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Kehrum: Dünenauge

11. Februar 2016 von m&m | Keine Kommentare

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Salz auf meinen Augen. Wunderbar. Das Meer grau. Der Sand blau. Schwarzbunt die Menschen, Vögel, Plastikmüll. Und was los: Wow! Riesenboliden rummern übern Strand: Rettungsübung. Das sind Kerle! Mit Silberringen in den Ohren. Ein Satz Fliegende Holländer. Und alle Strandläufer zücken ihre Handys. Fotografieren und filmen sie. Uh! Der Ortsfotograf dagegen ist fort. Sein Sohn nahm das Erbe nicht. Im Laden heute Pommes, oder Klamotten. Welches Haus war das noch?

Die Dünen in Wolken. Alles taucht ab. Sand, Gras und das tote Holz. Ein Mix aus Graubraungrün. Zum Festhalten nur zerwühlte Mähnen. Uralte Strandstiere, die schlafen. Als Bollwerke gegen den Sturm und wie den Märchenträumen der Ahnen entstiegen. Die roten Highlander dagegen, die hier wirklich leben, zeigen sich nicht. Leck mich Offline.

Nachts raue Dunkelheit. Schluckt die Tagwelt weg. Tiefenschwärze rundum. Einsamkeit auch. Umhüllt alles wie magischer Zauber. Stillt. Schutz oder Schrei? Wieder Landwind. Bläst Sand all over. Ungerührt tauchen aus dem Dunkel Paare ineinander. Streifen Hunde mit blinkenden Halsbändern den Blick, knistern Kotbeutel im Wind. Plötzlich Irrlichter zwitschernd am Gischtsaum. Radler. Im Trupp, den Hauptstrandaufgang hoch und ab.

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Am Tag reicht wüstes Wehen, 100 Stundenkilometer, um sich abzuarbeiten. Zum Glück ist Urlaub, sonst ginge man nicht raus. Raus in die klumpnassen Dünen. In die kargen Berge der Niederlande, wo Waghälse im Sommer kreischend und freihändig Radfahren. Und Sand und Gras und Hasenköttel und Gras und Sand. Guckmal! Da wo eben noch das Langohr saß, rieseln kleine Klümpchen die Sandnarbe hinab. Wir stapfen durch Schneesand auf, ab, auf – und Weiher voraus. In einer Senke sammelt sich Wasser. Graublau. Geriffelt vom Wind. Die Highlander auch hier nicht zu sehn, nur ihre Tritte zur Tränke. Ihre Fladen. Als Nichttier, nicht von hier wär man verloren, gäbe es nicht die schwarz-weißen Zeichen im Sand. Sonst keine Haltepunkte. Wie in der Demenznacht. Aber die Dünung ist schön.

Da der Bussard! Und fort. Aufgenommen vom Wolkentief. Alles wird gewendet, will neu werden. Weißer Pfeil auf grauem Stein. Schwarzer Hund auf weißem Sand. Kontraste im Nebel. War es hier, wo die Blume des Feuers das trockene Land fraß? Pinien setzen auf sowas. Das Feuer sprengt ihnen die Zapfen auf und hinterlässt fruchtbare Asche. Überlebens- Verjüngungsstrategie. Aber diese Kaktuskiefern hier? Wendungen, Windewege. Die Entfremdung aussetzen. Undo. Hastu du gehört? Undo! Zurück. Sorry: Wir waren nicht lang genug weg, um Postkarten zu schreiben.

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Dreizehn Stunden, dreizehn Kilometer: Wuppertal

15. Januar 2015 von m&m | 2 Kommentare

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Hier der Link zur Galerie: Wuppertal 2014 (35 pics)

 

Nein. Nicht Hamburg, Berlin oder Prag, sondern Wuppertal. Da sitzen wir jetzt. In der Schwebebahn, weil ich mir das zum Geburtstag gewünscht hatte. Mal einfach weg sein statt Fete. Nichts müssen, nur sein. Fanden unsere Freunde gut: Super Idee – wohin geht’s denn? Wuppertal. Bitte? Was? Wupp..? Das klang fassungslos. Und das passt ja. Zu dieser Stadt, die irgendwie gar keine ist. Wuppertal hat – und das ist deutschlandweit echt besonders – kein Stadtzentrum, sondern ein Stadtzentralband. Sieht man aus dem All, wie ein Satellitenbild auf Wiki zeigt. Also, nix Kirchturm als Orientierungspunkt, nix niedliche Altstadt, Rathaus, Marktplatz oder so. Voll suburban. Gegründet und dezentral geleitet von Delegierten jener sieben Städte, die im Tal der Wupper über die Jahrhunderte aneinandergewachsen sind. Langweilig? Cool! Fand schon Kaiser Wilhelm Zwo. Mit seiner Frau Auguste Viktoria weihte er 1900 die dreizehn Kilometer Schwebebahn-Strecke ein.

Knapp tausend Jahre früher war übrigens schon Karl der Große an diesem Ort strategisch interessiert. Heißes Grenzland damals. Zwischen Franken und Sachsen. Also ließ Kalle das Wuppertal schützen und befestigen… Kann man nachlesen alles. Als deutsche Touristin darf man sowas. Und weiter herausfinden, dass Friedrich Engels, Alice Schwarzer und Else Lasker-Schüler hier geboren sind, außerdem Johannes Rau und Pina Bausch. Muss ein inspirierendes Stück Gegend sein. Auch wenn der Himmel am Tag unseres Besuchs wenig erhellend wirkt. Grau halt. Und dabei bleibts.

Egal. Hier sind wir und packen das old Girl Schwebebahn bei den Türgriffen. „Old Girl“, so stellt die Stadttouristik sie den englischen Touris vor. Auf Deutsch dagegen heißt sie „alte Dame“. Wir nudeln mit ihr unser Tagesticket ab und fotografieren wie nur je ein Trupp Japaner. Sehen am späten Morgen hinaus, am Mittag, zur Rushhour abends – und immer dazwischen auch. Hin und her. Her und hin lassen wir uns schweben. Klobig die Stützbeine. Eisernes altes Mädchen. Kriechende schwangere Schwester des Eiffelturms. Kein Wunder, dass nicht jede Stadt so ein Monstrum haben wollte.

Das Ziel ist der Weg. Natürlich. Dreizehn Kilometer lang und vier bis zwölf Meter über Straßen oder Wupper. Augen und Ohren auf. Alles andere ruht. Man nennt es Schwebe-Zen. Natürlich sind wir dabei selten allein. 85.000 Passagiere pro Tag. Ein paar habe ich belauscht. Etwa diese Neunjährigen: „Welche Station findest du am schönsten?“ Will ein Junge von seinem Freund wissen. Stimmt, da sollte ich auch drauf achten. Nach kurzem Bedenken gibt der Befragte zurück: „Die meisten.“ Und dann quasseln sie los und einer hält dem anderen Vorträge zum Thema Ästhetik. Der Fragesteller übrigens findet Ohligs Mühle am schönsten. Wegen dem vielen Glas. Daraufhin kürt der Andere die „Kluse“ als Schönste. Von immerhin 20 Stationen zur Auswahl. Glas. Das verstehe ich. Kaum Schöneres als Spiegelungen. Allerdings nur die, die Licht und Glas hervorrufen. Hinter mir zwei Frauen haben keine Augen dafür. Die eine hat üble Probleme. „Magenspiegelung“, fasst sie plötzlich zusammen. „Sollte man mal machen.“ Mit Mal fallen mir Szenen aus Wenders‘ Himmel über Berlin ein. Wo er die Leute belauscht in der Hoch-Bahn und zuhause. Als ein über den Dächern und durch die Wände schwebender Engelsregisseur. Aber nichts Erhabenes weit und breit. Nur dieser im extraschmutzigen, alltagstrüben Schwarz-weiß gehaltene Alltagsscheiß. Sogar ein Mann dabei, der sich vom Hochhaus stürzt.

Was wir sehen? Heimat. Feucht-grauen Himmel über Wuppertal. Alltagsspuren. Oder wie die Wuppertalerin Pina Bausch sagte: „Eine Alltagsstadt, keine Sonntagsstadt.“ Wir passieren ein geschreddertes Ladenhaus. Verrücktes Bild, die Steine im Schaufester. Noch immer in aufmerksamkeitsheischendem rot-gelb der Hinweis: „Angebot der Woche!“ Rau aber Billig. Herzlich auch? Weiß nur, wer hier lebt. Zumindest spendiert einer im Café, das ich zum Aufwärmen brauche, einem einheimischen old Girl Kuchen. Schon bestellt zu ihrem Kaffee, aber sie kann ihren Zehneuroschein partout nicht finden. Eben war er noch da! Verunsichert durchforstet sie zum fünften Mal ihre Manteltasche. Da war er eben noch. Ich hatte einen Schein. So blöd ist man ja nicht!? Der junge Mann am Tresen beruhigt sie: „Der Herr hat‘s ausgelegt.“ So sind sie wohl hier. Südlich vom Pott. Anders. Kein großes Aufheben. Machen. Und doch geht der Stadtteil offensichtlich den Bach runter. Billigfriseur, Billiginternet, Billigklamotten.

Wieder in der Bahn sitzen wir auf der Grenzlinie zwischen Jungs und Mädchen. Sieben, acht Jahre alt. „Ich hab keine Freundin!“ „Doch hast du!“ Die Mädchen kringeln sich, der Junge rastet gleich aus. Zwei 13jährige Mädchen reden über ihren freien Tag morgen: Ich kann gar nicht damit umgehen, dass wir morgen keine Schule haben. Ein anderes Mädchen beschwert sich über ihre Lehrerin: Warum hasst sie mich so? Während draußen die Stahlstützen vorüberfliegen. Seegrün. Wie vor 113 Jahren. Und vor 65 als Tuffi, der junge Zirkuselefant aus der Schwebebahn in die Wupper fiel. Wie?! Ja. So steht‘s auf der Homepage der Bahn. Zum Glück kam er „mit einer Schramme am Po davon“.

Das Vohwinkler Zentral-Café hat Kevin uns empfohlen. Danke. Sehr guter Tipp! Ausruhn. Orangenes Licht tanken, Leute gucken. Das Café in farbiger Hand. Und ich muss immer an dieses YT-Video denken, in dem die Rollen umgekehrt sind. Wo Farbige Weißen in die Haare grabschen, nur um mal zu fühlen, wie weich das so ist und dazu dämlich grinsen. Wo Farbige Weißen attestieren, sie sprächen ihre Muttersprache erstaunlich gut und dergleichen mehr. Wie verhalte ich mich gerade? Die Frau, die das Klo putzt wünscht mir nachdrücklich einen schönen Tag – äh, auch so! Und die Chefin guckt mich an als mache ich alles falsch. Als ich noch einen Tee haben will, bestelle ich ein Klo to Go. Endlich grinst sie.

Das vielfältige Innenleben des Cafés rettet den Nachmittag. Die Kunden: Wuppertaler. Türkische Rentner, deutsche Rentner, arabische Rentner. Deren aller Kinder mit ihren Kindern, ein Obdachloser und, ganz hinten in einer gemütlichen Ecke mit Panoramablick, ein Mädchen in rosa. Eine ausgefallene Schulstunde vielleicht. Oder sie sitzt da immer die Zeit zwischen Schule und Hort oder Schule und Mama-kommt-nach-Hause ab. Alles rosa an ihr und um sie herum. Mit ihren zum Dutt gedrehten Minizöpfchen und dem kleinen Speckbauch sieht sie wie ihre eigene Oma aus. Anders als diese aber fläzt sie frechfeist auf dem Sofa. Wie zuhause. Unverblümt. Und Handyhandy. Nur Spielen.

Auf der Straße beschwert sich eine alte Vettel. Oder ist‘s ein Mann? Voll Alki. Polizei. Kleiner Unfall enge Straße. Leerstände. Baustellen. Türkische Gemüseläden, türkische Döner. Telefonläden. Und immer wieder die grün gestrichenen Eisenfüße der Bahn. Nichts Zartes weit und breit. Nichts fein getrimmtes. Dazu Weihnachtsmarktkitsch und Gefühlsdudelmusik. Und plötzlich Verlorenheit. Wo bin ich? Die Zeit abgelaufen. Das Ziel aufgelöst im Zwischenfall. Die Menschen. Die Stunden. Das Du. Verloren?

Stopp und Fensterplatz für mich – wo doch Geburtstag ist. Und auch italienisches Gebäck. Wie viel die dolce? „Vier Öro fünfzich.“ Gekauft. „Wollen Sie aussuchen?“ Unterschiede gebe es nicht. Na dann bin ich bequem. „Ich bringe Sie Ihnen Madame.“ Schmeichler. Weiß genau was zieht. Jaha. Neben der „Madame“ natürlich das Gefühl auswählen zu dürfen. Wie sie die Mitte nährt, diese nette kleine Freiheit.

Und wieder: Fahrt ab (sehr leise übrigens). Irgendwie sieht dieses Verkehrsmittel ja schon verkehrt aus. Als habe ein Riese Spaß gehabt und die Bahn auf den Kopf gestellt. Ausgekochte Technik damals. Ursprünglich „Langener System“ genannt nach ihrem Erfinder Eugen Langen. Manche Zeitgenossen beschimpften es als Teufelswerk. Heute ist es Wahrzeichen und das Stadtmarketing punktet mit der Parole: „Wuppertal macht was anders“. Passt. Müde ist die Stadt jetzt. Vom Arbeiten. Vom Tag. Draußen vorm Fenster jetzt der schon bekannte Film und doch immer ein anderer. Mal heller mal dunkler. Allein das Schaukeln unbezahlbar. So anders fahren. Und so sanft wie auf einem Boot. Nie Angst. Nur zwei Unfälle in 113 Jahren. Wie kann nur ein Elefant da runter fallen??

Zum Träumen lädt es, das verwunschene Farbgewisch draußen vorm Fenster. Im schmalen Ufergartengrat zwischen Wupper und Arbeit stehen Tische und Bänke und Stühle zusammengestapelt. Angekettet. Ist ja kalt. Im Sommer muss das ein einziges Mittagspicknick sein. Oder Rauchertreff unterm Rauschen der Bahn. Plakate von Gestern. Balkenhohl was auch here. Monate her.

„Darf ich Sie was fragen?“ An der Wendekehre spricht eine Einheimische mich an: „Fotografieren Sie als Hobby oder als Beruf?“ Beides. Worauf sie mir erzählt, dass sie gerade von einem Kollegen, der so gerne fotografiert, einen Kalender mit Wuppertalfotos geschenkt bekommen habe. Ja haben heute denn alle Geburtstag? Einsteigen! Und schon beschlagen die Scheiben, weil plötzlich so viele drin sind, die zuvor durch den Regen mussten. So viele, dass wir stehen müssen. Japaner dabei, die Platz machen für eine Farbige mit Babywagen. Die lächelt zum Dank bevor sie erst den Platz nutzend den Wagen ins sichere Eck rangiert, dann aber wieder aufs Handy schaut. Nicht auf ihr Kind. Manno Mama! Das Kind unter Plastikschutz. Allein. Allein mit seiner Knisterflasche. Vielleicht aber auch geborgen?

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