Bild des Monats: September 2016
See English version below Verbote, Schießereien, Blut… Als ich den Raum betrat war Stille und Aufmerksamkeit. Eine Frau türmte die Ungerechtigkeiten der Welt in Worten auf und riss diese Babeltürme auch wieder mit Worten in Stücke. Las ein kraftvolles Plädoyer für Freiheit und Frieden. Die stolze Exil-Chilenin und Poetin Silvia Cuevas Morales ließ das Blatt sinken – und die Zuhörer klatschten. Ich saß zwar mittendrin, doch ich war zu spät gekommen. Mein Navi hatte das Schillerhaus nicht gekannt, den Tagungsort des 1. Poesie-Festivals in Rödermark. Knapp zwei Dutzend Dichter um mich herum. Ich gehörte dazu, war aber noch nicht im Bild. Was war das hier, ein Manifest? Ich wusste, dass eine Vorstellungsrunde vorgesehen war. Gut, ich war eine Viertelstunde zu spät, aber sie konnten doch nicht schon alle vorgestellt sein, und gemeinsam ein Papier erarbeitet haben? Der Organisator und Initiator Peter Völker rief den Nächsten nach vorne: Julio Pavaretti. Der lächelte in die Runde und begann sein Gedicht „The naked city“ zu lesen. Was für ein wunderbarer Titel. Danach Annabel Villar mit „Für sie ist …
Nice day in Frankfurt:
Auszeit. Ein Tag Berlin auf dem Mauerweg, auf Locationsuche für ein Panorama. Mauer also. Beton. Eisenstangen. Sogar die Reste irritieren noch. Wir passieren einen alten Wachturm – links eine Hochzeit mit Herzchenballons und Korkenknallen, dahinter Roma auf Klappstühlen und rechts auf einer Infotafel aus Plexi alte Fotos. So hat es früher ausgesehen. Etwa 30 Jahre her. Als ich geboren wurde, ist diese Mauer hochgezogen worden, als unser Sohn geboren wurde, wurde sie durchbrochen. Dann wieder ein Stück Beton und Berlin und plötzlich quietschbunt: die East Side Gallery. Graffiti vom Feinsten. Schönes, Psychedelisches, Abgefucktes, Poetisches – alles, was die Scene so drauf hat. Die Mauergalerie ist – Geschichte? – durch hohe Zäune geschützt. „Zerstörung“, warnen Schilder „werde verfolgt“ und bestraft. Ich fahre Mietrad, sauge Farbe, lese Kronkorken. Ein Hund pflückt ein Frisbee aus der Luft. Es ist heiß in Berlin. Das Gras gelb und und wir folgen der Mauer und plötzlich sind wir hier: War on Wall – Kai Wiedenhöfers Syrien-Doku. Fast dran vorbeigefahren. Riesige Panorama-Fotos. Still aber berstend vor Gewalt. Kobanes Straßen in Schutt …
Weg damit? Ich halte inne, stoppe den fast schon automatisierten Entrümplungsablauf – Tasche-aufhalten-Papier-reinstopfen – und halte eine Seite aus der „Zeit“ in der Hand. Ich beginne zu lesen. Mitten in meinem Recherche- und Medienmüll lese ich vom Traum des Kenzaburo Oe. Mit seinen Büchern bin ich nie warm geworden, aber dieser Einblick in die Beziehung zu seinem behinderten Sohn Hikari geht mir unter die Haut. Wie auch das Bild, das Mathias Bothor dazu gelungen ist. Ich entfalte das Zeit-Blatt, schaue aufs Datum und stutze: mein Archivfund ist genau zehn Jahre alt! 11. Mai 2006. Das Aufmacherzitat hatte mich angezogen: „Ich lernte mit dem Schweigen meines Sohnes zu leben. Jetzt sendet er mit seiner Musik Botschaften an seinen Vater und die Welt. Ein Glück, von dem ich nie gewagt hätte zu träumen.“ Ich lese mich fest. Der Sohn wurde als Baby operiert, die Diagnose der Ärzte: wegen fehlender Verbindungen zwischen den Gehirnhälftener werde der Junge nie Worte in Zusammenhang bringen können. Oe ist heute 81, sein Sohn 52 – wie es den beiden heute geht? …