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Im Familientakt – Tante Maria

17. Mai 2018 von m&m | Keine Kommentare


 

Familienchronik, die Zweite. Nachdem wir unser Familienprojekt im Frühjahr 2004 mit dem Ältesten aus Sylvias engerer Familie, ihrem Opa, begonnen hatten, setzten wir es im darauffolgenden Herbst mit der Ältesten aus Pats Familie fort: Tante Maria.

Als wir die damals 97-Jährige besuchten, lebte sie noch in ihrer eigenen Wohnung in Essen. Wir haben sie wie schon Sylvias Opa nach Kindheitserlebnissen und besonderen Erinnerungen gefragt. Zum Glück gibt es Fotoalben! Die lagen als Gedächtnisstütze auf dem Wohnzimmertisch. Außerdem war Pats Mutter dabei, die auch noch die eine oder andere Erinnerung beisteuerte.

Als wir Kinder waren

Kaffee war fertig – und alle sehr gespannt. Also die Einstiegsfrage: Wie war für dich das Leben als Kind? Sie antwortete mit blitzenden Augen: „Unser Spielplatz war das Treppenhaus. Das Haus war dreistöckig – in der untersten Etage lag die Werkstatt meines Vaters. Die Mitte unseres Hauses, das Treppenhaus war der Treffpunkt von uns Kindern. Zwar gab es keine Fenster aber oben war Glas darüber, so dass es doch schön hell war. Die Großen haben die Kleinen im Wäschekorb die Treppen runtergerumpelt und wir alle sind das Geländer runtergerutscht: Und wie!“ Sie freut sich jetzt noch darüber und spürt das Rumpeln im Körper.

Als sie Kind war, habe es keine mechanischen Spielzeuge gegeben wie heute. Auch keine Puppenwagen und Puppen, keine Brettspiele wie Mensch-ärgere-dich-nicht. Gab es alles nicht. Draußen wurde Ball und „Pitschendopp“ (Kreisel) gespielt. Sogar Rollschuhe hatten die Kinder. Aber nicht „diese vielen Spiele wie heute.“

Sie erinnert sich an ein schönes Sonntagsritual, das wohl ihrer Mutter etwas Ruhe verschaffen sollte: „Sonntagmorgens hat mein Vater uns geweckt und dann sind wir mit dem Fahrrad zehn Kilometer zur Heimlichen Liebe – ein Essener Lokal im Grünen – rausgefahren und haben uns den Sonnenaufgang angeguckt. Wenn wir wiederkamen, hatte meine Mutter dann schon Kaffee gekocht und Frühstück gemacht.”

Maria Höfer wuchs mit sieben Geschwistern auf. Darunter Gertrud – Pats Großmutter väterlicherseits. Zum Thema Familienalltag merkt sie an: “Es ging anders zu bei uns als in den Familien heute. Da wurde nicht gemault – das gab es früher nicht. Was der Vater anordnete, haben wir gemacht. Haushalt war viel Arbeit damals und die Mädchen wuchsen da mit rein. Von klein auf haben wir bei der Mutter mitgeholfen. Wenn man selber Kinder bekam, wusste man Bescheid. Nicht wie heute, wo man da ins kalte Wasser geworfen wird, und sehen muss, wie man zurechtkommt.”

Josef und Maria

„Auch die Berufsbildung für uns Frauen setzte ganz früh ein. Nach der Schulzeit musste ich ein Jahr die Haushaltungsschule machen und dann noch ein Jahr auf eine Handarbeitsschule, damit wir das ja gut konnten. Anschließend bin ich noch für ein Jahr zur Handelsschule gegangen. Als im Hansahaus, einer Kunsthandlung, jemand gesucht wurde, der mit im Geschäft bedienen konnte, und aber auch Büroverstand hatte, hab ich mich beworben. Diese Stelle habe ich bekommen und war dort, bis die Kunsthandlung 1931 aufgelöst wurde, weil das Geschäft nicht mehr lief.“

Die gesamte Belegschaft wurde arbeitslos. Zusammen mit einem Kollegen machte sie sich selbstständig – auch wieder mit Bilderrahmen und Kunst und sogar im selben Haus, aber im Souterrain, denn: „Wir konnten ja keine große Fläche übernehmen.“ Zu den früheren, nun arbeitslosen Kollegen gehörte auch ihr späterer Ehemann Josef Weber. Er hatte die „Reklameabteilung“ geleitet und machte sich nun mit einer kleinen Werbefirma selbstständig. Ihre Vornamen kannten sie zunächst nicht: „Früher ging das nicht so schnell, da war man lange per Sie. Und als uns klar wurde, er heißt Josef und ich heiße Maria, ja da waren wir schon erstaunt.“

Sie heirateten 1934 – gleichzeitig stieg sie aus der Kunsthandlung aus. Das sei aber für ihren Kollegen nachvollziehbar gewesen: „Schließlich musste doch Josef auch Hilfe für die schriftlichen Arbeiten haben. Da gab es viel zu tun. Als unsere Kinder da waren, habe ich dann eine Hilfe im Haushalt gehabt und weiter bei Josef mitgearbeitet.“ So hat sie zweimal ein Geschäft mit aufgebaut, erst die Kunst- und Bilderrahmen-Handlung, dann zusammen mit ihrem Mann das Werbebüro.

Die Rahmenbedingungen schildert sie so: „Wer damals in seinem Beruf bleiben wollte und die Ansichten der Nationalsozialisten teilte, trat in deren Partei ein. Diejenigen, die es beruflich nicht mussten und anderer Ansicht waren, sind nicht eingetreten.“ So wie Josef, der als selbstständiger Werbegrafiker in einer damals noch ganz jungen Branche arbeitete. Allerdings waren seine Kunden überwiegend jüdische Geschäftsleute – und das war verboten. Deshalb war Josef schon bald wieder arbeitslos.

 

Einmal kam der Blockwart, erzählt sie. Er fragte: „Frau Weber, was ist eigentlich mit Ihrem Mann?“ Sie antwortete nur „Nichts, was soll mit ihm sein?“ Sie gab sich so ruhig wie möglich, erinnert sie sich. Tatsächlich aber hatte sie große Angst: „Man rechnete mit dem Schlimmsten, wenn man so etwas gefragt wurde.“ Später hat der Blockwart dem Paar noch viele weitere Fragen gestellt. Aber eigentlich waren mit ihm befreundet und Maria ist sicher, dass er damals den Fragebogen so positiv wie möglich ausgefüllt hat. Jedenfalls wurde Josef danach für die Anfertigung von Statistiken und ähnlichem von den Nazis angefordert. „Die brauchten Leute, die so was konnten. Deswegen wurde er nicht an die Front eingezogen.“

Als der Krieg begann, versuchte mein Bruder, mich und die Kinder bei Bauern in der Umgebung unterzukriegen. Die wollten erst nicht, also haben wir erst mal drei Wochen Urlaub vereinbart. Nach diesen drei Wochen war das Eis gebrochen. Die Kinder durften bleiben.“ Maria selbst kehrte nach Essen zurück. Sie zeigt uns Fotos von damals. Idyllisch. Auf diesen Bildern gibt es keinen Krieg. Sie versucht es verständlich zu machen: „Der war ja auch nicht überall.“

Frühjahr 1943 erlebte Essen den ersten Großangriff der Allierten im “Battle of the Ruhr”. Maria erinnert sich an eine schlimme Nacht: „Wir wohnten im Stadtwald und hinter dem Haus war eine Mine runtergekommen, wir hatten keine Scheiben mehr, aber sonst war alles noch da, das Haus stand noch und es war auch alles drin. Wir waren im Keller unten. Am nächsten Morgen habe ich meine Kinder zu den Nachbarn gebracht und bin losgegangen – um nachzusehen ob meine Eltern noch leben. Gott sei Dank waren sie gesund und es war auch nur ein leichter Schaden am Haus. So wie ich waren alle Menschen in der Stadt unterwegs und suchten ihre Verwandten auf.

Im März 1945 dann der letzte Großangriff: „Der war so schlimm, dass wir die Staubwolken sogar noch auf dem Bauernhof sehen konnten. Und der lag hinter Bielefeld, also etwa 200 Kilometer von Essen entfernt. Wir haben auf der Straße gestanden und haben uns gefragt: Wo mag das sein? Du hörtest den Krach und sahst nur eine Dreck- oder Staubwolke. Damals ist dann auch Vater-Mutters-Haus ganz mit draufgegangen. Gut, dass sie bei uns in der Wohnung waren.“

Im Jahr darauf war die Kommunionfeier von Marias Tochter Lieselotte: „Da sind Freunde und mein Bruder Hans aus Detmold mit einem Auto voller Lebensmittel unter ganz großem Herzklopfen nach Essen gekommen und haben für die Feier gesorgt. Damals durfte ja niemand fahren, aber Hans hatte eine Genehmigung. Er hat dann die Erlaubnisnummer oben aufs Dach gemalt, das musste man, damit das vom Flugzeug aus gesehen werden konnte. Hätte man sie mit den Lebensmitteln erwischt, hätte man ihnen gleich alles abgenommen. Es gab ja nichts damals.“ Sie blättert weiter im Fotoalbum und stockt: „Guck mal hier… Das ist für mich schrecklich!“ Sie zeigt ein Gruppenfoto, auf dem ihr Vater, etliche ihrer Geschwister und deren Kinder zu sehen sind – „Bis auf diese vier sind alle tot. Ja, wer wird so alt wie ich?“

Bilder, sprecht…

Nach dem Krieg fuhr die Familie irgendwann in die Ferien nach Lembeck. Tante Maria kommentiert trocken: „Da war zwar nichts los, aber wir waren ja froh, dass wir überhaupt wegfahren konnten. Nach dem Krieg, da war man eigentlich ständig zufrieden.“ Arbeit allerdings habe es für Josef nicht gegeben: „Das war die Zeit, wo wir gehungert haben. Da brauchte man keine Reklame. Wir hatten Karten für Kleidung, Lebensmittel, Bettwäsche. In Josefs Beruf war also nichts zu machen. Doch dann ergab sich etwas ihn: Er war während des Krieges bei der Feuerwehr gelandet. Die Leitungsleute der Feuerwehr waren alle in der Partei gewesen. Die wurden entnazifiziert, wie man so schön sagte. Da Josef nicht durch die Partei vorbelastet war, haben sie ihn dann an die Spitze gesetzt. Das war für uns ein Glück.“

Ein paar Schlucke Kaffee – und die beiden alten Damen tauchen in die Bilder und ihre je eigenen Erinnerungen an frühere Zeiten ein. Marias Sohn Herbert und Pats Vater Rudi hätten sich gut verstanden, fällt ihr plötzlich ein. Und Pats Mutter Hildegard meint dazu, dass ihr Mann „immerlos Unsinn im Kopf“ hatte. Sie glaubt, weil ihm der Vater gefehlt hat, da war keine strenge Hand. „Ooch“, Tante Maria winkt ab, aber Hildegard bleibt dabei und erzählt, dass die beiden Jungs mit dem Luftgewehr die Kellerfenster kaputt geschossen hätten. „Und auf mich – ich lag doch da immer und hab mich gesonnt – haben sie von oben Wasser gegossen“ Wir lachen und Tante Maria rundet die Geschichte ab: „Da hast du aber Glück gehabt, dass sie nicht auch auf dich geschossen haben!“

Gibt es nicht auch ein Bild, wo du sie mit dem Teppichklopfer verfolgst wegen so was? „Ich mit dem Teppichklopfer? Nein“, das kann sie sich nicht vorstellen. Pat sagt, das habe sein Vater aber immer erzählt und Hildegard hält das auch nicht für abwegig, so ein Bild aber, da sind sie sich einig, gebe es nicht. Da habe ich mir wohl selbst eins gemacht, weil es mir so oft erzählt wurde. „Ja, das gibt es“, sagt Maria, „dass man sich selber solche Bilder macht.“

Aber es sind ja genug echte Bilder da. Auf einem sieht man das Paar Josef und Maria nach dem Krieg. Sie ganz schick mit Hütchen und Kostüm. Ihr Blick verweilt: „Das war schön –es ging zu schnell vorbei.“ Josef war herzkrank und starb 1971. Nach dem Tod ihres Mannes blieb sie allein. Sie war aber immer unter Menschen, engagierte sich in ihrer Kirchengemeinde.

Sie klappt das Fotoalbum zu, schaut nach innen und kommt wieder zu uns mit dem Satz: „Ich bin ein Familienmensch. Meine Enkelin Claudia sagt immer, ich sei harmoniebedürftig.“ Bis ins hohe Alter hat sie Kinder und Kindeskinder bekocht. Ich erinnere mich an köstlichen Kirschkuchen aus einer selbst getöpferten Kuchenform. Ich habe noch ein Plätzchenrezept von ihr, von Hand aufgeschrieben. „Lasst es euch gut schmecken“, steht drunter. Tante Maria wurde hundert Jahre alt.


 
 
 

„Wo wart ihr im Krieg?“ – Ein Nachruf, ein Porträt: mein Opa

1. Februar 2018 von m&m | Keine Kommentare

Familienchronik – Opa und Angelika 2004

Wie er am Grab seines Vaters stand – daran konnte sich mein Großvater noch gut erinnern. Er war fünf, sein Vater ist nur 33 Jahre alt geworden. Tuberkulose. Wir hörten diesen Teil meiner Familiengeschichte zum ersten Mal, als wir meinen Großvater für unser Familienchronik-Projekt besuchten. Im Gegensatz zu anderen Geschehnissen sei ihm diese Erinnerung noch sehr präsent, sagte er uns vor 14 Jahren. Damals hatten wir noch nicht an so vielen Gräbern gestanden wie heute. Seine damalige Frau Angelika ist tot, mein Vater, Pats Großtante Maria, seine Tante, seine Mutter…

Vaterloses Kind. Wie mag das wohl für einen kleinen Jungen wie ihn 1920 gewesen sein? Danach fragten wir erstmal nicht, wir ließen ihn erzählen. Ich erinnere ihn wie auf dem Foto, das Pat gemacht hat: die Augen klein geworden, 88 Jahre Licht blinzelnd, der hoch erhobenen Kopf – und sein zurückhaltendes Lächeln. Er war ein großer Mann. Ich hatte ihn gemocht. Als ich erfuhr, wie brutal er als junger Vater meine Mutter geschlagen und gedemütigt hatte, war ich entsetzt. Es war nicht zur Deckung zu bringen. Ich war ja als Kind oft bei meinen Großeltern gewesen. Und immer gern. Ich erinnere den Spielplatz unter den Birken, die große Blitzlichtlampe auf dem Schrank im Zimmer, in dem ich schlief.

Erinnerung, sprich

Wir besuchten ihn 2004 bei ihm zuhause in München. Er war der erste auf unserer Liste. An einem Pfingstsonntag waren wir dort, einem Frühsommertag im Mai mit Kaffee und Kuchen. Mein Großvater und seine zweite Frau Angelika (die er mit 77 geheiratet hatte) saßen auf dem Sofa, ein wenig stolz unter dem Licht unseres Wissenwollens. Pat machte Fotos. Und mein Opa erinnerte sich:

Seine Schwester Martha war zwei Jahre älter als er. Die Mutter hatte nach dem Tod des Mannes nicht wieder geheiratet. Sie arbeitete als Einlegerin in einer Druckerei. Es war die Biografie einer Alleinerziehenden. Einer von vielen. Und das war ja nicht ungewöhnlich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Männer starben an Krankheiten, starben in den beiden großen Kriegen. Taffe Frauen müssen das gewesen sein… Aber auch ihre Jungs. Umso härter, je kürzer sie einen Vater als Vorbild hatten, oder einen Vater, der selbst ohne aufgewachsen war. Die harte Tour, die fehlende Vaterspur – das wird mir erst später bewusst. Meine Urgroßmutter kam also in der Regel nachmittags gegen fünf nach Hause – und was haben die Kinder inzwischen gemacht?

„Ach… Lausbubengeschichten. Wir haben ‚Hochspringen‘ gespielt. Dazu haben wir eine Schnur an der Schublade festgemacht und am Tisch. Na, ja und dann ist einmal die Martha hängen geblieben – und dann kam die ganze Schublade rausgepoltert. Und da war dann auch noch die Tinte drin…

Vergangene Kindheiten

Bei uns gegenüber war das Kloster mit der Klosterschul. Alle Buben und Mädchen, die nicht brav waren, die kamen dahin. Hat man uns immer gesagt – und es war auch so. Von unserm Fenster aus im zweiten Stock konnten wir bei denen reingucken. Also haben wir uns aufs Fensterbrett gestellt, rumgehampelt und denen zugewunken.

Manchmal kam die Mutter heim und wir hatten gerade irgendwas gemacht und waren dann ganz entsetzt: wie du bist schon da? Manchmal hat sie uns auch schon mit dem Teppichklopfer in der Hand empfangen…

Einmal hat mir die Mutter eine Schüssel gegeben und gesagt, geh zum Kaufmann, hol Sauerkraut. So war das früher. Ich zur Tür raus, aufs Stiegengeländer – und ab nach unten gerutscht. Unten war eine Frau, die geputzt hat, und der bin ich genau auf die Arme gefallen. Mir ist nichts passiert, aber alle haben mich schön bedauert. Aufs Sofa haben sie mich gelegt und was mir passiert sei… Dabei gings mir gut.“

An seinen Vater kann er sich gar nicht mehr erinnern, an seinen Großvater aber schon. „Den hab ich jetzt auch überlebt…“ Also, altersmäßig. Gestorben ist mein Ur-Ur-Großvater mit 84. Er sei das uneheliche Kind einer Magd gewesen: „Solche Kinder sind dann von Hof zu Hof geschickt worden, um zu arbeiten.“ Mein Urgroßvater habe später fürs Deutsche Museum „die Ziegel mit der Kraxe hochgeschleppt.“ Für den Turm mit dem Pendel drin. Und bis er fünfundsiebzig war, hat er dann im Museum gearbeitet. Sein Großvater mütterlicherseits kam aus Hessen, mehr weiß er nicht von ihm.

Einmal ist er zusammen mit seiner Schwester Martha zur Tante nach Dresden gereist. Die Schwester der Mutter hatte die Kinder eingeladen. Mit dem Zug sind sie hingefahren, Martha hatte das Geld, „hier eingenäht“ – er zeigt auf die Brust. Wie aufregend.

Noten wie Zinnsoldaten

Gut schwimmen hat er können als Kind. Ob unser Sohn schwimmen kann? Er habe es im Nymphenburger Schlosspark gelernt: „Da war früher ein Schwimmbad, das gibt’s heute nicht mehr – eine Seite für Männer, eine für Frauen. Zu den Frauen durfte ich ja nicht, da hab ich mich im Männerschwimmbecken getummelt. Als wir gingen hab ich dann verkündet: Ich kann schwimmen! Seitdem konnte ich‘s. Als dann im Sport der Schwimmunterricht anstand, bin ich einmal hoch- und runtergeschwommen im Schwimmbad – daraufhin hat mich die Lehrerin vom Unterricht befreit und ich konnt Fußballspielen.“

Er legt einen Brief von unserem Sohn auf dem Tisch und zeigt auf eine Stelle: „Das hier versteh ich nicht, das musst du mir erklären“ – ich lese irgendwas mit „Dreierbereich“. Es ging um Schulnoten. „Ach so. Na, das hab ich auch immer gehabt. Meine Noten waren wie die Zinnsoldaten, alles Dreier. Außer In Turnen, da hatte ich immer meine zwei – und im Klettern war ich immer sehr gut. Da bin ich Zackzack hoch, und hatte schon meine Eins.“

Beim Thema Schule fällt ihm noch ein: „Das muss ja schlimm sein heute. Dass die da auch Waffen haben, das gabs bei uns früher nicht. Obwohl es bei mir auf der Schul auch nicht grad zart zugegangen ist.“ Nach der Schule ging er vier Jahre in die Lehre als Feinmechaniker. „Damals gab es dann die ersten Antennen. Antennenbau – dafür war ich zuständig. Ich habe sie auf dem Dach montiert. Wenn ich mir das heute überlege. Das würde ja niemand mehr machen, seinen Jungen ungesichert da hoch schicken. Wenn ich da abgestürzt wäre… Gut, ich hatte zwar Dachdeckerschuhe an, die haben ein bisschen mehr Profil und man klebt fast so ein bisschen an den Ziegeln, aber trotzdem, das war schon steil abfallend.

Der Traum vom Fliegen

Kleine Pause. Fast wäre er eingenickt, dann fragt er: „Wo wart ihr eigentlich im Krieg?“
Achso – er lächelt, ist wieder bei uns und erzählt, dass er sich nach der Einberufung zu den Fliegern gemeldet hat. Dort war er Bordmechaniker. Eigentlich wollte er gern Pilot werden, doch beim ersten Alleinflug patzte er: „Das schwierigste ist die Landung. Ich hatte schon ganz schön Angst. Plötzlich kam der Wald auf mich zu und ich schau rechts runter und zieh und zieh mit aller Kraft. Statt geradeaus zu landen bin ich dann rechts abgeschwenkt. Das war in Pilsen. Da hab ich halt ne Ehrenrunde gedreht und bin dann doch noch gut gelandet.

Aber da kamen mir dann schon alle entgegengelaufen – und mein Lehrer rief: Gefeuert! Mein erster und mein letzter Flug. Das war natürlich hart fürs Selbstbewusstsein. Ich wollte Flieger sein. Heute weiß ich, der Fluglehrer hatte Frau und Kinder wie ich. Als ich die Landung verpatzte, hat er die Chance genutzt und mich rausgenommen. Meine Frau war ihm dankbar. Und – ich hab als einziger überlebt. Die Kameraden, die dann geflogen sind, die sind alle tot.“

Es muss die Zeit gewesen sein, als meine Mutter mit Scharlach im tschechischen Krankenhaus lag. In Quarantäne. Ein Feindeskind, mutterseelenallein. Während zuhause ihre Schwestern zur Welt kamen.

Im Krieg sei er dann X-mal als Bordmechaniker mitgeflogen. „Immer, wenn die Tour über München ging. Diese Maschinen sind mit zwei Zylindern geflogen. Da habe ich es dann so eingerichtet, dass wir hin auf einem Zylinder geflogen sind, da verrußt dann die Zündkerze und zurück auf dem anderen, ja da fing dann der Motor an zu husten, da mussten wir dann in München notlanden.“ Am nächsten Tag gings zwar weiter, aber so hat er immerhin eine Nacht zu Hause bei der Familie rausgeschunden. Das ist mit der Zeit aufgefallen und der Offizier habe dann gesagt, gebt dem bloß keine Tour über München mehr. Den Kameraden habe er das schon gesteckt, dass das nicht schlimm war. Einmal den Motor ordentlich abgebremst und der Ruß ist weg, dann läuft alles wieder bestens. Nur einmal, da hat der Motor wirklich gehustet, da mussten wir wirklich notlanden. Zum Glück waren wir da schon über Schleißheim. Na, da konnte ich dann auch nach Hause.“

Nach dem Krieg

Der Vater meiner Oma sei bei der Straßenbahn gewesen, erzählt er. Und der hat dir Arbeit verschafft? „Nein das nicht, aber geholfen hat er. Ja und dann war ich in der Werkstatt bei der Straßenbahn. Die Schichten gingen von morgens um fünf bis nachts um zehn. Knochenarbeit. Und viel verdient hat man da auch nicht. An verreisen war gar nicht zu denken. Aber wir haben schon Urlaub gemacht. Die Straßenbahn hatte eine Berghütte, die haben sie ihren Angestellten vermietet, das war spottbillig. Da haben wir dann 8 bis 14 Tage Urlaub gemacht.

„Da hab ich dann eine von den Kleinen und die Große mit dem Motorrad hingefahren. Die sind dann schon mal zur Hütte aufgestiegen“ (anderthalb Stunden). Dann hat er seine Frau und die andere Kleine abgeholt. Das Motorrad konnte unten untergestellt werden und dann ist auch der Rest der Familie den Berg hoch. Die erste Arbeit, die oben immer zu tun war: „Schnee schmelzen fürs Wasser, das wir gebraucht haben. Es gab da eine große Küche… Das war sehr schön.”

Und habe er einen Brief begekommen – “ob ich nicht Soldat werden will. Die Zeit bei der Straßenbahn würden als Dienstjahre angerechnet und so bin ich Berufssoldat geworden und das war ich bis zur Pensionierung.”

Die Mädchen

Mit der älteren Tochter, meiner Mutter, ist er öfter mit dem Motorrad in die Berge gefahren. Das sind schöne Erinnerungen, man sieht es. “Als ich noch sehr jung war, bin ich allein aufgestiegen. Ohne alles Zubehör. Und einmal hing ich da. Nach unten warn es so fünf/sechs Meter und ich fand keine Stelle zum Festhalten. Es gab nur eine Möglichkeit, ich musste nach oben springen.“

Pat rollt die Augen. „Na du wärst der richtige Mann für mich gewesen“, sagt mein Opa lachend. „Du kennst doch die Partnachklamm? Da herüber geht eine schmale Brücke. Einmal hab ich da einen Freund dabei gehabt, der hat sich angestellt… Rechts und links hat er sich mit den Händen an der Brücke entlang getastet. Als er drüben war tat er so, als hätt er sein Leben gerettet.“ Stolz ergreift ihn: „Meine Mädchen sind da freihändig rüber.“

Über die Erziehung seiner Mädchen sprach er nicht mit uns. Wir fragten auch nicht. Ich weiß von meiner Mutter, dass er mit dem Skistock auf sie eingeprügelt hat. Angestiftet von meiner Großmutter. Wenn er von der Arbeit kam steckte sie ihm, was die Große wieder angestellt hatte. Obs stimmte oder nicht. Bis heute liegt ihr das auf der Seele. Der Mutter hat sie das nie verzieh’n. Ihr Vater jedoch hat die noch immer offene Wunde zum Heilen gebracht. In einem seiner letzten Lebensjahre hat er sich bei ihr entschuldigt.

Bei seiner zweiten Hochzeit waren alle seine Kinder und Kindeskinder da. Ein großes Fest. Bei seiner Beerdigung haben wir uns noch einmal alle gesehn. Dann nicht mehr. Er starb vor gut zwölf Jahren. Nicht mal ein Grab zeugt noch von ihm, die Mädchen haben es aufgelöst. Erinnerung, sprich.

Opa, Oma – und Sylvia, 1963


 
 
 

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von m&m
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von m&m
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