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Kinder, Knete(n), Klagen – ein Zeitversuch

2. März 2016 nach m&m | Keine Kommentare

Zeitlos
 
Krass aufregend, und dazu noch so hip minimalistisch. Aber dennoch wegen der Anbau-Ansätze nicht unpolitisch: Mehl. Ja, Mehl. Wollte ich schon immer mal drüber schreiben, weil ich zu gern Gebackenes in jeder Form esse – und ebenso gern selber backe. Jetzt habe ich es tatsächlich geschafft, eine Redaktion davon zu überzeugen – und drüber geschrieben. Nicht über meinem Gebäckkram, sondern über Mehl. Mehl ist nämlich ein echter Renner im Einzelhändlerregal. Bringt einfach so Kohle rein ohne beworben zu werden. Braucht halt fast jede und jeder in der Küche. Vergesst die Milch. Mehl machts!

Damit es kickt, hab ich dann natürlich von den besonderen Sorten geschrieben, die es jetzt zuhauf gibt: von Amaranth, Buchweizen oder Chia über Erdmandel, Hanf, Kokos bis Quinoa, Walnuss und Zwerghirse (alles glutenfrei übrigens). Im Zuge der Recherche hab ich gelernt, dass Chia die Samen von einem mexikanischen Salbei sind (was mich für das Zeug dann doch eingenommen hat), dass die äthiopische Zwerghirse „Teff“ je nach Gaumen rauchig, erdig oder nussig (nur letzteres steht auf der Packung) schmeckt, und mich bei dem deutschen Veganforum kaputt gelacht über ein Post, das davor warnte, sich Hanfmehl als Nahrungsergänzung einfach pur reinzupfeifen, weil man die Zeit danach mit „Rachenpeeling“ verbringt.

Selber ausprobieren ist natürlich King. Also wehrte ich mich nicht gegen eine Testmehlzusendung, auch mit Fertig-Backmischungen. Weil. Ich hatte der Pressefrau gesagt, dass ich im Leben noch nie eine Backmischung angerührt habe. Nie. Also jetzt ein erstes Mal – und zwar Schwarzbrot, glutenfrei von Bauckhof. „So schnell geht‘s“ sagt die Packung: Ein ganzes Päckchen Trockenhefe druntermischen (nehm ich sonst höchstens ein halbes), Wasser dazurühren – und das Ganze eine Viertelstunde gehen lassen. Eine Viertelstunde? Hm. Meine Brote gehen min-des-tens eine volle, in der Regel eher sechs bis zwölf Stunden. Gerne länger. Aber ich wollte ja wissen, ob‘s wirklich funktioniert. Also genau nach Anleitung gerührt. Und? Chapeau! Es roch prächtig. Buchweizen-Sauerteig und Guarkernmehl steckt in der Mischung. Und? Es schmeckt sogar prächtig. Werd ich unbedingt nochmal machen

Zeitgleich übrigens wurde ein Baguette nach dem Brotbackmeister Lutz vom plötzblog angesetzt. Baguettes sind paradoxes Zeug. Schnell gegessen, schnell trocken – aber langer Herstellungsprozess. Mindestens einen, besser drei Tage sollte der Teig in Ruhe vor sich hin reifen, wenn sie gut werden sollen. Während sich die Flüchtlinge an den Grenzen unseres UN-Europas die Seele aus dem Leib würgen, wegen zu viel Grenzschutz in Form von Wasser oder Reizgas, denke ich übers Brotbacken nach. Und über Missbrauch, aber das ist ein anderer Text. Teig kneten beruhigt. Warten, wie er Stunde um Stunde in seiner irdenen Schüssel besser wird. Ein Stück Zukunft, das man selbst beeinflussen kann.

Das Baguette habe ich zusätzlich angesetzt, weil wir für einen Eintopf ein Tunkbrot brauchten, was schwarzes Brot ja definitiv nicht ist. Aber gleichzeitig ist bei mir wohl unbewusst die Nummer „Gut Ding muss Weile haben“ gegen das Schnellfertig-Prinzip angefahren. Natürlich ist es etwas anderes, die Zutaten, die Menge, den Rhythmus selbst zu bestimmen. Oder die Themen beim Schreiben. Die Worte. „Ich kann ausdrücken, was mich bewegt“, hackte der autistische Junge, den Pat gerade für eine Reportage fotografiert hat, in seinen Schreibcomputer. Ein Junge mit besonderen Fähigkeiten oder wie das heute doubleverblinded heißt. Außerhalb der Schule wird er wahrscheinlich lediglich behindert. Genannt oder werden. Eine Redaktion würde er gern besuchen, politische Themen liegen ihm am Herzen. Die Flüchtlinge, das mache ihn fertig, hackte er wortbewusst. Ein Ich-will-verändern strömt da! Aber. Wer außer den Eltern, dem Lehrer lässt sich ein? Nimmt sich, gibt ihm – Zeit?

Dazu noch eine zeitnahe Zeitungsgeschichte, die ich vor zwei Tagen gelesen hab. Über Eltern, die sich Zeit nehmen für eine Klage, weil sie sich mehr Zeit nehmen müssen für ihr Kind, als geplant. Sie klagen gegen die Ärzte, die im Vorfeld nicht die Trisomie 21 erkannten. Das Kind sei ein Sonnenschein, aber hätten sie das gewusst… Der Kollege Michael Neudecker fragt (in der SZ): „Wie zur Hölle konnte es in unserer Gesellschaft soweit kommen, dass Eltern, die ihr Kind lieben, dagegen klagen, dass es geboren wurde?“ Das Kind als Schaden. Das hat womöglich mit Trauer zu tun. Wiedergutmachungssehnsucht. Als könnte Geld die Balance wieder herstellen.

Ich nehme einen neuen Packen Mehl, Teff, setze neues Brot an. Knete. Forme. Zeit, die nicht mit Geld aufzuwiegen ist.

Zeitsplit