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Friday Night (der 13.)

13. Dezember 2016 nach m&m | Keine Kommentare

 

Städte eroberte ich am liebsten barfuß
es gab noch Regenwald damals
ich trug Kamelhaar und Baum-ab-nein-Danke Buttons, rasend
vor Eifersucht auf die kleine Schwarze in deiner Hand

Das Leben außer sich schien leicht, Transzendenz
kein Ding
Sie leuchtete allabendlich nach
den sinologischen Etüden vor dem
Daunenschein eines gigantischen Federbetts
Im Rahmen nichtender Blicke aus dem
Philosophicum

Komm, hieß es damals, Komm, gurgle mit Wasser dir,
betrachte meine Vorlieben als deine
verwischtes Mantelrückendu
Nicht vor dir nicht nach dir

Brücken nahm ich nur halb, starrte in den Wassermund
aufs rituelle Messer ein einziger Schnitt
wie der Schächter durchtrennt
Speiseröhre, Luftkanal, Aderschlag.

Jetzt! Muss ich gedacht haben, Jetzt!
Kenn sie nicht mehr, jene, die sprang
Was hatte ich mir vorgestellt?
Rasend die Angst, als öffneten sich die Adern
von selbst
Als sänke ich ins viel und nichts.

Gehäutet zurück. In Myrrheschwaden gehüllt
Oh Paris!
Und Afrikas Trommler auf dem Markt von Colobane.
Erzähl, Geist der weißen Ziege, tröste die Männer mit
trocknem Schlag, die Frauen mit
Liedern wie Samenkapseln
rot und braun

Ich kaufte Glasperlen
Duftete nach Trance auf dem Vogelmarkt
und kehrte zurück zu dir, den himbeerroten
Lichtern deiner Stadt, zum Asphalt
deiner Bilder,
barfuß.
 

 
 
 

Hard Rain: Dylan und Druff

11. Dezember 2016 nach m&m | Keine Kommentare

Weiß wirklich nicht, weshalb sich alle so über den Nobelpreis für Dylan und Dylan als Nobelpreisträger aufregen. Finde, er hat einen hervorragenden Kompromiss geschlossen und sogar ohne ein Wort deutlich gemacht, dass es auch nobeleske Frauen gibt. Sich zu verweigern ohne sich komplett abzuwenden, Diskussionen anzustoßen ohne das Wort zu führen, poetisch konsequent bis ins Mark zu reagieren – Hey, was wäre literarischer?

Und was zeitangemessener? Denn zeitgemäß ist die ganze Nummer ja Brechtseidank nicht. Eher Hard-Rain-Stuff. Zeitgemäß ist, seinem Partner eine Rastaus-Zeit zu schenken, ein Hotelzimmer zu mieten, indem er/sie alles kurz und klein schlagen kann. Die Superidee stammt, woher wohl, aus USA. Genauer aus Texas, wo in Anger-Rooms seit etwa acht Jahren Sperrmüll mit Lust zu Kleinholz pulverisiert wird – seit kurzem kann man sich auch dabei filmen lassen. Interessantes Material, nehme ich an. Wäre sicher gut für eine Runde Selbsterkenntnis. Aber darum geht‘s nun eher nicht. Das Rumms und Poff soll entlastend und stressmindernd wirken. Nach der Wahl von Trump sollen die Buchungen in den USA in die Höhe geschnellt sein, schreibt Claire Martin in ihrem Artikel zum Thema für die New York Times Wochenendbeilage.


 
Aber es gibt das ja auch hier in Deutschland. Aus verlässlicher Familienquelle habe ich auf mein „Warum macht man das denn?“ die unbekümmerte Antwort erhalten – das sei in und mache einfach Spaß. Die Times Journalistin hat einen Psychologen gefragt, nach dessen Äußerungen die Ausrastzeit eher kontraproduktiv ist. Für Stressabbau empfiehlt er daher Verhaltensschulungen, die auf Achtsamkeit basieren, oder Meditationen. O-kay, aber wie langweilig hört sich das denn an?

Der Hinweis auf diese, sicher den Geisteszustand besser fördernden, Übungen wird ebenso wenig nutzen, wie Kindern aus Gesundheitsgründen Äpfel statt Schokolade zu empfehlen. Interessant ist aber vielleicht doch der Hinweis, dass die Substanzen, die bei den Kleinholzwütereien das Hirn fluten, eher schaden. Ja, schaden.


 
Also nix Wellness am Ende, sondern ein Flimmern in der Herzgegend, das zu Arztweißwas führen kann. Also Obacht! Denn das ist ja für die Anger-Room Zielgruppe, insbesondre die Zwanzig- und Dreißplusjährigen schon wichtig: Die eigene Befindlichkeit, der eigene Auftritt auf der sozialen Bühne und die eigene Reputation rundum. Das Eigentum. Die Angst. Der Kurzschluss. Schließen sogar Kinderwägen im Dachgeschosstreppenhaus an, wo nie jemand hinkommt außer Putzenden. Ach, und dem mal entkommen, einen Overall anziehen, der einen rausnimmt aus der Welt, der einen vermummt und schützt, ein Eskapismus-Kostüm par excellence. Das einen nochdazu die böse, unberechenbare Seite ausleben lässt. Böse Mädchen kommen schließlich überall hin — nicht wahr.

Kann ich alles nachvollziehen. Doch mit dem Overallausziehen und dem Fürdenausbruchbezahlthaben ist ja nix weg. Das Gefühl bleibt. Wird gespeichert womöglich als eins, das voll kickt. Möchte nicht neben dem bodygebuildeten Typ stehn, aus dem es dann bei genügend hohem Stresslevel live herausbricht. Aber auch bei einer schwächeren Ausgabe wissen die derart geschulten Hände dann schon, was man effektvoll und wie zum Kaputt- oder Tothauen schwingt.

Dann lieber Dylan, der das Unberechenbare kultiviert. Der besingt, was Menschsein jenseits friedlicher Meditation war. Sein kann. Ist. Wie Patti Smith by the way. Danke Bob, da mir deren Songs näher und vertrauter sind. Noble. Ohne Weihnachtsschmus auch im harten Regen. Einfach Experi-enced.
 
 
 

Absurde Bindung

12. Mai 2016 nach m&m | Keine Kommentare

Luminale, Frankfurt Airport
 
Weg damit? Ich halte inne, stoppe den fast schon automatisierten Entrümplungsablauf – Tasche-aufhalten-Papier-reinstopfen – und halte eine Seite aus der „Zeit“ in der Hand. Ich beginne zu lesen. Mitten in meinem Recherche- und Medienmüll lese ich vom Traum des Kenzaburo Oe. Mit seinen Büchern bin ich nie warm geworden, aber dieser Einblick in die Beziehung zu seinem behinderten Sohn Hikari geht mir unter die Haut. Wie auch das Bild, das Mathias Bothor dazu gelungen ist. Ich entfalte das Zeit-Blatt, schaue aufs Datum und stutze: mein Archivfund ist genau zehn Jahre alt! 11. Mai 2006. Das Aufmacherzitat hatte mich angezogen: „Ich lernte mit dem Schweigen meines Sohnes zu leben. Jetzt sendet er mit seiner Musik Botschaften an seinen Vater und die Welt. Ein Glück, von dem ich nie gewagt hätte zu träumen.“ Ich lese mich fest. Der Sohn wurde als Baby operiert, die Diagnose der Ärzte: wegen fehlender Verbindungen zwischen den Gehirnhälftener werde der Junge nie Worte in Zusammenhang bringen können. Oe ist heute 81, sein Sohn 52 – wie es den beiden heute geht? Kann man wohl in Oes jüngstem Buch lesen (Licht scheint auf mein Dach, Fischer, 2014). Der Sohn komponiert und spricht mittlerweile… erfahre ich aus einem NZZ Artikel. Ich möchte dieses Buch lesen. Platz für Bücher haben wir ja jetzt wieder – nachdem wir zwei Drittel unseres Archivs in die Tonne gestopft und zig Bücher im öffentlichen Bücherschrank freigesetzt haben.

Das absurdeste Zeug hockte in allen Ecken und grinste matt unterm Staub. Unverschämt viel Energie war nötig, den Kram zu sichten und rauszuschaffen. Musste wohl sein, denn wer ordentlich Ballast mitführt, bei dem hat die eigentliche Fracht zu wenig Gewicht. Als gute Buchbinderenkelin hab ich‘s nicht mit dem Wegwerfen von Papier. Doch es galt: Augen auf und durch. Die gesamte Medienpädagogik ist jetzt weg. Und nach Tod und Teufel landeten die Archivmappen Wirtschaft und Zukunft am Ende unbesehen in der Tonne. Uff. Staub abschütteln, aufatmen und leere Hüllen sortieren. Gutes Gefühl das. Raum für Neues Licht… Das Camus-Zitat aus dem (geliehenen) Distelfink von Donna Tartt hüpft dazu in meinem Hirn: „Das Absurde befreit nicht, es bindet“.