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Tracking-Literatur #2: Tierspuren Europas

22. Oktober 2021 von Sylvia | Keine Kommentare

 

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Tschacka! Jetzt gilts, dachte ich im Mai, als Joscha Grolms mir die Bestätigungsmail schickte; „Der Platz geht an Dich!“ Juppie! Gleichzeitig dachte ich aber auch: Oioi, hoffentlich übernimmste dich nicht. Meine erste Fährtenleser-Evaluation, hiermit gebucht. Bisschen Training würde nicht schaden – und das neue Buch auch nicht, aber wann kommts denn endlich?! Vorbestellt seit Februar. Erst dachte ich ja, 70 Euro… Puh. Brauch ich das? Dann versicherte mir eine Freundin, die Fotos beigesteuert, das Buch gegengelesen und somit ordentlich Einblick hatte: „Du wirst es lieben“. Bestellt. Und im Juli endlich hatte ich es dann in der Hand. Oder besser in zwei Händen, über zwei Kilo. Ein Klotz von über 800 Seiten. Kann man da noch von Handbuch reden? Doch. Ja. Und was für eins. Den Verlag hat es wohl verblüfft wie viele Tracker-Nerds es gibt – 600 Vorbestellungen warteten auf Auslieferung. Drei Monate später ist die erste Auflage von 4000 Exemplaren verkauft. Die nächste gedruckt.

Und ich bin in der Lausitz. Der erste Evaluierungstag ist zu Ende. Elf Prüflinge, Evaluierer Joscha sowie Ulrike und Golo, die die Klemmbretter halten, und Antworten entgegennehmen sitzen am Tisch der Pension Zum Hammer. Wie er sich jetzt fühlt? Nach dem Buch? „Befreit“, antwortet der Master-Fährtenleser. Kein Wunder nach acht Jahren Arbeit. Zwei Winter, schreibt er, habe er nur damit verbracht, die Unterschiede zwischen den verschiedenen Mause-Arten zu untersuchen. 200 Tage allein mit Zeichnen. Dazu sind er und seine Lebenspartnerin Laura Gärtner an verschiedene Orten Europas gereist, um auch Informationen über Tiere wie Wisent, Moschusochse, Ginsterkatze oder Stachelschwein aus erster Hand weitergeben zu können.

Bis Juli waren diese meine Favoriten unter den Fährtenleser-Büchern: Het Prentenboek (René Nauta und Aaldrik Poth) mit alles, vom Säugetier bis zum Tausendfüßler, und ergänzend „The Art of Tracking Animals“ (Wlodomierz Jedrzejeski und Vadim Sorovich) nur über Säugetiere. Niederländisch das erste, englisch das zweite. Auf Deutsch gehört für mich „der Grimmberger“ dazu, „Die Säugetiere Mitteleuropas“. Mit seinen Säugetierportraits, einigen Fußspuren, Maßen von Füßen und Abbildungen von Schädeln war das schon ganz gut, aber nicht vergleichbar mit Het Prentenboek. Der Ulmer Verlag hat das erkannt, und bei Joscha angefragt. So wünscht man sich das als Autor. Ihn im Feld zu erleben – jemanden, der die unscheinbarsten Spuren auftreibt wie die einer jungen Schlingnatter unter einer Brücke – beeindruckend. Dazu die Geschichten, die er erzählt – und von denen ich gern mehr im Buch hätte, aber wie viele Seiten hätten es dann müssen sein?

Den ganzen Tag draußen, und dazu hochkonzentriert – wir elf Prüflinge sind platt. Nach 30 Stationen mit Fragen wie, Was ist das? (Antwort z.B. “Kolkrabenschiss”), Welche Gangart? (“Schrägtrab”), Wer?… Fragt sich die eine, Warum um Himmelswillen, sie nicht Möwe geschrieben, obwohl sie’s gesehen hat. Der andere, Warum zur Hölle er das Hermelin nicht erkannte. Und – Oioioi, was würde morgen alles drankommen? Vogelfußabdrücke? Mausefüße? Noch schnell was nachgucken?!


 

Ich nehme den Wälzer. Im Gegensatz zu meiner Ausgabe öffnet sich das Buch geschmeidig, meine wurde ja auch noch nicht so oft benutzt. Xmal meinte Joscha bei relativ einfachen Aufgaben, „So viel Zeit haben wir jetzt nicht: Könnt ihr nachgucken, steht alles im Buch.“ So macht mans zum Nachschlagewerk. Es sind aber auch unglaublich viele Details zu sehen und nachzulesen. Zurück zur Arbeit: Wie war das mit den Mäusen? Auf die hatte ich mich als allererstes gestürzt, als das Buch kam. Wollte bei meinen Spurenfunden Wühl- und Waldmaus unterscheiden, aber wie? Fußabdrücke, kleiner als mein kleiner Fingernagel. Schwierig genug, ihre Abdrücke zu finden, und dann (für eine Spurendokumentation) genau zu erkennen und zu messen. Klein. Sehr klein. Aber auseinanderhalten? Andere Fährtenleserbücher zeigen oft Abdrücke, die mit Füßen toter Tiere gemacht wurden, Joscha nutzt wie sein Vorbild Mark Elbroch, Fährtenleser-Crack aus den USA, Tusche-Punkt-Zeichnungen und die entweder lebensgroß oder 50 % verkleinert. Dazu Fotos von Füßen (beim Schalenwild leider ohne Afterklauen, warum denn das?), Trittspuren auf unterschiedlichen Böden und Tintenabdrücke. Ich begann nach diesen Vorlagen die Mauseabdrücke selbst zu zeichnen, um mich einzufühlen. Und bestimmte daraufhin zwei Mausefährten aus meinem Archiv. Ha: Eine Wald- und eine Rötelmaus. Aber wie war das noch? Würde ich das morgen noch wissen? Auf keinen Fall jetzt noch vertiefen. Ich bin weit weg von aufnahmefähig. Mein Schlafsack wartet, und noch weiß ich nicht, dass ich bei Minus vier Grad im Naturcamp keine kuschelige Nacht verbringen werde.

Neuer Tag, neues Trackingglück. Traumhaftes Herbstlicht und alle sind aus dem Häuschen: Seeadler voraus! Dann die ersten Stationen – so werden die nummerierten Stellen mit Tierspuren genannt, die es für uns Prüflinge zu identifizieren gilt. Am Ende werden es 60 Fragen gewesen sein, von leicht über mittel bis schwer. Die erste gleich versemmelt: Ein Rothirsch, Mensch! Kein Wildschwein ist am Rand des Ufers durch die Matsche galoppiert. Hätte ich erkennen können. Müssen. Sicher ne Level-I-Frage. Mist. Je leichter die Frage, desto größer der Punktabzug. Auch, wenn das nicht der Hauptgrund war, ohne Zertifikat wollte ich nun auch nicht nach Hause – und es gab schließlich wirklich schwere Fragen. Sachen die ich im Leben noch nicht gesehen hatte. Den Fußabdruck eines Kiebitzes etwa, der einzige Regenpfeifer mit Hallux, wie wir bei der Auflösung erfahren.

Und schon die nächste Frage-Runde am Seeufer gegenüber. Klemmbretthalter Golo erklärt, worum es geht und wünscht „Viel Spaß!“ Na, endlich was Einfaches. Diese Fährte im Schlamm war leicht: Ein Waschbar. Gangart? Schritt, extrem übereilt – Check. Auch die nächste Frage flutscht: Welcher Fuß? Waschbär, hinten rechts. Check. Und dann ne Minifährte: Wer wars? Klein, sehr klein. Maus. Wie war das noch? Hätte ich das mal auswendig gelernt. Mir fiel ein, dass im Buch stand, dass für eine Art Maus typisch ist, dass sie nicht springt, sondern meist Schritt läuft so wie die hier. Aber welche? Ich sah die Zehen ein V bilden – V for Vole. Gut: Wühlmaus. Aber welche? Puh. Ich tippte auf Rötelmaus. Tscha. Knapp daneben ist auch vorbei.

Dann die Auflösung, das Salz der Evaluation, und Joscha hält uns einen kleinen Vortrag über die Evolution der Mäuse. „Ik ben om“, würde der Holländer sagen, Haut mich um. Mit Hilfe von laminierten Zeichnungen, die auch im Buch als Gegenüberstellung zu finden sind, erläutert Joscha, wie sich die Feldmäuse und ihre Füße vom Leben in Erdgängen zum Waldmaus-Leben als Springer und Kletterer über der Erde entwickelt haben. Sozusagen vom Tunnel ins Licht. Und natürlich sind diejenigen, die heute noch in Erdtunnelgängen rumlaufen auch die, die nicht springen. Dazu Joscha, „da stößt man sich ja sonst dauernd den Kopf.“ Evolutionäres Zwischenglied zwischen beiden sei die Rötelmaus, die zwar auch Schritt läuft, aber eben auch springt. Sie wars also nicht, sondern schlanke Feldmausfüße. Lection possible.

 

Solche Gegenüberstellungen sind ein sehr gelungener Teil des Buchs. Verglichen werden leicht verwechselbare Spuren wie eben die der Mäuse oder von Rothirsch und Wildschwein (ja, ja). Superpraxisnah daran, wie die besonderen Kennzeichen herausgearbeitet werden, an denen man die Unterschiede erkennen kann. Kleiner Kritikpunkt: Der Hinweiskasten auf diese Gegenüberstellungen wäre vorne beim Index besser zu finden und aufgehoben, als so versteckt hinten bei den Stichwörtern.

Wann oder warum auch immer ich das Buch aufschlage, bleibe ich hängen. Als Fährtenleserin interessiert mich ja jedes Zeichen, ob von Seeadler, Hermelin oder Regenwurm. Super ist, dass man für alle Säugetiere die Schrittlängen findet, sowie die Gangarten, in denen sie oder Vögel sich am liebsten fortbewegen. Gab es vorher so nicht. Mein persönlicher Kritikpunkt gilt der Bildsprache. Die über 1000 Farbfotos geben sehr viel an Info und Vorstellungsmöglichkeiten, sind aber anders als bei René Nauta nicht aus einem Guss und oftmals viel zu flau abgedruckt. Hier wäre eine durchgängige Bearbeitung wünschenswert, denn ein Buch lebt nicht zuletzt von der Wertigkeit des Visuellen. Das Titelbild soll sicher verkaufsfördernd sein und verkauft sich hoffentlich gut. Doch für mich entspricht es nicht Joschas Spirit oder dem des Buchs. Ansichtssache. Diskussionen um das beste Titelbild gibts immer. Inhaltlich habe ich keine Kritik, sondern bin dankbar für all das geteilte Wissen, das wiederum von so vielen anderen mit Joscha geteilt wurde. Eine Kulturspur mitten durch die Menschheitsgeschichte. Sie zu nutzen öffnet Blickwinkel, ermöglicht Einsichten. Bin gespannt auf Joschas nächstes Projekt. Wenn Bücher wie Babys kommen und gehen. Kanns acht Jahre dauern. Achso, Zertifikat? Jep: Level II. War nicht das letzte Mal dabei. Wir sehn uns, Leute. Wir sehn uns, Joscha. Ho.

 


Joscha Grolms: Tierspuren Europas
Spuren und Zeichen bestimmen und interpretieren.
 

Mit Spuren und Zeichen von Säugetieren, Vögeln, Reptilien, Amphibien und Wirbellosen.
815 Seiten, 69,95 Euro

 

Eugen Ulmer Verlag, Stuttgart
 

PS Keine Werbung, alles selber bezahlt.

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Liebe und Tod…

7. August 2020 von Sylvia | Keine Kommentare


 
.. alles andere ist Mumpitz. Jedenfalls bei Literatur, sagte jedenfalls MRR, Marcel Reich-Ranicki. Der Mann fällt mir immer ein, wenn ich rezensiere. Und Herrndorfer. Der fand Rezensionen hirnlos, die das besprochene Buch zusammenfassen. Oder unerträglich – den Original-Wortlaut weiß ich nicht mehr. Genauso wenig, wie ich noch weiß, was normal ist im C-Jahr. C wie Corona. Ich hab ein K-Jahr draus gemacht. K wie Krimi. Mir schon ewig nicht mehr so viele Ks reingezogen. Ermächtigungsstrategie?

Für diesmal hatte ich jedenfalls die Skandianavier schnell durch. Und zwar per Film. Zu Beginn des Coronawirbels landete ich beim Zappen durch die Faktennews auf irgendeinem Kanal bei Stieg Larssons Verblendung. Erleichtert blieb ich. Genau die richtige Unterhaltungs-Dosis für diesen Abend. Nur – dass es die entkernte, amerikanische Variante war. Frustrierend. Bah! Da half nur: Sofort die echte bestellen. Nein, gleich alle drei. Und warten. Klopapier und Masken hatten ja Vorrang. Und überhaupt bestellten ja plötzlich alle alles im Internet.
Irgendwann kamen die Scheiben. Die echten, mit der echten Noomi Rapace-Lisbeth. Diese Frau bedient ja nun wirklich allen Ermächtigungsbedarf, den unsereine so haben kann. Sonst noch? Einen Packen Wallander. War dann aber langweilig, weil nicht wirklich die gute Fassung.

Eingeschränkter Ausgang, Abstand, C-Koller… Eigentlich war ich ja hauptschlich im Wald. Kaum zuhause aber lechzte mein Hirn nach passenden Rausreißern, Peinlösern, Stresspuffern – her damit zur Hölle! Tschja, und warum Geld ausgeben, und C-Lieferzeiten in Kauf nehmen, wo das Gute längst im Regal steht: „Kaltes Feuer“ etwa von Dana Stabenow. Der erste aus ihrer Kate-Shugak-Reihe. So gut. Mal für eine nen taz-Artikel über Ermächtigung durch weibliche Krimi-Heldinnen angeschafft. Kennt kaum jemand, also: Darf ich vorstellen? Kate Shugak. Geborene Aleutin – so heißen die Ureinwohner einer gleichnamigen alaskanischen Inselkette -, einsfünfundsechzig, drahtig, goldhäutig, schwarzhaarig. Lebt im Nationalpark mit ihrer Husky-Wolf-Mischlingshündin. Und, mit 12 Kugeln im Rücken geht die noch lange nicht nach Hause. Ruht nicht, bis sie die Wahrheit ans Licht gezerrt hat. Wie unangenehm das auch für alle Beteiligten, inklusive ihr selbst, sein mag. Kate ist Ermächtigung pur. 20 Jahre besitze ich diesen Band (plus zwei weitere) schon, hab alle schon mindestes 147 Mal gelesen und freue mich immer noch über alle skurrilen Szenen, die die die Autorin so wortgewandt einstreut.

Gerne geklaut aus den Lokalnachrichten. Etwa das hier: Verpeiltes Touri-Pärchen stellt fest, dass es im Sommer in Alaska weder Schnee noch Hundeschlittenrennen gibt. Die frustriert-quengelige Ehefrau, die immer ihren Pudel bei sich trägt, entdeckt immerhin gegenüber vom Parkplatz eine Elchkuh mit ihren Kälbern. Entzückt eilt sie hin, um Kuh oder Kälbchen zu herzen. Fassungslos bewahrt Kate sie im letzten Moment vor einer garantiert unkuscheligen Begegnung, als ein Adler herniederstößt – und sich des Pudels bemächtigt. Zucker, Dana, love it!

Die anderen natürlich auch gleich nochma gelesen. Und nu? Hat Dana vielleicht doch noch weiter geschrieben? Ich hatte ja immer mal geguckt, aber nie mehr was gesehn. Tags drauf zur Wendeltreppe, best Krimibuchladen in Town, und die Chefin gefragt. Die meinte wie ich, es gäbe nichts Neues von ihr, aber ein paar Fortsetzungen kannte sie doch. Ich solle mal das Internet melken. Und wie ich so melke, traue ich meinen Augen nicht: Nummer 22. Kommt. Demnächst. Raus.

Boah. Einundzwanzig gibs?! Minus drei, die ich schon habe, macht das a-c-h-t-z-e-h-n, acht-zehn mir unbekannte Shugaks?! Hoohoo!! Woohoo! Bin jetzt Dauerkundin bei den amazon-Alternativen Booklooker und Abe Books. Die übersetzten hab ich mittlerweile alle. Jetzt les ich nur noch der Reihe nach – und aus Irland, oder England trudeln mehr oder weniger gebrauchte Exemplare bei uns ein. Als Nebeneffekt poliert die erzcoole Kate mein Englisch auf. Noch vor mir: das Buch, in dem Jack, ihr Freund und Lover stirbt. Verdammt, Dana, musste das sein?

Mittlerweile fühlt sich das wahre Leben immer fiktionaler an. Hamsterrad oder Alltagsgerüst muss jeder und jede selbst basteln, während Masken für audiovisuelle Unschärfe und Diffusität sorgen. Unter normalen Bedingungen wären wir zum Aufladen, Durcharbeiten und Krafttanken nach Schottland aufgebrochen. Geplant war die Fortsetzung unserer Äußere-Hebriden-Tour: South Uist mit dem Fahrrad. Diesmal sogar ohne Auto. Nur Fahrrad und Bahn. Tschja. Normal is nich. Aufs Rad sind wir trotzdem. Anderswohin halt. Ins Hohenlohische. Wunderschön da – nur leider mit kaum Unterkünften unterwegs. Wild campen? Ja, wenn man in Schottland wär… Ist ne Supertour geworden, auch wenn‘s uns echt das Campen verleidet hat. Aber das ist nun doch ne andre Geschichte.

Begleitet haben uns bei alldem zwei —? Genau, zwei Krimis. Reiselektüre, wie wir das früher mit Kind immer hatten. Jeder ein neues Buch im Gepäck. Ich mochte, wie die oft per Zufall ausgewählten Lektüre unsere Sommer grundierte. Krimis waren das bei unseren ersten Radreisen nicht. Diesmal schon: Frankfurt Krimis von Sonja Rudorf, einer Frankfurter Autorin, in Frankfurt bei unserem Lieblingsweinladen gekauft.

Wer kriegt den ersten Band? Pat ist schneller. Aber, die Reihenfolge soll nicht so wichtig sein, versichert Sonja. Ich guck mir ja immer die erste Seite an, bevor ich ein Buch kaufe – als ich nach einer halben Stunde wieder aufsehe, ist das Licht körnig geworden. Die Tote heißt Vesna, wie mein altes Fahrrad. Serbische Prinzessin… Sagt eine Mutter abfällig über sie. Mütter. Was sind das für Wesen? Mädchenmütter dazu. Werden hier ein bisschen ausgelotet. Als Jungsmutter hat man da so seine Erfahrungen, aber die und ich kommen ja nicht vor. Dafür Casting Shows. Hoffen. Sich Preisgeben, Auftreten, Abgang und dann womöglich der Absturz. Wie schnell wirkt alles daneben. Wie peinlich, wenn man unsicher ist. Und jung. Der Welt etwas mitgeben, das ist Schreiben. Die Hauptakteurin sympathisch. Powerfrau. Alleinlebende vespafahrende Psychotherapeutin – groß und gerne bunt gekleidet -, die es liebt, Regeln zu übertreten. Tante eines der Mädchen, um die es im Buch geht. Der Tod ist gleich von Anfang an da, Liebe kommt…

Bei mir legt sich Shugak drüber. Was oder wer ist Wahrheit? Hat sie Unpässlichkeiten? Echt? Hier gehts jedenfalls um Werte wie in einem alten Western: Solidarität und Verrat, wie schnell bricht Vertrauen, wen treffen Urteile, Vorurteile… Zwischendrin denk ich: Ogott! Was’n Zickenkrieg! Was‘n Chaos. Alles wird ständig neu gemischt, verworfen, mitgerissen. Und die Gedichte der 14-Jährigen! Ich sag nur: Schmonzig. Aber… genauso ist sie ja, die Pubie-Zeit. Lieber tot als 13. Und doch. Letztlich sind sie ja brettehrlich, diese Jugendlichen. Auch hier im Frankfurtkrimi.

Den Vorläufer-Band, in dem die Psychotherapeutin Jona Hagen zur Private Eye wird, auf Umwegen ihr Ermittlerinnen-ich entdeckt, lese ich direkt nach unserer Reise. In dieser schönen, kleinen Zwischenzeit, in der man noch nicht ganz ankommen möchte, aber auch nicht mehr unterwegs ist… Genau richtig das. Herrlich, ganze Abende mit Lesen verbringen – und dabei völlig abtauchen.

Tauchen. Mit lauter schräger Figuren. Worum es geht? Die Basics: Tod und Liebe, Lüge und Verrat. Wem kann man trauen? Hagens Mitarbeiter wird niedergeschlagen, ringt mit dem Leben. Und sie? Findet lauter belastendes Material – und lässt es verschwinden. Ihr Job steht auf dem Spiel. Reitet sich gerade deswegen immer weiter rein, und versucht doch gleichzeitig eine Schneise durch das Dickicht von Lüge und Maskerade und zu reißen. Die Erzählfäden werden immer mehr verzwirbelt und verdichtet, die Spannung erhöht, bis Motiv und zuschlagender Mensch herausblitzen und endlich auch, was passiert ist.

Für beide Bücher gilt: Aufatmen gibs am Main, am Fluss, der ihnen gerne und stoisch das alles durchströmende Band gibt. Drive – Jep. Spannung – Jep. Die erste Seite und die letzten Kapitel kann man gar nicht so schnell lesen, wie‘s abgeht. Zwischendrin geht sicher noch was. Mehr verrate ich nicht.

Mehr? Noch ist ja alles offen. Jona Hagen ist sympathisch, aber ich lerne sie erst kennen. Anders als nach acht Shugak-Krimis weiß ich von der Protagonistin wenig, nicht mal so ganz genau, wie sie aussieht. Bitte gerne nachlegen, ja?! Bei mir hat der Plot natürlich Heimvorteil: Die Protagonisten bewegen sich nicht durch Lissabon, Duisburg oder Ystad, sondern, Ha! Durch Frankfurt! Sind da unterwegs, wo es uns vertraut ist. In „unseren“ Gärten, Brücken, Cafés. Der Main und die Frankfurter. Sogar unsere Straße, der Gebäudekomplex, in dem wir wohnen, kommen vor. Beschrieben übrigens als „Spießerhochburg“. Na, danke. Darüber müssen wir reden Sonja, am besten bei einem Espresso. Schwarz. Süß. Gerne mit Grappa. Sonja?! Der nächste bitte.
 

Dana Stabenows Kate Shugak-Reihe: Kaltes Feuer, Wenn das Eis bricht (Piper, nur noch antiquarisch). Less than a Treason (Gere Donovan Press, 2017)

Sonja Rudorf: Alleingang (2016), Stromaufwärts (2019), Societätsverlag Frankfurt/Main