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Gelesen: Der Pilz am Ende der Welt

22. Februar 2022 von Sylvia | Keine Kommentare

Wo anfangen? Am liebsten würde ich dieses äußerlich so schlicht wirkende Buch über diesem Bildschirm schütteln, auf dass all die Ideen, Erzählstränge und von der Autorin geteilten Lernmomente vor mir in einem rauschend bunten Wortschwarm auf und in den Text flögen. Ein mäandrisches Buch, das Licht in die Strukturen und unseligen Mechanismen des Kapitalismus zu werfen vermag. Ebenso wie in die so grundverschiedene Weise, mit der Menschen auf der ganzen Welt versuchen, ihr Leben zu meistern. Oder die Natur zu schützen, mit Ansätzen die oft so schmerzhaft kurzsichtig waren oder sind, dass sie sich in ihr Gegenteil verkehren.

Roter Faden oder besser die Wegleuchte der Autorin ist der Matsutake-Pilz. Warenströme, Entfremdung á la Marx und Naturschutz anhand eines Pilzes auszuleuchten ist ungewöhnlich genug. Mehr noch überrascht mich, wie diese Wissenschaftlerin Wissen vermittelt: „Wenn ein Wirbel aufgewühlter Erzählungen am besten taugt, über kontaminierte Diversität zu erzählen, dann ist es an der Zeit, diesen Wirbel zu einem Teil unserer Wissenspraxis zu machen. Vielleicht müssen wir, die Überlebenden eines Krieges selbst so lange erzählen, bis alle unsere Geschichten von Tod, Todesgefahr und überflüssigem Leben uns zur Seite stehen, wenn es darum geht, den Herausforderungen der Gegenwart zu begegnen.“

Mit solchen Erzählungswirbeln löst sie die bewunderlichsten Denkanstöße aus. Führt sie die Leserschaft kreuz und quer durch die Welt. In Gegenden, die durch vermeintlichen Naturschutz oder ausbeuterische Übernutzung ökologisch ruiniert sind, weil man da so viel lernen kann. Wie etwa in den Kaskadenwäldern in Oregon. Vor 150 Jahren beherrschten dort riesige Ponderosakiefern das Bild. Sie wurden durch die weißen Siedler abgeholzt, und gleichzeitig machte es sich ein unerfahrener Forstwirtschaftler zur Aufgabe, Waldbrände zu verhindern. Gut gemeinter Gedanke, der allerdings dazu führte, dass die Ponderosakiefer komplett verschwand, weil ihre Samen ohne Feuer ihre Hüllen nicht sprengen und daher auch nicht keimen konnten. Die Landschaft, die daraus hervorging, beschreibt Lowenhaupt-Tsing als wenig attraktiv. Die einzigen, die mit dem niedergerockten Areal klarkamen waren Drehkiefern, die jetzt das Bild beherrschen und mittlerweile dort auch verarbeitet werden. Das ging nur, weil mit diesen Kiefern der Matsutake gedieh oder umgekehrt. Der Pilz nämlich vermag Gestein aufzubrechen und Mineralien herauszulösen und fungiert auch als unterirdisches Wassernetz – gut für den Baum. Im Gegenzug liefert der Baum Stoffwechselprodukte an den Pilz.

Pilz-Kollaborationen gibt es fast überall auf der Welt, dieser Matsutake allerdings ist ein besonders taffer Vertreter. Er soll der erste lebendige Organismus gewesen sein, der auf dem verseuchten Gebiet von Hiroshima wiederauftauchte, und sich auch in ruinierten Böden von Industriebrachen ungerührt ausbreitet. Das einzige, was er nicht mitmacht: Er lässt sich nicht züchten. Und das ist gut fürs kapitalistische Geschäft. Anna Lowenhaupt-Tsing setzte sich auf seine Spur, denn gesammelt wird er in großem Stil in den kargen Wäldern Oregons. Vor allem für Japaner, für die er der Pilz wiederum eine Art Socializing-Objekt ist. Bei sich zuhause haben sie ihn durch ihre Form der Waldwirtschaft verloren.

Die Autorin reist auf den Spuren und Sporen des Pilzes von den USA nach Norwegen bis Japan. Ganz nebenbei erläutert sie dabei ihre Thesen. Etwa jene, dass wir den Niedergang der Welt nicht mehr aufhalten können – uns also mit dem auseinandersetzen müssen, was sich uns bietet. Oder wie das Entwalden Japans dazu geführt hat, dass findige Geschäftsleute den Matsutake für sündhaft viel Geld aus den USA importieren. Wo er von Menschen gesammelt wird, zum Teil asiatischen Ursprungs, die während des Sammelns in Camps leben.

Die kreativ denkende Forscherin begleitet sie und sitzt nach getaner Arbeit mit ihnen am Feuer. Sie staunt, wie sie durch die Fertigkeit des Spurenlesens dem Wild folgen und Pilze finden können und schreibt: „Spurenlesen heißt die Verflechtungen der Welt erkennen.“ Sie schildert wie die Sammler sich freuen über besonders schöne Exemplare, wie viel Kennertum nötig ist, um die besten auszusortieren und zu guten Preisen zu verkaufen. Und wie fair die Mittelsmänner mit den Sammlern umgehen. Es ist nicht nur ein Job, es ist eine Lebensweise. Prekär, aber gleichzeitig frei. Auf einmal fühlte ich mich ihnen sehr nah. Nicht ohne Bewunderung konstatiert die Anthropologin: „Prekäres Leben ist stets ein Abenteuer.“

Ein Abenteuer ist in jedem Fall, ihr beim Denken zu folgen. Ihrer Lust, vorhandenes Wissen nach dem urbiologischen Prinzip der Kollaboration zu teilen. Sie teilt auch das Scheitern. Von Thesen, die sich als unhaltbar erweisen. Oder Abgehobenes, so wie jene Theorie, die davon ausgeht, dass Pilzsporen in der Lage sind durch die Atmosphäre zu gleiten und so überallhin zu gelangen. Wow! Als Leserin durfte ich ein bisschen mitsegeln und träumen.

Ein großartiges Buch, das auch allen ans Herz gelegt sei, die die bäuerliche Landwirtschaft voranbringen wollen. Lowenhaupt-Tsing bietet ihnen viele gute Argumente, warum diese Form der Landwirtschaft für Artenvielfalt, Landschaftsschutz, Bodengesundheit steht. Kurz: für nachhaltigen Klimaschutz. So viele Argumente, dass man sie plakatiert sehen möchte. Ach ja, und wie sich der Kapitalismus ad absurdum führt, steht auch drin. Wo anfangen? Sie will als ersten Schritt Neugier wecken – sie kanns.

Anna Lowenhaupt-Tsing: Der Pilz am Ende der Welt
445 Seiten, 15 Euro, Matthes&Seitz, Berlin 2019.

 
 
 

Aus name zustand: 17.000 friedliche Protester!

19. März 2015 von Sylvia | 2 Kommentare

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Feuer und Gewalt! Morgens um 7 ist die Welt schon angeraucht. Eine halbe Stunde nachdem der erste Heli übers Haus geknattert ist, laufen die ersten Meldungen über Twitter. Wie? Brennende Autos und Barrikaden? „Shit! Keine Gewalt!“ Bittet @Muschelschloß auf twitter. Ja, Scheiße. Bleibt aber Ausreißer von immerhin 1000 Hool-Köpfen, die für Randale gekommen sind. Da hat Frankfurt schon anderes erlebt, selbst wenn jetzt alle Medien schnappatmen. Und das heftigst, untermalt von den feurigsten Szenen und Fotos von den steinewerfendsten Schwarzer Block-upyern. Vom Machtdemonstrations- oder Self fulfilling Prophecy-Charakter des „Schutzkonzepts“, das unsere Stadt schon seit Montag in eine Festung verwandelt hat – nichts. Vom Ausschluss der Presse bei der Eröffnungsfeier – nichts. Nicht die Demonstranten haben die Innenstadt wegen Brandschatzens und Marodierens lahmgelegt, wie man angesichts der Berichterstattung denken könnte, sondern die großzügige Absperrung der Innenstadt durch die Polizei.

Ausreißer hin oder her, der Morgen war krass. Autos haben gebrannt, es gibt diverse Scherben, Emotionen, Feindbilder aufzukehren. Und wieder zeigte sich, dass Streitkultur fehlt, dass Konflikte vor allem eins auslösen: Angst. Traditionell wurde also nach rechts und links sortiert – und besonders dort gemobbt und gepöbelt, wo es am wenigsten soziale Kontrolle gibt, im Netz.

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Um 14 Uhr auf dem Römer jedenfalls wars pickepackevoll und alle hatten beste 1.-Mai-Stimmung. Der Attac-Slogan „My big fat greek Solidarity“ war einfach gut, für Kinder gabs blau weiße Herzchenballons. Kurz: Schuldenschnitt mit Herz. Junge und mittelalte Leute waren da, Friedenstäubchen mit Pace-Fahnen und Hardcore-Aktivisten mit denselben Sturmhauben wie die Polizei. Rund zehntausend fasst der Römer. Rund um den Paulsplatz waren nochmal so viel, flankiert von nochmal so vielen Einsatzkräften. Später in der Tagessschau (die Jungs haben vor mir gefilmt) sieht man davon im Schatten von Randale und Feuerbildern nur eine Pflichtsekunde lang. Heiligs Blechle!

Die Zeil wurde von Aktivisten wie bei Occupy vor zwei Jahren mit diversen Aktionsspots aufgemischt. Wellenbewegungen von Demonstranten und Polizisten. Geführt von einer Sambatruppe in rosa. Die wird zweimal eingekesselt – doch weiter geschieht nichts, beide Seiten machen ihre Demo, verhandeln und halten sich zurück. Es geschieht ohnehin nichts, was nicht gesehen, dokumentiert und getwittert wird. Von hinten sieht man nur emporgereckte Arme und Smartphones, oder das Teleskopstativ mit Kamera der Polizei. Gerangel. Hin- und Hergewoge. Sie rufen: „This is how – demo-cracy looks like! This is how – demo-cracy looks like…“ – und ich wundere mich, dass nicht alle mitschreien. Nee, mitschreien ist oldschool. Dafür wird aufgezeichnet.

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Ansonsten ist es gespenstisch leer in der Stadt. Manchmal begegnet man einem Trupp Polizisten, die wie eine Phalanx irgendwohin marschieren, manchmal einem Trupp Demonstranten, die sich mit Proviant eingedeckt haben. Manchmal beidem… Mittwoch autofrei – das hat mir gut gefallen. Konsumfrei teilweise auch – Kaufhof und diverse andere hatten geschlossen (sicher mal sicher). Das bereinigt die Demostatistik. Hatte mal recherchiert, dass an einem Occupy-Aktionstag mehr Leute bei Kaufhof waren als auf der Demo. Gestern nicht.

Mittlerweile sind sie wieder zuhause die 900 Sonderzuzügler aus Berlin. Die Italiener, Spanier, Franzosen und Griechen werden wohl noch hier sein. Die Medientitel am Kiosk melden Feuer und Randale! Wenig, was Menschen mehr in Alarmzustand versetzt. Und Zeitungen wollen ja verkauft sein. Auf twitter bedauerte einer, es werde bleiben, dass man besser mit dem einen Prozent an Reichen leben kann, als mit den 99 % Bekloppten. Yep. Das ist der zentrale Befund des Tages. die Diskussion geht nicht dahin, wieso wir einen Verarmungskurs mittragen, wieso wir alles tun, dass das Geld nur ja ausschließlich bei uns bleibt (Griechenland den Griechen! Haben ja eh alle nur geprasst. Zum Schämen wie dieser Schäubleplan eines Flüchtlingslagers in Nordafrika – was ist extrem?). Nein, es wird nicht über auskömmliche Lohnkosten, faire Behandlung oder ähnliches diskutiert, sondern – über gewaltbereite Linke, respektive Ausländer.

Es soll auch Verletzte unter den Polizisten gegeben haben (laut @polizei_ffm abends schon wieder alle fit. Der Tagesspiegel meint, vom selber versprühten Pfefferspray). Gewalt macht Gewalt. Daher ist doch die Frage, wie klug das Konzept war. Wie gut die Idee, die Bank wie eine Festung schon zwei Tage vorher zu verrammeln und zu verbarrikadieren und die Stadt mit 10.000 Polizisten aus ganz D aufzurüsten, die in ihren Rüstungen wie eine Kreuzung aus Bulldogge und Footballspieler aussehen. Dass die Protester aus Südeuropa sich nicht aufhalten lassen, wenn sie dem kapitalistischen Machtzentrum ihre Meinung kundtun wollen – Überraschung! Heute ist die Stadt wieder uns, der Aufräumdienst war schnell, von Frankfurt in Schutt und Asche keine Spur. This is how democracy looks like…
 

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Rosita tanzt den Euro

11. Oktober 2012 von Sylvia | 3 Kommentare

Unser neues Foto-Strick-Graffiti “Rosita”



 
für alle downgerateten Merkelländer frei nach der Melodie Zwei Apfelsinen im Haar (France Gall, 60er, unbedingt dazu hören!!!):
 
 
 
 

 
 
Zwei Apfelsinen im Jahr,
und zum Parteitag Bananen…
das ganze Volk schreit Hurra – der Kapitalismus ist da.

Lalalalalalala

 
 
 
 

Im gold’nen Oktoberschein,
tanzt unsre Rosita den Jaguar,
zeigt muntren Hüftschwung am Main
die Eurogermanen schunkeln dabei.

Nanananananana, nanananananana



 

19. Juni 2012
von Sylvia
4 Kommentare

Zeichen an der Straße: Njet-Jets!

Schwupps und – passt! Das Ortsausgangsschild Egelsbach hat ein neues Hemd. Gut, da ist bisschen Luft – aber so ist das eben bei Flughäfen, klein oder groß – die wollen immer wachsen, da muss man in XXXL denken. Ich zupfe … Weiterlesen

1. Juni 2012
von Sylvia
3 Kommentare

Die K-Frage: Zeit für Fritz?

„Ideen sind das Geld von Morgen“ – lautet der Text eines Werbe- Plakats, der mich nicht mehr loslässt:. Die Schrift war eine Montage aus Geldscheinen. In seiner Plattheit ist es ja kaum zu überbieten, dabei ist es Werbung für den … Weiterlesen

Zeitzeichen: Goldstrom

4. Januar 2012 von Sylvia | 1 Kommentar

Goldstrom ist unser Kommentar zum Thema Finanzwelten. Die eine Realität: Realeinkommen sind geringer als vor zehn Jahren, hat der DGB ausgerechnet (Quelle: Frankfurter Rundschau 24.11.11).
Die Managergehälter dagegen sind nach einem kurzen Knick (Verzicht auf Boni, “Fairpay”) wieder auf dem Niveau wie vor der Finanzkrise. Nach einem Arbeitspapier der Hans-Boeckler-Stiftung verdienten Vorstandsvorsitzende der Dax-30 Unternehmen im Schnitt in 2008 1.092.000, in 2009 1.166.000 und in 2010 1.221.000 Euro. Letztes Jahr dürften es nicht weniger geworden sein. Der kapitale Golfstrom wärmt also noch. Manche.

9. November 2011
von Sylvia
Keine Kommentare

Symbole des Neoliberalismus: Bourdieus „Gegenfeuer 2“

Hier mal ein bisschen Background zu unserer Serie “Symbole des Neoliberalismus”. Im Grunde eine Fotorezension von Pierre Bourdieus „Gegenfeuer 2. Für eine europäische soziale Bewegung“. Mit dieser Streitschrift mischte sich der französische Philosoph, Soziologe und Ethnologe in den damaligen Neoliberalismus-Diskurs. … Weiterlesen

14. Oktober 2011
von Sylvia
1 Kommentar

Occupy: first we take Mainhatten

Chapeau, Wolfram Siener! Der Sprecher von Occupy Frankfurt war gestern Abend ein Zusatzgast bei Maybrit Illner. Thema des Talks: Griechenland und aktuelle Bankenkrise. Dass Wolfram Siener anfangs genau neben dem Chef der Rating-Agentur Standard and Poor’s saß, hatte schon was. … Weiterlesen