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5785 Hektar = Heimat durch X

23. Februar 2015 nach m&m | Keine Kommentare

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Was ist Heimat? Zum Beispiel „5785 Hektar Stadtwald“ – so heißt unser Langzeitprojekt. Hier ein Zwischenstand, gefasst zu fünf Triptycha. Jedes ist als Rundblick mit Brüchen konzipiert. Unsere Füße als menschliche Klammer, damit stehen wir stellvertretend für all die regelmäßigen Waldgänger, die sich wie wir in einem Stadtwald heimisch fühlen. Jene, die dem Ort und einander verbunden, sich dort morgens, mittags, abends treffen, sich grüßen und kennen, auch wenn sie kaum mehr als ein Wort wechseln. Unsere fünf Bildtafeln folgen wie Eyetracker dem menschlichen Schweifen durch den Wald – und entdecken eine Welt, die direkt vor unserer Haustür liegt. Eine Welt, die manchem Frankfurter ferner ist als etwa der malaiische Regenwald, in dem er vorgestern noch über eine Hängebrücke lief… Eine Welt, die für den Durchschnittstädter eine nahezu unbekannte Fremdartigkeit birgt.

Die Verwandlung etwa eines Rehs in ein exotisches Wesen, oder ganz allgemein die Entfremdung von der Heimat war Auslöser dieses Projekts. Seit 25 Jahren erkunden wir den Frankfurter Stadtwaldgürtel zu Fuß oder mit dem Rad auf verschiedenen Strecken – und sehen in der letzten Zeit eine gefühlt stetig ansteigende Zahl von Menschen, die dort joggen, Hunde ausführen, spazieren gehen, auf Bänken in der Sonne sitzen oder Vögel füttern… Immer wieder freuen wir uns über das hingabevolle Staunen der Menschen, wenn plötzlich vor ihnen ein Damhirsch den Weg kreuzt. Und sind verwundert, wie wenige den Unterschied zwischen Reh und Hirsch kennen oder wissen, wie wichtig der Wald für die Metropole Frankfurt ist. Vielleicht weil es keine „Heimatkunde“, sondern nur noch Sachkundeunterricht gibt?

Klar wird der Wald auch genutzt. Und leider nimmt auch das stetig zu. Förster und Privatleute ernten Holz, denn auch Forste müssen Profit abwerfen. Doch der stadtnahe Wald kann einiges mehr als Holz oder Bärlauch aufziehen. Für Städter ist er ist Luftfilter, Wasserreservoir, Lärmschutz und Erholungsgebiet in einem. Einmal im Fokus bietet uns der Stadtwald jedes Mal ein anderes Bild. Entdecken wir immer wieder Unbekanntes in dieser von Menschen gestalteten und genutzten Natur. Neues, zuvor nie Wahrgenommenes wie die Harztropfen auf geschlagenen Baumstämmen, einen in den Wald geworfenen, mit der Zeit moosüberzogenen Polsterstuhl, oder die Verschmelzung eines Nacktschneckenpaars zu Ying und Yang. Mit unserem Projekt wollen wir diese Welt aufschließen. Und zeigen wie wertvoll sie ist. Dazu passt der Begriff von Heimat von Ernst Bloch: „Die vergesellschaftete Menschheit im Bund mit einer ihr vermittelten Natur ist der Umbau der Welt zur Heimat.“

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Endspurt: Lebensräume – Flugrouten

9. August 2012 nach m&m | Keine Kommentare


 

Noch einen Monat läuft unsere Ausstellung in Offenbach. Ein paar Bilder und Texte daraus haben wir schon vorgestellt unter Entrée… – hier die Fortsetzung zum Reinschnuppern:


"Es ist"

Waldsee

Nimm die Birkenroute,
lies ruhig ihre Schriftrollen,
summ das codierte Lied der zarten Betula.
Folge dem Uferweg.
Hände und Füße im Waldfell
Kopf in den Wolken.
Tag um Tag.
Mit Mal wirst du die Glasschnüre sehn
im Frühlicht des Jahrs,
drin Hunderte schwarzer Samtperlen,
unterm Bernsteinblick der Eltern eingewirkt.
Eine jede ein pulsendes Wunder.
Ein Leben.

Es ist
nicht mehr da,
das unschuldige Aufwachsen
in grünen Kinderzimmern.
Und auch die Kinder nicht.
Aber dies Sehnen,
Verlangen nach
flirrendem Blattgold,
das Ruhe ins Aug fächelt.
Dem Lichterspiel winzigster Zellen,
dem Rauschen –
Wasser und Photonenströme,
dem Gurren der Frösche tief und
nicht von dieser Welt.
Finde die Feder.



 

Stehn bleiben

Warten.
Welche Farbe hat die Zeit?

Loslassen.
Denn: „es kommt natürlich vor,
dass man wirklich sprachlos ist.“
Pina.

Sie kämpfte, dass ein Ahnen beginne
ein Tanzen im Kopf.
Half den Nadelkissen im Hirn
zu singen, den Füßen zu malen,
schwerelos.

Aus Blau werde Licht
blitze der Wasserhimmel
in Tropfen.
Wirf, wirf die Kugeln ins
Schneckenohr, lass sie kollern
durch alle Windungen rennen,
bis weißes Gleißen
die Neuronnetze flutet.
Lachenden
Munds.


ausstellung lebensräume – flugrouten: 3.6. – 8.9.12
stadtkirche offenbach, herrnstraße 44
mo – fr 12-18 uhr, sa 11-13 uhr

 

8. März 2012
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Entree! Buch- und Ausstellungs-März

Schon draußen gewesen? Barfuß? Die Zehen im Sand, die Sohlen in taunasser Wiese, die Sommerwaden im Grasblütengekuschel… Draußen sein ist ein Lebensentwurf. Ist durchgepustet werden, ist die unberechenbar-köstliche Überraschung des Jetzt. Ob Urlaubstag, Waschtag, Marktag – alles Alltag, der nebenbei … Weiterlesen

17. Oktober 2011
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Terminal Zero: Zeichen im Wald

Der Flusskrebs im Mönchhofweiher wird unbeeindruckt seine Pflanzenkost schlürfen, wenn Angela Merkel aus dem Flieger steigt und – wahrscheinlich – ein Bändchen zerschneidet. Spätestens dann ist es mit dem relativ geruhsamen Leben vorbei am klaren Wohnsee des Flusskrebses, der bis … Weiterlesen

Die BildGeschichte: Der Wald zwischen Mythos und Bauland – Wildwechsel

2. Oktober 2011 nach m&m | Keine Kommentare



Die Augenwasser des Himmels,
streifen Lichtungen, durchströmen Wege
über Wurzeln und Steine, bis ans Ende der gangbaren Spur.
Wo Spinne euklidische Träume zu Netzen webt,
Schwarzspecht ruft, Erdkröte schläft.
Seele tauch ein. Wie ein Lot tief in die Kraftquelle,
und dann, wie Odysseus aufs Laubbett sinken.
Zuflucht, Ruhe, Wiedergeburt.

Ewige Wiederkehr des immer Neuen:
sicher sprießen Bärlauch und Pfeilwurz im Frühjahr durchs orangene Laub,
sicher kommen die Kröten, Frösche und Molche zum See,
sicher finden die Hirsche das erste, das saftige Buchengrün
und sicher ist jeden Tag das Staunen.
Was?
Vor mir ein Mann. Still. Lauschend mit jeder Anzugfaser.
Sein Rücken sagt: Bitte nicht stören!
Was ist da? Der Mann blickweist vor:
Damhirsche. Äsend und sichernd, die Ohren zum V.
Mit einem Mal wischen sie davon, stolz, erhobenen Geweihs.
Voraus voraus! Mein Einschaufler mittendrin.



Ich möchte auch so laufen,
möchte diese Synästhetikerin sein, die das Grün singen hört:
die hell perlenden Buchen, lachenden Birken, feingliedrigen Lärchen,
die Eschen, die Weiden, die Erlen und die Eichen… Brennnesseln auch, Farne, Pfeilwurz und Fingerhut…
Wem die Zunge nicht brennt, sagte Werner Herzog vor Jahren,
dem brennen die Sohlen…
Sie machen das Herz licht, erden das Hirn.
…und erlaufen Töne:
die vom grünen Mann, der Wasserflöhe fischt,
von knallbunten Joggern, Hundeausführern, Waldarbeitern, Förstern und Holzabholern,

von Genussradlern, Fliegern, Liebenden und Fotografen,
von Pilzsammlern, Mittagspäuslern und Heilungssuchern,
von Kindern, Erzieherinnen, Entenfütterern und von den Tagträumern.

Aufforsten, abholzen, aufforsten, abholzen. So war es Baumzeitalter lang.
Die Antwort? Umwallen! Jetzt werden die Säume des Waldkleids kürzer –


noch aber treff ich
die Geschichtenerzählerin im Waldgrund
unter Schwimmelfen, Samtkehlchen, Fadenkröten
west sie im Dreistand meiner bemoosten Birken.

Vom See her ein Windhauch
gefolgt von Knacken, Rauschen:
Was?


23. September 2011
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Buchkritik: Wild, wertvoll – Wald

Wie fängt und lenkt man das Interesse auf den Wald? Wie bringt man Menschen von Vorstellungen ab wie, „Wächst der nicht von selbst?“ oder „Ach, der ist doch eh kaputt.“ Wie bringt man sie stattdessen dahin, zu sagen „Wald muss … Weiterlesen

13. September 2011
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Draußensein beruhigt – Richard Louvs Plädoyer gegen eine „Nature deficit disorder“

Im Wald spazieren gehen? Nein danke. Vielen ist das offenbar zu langweilig. „Immer nur die Wege rauf und runter“, mault der Mann einer Frankfurter Hundebesitzerin und lehnt das Gassigehen dort rundweg ab. Je jünger der Mensch, desto langweiliger – keine … Weiterlesen