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Disco, Disco Partizani!

2. September 2018 von m&m | Keine Kommentare


 
Gestern vor der alten Oper: Frankfurter gegen Rechts und für Musik.
Gerockt, zum Toben gebracht und laut gemacht von DJ Shantel und seinem Bucovina Club Orkestar: Disco, Disco Partizani!
“Bella Ciao” wurde auch angespielt, mitgesummt – und Shantel (aus Sachsenhausen!) hat gleich erkannt: “Leude, so machen wir keine Revolution.” Recht hat er… Also, tobt, rockt, steht auf, haltet zusammen – und tanzt!


 
 
 

Schottland – Reiselogbuch #1

27. August 2018 von m&m | 2 Kommentare

Cut and go


 

Katzennetz in unseren Balkongarten gefummelt. Letzte Infos für die Katzensitterinnen. Süßes für die Postfach-Bestücker. Das noch erledigt, und das und das. Pffff. Aber gut, wir werden immerhin fast vier Wochen weg sein. Endlich starten wir. Los. Fahrn. Losfahrn.

Ich sitze ruhig da, aber in mir rüttelts und ruckelts. Die letzten Stunden, Tage, Wochen der Vorbereitung in den Knochen. Das Abgehake der Listen. Das Packen. Zwei Lenker-, neun Fahrradpacktaschen. Zelt, Isomatten, Schlafsäcke, Hänger. Klamotten, Campingküche, Fotoausrüstung, Strom, Bücher, Trackingkram, Waschkram, Klammern sogar – und, klar, Proviant für on the Road.

Check, check: die letzen Emails. Läuft alles? Wie, Bankverbindung habt ihr nicht? Was will der denn noch. Wieso hat der denn den Anhang nicht gekriegt? Zur Hö… Also gut, nochmal raus damit, gesendet von meinem Handy. Fertig. Aus. Urlaub.

Und dann – O Mann! Adrenalin schießt auf: Die Buchungsbestätigung für die Fähre – wo ist die?!? Wollt ich doch noch in die Dropbox laden. Hab ich nicht. Die Mail zu alt, komm nicht ran mit dem Handy. Ach du Kacke. War das mein Part? Wie kommen wir da im Zweifelsfall dran? Nervt mich bis kurz vorm Fährhafen Ijmuiden. Schnapp, Schnapp, Aus. Ein. Atmen. Pat hat sie gedruckt. Hat den Ausdruck dabei. PFFFF. Alles gut.

Einchecken



 

Eigentlich wollten wir noch Pommes essen im Hafen von Ijmuiden, doch auf einmal sind wir eingereiht, als hätte uns ein Magnet erfasst. Gigantisch. Eine Riesin diese Fähre. Fast 163 Meter lang, fast 30 breit. Elf Decks mit Platz für 1250 Menschen, 600 Autos. Ganz oben die Sky Bar. Himmelsraum mit Hubschrauberlandeplatz für Notfälle, aber das sehen wir erst später. Noch stehn wir an. Natürlich dürfen immer die neben uns fahren. Also, weiter Schlangestehn, Fähre gucken, Fotos machen. Wie alle andern. Und Warten. Warten. Warten. Autos, Trucks und Camper in allen Größen. Motorräder, Biker, Ordner, Einweiser, Männer und Frauen zur See.

Endlich auch wir. Drin. Hektisch greifen wir, was wir auf der Fähre brauchen, raus aus dem Auto und hoch die Treppen. Eine der 478 Kabinen auf Deck sieben ist unsere. Minischlafkiste für zwei. Ohne Meerblick, mit Etagenbett. Für das obere braucht man einen Yoga-Ausweis – ist also meins. Hi Princess. Da sind wir, endlich auf Deck! Die Sonne scheint, der Himmel ist blau, die See atmet wie ein schlafender Hund. Fühlt sich alles verdammt gut an.

Noch sind wir im Hafen: Eine Dreimastbark umspielt surreal die Hafenkräne. Wind bläht das Leinen, Sonne malt Schatten drauf. Am Ende sieht es aus, als sei die Bark per Photoshop einmontiert. Ein Werbegag. Auch gegenüber das Spiel zwischen pittoresk und grotesk. Strandbad vor Windrad. Energie für die Schornsteine von Tatta Steel. Die „Tankerkette von Antifer“ fällt mir ein (Sommer 1980 von Marguerite Duras).

Im Hafenbecken Seehunde. Wir schaukeln sanft. Jetzt legt sie ab, unsere Princess. Die autogroßen Luftkissen, Yokohama-Fender, platschen wuchtig zurück ins Wasser. Die Möwen auf Zack, stürzen sich auf alles Fressbare, das die Princess-Motoren aus sechs Metern Tiefe emporwirbeln.

An Bord



 
Auf den Outdoor-Decks gibts vier, fünf Dinge, mit denen du dich beschäftigen kannst: Meer gucken, Menschen gucken, Essen, Trinken, Reden oder Lesen. Indoors dasselbe, plus Shoppen, Geld wechseln (Deck 6) oder Spielen im Kasino und Kinogucken (Deck 8).

Außer Kino und Kasino machen wir alles. Überwiegend aber gehören wir zu denen, die sich draußen den Wind um die Ohren wehen und die Sonne auf die Nase brennen lassen. Darunter auch zwei Papas. Einer mit einer rothaarigen Teenie-Tochter, der andere mit vier (!) Mädchen (drei Schwestern, eine Freundin, schätze ich). Was auch immer passiert, der Mann bleibt tiefenentspannt. Chapeau! Er fotografiert die Damen auf Wunsch. Die jüngste, sieben oder acht, immer und sofort am Posen. Dann sind die Großen weg und sie sagt: „Papa, zeichne mich.“ Okay. Papa zückt Zeichenbuch und Bleistift und sie steht an der Reling Modell.

Steht, wartet. Versinkt in meditativer Starre. Die Mundwinkel sinken ab. Anders als beim Foto steht sie da. Plötzlich nicht mehr als Bild eines Kindes, als süße Maus. Sondern als Bild ihrer selbst. Ich sehe ein Schnutenmädchen beim Ichwerden. Ganz richtig sieht das alles aus. Still. Ganz still hält sie. Ohne Knöttern. Bis Papa fertig ist.

Nachts in der Wiege der See. Die U-20jährigen im Hochspannungsmodus. Checken rum, als würden sie gleich die letzte Chance verpassen etwas Aufregendes zu erleben. Einer schreit nachts nach seinem Kumpel. Zweimal, dreimal. Still. Frühmorgens: Anstehn im Café. Wir balancieren Milchkaffee, Croissants und Obst an Deck und frühstücken in der Sonne. Perfektes Timing – denn vor Englands Küste liegt eine Nebelbank. Wie eine Augenschleuse, ein Licht- und Wolkenbad, das uns vorbereitet auf Neues.

England, North Shields


 
An Land erstmal anhalten, sortieren, Karte gucken. Und von den Deutschen, die vor uns dasselbe tun, erlauschen, dass Stornoway ein „Scheißkaff“ sei, „verrammelt und vernagelt“. Abends würden die Bordsteine hochgeklappt. Tot und stinkelangweilig. „Nach drei Tagen sind wir geflohen“, schildert eine Frau anderen Reisenden ihren Eindruck. Pat guckt etwas entsetzt: genau da wollen wir ja hin, nach Stornoway.

Er war zuletzt vor fast 40 Jahren da. Damals war sonntags alles dicht, wegen der streng calvinistischen Grundhaltung. Daran erinnert er sich. Ansonsten aber fand er es wunderbar – deswegen sind wir ja hier.

Schottland, wie er es auf den Inseln der Äußeren Hebriden erlebte, lockt mich, seitdem wir uns kennen. Also seit 35 Jahren. Ich sah Schottland zuerst auf seinen Bildern. Schwarz und weiß. Steinkreuze, Wolken, Steine und Wiesen. Schafe und Ruinen und Meer. Markante Landschaften voller Weite und Extreme, die Pat unter der Trockenpresse in glänzende Baryt-Abzüge verwandelte. Jedes ein Unikat.

Jetzt, wo sie vor meinem inneren Auge liegen, möchte ich an der Gelatine lecken und mit den Fingerkuppen die schimmernde Schwärze fühlen. Schsch! Nur ruhig, sie liegen im Archiv ganz sicher in ihren Pappschachteln. Nur eines fehlt. Ein Mann im Mantel am Strand. Verschenkt.

Der Nächste, der fand, ich müsse un-be-dingt nach Schottland, war unser Sohn. Der war vor ein paar Jahren mit drei seiner besten Kumpels da. Immer seine Kunstfell-Ohrenklappenmütze auf dem Kopf. Wie ein durchgeknallter Freak aus einem Film. Sie sind auf Berge gekraxelt, durch Wasser gewatet. Wurden durchgeregnet, sind gewandert und Bus gefahren. Haben Äpfel und Bohnen aus der Dose und Bohnen und Äpfel gegessen… Der Junge kam zurück wie neu geboren. Entspannt wie wir ihn seit Kindertagen nicht erlebt haben.

Fáilte gu Alba*




 
Wie werden wir es finden? Erst mal müssen wir hinfinden. Einer fährt, eine navigiert. Die 500 Kilometer bis zur schottischen Westküste, wo wir die Fähre nach Lewis nehmen wollen, fahren wir in einem Rutsch.

Mittendrin würde ich am liebsten aus dem Auto springen. Das In-der-Kiste-sitzen ist mir ein Gräuel. Anhalten! Brüllt es in mir, Anhalten! Guck doch mal, Fahrer, wie schön es hier ist… Aber, es ist ja überall schön, wo sollen wir anhalten? Und, was tun, außer einem Pausenkaffee trinken? Wir merken uns einen Ort – Pitlochry – hier bleiben wir, wenn es passt, auf der Rückreise und gucken uns um.

Die Landschaft dort am Tay Forest National Park – grandios. Was ich beim Rasten und aus dem Autofenster sehe ist angenehm neu und fremd. Andere Pflanzen, andere Landschaftsformationen, und sogar andere Lebensmittel an der Tanke und im Café. Ich muss daran denken, wie ich als 13-Jährige zum ersten Mal in England war und kaum fassen konnte, dass es dort auch Milky Way gab, und Bäume, wie hier bei uns. Die erwartete, totale Fremdheit blieb aus.

Radreise ahoi


 
Nächster Halt Ullapool. Wir finden den Campingplatz, schlagen zum ersten Mal unser Zelt auf, und bekommen einen glutroten Sonnenuntergang mit springenden Fischlein zum Empfang. Das Absackerbier trinken wir in einer Café-Bar, die nur wegen der Fußball WM noch auf hat. Auf dem Schiff war die übrigens kein Thema, nirgends. Als Deutschland verlor, wurde dort ein belgisches Radrennen übertragen.

Das ist also Schottland: trocken und 32 Grad heiß. Wir haben Handschuhe mit, aber keine Sonnencreme… Die kaufe ich nach einem grandiosen Frühstück im Café „The Frigate“. Danach erstehen wir noch regionale Landkarten im Buchladen und retten uns in den Schatten eines Parks am Stadtrand und Ufer des Loch Broom. Abends kommen wir mit unseren Zelt-Nachbarn ins Gespräch. Gibts das? Sie kommen aus Offenbach. Seit sechs Jahren ziehe es sie immer wieder hierher. Backpacker. Sie planen vom Nordatlantik an die Nordsee zu laufen.

Wie feucht auch immer alles sein mag, du musst trockene Socken haben! – Diesen Rat nehme ich von der Offenbacherin mit. Schaun‘mer mal – Morgen gehts bei uns richtig los. Das Auto bekommt einen Platz für drei Wochen, und dann sind wir endlich Reiseradler: Lewis wir kommen. By bike!
 



 

* Gälisch für Willkommen in Schottland

 
 

E1R1 Profi Photo Award – wir sind auf der Shortlist

11. August 2018 von m&m | Keine Kommentare

Die Schönheit Europas – in Frankfurt? Na klar! Der E1R1 Photo Award will den Europa-Fernwanderweg E1/R1 bekannt machen und seine Vielfalt zeigen. Da E1R1 direktemang durch unseren Stadtwald führt, haben wir die dort entstandene Serie “Himmel und Erde” eingereicht. Und jetzt freuen wir uns sehr unter den 28 nominierten Serien zu sein! Hier gehts zur Shortlist: Klick.

Entschieden wird nächste Woche.
Wege, Europa – Hach! Drückt mal ganz fest die Daumen, ja?!

Für Himmel und Erde im Stadtwald




 

 
 
 

Im Familientakt – Tante Maria

17. Mai 2018 von m&m | Keine Kommentare


 

Familienchronik, die Zweite. Nachdem wir unser Familienprojekt im Frühjahr 2004 mit dem Ältesten aus Sylvias engerer Familie, ihrem Opa, begonnen hatten, setzten wir es im darauffolgenden Herbst mit der Ältesten aus Pats Familie fort: Tante Maria.

Als wir die damals 97-Jährige besuchten, lebte sie noch in ihrer eigenen Wohnung in Essen. Wir haben sie wie schon Sylvias Opa nach Kindheitserlebnissen und besonderen Erinnerungen gefragt. Zum Glück gibt es Fotoalben! Die lagen als Gedächtnisstütze auf dem Wohnzimmertisch. Außerdem war Pats Mutter dabei, die auch noch die eine oder andere Erinnerung beisteuerte.

Als wir Kinder waren

Kaffee war fertig – und alle sehr gespannt. Also die Einstiegsfrage: Wie war für dich das Leben als Kind? Sie antwortete mit blitzenden Augen: „Unser Spielplatz war das Treppenhaus. Das Haus war dreistöckig – in der untersten Etage lag die Werkstatt meines Vaters. Die Mitte unseres Hauses, das Treppenhaus war der Treffpunkt von uns Kindern. Zwar gab es keine Fenster aber oben war Glas darüber, so dass es doch schön hell war. Die Großen haben die Kleinen im Wäschekorb die Treppen runtergerumpelt und wir alle sind das Geländer runtergerutscht: Und wie!“ Sie freut sich jetzt noch darüber und spürt das Rumpeln im Körper.

Als sie Kind war, habe es keine mechanischen Spielzeuge gegeben wie heute. Auch keine Puppenwagen und Puppen, keine Brettspiele wie Mensch-ärgere-dich-nicht. Gab es alles nicht. Draußen wurde Ball und „Pitschendopp“ (Kreisel) gespielt. Sogar Rollschuhe hatten die Kinder. Aber nicht „diese vielen Spiele wie heute.“

Sie erinnert sich an ein schönes Sonntagsritual, das wohl ihrer Mutter etwas Ruhe verschaffen sollte: „Sonntagmorgens hat mein Vater uns geweckt und dann sind wir mit dem Fahrrad zehn Kilometer zur Heimlichen Liebe – ein Essener Lokal im Grünen – rausgefahren und haben uns den Sonnenaufgang angeguckt. Wenn wir wiederkamen, hatte meine Mutter dann schon Kaffee gekocht und Frühstück gemacht.”

Maria Höfer wuchs mit sieben Geschwistern auf. Darunter Gertrud – Pats Großmutter väterlicherseits. Zum Thema Familienalltag merkt sie an: “Es ging anders zu bei uns als in den Familien heute. Da wurde nicht gemault – das gab es früher nicht. Was der Vater anordnete, haben wir gemacht. Haushalt war viel Arbeit damals und die Mädchen wuchsen da mit rein. Von klein auf haben wir bei der Mutter mitgeholfen. Wenn man selber Kinder bekam, wusste man Bescheid. Nicht wie heute, wo man da ins kalte Wasser geworfen wird, und sehen muss, wie man zurechtkommt.”

Josef und Maria

„Auch die Berufsbildung für uns Frauen setzte ganz früh ein. Nach der Schulzeit musste ich ein Jahr die Haushaltungsschule machen und dann noch ein Jahr auf eine Handarbeitsschule, damit wir das ja gut konnten. Anschließend bin ich noch für ein Jahr zur Handelsschule gegangen. Als im Hansahaus, einer Kunsthandlung, jemand gesucht wurde, der mit im Geschäft bedienen konnte, und aber auch Büroverstand hatte, hab ich mich beworben. Diese Stelle habe ich bekommen und war dort, bis die Kunsthandlung 1931 aufgelöst wurde, weil das Geschäft nicht mehr lief.“

Die gesamte Belegschaft wurde arbeitslos. Zusammen mit einem Kollegen machte sie sich selbstständig – auch wieder mit Bilderrahmen und Kunst und sogar im selben Haus, aber im Souterrain, denn: „Wir konnten ja keine große Fläche übernehmen.“ Zu den früheren, nun arbeitslosen Kollegen gehörte auch ihr späterer Ehemann Josef Weber. Er hatte die „Reklameabteilung“ geleitet und machte sich nun mit einer kleinen Werbefirma selbstständig. Ihre Vornamen kannten sie zunächst nicht: „Früher ging das nicht so schnell, da war man lange per Sie. Und als uns klar wurde, er heißt Josef und ich heiße Maria, ja da waren wir schon erstaunt.“

Sie heirateten 1934 – gleichzeitig stieg sie aus der Kunsthandlung aus. Das sei aber für ihren Kollegen nachvollziehbar gewesen: „Schließlich musste doch Josef auch Hilfe für die schriftlichen Arbeiten haben. Da gab es viel zu tun. Als unsere Kinder da waren, habe ich dann eine Hilfe im Haushalt gehabt und weiter bei Josef mitgearbeitet.“ So hat sie zweimal ein Geschäft mit aufgebaut, erst die Kunst- und Bilderrahmen-Handlung, dann zusammen mit ihrem Mann das Werbebüro.

Die Rahmenbedingungen schildert sie so: „Wer damals in seinem Beruf bleiben wollte und die Ansichten der Nationalsozialisten teilte, trat in deren Partei ein. Diejenigen, die es beruflich nicht mussten und anderer Ansicht waren, sind nicht eingetreten.“ So wie Josef, der als selbstständiger Werbegrafiker in einer damals noch ganz jungen Branche arbeitete. Allerdings waren seine Kunden überwiegend jüdische Geschäftsleute – und das war verboten. Deshalb war Josef schon bald wieder arbeitslos.

 

Einmal kam der Blockwart, erzählt sie. Er fragte: „Frau Weber, was ist eigentlich mit Ihrem Mann?“ Sie antwortete nur „Nichts, was soll mit ihm sein?“ Sie gab sich so ruhig wie möglich, erinnert sie sich. Tatsächlich aber hatte sie große Angst: „Man rechnete mit dem Schlimmsten, wenn man so etwas gefragt wurde.“ Später hat der Blockwart dem Paar noch viele weitere Fragen gestellt. Aber eigentlich waren mit ihm befreundet und Maria ist sicher, dass er damals den Fragebogen so positiv wie möglich ausgefüllt hat. Jedenfalls wurde Josef danach für die Anfertigung von Statistiken und ähnlichem von den Nazis angefordert. „Die brauchten Leute, die so was konnten. Deswegen wurde er nicht an die Front eingezogen.“

Als der Krieg begann, versuchte mein Bruder, mich und die Kinder bei Bauern in der Umgebung unterzukriegen. Die wollten erst nicht, also haben wir erst mal drei Wochen Urlaub vereinbart. Nach diesen drei Wochen war das Eis gebrochen. Die Kinder durften bleiben.“ Maria selbst kehrte nach Essen zurück. Sie zeigt uns Fotos von damals. Idyllisch. Auf diesen Bildern gibt es keinen Krieg. Sie versucht es verständlich zu machen: „Der war ja auch nicht überall.“

Frühjahr 1943 erlebte Essen den ersten Großangriff der Allierten im “Battle of the Ruhr”. Maria erinnert sich an eine schlimme Nacht: „Wir wohnten im Stadtwald und hinter dem Haus war eine Mine runtergekommen, wir hatten keine Scheiben mehr, aber sonst war alles noch da, das Haus stand noch und es war auch alles drin. Wir waren im Keller unten. Am nächsten Morgen habe ich meine Kinder zu den Nachbarn gebracht und bin losgegangen – um nachzusehen ob meine Eltern noch leben. Gott sei Dank waren sie gesund und es war auch nur ein leichter Schaden am Haus. So wie ich waren alle Menschen in der Stadt unterwegs und suchten ihre Verwandten auf.

Im März 1945 dann der letzte Großangriff: „Der war so schlimm, dass wir die Staubwolken sogar noch auf dem Bauernhof sehen konnten. Und der lag hinter Bielefeld, also etwa 200 Kilometer von Essen entfernt. Wir haben auf der Straße gestanden und haben uns gefragt: Wo mag das sein? Du hörtest den Krach und sahst nur eine Dreck- oder Staubwolke. Damals ist dann auch Vater-Mutters-Haus ganz mit draufgegangen. Gut, dass sie bei uns in der Wohnung waren.“

Im Jahr darauf war die Kommunionfeier von Marias Tochter Lieselotte: „Da sind Freunde und mein Bruder Hans aus Detmold mit einem Auto voller Lebensmittel unter ganz großem Herzklopfen nach Essen gekommen und haben für die Feier gesorgt. Damals durfte ja niemand fahren, aber Hans hatte eine Genehmigung. Er hat dann die Erlaubnisnummer oben aufs Dach gemalt, das musste man, damit das vom Flugzeug aus gesehen werden konnte. Hätte man sie mit den Lebensmitteln erwischt, hätte man ihnen gleich alles abgenommen. Es gab ja nichts damals.“ Sie blättert weiter im Fotoalbum und stockt: „Guck mal hier… Das ist für mich schrecklich!“ Sie zeigt ein Gruppenfoto, auf dem ihr Vater, etliche ihrer Geschwister und deren Kinder zu sehen sind – „Bis auf diese vier sind alle tot. Ja, wer wird so alt wie ich?“

Bilder, sprecht…

Nach dem Krieg fuhr die Familie irgendwann in die Ferien nach Lembeck. Tante Maria kommentiert trocken: „Da war zwar nichts los, aber wir waren ja froh, dass wir überhaupt wegfahren konnten. Nach dem Krieg, da war man eigentlich ständig zufrieden.“ Arbeit allerdings habe es für Josef nicht gegeben: „Das war die Zeit, wo wir gehungert haben. Da brauchte man keine Reklame. Wir hatten Karten für Kleidung, Lebensmittel, Bettwäsche. In Josefs Beruf war also nichts zu machen. Doch dann ergab sich etwas ihn: Er war während des Krieges bei der Feuerwehr gelandet. Die Leitungsleute der Feuerwehr waren alle in der Partei gewesen. Die wurden entnazifiziert, wie man so schön sagte. Da Josef nicht durch die Partei vorbelastet war, haben sie ihn dann an die Spitze gesetzt. Das war für uns ein Glück.“

Ein paar Schlucke Kaffee – und die beiden alten Damen tauchen in die Bilder und ihre je eigenen Erinnerungen an frühere Zeiten ein. Marias Sohn Herbert und Pats Vater Rudi hätten sich gut verstanden, fällt ihr plötzlich ein. Und Pats Mutter Hildegard meint dazu, dass ihr Mann „immerlos Unsinn im Kopf“ hatte. Sie glaubt, weil ihm der Vater gefehlt hat, da war keine strenge Hand. „Ooch“, Tante Maria winkt ab, aber Hildegard bleibt dabei und erzählt, dass die beiden Jungs mit dem Luftgewehr die Kellerfenster kaputt geschossen hätten. „Und auf mich – ich lag doch da immer und hab mich gesonnt – haben sie von oben Wasser gegossen“ Wir lachen und Tante Maria rundet die Geschichte ab: „Da hast du aber Glück gehabt, dass sie nicht auch auf dich geschossen haben!“

Gibt es nicht auch ein Bild, wo du sie mit dem Teppichklopfer verfolgst wegen so was? „Ich mit dem Teppichklopfer? Nein“, das kann sie sich nicht vorstellen. Pat sagt, das habe sein Vater aber immer erzählt und Hildegard hält das auch nicht für abwegig, so ein Bild aber, da sind sie sich einig, gebe es nicht. Da habe ich mir wohl selbst eins gemacht, weil es mir so oft erzählt wurde. „Ja, das gibt es“, sagt Maria, „dass man sich selber solche Bilder macht.“

Aber es sind ja genug echte Bilder da. Auf einem sieht man das Paar Josef und Maria nach dem Krieg. Sie ganz schick mit Hütchen und Kostüm. Ihr Blick verweilt: „Das war schön –es ging zu schnell vorbei.“ Josef war herzkrank und starb 1971. Nach dem Tod ihres Mannes blieb sie allein. Sie war aber immer unter Menschen, engagierte sich in ihrer Kirchengemeinde.

Sie klappt das Fotoalbum zu, schaut nach innen und kommt wieder zu uns mit dem Satz: „Ich bin ein Familienmensch. Meine Enkelin Claudia sagt immer, ich sei harmoniebedürftig.“ Bis ins hohe Alter hat sie Kinder und Kindeskinder bekocht. Ich erinnere mich an köstlichen Kirschkuchen aus einer selbst getöpferten Kuchenform. Ich habe noch ein Plätzchenrezept von ihr, von Hand aufgeschrieben. „Lasst es euch gut schmecken“, steht drunter. Tante Maria wurde hundert Jahre alt.


 
 
 

Halte die Wunde offen

26. Februar 2018 von m&m | Keine Kommentare

Sieben Jahre. Solange liegt Hadayatullah Hübsch jetzt auf dem Südfriedhof begraben. Er starb am 4. Januar 2011. Vier Tage später, an seinem 65. Geburtstag wurde er beerdigt. Es war kalt, die Sonne schien. Krähen saßen in den Friedhofsfichten. Eine seltsame Stimmung griff nach uns; zwischen Nähe und Fremde, muslimisch-ungewohntem Ritual und linksalternativem Ernst. Die letzte Ehre erweisen. Ihn verabschieden, das wollten wir. In die Trauerhalle zu gehen wäre uns der Familie gegenüber übergriffig vorgekommen. Wir warteten draußen. Als der Sarg herausgetragen wurde, war er inmitten einer Menschentraube geborgen, verborgen.

Junge Männer standen Spalier für die Sargträger. Es wurde gefilmt (den Bestattungsfilm kann man noch immer auf Youtube sehen). Viele trugen ihn. Den Mann, der nun in einem weißen Tuch gehüllt, im schwarzen Sarg lag. Grenzgänger über seinen Tod hinaus, einte er Muslime und säkuläre Linke beim Tragen von Weidenzweigen. Für die einen: Der Imam einer muslimischen Gemeinschaft. Der Familienvater. Für die andren: Der Slammer, Raser, Rocker des Lespults.

Der Poet. Das ist der Mann auch in meiner Erinnerung. Einer, der schreiend Zuhörer packt. In schummriger Slammer Atmo oder in einem Hinterzimmer rappend: Halte-die-Wunde-offen! In schier überspringender Präsenz dem Publikum Polit-Beat ins Hirn hackend. Hausbesetzer, Bildzeitungsleser, Arbeiter. Im Schreiben und erst recht im Sprechgesang den unsichtbaren Alltag des Irrsinn hochdrehend, bis der um sich schlagend, zuckend und grölend aus seinem Mund fuhr.

Das Video wurde von Hartmuth Malorny auf yt zur Verfügung gestellt
 
Lange her. Auf dem Friedhof wurde mir ganz leis im Kopf, die Menschen senkten die Blicke, sprachen Totengebete. Gras, Schnee, Eis. Fast nur Männer waren zu sehen. Die Muslimas blieben an der Trauerhalle. Die wenigen Frauen, die mitgingen, allesamt nicht muslimisch. Man konnte uns an zwei Händen abzählen, oder reichte eine?

Ich sah Männer, die sich auf den Rücken klopften, begrüßten, gegenseitig trösteten. Männer, die sich anlächelten, miteinander sprachen. Etwas auffallend Herzliches spürte ich unter diesen Männern. Etwas, das ich von „christlichen“ Beerdigungen bis dahin nicht kannte.

Vergleiche drängten sich auf. Sogar beim Umgang mit der Erde. Natürlich werden sonst auch auch vorher die Gräber ausgehoben. Doch die Erde für Hadayatullahs Grab war direkt daneben und ganz offen aufgehäuft. Anders als sonst kam man nicht an dieser Erde vorbei. Gelb und dunkelbraun, ocker und rötlich, mit Wurzelstücken durchsetzt atmet sie uns an. War nicht schamhaft unter einem Stück Kunstrasen verborgen wie sonst. Und alle, die da waren und zum Grab kamen, trugen etwas von diesem Berg ab. So wurde der Tote nicht erst beerdigt, nachdem alle gegangen waren und beim Leichenschmaus saßen – wie beim, „christlichen“ Begräbnis –, sondern in Echtzeit. Genug Schaufeln, genug Männer, die nachdem alle Trauernden am Gab waren, den Toten mit der restlichen Erde bedeckten.

Überraschende Erkenntnis von Entfremdung. Statt Erde streue auch ich lieber Blütenblätter auf den Sarg. Was mir irgendwie als das schönere Bild erscheint. Und doch: ist es nicht ehrlicher, Erdklumpen auf den Sarg zu werfen, während ein Pfarrer rituelle Sätze murmelt. Erde zu Erde, Staub zu Staub. Oder wer immer da ist und spricht.

Solche Reden gab es bei HH nicht. Nicht jedenfalls während des öffentlichen Ablaufs der Beerdigung. Stattdessen eine wohltuende Stille. Nicht wie so oft eine Rede, die aus einer Trauergesprächsinfo geklöppelt wird. Und am Ende sich oft so falsch anfühlt. Pat und seine Schwester haben ein solches Konstrukt letztes Jahr beim Tod ihrer Mutter abgelehnt. Befreiend. „Warum soll da jemand reden, der unsere Mutter überhaupt nicht kannte?“ Hat mich in Konsequenz meine erste Beerdigungsrede schreiben und (gemeinsam mit einem unserer Neffen) vortragen lassen. Verdammt schwierig, fühlte sich aber verdammt richtig an. Hält Wunden offen, vermag aber auch, manche zu heilen.

Auf Hübschs Beerdigung wurden wir trauereingemeindet, aufgenommen mit einem aufmunternden Lächeln. Natürlich hat man uns Nichtmuslime betrachtet, genau wie wir die Muslime betrachtet haben. So fremd dieses noch nie miterlebte Ritual. Aber sie rechneten so einfühlsam mit unserer Unsicherheit, dass wir angeleitet wurden: Jetzt kommt das Totengebet, raunten sie. Und richteten uns aus. Mit Augen, Händen und Leitmenschen ordneten sie die Gebetsreihe gen Osten. Ohne andere Hilfsmittel als dem social Beat. Viele Hände, viele Körper, aber kein Aneinanderstoßen. Nur Antippen, einander Zuwenden.

Am Grab teilte uns der Ordnende in zwei Gruppen: links Familie und Glaubensverwandte. Rechts Freunde und Bekannte. Vortreten, Abschied nehmen, mit einer Schaufel Erde zur Bestattung beitragen. Die Familie zuerst. Helfer wiesen jedem einzelnen Trauernden den Weg für den Abgang. Schoben Zweige beiseite, sorgten dafür, dass niemand mengen- oder tränenblind anderer Menschen Gräber mit Füßen trat.

Ich habe keinen ungehaltenen Blick bemerkt, keine Geste der Ablehnung. Hadayatullas Islam? Es gab mal eine Kampagne von ihm, nachdem Frankfurter Haushalte mit Bibeln beschickt worden waren. Jeder, der einen wolle, könne von ihm einen Koran habe, ließ Hübsch wissen. Ich wollte und hab einen bekommen. Ich habe auch noch einen Brief von ihm. 22 Jahre her. Seine Antwort auf meine Lyrikeinreichung. Ich möge doch, wenn mein Muttersein dies erlaube, mal vorbeischauen beim Stammtisch des Verbands der Schriftsteller. Dann könnten wir uns über meine Lyrik unterhalten. Burroughs empfahl er mir, oder Jürgen Ploog, um von ihnen zu lernen. Der Erzählfluss sei gut, aber die Stringenz fehle noch. Dieser Brief wird eine Wunde offen halten: Ich freute mich, doch ich war nie dort. Dies, das. Kein Raum, keine Kraft. Vorbei.

In meiner Erinnerung sehe ich ihn an der Bushaltestelle Lokalbahnhof stehn: roter Schal, kompakte Figur, schwarze Aktentasche. Rauchte er? Unscheinbar, ein Mann unter vielen. Das Hirn hellwach. Drinnen der Beat.
 

Auf yt veröffentlicht vom Wilhelmsburger Kunstbüro
 
 
 

Bärlauch, first flush!

2. Februar 2018 von m&m | 1 Kommentar


 
Was hier bisschen aussieht wie Osterglocken oder Traubenhyazinthen im Schaft – ist Bärlauch im Anschlag. Bei um die zehn Grad – klar, dass der Frühling schon rausspitzt. Sogar die ersten Kraniche wurden bereits gesichtet – und auch Frösche haben sich in Hessen schon blicken lassen.

In unserem Stadtwald hat Friederike allerdings ordentlich Laub gerecht. Hoffentlich kommt im Februar kein bitterer Fost, dann stehn die Frühaufsteher wieder kalt da… Aber wir sicher nicht ohne Bärlauch. Ob Mitte Februar oder Ende März, diese Zwiebel ist robust. Ich warte schon auf Leckereien wie: diese.