Autor: Sylvia

Occupy Fraport: We`ll be back Monday

  Montag 16.1. Sachsenhausen, S-Bahn-Station Stadion, 17 Uhr 21 „Ich bring erst die junge Dame hier zum Flieger, dann stoße ich zu euch“, outet sich einer der Wartenden und kommentiert selbstironisch grinsend, „erst fliegen , denn protestieren…“ „Wir fliegen auch gerne,“ beruhigt ihn eine Frau, die gerade gegen die beißende Kälte eine Mütze auspackt. Zwischen die Beine geklemmt ein Schild, dessen Aufschrift sie als Sachsenhäuser Nachtfluggegnerin ausweist. Hab mir vorgestellt, das hier mehr Leute sind, denke ich noch, während mir grade die Finger abfrieren, dann rauscht endlich die Bahn ein – und ist rammelvoll. Da hilft nur: Lücke anpeilen, Augen zu, und rein.   Flughafen, Terminal 1B, 18 Uhr 16 Am Flughafen dann spuckt die Bahn Demonstranten zu Hunderten aus, und die nächste wieder, und auch die aus der Gegenrichtung. Im Viertelstundentakt kommen Leute aus: Mainz-Gustavsburg, Hanau, Rumpenheim, Offenkrach, Flörsheim, Schwabenheim…. Das jedenfalls kann man auf ihren selbst gebastelten Ortsschildern lesen. Wenn wieder ein Schwung Menschen angekommen ist, wird sich erst mal sortiert. Jee-ens?! Hallo Karlheinz! Mensch Moni, schön, dass du da bist! Am Ende …

Antizunderzeichen: 20*C+M+B+12

  Jetzt kann’s losgehn. Die Heiligen sind da, die Waldkrippe komplett, der Waldweihnachtskreis geschlossen. Das Who is who der Könige – wer in der Waldhütte am Kesselbruchweiher Kaspar, Melchior oder Balthasar ist –, mögen theologisch Beschlagene deuten, das andere aber, das Krippen-Whodunnit-Rätsel hat der Dreikönigstag gelüftet. Mit den Dreien ist nämlich auch eine Nachricht aufgetaucht: der Krippenbauer ist ein Maler: Gaetano De Caro aus Neu-Isenburg. Nur wegen ihm weiß ich jetzt viel mehr über Zunderschwämme – Baumpilze –, die er in goldfarbenen Varianten traditionell als Heiligenscheine verwendet, und über die Heiligen Drei Könige selbst, als je. Als ich Kind war, war „Heiligdreikönig“ der Tag, an dem Weihnachten aufhörte. Krippenfiguren, Engel, Kugeln und Sterne verschwanden bis zum nächsten Jahr in ihrer stabilen Kellerkiste und der Baum? Weg. Davon, dass die Morgenlandmänner eher persische Sterndeuter oder Magier waren denn Könige, wusste ich nichts. Auch nichts davon, dass Gläubige ab dem 12. Jahrhundert die ursprünglich drei weißen Weisen in zwei weiße und einen schwarzen verwandelten. Nicht aus political Correctness, sondern weil sie glaubten, es gebe drei Kontinente und …

Zeitzeichen: Goldstrom

… Goldstrom ist unser Kommentar zum Thema Finanzwelten. Die eine Realität: Realeinkommen sind geringer als vor zehn Jahren, hat der DGB ausgerechnet (Quelle: Frankfurter Rundschau 24.11.11). Die Managergehälter dagegen sind nach einem kurzen Knick (Verzicht auf Boni, „Fairpay“) wieder auf dem Niveau wie vor der Finanzkrise. Nach einem Arbeitspapier der Hans-Boeckler-Stiftung verdienten Vorstandsvorsitzende der Dax-30 Unternehmen im Schnitt in 2008 1.092.000, in 2009 1.166.000 und in 2010 1.221.000 Euro. Letztes Jahr dürften es nicht weniger geworden sein. Der kapitale Golfstrom wärmt also noch. Manche.

Zeichen und Engel im Wald

. Die Krippe! ein Wunder. Schon abgeschrieben, und doch jetzt und endlich! Ochs und Esel, Hirte und – Engel Der Engel mit gebenden Armen und kräftigem Buchenfederschwung nie sah ich einen schöneren – so ein Glück. . Wieder sicher. Tut das so gut, weil die Kippe jetzt ständig da ist? Nicht erst, seit die Erde den Atomatem anhielt, seit wir dies unsichtbare Mal auf unseren Stirnen tragen: Glück gehabt. wieder Mal. Ist es deshalb? Occupy your life macht es selbst richtig damit es Traumpfade gibt, im unwägsamen Gelände damit, wann immer die Kippe kommt, damit wir wählen können und sehen, damit niemand aufgibt, zu früh.

Wo bleibt das Bleiberecht?

  Lieber will ich all mein Silbergeräte verkaufen, als diesen armen Leuten die Aufnahme versagen. (auf einem Denkmal in Bad Homburg für Landgraf Friedrich II., der 1687 den wegen ihrer Religion aus Piemont und Frankreich vertriebenen Hugenotten Asyl gewährte.) Wump, Wump, wump. Töne wie Herzklopfen. In einem verdunkelten Saal sitzen 150 Leute, doch es kommt kein Mutterleibsgefühl auf. Wump, wump, wump – das Pochen ist Angst, ist aggressionsgeladen, ist Spannung. In der Mitte des mehrreihigen Stuhlkreises liegen vier Schauspieler auf Hände und Füße gestützt, jeder einen Ellbogen angewinkelt. Bei jedem Herzton stoßen sie sich vom Fußboden ab und mit rufen kurze, atemlose Sätze: „Kommen sie?“ „Die Zähne fallen mir aus!“ „Ich kann nicht mehr!“ „Sei still!“ Es soll beklemmen, es beklemmt. Die meisten Zuschauer sind wie gebannt, weil ihnen die Leute vom Peripherietheater mit ihrem Stück „Die im Dunkeln“ direkt aus dem Herzen spielen. In einer anderen Szene heißt es: „Sie wollen mich zurückschicken – wohin denn? Ich bin überall Ausländer.“ In wieder einer anderen spielt Hatice Bayval beispielhaft das Schicksal einer jungen Asylbewerberin, die …

Klaus-Peter Klingelschmidt fehlt

Grade stelle ich unseren neuen Artikel online, der damit beginnt und endet, dass jemand fehlt – als mich der taz-online-Ticker streift: Klaus-Peter Klingelschmitt ist tot. Pat hat viele Frankfurt-Termine und -Themen für die taz mit ihm gemeinsam gehabt. Wir sind erschüttert und sehr gerührt von diesem zärtlichen Nachruf der taz-Kolleg_innen: Mit der „taz“ in der Hand

Kein Zeichen: kein Advent, weil Einer fehlt

Nichts. Der Blick in die Hütte zeigt auch heute morgen keine Veränderung. Nur das Stück entrindeter Baumstamm, das da schon lange rumliegt und auf dem man zur Not sitzen kann. Wo bleibst du? Mann! Wenn du nicht doch noch kommst, fällt Waldadvent aus. Ausgerechnet. Gerade dieses Jahr, wo wir beschlossen haben: jetzt wird’s fotodokumentiert, von Anfang an, bis endlich Blogweihnachten ist. Was das heißen soll? Okay, kleiner Zeitschritt zurück. Für alle, die den Adventszauber des Frankfurter Stadtwalds nicht kennen – hier die Geschichte: Schon vor dem ersten Advent (keine Ahnung seit wann genau) bewegen sich rund um den kleinen Unterstand am Kesselbruchweiher die zersägten Stammstücke umgestürzter Bäume. Rücken irgendwie zusammen. Wie beim Kinderspiel „Ochs am Berg“, oder wie ein ausgeschüttetes Puzzle, bei dem jemand die Teile durchwühlt und schon mal paar Stücke rauslegt. Am ersten Advent dann die Hirten. Stammholz als Körper, kleinere Holzstücke als Köpfe draufgepackt und den (Hirten-)Stock drangelehnt. Bis zum vierten Advent bevölkert sich die Hütte weiter mit Hirten und Tieren, Josef und Maria, und mit Heiligen. Alles liebevoll aus Holzfunden, Farnwedeln …

Strickrausch bei Occupy: “Get up stand up!…”

20.11.2011 Tadaa! Strickrausch ist da! Sechs Frauen an der Nadel. Handwerkerinnen, die multiple Verstrickungen, hintersinnige Parolen und Tags in der Mainstadt lieben ohne sich vor Fallstricken zu fürchten. Zwei links, zwei über, zwei zusammen und uffgestrickt! Strickgraffiti-Ideen im Sixpack. Kurz, Strickrausch. Strick-Einsatz 1: Stein-Kissenbezüge als Soli-Aktion für Occupy Frankfurt. Strick-Location: Mäuerchen mit Sofakissensteinen, das die EZB-Camp-Anlage mit Blick aufs Schauspiel begrenzt. Lieblingsplatz von Skatern, Bike-Hockeyspielern und Occupybesuchern. Strick-Tribute: an unsere Geburtshelfer aus München, Kommando Agnes Richter, Klaus Dietl und Steffi Müller Strick-Parole: „Get up stand up!“ Aufsteh’n also für Gerechtigkeit. Heißt für uns erst mal: Hinsetzen und Sticheln für’n Hingucker und dann: Rausgehen. Einmischen, Zeichen setzen fürs bunte Leben in dieser Stadt. Gerüscht, gerafft? Getaggt. „Wollte immer schon mal wissen, wer so was macht“, haut uns einer von Occupy an. Einer von den eher alten Wilden. Findet uns super (Danke) und klärt auf, dass wir gerade Verbotenes tun. Verschandelung durch Graffiti-Tags? Nö, Nichtachtung des Totensonntags. Totensonntag nämlich heißt: Versammlungsrecht nur auf dem Friedhof. Überall woanders sind Ansammlungen von mehr als drei Leuten verboten. So was …

Buchkritik: Gefühle machen Geschichte

Wie kollektiver Hass wächst Mit Gefühlen den Nationalsozialismus oder den Israel-Palästina-Konflikt erklären? Der Ansatz von Luc Ciompi und Elke Endert, geschichtliche Ereignisse mit kollektiven Stimmungen zu verknüpfen ist ungewöhnlich und der im Titel angekündigte Brückenschlag „von Hitler bis Obama“ mutet fast wie ein populistischer Verkaufstrick an – doch die Autoren untermauern diesen Bogen ohne jede Effekthascherei. Im Gegenteil. Selten wurde Hitlers Erfolg bei den Deutschen, der tragische Israel-Palästina-Konflikt oder die Kulturkluft zwischen Islam und dem Westen so nachvollziehbar erklärt. Basis des Buchs ist die „Affektlogik“, die Luc Ciompi 1982 begründete und kurz gefasst besagt, dass kein Denken ohne Einfluss von Gefühlen stattfindet, kein Fühlen wiederum ohne theoretischen Hintergrund. Neu daran ist der kollektive Aspekt. Ungewohnt ist die Gefühlsperspektive in diesem Zusammenhang vor allem deshalb, weil Historiker, Politikwissenschaftler, Soziologen und Psychologen selten zusammenarbeiten. Ciompi und Enderts Ziel ist es, Erkenntnisse aus diesen Disziplinen zu verknüpfen. Grundthese: Emotionen sind verkannte Energiepotenziale und treiben als mehr oder weniger bewusste Motoren alle psychosozialen Ereignisse an. Die Kurzformel: Sympathie vermag das kollektive Denken zu beflügeln, Hass schaltet es aus. Der …