zum Schluss, auch wenn alle Befragten sagen, dass ich allerhöchstens den Hauch einer Chance habe.

Aber erstmal müssen wir hinkommen. Bosta Beach ist unser Ziel und es ist schon eine Herausforderung für Non-E-Biker wie uns, 50 plus, plus Hänger. PFFFF. Als wir ankommen ist die Luft raus. Muskel- und Hirn-Akkus leer. Aber, Zeltaufbauen – muss ja. Pat checkt den Boden, dann machen wir erstmal Pause am Ort unserer Wahl.

Schön eben, Sanitärhäuschen in der Nähe und Parkplatz im Blick. Super. Bis ein Hundemenschenauto dem nächsten folgt. Hier schlaf ich nicht, mache ich meinem Scout klar. Weiter oben gabs auch ein feines Plätzchen. Da will ich hin. Mein Scout ist null amüsiert. Gehts noch? Gepäck und Hänger 20 Meter den Berg hoch? Ich fühle mich wie Kinski, der ein Schiff übern Berg ziehen lässt…. Scheidung liegt in der Luft.



 
Am Ende thronen wir oben – kaputter als je, aber mit dem panoramageilsten Zeltblick ever: Felsen, die einen kleinen Friedhof einfassen und dahinter das Meer. Wir zelten zwar wild über dem Friedhof und seinem Klohäuschen, aber mitten auf der Fläche eines alten Steinhauses. Die Grundmauern sind um uns. Eine längst vergessene Familie muss den Ausblick ebenso grandios, den Platz so beruhigend gefunden haben wie wir.

Dann kommt Bewegung ins Bild. Vier beeindruckend große Highland-Kühe mit ihren pubertären Jungs. Im Rindsgalopp rumpeln sie genau dorthin, wo nach Plan A jetzt unser Zelt stünde. Die Rinderbande galoppiert über den Parkplatz, nimmt die kleine Anhöhe über der Toilette mit Schwung. Und stoppt an der Zisterne (mit Regenwasser und hochgepumptem Bachwasser – für die Klo-Spülung). Als der Durst gestillt ist, sie sehen sie zufrieden aus. Legen sie sich nieder – und bleiben über Nacht.

 
Der nächste Tag ist sonnensatt. Das Wasser ist atemberaubend türkis. Karibik ahoi! Allein, die Wassertemperatur passt nicht. Weshalb es hier auch keine Hotelburgen gibt. Zart läutet die Gezeitenglocke. Eine von einem Dutzend aus Marcus Vergettes Time and Tide Bell Project.

Jede seiner Tide-Bells hat eine eigene, von der Anliegergemeinde entworfene, Inschrift auf Gälisch und Englisch. Die Bosta Glocke trägt diese hier:

Gun mhuthadh gun truas
A’ sluaisreadh gainneim h na tràgh’d
An àtaireachd bhuan
Cluinn fuaim na h-àtairreachd àrd.
Mo leabaidh dean suas
Ri fuaim na h-àtaireachd àrd.

Without change, without pity
Breaking on the sand of the beach
The ceaseless surge
Listen to the high surge of the sea
Make my resting place be
By the sound of the surge of the sea

Während wir die Glocke anschauen, zeigen sich kurz ein paar Seehunde. Sie jagen im kleinen Tangwäldchen der Bucht. Wir dagegen haben keine Eile, kein Ziel. Ruhe umfängt uns.


 
Ein friedlicher, glücklicher Ort. Attraktiv wohl schon vor Jahrhunderten. Unten noch vor dem Friedhof ist das grasbewachsene Dach des historischen Eisenzeithauses zu sehen. Vorgestern wuselte dort ein schwarzgekleideter Mensch herum. Heute weiß ich, dass es Elizabeth Macleod war, die Hüterin des Iron Age-Houses. Beim ersten Schnupperblick in dieses Mini-Heimatmuseum am Strand hält sie gerade ihren Vortrag vor einigen Besuchern. Ich verstehe wenig. Will aber mehr wissen. Als Pat die Klippen umrundet bleibe ich hier, passe einen günstigen Moment ab – und habe schließlich Guide Elizabeth für mich allein.

Für mich macht sie extra langsam und erzählt: Nach der Sturmflut von 1993 sah einer der Einheimischen die Grundrisse dieses Hauses – und meldete den Archäologen der Uni Edinburgh seinen Fund. Die kamen, waren begeistert und legten in 26 Wochen insgesamt 5 Eisenzeithäuser frei. Eines rekonstruierten sie – die anderen wurden komplett wieder eingegraben um sie auf diese Weise gut zu konservieren.


 
Aufgrund der Funde rekonstruierten sie, wie möglicherweise das Haus aussah und genutzt wurde. Von außen ähnelt es einem der für Schottland früher typischen Black Houses. Das Baumaterial ist gleich. Was halt vor Ort vorhanden war. Der Grundriss der Black Houses jedoch ist oval – der vom Iron Age House dagegen ähnelt einer liegenden Acht.

„In der Mitte brannte ein Torffeuer“, führt Elizabeth aus und erläutert, die Besonderheit: Holzfeuer beiße in den Augen, Torffeuer nicht. Außerdem eigne sich Torffeuer zum Trocknen oder Räuchern von Lebensmitteln. Elizabeth leuchtet den hinteren Raum aus: den Kopf der Acht. Die Wissenschaftler gingen davon aus, es sei der Arbeitsraum der Frauen gewesen, sagt mein Guide und schüttelt den Kopf: „Warum sollten die Frauen zum Arbeiten den kältesten und dunkelsten Raum genutzt haben?“

Sie zeigt auf die regalartigen Fächer in den Steinen und offenbart ihre These: „Ich glaube das war die Vorratskammer.“ Hier gelagerte Lebensmittel waren am kühlsten Platz des Hauses. Macht Sinn. Feiner Vortrag extra für mich, Elizabeth. Danke!

Täglich mehrmals stapfen wir durchs Gras zu unsrem Zeltolymp. Auf den Trampelpfaden der Schafe und am Schild vorbei, das mahnt, jedem Tier, ob groß oder klein, den Vortritt zu lassen. Es weder zu stören noch zu ärgern – und sich mit den Rindern vorzusehen, sie seien prinzipiell friedlich, aber auch prinzipiell unberechenbar. Auch ohne dieses Schild hätten wir Respekt gehabt. Zum Glück waren wir ja auf Abstand gegangen.

Dachten wir. Bis sie gucken kamen, wer sich da auf ihrem Lieblingsausguck breit macht. Pat, allein zuhaus, saß über den Karten, dachte dies und das, und hatte plötzlich formatfüllend die Hörner von Mamakuh Nummer eins im Blick. Den Kopf vorsichtig abwendend sah er dann dem halbstarken Kuhsohn in die Augen.


 
Der Überlebensinstinkt ließ ihn so unhektisch wie möglich die Kamera packen und sich rückwärts, langsam und stetig entfernen. Mama eins und zwei lutschten daraufhin das Zelt ab, während die halbstarken Hornträger auf unserer Decke herum herumtrampelten und das Zelt von innen beguckten… Seitdem ist Pat völlig ausgebufft und abgetafft. Keine Angst mehr, vor nichts und niemand.

Darauf dann erstmal einen Wein zur Beruhigung. Den hatte ich statt Otterspuren von meinem Solo-Spurensucher-Ausflug mitgebracht. Danach verzieht Pat sich in unsere Küche. Wo er uns jeden Tag, ob Sonne, Wind oder Regen ein schottisch-marokkanisch-deutschen Eintopf brutschelt. Köstlich.


 
Führung gefällig? Hinter der Küche links, vor den Kaninchenlatrinen ist unser Schnell-Pissoir. Seitlich, hinter einem Mauerrest parkt der Hänger. Und ganz vorn, Blick aufs Meer, filtern wir das Wasser, Dropje voor dropje…

Der nächste Ausflug dann ist eine Wandertour. Nochmal ein Stück langsamer also. Die Landschaft ist Zen pur. Rau und, karg reinigt sie unsere Sinneskanäle. Der Wanderweg führt zum Weiler Tobson. Gleich zu Anfang passieren wir eine der schottland-typischen, dicken Steinmauern. Wir sehen in der Ferne viele weitere Mauerschlangen, die sich über Felsen und durch robusten Heidebewuchs winden.

Die „Dry Walls“ genannten, niedrigen Mauern sind faszinierend. Sie werden „ganz einfach“ ohne Mörtel gebaut. Eine alte Kunst (noch so ein Projekt für später – ein Waller-Workshop :). Die „Waller“ klopfen die Steine passgerecht und setzen sie so klug, dass sie sich gegenseitig Halt geben. Gut 200 Jahrhunderte stehen manche dieser Dry Walls schon.



 
Knotige Landadern das. Allerdings von Zerfall durch Verwitterung bedroht. Für ihren Erhalt sammeln engagierte Menschen Spenden, auch im Community Café von Bosta kann man spenden. Noch prägen diese Mauern die Landschaft, ebenso wie die Schafe, die darin eingepfercht sind, die mit Moos und Flechten bewachsenen Steine – oder die der nackte Fels, von Gletschern und Zeit rund und flach geschliffen.

Weich sehen die Steine aus, wie Polster fast – tatsächlich aber sind sie granithart, mit messerscharfen und spitzen Quarzitanteilen. Hin und wieder liegt ein Felsbrocken herum, wie ein Riesenkiesel, der einem Gletscher beim Weiterziehen aus der Hand fiel. schleifen die Denkwirbel. Weiten Horizont und Geist. Leiten Energie ins Hirn. Nur durch ihr Da-sein.


 
In Tobson rasten wir, durch freundliches Zunicken ermuntert, am Bootshaus einer Familie. Auf dem Rückweg ein Kaninchen, das panisch vor mir flüchtet – wie schön, denke ich, du bist wohl gesund. Hier auf der Insel grassiert die Kaninchenpest und es ist gruselig die todgeweihten Tiere zu sehen. Auf den ersten Blick wirken sie zutraulich, tatsächlich sind sie blind und todkrank.
Der Pfad ist wie eine Viehtrift. Die mit Torf und Gras bedeckten Felsen ringsherum sind mit netzartigen Mustern überzogen. Trampelpfade der Schafe.

Die Weite ist überwältigend. Ausblicke aufs Meer. Landzungen, Lochs und Ponds. Auf dem Rückweg beglückt mich die erste fleischfressende Moorpflanze, die ich mit eigenen Augen sehe: ein Sonnentau. Danach fahren wir Kaffee trinken und Kuchen schmausen bei Helen im Community Café.



 
Am nächsten Tag liegt Jagd-Aufregung in der Luft. Mit großem Tumult werden die Schafe zusammengetrieben. Überall Schreien und Rufen. Männer, die wie vorzeitliche Hirten an ihren Stöcken erkennbar sind treiben die Schafe zusammen. Ihre Hunde stürmen felsauf felsab, die Schafe on the run. Am Wegrand überall Pferche, wo sie zusammengetrieben werden, zum Scheren oder Verkauf.

Bildersatt kehren wir auch vom letzten Ausflug zurück. Womit wir nicht gerechnet hatten: Richtig dunkel wird es hier gar nicht. Aber nicht deswegen bleibe ich schlaflos auf unserem Olymp. Wind umböt uns, rüttelt das Zelt, lässt den Stoff flappen und flattern. Klar, der Preis der schönen Aussichtshöhe und des feinen Blicks: Wie schon am Uig Beach stehen wir voll im Wetter.
Anders als die Eisenzeit-Häuser, die sich in die Bucht schmiegen und sogar durch einen geschickt gewundenen Treppeneingang den Wind draußen hielten, kriegen wir hier oben alles ab.


 
Regen und Wind, Wind und Regen. Wir bleiben im Zelt. Unser Haus. Sobald die Beine einschlafen wechseln wir zwischen Schlaf- und Wohnraum, Lesezimmer, Küche, Ankleide, Vorratskammer – nur Klo und Bad erfordern komplizierte Anziehmanöver, dafür muss man übern Hof…

Seltsam diese Drinnenzeit draußen. Einfach nichts. Nichts tun. Wir beobachten die Wellen und Täler die der Wind über den Stoff treibt. Die Tropfennasen, die das grüne, mit feinen Karos durchzogene und zum Glück superwasserfeste Hightec-Gewebe entlang schliddern. Wir harren aus. Kriechen immer abwechselnd in unserem gelben Schlafzelt-Kokon. Draußen alles still bis auf den Wind. Der dafür tost und bollert. Striegelt alles durch, schmirgelt jeden Stein mit seiner Sandzunge und legt nicht nur Grashalme flach.

Das Zelt hüpft, und schlägt mit den Flügeln, als wolle es abheben. Wir Glücklichen in unserer gelben Höhle. Kuschelig und körperwarm. Das Positive am Sturm – die ganzen Plagegeister, die komplette schottische Midges-Mückenschaft: fortgeblasen. Und auch wenn der Wind unser Zelt fast wegpustet und wir auch nach einem Tag Wartezeit kein besseres Wetter bekommen, also bei Regen packen müssen: Bosta Love – bester Platz!


 
 
 

Schottland – Reiselogbuch #3

22. Oktober 2018 von m&m | Keine Kommentare

5. Juli


 
Nach Uig am Geburtstag unseres Sohns. Erinnerungen an die Geburt und Gedanken an den heute 29jährigen sind mit uns.

Der Weg – Weite. Darüber Wind. Das Gras schüttelnd, den Fels schrubbend. Am Weg Findlinge, mit hellen, kreisrunden Flechten besprenkelt. Unterwegs: Eine Schotttendistel in weiß. Ein gutes Omen?

Wind und Wind und Wind. Ein Straßentag mit Hänger. Tiere sehen wir hauptsächlich als Wildunfälle der Straße. Roadkill. Ein toter Marder, Kaninchen, ein Rothirschskelett. Vor ein paar Tagen sah ich eine prächtige Möwe, als lebe sie noch, am Ortseingang von Stornoway. Auf unserem letzten Ausflug einen Igel, eine Sperberin. Ansonsten ist die Landschaft karg. Lässt dir Platz bis zum Horizont. Meist sind wir unterwegs die einzigen auf der Straße.



 
Wann sind wir endlich da? Ich glaube den Weg verloren, uns verirrt. Es geht immer nochmal um die Ecke, immer kommt noch eine weitere Biegung – und kein Schild weit und breit. War da nicht vor etlichen Kilometern eins? Richtung Camping, in eine ganz andere Richtung?? Schon recht spät jetzt. Pat, der den Hänger hat, völlig platt. Schnauft: „Ich kann nicht mehr treten.“ Aber wechseln will er nicht.

Endlich tut sich was rechterhand. Ein ellenlanger Strand, wie angekündigt. Pat zeigt dorthin: da unten muss es sein. Wir folgen mit dem Blick unsrem Straßenband, realisieren, dass es sich vom eigentlichen Ziel da unten geradeausweg bewegt, dann windend und schlängelnd wieder hin. Hrgh! Zuur–Hölle.

An der letzten Biegung zwei Rothirschkühe. Sie stehn im Eck eines umzäunten Grundstücks. Rechts von ihnen Fels, vor ihnen wir – Aug in Aug. Kurzer Blick, wenden und ab!

Der Zeltplatz wie versprochen: Direkt am Strand. Wir gehen weit nach vorne, wo es nur wenige Leute hat. Die Wildzelter. Die meisten sind näher dran am Häuschen mit den Sanitäranlagen – und dem Strom.


 
Die meisten mit Wohnmobilen. Immer wenn uns so eins auf der schmalen Ministraße überholte, fand ich sie furchtbar. Unpassend, wie sie in der Blase ihrer mitgeführten Komfortzone vorbeieilten, als sei die Zeit gleich um. Während wir uns mit letzter Kraft und Disziplin hügelan arbeiteten. Nein, kein Neid. Mochten sie ohne die Säure der Anstrengung dahinsausen. Ohne Mumm. Pah.

Und endlich da: Zeltaufbauen. Zur Ruhe kommen. Irgendwann merkt Pat: seine (beste) Outdoorflasche ist weg. Muss bei der letzten Rast mit Hängerabwechslung unbemerkt liegen geblieben sein. Die ist wohl weg, ärgert sich mein Mann. Schaunmermal. In ein paar Tagen, wenn wir weiter fahren, kommen wir ja dort wieder vorbei… Dumm. Aber den Höllenritt zurückfahren und gucken will keiner von uns.

6. Juli

Moin Uig!
Morgens feucht und trüb. Am Strand alles voller Fußspuren – Menschen, Hunde, Wasservögel. Und was für ein Strand. Flach und weit – und dazu windet er sich immer an der felsigen Küste längs. Bei Ebbe gehts kilometerweit und immer wieder um eine Klippenecke. Zum Verlaufen groß. Bis zum Meer braucht man fast zehn Minuten. Von oben schauen oft majestätisch die Hüter der Höhen, die Schafe herab.



 
An den frischen und alten Spülsäumen des Meers viele abgerissene Tangwedel. Filigrane federartige, fast weiß bis schlammbraun. Oder große Äste mit Blättern, die wie transparente Kunstlederriemen aussehen. Dazu curryfarbene mit Luftpölsterchen… Manche fühlen sich wie Papier an. Foto! Bitte zuhause Cyanos draus machen.

Pat kocht. Entspannt ihn, schmeckt mir. Jeder von uns greift nach einem Happen Zeit. Zeit fürs ankommen, sich finden, sich rauswagen, sich rausfühlen und eins werden mit dem Leben draußen.

Wind, Wind! Bisschen Sonne auch heute, die das atemberaubende Strand-Düne-Berg Panorama sehr cool ausleuchtet.

7. Juli



 
Ganz Sartre. Jeder auf sich geworfen. Jeder unter dem Blick des anderen. Ihn mal wünschend, ihn mal meidend oder drunter leidend. Die Alltagsmahre derweil an der Schädelnaht kratzen. So ringt jeder mit seinen Störsendern, diesen ungelösten, sich immer fester ziehenden Denkknoten. Die geruhsame Freundlichkeit der Inselschotten tilgt indes manches. Lindernd wie Balsam: Hi Dear. Are you okay?

Eine wachsende Population von Fischottern soll auf Lewis leben. Ich also meine Fährtenleser-Basics, das “Messbesteck”, immer griffbereit. Die Augen otterspottrig geweitet. Allerdings auch hier, im Regenland, dies Jahr alles viel zu trocken. Spurenlesen für Fortgeschrittene. Die Flussufer steinig oder durchzogen von Wurzelwerk. Ich finde nichts. Keine Fraßspur, kein Trittsiegel, keine Losung. Von der Sichtung lebendiger Exemplare ganz zu schweigen. Wollte ich ernsthaft suchen, müsste ich wohl ein, zwei Tage nichts anderes tun. Aber wir wollen ja die Insel gemeinsam erkunden …

Morgens am Strand ein Greifvogel mit Beute in den Fängen. Was genau, ist nicht auszumachen. Dass er trotzdem rüttelt?! Keine Kamera griffbereit.




 
Einkaufen. Der nächste Shop liegt oben an der Höllenritt-Straße – maximal fünf Kilometer von uns entfernt, trotzdem haben wir keinerlei Ambitionen, mit dem Rad hin zu fahren. Das Fahrradhirn streikt. Die Quälerei der Hinfahrt noch recht präsent. Aber Luftlinie und zu Fuß sieht es doch viel kürzer und einfacher aus – oder?

Tatsächlich. Lauflust pur! Wir queren die saftgrünen Schafswiesen, mit ihren omaweichen Torfpolstern und nutzen die Wege von Torfstecher und Schaf. Bei normalem Wasserstand ohne kniehohe Gummistiefel sicher kaum passierbar. Wir folgen den Tierpfaden, klettern über Weidezäune und stehen im Community Shop wie kleine Kinder. Solche Shops gibts hier überall in der Pampa der Insel Lewis. Gemeindeläden, wo man fast alles bekommt. Vom Handykabel über Hommus-Brotaufstrich bis zum Whisky. Letzteren allerdings erst ab 10 Uhr (Kinderschutz).

Da wir zwar keinen Whisky aber Wein und Cider mitnehmen wollen – und es halb zehn ist –, trinken wir noch einen Kaffee vorm Einkaufen. So der Plan. Pat wartet draußen, ich ordere Kaffee und werde zur einer Riesen-To-Go-Maschine geschickt. Ich brauche viel Assistance, bis ich gerafft habe, was bei diesem KI-Kaffee-Monster zu tun ist: Erstmal passende Münzen einwechseln. Nur 50-Pence-Stücke (und nur neue!), dann eine Sorte Kaffeeflavour aus 10 möglichen auswählen. Das entsprechende Tütchen aus der Schublade picken, in die Vorrichtung pfriemeln – Go, die erste. Für den Cappuccinogeschmack ein weiteres Tütchen aus einer anderen Schublade. Auch wieder vorsichtig in den in den Schlitz fummeln – aber nicht zu tief, sonst: „Sorry, can you please help me?“ Dann muss der Verkäufer die Sauerei wegmachen, vielleicht ist dann auch noch das Wasser alle. Dritter Versuch und PUSH! Stunden später hatten wir unsere Cappus.

In der Kaffee-Ecke ein Mini-Heimatmuseum, mit Lokalinfos, Brettspielen, Büchern. Büchern! Selten so viele Leute lesen gesehen wie hier auf der Insel. So sehen Beschäftigungen aus. Kein Internet, nix. Auch am Zeltplatz nicht. Dafür Spülplausch. Sehr sozial hier die Jungs. Beim Spülen wirste eingeladen zur Offenen Party am Reef Beach, hörst von den besten Möglichkeiten zum Kitesurfen. Oder wirst getröstet, wenn du wieder mal keine Delfine gesehen hast.

8. Juli



 
Vom Zelt aus im Blick: Unser Hausberg Suaineabhal. Riesenberg. Viele Winter und viele Sommer sah er kommen und gehn. An Schottlands Küsten hier oben im Norden gibt es aufgrund von Urgesteinsbewegungen die ältesten Oberflächensteine Europas – teils älter als die Alpen. Das Gebirge war mal höher als der Himalaya.

Suaineabhal, unser Blickberg, ein karges Adlerheim. Sich jeden Tag wie ein Chamäleon wandelnd. Manchmal ganz im Nebel. Immer dominant. Und rund wie eine liegende Brust; mit Spitzchen. Das haben alle Berge hier, obendrauf ein Steinmännchen. Wir fotografieren ihn bei jedem Licht, allen Wettern. Heute morgen im Niesel: Regenwolkenschleier bis zum Boden; das Licht grandios. Nordlicht, Meerlicht. Wir saugen es ein. Trinken und trinken. Die Farbe des Meeres: türkis.

Neue Nachbarn heute, leben sonst auf Skye. Sie stammt von dort, ein Mädchen von den Inseln. Drei, vier Jahre älter als ich. Mit Hund – Spenster. Man könnte problemlos neue Freunde finden. Hier weit draußen. In aller Ruhe. Man braucht nicht viel sagen, nicht viel tun, lernt sich trotzdem ganz gut kennen.

9.7

Gallan Head


 
Nahe bei gibt es noch einen Delfin-Aussichtspunkt, der wie viele Tier-Beobachtungspunkte an der Küste mal eine Militärbasis war. Wir fahren hin im Wind, werden dort vom Wind gezaust und fahren zurück im Wind. Die Siedlung kurz vom Aussichtspunkt, wie aus einem Film. Der Militärschrott unübersehbar präsent. Prägt eine seltsame Atmosphäre. Können Kinderspielzeug und bunte Vorhänge nicht wett machen. Sehr Nord. Sehr Pragmatisch. Wir leben hier. So what?

Der Gallan Head Aussichtspunkt selbst – gespenstisch. Alte Bauten, zusammengestürzt oder zerstört, alte Kabel, tot hoffentlich. Als wäre ein Krieg drüber gefegt. Ich denke an die Bunkerkette der Normandie. „Danger – Mines!“ stand damals am Beton. Hier steht außen an einer Mauer geschrieben: Danger! High Voltage! Drinnen eine Graffiti-Grimasse.

Der Ort voller Vogelwächter, die uns auf Schritt und Tritt begleiten. Möwen und Austernfischer schimpfen: wegwegweg! Wir kämpfen uns vor bis an die windigen Klippen. Wir finden jeder für sich einen guten Sitzplatz auf dem grau-weiß-schwarz gesprenkelten Fels. Können uns nicht satt sehen. An der Weite, am Blau des Meeres. Am Flug der Basstölpel, Tauchen der Kormorane.

10.7.


 
Ein Tag Fährtenlesen. Ich schwärme aus: Wer frisst eigentlich all die Kaninchen? Fellreste, Pfoten, Wirbelsäule, Schädel, Hüftknochen… Liegt alles bunt verstreut herum. Ich sehe einen Bau, eine Fleischverpackung tief im Eingang. Wer wohnt hier? Spuren trotz des Regens vorher leider undeutbar. Der Sand schon wieder trocken. Regenpfeifer, Bachstelzen und Steinschmätzer warnen. Manche von ihnen bewohnen offenbar auch Kaninchenbaue und behalten mich im Auge, während ich fotografiere, notiere, zeichne…

Schnuppere und aufnehme: Duft der Wiesen. Frisches, grünes Gras, Blüten. Heublumen. Kräuter mit großen weißen Dolden wachsen hier, Orchideen (geflecktes Knabenkraut), teils blasslila, teils dunkelviolett – wie hängt das mit den Böden zusammen? Wir haben hier Torf, Humus, Sand. Bis heute der Boden meist rissig-trocken.

Draußen regnets, ich wälze meinen Naturführer und bestimme die Dünenflora: Strand-Hafer, Gras-Nelke, Sumpf! Sumpf! Sumpfdotter, Schaf, Schafgarbe, Gäns – Frauenmantel, Gänseblümchen, Kna-benkraut! Pissnelke, Orchidee, und Thy-mi-an. Hi Dear, Pfennig und Labber, Labber und Pfennig. Lab-kraut, Pfennig-Gilb-Weiderich!



 
Gestern kamen wieder neue Nachbarn. Aus Glencoe diesmal – später erfahren wir, dass es Landsleute sind. Expats aus dem Ruhrpott. Sie bauen ein cooles, tipimäßiges Spitzzelt auf. Haben wir vorher noch nie gesehen (danach hatten wir nochmal dänische Nachbarn mit so einem Zelt, aber ne Nummer kleiner und von einer andren Marke). Dass es Deutsche sein müssen, dachte ich mir beim Namen des Hundes: Momo. Sie schlafen darin im Kreis an der Zeltwand entlang. In der Mitte wäre Platz für ein Feuer, aber das machen sie nicht. Der Superhund wacht draußen. Muckst sich nicht, wenn die Tiere vorbeikommen, die hier zuhause sind. Entspannteste Familie ever. Heyho Leute, wenn ihr das lest: Schön euch kennengelernt zu haben.

Ein anderer Nachbar ist kaum zu sehen. Ein Minimalist. Rennrad, Biwaksack – fertig. Nur das mit dem Essenstransport sei ein Problem. Aber Taschen wie wir – er schaut auf unsren Hänger, die Packtaschen. „Bewundernswert“, sagt er (was meint er wirklich?) „Für sowas bin ich zu faul.“ Wir finden auch ihn bewundernswert. Mit seinen eher unpraktischen Anziehsachen und dem Schlafplatz unter der Uferböschung, die ihn nachts wie ein Dach schützt.

Wir packen im Niesel. Die Familie bleibt – wir winken einander. Bereit? Wir starten zum nächsten Wellenritt an Land. Next Stop: Bosta Beach.

 
 
 

Schottland – Reiselogbuch #1

27. August 2018 von m&m | 2 Kommentare

Cut and go


 

Katzennetz in unseren Balkongarten gefummelt. Letzte Infos für die Katzensitterinnen. Süßes für die Postfach-Bestücker. Das noch erledigt, und das und das. Pffff. Aber gut, wir werden immerhin fast vier Wochen weg sein. Endlich starten wir. Los. Fahrn. Losfahrn.

Ich sitze ruhig da, aber in mir rüttelts und ruckelts. Die letzten Stunden, Tage, Wochen der Vorbereitung in den Knochen. Das Abgehake der Listen. Das Packen. Zwei Lenker-, neun Fahrradpacktaschen. Zelt, Isomatten, Schlafsäcke, Hänger. Klamotten, Campingküche, Fotoausrüstung, Strom, Bücher, Trackingkram, Waschkram, Klammern sogar – und, klar, Proviant für on the Road.

Check, check: die letzen Emails. Läuft alles? Wie, Bankverbindung habt ihr nicht? Was will der denn noch. Wieso hat der denn den Anhang nicht gekriegt? Zur Hö… Also gut, nochmal raus damit, gesendet von meinem Handy. Fertig. Aus. Urlaub.

Und dann – O Mann! Adrenalin schießt auf: Die Buchungsbestätigung für die Fähre – wo ist die?!? Wollt ich doch noch in die Dropbox laden. Hab ich nicht. Die Mail zu alt, komm nicht ran mit dem Handy. Ach du Kacke. War das mein Part? Wie kommen wir da im Zweifelsfall dran? Nervt mich bis kurz vorm Fährhafen Ijmuiden. Schnapp, Schnapp, Aus. Ein. Atmen. Pat hat sie gedruckt. Hat den Ausdruck dabei. PFFFF. Alles gut.

Einchecken



 

Eigentlich wollten wir noch Pommes essen im Hafen von Ijmuiden, doch auf einmal sind wir eingereiht, als hätte uns ein Magnet erfasst. Gigantisch. Eine Riesin diese Fähre. Fast 163 Meter lang, fast 30 breit. Elf Decks mit Platz für 1250 Menschen, 600 Autos. Ganz oben die Sky Bar. Himmelsraum mit Hubschrauberlandeplatz für Notfälle, aber das sehen wir erst später. Noch stehn wir an. Natürlich dürfen immer die neben uns fahren. Also, weiter Schlangestehn, Fähre gucken, Fotos machen. Wie alle andern. Und Warten. Warten. Warten. Autos, Trucks und Camper in allen Größen. Motorräder, Biker, Ordner, Einweiser, Männer und Frauen zur See.

Endlich auch wir. Drin. Hektisch greifen wir, was wir auf der Fähre brauchen, raus aus dem Auto und hoch die Treppen. Eine der 478 Kabinen auf Deck sieben ist unsere. Minischlafkiste für zwei. Ohne Meerblick, mit Etagenbett. Für das obere braucht man einen Yoga-Ausweis – ist also meins. Hi Princess. Da sind wir, endlich auf Deck! Die Sonne scheint, der Himmel ist blau, die See atmet wie ein schlafender Hund. Fühlt sich alles verdammt gut an.

Noch sind wir im Hafen: Eine Dreimastbark umspielt surreal die Hafenkräne. Wind bläht das Leinen, Sonne malt Schatten drauf. Am Ende sieht es aus, als sei die Bark per Photoshop einmontiert. Ein Werbegag. Auch gegenüber das Spiel zwischen pittoresk und grotesk. Strandbad vor Windrad. Energie für die Schornsteine von Tatta Steel. Die „Tankerkette von Antifer“ fällt mir ein (Sommer 1980 von Marguerite Duras).

Im Hafenbecken Seehunde. Wir schaukeln sanft. Jetzt legt sie ab, unsere Princess. Die autogroßen Luftkissen, Yokohama-Fender, platschen wuchtig zurück ins Wasser. Die Möwen auf Zack, stürzen sich auf alles Fressbare, das die Princess-Motoren aus sechs Metern Tiefe emporwirbeln.

An Bord



 
Auf den Outdoor-Decks gibts vier, fünf Dinge, mit denen du dich beschäftigen kannst: Meer gucken, Menschen gucken, Essen, Trinken, Reden oder Lesen. Indoors dasselbe, plus Shoppen, Geld wechseln (Deck 6) oder Spielen im Kasino und Kinogucken (Deck 8).

Außer Kino und Kasino machen wir alles. Überwiegend aber gehören wir zu denen, die sich draußen den Wind um die Ohren wehen und die Sonne auf die Nase brennen lassen. Darunter auch zwei Papas. Einer mit einer rothaarigen Teenie-Tochter, der andere mit vier (!) Mädchen (drei Schwestern, eine Freundin, schätze ich). Was auch immer passiert, der Mann bleibt tiefenentspannt. Chapeau! Er fotografiert die Damen auf Wunsch. Die jüngste, sieben oder acht, immer und sofort am Posen. Dann sind die Großen weg und sie sagt: „Papa, zeichne mich.“ Okay. Papa zückt Zeichenbuch und Bleistift und sie steht an der Reling Modell.

Steht, wartet. Versinkt in meditativer Starre. Die Mundwinkel sinken ab. Anders als beim Foto steht sie da. Plötzlich nicht mehr als Bild eines Kindes, als süße Maus. Sondern als Bild ihrer selbst. Ich sehe ein Schnutenmädchen beim Ichwerden. Ganz richtig sieht das alles aus. Still. Ganz still hält sie. Ohne Knöttern. Bis Papa fertig ist.

Nachts in der Wiege der See. Die U-20jährigen im Hochspannungsmodus. Checken rum, als würden sie gleich die letzte Chance verpassen etwas Aufregendes zu erleben. Einer schreit nachts nach seinem Kumpel. Zweimal, dreimal. Still. Frühmorgens: Anstehn im Café. Wir balancieren Milchkaffee, Croissants und Obst an Deck und frühstücken in der Sonne. Perfektes Timing – denn vor Englands Küste liegt eine Nebelbank. Wie eine Augenschleuse, ein Licht- und Wolkenbad, das uns vorbereitet auf Neues.

England, North Shields


 
An Land erstmal anhalten, sortieren, Karte gucken. Und von den Deutschen, die vor uns dasselbe tun, erlauschen, dass Stornoway ein „Scheißkaff“ sei, „verrammelt und vernagelt“. Abends würden die Bordsteine hochgeklappt. Tot und stinkelangweilig. „Nach drei Tagen sind wir geflohen“, schildert eine Frau anderen Reisenden ihren Eindruck. Pat guckt etwas entsetzt: genau da wollen wir ja hin, nach Stornoway.

Er war zuletzt vor fast 40 Jahren da. Damals war sonntags alles dicht, wegen der streng calvinistischen Grundhaltung. Daran erinnert er sich. Ansonsten aber fand er es wunderbar – deswegen sind wir ja hier.

Schottland, wie er es auf den Inseln der Äußeren Hebriden erlebte, lockt mich, seitdem wir uns kennen. Also seit 35 Jahren. Ich sah Schottland zuerst auf seinen Bildern. Schwarz und weiß. Steinkreuze, Wolken, Steine und Wiesen. Schafe und Ruinen und Meer. Markante Landschaften voller Weite und Extreme, die Pat unter der Trockenpresse in glänzende Baryt-Abzüge verwandelte. Jedes ein Unikat.

Jetzt, wo sie vor meinem inneren Auge liegen, möchte ich an der Gelatine lecken und mit den Fingerkuppen die schimmernde Schwärze fühlen. Schsch! Nur ruhig, sie liegen im Archiv ganz sicher in ihren Pappschachteln. Nur eines fehlt. Ein Mann im Mantel am Strand. Verschenkt.

Der Nächste, der fand, ich müsse un-be-dingt nach Schottland, war unser Sohn. Der war vor ein paar Jahren mit drei seiner besten Kumpels da. Immer seine Kunstfell-Ohrenklappenmütze auf dem Kopf. Wie ein durchgeknallter Freak aus einem Film. Sie sind auf Berge gekraxelt, durch Wasser gewatet. Wurden durchgeregnet, sind gewandert und Bus gefahren. Haben Äpfel und Bohnen aus der Dose und Bohnen und Äpfel gegessen… Der Junge kam zurück wie neu geboren. Entspannt wie wir ihn seit Kindertagen nicht erlebt haben.

Fáilte gu Alba*




 
Wie werden wir es finden? Erst mal müssen wir hinfinden. Einer fährt, eine navigiert. Die 500 Kilometer bis zur schottischen Westküste, wo wir die Fähre nach Lewis nehmen wollen, fahren wir in einem Rutsch.

Mittendrin würde ich am liebsten aus dem Auto springen. Das In-der-Kiste-sitzen ist mir ein Gräuel. Anhalten! Brüllt es in mir, Anhalten! Guck doch mal, Fahrer, wie schön es hier ist… Aber, es ist ja überall schön, wo sollen wir anhalten? Und, was tun, außer einem Pausenkaffee trinken? Wir merken uns einen Ort – Pitlochry – hier bleiben wir, wenn es passt, auf der Rückreise und gucken uns um.

Die Landschaft dort am Tay Forest National Park – grandios. Was ich beim Rasten und aus dem Autofenster sehe ist angenehm neu und fremd. Andere Pflanzen, andere Landschaftsformationen, und sogar andere Lebensmittel an der Tanke und im Café. Ich muss daran denken, wie ich als 13-Jährige zum ersten Mal in England war und kaum fassen konnte, dass es dort auch Milky Way gab, und Bäume, wie hier bei uns. Die erwartete, totale Fremdheit blieb aus.

Radreise ahoi


 
Nächster Halt Ullapool. Wir finden den Campingplatz, schlagen zum ersten Mal unser Zelt auf, und bekommen einen glutroten Sonnenuntergang mit springenden Fischlein zum Empfang. Das Absackerbier trinken wir in einer Café-Bar, die nur wegen der Fußball WM noch auf hat. Auf dem Schiff war die übrigens kein Thema, nirgends. Als Deutschland verlor, wurde dort ein belgisches Radrennen übertragen.

Das ist also Schottland: trocken und 32 Grad heiß. Wir haben Handschuhe mit, aber keine Sonnencreme… Die kaufe ich nach einem grandiosen Frühstück im Café „The Frigate“. Danach erstehen wir noch regionale Landkarten im Buchladen und retten uns in den Schatten eines Parks am Stadtrand und Ufer des Loch Broom. Abends kommen wir mit unseren Zelt-Nachbarn ins Gespräch. Gibts das? Sie kommen aus Offenbach. Seit sechs Jahren ziehe es sie immer wieder hierher. Backpacker. Sie planen vom Nordatlantik an die Nordsee zu laufen.

Wie feucht auch immer alles sein mag, du musst trockene Socken haben! – Diesen Rat nehme ich von der Offenbacherin mit. Schaun‘mer mal – Morgen gehts bei uns richtig los. Das Auto bekommt einen Platz für drei Wochen, und dann sind wir endlich Reiseradler: Lewis wir kommen. By bike!
 



 

* Gälisch für Willkommen in Schottland