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5785 Hektar for 13. Schömberger Fotoherbst!

6. August 2015 nach m&m | Keine Kommentare

Mit unserer Serie „5785 Hektar – Stadtwald Frankfurt“ sind wir beim 13. Schömberger Fotoherbst, dem Internationalen Festival für serielle Reise- und Reportagefotografie. Schwarzwald wir kommen! (9. Oktober bis 8. November 2015)

Überquerung

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Waldstuhl

Frosch

Baumharz
 

Barfuß auf der Borke, bäuchlings im Farn oder mit dem Tele wartend im Gebüsch: wir haben ein besonders enges Verhältnis zum Frankfurter Stadtwald. Seit 25 Jahren erkunden wir fast täglich das Grün vor unserer Haustür zu Fuß oder mit dem Rad. Erleben ihn immer wieder anders, entdecken Unbekanntes – oder genießen das Ritual der Wiederholung auf bekannten Wegen. Für manchen Städter dagegen ist schon ein Reh ein exotisches Wesen, ihm ist der Naherholungsforst ferner als der malaiische Regenwald, in dem er vorgestern noch über eine Hängebrücke lief… Diese fortschreitende Entfremdung bewegte uns dazu, unser Langzeitprojekt zur Serie „5785 Hektar – Stadtwald“ zu bündeln. Der stadtnahe Wald fasziniert uns, weil er so viele Facetten birgt. Trotz der starken Nutzung und der Geringschätzung, die manche nur für ihn übrig haben, erfüllt er tagtäglich zahlreiche Funktionen: ist Luftfilter, Wasserreservoir, Lärmschutz, Erholungsgebiet – Kultur- und Lebensraum zugleich.

Er kann eine Oase sein, doch er ist kein einsamer Ort. Von Joggern und Hundebesitzern wird er ebenso intensiv genutzt wie von Förstern und Wirtschaft. wir haben in den letzten Jahren Flughafen, Bahn, und Straße immer tiefer in den Wald vordringen sehen und in Reportagen auf den mangelnden Schutz und die wichtigen Funktionen des Waldes hingewiesen. Umso mehr freuen wir uns daher über das hingabevolle Staunen von Menschen, wenn plötzlich vor Ihnen ein Damhirsch den Weg kreuzt. Und sind verwundert, wie wenige den Unterschied zwischen Reh und Hirsch kennen oder wissen, wie wichtig der Wald für die Metropole Frankfurt ist. Mit unserem Reportageprojekt wollen wir diese Vielfältigkeit abbilden, diese wunderbare Welt aufschließen. Und zeigen wie wertvoll sie ist. Dazu passt der Begriff von Heimat von Ernst Bloch: „Die vergesellschaftete Menschheit im Bund mit einer ihr vermittelten Natur ist der Umbau der Welt zur Heimat.“

Hirsch

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Das Quappen-Tagebuch

31. Januar 2015 nach m&m | Keine Kommentare

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Hier der Link zur Galerie: Quappen
(12 pics)

 

Achtzehn könnten sie heute sein – oder tot. Ich sage: sie leben noch. Schließlich hatten sie eine Powerkinderzeit – bei uns. Achtzehn Jahre ist das schon her, dass wir den Förster fragten, ob wir uns Kaulquappen holen dürften. „Klar, sowas muss ein Kind doch mal erlebt haben“, lautete die Antwort. Erst nach unserer Quappenaufzucht belehrte uns dann ein anderer Forstmann, „sowas“ sei verboten. Alle Amphibien stünden unter Naturschutz! Weil: Leider sei die Überlebensquote ziemlich gering, und sogar Schulklassen mit offizieller Erlaubnis bei der Kaulquappenaufzucht wenig erfolgreich. Daran musste ich jetzt wieder denken, als ich „Die Tage des Gärtners“ von Jakob Augstein las. Schönes Buch. Bin zwar an verschiedenen Stellen gar nicht seiner Meinung – Rhododendron etwa würde ich nie pflanzen. Nie. Rittersporn dagegen überall. Bei der Funkien dagegen sind wir uns wieder einig. Und herzlichen Dank auch für die Info mit der Kletterhortensie – aber das wäre ein anderer Text.

Hier jetzt will ich vom Frühling reden! Sechs krasse Wochen noch, bevor er endlich kommt. Reden von der „unerhörten Würde des Lebens, das nach vorne drängt, nach oben, an die Luft, ans Licht.“ Das hat Jakob Augstein schön geschrieben. Denn er hat ebenfalls illegal und ebenfalls mit seinem Nachwuchs Kaulquappen zuhause gehabt. Im Gegensatz zu uns wollte er nur Frösche, die er heimlich aus dem Gartencenter holte. Echt lustige Geschichte. Allerdings, im Gegensatz zu uns gelang dieser Familie die Aufzucht nicht. Weniger lustig. Bestärkt die Verbieter. Deshalb jetzt unsere Quappengeschichte vom pulsenden Lebenswunder. Zwar hatten auch wir einen Verlust zu beklagen, doch von unseren fünf Kröten- und zwei Molchlarven haben wir alle bis auf eine durchgekriegt. Wie? Unser damals Achtjähriger hat alles aufgeschrieben:

1. Tag
Heute haben wir Kaulquapen geholt, um zu beobachten. Die Kaulquappen haben den Mund unten wie Rochen, Ich will, das sie sich wie zu Hause fülen. Es sind übrigens 5.

Gesucht und gefunden: ein Tümpel mit Hunderten von pechschwarzen Kaulquappen. Fünf davon schöpfen wir vorsichtig in ein Glas, und füllen auch gleich Teichwasser für den artgerechten Umzug ab. Der Papa mit dem Rennrad transportiert sie schnell im Rucksack nach Haus. Dort angekommen aber – oh! oh! – liegen die neuen Haustiere im Reise-Einmachglas wie tot. Und jetzt? Glück gehabt: Nur ein Überlebenstrick. Stunden später flitzen sie schon durch ihr neues Domizil: ein großes Bonbonglas mit der Aufschrift „Saloon“.

2. Tag
Die Kaulquapen haben die Nacht überstanden. Ich habe sie seher lieb. Ihre Augen sehen aus wie kleine vertifungen. Ich musste sie alle weken. Sie versuchen sich immer aufs Glas zu legen, leider klapt das ni, weil das Glas zu glat ist. Heut habe ich Wasserflöe aus dem Zoo Gescheft geholt, und ins Wasser zu den Kaulquappen getan.

Zunächst müssen die Kaulis wachsen. Abzusehen, dass der Saloon bald zu klein ist, deshalb erstehe ich für unsere neuen Mitbewohner auf dem Flohmarkt ein Wasserbassin mittlerer Größe. Umzug ist angesagt: Schon wieder tot stellen, was für eine Aufregung für die kleinen Kopfschwänzer. Die neue Wohnung wird begrünt und scheint ihnen zu gefallen. Meist liegen sie am Boden und schlafen. Oder saugen sich an Blättern fest und lassen sich schaukeln. Unbeweglichkeit als Tarnung. Wo sie herkommen nämlich, im Waldtümpel, gibt‘s Wassermonster, die kleine harmlose Quappen fressen. Traute mich gar nicht mehr atmen, als ich das sah. Und schielte zum Sohn, ob er auch es gesehen hätte. Zum Glück nicht, hätte sonst schön geheult. Überall lauern sie: Wasserläufer. Greifen sich so ein armes Quäppchen und Aus. Hach! So sentimental wird man, wenn man zu Hause Kaulquappen großzieht. Bücher wälzt, was sie alles brauchen und wer sie eigentlich sind.

Manchmal fahren wir einfach zum Tümpel und gucken, ob die anderen Hundertschaften von Brüdern, Cousins und Schwestern sich genauso entwickeln wie unsere Fünferbande. Jede Fahrt ein Abenteuer: vor Riesenkötern verstecken, Himbeeren pflücken, Wildschweinspuren lesen und: was war das? Hat sich da nicht eben ein Ast bewegt? Eine Blindschleiche! Wir beobachten sie bei ihrem Weg über den Weg. Glatt war’s ihr, viel zu glatt. Und so hat’s lang gedauert, sehr lang. Wir, voll frischer Beobachtegeduld, harrten aus. Bis sie drüben war, und dort und dann raseschnell zwischen Gräsern verschwand. Einen Augenblick, einen langen Waldaugenblick waren wir ganz nah dran. Am gleichen Tag sehen wir auch einen Fuchs. Zum Greifen nah sonnte er sich auf einem Baumstamm. Da standen wir still, Mutter und Sohn, lauschten, atmeten leise und hielten die Zeit an. Er schaute zu uns rüber und schien zu wissen: die sind harmlos.

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9. Tag
Toll! Nautilus hat Vorderbeine, sie stehen im echt gut. Wir haben einen größeren Stein ins Becken getan. Eine Kaulquappe lutscht den Stein immer ab, sie scheint sich für ihn zu intresiren.

Und das ist der Speiseplan: Fischfutter und Wasserflöhe. Das bekommt ihnen gut: rund und prall geistern die Larven durchs Becken. Natürlich brauchen sie auch Beckenbegrünung: „kanadische Wasserpest“ und anderes Gewächs kaufen wir im Zooladen. Außer den Kaulquappen füttern wir mittlerweile noch andere Wassertiere durch: zwei Molche, dazu noch je eine Posthorn- und Schlammschnecke. Die Schnecken weiden wie Nilpferde den grünen Algenrasen ab, der auf den Steinen und am Glas wächst. Die Flöhe wiederum fressen die Schwebteilchen, die das Wasser sonst trüben würden – ein perfektes Biotop.

15. Tag
Leider gibt es heute nichts zu erzelen. Ich hofe, es gibt morgen mer zum tema Kaulquappen zu erzelen. Aber man kann Jahre lang ins Becken gucken und man kriegt nie Langeweile.

Das Teichwasser hat es in sich. In der ersten Kanisterfüllung war nicht wie vermutet nur Wasser und bisschen Grünzeug. Winzig kleine, fürs bloße ungeschulte Auge zunächst unsichtbare Eier aller möglichen Tiere waren darin. Molchlarven etwa. Nach dem Schlüpfen zickzackten sie fast unsichtbar durchs Wasser, später glichen sie Baby-Forellen.

16. Tag
Heute habe ich festgestelt, das zwei Forellenartige Tiere in meinem Aquarium sind! Bei Nautilus sind die Beinchen schon sehr gut sichtbar. Die Kaulquappen gleiten manchmal wie Kondore durchs Wasser. Manchmal liegen sie auf den Grashalmen wie wir auf einem Bett.
18. Tag
Heute ist der größte horortag alerzeiten! Nautilus ist weg! Wir haben alle gesucht und ihn nicht gefunden. Das ist leider sehr traurig. Aber man muss der Tatsache ins Auge sehen.

Schlimm: Der Tag als unser größter Quapp spurlos verschwand. Der Sohn hoffte inständig, Nautilus möge auf wunderbare Weise über den Balkon entkommen sein und bald bei seinen Kumpeln am Tümpel eintreffen. Sein Papa hat da eher Familienkater Max im Verdacht und ich fürchtete den Tag, an dem ich im Beisein des jungen Forschers womöglich eine kleine ausgetrocknete Kröte fände (was nie geschah und den Mythos des Ausbüxens nährte). Um weitere mysteriöse Verluste zu vermeiden, wurde das Bassin abgedeckt.

Alle anderen Jungkröten aber haben wir eine nach der anderen wohlgenährt in die Freiheit entlassen. Die Rückreise traten sie – versteckt zwischen Moos und Erde – in einer alten luftlöchrigen Brotdose an. Dabei wurde uns der Weg zum Waldtümpel jedesmal vertrauter: erst die Himbeersträucher, dann weiter am großen Holzstapel vorbei, noch ein Stück und dann endlich das Wasserloch. Noch einmal schau‘n wir uns die Pfleglinge genau an, „Tschüss“ sagt der Sohn leise,“ macht‘s gut!“. Und die kleinen Hüpfer, als wären sie nie woanders gewesen, verschwinden zielstrebig im Gras.

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Hier der Link zur Galerie: Quappen (12 pics)

Anmerkungen:
1. Die Rechtschreibung in den kursiven Absätzen ist nicht falsch, sondern das Grundschuldeutsch der Erstschreiber. Die Kinder lernen Schreiben nach Gehör, man nennt es auch „Freies Schreiben“. Schöner Begriff eigentlich – und wie alle Freiheiten sehr umstritten.

2. Vor 12 Jahren veröffentlichte die taz unsere Quappengeschichte zu Ostern – und nannten uns „Quappenberichterstatter – unsere Lieblingsberufsbezeichnung von unserer damaligen Lieblingszeitung.