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Im Familientakt – Tante Maria

17. Mai 2018 von m&m | Keine Kommentare


 

Familienchronik, die Zweite. Nachdem wir unser Familienprojekt im Frühjahr 2004 mit dem Ältesten aus Sylvias engerer Familie, ihrem Opa, begonnen hatten, setzten wir es im darauffolgenden Herbst mit der Ältesten aus Pats Familie fort: Tante Maria.

Als wir die damals 97-Jährige besuchten, lebte sie noch in ihrer eigenen Wohnung in Essen. Wir haben sie wie schon Sylvias Opa nach Kindheitserlebnissen und besonderen Erinnerungen gefragt. Zum Glück gibt es Fotoalben! Die lagen als Gedächtnisstütze auf dem Wohnzimmertisch. Außerdem war Pats Mutter dabei, die auch noch die eine oder andere Erinnerung beisteuerte.

Als wir Kinder waren

Kaffee war fertig – und alle sehr gespannt. Also die Einstiegsfrage: Wie war für dich das Leben als Kind? Sie antwortete mit blitzenden Augen: „Unser Spielplatz war das Treppenhaus. Das Haus war dreistöckig – in der untersten Etage lag die Werkstatt meines Vaters. Die Mitte unseres Hauses, das Treppenhaus war der Treffpunkt von uns Kindern. Zwar gab es keine Fenster aber oben war Glas darüber, so dass es doch schön hell war. Die Großen haben die Kleinen im Wäschekorb die Treppen runtergerumpelt und wir alle sind das Geländer runtergerutscht: Und wie!“ Sie freut sich jetzt noch darüber und spürt das Rumpeln im Körper.

Als sie Kind war, habe es keine mechanischen Spielzeuge gegeben wie heute. Auch keine Puppenwagen und Puppen, keine Brettspiele wie Mensch-ärgere-dich-nicht. Gab es alles nicht. Draußen wurde Ball und „Pitschendopp“ (Kreisel) gespielt. Sogar Rollschuhe hatten die Kinder. Aber nicht „diese vielen Spiele wie heute.“

Sie erinnert sich an ein schönes Sonntagsritual, das wohl ihrer Mutter etwas Ruhe verschaffen sollte: „Sonntagmorgens hat mein Vater uns geweckt und dann sind wir mit dem Fahrrad zehn Kilometer zur Heimlichen Liebe – ein Essener Lokal im Grünen – rausgefahren und haben uns den Sonnenaufgang angeguckt. Wenn wir wiederkamen, hatte meine Mutter dann schon Kaffee gekocht und Frühstück gemacht.”

Maria Höfer wuchs mit sieben Geschwistern auf. Darunter Gertrud – Pats Großmutter väterlicherseits. Zum Thema Familienalltag merkt sie an: “Es ging anders zu bei uns als in den Familien heute. Da wurde nicht gemault – das gab es früher nicht. Was der Vater anordnete, haben wir gemacht. Haushalt war viel Arbeit damals und die Mädchen wuchsen da mit rein. Von klein auf haben wir bei der Mutter mitgeholfen. Wenn man selber Kinder bekam, wusste man Bescheid. Nicht wie heute, wo man da ins kalte Wasser geworfen wird, und sehen muss, wie man zurechtkommt.”

Josef und Maria

„Auch die Berufsbildung für uns Frauen setzte ganz früh ein. Nach der Schulzeit musste ich ein Jahr die Haushaltungsschule machen und dann noch ein Jahr auf eine Handarbeitsschule, damit wir das ja gut konnten. Anschließend bin ich noch für ein Jahr zur Handelsschule gegangen. Als im Hansahaus, einer Kunsthandlung, jemand gesucht wurde, der mit im Geschäft bedienen konnte, und aber auch Büroverstand hatte, hab ich mich beworben. Diese Stelle habe ich bekommen und war dort, bis die Kunsthandlung 1931 aufgelöst wurde, weil das Geschäft nicht mehr lief.“

Die gesamte Belegschaft wurde arbeitslos. Zusammen mit einem Kollegen machte sie sich selbstständig – auch wieder mit Bilderrahmen und Kunst und sogar im selben Haus, aber im Souterrain, denn: „Wir konnten ja keine große Fläche übernehmen.“ Zu den früheren, nun arbeitslosen Kollegen gehörte auch ihr späterer Ehemann Josef Weber. Er hatte die „Reklameabteilung“ geleitet und machte sich nun mit einer kleinen Werbefirma selbstständig. Ihre Vornamen kannten sie zunächst nicht: „Früher ging das nicht so schnell, da war man lange per Sie. Und als uns klar wurde, er heißt Josef und ich heiße Maria, ja da waren wir schon erstaunt.“

Sie heirateten 1934 – gleichzeitig stieg sie aus der Kunsthandlung aus. Das sei aber für ihren Kollegen nachvollziehbar gewesen: „Schließlich musste doch Josef auch Hilfe für die schriftlichen Arbeiten haben. Da gab es viel zu tun. Als unsere Kinder da waren, habe ich dann eine Hilfe im Haushalt gehabt und weiter bei Josef mitgearbeitet.“ So hat sie zweimal ein Geschäft mit aufgebaut, erst die Kunst- und Bilderrahmen-Handlung, dann zusammen mit ihrem Mann das Werbebüro.

Die Rahmenbedingungen schildert sie so: „Wer damals in seinem Beruf bleiben wollte und die Ansichten der Nationalsozialisten teilte, trat in deren Partei ein. Diejenigen, die es beruflich nicht mussten und anderer Ansicht waren, sind nicht eingetreten.“ So wie Josef, der als selbstständiger Werbegrafiker in einer damals noch ganz jungen Branche arbeitete. Allerdings waren seine Kunden überwiegend jüdische Geschäftsleute – und das war verboten. Deshalb war Josef schon bald wieder arbeitslos.

 

Einmal kam der Blockwart, erzählt sie. Er fragte: „Frau Weber, was ist eigentlich mit Ihrem Mann?“ Sie antwortete nur „Nichts, was soll mit ihm sein?“ Sie gab sich so ruhig wie möglich, erinnert sie sich. Tatsächlich aber hatte sie große Angst: „Man rechnete mit dem Schlimmsten, wenn man so etwas gefragt wurde.“ Später hat der Blockwart dem Paar noch viele weitere Fragen gestellt. Aber eigentlich waren mit ihm befreundet und Maria ist sicher, dass er damals den Fragebogen so positiv wie möglich ausgefüllt hat. Jedenfalls wurde Josef danach für die Anfertigung von Statistiken und ähnlichem von den Nazis angefordert. „Die brauchten Leute, die so was konnten. Deswegen wurde er nicht an die Front eingezogen.“

Als der Krieg begann, versuchte mein Bruder, mich und die Kinder bei Bauern in der Umgebung unterzukriegen. Die wollten erst nicht, also haben wir erst mal drei Wochen Urlaub vereinbart. Nach diesen drei Wochen war das Eis gebrochen. Die Kinder durften bleiben.“ Maria selbst kehrte nach Essen zurück. Sie zeigt uns Fotos von damals. Idyllisch. Auf diesen Bildern gibt es keinen Krieg. Sie versucht es verständlich zu machen: „Der war ja auch nicht überall.“

Frühjahr 1943 erlebte Essen den ersten Großangriff der Allierten im “Battle of the Ruhr”. Maria erinnert sich an eine schlimme Nacht: „Wir wohnten im Stadtwald und hinter dem Haus war eine Mine runtergekommen, wir hatten keine Scheiben mehr, aber sonst war alles noch da, das Haus stand noch und es war auch alles drin. Wir waren im Keller unten. Am nächsten Morgen habe ich meine Kinder zu den Nachbarn gebracht und bin losgegangen – um nachzusehen ob meine Eltern noch leben. Gott sei Dank waren sie gesund und es war auch nur ein leichter Schaden am Haus. So wie ich waren alle Menschen in der Stadt unterwegs und suchten ihre Verwandten auf.

Im März 1945 dann der letzte Großangriff: „Der war so schlimm, dass wir die Staubwolken sogar noch auf dem Bauernhof sehen konnten. Und der lag hinter Bielefeld, also etwa 200 Kilometer von Essen entfernt. Wir haben auf der Straße gestanden und haben uns gefragt: Wo mag das sein? Du hörtest den Krach und sahst nur eine Dreck- oder Staubwolke. Damals ist dann auch Vater-Mutters-Haus ganz mit draufgegangen. Gut, dass sie bei uns in der Wohnung waren.“

Im Jahr darauf war die Kommunionfeier von Marias Tochter Lieselotte: „Da sind Freunde und mein Bruder Hans aus Detmold mit einem Auto voller Lebensmittel unter ganz großem Herzklopfen nach Essen gekommen und haben für die Feier gesorgt. Damals durfte ja niemand fahren, aber Hans hatte eine Genehmigung. Er hat dann die Erlaubnisnummer oben aufs Dach gemalt, das musste man, damit das vom Flugzeug aus gesehen werden konnte. Hätte man sie mit den Lebensmitteln erwischt, hätte man ihnen gleich alles abgenommen. Es gab ja nichts damals.“ Sie blättert weiter im Fotoalbum und stockt: „Guck mal hier… Das ist für mich schrecklich!“ Sie zeigt ein Gruppenfoto, auf dem ihr Vater, etliche ihrer Geschwister und deren Kinder zu sehen sind – „Bis auf diese vier sind alle tot. Ja, wer wird so alt wie ich?“

Bilder, sprecht…

Nach dem Krieg fuhr die Familie irgendwann in die Ferien nach Lembeck. Tante Maria kommentiert trocken: „Da war zwar nichts los, aber wir waren ja froh, dass wir überhaupt wegfahren konnten. Nach dem Krieg, da war man eigentlich ständig zufrieden.“ Arbeit allerdings habe es für Josef nicht gegeben: „Das war die Zeit, wo wir gehungert haben. Da brauchte man keine Reklame. Wir hatten Karten für Kleidung, Lebensmittel, Bettwäsche. In Josefs Beruf war also nichts zu machen. Doch dann ergab sich etwas ihn: Er war während des Krieges bei der Feuerwehr gelandet. Die Leitungsleute der Feuerwehr waren alle in der Partei gewesen. Die wurden entnazifiziert, wie man so schön sagte. Da Josef nicht durch die Partei vorbelastet war, haben sie ihn dann an die Spitze gesetzt. Das war für uns ein Glück.“

Ein paar Schlucke Kaffee – und die beiden alten Damen tauchen in die Bilder und ihre je eigenen Erinnerungen an frühere Zeiten ein. Marias Sohn Herbert und Pats Vater Rudi hätten sich gut verstanden, fällt ihr plötzlich ein. Und Pats Mutter Hildegard meint dazu, dass ihr Mann „immerlos Unsinn im Kopf“ hatte. Sie glaubt, weil ihm der Vater gefehlt hat, da war keine strenge Hand. „Ooch“, Tante Maria winkt ab, aber Hildegard bleibt dabei und erzählt, dass die beiden Jungs mit dem Luftgewehr die Kellerfenster kaputt geschossen hätten. „Und auf mich – ich lag doch da immer und hab mich gesonnt – haben sie von oben Wasser gegossen“ Wir lachen und Tante Maria rundet die Geschichte ab: „Da hast du aber Glück gehabt, dass sie nicht auch auf dich geschossen haben!“

Gibt es nicht auch ein Bild, wo du sie mit dem Teppichklopfer verfolgst wegen so was? „Ich mit dem Teppichklopfer? Nein“, das kann sie sich nicht vorstellen. Pat sagt, das habe sein Vater aber immer erzählt und Hildegard hält das auch nicht für abwegig, so ein Bild aber, da sind sie sich einig, gebe es nicht. Da habe ich mir wohl selbst eins gemacht, weil es mir so oft erzählt wurde. „Ja, das gibt es“, sagt Maria, „dass man sich selber solche Bilder macht.“

Aber es sind ja genug echte Bilder da. Auf einem sieht man das Paar Josef und Maria nach dem Krieg. Sie ganz schick mit Hütchen und Kostüm. Ihr Blick verweilt: „Das war schön –es ging zu schnell vorbei.“ Josef war herzkrank und starb 1971. Nach dem Tod ihres Mannes blieb sie allein. Sie war aber immer unter Menschen, engagierte sich in ihrer Kirchengemeinde.

Sie klappt das Fotoalbum zu, schaut nach innen und kommt wieder zu uns mit dem Satz: „Ich bin ein Familienmensch. Meine Enkelin Claudia sagt immer, ich sei harmoniebedürftig.“ Bis ins hohe Alter hat sie Kinder und Kindeskinder bekocht. Ich erinnere mich an köstlichen Kirschkuchen aus einer selbst getöpferten Kuchenform. Ich habe noch ein Plätzchenrezept von ihr, von Hand aufgeschrieben. „Lasst es euch gut schmecken“, steht drunter. Tante Maria wurde hundert Jahre alt.


 
 
 

Halte die Wunde offen

26. Februar 2018 von m&m | Keine Kommentare

Sieben Jahre. Solange liegt Hadayatullah Hübsch jetzt auf dem Südfriedhof begraben. Er starb am 4. Januar 2011. Vier Tage später, an seinem 65. Geburtstag wurde er beerdigt. Es war kalt, die Sonne schien. Krähen saßen in den Friedhofsfichten. Eine seltsame Stimmung griff nach uns; zwischen Nähe und Fremde, muslimisch-ungewohntem Ritual und linksalternativem Ernst. Die letzte Ehre erweisen. Ihn verabschieden, das wollten wir. In die Trauerhalle zu gehen wäre uns der Familie gegenüber übergriffig vorgekommen. Wir warteten draußen. Als der Sarg herausgetragen wurde, war er inmitten einer Menschentraube geborgen, verborgen.

Junge Männer standen Spalier für die Sargträger. Es wurde gefilmt (den Bestattungsfilm kann man noch immer auf Youtube sehen). Viele trugen ihn. Den Mann, der nun in einem weißen Tuch gehüllt, im schwarzen Sarg lag. Grenzgänger über seinen Tod hinaus, einte er Muslime und säkuläre Linke beim Tragen von Weidenzweigen. Für die einen: Der Imam einer muslimischen Gemeinschaft. Der Familienvater. Für die andren: Der Slammer, Raser, Rocker des Lespults.

Der Poet. Das ist der Mann auch in meiner Erinnerung. Einer, der schreiend Zuhörer packt. In schummriger Slammer Atmo oder in einem Hinterzimmer rappend: Halte-die-Wunde-offen! In schier überspringender Präsenz dem Publikum Polit-Beat ins Hirn hackend. Hausbesetzer, Bildzeitungsleser, Arbeiter. Im Schreiben und erst recht im Sprechgesang den unsichtbaren Alltag des Irrsinn hochdrehend, bis der um sich schlagend, zuckend und grölend aus seinem Mund fuhr.

Das Video wurde von Hartmuth Malorny auf yt zur Verfügung gestellt
 
Lange her. Auf dem Friedhof wurde mir ganz leis im Kopf, die Menschen senkten die Blicke, sprachen Totengebete. Gras, Schnee, Eis. Fast nur Männer waren zu sehen. Die Muslimas blieben an der Trauerhalle. Die wenigen Frauen, die mitgingen, allesamt nicht muslimisch. Man konnte uns an zwei Händen abzählen, oder reichte eine?

Ich sah Männer, die sich auf den Rücken klopften, begrüßten, gegenseitig trösteten. Männer, die sich anlächelten, miteinander sprachen. Etwas auffallend Herzliches spürte ich unter diesen Männern. Etwas, das ich von „christlichen“ Beerdigungen bis dahin nicht kannte.

Vergleiche drängten sich auf. Sogar beim Umgang mit der Erde. Natürlich werden sonst auch auch vorher die Gräber ausgehoben. Doch die Erde für Hadayatullahs Grab war direkt daneben und ganz offen aufgehäuft. Anders als sonst kam man nicht an dieser Erde vorbei. Gelb und dunkelbraun, ocker und rötlich, mit Wurzelstücken durchsetzt atmet sie uns an. War nicht schamhaft unter einem Stück Kunstrasen verborgen wie sonst. Und alle, die da waren und zum Grab kamen, trugen etwas von diesem Berg ab. So wurde der Tote nicht erst beerdigt, nachdem alle gegangen waren und beim Leichenschmaus saßen – wie beim, „christlichen“ Begräbnis –, sondern in Echtzeit. Genug Schaufeln, genug Männer, die nachdem alle Trauernden am Gab waren, den Toten mit der restlichen Erde bedeckten.

Überraschende Erkenntnis von Entfremdung. Statt Erde streue auch ich lieber Blütenblätter auf den Sarg. Was mir irgendwie als das schönere Bild erscheint. Und doch: ist es nicht ehrlicher, Erdklumpen auf den Sarg zu werfen, während ein Pfarrer rituelle Sätze murmelt. Erde zu Erde, Staub zu Staub. Oder wer immer da ist und spricht.

Solche Reden gab es bei HH nicht. Nicht jedenfalls während des öffentlichen Ablaufs der Beerdigung. Stattdessen eine wohltuende Stille. Nicht wie so oft eine Rede, die aus einer Trauergesprächsinfo geklöppelt wird. Und am Ende sich oft so falsch anfühlt. Pat und seine Schwester haben ein solches Konstrukt letztes Jahr beim Tod ihrer Mutter abgelehnt. Befreiend. „Warum soll da jemand reden, der unsere Mutter überhaupt nicht kannte?“ Hat mich in Konsequenz meine erste Beerdigungsrede schreiben und (gemeinsam mit einem unserer Neffen) vortragen lassen. Verdammt schwierig, fühlte sich aber verdammt richtig an. Hält Wunden offen, vermag aber auch, manche zu heilen.

Auf Hübschs Beerdigung wurden wir trauereingemeindet, aufgenommen mit einem aufmunternden Lächeln. Natürlich hat man uns Nichtmuslime betrachtet, genau wie wir die Muslime betrachtet haben. So fremd dieses noch nie miterlebte Ritual. Aber sie rechneten so einfühlsam mit unserer Unsicherheit, dass wir angeleitet wurden: Jetzt kommt das Totengebet, raunten sie. Und richteten uns aus. Mit Augen, Händen und Leitmenschen ordneten sie die Gebetsreihe gen Osten. Ohne andere Hilfsmittel als dem social Beat. Viele Hände, viele Körper, aber kein Aneinanderstoßen. Nur Antippen, einander Zuwenden.

Am Grab teilte uns der Ordnende in zwei Gruppen: links Familie und Glaubensverwandte. Rechts Freunde und Bekannte. Vortreten, Abschied nehmen, mit einer Schaufel Erde zur Bestattung beitragen. Die Familie zuerst. Helfer wiesen jedem einzelnen Trauernden den Weg für den Abgang. Schoben Zweige beiseite, sorgten dafür, dass niemand mengen- oder tränenblind anderer Menschen Gräber mit Füßen trat.

Ich habe keinen ungehaltenen Blick bemerkt, keine Geste der Ablehnung. Hadayatullas Islam? Es gab mal eine Kampagne von ihm, nachdem Frankfurter Haushalte mit Bibeln beschickt worden waren. Jeder, der einen wolle, könne von ihm einen Koran habe, ließ Hübsch wissen. Ich wollte und hab einen bekommen. Ich habe auch noch einen Brief von ihm. 22 Jahre her. Seine Antwort auf meine Lyrikeinreichung. Ich möge doch, wenn mein Muttersein dies erlaube, mal vorbeischauen beim Stammtisch des Verbands der Schriftsteller. Dann könnten wir uns über meine Lyrik unterhalten. Burroughs empfahl er mir, oder Jürgen Ploog, um von ihnen zu lernen. Der Erzählfluss sei gut, aber die Stringenz fehle noch. Dieser Brief wird eine Wunde offen halten: Ich freute mich, doch ich war nie dort. Dies, das. Kein Raum, keine Kraft. Vorbei.

In meiner Erinnerung sehe ich ihn an der Bushaltestelle Lokalbahnhof stehn: roter Schal, kompakte Figur, schwarze Aktentasche. Rauchte er? Unscheinbar, ein Mann unter vielen. Das Hirn hellwach. Drinnen der Beat.
 
Auf yt veröffentlicht vom Wilhelmsburger Kunstbüro
 
 
 

„Wo wart ihr im Krieg?“ – Ein Nachruf, ein Porträt: mein Opa

1. Februar 2018 von m&m | Keine Kommentare

Familienchronik – Opa und Angelika 2004

Wie er am Grab seines Vaters stand – daran konnte sich mein Großvater noch gut erinnern. Er war fünf, sein Vater ist nur 33 Jahre alt geworden. Tuberkulose. Wir hörten diesen Teil meiner Familiengeschichte zum ersten Mal, als wir meinen Großvater für unser Familienchronik-Projekt besuchten. Im Gegensatz zu anderen Geschehnissen sei ihm diese Erinnerung noch sehr präsent, sagte er uns vor 14 Jahren. Damals hatten wir noch nicht an so vielen Gräbern gestanden wie heute. Seine damalige Frau Angelika ist tot, mein Vater, Pats Großtante Maria, seine Tante, seine Mutter…

Vaterloses Kind. Wie mag das wohl für einen kleinen Jungen wie ihn 1920 gewesen sein? Danach fragten wir erstmal nicht, wir ließen ihn erzählen. Ich erinnere ihn wie auf dem Foto, das Pat gemacht hat: die Augen klein geworden, 88 Jahre Licht blinzelnd, der hoch erhobenen Kopf – und sein zurückhaltendes Lächeln. Er war ein großer Mann. Ich hatte ihn gemocht. Als ich erfuhr, wie brutal er als junger Vater meine Mutter geschlagen und gedemütigt hatte, war ich entsetzt. Es war nicht zur Deckung zu bringen. Ich war ja als Kind oft bei meinen Großeltern gewesen. Und immer gern. Ich erinnere den Spielplatz unter den Birken, die große Blitzlichtlampe auf dem Schrank im Zimmer, in dem ich schlief.

Erinnerung, sprich

Wir besuchten ihn 2004 bei ihm zuhause in München. Er war der erste auf unserer Liste. An einem Pfingstsonntag waren wir dort, einem Frühsommertag im Mai mit Kaffee und Kuchen. Mein Großvater und seine zweite Frau Angelika (die er mit 77 geheiratet hatte) saßen auf dem Sofa, ein wenig stolz unter dem Licht unseres Wissenwollens. Pat machte Fotos. Und mein Opa erinnerte sich:

Seine Schwester Martha war zwei Jahre älter als er. Die Mutter hatte nach dem Tod des Mannes nicht wieder geheiratet. Sie arbeitete als Einlegerin in einer Druckerei. Es war die Biografie einer Alleinerziehenden. Einer von vielen. Und das war ja nicht ungewöhnlich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Männer starben an Krankheiten, starben in den beiden großen Kriegen. Taffe Frauen müssen das gewesen sein… Aber auch ihre Jungs. Umso härter, je kürzer sie einen Vater als Vorbild hatten, oder einen Vater, der selbst ohne aufgewachsen war. Die harte Tour, die fehlende Vaterspur – das wird mir erst später bewusst. Meine Urgroßmutter kam also in der Regel nachmittags gegen fünf nach Hause – und was haben die Kinder inzwischen gemacht?

„Ach… Lausbubengeschichten. Wir haben ‚Hochspringen‘ gespielt. Dazu haben wir eine Schnur an der Schublade festgemacht und am Tisch. Na, ja und dann ist einmal die Martha hängen geblieben – und dann kam die ganze Schublade rausgepoltert. Und da war dann auch noch die Tinte drin…

Vergangene Kindheiten

Bei uns gegenüber war das Kloster mit der Klosterschul. Alle Buben und Mädchen, die nicht brav waren, die kamen dahin. Hat man uns immer gesagt – und es war auch so. Von unserm Fenster aus im zweiten Stock konnten wir bei denen reingucken. Also haben wir uns aufs Fensterbrett gestellt, rumgehampelt und denen zugewunken.

Manchmal kam die Mutter heim und wir hatten gerade irgendwas gemacht und waren dann ganz entsetzt: wie du bist schon da? Manchmal hat sie uns auch schon mit dem Teppichklopfer in der Hand empfangen…

Einmal hat mir die Mutter eine Schüssel gegeben und gesagt, geh zum Kaufmann, hol Sauerkraut. So war das früher. Ich zur Tür raus, aufs Stiegengeländer – und ab nach unten gerutscht. Unten war eine Frau, die geputzt hat, und der bin ich genau auf die Arme gefallen. Mir ist nichts passiert, aber alle haben mich schön bedauert. Aufs Sofa haben sie mich gelegt und was mir passiert sei… Dabei gings mir gut.“

An seinen Vater kann er sich gar nicht mehr erinnern, an seinen Großvater aber schon. „Den hab ich jetzt auch überlebt…“ Also, altersmäßig. Gestorben ist mein Ur-Ur-Großvater mit 84. Er sei das uneheliche Kind einer Magd gewesen: „Solche Kinder sind dann von Hof zu Hof geschickt worden, um zu arbeiten.“ Mein Urgroßvater habe später fürs Deutsche Museum „die Ziegel mit der Kraxe hochgeschleppt.“ Für den Turm mit dem Pendel drin. Und bis er fünfundsiebzig war, hat er dann im Museum gearbeitet. Sein Großvater mütterlicherseits kam aus Hessen, mehr weiß er nicht von ihm.

Einmal ist er zusammen mit seiner Schwester Martha zur Tante nach Dresden gereist. Die Schwester der Mutter hatte die Kinder eingeladen. Mit dem Zug sind sie hingefahren, Martha hatte das Geld, „hier eingenäht“ – er zeigt auf die Brust. Wie aufregend.

Noten wie Zinnsoldaten

Gut schwimmen hat er können als Kind. Ob unser Sohn schwimmen kann? Er habe es im Nymphenburger Schlosspark gelernt: „Da war früher ein Schwimmbad, das gibt’s heute nicht mehr – eine Seite für Männer, eine für Frauen. Zu den Frauen durfte ich ja nicht, da hab ich mich im Männerschwimmbecken getummelt. Als wir gingen hab ich dann verkündet: Ich kann schwimmen! Seitdem konnte ich‘s. Als dann im Sport der Schwimmunterricht anstand, bin ich einmal hoch- und runtergeschwommen im Schwimmbad – daraufhin hat mich die Lehrerin vom Unterricht befreit und ich konnt Fußballspielen.“

Er legt einen Brief von unserem Sohn auf dem Tisch und zeigt auf eine Stelle: „Das hier versteh ich nicht, das musst du mir erklären“ – ich lese irgendwas mit „Dreierbereich“. Es ging um Schulnoten. „Ach so. Na, das hab ich auch immer gehabt. Meine Noten waren wie die Zinnsoldaten, alles Dreier. Außer In Turnen, da hatte ich immer meine zwei – und im Klettern war ich immer sehr gut. Da bin ich Zackzack hoch, und hatte schon meine Eins.“

Beim Thema Schule fällt ihm noch ein: „Das muss ja schlimm sein heute. Dass die da auch Waffen haben, das gabs bei uns früher nicht. Obwohl es bei mir auf der Schul auch nicht grad zart zugegangen ist.“ Nach der Schule ging er vier Jahre in die Lehre als Feinmechaniker. „Damals gab es dann die ersten Antennen. Antennenbau – dafür war ich zuständig. Ich habe sie auf dem Dach montiert. Wenn ich mir das heute überlege. Das würde ja niemand mehr machen, seinen Jungen ungesichert da hoch schicken. Wenn ich da abgestürzt wäre… Gut, ich hatte zwar Dachdeckerschuhe an, die haben ein bisschen mehr Profil und man klebt fast so ein bisschen an den Ziegeln, aber trotzdem, das war schon steil abfallend.

Der Traum vom Fliegen

Kleine Pause. Fast wäre er eingenickt, dann fragt er: „Wo wart ihr eigentlich im Krieg?“
Achso – er lächelt, ist wieder bei uns und erzählt, dass er sich nach der Einberufung zu den Fliegern gemeldet hat. Dort war er Bordmechaniker. Eigentlich wollte er gern Pilot werden, doch beim ersten Alleinflug patzte er: „Das schwierigste ist die Landung. Ich hatte schon ganz schön Angst. Plötzlich kam der Wald auf mich zu und ich schau rechts runter und zieh und zieh mit aller Kraft. Statt geradeaus zu landen bin ich dann rechts abgeschwenkt. Das war in Pilsen. Da hab ich halt ne Ehrenrunde gedreht und bin dann doch noch gut gelandet.

Aber da kamen mir dann schon alle entgegengelaufen – und mein Lehrer rief: Gefeuert! Mein erster und mein letzter Flug. Das war natürlich hart fürs Selbstbewusstsein. Ich wollte Flieger sein. Heute weiß ich, der Fluglehrer hatte Frau und Kinder wie ich. Als ich die Landung verpatzte, hat er die Chance genutzt und mich rausgenommen. Meine Frau war ihm dankbar. Und – ich hab als einziger überlebt. Die Kameraden, die dann geflogen sind, die sind alle tot.“

Es muss die Zeit gewesen sein, als meine Mutter mit Scharlach im tschechischen Krankenhaus lag. In Quarantäne. Ein Feindeskind, mutterseelenallein. Während zuhause ihre Schwestern zur Welt kamen.

Im Krieg sei er dann X-mal als Bordmechaniker mitgeflogen. „Immer, wenn die Tour über München ging. Diese Maschinen sind mit zwei Zylindern geflogen. Da habe ich es dann so eingerichtet, dass wir hin auf einem Zylinder geflogen sind, da verrußt dann die Zündkerze und zurück auf dem anderen, ja da fing dann der Motor an zu husten, da mussten wir dann in München notlanden.“ Am nächsten Tag gings zwar weiter, aber so hat er immerhin eine Nacht zu Hause bei der Familie rausgeschunden. Das ist mit der Zeit aufgefallen und der Offizier habe dann gesagt, gebt dem bloß keine Tour über München mehr. Den Kameraden habe er das schon gesteckt, dass das nicht schlimm war. Einmal den Motor ordentlich abgebremst und der Ruß ist weg, dann läuft alles wieder bestens. Nur einmal, da hat der Motor wirklich gehustet, da mussten wir wirklich notlanden. Zum Glück waren wir da schon über Schleißheim. Na, da konnte ich dann auch nach Hause.“

Nach dem Krieg

Der Vater meiner Oma sei bei der Straßenbahn gewesen, erzählt er. Und der hat dir Arbeit verschafft? „Nein das nicht, aber geholfen hat er. Ja und dann war ich in der Werkstatt bei der Straßenbahn. Die Schichten gingen von morgens um fünf bis nachts um zehn. Knochenarbeit. Und viel verdient hat man da auch nicht. An verreisen war gar nicht zu denken. Aber wir haben schon Urlaub gemacht. Die Straßenbahn hatte eine Berghütte, die haben sie ihren Angestellten vermietet, das war spottbillig. Da haben wir dann 8 bis 14 Tage Urlaub gemacht.

„Da hab ich dann eine von den Kleinen und die Große mit dem Motorrad hingefahren. Die sind dann schon mal zur Hütte aufgestiegen“ (anderthalb Stunden). Dann hat er seine Frau und die andere Kleine abgeholt. Das Motorrad konnte unten untergestellt werden und dann ist auch der Rest der Familie den Berg hoch. Die erste Arbeit, die oben immer zu tun war: „Schnee schmelzen fürs Wasser, das wir gebraucht haben. Es gab da eine große Küche… Das war sehr schön.”

Und habe er einen Brief begekommen – “ob ich nicht Soldat werden will. Die Zeit bei der Straßenbahn würden als Dienstjahre angerechnet und so bin ich Berufssoldat geworden und das war ich bis zur Pensionierung.”

Die Mädchen

Mit der älteren Tochter, meiner Mutter, ist er öfter mit dem Motorrad in die Berge gefahren. Das sind schöne Erinnerungen, man sieht es. “Als ich noch sehr jung war, bin ich allein aufgestiegen. Ohne alles Zubehör. Und einmal hing ich da. Nach unten warn es so fünf/sechs Meter und ich fand keine Stelle zum Festhalten. Es gab nur eine Möglichkeit, ich musste nach oben springen.“

Pat rollt die Augen. „Na du wärst der richtige Mann für mich gewesen“, sagt mein Opa lachend. „Du kennst doch die Partnachklamm? Da herüber geht eine schmale Brücke. Einmal hab ich da einen Freund dabei gehabt, der hat sich angestellt… Rechts und links hat er sich mit den Händen an der Brücke entlang getastet. Als er drüben war tat er so, als hätt er sein Leben gerettet.“ Stolz ergreift ihn: „Meine Mädchen sind da freihändig rüber.“

Über die Erziehung seiner Mädchen sprach er nicht mit uns. Wir fragten auch nicht. Ich weiß von meiner Mutter, dass er mit dem Skistock auf sie eingeprügelt hat. Angestiftet von meiner Großmutter. Wenn er von der Arbeit kam steckte sie ihm, was die Große wieder angestellt hatte. Obs stimmte oder nicht. Bis heute liegt ihr das auf der Seele. Der Mutter hat sie das nie verzieh’n. Ihr Vater jedoch hat die noch immer offene Wunde zum Heilen gebracht. In einem seiner letzten Lebensjahre hat er sich bei ihr entschuldigt.

Bei seiner zweiten Hochzeit waren alle seine Kinder und Kindeskinder da. Ein großes Fest. Bei seiner Beerdigung haben wir uns noch einmal alle gesehn. Dann nicht mehr. Er starb vor gut zwölf Jahren. Nicht mal ein Grab zeugt noch von ihm, die Mädchen haben es aufgelöst. Erinnerung, sprich.

Opa, Oma – und Sylvia, 1963


 
 
 

Gelesen: Restlaufzeit und Sterblich sein

14. November 2017 von m&m | Keine Kommentare


 
Kein Zufall, dass „Sterblichsein“ von Atul Gawande und „Restlaufzeit“ von Hajo Schumacher gerade jetzt bei mir aufeinandertreffen – beide sind ein Plädoyer für Selbstbestimmtheit und würdevolles Leben im Alter. Themen, die uns durch eigene Erfahrungen gerade sehr stark berühren.

Das Buch Sterblich sein habe ich vor zwei Jahren im Vorfeld der Buchmesse aus der Vorankündigung des Fischer-Verlags gepickt und mir als Rezensionsexemplar schicken lassen. Restlaufzeit wurde mir etwa zur selben Zeit von einer Redakteurin empfohlen. Gekauft habe ich es vor einigen Wochen. Kommt mir vor, als wäre das Jahre her. Pats Mutter lag im Sterben. Wir haben sie erst vor kurzem beerdigt.

Die zweite aus unserer nahen Verwandtschaft in diesem Jahr. Und wir begleiten eine dritte, die so schwer krank ist, dass wir im Februar glaubten, sie würde den Sommer nicht erleben. Solche Erfahrungen verändern Perspektiven und werfen Fragen auf: Wie viel muss man machen und was muss man lassen, wann loslassen? Wo sind die Grenzpunkte der pflegerischen Für- und der medizinischen Versorge? An diesen Punkten wird es ja erst anspannend und aufreibend. Wir brauchen neue Pflegekulturen in den Krankenhäusern und Heimen schreibt Gawande – und Schumacher suchte neue Kulturen für den Alltag des frühen wie späten Alterns.

Auch wir wollen mal nicht in einem der gängigen „Altenheime“ leben. Auch nicht, wenn sie „Wohnpark Fischer“, „Rhein-Neckar-Residenz“ oder „Miriam-Müller-Haus“ heißen. Alternative Modelle gibt es, aber welche passt und wann fängt man an, sich umzuschauen oder gegebenenfalls selbst was auf die Beine zu stellen?

In Restlaufzeit glaubt Hajo Schumacher: „Während die Kriegsteilnehmer mit großem Phlegma über sich ergehen ließen, was Staat und Gesellschaft und Generalität vorsahen, werden die Selbstverwirklichungsprofis ihr Restleben entschlossen in die Hand nehmen. Klar, wir gruseln uns gerne über apokalyptische Prognosen. Aber wir haben auch die Erfahrung gemacht: Anpacken hilft.“ Mit „wir“ und „Selbstverwirklichungsprofis“ sind die Babyboomer gemeint. Anfangs spricht er dezidiert die 1964er an, zu denen er selbst gehört. Schon bald werde es Fortbildungen über „‘kreatives Altern‘, ‚fröhliches Altern‘, ‚sinnhaftes Altern‘ und ‚erfolgreiches Altern‘ geben.“

Wunschdenken? Jedenfalls ist es ein sehr journalistisches Buch und mir drängt sich das Bild der Hamburger Gruner+Jahr-Blase auf. Gleichwohl sind es wichtige und richtige Punkte, die Schumacher anschneidet. Und seine ernst-witzige Checkliste fürs gute Altern von Punkt 1. bis 27. abzuarbeiten schadet sicher nicht. Darunter:
„1. Finde mehr Zeit für Freunde und teile alles mit ihnen”, „7. Definiere schonungslos deine Bedürfnisse, was einigen Mut erfordert.”, „14. Ab an die frische Luft!” und schließlich die letzte: „27. Entscheide Dich: Die Familie hüten oder dich vor der Familie hüten.”

Ein Großteil des Buchs macht die Vorstellung diverser Altersheim-Ansätze aus. Gängige Varianten dekliniert er nach dem Prinzip durch: was kostet es, wie hoch ist der Aufwand, was bringt es. Gängige Modelle sind ebenso dabei wie deutsche, polnische oder südostasiatische Alternativen. Dazu zählt dann etwa auch die minimalistische Strandhütte in Thailand oder das „betreute Trinken“ („Dienstleistungen aller Art möglich“) ebenda. Sogar eine Runde Pflegepraktikum macht der Mann. Dennoch habe ich das Buch am Ende nur quer gelesen, denn die Schreibe ist zwar spritzig, aber die Taktung für meinen Geschmack eine Spur zu hektisch.
Vielleicht auch, weil es in unserem Alltag das hypothetische „was wäre wenn“ schon gar nicht mehr gibt. Unsere beiden alte Damen waren mehr oder weniger dement und relativ luxuriös untergebracht und versorgt am Ende. Aber glücklich? An diesem Punkt hat Schumacher sicher recht: wir müssen uns das Alter so vorstellen, wie wir es gerne hätten – ein gutes „Skript“ machen, so nennt er das. Und sich frühestmöglich darauf einrichten.

Sterblich sein dagegen ist aus der Perspektive eines Arztes und Angehörigen geschrieben. Genau wie Schumacher geht er überall dort hin, wo alte Menschen leben und fragt nach. Am meisten beeindruckt hat ihn dabei eine Einrichtung, deren Leitung ein Kollege übernahm. Der fand eine lebensmüde Grundhaltung vor, die ihn so gruselte, dass er auf Abhilfe sann – und für seine coole Idee tatsächlich die amtliche Genehmigung erwarb: vier Hunde, zwei Katzen und hundert Wellensittiche zogen ein…

Deutsche Verhältnisse mögen den US-amerikanischen vom System her um Längen voraus sein – doch das vermag nicht zu beruhigen, denn die überholte Pflegekultur, die das Buch zeigt, die haben wir hier auch. Glück hat, wer ein gutes Team erwischt. Gawande fordert dazu auf, nicht nur danach zu fragen, wie wir am Ende leben, sondern vor allem, wie wir sterben wollen.

Sein zentrales Thema aber ist Kommunikation. Auf welche Art eine Ärztin, ein Pfleger oder die Angehörigen mit den Alten sprechen, kann über die Lebensqualität aller Beteiligten entscheiden. Der Autor erläutert die beiden gängigen Formen der Arzt-Patienten-Beziehung: Die “paternalistische” entspreche der Haltung „Wir sind die medizinische Autorität“ – und wenn es die Wahl zwischen einer roten und einer blauen Pille gibt sagen wir: “Nehmen sie die rote. Sie wird ihnen guttun!“ Über die blaue indes kein Wort. Die zweite Variante wird die „informierte“ genannt: Der Arzt sei in diesem Fall der Techniker, der Patient der Konsument. Er bekommt beide Pillenformen mit ihren Wirkungsweisen erklärt und wird gefragt: „Welche wollen Sie?“ Nicht wirklich besser. Zum Glück kann man alles mischen und ein partizipatives Modell daraus machen, die sogenannte „interpretative“ Variante. Ein solcher Arzt, eine solche Ärztin frage zunächst: „Was ist für Sie am wichtigsten? Was sind ihre Sorgen?“ – und erst wenn sie das wissen, erklären sie die Pillen und welche von beiden am besten hilft.

Wie Schmerzen und Leid empfunden werden und ob jemand am Ende loslassen kann, richtet sich dem Autor zufolge nach der Höhepunkt-Ende-Regel. Also der krasseste Schmerzpunkt wird erinnert und wie es am Ende war. War die Behandlung über Monate eher wenig schmerzhaft und erträglich, der Höhepunkt aber, eine Operation oder eine andere Therapie, sehr schlimm und das Ende der Behandlung ebenfalls – fühlen sich alle Beteiligten ausgezehrt. Wie Versager. Das gelte für die Alten oder Todkranken ebenso wie für deren Angehörige. “Der Tod ist normal”, erinnert der Arzt. Man müsse Sterbenden erlauben, die Rolle Sterbender an- und einnehmen zu dürfen. Das Leben ist eine Geschichte – und dabei zählt das Ganze, also auch der Schluss.

Die Thematik ist daueraktuell, die Probleme oft systemimmanent – von daher sind beide Bücher noch hilfreich und erhältlich. Mittlerweile auch als Taschenbücher. Wer nur reinschnuppern will, wird in Restlaufzeit Denkanstöße finden. Wer richtig nachdenken will oder Tipps im Umgang mit Ärzten und Angehörigen sucht, sollte Sterblich sein lesen.
 
 
 
Hajo Schumacher: Restlaufzeit
Wie ein gutes, lustiges und bezahlbares Leben im Alter gelingen kann.
Bastei Lübbe 2014,
287 Seiten, 19,99 Euro (gebunden)/10,99 Euro (Tb).
 


 
Atul Gawande: Sterblich sein
Was am Ende wirklich zählt – über Würde, Autonomie und eine angemessene medizinische Versorgung
S. Fischer Verlag 2015,
336 Seiten, 19,99 Euro (gebunden)/12 Euro (Tb).
 
 
 

22. August 2015
von m&m
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Villa Monte – Foto(Essay)-Band von Beat Streuli

Uh wie quietschig! Das war mein erster Gedanke, als ich den Buchtitel im Internet fand, den Bernd Pulling mir empfohlen hatte. Ich hatte nach Buchtipps für den Artikel gefragt, den ich gerade über “unsere” Montessori-Naturschule in Ettenheim schrieb, zu dessen … Weiterlesen

Das Quappen-Tagebuch

31. Januar 2015 von m&m | Keine Kommentare

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(12 pics)

 

Achtzehn könnten sie heute sein – oder tot. Ich sage: sie leben noch. Schließlich hatten sie eine Powerkinderzeit – bei uns. Achtzehn Jahre ist das schon her, dass wir den Förster fragten, ob wir uns Kaulquappen holen dürften. „Klar, sowas muss ein Kind doch mal erlebt haben“, lautete die Antwort. Erst nach unserer Quappenaufzucht belehrte uns dann ein anderer Forstmann, “sowas” sei verboten. Alle Amphibien stünden unter Naturschutz! Weil: Leider sei die Überlebensquote ziemlich gering, und sogar Schulklassen mit offizieller Erlaubnis bei der Kaulquappenaufzucht wenig erfolgreich. Daran musste ich jetzt wieder denken, als ich “Die Tage des Gärtners” von Jakob Augstein las. Schönes Buch. Bin zwar an verschiedenen Stellen gar nicht seiner Meinung – Rhododendron etwa würde ich nie pflanzen. Nie. Rittersporn dagegen überall. Bei der Funkien dagegen sind wir uns wieder einig. Und herzlichen Dank auch für die Info mit der Kletterhortensie – aber das wäre ein anderer Text.

Hier jetzt will ich vom Frühling reden! Sechs krasse Wochen noch, bevor er endlich kommt. Reden von der „unerhörten Würde des Lebens, das nach vorne drängt, nach oben, an die Luft, ans Licht.” Das hat Jakob Augstein schön geschrieben. Denn er hat ebenfalls illegal und ebenfalls mit seinem Nachwuchs Kaulquappen zuhause gehabt. Im Gegensatz zu uns wollte er nur Frösche, die er heimlich aus dem Gartencenter holte. Echt lustige Geschichte. Allerdings, im Gegensatz zu uns gelang dieser Familie die Aufzucht nicht. Weniger lustig. Bestärkt die Verbieter. Deshalb jetzt unsere Quappengeschichte vom pulsenden Lebenswunder. Zwar hatten auch wir einen Verlust zu beklagen, doch von unseren fünf Kröten- und zwei Molchlarven haben wir alle bis auf eine durchgekriegt. Wie? Unser damals Achtjähriger hat alles aufgeschrieben:

1. Tag
Heute haben wir Kaulquapen geholt, um zu beobachten. Die Kaulquappen haben den Mund unten wie Rochen, Ich will, das sie sich wie zu Hause fülen. Es sind übrigens 5.

Gesucht und gefunden: ein Tümpel mit Hunderten von pechschwarzen Kaulquappen. Fünf davon schöpfen wir vorsichtig in ein Glas, und füllen auch gleich Teichwasser für den artgerechten Umzug ab. Der Papa mit dem Rennrad transportiert sie schnell im Rucksack nach Haus. Dort angekommen aber – oh! oh! – liegen die neuen Haustiere im Reise-Einmachglas wie tot. Und jetzt? Glück gehabt: Nur ein Überlebenstrick. Stunden später flitzen sie schon durch ihr neues Domizil: ein großes Bonbonglas mit der Aufschrift „Saloon“.

2. Tag
Die Kaulquapen haben die Nacht überstanden. Ich habe sie seher lieb. Ihre Augen sehen aus wie kleine vertifungen. Ich musste sie alle weken. Sie versuchen sich immer aufs Glas zu legen, leider klapt das ni, weil das Glas zu glat ist. Heut habe ich Wasserflöe aus dem Zoo Gescheft geholt, und ins Wasser zu den Kaulquappen getan.

Zunächst müssen die Kaulis wachsen. Abzusehen, dass der Saloon bald zu klein ist, deshalb erstehe ich für unsere neuen Mitbewohner auf dem Flohmarkt ein Wasserbassin mittlerer Größe. Umzug ist angesagt: Schon wieder tot stellen, was für eine Aufregung für die kleinen Kopfschwänzer. Die neue Wohnung wird begrünt und scheint ihnen zu gefallen. Meist liegen sie am Boden und schlafen. Oder saugen sich an Blättern fest und lassen sich schaukeln. Unbeweglichkeit als Tarnung. Wo sie herkommen nämlich, im Waldtümpel, gibt‘s Wassermonster, die kleine harmlose Quappen fressen. Traute mich gar nicht mehr atmen, als ich das sah. Und schielte zum Sohn, ob er auch es gesehen hätte. Zum Glück nicht, hätte sonst schön geheult. Überall lauern sie: Wasserläufer. Greifen sich so ein armes Quäppchen und Aus. Hach! So sentimental wird man, wenn man zu Hause Kaulquappen großzieht. Bücher wälzt, was sie alles brauchen und wer sie eigentlich sind.

Manchmal fahren wir einfach zum Tümpel und gucken, ob die anderen Hundertschaften von Brüdern, Cousins und Schwestern sich genauso entwickeln wie unsere Fünferbande. Jede Fahrt ein Abenteuer: vor Riesenkötern verstecken, Himbeeren pflücken, Wildschweinspuren lesen und: was war das? Hat sich da nicht eben ein Ast bewegt? Eine Blindschleiche! Wir beobachten sie bei ihrem Weg über den Weg. Glatt war’s ihr, viel zu glatt. Und so hat’s lang gedauert, sehr lang. Wir, voll frischer Beobachtegeduld, harrten aus. Bis sie drüben war, und dort und dann raseschnell zwischen Gräsern verschwand. Einen Augenblick, einen langen Waldaugenblick waren wir ganz nah dran. Am gleichen Tag sehen wir auch einen Fuchs. Zum Greifen nah sonnte er sich auf einem Baumstamm. Da standen wir still, Mutter und Sohn, lauschten, atmeten leise und hielten die Zeit an. Er schaute zu uns rüber und schien zu wissen: die sind harmlos.

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9. Tag
Toll! Nautilus hat Vorderbeine, sie stehen im echt gut. Wir haben einen größeren Stein ins Becken getan. Eine Kaulquappe lutscht den Stein immer ab, sie scheint sich für ihn zu intresiren.

Und das ist der Speiseplan: Fischfutter und Wasserflöhe. Das bekommt ihnen gut: rund und prall geistern die Larven durchs Becken. Natürlich brauchen sie auch Beckenbegrünung: „kanadische Wasserpest“ und anderes Gewächs kaufen wir im Zooladen. Außer den Kaulquappen füttern wir mittlerweile noch andere Wassertiere durch: zwei Molche, dazu noch je eine Posthorn- und Schlammschnecke. Die Schnecken weiden wie Nilpferde den grünen Algenrasen ab, der auf den Steinen und am Glas wächst. Die Flöhe wiederum fressen die Schwebteilchen, die das Wasser sonst trüben würden – ein perfektes Biotop.

15. Tag
Leider gibt es heute nichts zu erzelen. Ich hofe, es gibt morgen mer zum tema Kaulquappen zu erzelen. Aber man kann Jahre lang ins Becken gucken und man kriegt nie Langeweile.

Das Teichwasser hat es in sich. In der ersten Kanisterfüllung war nicht wie vermutet nur Wasser und bisschen Grünzeug. Winzig kleine, fürs bloße ungeschulte Auge zunächst unsichtbare Eier aller möglichen Tiere waren darin. Molchlarven etwa. Nach dem Schlüpfen zickzackten sie fast unsichtbar durchs Wasser, später glichen sie Baby-Forellen.

16. Tag
Heute habe ich festgestelt, das zwei Forellenartige Tiere in meinem Aquarium sind! Bei Nautilus sind die Beinchen schon sehr gut sichtbar. Die Kaulquappen gleiten manchmal wie Kondore durchs Wasser. Manchmal liegen sie auf den Grashalmen wie wir auf einem Bett.
18. Tag
Heute ist der größte horortag alerzeiten! Nautilus ist weg! Wir haben alle gesucht und ihn nicht gefunden. Das ist leider sehr traurig. Aber man muss der Tatsache ins Auge sehen.

Schlimm: Der Tag als unser größter Quapp spurlos verschwand. Der Sohn hoffte inständig, Nautilus möge auf wunderbare Weise über den Balkon entkommen sein und bald bei seinen Kumpeln am Tümpel eintreffen. Sein Papa hat da eher Familienkater Max im Verdacht und ich fürchtete den Tag, an dem ich im Beisein des jungen Forschers womöglich eine kleine ausgetrocknete Kröte fände (was nie geschah und den Mythos des Ausbüxens nährte). Um weitere mysteriöse Verluste zu vermeiden, wurde das Bassin abgedeckt.

Alle anderen Jungkröten aber haben wir eine nach der anderen wohlgenährt in die Freiheit entlassen. Die Rückreise traten sie – versteckt zwischen Moos und Erde – in einer alten luftlöchrigen Brotdose an. Dabei wurde uns der Weg zum Waldtümpel jedesmal vertrauter: erst die Himbeersträucher, dann weiter am großen Holzstapel vorbei, noch ein Stück und dann endlich das Wasserloch. Noch einmal schau‘n wir uns die Pfleglinge genau an, „Tschüss“ sagt der Sohn leise,“ macht‘s gut!“. Und die kleinen Hüpfer, als wären sie nie woanders gewesen, verschwinden zielstrebig im Gras.

Quappen_#12

 
Hier der Link zur Galerie: Quappen (12 pics)

Anmerkungen:
1. Die Rechtschreibung in den kursiven Absätzen ist nicht falsch, sondern das Grundschuldeutsch der Erstschreiber. Die Kinder lernen Schreiben nach Gehör, man nennt es auch “Freies Schreiben”. Schöner Begriff eigentlich – und wie alle Freiheiten sehr umstritten.

2. Vor 12 Jahren veröffentlichte die taz unsere Quappengeschichte zu Ostern – und nannten uns “Quappenberichterstatter – unsere Lieblingsberufsbezeichnung von unserer damaligen Lieblingszeitung.

 
 

7. Oktober 2013
von m&m
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Bring ma den Müll raus! Heldenmarkt in FFM

  Kronkorken, Sand, Glas… Wo jetzt, Stadtbar? Strandleben? Nein: Stand auf dem Heldenmarkt in Frankfurt. Das Zeug – Detailaufnahme – war mal Müll. Das sieht man dem Blickfänger des Stands von Beatrice Anlauff nicht mehr an. Ihr Couchtisch ist: eine … Weiterlesen

4. Juli 2013
von m&m
1 Kommentar

Abschuss – von Krähen, Gärtnern und Journalisten

  Was? Die erschießen Krähen mit städtischer Erlaubnis? Und das schon seit drei Wochen und auch noch in unserem Revier?! Las ich heute morgen in einer Email. Ich wär vom Rad gefallen, hätte einer vor meinen Augen eine Krähe abgeschossen. … Weiterlesen