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Finis: Wiesbadener Fototage

11. September 2017 von m&m | Keine Kommentare



 

Abgeholt.
Und noch auf den Weg bekommen, wie gut unsere Serie „auch bei Nicht-Fotografen angekommen“ ist. Genauso sollte es ja auch sein. Alles andre ist nicht Mumpitz, schon auch schön, aber doch eher Filterblasenfreude.
Vielen Dank allen, die uns für den Publikumspreis vorgeschlagen haben. Und vielen Dank an das Wiesbadener Fototage-Team für eine Superausstellung.
Nächste Woche: Sind wir wieder auf der
Dementia Road.
 

 
 

Fotofestival Wiesbaden 2017: mit unserer Serie Dementia Road

31. Mai 2017 von m&m | 2 Kommentare


 
Acht Bilder für acht Buchstaben: DEMENTIA – damit sind wir eine Facette von Insight, dem Grundthema der Wiesbadener Fototage 2017. Gestern abend die Email: „Wir freuen uns Ihnen mitzuteilen…“ Und wie! Wir uns freuen!

Insight – Einblick nehmen, gewähren, aufzeichnen. Das war Ziel unserer Serie Dementia Road. Einen Zustand in Bilder fassen, der uns immer wieder an den Rand von Wahrnehmungskraft und Fassung bringt, und dennoch ausgehalten werden muss. Seit einigen Jahren leidet meine Schwiegermutter unter Demenz. Sie sagt: „Es ist, als wäre da ein Schwamm vor meinem Gesicht“. Wir wohnen drei Autostunden entfernt – wenn wir zu ihr fahren, wird die A3 zur Dementia Road. Dieses Mitfühlen ist beklemmend: Wie mag es sich anfühlen, nicht mehr zu wissen, wer man ist und wo. An einem ihrer letzten Geburtstage verwandelten sich die an unserem Auto vorbeiziehenden Schemen auf mystische Weise in Repräsentanzen ihrer schwindenden Erinnerung. Der Schwamm saugt alles auf.

Die Nebelkälte draußen entsprach unserer inneren Beklemmung. Wie sie sich verzweifelt mühte, die Teile zusammenzusetzen. Je mehr, desto vergeblicher. Furchtbare Denkschleifen, in denen sie hängenbleibt. Schlimm für sie selbst, für uns und für jene, denen wir davon erzählen. Die meisten schrecken zurück. Wollen lieber nichts hören. Als sei Demenz ansteckend. Die Angst davor ist es.

Eröffnung der Fototage: 26.8. um 19 Uhr im Kunsthaus Wiesbaden
Schwalbacher Str. 53, 65183 Wiesbaden – Vernissage mit Musik von ROBERT LUCACIU bass/Composition/cello, Eintritt frei.

Diese Bilder hängen vom 26. August bis 10. September im Wiesbadener Ministerium für Wissenschaft und Kunst:

 
 

Sechs mal, Demenz und app

16. Januar 2016 von m&m | Keine Kommentare

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Auszeit poliert Kontraste. Oder vielleicht ist man einfach nur beim Neustart, sogar nach einem Kurzurlaub, blitzmedienblank. Um so heftiger pulsen am Tag eins die kabellosen Freunde: #geheimnis, #ausnahmslos und #rigaer94. Muss man erstmal kapieren. Während die Speicherkarte Double Exes, Dohlen und Dünen einspeist, während Tweets und fb-Posts auflaufen, die „Ich weiß was!“ zwitschern, „Hier bin Ich!“ oder „Kauf mein XY (Text/Bild/Buch sowas), also während all das piept und brummt und lädt, bleibt es auf der Strecke. Fällt es, das big picture. Die Vision, was mal bleiben soll und was man hinterlassen, besser: mitgestalten möchte. Mankell ruft uns das nach, (Niels) Quaquebeke vor – nur, die Mehrheit möchte nicht. Will nur spielen und „Ich bin dran“ rufen.

Und natürlich Tipps verkaufen, wie man das Spiel am Laufen hält. Hinkriegt, nein, optimiert, sodass so viele wie möglich sich den eigenen Auftritt angucken, liken und reliken. Scheine und Likes (schein breit like Deimonds, deidelt das Autoradio nach der Grenze, bevor ich auschalte). Optimierung. Auf dass alles satt und sauber wird. Gibs durchdachte Strategien und Workshops für. Mit Neurohintergrund. Denn die Hirnforschung hat festgestellt, dass Mozart, Geigen, und die Farbe Rot universelle Aufmerksamkeitshammer sind. Dass der gemeine Mensch sich drei, fünf, sechs (uiuiui), sieben oder Doppelsex, also ein Dutzend, Tipps am besten merken kann. Weshalb Checklisten, Tipps oder Ratschläge mit 3, 5, 6 oder 7 Punkten, Spiegelstrichen oder fetten Markern am einträglichsten seien, und Teaser mit Reizwäscheworten á la Sex-Skandal, Geheimnis, Diät oder Mör-der-blut am grabschigsten teasen. Nach dem Urlaub fällt mir das wieder besonders auf. Erinnert mich an vorappiale Zeiten. Oder an Wettbewerbe der taz-Wahrheit. Wer mitmachte, war gefordert extrem bekloppte Worte in einem Text unterbringen – und wer krass gut darin war, dem winkte eine Flasche Cognac. Hieß es. Den hat die Wahrheit sicher selbst gesoffen, @besserdeniz großgezogen und an die Welt weitergereicht.

Auszeit also. Reduzierend wie gute Küche. Gut. Aber nur relativ gut, wenn es demente Verwandte gibt. Dann ist ansprechbar sein ein Muss. Kontakt. Halten. Sogar aus Vietnam wird 2x am Tag dorthin telefoniert. Nur um zu hören: Wer bin ich? Wo muss ich zum Essen hin? Was soll ich bloß machen? Kriegt man Angst vor der Zukunft – und Party und Kaffeeklatsch (twitter und fb) gerinnen zum hypersurrealen Quark. Wer berichtet eigentlich davon? Gibt Platz dafür? Redefreiheit? Wo nicht mal #Pflegenot genügend diskutiert wird.

Eine Woche lang nur die SpOn-App: Wohnung des Paris-Attentäters gefunden. Polen bestellt den deutschen Botschafter ein. Die “Ereignisse“ von Köln. Spuckt Botschaften, die wie surreal vorbeidriften. Weil man eigentlich nur die Kanäle leeren und allerhöchstens die allerwichtigsten Neuigkeiten will, um den Tagesplan auszurichten. Also: Wie wird das Wetter?

Zurück in die Zukunft katapultiert hat mich aber nicht die Ankunft in der Medienheimat, sondern „Radio Veronika“. Hätte nie gedacht, dass sich der Moderator des nordholländischen Senders genauso anhören könnte wie Schwester Marion oder Onkel Lars von HR1. Echt jetzt. Sogar die Werbung wie geklont. Dass man nicht alles, versteht ist ja normal. Ist man also doch und echt Europäerin?! Super! Medienoptimierung ohne Grenzen. Nur, die Veronika-Musik war besser. Aber da hatten wir eh keine Not, waren blauzähnig verkoppelt.

Dank App, Demenz und Wifi, blieb uns das Grundrauschen. Die mediale Nabelschnur, die nie abfällt. Zuhause aber, in der Brandung, wird grundoptimiert: Ich lösche die Freundschaftsanfragen derer, die ich nicht kenne und entfreunde mich von denen, die nie reagieren. Mit denen mich nichts verbindet. Nicht mal Demenz.
 
 

Max, 19 Jahre, leicht dement

12. August 2015 von m&m | Keine Kommentare

Unser Seniorkater Max war ja immer schon etwas gaga, aber jetzt – ist er altersgaga

Kater Max
 
Es kommt direkt aus dem Bauch: Wiauurouhh-aah!! Wiauurouhhhaa! Selbstvergessen, Oooommm pur sozusagen. Minutenlang. Ein sattes Röhren, das am Ende oft in haltloses Geschrei kippt. Ziege? Pfau? Baby? Nein! „Was Sie da hören, ist meine Katze…“ Fast jedes meiner Telefon-Interviews startet mit diesem Hinweis. Und immer öfter höre ich dann: „Ohja, kenne ich. Wir haben auch so eine.“ Max und seine greisen Mitkatzen und Mitkater sind raus aus dem lustigen Youtube-Clip Alter, sie sind dement und das ist nicht immer komisch.

Bis vor fünf Jahren noch redete niemand von dementen Haustieren. Doch je besser die medizinische Versorgung, die stressfreie Haltung, das Futter, desto so älter werden Haustiere. Und desto mehr Alterskrankheiten bekommen sie. Ganz wie der Mensch. Tierärzte beobachten das schon länger, doch die Tierbesitzer trifft der Elchtest in Sachen Pflege meist unvorbereitet. So wie uns an Silvester. Unser älterer Kater war schon immer sehr speziell in Sachen Futter. Kleine Häppchen, am liebsten vom Feinsten, bloß nix Unbekanntes, aber auch bloß nicht immer dasselbe. Doch nun ging gar nichts rein. Dafür kotzte er sich die Seele aus dem Leib. Also Tierarzt.

Aufbauspritze. Bluttest. „Kommense morgen wieder, wenn er nicht frisst.“ Am Neujahrstag? „Ja klar.“ Der Kater fraß nicht, war nur mehr ein Häufchen Elend. Also tatsächlich an Neujahr wieder zum Arzt. Wieder Spritze. Wieder „Kommense morgen wieder.“ Und dann die Diagnose: „Niereninsuffizienz“ verbunden mit dem Kommentar: „Als Mensch müsste er zur Dialyse. Als Hund wär‘ er schon tot.“

Und als Katze? Kriegt er bis heute Elektrolytlösung unter die Haut gespritzt, denn diese Flüssigkeit bleibt dem Stoffwechsel erhalten, auch wenn der Magen sich umstülpt. dazu Nierentabletten, Diätfutter (dreimal so teuer wie normal), Verdauungspaste. Nach vier kostenintensiven Tagen kam mir der Arzt entgegen: Wenn wir das Spritzen selber übernehmen wollen, würde er mir jetzt zeigen, wie es geht. Was? Mir?

An jenem Tag war ich mit dem Kater alleine da. Also bekam ich den Exklusiv-Workshop und seitdem ist Spritzen mein Ding. Anfangs zweimal täglich vier Pullen á 20 Milliliter. Ausgerechnet. Ich. Die früher beim Tierarzt umkippte. Kann kein Blut sehen, da macht mein Blutdruck schlapp. Tja. Was dann so alles doch geht. Die Arschkarte habe übrigens der, der den Kater festhalten muss, merkte der Tierarzt an. Und die hat mein Mann. Dem sollte man jetzt übrigens nicht blöd kommen, gibt ordentlich Muckis die Katzenhalterei. Max, dieses alte Knochenhemd, das kaum noch drei Kilo wiegt, kann noch gut gegenhalten. Alles im Kopf kann eben Willenskraft werden. Selbst bei Katzens.

Kater Max
Kater Max
 
Das Aufreibendste aber war, die Balance wieder herzustellen. Da Max immer knochiger wurde, kriegte er zu fressen, wann und was immer er wollte. Sein Katerkumpel Robbie dagegen, der immerhin auch schon 12 Jahre bei uns ist, bekam dann nichts. War ich besorgt oder genervt oder besorgt und genervt wurde er schon auch mal weggeschubst. Das Ergebnis war wenig überraschend: voll neurotisch. Keiner liebt mich, dachte er und leckte so lange an seinem Bauch, bis der wund war….

Mittlerweile haben wir Routine. Robbie ist rund und gesund, und Max bekommt Spritzen, sobald wir erfühlen, dass er sie braucht. Als bester Ort dafür hat sich, entgegen allen Empfehlungen, ein Weidenkorb erwiesen, der auf dem Boden steht und sein Rückzugsort ist. Wir warten, bis er richtig schläft und überraschen ihn dann. Klappt nicht immer, denn Max Holzauge ist wachsam. Da er taub ist, muss er geradezu riechen, was wir vorhaben. Manchmal meckert er. Anfangs hab ich das mit „Aua!“ übersetzt, geschwitzt und gedacht: der Arme! Aber unser Tierarzt schüttelte nur den Kopf. „Der kennt Sie und trickst. Es tut nicht weh.“

Manche Verwandte und Freunde verbinden mit Spritzen nur Schmerzen und Blut. Und fragen immer wieder: Wie lange wollt ihr das noch machen? Soll heißen, wann lasst ihr ihn endlich einschläfern? Mich nervt diese Frage mehr als Max. Und die Tierarztcrew betont: „Dürfen wir gar nicht. Seit 2013 gibt es ein neues Gesetz, das vorschreibt: einschläfern nur bei Indikation.“ Immer mehr Leute aber kämen, weil sie genug hätten von der Arbeit mit dem alten, kranken Tier. „Wir machen das nicht, aber es gibt genug andere.“

Überraschende Erkenntnis: Tiere machen Arbeit. Vor allem wenn einer wie Max das Katzenklo nicht findet. Vielleicht auch gar nicht sucht. In einem Katzenratgeber den Tipp gelesen, alten Katzen einfach mehr Klos hinzustellen… Öhm. Wir haben zwei, die ständig gesäubert werden. Dazu bräuchte Max eins vorm Bad, eins vor der Haustür, allein drei im ehemaligen Kinderzimmer: eins vorm Fernsehsofa, eins in der stillen Ecke und eins vor der Heizung, dazu schließlich noch je eins vorm Herd und vorm Kühlschrank.

Kater Max
Kater Max
 
Meist kotzt oder pisst er frühmorgens, was die Sauberkeit unseres Haushalts enorm erhöht. Luft anhalten, gelbe Gummihandschuhe überstülpen, einatmen, lila Putzmittel ins Wasser spritzen, ausatmen, nicht aufregen – und alles wird gut. Domestic Stories… Urlaub gibt’s seit zwei Jahren nicht mehr. Denn natürlich kann man die beiden so niemandem zumuten.

Dass unser Mäxchen das noch mitmacht liegt an seiner Zähigkeit, unserem Arzt und unserer Flexibilität dessen Anweisungen situationsgerecht umzusetzen. Daran, dass wir es schaffen Spritzen zu verabreichen, selbst unter Streit oder Stress, oder gar unter dem Schulterblick von Schwiegermüttern; sowie der Fähigkeit zu arbeiten, auch wenn der Schreikater an schlechten Tagen jeden kreativen Gedanken niederplärrt.

Bei alten Katzen ist es ähnlich wie bei Menschen: Demente schreien. Hunde tun das nicht, die stehen eher versonnen vor der Tür und haben vergessen, warum. Unsere Tierarztassistentin findet deshalb demente Katzen „viel interessanter“. Stimmt. Ist kaum zu toppen: Vom Röhren und Schreien übers Maulen und Meckern bis zum Quäken, das ich nun wirklich hasse. Denn es meint mich. Trifft zielsicher mein Ich-raste-gleich-aus-Zentrum. In Kurzintervallen ausgestoßen will es mich aus dem Bett, vom Bildschirm oder Telefon sprengen. Einatmen, ausatmen, ruhig bleiben. Schließlich ist es die Ansage, die wir schon seit Jahren kennen: Personaa-al! Essen hinstel-len! Sofo-ort! Nur penetranter.

Obwohl… Wenn ich zurückdenke… Als Max noch ein süßes, federleichtes Katzenbaby war, raste er ratzratz die Wände hoch. Zum Prusten komisch, wenn man von den Kratzspuren auf der Tapete absah. Als die Wohnung renoviert war, der Kater älter und schwerer, rupfte er die Tapete dann einfach auf Tatzenhöhe in Fetzen. Immer genau neben der Tür, die gerade geschlossen war. „Mensch ey! raus aus dem Bad!“, hieß das dann – oder, „Kommt endlich nach Hause!“ – oder eben „Raus aus dem Bett! Verdammte Kralle!“

Wie lange noch? Solange er frisst, keine Schmerzen hat, aus vollem Hals brüllt, sich uns trotz all der blöden Spritzen auf den Schoß schmeißt und allerliebst schnurrt, sich also offensichtlich wohl fühlt. Wir wetten, er wird 20. Wahrhorrouruhu!

 
 
 
(Diese Katzen-Demenzreportage gabs am 8. August in der taz am Wochenende)

4. Januar 2013
von m&m
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Das Buch: Vom Schlafen und Verschwinden

Zeichen, Zettelsammlungen, ein flaches Z in der Luft – die ersten zwölf Seiten sind geheimnisvoll und verwunschen. Wie zufällig hingeworfener Sand, eine Häufung von Andeutungen und Worten, deren Inhalt man erst später richtig verstehen wird. „Alles ist voller Zeichen“ – … Weiterlesen