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Graffiti gegen Fremdenhass

13. März 2016 nach m&m | Keine Kommentare

Osthafenmole, Graffiti Panorama 
Jogger machen Selfies, Spaziergänger können den Blick nicht wenden, Mütter und Väter, die kinderwagenschiebend am Main flanieren, stoppen für ein Handyfoto – das neue Graffiti an der Frankfurter Osthafenmole (hier das vorherige) ist schon von weitem sichtbar und lässt niemanden kalt. Zu bekannt ist das Bild des ertrunkenen Flüchtlingskinds Aylan, das die Vorlage war.

Nach dem Interview, das die beiden Frankfurter Graffiti-Künstler Justus Becker alias Cor und Oğuz Şen alias Bobby Borderline der Hessenschau gegeben haben, war genau das ihr Ziel: die Menschen zu bewegen und dazu beizutragen, dass das Elend der Flüchtlinge nicht vergessen wird. Die Hafeninsel habe sich angeboten, weil sie vom Wasser umspült an die türkische Küste erinnert – und genau gegenüber der EZB gelegen ist, die somit sehr passend das eingeigelte Europa vertritt. Cor hält es für wichtig, das Bild genau „hierherzubringen, weil es die Leute erst interessiert, wenn es vor ihrer Haustür passiert.“

Es gab einen medialen Wirbel vor einem halben Jahr: Darf man dieses Foto zeigen? Muss man? Manche haben sich um die Antwort gedrückt und den Jungen verpixelt. Die türkische Fotoreporterin Nilüfer Demir sagte damals in Interviews, sie habe den stummen Schrei des Kindes sichtbar machen wollen. Sie erzählte, dass sie seit 15 Jahren das Elend von Flüchtlingen sieht – und dass sie zeigen wollte, dass diese Kinder ohne jeden Schutz waren, als sie ertranken. Keine Rettungswesten, nichts. Das Bild ist zu einer Art Sontag’schem Nachweis geworden („Fotos liefern Beweismaterial”, schrieb Susan Sontag 1973 in ihrem Essay „Über Fotografie“. „Etwas, wovon wir gehört haben, woran wir aber zweifeln, scheint ‚bestätigt‘, wenn man uns eine Fotografie davon zeigt.“ Das ist auch in Zeiten digitaler Fakes noch so. In diesem Fall der Nachweis der Grausamkeit an den europäischen Grenzen. Die Künstler haben für uns gewählt. Ein Bild für Frankfurt.

Osthafenmole, Cor und Oguz Sen
 
 
 

Helden der Straße – Frankfurt Street Art

13. September 2015 nach m&m | Keine Kommentare

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Freu mich jedes Mal über das Schloss mit der Feder, wenn ich es sehe, oder die Katze am Bahndamm, das Geisterhaus in Bornheim oder die Loopin Mädchen am Main und in der Stadt. Auch „Denk“ lese ich immer wieder gerne. Schon lange. Ausnahme Gewächshäuser in Oberrad. Nicht weil es nicht auch da reichlich cool aussähe, sondern weil ich denke, das ist nun wirklich blöd für die Gärtner und deren Pflanzen.

Wo, wie, durch wen auch immer – in jedem Fall haben wir hier in Frankfurt eine abwechslungsreiche Ausstellung in progress. Vom reinem Provogekritzel über agressives Machogemarke mit Dosenpisse über atemberaubend poetische Murals bis hin zu verspielt-nachdenklichen Kopf- und Fußnoten. Mir gefällt die Raumnahme, das „Hey! Unsere Stadt!“ Was wären wir ohne sie?

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Außerdem ist‘s kommunikativ. Sprechende Wände zum einen, weil mir ja jemand was mitteilt, – aufwändig als Szenen gesprüht, zu Schablonenkunst (Stencils) stilisiert oder noch aufwändiger als Aufkleber – Paste-ups produziert. Kaum ist es da, ruft es sogar im hintersten Hof noch Reaktion hervor und sei es, dass eine Papierecke heruntergezogen und damit das Ganze verändert wird wie bei dem Milchtüten Paste-up. Neben der direkten Reaktion an der Wand gibt es natürlich noch die davor: Kaum bleibe ich stehen, um ein Graffiti zu fotografieren, kommt jemand und zückt sein Handy oder Tablet. Am Ostmolenkopf vor dem Mural (von „case“) hab ich so Nicole aus Italien kennen gelernt (Ciao Bella! Falls du das siehst!)

Letzt fragt mich einer, was ich fotografiere – ich zeige auf das Kettenschloss mit Feder und er: „Das ist schon seit vier Jahren da. Die ganze Nachbarschaft war vollgesprüht. Alle habens weggemacht. Ich habs gelassen. Ich finde es schön.“ Bei Kettenschloss, Stencilkatze am Bahndamm und Loopin tippe ich übrigens auf weibliche Linienführung. Zugegebenermaßen mache ich mir darüber erst seit dem Pariser Blogpost über die raren Königinnen der Straßenkunst Gedanken. Beim recherchieren hab ich bei uns jedenfalls nur eine gefunden: „Hera“ von Herakut, die ja in FFM ein großartiges Mural verantworten mit der Botschaft: „There is something better than perfection.“

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Herakuts Mural-Projekt ist seit zwei Jahren fertig, Loopins „Was guckst du so?“ prangt seit drei Jahren auf der Mauer. Was die Lebensdauer betrifft, toppt Kettenschloss mit vier Jahren bisher alle, die mir bekannt sind. Die Paste-ups haben natürlich eine wesentlich kürzere Expozeit. Rasend kurz leider beim abgefahrenen Paste-Kommentar zur aktuellen Geisteslage in Bornheim. Vor 14 Tagen haben wirs gesehen, jetzt hat das Haus neue Fenster und Farbe – weg isser Hirnschritttmacher.

Allerdings gibt es ja Fotos – und die Online Graffiti-Doku auf Blogs wie Stadtkind oder Kollektive Offensive, wo Passant ganz schöne Fotos macht. Und tagtäglich gibts ja immer neue. Allüberall. Und mit dem allgemeinen Ziel, denke ich, dass wir sie sehen. Unverständlich, dass das französische Gesetz verbietet, Graffitis zu fotografieren und im Netz hochzuladen oder sonstwie zu veröffentlichen. Geht’s noch? Bitte, Brüsseler, nicht als europäisches Gesetz!

Schön umschifft hat das das Blog Paris Zig-Zag. Haben einfach Interviews mit den „Reines“ der Pariser Graffiti-Szene gemacht – siehe hier – und ihre Bilder gezeigt. Ziemlich coole Frauen und Bilder. Über Frankfurts Königinnen würd ich auch gern mehr wissen – also nicht Äppler- (Apfelwein) und Brunnenköniginnen, sondern die der Straßenkunst! Hallo?!

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