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Neue Perspektiven: Hop on, Hop off

14. August 2019 von Sylvia | Keine Kommentare


 
Schonmal Tourist in der eigenen Stadt gewesen? Wir wohnen seit 35 Jahren in Frankfurt – und es ist oft so, dass wir die Möglichkeiten direkt vor der Haustür gar nicht so wahrnehmen. Der Klassiker bei uns: Freunde, die nicht in Frankfurt leben (über solche Menschen hat ja schon Goethe sich gewundert), fragen, ob wir schon die Ausstellung XY gesehen haben? Äh… nein. Oft hatten wir uns das sogar fest vorgenommen. Fast. Wären wir dort gewesen. Aber da es kein Problem ist hinzugehn, nehmen wir es uns oft solange vor, bis es dann rum ist. Aber wir bessern uns, machen einfach Termine aus mit Leuten, die vorbeikommen.

Letzt war wieder so ein Moment – Sohn war da – was tun? Papa schlägt Sightseeing mit dem Bus vor? Hey! Super-Idee. Eine gute Stunde lang haben wir uns herumfahren lassen. Natürlich oben an Deck.




 

Wir sortieren uns gerade noch, stöpseln den Audio-Guide ein, als wir merken – wir stehn ja. O-kay, hier ist Altsachs (Alt-Sachsenhausen, das Äppelwoikneipenviertel Frankfurts), aber – Hm? Hier gibts doch gar nix zu gucken?! Der Guidefunk schweigt. Die Leute vor uns kleben an ihren Smartscreens, die hinter uns buchen per Handy Tickets für eine Abendveranstaltung. Da sehe ich unseren Busfahrer, einen Pappbecher balancierend, aus einem Stehcafé kommen… Oh-Oh, CO2-Bilanz.

Und weiter gehts. Walzertöne im Ohr. Dann doch ein paar Infos – Einwohner, Größe der Stadt, Bla. Dominik und ich schalten um auf Englisch. Das erhöht ganz herrlich das Fremdheitsgefühl, das die echten Touris um uns herum wahrscheinlich sowieso haben.


 

Frankfurt zeigt sich von seiner besten Seite – schon nach ein paar Metern Fahrt, auf der ersten Brücke ein großer Menschenauflauf. Transparente werden hochgehalten – Ah, es ist eine Demo für die Seenotretter. Offenbar spontan, denn auf einmal gehts rund: Lalü-Lala. Polizei überall. Sirenenklänge mischen den Walzer ab.

Le ciel est bleu et le soleil brille.. Touriwetter. Umso schöner, dass uns der Fahrtwind durchs Haar wuschelt. Der Bus quetscht sich durch die alte Stadt, mehr als einmal denke ich Uiuiui, wie knapp war das denn?! Aber alle Radfahrer kommen ungeschoren wieder zum Vorschein. Wir passieren die Kleinmarkthalle, schieben uns durch die Bankenschluchten und halten am „most beautiful place in Frankfurt“ – What?!

Die Alte Oper. Ich schaue auf die neuen Betonbarrikadenwürfel, die seit den islamistischen Anschlägen in Europa hier und überall in der Stadt herumliegen wie riesige Legosteine. Und höre zum ersten Mal, dass das ursprüngliche Gebäude im Krieg zerstört wurde und nur wegen einer Bürgerinitiative jetzt wieder dort steht. „50.000 Deutsche Mark were collected.“




 

Herrlich. Wie Kreuzschifffahren. Das Gewimmel in der Stadt ist atemberaubend. Samstag halt, beste Einkaufszeit. Aus dieser Perspektive genial. Am Bahnhof warten wir dann gefühlt zwei Stunden, und eine gerade Zugestiegene kriegt sich nicht mehr ein – „Ja, ist der bescheuert – worauf wartet der?“

Auch sonst hat sie beste Ratschläge. Dass da Demonstranten die Brücke blockieren, gehört verboten. Und dann noch auf der anderen Seite das Mainufer gesperrt – bescheuert! Das könnte man doch anders regeln, da kann ja niemand fahren. Wir stehen im Stau und Ihr fünfjähriger Enkel, der vorne an der Scheibe sitzt, weiß auch schon warum: „Ja, können die alle nicht richtig fahren? Oder was.“

Ach Kindermund. #Verkehrswende jetzt? Wie soll das gehn mit all diesen Menschen? Wir hoppen off – und gehen Eis essen beim Schnauzbart am Lokalbahnhof. Mehr Frankfurt geht nicht.

 
 
 

Hirn statt Kohle – Friday for Future

5. Juni 2019 von Sylvia | 2 Kommentare

 
“Power to the People” der Spruch hat nichts verloren an Strahlkraft.Fühlte sich nach Jugend an, nach früher und heute zugleich. Gut.

Interessant, wie alle Berichterstattung – ungeachtet der Bilder, die eine andere Wirklichkeit zeigten, eine Jugenddemo inszenierte. Was ich sah, ging querbeet durch alle Altersgruppen. Was ich sah waren handbemalte Pappen (Yeah!). Babymamas, Pubipapas, Rentnerinnen, Schulkinder, Hunde, Fahrräder, Rucksäcke, Transparente und „Ordner*in“nen. Da wusste ich: Das hat eine Frau organisiert. 4500 Leute ohne Müllhinterlassenschaften. Power to Micaela!




 
Noch? Am besten wars für mich, auf heißen Asphalt liegend, direkt vor den Toren der EZB. Mitten auf der Straße. Die-in. Fast 4500 Als-ob-Tote, als Symbol für den Klima-Raubbau an der Welt – und den Lateralschäden, die daraus resultieren. Die Hitze im Rücken hat mein Trackerherz auch um die Tiere geheult. Paradoxerweise sehr entspannend. Demo-Yoga. First World halt. Und doch wurde der Menschen (und Tiere) gedacht, jenen die fern sind und für unseren „nachhaltigen“ Lebensstil“ krepieren.
Dann auf einmal ein Radler, straight und mit Helm und ruft: “Ihr seid alle faule Säcke!” Kam aus der EZB vermutlich. Hörte sich irgendwie an wie… früher.

Ist schon paar Tage her jetzt, der vorletzte Friday for future am 24. Mai – deshalb kann ich jetzt auf die jüngste Doku zum Thema Mobilität verlinken: Klixtuhier (ARD-Doku “Kann das Elektro-Auto die Umwelt retten?”) – auch weil das das Thema des nächsten Großdemoprojekt hier in FFM sein wird: #Aussteigen (gemanaged von derselben taffen Orgafrau). Wir werden da sein.

 
 
 

Licht auf Asphalt

27. Januar 2017 von Sylvia | Keine Kommentare



 
Ob gegossen oder gewalzt, recycelt oder gerade gemixt – frisch aufgebracht riecht Asphalt streng nach Arbeit. Dann dampft er und glänzt glatt hinter den Arbeitsmaschinen. Sobald die Baustelle verschwunden, das Straßenband wieder befahrbar, schaut niemand mehr hin. Dabei ist Asphalt ein permanenter Hingucker… Bedeckt dreiviertel der deutschen Straßen, ist einfach immer und überall.

Wem die Zunge nicht brennt, dem brennen die Sohlen, schrieb Herzog. Die nackten Füße auf der Straße, so habe ich früher Städte erobert. Doch dass Asphalt, der sich an den Nähten so angenehm weich und glatt anfühlte, ein Naturprodukt sein könnte, darauf wäre ich nie gekommen. Früher nur, heute natürlich wird er synthetisch zusammengemixt oder recycelt…

Früher nannte man ihn Erdpech oder Bergteer, es gab Vorkommen in der Schweiz und in Deutschland, der teuerste aber stammte vom Toten Meer aus Syrien. Schon vor 2700 Jahren haben die Menschen verstanden, damit Dächer, oder Fässer wasserdicht zu machen.


 
Nachvollziehbar. Und wie immer, wenn man in Archiven blättert fühlt sich die Moderne gleich weniger modern und innovativ an. Asphalt nämlich hat viel mehr zu bieten: er wurde mit Bitumen zum Balsamieren von Leichen verwandt, was zum Begriff Mumie geführt hat. Und der beste, syrische Asphalt ist sogar lichtempfindlich. Joseph Nicéphore Niépce wusste das. Trug ihn 1826 als feinen Lack auf – und noch heute staunen wir über den banalen Ausblick aus seinem Arbeitszimmer, also über die älteste noch erhaltene, mit Asphalt belichtete Fotografie.

Dem gemeinen Straßenasphalt darf man das nicht abverlangen, doch auch er kann was. Streetart allemal: Sommerweich nimmt er gern Verlorenes an – Platinen, Kabel, Schrauben oder Messer – LKW-Reifen sorgen für Fixierung und Glättung, die Nacht für Abkühlung und Beständigkeit… Seitdem wir das im Fokus haben, finden wir – ganz en passant – die rätselhaftesten Stillleben des Unterwegsseins.



 
 
 

Vestiges – Hand und Schuh

22. März 2016 von Sylvia | Keine Kommentare

„Take only photographs. Leave only footprints!” Ein Schild mit dieser Aufschrift erinnert auf der dänischen Insel Fur Strandläufer und Inselhopser, dass sie Gäste sind. Wäre dies eine universell gültige Regel, würde sie auch noch beherzigt – wo würde das hinführen? Aber nein, uncooler Gedanke. Weshalb sich immerzu höchst erstaunliche Dinge finden. Hier ein Set von 20 Dingen, die frontal vor mir auftauchten. Einfach so.

1. Geerdet

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2. Asphaltrosen

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3. Verweht

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4. Blocksatz

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5. Aus

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