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Nur im Weltall ist es wirklich still – Buchkritikfeature

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Am Anfang war das Ohr

 

Lärm ist immer und überall. Am Streit über Lärm und Ruhe verdienen Rechtsanwälte satt – aber gibt es auch eine Kultur von Lärm oder Stille? Die Autorin Sieglinde Geisel hat sich auf die Suche begeben, Zitate lärmgeplagter Menschen geschürft und einen Essay über dieses Thema verfasst. Sehr lesenswert. Kaum hatte ich „Nur im Weltall ist es wirklich still“ in der Hand, konnte ich es nicht mehr weglegen. Und Diverses dazu gelernt: Entfremdung vom selbsterzeugten Schall etwa ist Schizophonie (iPod und Co.)…

Was ich durch eigene Recherche für einen Text schon gelernt hatte: kein Lärm ist gleich. Sie macht das deutlich durch eingestreute Zitate oder vielmehr Antworten auf die Frage, was schlimmer Lärm ist. Wer hier antwortet steht nicht dabei, vielleicht weil das immer gleich persönlich wird… Spannende Idee jedenfalls, die ich gleich an ein paar Willigen ausprobiert habe – unglaublich, was die Menschen alles antworten: Krähengekreisch, Bahnbremsenquietschen, Computerspielgeräusche aus dem Nachbarzimmer. Die offizielle Definition gab mir Lärmforscherin Brigitte Schulte-Fortkamp: „Lärm ist belästigender, unangenehmer Schall.“ Schon klar, dass ein Motorradfahrer und ein Wanderer unterschiedliche Vorstellungen von Spaß am Feldberg haben.

Bis zu meiner Recherche vor kurzem glaubte ich ja, Verkehrs- und anderer ständiger Lärm nehme stetig zu. Also: Früher.. jaul, jammer.. war alles leiser…. Tja, dann fand ich unter anderem dieses Zitat: „Ein Offenbacher Bürger schickte dem Direktor des Frankfurter Rhein-Main-Flughafens eine Postkarte und machte seinem Zorn auf einen Piloten Luft, der “nachts um 3/4 vier das Gebiet zwischen Krankenhaus und Rosenhöhe” überflog: “Ich wünsche ihm nichts Schlechtes, aber er soll die Scheißerei acht Tage haben, 50 Prozent dünner wie das Mainwasser …” Von wann? Wer’s nachlesen will – hier: Der Spiegel, „Alles bebt“ vom 18. März 1968 (ja doch: achtundsechzig!). Und dann noch eins von Tucholsky: „Mein Hund macht keinen Lärm, der bellt nur.“ Es findet sich im „Traktat über den Hund sowie über Lärm und Geräusch.“ Die Absonderungen des genialen Hundebesitzerhassers wurden  1927 gedruckt (nachzulesen zum Beispiel hier.)

Die Lärmessayistin Sieglinde Geisel verfogt die Spur der Lärmplage bis zu den alten Römern, in deren Straßen ein geradezu infernalischer Krach geherrscht haben muss. Schlaflose Nächte soll die Mischung aus dem Rädergerumpel der Fuhrwerke, dem Trappeln von Pferdehufen und der Flucherei der Fuhrmänner ergeben haben. Jahrhunderte später schimpft Arthur Schopenhauer über Verkehrslärm – vor allem über das „Peitschengeknalle“, das sein Denken zerreiße. Geisel ist nicht die einzige, die Schopenhauer zum Thema Lärm zitiert, aber scheinbar doch die einzige, die auch die Zeilen vorher und nachher gelesen hat. Sie entlarvt den vermeintlich zartbesaiteten Denker als bourgoisen Schnösel. Lärm machten nach seine Hörart offenbar nur tumbe Arbeiter. Lärm steht also auch für sozialen Makel.

Am schlimmsten fanden Brigitte Schulte-Fortkamps Studienteilnehmer Lärm, den sie nicht kontrollieren konnten (sie übrigens ist die Krähenkreischhasserin). Wer sich hilflos gegenüber Krachmandeln fühlt, wird kribbelig bis aggressiv. Sieglinde Geisel erklärt sehr einleuchtend warum. Ich kürze mal auf: Wer den Lärm macht, hat die Macht. Wer zuhören muss, fühlt sich unterlegen, ohnmächtig, unterdrückt. Lärm ist also nichts anderes als die Reaktion auf unerwünschten Schall. Wie wer worauf reagiert ist derart subjektiv, dass es keine Lärmwirkungsforschung, nur eine über den Schall geben kann. Entsprechend einig sind sich die Ärzte: Lärm macht krank? Im Prinzip ja, aber…Geradezu fahrlässig sind aber Studien, die behaupten, aus Schall könnten Brustkrebs, Depressionen oder Herzinfarkte wachsen. Ist der Gedanke erst mal im Kopf… ist das wie Gift, denn: genau da wird Lärm zum krank machenden Faktor.

 

„Wir sind hier, wie sind laut, weil man uns die Ruhe klaut!“ schreien die Fluglärmgegner des Flughafens Rhein-Main Montag für Montag seit rund einem Jahr. Die werden sich schon dran gewöhnen, dachte das Management, doch der von Trillerpfeifen, Ratschen und Topfdeckelklappern begleitete Protest ebbt nicht ab. Schon klar, man will den Lärm zum Verursacher zurückbringen, aber auf Dauer ist auch das einfach nur laut. Am Rand einer Demo sah ich letztes Jahr eine Sanitäterin, die einen kleinen Jungen mit Ohrenstöpseln versorgte. Sogar manche Aktivisten verstehen nicht, warum der Antilärmprotest so brüllelaut sein muss. Verständigung? Bei Lärm? In jeder Hinsicht Fehlanzeige. Solidarisierung? Vergiss es. Denn: was schert mich das (Lärm-)Problem der andern? Solln sie doch wegziehn.

Das Wort selbst stammt übrigens vom italienischen all’ arme –zu den Waffen. Das Ohr funkt bei unerwartetem Radau ALARM ans Hirn und das schüttet dann genügend Adrenalin in die Blutbahn, dass wir schnellstmöglichst die Flucht ergreifen können – oder jedenfalls noch lange wach liegen, weil irgendeine Dumpfbacke falschen Alarm ausgelöst hat. Lärm macht auch Spaß oder weckt Zerstörungslust. Einen Sex-Pistols-Musiker habe ich sagen hören, er habe sich immer direkt vor die Lautsprecher gestellt, wollte sich auslöschen lassen durch den Krach.

Aber zurück zum Buch. Die Autorin rechnet Lärm zu legalen Drogen, „doch er ist nicht harmlos.“ Sieht man von der Gefahr des Gehörverlusts ab – sei der durch Lärm euphorisierte Mensch selbst eine Gefahr. Die meisten Schlägereien gebe es nach dem Verlassen von Diskotheken. Lärm ist nicht Macht, Lärm ist Ersatz für Macht. Schon kleine Kinder wüssten das und nutzen ihr lautestes Organ um Oberwasser zu bekommen – und treiben Erwachsene in den Kreischkoller.

 

Auf dem Weg durch die Jahrhunderte stattet sie verschiedenen Lärmempfindlichen einen Besuch ab und stellt fest: „Es gibt kein Geräusch, das sich im Kopf eines Lärmempfindlichen nicht in Lärm verwandeln würde, und deshalb gibt es auch kein Geräusch, das er nicht verbieten möchte.“ So sehr gefühlter Lärm Alarm, Abwehr, Ausraster provoziert – erstaunlicherweise funktioniert es auch andersherum. Stille kann wohltuend sein, das Fehlen jeglichen Geräuschs aber auch verdammt beängstigend. Also dient es ebenso wie unkontrollierbarer Lärm als Instrument zum Quälen, weiße Folter genannt, weil äußerlich keine Spuren zurückbleiben. Die psychischen Spuren dagegen können immens sein.

Ich hatte es mir ja schon früher gedacht (hier), aber seit ich gemerkt habe, wie sehr mein persönlicher Lärmstress von Konzentrationsgrad oder Gefühlen abhängt, sing ich mir eins, bevor mich die Wut über ungewollten aber unvermeidbaren Lärm flutet, oder lenke mich sonstwie ab. Geisels Fazit „Dass Lärm eine Frage des Bewusstseins ist, ist eine gute Nachricht. Wir haben die Chance ihn zu zähmen. Seltsamerweise sinkt die Lärmempfindlichkeit, wenn man sich mit dem Lärm beschäftigt.“ Und? Probiert’s aus: Jodeln ist besser als Jaulen…


Sieglinde Geisel: Nur im Weltall ist es wirklich still. Vom Lärm und der Sehnsucht nach Stille. Galiani, Berlin 2010, 192 Seiten.


 

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