Reisen, Tagebuch
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Zieh dir was!

Geld rein, Drehn und Klack: Da war die rote Kugel! Ahh: Wie der Zucker auf der Zunge brennt. Erst die Kruste, dann das weniger leckere weiße Zeuch zerbeißen, knatschknatsch, hin- und herschieben das Geklumpe. Toll war das. Nur kriegte ich leider keine Blasen hin. Ich pustete, schnaubte und zischte, aber nix, da flutschte eher der Klumpen auf die Straße. Viel, viel später konnte ich‘s irgendwann doch. Aber nie so herrlich wie im Film Die Farbe Rot. In dem die Hauptdarstellerin Valentine diese Megablase produziert. Rot natürlich. Riesengroß landet dieses Blasen-Bild auf einer Werbeplakatwand.

Sehr sehenswerter Film aus der Farben-Trilogie von Kieslowski. Kann man immer wieder anschauen. So ein Archiv, ob Film, Foto oder Text ist großartig. Nur droht wegen des jährlichen Zuwachses immer das Ausmistenmüssen: Brauchen wir das noch? Du? Ich? Was kann weg, was darf nie! nicht (gelöscht oder weggeschmissen werden)?  Und hat man sich entschieden: „So lange nicht gebraucht, weg damit“, will man es garantiert eine Woche später wieder anschauen. Tscha. Weg ist weg. Doch was noch da ist, ein Lebensschatz. Und eine Wundertüte dazu. Kaum zu glauben, was sich alles findet, und wie Emotionen aufschäumen, insbesondere, wenn man Fotos der Vergangenheit betrachtet, sich in alten Tagebüchern festliest – oder einfach auf diesen oder jenen Synapsenblitz hin auf dem See der Erinnerung herumschippert.


Man kommt auf die dollsten Sachen. Automaten zum Beispiel. Die wir auf unseren Radtouren gesehen haben. Wie den Kaugummiautomaten-Clan in Kinding an einem Beihäuschen am Weg. Welchem Zweck das Häuschen wohl mal diente? Ein Backhaus? Vielleicht weiß es ja jemand von euch. 20 Jahre her. Sind ja oft gar keine Kaugummis mehr drin in Kaugummi-Automaten. Nicht schlimm. Dann eben Saurier, Billigschmuck, Steine… Kinderschätze halt, die auch Großen mal Spaß machen. Was also gab es da noch? Komm, Erinnerung, sprich. Hm?

Ahhh – Sonne im Gesicht. Es war Juni im Frankenland… Wir schwitzen uns den Schmetterlingsweg hinan, bis zum Burghof oben, wo ein uralter Hund einen Gruppe Workshopper beäugte, und eine abgenervte Bedienung uns zwei göttliche Eiscafés servierte. Aaahhhh, dachte ich damals, so schön hatten wir es früher nie. Schade für früher. Schön für jetzt. Hand in Hand das Glück fassen. Und dann wieder, keuch, die Berge hoch.

Was soll ich sagen, so ist es immer noch. Denn, sind wir unterwegs, ist es oft warm, und irgendwo strampeln wir immer bergauf. Auch wenn ich beim Nahe-Radweg gar keine Steigungen mehr in Erinnerung habe. Aber an diesen wunderbaren Automaten, den das Archiv ausgespuckt hat, erinnere ich mich ja auch nicht, der mit seinen Bullaugen so schön Breitensport-Werbung für Tischtennis macht. Keine Idee, was der vorher mal ausgeworfen haben könnte. Das Textarchiv hat für diese Tage das schöne Gefühl „warmer Steine auf den Armen“ zu bieten. Dazu lieblichen Geruch von Mirabellen, aus den pink-orange gemaserten Zimmern des exotischen Springkrauts. Und es berichtet von tausenden, weißbepelzten Wildbienen darin. Auch, dass es sehr wohl Anstiege gab, steht da; Brücken, auf denen man das Seelenband flattern lassen konnte, märchenerzählende Waldstücke, und einen Schimmel. Dann verloren wir den Radweg, aber das ist eine vergesssene Geschichte.

Gerade durch solche Erfahrungen kommt man ganz raus und auch ganz zu sich. Bis zum Überwinden des Persönlichen, Tolerieren des Verschiedenen, Ertragen des Seins und des Zuzweitseins.

Warum Automaten sich in den Fokus und damit ins Archiv geschlichen haben, weiß ich nicht. Aber ab 2022 waren sie da. Von hier, da und dort. Eine Häufung. 2023 auch noch, dann flaute es wieder ab.

Ein großer und schöner Hofladen-Automat begegnete uns in Zeeland (NL). Spargel! Erdbeeren! Aber wir waren am Anfang unserer Tour und auch sonst passte es irgendwie nicht. Wir behielten ihn auf der inneren Liste und kamen wieder. Dann aber: Spargel und Erdbeeren, Juppie! Dazu eine schöne Begegnung. Als wir ankamen, war da ein alter Zeeuwse man, ein Zeeländer. Er war wohl losgeschickt worden, Äpfel zu holen. Und kämpfte mit dem digitalen Bezahlen. Früher war alles besser, fühlte ich ihn sagen, zeeländisch kann ich ja nicht. Und dann dachte ich, Hm, vielleicht kriegen wir das zusammen hin. Jau! Haben wir geschafft. Der alte Mann und die Touristin. Automaten verbinden.

Sogar zuhause findet man Interessante: Bienenfutter (Frankfurt auf dem Weg zum Lohrberg), Hühnerfutter auf dem Niddaradweg, und auf dem Siegradweg: Fahrradschläuche, Eier, und – Holz! Also, tütenweise Holzpellets ziehen fürs Kaminfeuerchen.

Einen echten Knallerautomaten hielt ich auf der Schwedentour fest. Holla, die Schwedenfee! Gleich am Anfang, noch in Malmö: Ein Kayakomat. Yay!! Später auf der Tour, als es staubig und heiß war, freute ich mich über den analogen Erdbeerstand mit digitaler Kasse und unvermeidlicher Schwedenfahne! Ein Körbchen Erdbeeren digital zahlen? Klar, waren ja in Schweden. Weiter auf dem Südküstenradweg fanden wir den begehbaren Automaten. Dass wir reinkamen war Zufall, eigentlich musste man als Türöffner eine schwedische Kontokarte haben. Aber, Hej, die Tür war schon offen. Leider waren wir essensmäßig (am Zeltzuhause) schon ausgestattet, und wieder am Anfang einer Tour. Also kaufte ich nur irgendein megaleckeres Süßzeug.



Schön sind auch handgemachte Automaten, also kreativ hergerichtete und unbemenschte Regale mit Kassenschatulle. Da haben wir einen sehr schlichten in den nordholländischen Dünen, wo es immer Atjar gibt und manchmal sogar Sanddornmarmelade.

Achja! Marmelade! Da fällt mir was Schönes von unserer Maas-Radreise ein. Kurz hinter Aachen und der belgischen Grenze, an einem Garten stand ein kleiner Wagen mit … genau: Allerlei Sorten handgemachter Marmelade. So nett gemacht! Mit kleinen Stoffdeckchen auf den Deckeln. Einmal Rhabarber-Kompott bitte! Paar Straßen weiter standen Kupfer-Stieltöpfe vor einem Gartenzaun. Zu Verschenken! Kupfer! Guß! Stieltöpfe! Meine Güte, hätte ich die gerne mitgenommen. Da wog einer gut und gerne 5 Kilo (oder so). Jedenfalls waren sie schwer und wunderbar. Nur, leider nicht geeignet, sie mit auf eine Fahrradreise zu nehmen. Nicht am Anfang. Ein Jammer einfach.



Auf einer anderen Tour in Zeeland habe ich doch tatsächlich mal einen Hocker vom Stand vor einem Haus mitgenommen (und später per Bahn und Rad nach Hause transportiert). Oft sind analoge Automaten auch ausverkauft (oder unbestückt). Marmelade, Lauch, Eier – einfach aus.

Begehbare analoge Automaten dagegen sind selten. Während dem Ausflug zum Pfungstädter Moor (bei uns um die Ecke) haben wir einen solchen gefunden, eine Art Honig-Hofladen. Da wir honigmäßig immer gut versorgt sind, habe ich nur bisschen Honigseife zum Verschenken mitgenommen… Ist schon zwei Jahre her.
Einen ganz anderen begehbaren (digitalen) Automaten haben wir gerade erst vor zwei Wochen in Holland entdeckt: Sponge Dog, Waschanlage für Hunde. Also echt. Hund rein, Automat an, Hund sauber?! Irgendwie so.


Als ich so über Automaten nachdachte und überlegte, unter welchen Stichworten ich in unserem Archiv wohl noch Bilder finden könnte, hatte ich offenbar alle durch, aber… War da nicht noch was? Am Frankfurter Hautbahnhof? Bilder fand ich dazu keine und was es da gab? Puh. Überraschend war der Inhalt, so viel erinnerte ich, mehr nicht. Eine Nacht später kam es mir: Kunst! Heute haben wir diesen Kunstautomaten nicht mehr in Frankfurt. Aber so ein Konzept gibt es noch. Die Recherche zeigte: Wir zwar nicht, aber 250 Orte in Deutschland und Belgien haben einen Kunstautomaten. Der nächste steht in Walldorf.

Wir würden zwar nun wirklich nicht zu jedem Automaten der Welt aufbrechen (eher schon zu allen Küsten :), aber zu diesem sind wir hingefahren. Er versprach „regionale/überregionale Kunst“, „Küste&Meer“, „Für die Liebe“ und „Tiere“. Vier Euro je Kunstschachtel. Okay, das wollte ich sehn: Geld einwerfen, Ziehen! Ziehen? O Menno! Es funktionierte nicht. Der alte Zigarettenautomat hat das Geld genommen, aber nix rausgegeben. Hm. Wie war das früher? Äh: Rumms! Ha! Hat er das Geld wieder ausgespuckt. Soll ichs nochmal wagen? Jepp. Also, Geld rein und … tatsächlich! Ich konnte die Schublade aufziehen – und es gab eine Schachtel Kunst. Kunst? Äh, egal. Die Aktion hat Spaß gemacht, das Radfahren auch. Am Schluss wurden wir noch mit zwei Trupps ziehender Kraniche belohnt. So ist Glück. Freu mich schon auf unsere nächste, und die anderen, bereits geplanten Reisen! Mal sehen, was dieses Jahr an roten Fäden noch so zu bieten hat.

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